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Archives: Dienstag, 31. Januar 2017

2017 31 Jan.

Triplicate

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Bob Dylan macht mit seiner Rod-Stewart-Nummer weiter …
 
 
 

 
 
 

Ich frage mich: Fällt dem Nobelpreisträger nichts mehr ein? Ist ihm langweilig? Will er noch schnell ordentlich Geld scheffeln und sich zur Ruhe setzen? Fallen Angels war das erste Dylan-Album, das ich nicht mehr kaufte. Ach nein, da fällt mir ein: Das Weihnachtsalbum habe ich auch nie gehört. (Oder falls doch, habe ich es vergessen.) Zuerst hielt ich es für einen Scherz – vielleicht war es sogar einer?

I miss Bob Dylan.

 

 
 
 

Das ist nicht der Sound seiner brillianten ECM-Arbeit MBOKO, auf der sich der Pianist David Virelles auf die sakrake Musik Kubas einliess, im geschützten Raum eines klimatisierten Studios. Das Teil hier heisst ANTENNA und klingt, als hätte sich der Keyboarder für manche Feldaufnahme ins nicht ganz ungefährliche Hinterland Havannas begeben. Und den Rest in einer kleinen Strohhütte aufgenommen, in der ab und zu recht prominente Gäste wie der Saxofonist Henry Threadgill vorbeischauten. Rituelle Rhythmen, ein fiktives Perkussionsensemble. Der Buena Vista Social Club hat seine Pforten geschlossen, hier, auf ANTENNA, wird die Musik zum puren Abenteuer mit unsicherem Ausgang. Ein kubanisches Klanglaboratorium. Wenn jetzt noch ein paar unerbittliche Grooves geschöpft werden, ohne den pittoresken Havanna-Longdrink-Nostalgie-Mumpitz, könnte David Virelles etwas gelingen, was vor vielen Jahren Nils Petter Molvaer mit dem Album KHMER anzettelte. Virelles‘ Piano hat nur einen kurzen Auftritt, ansonsten bearbeitet er alle möglichen Gerätschaften, eine Hammond B3, elektrische Klaviere von Wurlitzer und Vermona, und der gute alte Roland Juno-6 kommt auch ins Spiel. Das ist rohe, im besten Sinne unfertige, ungezähmte Musik.

 

 

… und jetzt sei dran erinnert (slightly remixed), wo doch bald, am 14. März, die Royal Post den seltenen Schulterschluss mit grosser Rockmusik befördert und Bowie facettenreich auf die Briefmarken bringt. I really hope when that happens, Ian will send me a letter with the HEROES COVER STAMP! :) – in diesem kleinen Text geht es um ein, zwei spezielle „Quartette“ von Alben, und ein weiteres hatte ich bei mir, als ich im Januar 2016 die Northwestern Highlands im Land Rover befuhr – the most lonesome travel adventure of my life. Astral Weeks, Lord of the Rings, Taking Tiger Mountain (By Strategy) – und Blackstar.

 
 

Was soll denn Album des Jahres werden, wenn nicht Blackstar von David Bowie?! Natürlich spielt der Faktor des Abschiednehmens eine Rolle, wie sonst könnte ein Album, das mit seinen alles andere als gemässigten Jazztexturen (und seiner auch sonstigen Radikalität im Ausdruck) die Billboard-Charts stürmen? Und sich wohl in ähnlichen Verkaufsregionen bewegt wie sein kommerziellstes, von Nile Rodgers, produziertes Werk?

Natürlich ist es nur ein Zufall, dass ich an dem Tag, der nun als sein Todestag gilt, mich nichtsahnend hinsetzte und meine Begeisterung in Worte fasste sowie die paar Bowie-Alben Revue passieren liess, die mir am meisten bedeuteten, ein Quartett nun, Low, Heroes, Scary Monsters, und Blackstar. Interessant, im Rückblick von Ian, von frühen Songs zu hören, die mir völlig unbekannt waren. Interessant, in Mojo und Uncut über die „Berliner Jahre“ zu lesen, über die Entstehung der „Scary Monsters“.

Bei Bowie ging es ja stets um ein Spiel mit Maskeraden und Identitäten. Dabei ein wie immer geartetes „Ich“ nicht ganz den Flieh- und Auflösungskräften auszusetzen, war auch eine Kunst. Ein klassischer „burn-out“ nach der Phase von Ziggy Stardust. Als die ersten beiden Berliner Platten entstanden, arbeiteten Bowie und Eno manche Nacht durch und waren am Morgen so erschöpft, dass sie nur noch rohe Eier schlürfen konnten.

Und all die Stile, die seinen Weg kreuzten: Bowie wurde im Soul fündig, in der Ambient Music, im Discosound, und nun auch im Jazz. Nicht der gepflegte, gediegene Jazz, den manche nutzen, um etwas Eleganz und Glanz zu produzieren. Sting und Branford Marsalis, meine Güte. Der Jazz, der Pforten öffnet. Wie das früher Robert Wyatt gelang (Rock Bottom), Tim Buckley (Starsailor) oder Van Morrison (Astral Weeks). Diesen drei Titeln (im nachhinein sprechen sie Bände, „rock bottom“ heisst „Abgrund“) kann man nun Blackstar hinzufügen, und wieder ergibt sich ein besonderes Quartett.

Wenn ich ins Filmtheater gehe, suche ich einen Platz in der Mitte des Raumes. Meistens habe ich dann freie Sicht auf die Leinwand, sie erscheint so groß, dass man nicht alles gleichermaßen im Blick hat, die Augen können und müssen im Bild wandern und seit Jahren kommt der Schall nicht nur von vorne, sondern von allen Seiten. Ich bin ja froh, dass die meisten Besucher andere Gründe für ihre Platzwahl haben.

Bei vielen Filmen, die ich im Kino anschaue, verlasse ich als letzter den Saal, so etwa bei Wiplash oder The Revenant. Schuld daran ist die Filmmusik. Die Namen der vielen Mitarbeiter ziehen vorbei ohne dass ich mich bemühe, sie mir zu merken. Aber es passiert hin und wieder, dass ein Name aufhorchen lässt – wenn ich das so sagen darf.

 
 
 

 
 
 

Heute wird Philip Glass 80 Jahre alt. Deshalb habe ich vor einigen Stunden Koyaanisqatsi wieder gesehen, am Bildschirm. Der Film verdankt seinen andauernden Ruhm nicht nur, aber auch der Musik von Philip Glass. Andererseits hat in den frühen 80er Jahren gerade dieser Film die Popularität des Komponisten Glass außerhalb des Kreises der Minimal Music Kenner beträchtlich gesteigert.

In den letzten 35 Jahren hätte ich auf die Frage nach Godfrey Reggio passen müssen. Dass Walter Bachauer als Music Consultant und als Dramaturg Anteil nahm, weiß ich erst seit der Lektüre eines Essays von Walter Bachauer, erschienen in

 
MusikTexte – Zeitschrift für Neue Musik Heft 3, Februar 1984

Verlag MusikTexte Köln

Postfach 190155, 50498 Köln

 

Dieser „Filmreport“ dürfte nur für jene von Interesse sein, die den Film Koyaanisqatsi schätzen und gelegentlich wiedersehen. Ich darf ihn mit freundlicher Genehmigung von Gisela Gronemeyer (Verlag MusikTexte) hier vorstellen. Wegen seiner Länge erscheint er in der Kommentar-Rubrik.

 
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2017 31 Jan.

Keys For Nothing

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Als ich nach meinem Abitur endlich aus der elterlichen Wohnung auszog, war es eine Zeit der Wohnungsnot. Mein Budget war begrenzt und mir wurde wieder eine Art Sozialauslese durch finanzielle Mittel bewusst. K, die ich aus der Schule kannte, hatte über irgend jemanden ein günstiges Zimmer in einem Hinterhaus in der Mitte Heidelbergs bezogen, direkt gegenüber der Heiliggeistkirche. Es wurde ein Zimmer im unteren Stock frei, und ich zog ein. Der Vermieter pflegte in Zeiten, die vor jeder Genderdebatte lagen, die Philosophie, die Zimmer in seinem Haus nur an Frauen zu vermieten. Da war eine dunkle Bar, aus der Kerzenständer aus Messing leuchteten, da gab es das Hotel Ritter, und dazwischen lag der lange Gang, der in einen kleinen Hinterhof führte und dann zur Treppe in unser Haus. Nichts war abgeschlossen. Jeder neugierige Tourist hätte sich an meine Zimmertür verirren können. Wir stellten unsere Fahrräder in den Innenhof, und in den Mülltonnen entdeckte ich einmal eine Ausgabe der Kosmopolitan, nahm sie mit in mein Zimmer und ließ mich von einer schlüpfrigen Story mitreißen. Ich dachte, jetzt müsste ich die richtigen Entscheidungen treffen, es müssten die richtigen Zufälle passieren, und mein eigentliches Leben könnte beginnen. Einmal entdeckte ich im Germanistischen Seminar das Buch „Becoming a Writer“ von Dorothea Brande, aber jemand musste es falsch abgelegt haben, ich fand es nicht wieder und verlor jeden Faden. Die Treppe in unser Haus war aus Holz, sie knarrte bei jedem Schritt. Ich hatte mir ein aufregendes Leben mit K erhofft, aber sie traf sich mit einem Schauspieler, der mehr als dreimal so alt war wie sie und der, wenn wir doch einmal zu dritt ausgingen, sich darüber lustig machte, dass ich gerade solo war. Ks Zimmer roch nach einer Mischung aus Schwarztee und Schokolade und ich wünschte, mein Zimmer würde auch so riechen. Die Fenster waren einfach verglast, hier habe ich die schönsten Eisblumen gesehen, in diesem einen Winter. Die Glocken der Kirche schlugen so regelmäßig, dass ich mir immer wieder überlegte, was ich in der eben vergangenen Viertelstunde getan hatte. Das Zimmer war winzig, das Haus war so schlecht isoliert, dass ich jeden Schritt der Studentin über mir hörte und es schien mir, sie lief den ganzen Tag in ihren bunten Socken auf einem schäbigen Teppich in ihrem Zimmer hin und her. K und ich nannten sie unter uns den Tiger. Mein Zimmer war so wenig repräsentativ, dass einer meiner Nachhilfeschüler, der zwanzig Kilometer zu einer Nachhilfestunde angereist kam, vor Entsetzen nie wieder das Haus betrat. Als ich einzog, hing an der Wand neben dem Schreibtisch eine kleine goldenfarbene Uhr an einer Kette. Sie funktionierte noch und die Art, wie sie da mit ihrer Kette schwungvoll drapiert war, gefiel mir. Auf dem Fußboden hatte die vorherige Bewohnerin eine kleine Schachtel aus mittelbraunem Holz liegen gelassen, mit einer schlichten Gravur auf dem Deckel. Die Schachtel behielt ich, auch als ich ein paar Monate später auszog. Ich sammelte kleine Schlüssel darin, Schlüssel für Fahrräder, für Fahrradkörbe, später den Schlüssel für meinen PC, den Schlüssel für ein Schloss, das ich für einen Spind in die Uni mitnahm. Irgendwann lagen darin nur noch Schlüssel für Schlösser, die ich längst aufgegeben hatte und die es nicht mehr gab.


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