Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

 
 

Was macht einen guten Film aus? Wenn er mit dem Zuschauer spielt, auf der Klaviatur seiner Seele, wenn man hineingezogen wird in das Geschehen – und sei es auch irreal und absurd. Wenn er einen stimmigen Subtext hat und auf vielen Ebenen interpretierbar ist. Und wenn er ein Stück Offenheit und Ratlosigkeit zulässt, das einen noch lange beschäftigt, sich nicht zu einer „guten Gestalt“ im Sinne der Gestaltpsychologie zusammenfügen lässt, sondern sperrig und nicht bis ins Letzte verstehbar ist. Das muss man mögen. Manche Männer schätzen das übrigens an Frauen – und darum geht es hier auch: Eine schwer ergründbare Frau in einem Film, der sich nicht festlegt, so wie Carmen sich nicht auf einen einzigen Liebhaber festnageln liess und keiner wusste wie er gerade mit ihr dran war.

Habe gestern mit grosser Begeisterung wieder einmal „Carmen“ von Carlos Saura gesehen; ein Spielfilm mit den Tänzern Antonio Gades, Christina Hoyos und der Newcomerin Laura del Sol, einem wahren Sonnenaufgang, die sich hier als Schauspieler versuchen. Paco de Lucia hat eine Nebenrolle.

Der Choreograph Antonio will die Oper „Carmen“ als Flamenco – Ballett inszenieren, in einer der Schülerinnen einer Tanzschule, geleitet von seiner Freundin Christina findet Antonio die richtige Carmen, die dann auch noch so heisst, während alle anderen Figuren die Vornamen der jeweiligen Schauspieler behalten. Damit findet schon von Anfang an eine Fusion zwischen der Tanzschülerin und ihrem historischen Vorbild statt, davon lebt der Film. Zunächst geniesst der Zuschauer in voyeuristischer Weise hinreissende Tanzszenen, manche Gesichter erinnern an die Bilder von Goya, nicht nur schön, aber immer ausdrucksvoll bis hin zum Bizarren und Grotesken. Das Schicksal geht erstmal seine simplen Pfade, Antonio verliebt sich, Carmen tut was eine Carmen tun muss – sie wechselt die Männer nach ihrem Gutdünken und ist obendrein noch verheiratet, Antonio muss sie erst freikaufen. Der Plot folgt der Novelle von Meriméé, mit leichter Hand in die Achtziger placiert. Die Carmen der 80er muss im Gegensatz zu ihrem historischen Vorbild keine Aussenseiterin sein, es genügt, sie als selbstbewusste Frau in ihren beruflichen und persönlichen Zusammenhängen darzustellen – trotzdem entfaltet sich das historische Carmen-Narrativ mit anachronistischer Wucht. Während in der Novelle von Meriméé der Konflikt zwischen Aussenseitern und dem bürgerlichen Spanien im Zentrum steht, ist in der gleichnamigen Oper die „moralische Fragwürdigkeit“ das Thema und Carmens Verhängnis.

Antonio ist also unglücklich verliebt, erlebt Abweisung und Eifersucht nebst neuem Hoffnungschöpfen an Carmens langer Leine, in der klaustrophobischen Enge seines Tanzstudios. In seinen Phantasien erscheint sie ihm als die archetypisch-spanische Frau mit Fächer, Einsteckkamm und Mantilla – was er als Klischee verabscheut – die Realitätsgrenzen verwischen sich zusehends. Viele Szenen finden vor Spiegeln statt, als Metapher für die beiden Realitätsebenen, für das Mittel der Selbsterkenntnis, aber auch für das Tor aus dem das Andere heraustritt. Dann gerät der Zuschauer selbst in einen Strudel der Verwirrung: Eine Szene der Feindseligkeit und Rivalität zwischen Antonio und dem vermeintlichen Ehemann von Carmen entpuppt sich als Tanzszene, eine Probe mit einem Kollegen, der ihrem Mann ähnelt. Die Faktizität der Situation – die Eifersucht Antonios mit der untreuen Frau – vermischt sich zusehends mit dem Carmen-Narrativ, auch für den Zuschauer nicht mehr durchschaubar.

Damit sind wir inmitten von Antonios Gehirn, der die Realitätsschranke offenbar nicht mehr zu ziehen weiss. Bis zum Schluss: Antonio ertappt Carmen in der Garderobe des Pausenraums mit einem Nebenbuhler, später glaubt er ihre Hinwendung zum Darsteller des Escamillo zu bemerken – wobei unklar bleibt ob sie hier nicht einfach ihre Rolle spielt oder ihn ganz real im Visier hat; stellt sie zur Rede und ersticht sie. Carmen stirbt in Schönheit, ohne sichtbare Verletzung und Todeskampf. Die letzte Einstellung zeigt die unmittelbar danebensitzenden Studenten im Pausenraum in entspannter Unterhaltung, die nichts (noch nichts?) bemerkt haben und schwenkt auf das Fenster, hinter dem eine winterlich erstarrte Landschaft zu sehen ist – als ständiger Kontrapunkt zu dem überhitzten Geschehen im Tanzstudio. Niemand holt die Polizei. War was? Alles nur ein Spiel? Oder doch ein Affektmord? Oder auch das nur die Probe für die Schlussszene? Es kommt keine Antwort mehr … nicht die beruhigende Auflösung mit der üblichen Einordnung in die bekannten Schemata. Wobei diese Carmen nun für uns auf ewig lebendig und tot gleichzeitig bleibt. Superposition …

 

2022 14 Mai

Das Schweigen im Walde

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 17 Comments

 

 

Hier ist wohl jemand zusammengeklappt, vermutlich eine gehorsame Tochter unter der Last des familiären Gefühlserbes.

Ich wohne übrigens nicht freiwillig in der Ludwig-Ganghoferstrasse!

Das Schweigen im Walde und auf der grünen Heid‘ dröhnte einem seinerzeit förmlich in den Ohren, es wurde geschwiegen, geschwiegen, geschwiegen, alle Konflikte wurden totgeschwiegen, insbesondere zwischen Kindern und ihren Eltern. Zumindest so lange bis die Jugend begann zu diskutieren; ging man ins Kino oder las einen Liebesroman wurde man prompt wieder an das Schweigegebot erinnert. Die Tochter erfährt von einer kriminellen Vergangenheit oder sonstigen dunklen Punkten in der Vita ihres Vaters (z.B. einem aus dem Sudetenland geflüchteten Grossgrundbesitzer der heimlich wildert). Der in sie verliebte junge Förster ist dem Mordgesellen schon auf der Spur, aber das ebenfalls verliebte Mädel weist ihn zurück um den Vater zu decken und loyal mit ihm verbunden zu bleiben bzw den braven jungen Bewerber nicht mit der Unehre ihrer Familie zu belasten. Oder wird gezwungen und willigt ein einen reichen Schnösel zu heiraten um die Existenz der Familie zu sichern. Der Förster ist bitter enttäuscht, so im Pilotfilm Grün ist die Heide, und mich trieb das Geschehen damals schier in den Wahnsinn – Kinder sind pragmatisch – es war mir unbegreiflich dass man nicht sprechen konnte, die Dame dem Herrn nicht den Konflikt klarmachen konnte und man dabei gemeinsam ihre Eignung als künftige Ehefrau – oder eben lieber nicht – feststellen konnte. Daneben trat immer eine sudetendeutsche Gesangsgruppe in Tracht auf und besang die verlorene Heimat (Du mein liebes Riesengebirge – damals ein Mittwochabend – Wunschkonzert-Renner). Das Leid der Deutschen am Krieg konnte problemlos thematisiert werden – nicht schimpfen, uns gings doch auch so schlecht!

Statt Auseinandersetzung wurde in diesen Geschichten ein Popanz an Verwirrung, Kränkung und Nichtverstehen aufgebaut der seinesgleichen suchte. Bis zum doch glücklichen Ende – wobei vorher noch jemand angeschossen wurde –  erfolgte die Aufklärung der verworrenen Situation dann eher zufällig durch einen Dritten oder eine anderswie günstige Fügung, die Tochter musste ihre Loyalität nicht aufgeben.

Die kriegstraumatisierten Eltern rekrutierten ihre Kinder als Unterstützer und Lebenskrücken oder wünschten sich das zumindest. Wer sich einmal den Text von „Oh mein Papa“ auf der Zunge zergehen lässt, spürt etwas davon. Im gleichnamigen Film singt es Lilly Palmer (mit der Stimme von Lys Assia, bei YouTube zu bewundern) in einem Kreise darob entzückter älterer Herren. Ähnlich wie Sissi beim ersten Treff mit Franz Joseph von ihrem Pappili schwärmt.

Mütter wünschten sich desgleichen von den Söhnen.

Beispiel: Ein Mann, der seinem Wunschberuf nachgehen möchte schleicht sich heimlich aus dem Haus um das tun zu können was er möchte, bekommt aber wöchentlich Post von der Mutter die ihn wieder bei sich zuhause haben möchte. Wer wars? Auflösung:

 
 

Ich weiss noch wie die erste Fahrt verlief.
Ich schlich mich heimlich fort als Mutter schlief,
Als sie erwachte war ich auf dem Meer.
Im ersten Brief stand: Komm doch bald wieder her!
Junge, komm bald wieder,
bald wieder nach Haus …
usw .

 
 

Freddy Quinn, der Mann im ewigen Nirgendwo, in der Ferne von Heimweh geplagt, in der Heimat von Fernweh traf so präzise den Zustand der Deutschen, die ihr zerstörtes und schuldbeladenes Land nicht mehr affektiv mit Heimatliebe zu besetzen vermochten, das Fremde aber auch nicht, das war immer noch verachtetes Feindesland, abgesehen von den deutschsprachigen Nachbarländern, die ja auch nicht Kriegsparteien waren. Demgemäss spielten die meisten Heimatfilme in Tirol oder der Schweiz. Die Deutschen im geographischen und psychischen Nowhere. Da konnte der sich permanent sehnende Freddy punkten, zerrissen zwischen Mutter und dem blauen Meer, der ewigen fernen Geliebten mit der nie erlahmenden Anziehung (aber auch ihren bedrohlichen und verschlingenden Aspekten, womit es wiederum der Mutter ähnelte) und dazu den am Kai wartenden Mädels rund um den Globus die er immer wieder verliess und ein bisschen traurig war und dann wieder aufsuchte wenn die Mama ihn kurz von der Gefühlsleine liess.

 

 

 

 

 

… so grün dass es einen förmlich blendete und in den Augen wehtat. Blendung spielte eine grosse Rolle in dieser Zeit, der Nachkriegszeit, die so unbeschwert daherkam. Und so blendend weiss – Waschmittel spielten ja eine tragende Rolle: Die Wäsche musste nicht nur weiss sein sondern superweiss, ultraweiss, nicht nur weiss sondern rein, fasertief rein, porentief rein, weissderteufelwienochrein, schliesslich wurden noch potente Männer und Militaria zum Reinemachen bemüht:  Meister Proper und der General. Womit man wieder beim Thema war. Und wenn die Haut darunter litt: Palmolive! Wasch mich aber mach mich nicht nass und mach dass man meinen Händen nicht ansieht was sie getan haben. Am besten wasch sie in Unschuld!

Heute wissen wir sehr gut was da abgewaschen werden sollte, damals noch nicht. In einer alten Persilreklame entsteigt ein mit den Ärmeln fuchtelndes Herrenhemd  dem Waschkessel wie ein Geist – ein Relikt aus der Vergangenheit, wird es gleich Haltung annehmen oder den deutschen Gruss entbieten? Wäsche, wasche Dich selbst, ja, so hätte man es gern gehabt. Ödipus blendete sich selbst um seine Schuld nicht mehr zu sehen und vor den strafenden Erynnien, Repräsentanten seines Gewissens, Ruhe zu haben. Obs geholfen hat??

Ebenso ultrarein wie der deutsche Haushalt war die Trivialkunst und der Trivialfilm, schön, sauber und steril, kostümverliebt und happyendsüchtig – Biedermanns Welt. Die Brandstifter im Untergrund ruchbar für den der riechen wollte; die meisten wollten nicht, bis es 20 Jahre später den Studenten dann doch allzu sehr stank und der Protest explodierte. Dann stanks plötzlich aus allen Öffnungen und die Studenten wurden als die Urheber dieser Gerüche angeprangert. Der Überbringer der schlechten Nachricht wird erstmal geköpft.

Die Männerwelt suggerierte im Kino vorwiegend Biederkeit: edle Recken, nette Familienpapas, freche Lausbuben, Clowns und Hanswurste: Gunther Philipp, Rudolf Prack, Heinz Rühmann, Heinz Erhardt, Peter Alexander … lustig, gemütlich, aggressionsfrei, steril und im Bett als Liebhaber nicht vorstellbar. Seht, wie brav wir sind! Nicht mal gepimpert wird. Unmöglich uns das zuzutrauen, was wir noch vor ein paar Jahren angeblich getan haben sollen! Die Verdrängungsmaschinerie war angeworfen – Kriegsschuld und Kriegstraumata wurden verarbeitet durch Verkehrung ins Gegenteil – ein von Anna Freud gut beschriebener Abwehrmechanismus. Man fraß sich satt an Käseigeln und schönen Bildern – unfähig zu trauern.

Im Kino gabs unzerstörte Landschaft statt zerstörter Städte (vorwiegend Tirol, Schwarzwald, Lüneburger Heide – noch nicht Italien, das war ein Schritt weiter), moralisch einwandfreie Frauen, die nicht in Grosstadtschluchten die Kleidung des Feindes trugen und in verräucherten Lokalen in Jeans zu „Negermusik“ tanzten. Exotische Frauen mit schwarzem Haar waren meistens moralisch nicht einwandfrei – die angeblich „slawisch“ aussehende Ellen Schwiers war darauf programmiert den anrüchigen Kontrapunkt darzustellen.

 

 

Das Fremde wurde exotisiert anstatt kennengelernt – und damit neu entfremdet, in den Wohnzimmern hingen verführerische Damen, Angehörige eines fahrenden Volkes, das man heute nicht mehr aussprechen darf, glutäugig, tiefdekolletiert und gerne beäugt – funktionalisiert und romantisiert für diffuse Sehnsüchte, nicht als Mitmensch. Hätte sie vor der Tür gestanden hätte man diese zugeknallt. Aber von der Wand nochmals zum Film – der Autor Gerd Bliersbach hat sich der Reflexion dieser Machwerke angenommen, ich versuche mich gerade an einer Fortsetzung über weitere Phänomene.

Es gab z.B. das zwanghaft auftretende Motiv der „Verwechslung“ von Personen, das für Spannung und Heiterkeit in einer Überzahl von Verwechslungskomödien sorgen sollte und perseverierend abgenudelt wurde. Meiner überschlagsmässigen Zählung zufolge bestanden über 60 % der Trivialfilme aus Verwechslungskomödien oder wuchtigeren Falscher-Verdacht-Dramen. Die Zofe tauscht mit der Gräfin das Prachtgewand und trifft sich mit deren Verehrer, der nette Kellner ist in Wirklichkeit der Hotelbesitzer oder umgekehrt, die Erntehelferin ist die Gutsbesitzerin. Und kommt plötzlich in ein schiefes Licht wenn sie auf dem Schoss des alten Grafen sitzend entdeckt wird, der in Wirklichkeit ihr Papa ist – alles bekannt.

 

 

Selbst Sissi und Kaiser Franz Josef erkannten sich nicht bei ihrem ersten Treffen im Wald, als Sissi ihm von ihrem „Pappili“ vorschwärmt, ein No – go bei jedwedem Date; die kriegstraumatisierten Eltern mussten geschützt und weiter glorifiziert werden, aber das ist ein anderes Kapitel. Franz Joseph findet das offenbar niedlich und heiratet das Mädel vom Fleck weg. Damit ist Herzog Max in Bayern als Vater der österreichischen Kaiserin auch eine Stufe höher gefallen – auch hier wird wieder ein Vater rehabilitiert und emotional versorgt, by the way. Dem das realiter herzlich wurst war, was im Film aber die aufstiegswütige Herzogin herzlich freut.

Und alles Indikator für die Frage, die alle im Untergrund – wo die Brandstifter hausen – bewegte: Bist Du wirklich der, der Du zu sein vorgibst? Wer warst Du im Krieg – Nazi, Mitläufer, Verweigerer? Und wo stand ich selbst, wer war ich selber? Stehe ich selbst in einem schlechten Licht und was ist mein Anteil daran? Keiner ist der, der er zu sein vorgibt. Sind Soldaten Helden oder müssen sie sich nun fragen ob sie einfach Mörder sind? Waren die Frauen zuhause treue Gefährtinnen oder haben sie sich anderweitig umgesehen? Nagende Zweifel!

In der Verwechslungskomödie gibt es – meistens durch einen Lauschangriff oder ein dramatisches Geständnis – Auflösung, das Paar findet sich, die Buffo – Paare finden sich und jeglicher böse Verdacht löst sich in Luft auf in einer Art Generalrehabilitation. Und einer grandiosen Generalamnestie.

Der Zuschauer als Kind seiner Zeit hat von Anfang an im Kinositz die Rolle des Wissenden, ist – im Gegensatz zum herkömmlichen whodunit – Krimi – eingeweiht und fiebert identifikatorisch dieser Rehabilitation entgegen, in deren Verlauf sich alle Schuld in Wohlgefallen auflöst, oder – seltener – in toto einer Sündenbocksfigur (einem verruchten Kerl oder einer mondän aufgebrezelten Frau) aufgehalst werden kann, die sodann in die Wüste entsandt werden. Wie entlastend! Dieses Motiv wurde filmisch und literarisch (Lore – Romane) in diesen Jahren geradezu suchtartig konsumiert. Unsere Schuld ist gar keine … alles nur ein grosses Missverständnis! Wie schön das miterleben zu dürfen … man bekam nicht genug davon.

Nachkriegsdauerbesoffenheit! Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein! Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur gradeaus – letzteres war weiland Marika Rökk.

Ja, ich weiss – dieser Beitrag klingt zynisch und aggressiv – die transgenerational vermittelte Wut steckt noch tief in uns Kindern dieser Zeit, trotzdem verstehe ich auch das verzweifelte Bedürfnis nach Schönheit, Unschuld und Harmonie nach all den furchtbaren Kriegsjahren und dann wird plötzlich Mitleid spürbar für diese geplagte Generation und ihre gestohlenen Lebensjahre, so viele gestohlene Lebenszeit, so viele zerstörte Leben vieler die sich nichts zuschulden kommen liessen. Die in unsere Biographien mit einsickern. Mit dieser Wut nehmen wir eine intellektuell überlegene Position auf dem bequemen Stuhl der späten Geburt ein und spotten über Kitsch. Das ist auch eine Unfähigkeit zu trauern, genau das was wir dieser Generation so gern vorwerfen und was wir selbst ebenso schlecht können. Nur eine andere Form der Abwehr der eigenen Verletzungen auf die wir uns nicht allzuviel einbilden sollten. „Lieber wütend als traurig“ heisst auch ein Buch über Ulrike Meinhof.

Ich guck übrigens grad „Im Prater blühn wieder die Bäume“, die kleine Näherin im geliehenen Fürstinnenkleid soupiert gerade mit dem Erzherzog den sie aber nicht liebt (schnüff!) obwohl er ein ganz Fescher ist und Küssdiehandgnädigesfräulein sagt, der sie aber wiederum schon liebt, aber gar nicht der Erzherzog ist und wieder mal kennt sich keiner mehr aus, der Bräutigam des Mädels stösst dazu und es gibt grosses Getöse – aber das wissen wir jetzt ja alles schon …!

Vielleicht waren diese Szenerien auch für den einen oder anderen die Möglichkeit, aus der posttraumatischen Erstarrung und Eingefrorenheit wieder ins Fliessen zu kommen, da ist es zur Trauer nicht mehr gar so weit, da könnten wir tun, was wir schon lange tun müssten.

Und jetzt ist Mai! Und ich möchte so gern mal wieder nach Wien … ratet mal wohin zuerst? Und ein Kleid tragen mit Rüscherl am Saum und am Ausschnitt … ja, danach wär mir jetzt. Ist das jetzt schlimm?


 
 

Diese Frage – meist gestellt von einer Frau mit unruhig umherirrenden Augen – gerade eine leere Wohnung oder ein Haus betretend – ist ein häufiges visuelles Motiv, das die Erfahrung des Unheimlichen im Film einleitet. Dazu wehen Vorhänge im Wind, ein geöffnetes Fenster schlägt, ein herumhängendes Kleidungsstück erweckt eine heftige, aber kurze Beunruhigung, und wenn der Regisseur noch eins drauflegt, klappt noch eine Tür, und draussen in der unvermeidlichen Dunkelheit, im Nirgendwo, schreit ein Käuzchen. Und dergleichen … – meistens tobt auch noch ein Gewitter. Und der erfahrene Betrachter hält Ausschau nach den unvermeidlichen Schuhspitzen unter der Vorhangkante. Klischees, die ihren Zweck nicht verfehlen, wenn sie dezent aber eindrucksvoll in Szene gesetzt werden.

Die Auslösereize des Gefühles von Unheimlichkeit sind individuell sehr unterschiedlich – das habe ich inzwischen gelernt – aber bei oben Beschriebenem spannt sich doch so manche Saite im Zuschauerbauch etwas straffer, das Unheimliche wird oft sehr leibnah empfunden. Ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt – Hitchcock nannte es suspense, Spannung – aber nicht die positive Spannung vor einem ersehnten Date, eher ein Gruseln, eine Angstspannung nebst der Vorfreude, dass es jetzt endlich losgeht. Und wir selbst nicht bedroht sind. Angstlust nannte es Balint. Die Lust dabei besteht aus dem Spannungsbogen zwischen dem Gefühl der Gefährdung des anderen und dem Bewusstsein im Fernsehsessel von Bedrohungen frei zu sein, vulgo den eigenen Hintern sicher im Warmen zu haben, während es anderen an den Kragen geht.

Die Gelegenheit zum wohligen Grusel ist verschenkt, wenn diese Spannung nicht lange genug gehalten wird, plötzlich eine Splatterszenerie entsteht, ein Alien durchs Fenster schiesst oder zwei Hände sich um den Hals der schönen Frau legen. Die Ungewissheit muss gehalten werden, muss sich vielleicht sogar wieder kurz und befristet in Erleichterung auflösen, wenn die Katze auftaucht, die die Geräusche verursacht hat und die Protagonistin unendlich erleichtert ist. Dann auf ein Neues: wir haben noch eine Stunde Film vor uns und der erste Stachel ist gesetzt, es wird schon wieder gruselig werden. Im 1990 erschienenen „Blair Witch Project“ hält der Film diese Spannung bis über das Ende hinaus durch – was ihm viele übelnahmen – es bleibt letztlich unklar, wer oder was, warum und auf welche Weise das Studententrio in den Wäldern verfolgt hat und ob sie überleben werden. Das Kopfkino läuft heiss, wer Gewissheit will, wird hier schlecht versorgt. Love it. Im Netz existierten sogar filmspezifische Verschwörungstheorien.

Ein zentrales Element des Unheimlichen ist also die Ungewissheit – ob jemand anwesend ist oder nicht, ob dieser jemand positive Absichten hat oder eben nicht, ob er lebendig ist oder tot, es könnte ja auch ein Geschöpf der Anderswelt sein. Viele finden Roboter aus diesem Grund unheimlich und würden sich nur ungern davon operieren lassen, sie sind nicht lebendig und menschlich nicht anrührbar, wirken aber so. Sehr unheimlich fand ich einmal eine verwesende Kröte am Strassenrand, deren Körper sich plötzlich bewegte – ein grosser Schreck. Somit ist das Unheimliche also an eine Präsenz gebunden, die aber nicht sichtbar und deren Absichten unklar sind, das heisst eine Präsenz in der Superposition. Und damit sind wir bei der Quantenphysik – Schrödingers Katze ist ebenfalls in der Superposition, man weiss nicht, ob sie lebendig oder tot ist. Subatomare Teilchen können sich wie Teilchen, aber auch wie eine Welle verhalten. Teilchen können an 2 Orten zugleich sein. Teilchen haben keinen bestimmten Aufenthaltsort, sondern nur eine Wahrscheinlichkeitsfunktion, die ihre Anwesenheit diffus erfasst. Wir müssen ertragen, dass wir nicht genau wissen, wo sie sind und für welche Daseinsform sie sich spontan entscheiden werden. Das hassen viele Anhänger der klar darstellbaren und somit intellektuell erholsamen Newtonschen Physik an der Quantenphysik.

Auch der Mensch ist entwicklungspsychologisch mit Bezugspersonen in einer Superposition konfrontiert – er muss erst herausbekommen, ob diese gut oder böse sind, ob sie ihm wohltun oder schaden werden. Es dauert ab Geburt Monate, bis sich ein hinreichend konstantes Bild im Inneren entwickelt, Enttäuschungen oder Traumata können es wieder zerstören. Auch Erwachsene sind bei neuen Kontakten mit Superpositionen zum Aushalten dieser Spannung verurteilt – ob der Herr auf nächtlicher Strasse eine reizvolle Begegnung ist oder anderes im Schilde führt. Populärwissenschaftlich heisst es „Vertrauen entwickeln“.

Eine gute Filmregie macht sich dieses Geschehen zunutze. Sie hält die Spannung so lange wie möglich aufrecht und lässt den Zuschauer in der Anspannung – er soll ja gerade kein Vertrauen entwickeln, sondern alles Denkbare für möglich halten, wenn noch etwas Undenkbares dazukommt – umso besser. Bei Ingrid Bergmann (s.o. in „Gaslight“) ist der geldgierige Ehemann leider so unsympathisch mit Charles Boyer besetzt, dass man dergleichen schon vorher ahnt. Deborah Kerr (s.o. in „The turning of the screw“) wird von Gespenstern verfolgt, letztlich von bedrängenden und deshalb abgedrängten Anteilen ihres eigenen Innenlebens. Bei Doris Day in Mitternachtsspitzen ist ebenfalls der Ehemann der Garstige, mit Rex Harrison nicht gegen den Strich besetzt, man ahnt lange nichts, weil er so brav und fürsorglich wirkt. Ein schöner Twist …

Diese Kunst, Spannungsbögen aufzubauen und die Spannung bis zum Schluss zu halten, geht den Regisseuren der Jetztzeit zunehmend verloren, man greift lieber zu special effects (deren Häufigkeit ist immer umgekehrt proportional zur Qualität des Films), zu Avataren und anderem was gerade en vogue ist. Ich nenne das immer „emmerichern“.

Soweit erstmal gut! Falls jetzt im geschätzten Auditorium ein Quantenphysiker sitzen sollte: bitte ich mich nicht mit virtuellen Tomaten zu bewerfen wegen meines physikalischen Bodenturnens. Ich lerne noch! Aus Interesse am Thema würde ich mich freuen über Kommentare, wie das Unheimliche im Film vom einzelnen und individuell erlebt wird. Danke!

 

 

 

 

… dann hör ich auf mit dem Abgründigen – versprochen!

 

Das zu Granit erstarrte Gesicht des Mannes – bzw der beiden Männer (man sieht nur nicht beide) signalisiert dramatische Schwere, einen fast tödlichen Ernst. Die Balz ist ein tiefernstes Geschäft offenbar – was uns auch manche lateinamerikanischen Werbungstänze suggerieren wollen, bei denen man einen möglichst finsteren Gesichtsausdruck annehmen muss. Es geht auch hier um Sex and Crime, genauer gesagt um die SM-Szene im Schwulenmilieu in Greenwich Village. Dort treibt ein Serienkiller sein Unwesen, Steve Burns, ein New Yorker Streifenpolizist aka ein furios aufspielender Al Pacino (eine Sahneschnitte, würden die Schwulen ihn nennen) ermittelt undercover in den Lederbars. Unnötig zu erwähnen, dass er heterosexuell ist, unnötig zu erwähnen dass er sich hinterher dessen nicht mehr so ganz sicher ist. Und natürlich den Mörder schnappt, der aus „Küchenpsychologie-Motiven“ gemordet hat, wie Micha sagen würde (Milchbubi mit schlimmem Vater!). Steve Burns geht also „cruisen“ (= umherstreifen an ausgewählten Örtlichkeiten auf der Suche nach schnellem Sex).

Der Killer wird gefasst – so weit so schlecht – allerdings gibt es am Ende noch einen Twist der eine ganz andere Deutung nahelegt, weswegen ich den Film sehr schätze – but no spoilers. Der Film floppte 1980, damals fand ein Wechsel von einem demokratischen (Carter) zu einem republikanischen Präsidenten (Reagan) statt, mit einer entsprechenden Hinwendung zu einem rechtslastigen und klerikalen Wertekanon. Aber auch die Schwulen selbst wandten sich gegen diesen Film, in dem erstmals das SM-Milieu dargestellt wurde – allerdings in Verbindung mit blutiger Gewaltkriminalität. Das nahm man ihm übel. Die SM-Szene ist gewaltfrei – es existieren verbale und gestische Codes über die das „Opfer“ dem „Quäler“, im Jargon der Passive dem Aktiven mitteilen kann, wenn es zuviel wird oder gar lebensbedrohlich, etwa beim Spiel mit der Breath-Control-Mask, bei dem der Passive eine schwarze Ledermaske trägt mit einem Ventil an der Nase über die der Aktive die Luftzufuhr regelt. Das Ziel ist Lust zu bereiten und zu empfinden, für beide oder auch mehrere (Gang-Bang-Parties).

Der Film zeigt eine harte Männerwelt mit vielen Ingredienzien der SM – Welt von der ganze Industrien leben (Fetische, Uniformen, ein Sling, Gummiknüppel, Masken, Bareback-Hosen, Bondage-Accessoires, die bunten Tüchlein in der hinteren Jeanstasche als Code für sexuelle Vorlieben). Tunten gibt es hier nicht. Das Weibliche ist aber ständig anwesend in Form eines Five-letter-words, das mit F beginnt und eine Abwertung des weiblichen Genitales darstellt und das man unliebsamen Zeitgenossen in der Szene entgegenschleudert. Auf englisch fand man den freundlicheren Ausdruck „Pussy“, auch für Feiglinge und Weicheier verwendet, im Süddeutschen das warmwollige „Muschi“, im Rheinland gibt es offenbar in der Schwulenszene den Begriff „Quarktasche“. Der weibliche Körper als etwas zutiefst Verachtenswertes? Hassen Schwule Frauen?

Zu Anfang treten zwei Stricher auf – transsexuell verkleidet in Polizeiuniformen, mit blonder Wallemähne, stark geschminkt und mit klirrenden Sporen an den Stiefeln. Was suchen ihre Freier? Die Frau als Karikatur? Als Mischwesen? Als androgyne Domina? Als jemand der schlechthin alle denkbaren Bedürfnisse zu befriedigen vermag? Ladyboys die beide Möglichkeiten bieten?? Nach einigen Besuchen im Lederclub beginnt sich Steve Burns vor dem Ausgehen zu schminken wie ein Teenie. Lässt sich beim Kennenlernen die Brust befühlen wie eine Frau. Der Mann als gefallsüchtiges Weibchen? Welcher Teufel fährt hier in den rechtstreuen New Yorker Cop? Nur wird der Teufel diesmal nicht ausgetrieben, er bleibt in seinem Wirtskörper bis zur letzten Konsequenz – geht also einen Schritt weiter als der „Exorzist“, ebenfalls von Friedkin.

1970 fand der erste Christopher Street Liberation Day statt. 1972 schwappte der Brauch nach Deutschland. Hat Friedkin den Schwulen einen Gefallen getan indem er die Szene als Folie für das Treiben eines sadistischen Killers benützte? Schwulenverbände demonstrierten öffentlich gegen den Film. Der Film strotzt nur geradeso vor machtvoller Männlichkeit. Und doch wird auch in dieser Szene aktiv penetriert und passiv weiblich empfangen, die Mann-Frau-Polarität nicht aufgehoben, im Film angedeutet in einer Szene von fistfucking oder kurz „fisten“.

In einem Seminar, in dem ich den Film zeigte (die Wirkung eines Films erschliesst sich am präzisesten in der Beobachtung des Publikums) gerieten die weiblichen Teilnehmer in Unruhe bzw den Zustand einer Regression ins Orale, sie suchten häufig den Tisch mit den Knabbereien auf bis alles verputzt war und konsultierten den Kaffeeautomaten. Sie fühlten sich nicht wohl konnten ihre Affekte aber schwer versprachlichen. Die Herren (alle hoffnungslos hetero) bewahrten die Ruhe und knabberten nicht, die dargestellte Sexualität brachte sie nicht in affektive Schwingungen, vermutlich schafft es der Film hier nicht erotische Stimmung zu erzeugen, eher Schwere und Beängstigung. Klar, ist ja auch ein Killer anwesend. Später klärte sich diese Spaltung. Die Botschaft des Filmes war für die Frauen: Der Mann in diesem Film ist sich selbst genug. Er kann aussehen wie eine Frau, bietet mehr sexuelle Variationen wie eine Frau, hat penetrierbare Öffnungen wie eine Frau, hat eine reizvolle Brust (insofern er ein Fitnesstudio besucht, wabbeln darf da nichts!), verachtet das Genitale der Frau. Und was noch alles …

Wozu noch Frauen? Auch wenn zwischen dem „Exorzist“ und „Cruising“ einige Jahre liegen, frage ich mich doch, ob hier nicht eine Antwort des Mannes als solchem auf den gefürchteten Feminismus gefunden wurde. Wenn Ihr Euch uns entzieht, brauchen wir Euch auch nicht! Wir können das alles nämlich selbst! Vielleicht noch besser und befriedigender! Fuck off!

 

 

Das obige Bild – wenn man es auf der grossen Leinwand sieht – entfaltet eine mythische Wucht, eine archetypische Wucht – was vermutlich dasselbe ist. Begleitender Soundtrack ist das fast kreischende Gebell von kämpfenden Hunden. Es zeigt den Priester Merrin bei Ausgrabungen im Irak, er steht gegenüber einer Statue des Dämons Pazuzu, ein Relikt aus der mesopotamischen Kultur; sie sind alte Erzfeinde, die erneute Begegnung mit ihm wird ihn später das Leben kosten. Ich nenne solche Szenen „Impacts“ – sie brennen sich unabhängig von der Qualität des Filmes sehr unmittelbar ins Unbewusste ein, etwa wie die Szene aus „Alien“ – als das fertig ausgebrütete Alienbaby die Bauchdecke eines bisher ahnungslosen Astronauten durchbricht, den es als Wirtskörper benutzt hat. Oder die ikonische Szene des Liebespaars am Kiel der Titanic, als Jack Rose das Fliegen lehrt, eine sexuelle Metapher. Oder das durch den Kosmos fliegende schwarze Brett in „Odyssee im Weltraum“, das ich immer etwas albern fand. Dergleichen sitzt fest. Hinter der Couch lauernd begegnet der zuhörende Therapeut diesen Bildern noch viele Male.

Der Plot des Films „Der Exorzist“ (USA, 1973) von William Friedkin ist bekannt: Der Exorzismus an einem besessenen jungen Mädchen durch zwei Priester,  die die strapaziöse Prozedur nicht überleben.

Der Film löste 1973 bei vielen – weiblichen – Zuschauern grosse Ängste aus, viele fürchteten sich nachts.

Nun ist das Ganze wohl kein Zufall: Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt der zunehmend erstarkenden Frauenbewegung, bei der sich so mancher Mann gefragt haben mag, ob der Teufel in die Weiber gefahren sei. Demgemäss sind auch in den nachfolgenden zahlreichen Exorzismusfilmen minderer Qualität die besessenen Opfer überwiegend weiblich, oft junge Mädchen.

Im genannten Film ist es ein Teenie-Mädchen zu Beginn der Pubertät, stark gebunden an eine alleinerziehende Mutter, die in ihrer Arbeit aufgeht. Der Vater ist nicht präsent. Die „Besessenheit“ beginnt, als das Mädchen auf einer Party im Elternhaus im Nachthemd erscheint und auf den Boden pinkelt, also auf die unsaubere Seite des Lebens aufmerksam macht, vielleicht auch auf ihr Genitale.

Es gibt hier 2 Subtexte: Das Mädchen in seiner erwachenden Sexualität wird von der Mutter dämonisiert, die das Kuschelkind nicht verlieren möchte – die gesamte Filmhandlung kann also als Innenansicht des Geschehens und individuelle Psychose der Mutter gelesen werden. Dass Dämonen und Gespenster im Film oft abgespaltene und erwachende Sexualität in prüden Gesellschaften (viktorianische Spukschlösser als Topos des klassischen Gruselfilms) symbolisieren, ist nichts Neues – genial beschrieben in „The turning of the screw“ von Henry James. (Micha, hast Du das „Schloss des Schreckens“ schon gesehen?). Ebenso lassen fehlende Väter (die „broken families“ sind in vielen Alien-Filmen obligat, ich erinnere an E.T.) offenbar eine Lücke, in die Fremdes und Unheilbringendes eindringen kann. Oder ist etwa der Alien ein Zerrbild des Vaters in der vaterlosen Gesellschaft, der der Familie so fremd geworden ist wie ein Ausserirdischer?

Anyway: Filme spiegeln kollektive Ängste. Das besessene Mädchen verhält sich jedenfalls sexuell aggressiv, blasphemisch und vulgär, zieht alle Register des Grauens.

Die Angst des Mannes vor der Frau und seine Abwehrmanöver dagegen ist leider Fakt und Gegenstand vieler Mythen bis heute. Freie und selbstbestimmte Sexualität war eine der Forderungen des Feminismus, die Antwort des männlich dominierten Hollywood waren Filme mit besessenen Frauen, aggressiven Aliens sowie den neuen Filmheldinnen, die Qualen ausstehen mussten, weil sie männliche Domänen und Kampfplätze besetzt hatten, sie beherrschten Kampftechniken, Ninja-Künste und anderes Martial-Arts-Gefuchtel und werden pro Film unzählige Male verdroschen. Schlichte Gemüter fanden das gut – endlich Frauen als Helden und nicht nur als Dekor und „Screaming Ladies“. Aber verdroschen werden wollten wir eigentlich auch nicht, das hatten wir schon …

Der Teufel muss also ausgetrieben werden – 2 Priester (also Männer, denen man ebenfalls die Sexualität genommen hat – was, wie man sieht, ohnehin nicht funktioniert), versuchen den Dämon auszutreiben. Der betagte Merrin verstirbt dabei an einer Herzattacke. Der junge und unverbrauchte Pater Karras, an einer Schuldproblematik gegenüber seiner Mutter laborierend, macht unverdrossen weiter, um das inzwischen auch körperlich gefährdete Mädchen zu retten.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges: In höchster Not fordert er den Dämon auf, das Mädchen zu verlassen und ihn zu besetzen – ganz der bis zum Tode opferbereite amerikanische Mann wie man ihn aus jedem Trivialfilm kennt und wie er einem jedesmal auf die Nerven geht. Der Dämon gehorcht ebenso überraschend wie unlogisch sofort, vermutlich hat er die Nase auch langsam voll von diesem Nullsummenspiel. Karras Gesicht verzerrt sich, die Augen ergrünen, seine Hände zucken nach dem Hals des Mädchens, um es zu töten. In einem letzten Aufbäumen des Guten in ihm stürzt er sich durch das geschlossene Fenster in den Tod, offenbar nicht fähig das in ihn Implantierte zu verstoffwechseln oder zu regulieren. Warum nicht? Es war nicht blosse Sexualität, die in ihn gefahren ist, es war zügellose weibliche Sexualität – damals noch schwer verdaubar und gefürchtet. (Nur Hypothese, vielleicht hat jemand ne andere Idee?). Zurück bleiben ein kleines weinendes Mädchen, eine über die Maßen erleichterte Mutter und 2 tote Männer. No sex, much crime. Der Dämon wartet geduldig auf das Sequel im Jahre 1977, in dem er wieder lostoben darf.

Erst gute 150 Jahre vorher wurde die letzte Hexe verbrannt. In vielen Ländern, in denen Frauen verhüllt und eingesperrt werden, herrscht diese Angst des Mannes noch heute. Evas Fluch war wohl das Begehren, das sie mit ihrem Körper im Mann zu erwecken fähig war, der sich gerne als das dominierende und kontrollierende Geschlecht gesehen hätte. Und doch merken musste, wie abhängig ihn dieses Begehren von den minderwertigen Frauen machte („Den ganzen Frühling hindurch lauf ich wie ein Zombie durch die Gegend wenn die Mädels so wenig anhaben. Da kommt man zu nix anderem mehr!“, erklärte mir einmal ein missgestimmter Vierzehnjähriger im ersten Triebschub). Schicksal des starken Geschlechts. Zombiefilme kamen dann auch zuhauf.

Der Koran bezeichnet demgemäss die Frauen als die zügelloseren und dauererregten Geschöpfe, die in Schach gehalten werden müssen. Eine geniale Form der Projektion, wenn‘s nicht so hundsgemein wäre. Dabei dürfte es in islamischen Gesellschaften mit ihren Kinderehen, Zwangsverheiratungen, Verhütungsverboten und Dauerschwangerschaften mit dem Begehren der Ehefrauen nicht so weit her sein, vermutlich herrscht eher der Zustand einer Duldungsstarre in den Schlafgemächern. Auch das eine Kränkung des islamischen Mannes, die man irgendwie ins Gegenteil verkehren muss. Somit wäre das Feld der Sexualität ein Feld der Demütigung für den Mann, hätte er es nicht so trefflich verstanden alles umzufunktionieren – aber ich komme ins Plaudern. Auf jeden Fall hat er ordentlich was losgetreten, der Friedkin.

Vielleicht waren es eher alle diese Botschaften, die unsere Kommilitoninnen seinerzeit nicht schlafen liessen – und nicht bloss ein Erbsensuppe spuckendes Mädchen.

Impacts …!

Lajla und ich hatten neulich einen kurzen Post-Wechsel (9.4.) über die Frage, inwieweit Menschen in Konfliktsituationen über das Frontalhirn erreichbar sind und anderen Sinnes werden können, wenn man mit ihnen diskutiert. Ich sah das pessimistischer, zitierte eine Patientin angesichts ihrer grossen Freude über im Meer ertrunkene Migranten.

Es geht also um das „Böse“ im Menschen. Psychodynamisch erklärbar in diesem Fall durch die Situation eines Schulkindes, dem von den Eltern beinahe jährlich ein kleines Geschwister vorgesetzt wurde, um das sie sich zu kümmern hatte – „eine Flut von Pflichten und Bedürfnissen“, die auf sie zurollten und für die sie zuständig war, eine überbordende Verantwortung für sechs kleine Geschwister, die kein eigenes Kindheitsleben mehr zuliess. Die „Flut“ von Migranten, die seinerzeit auf Deutschland zutrieb, triggerte die Angst vor „Mitessern“ und den Hass auf diese Last, und sie ersehnte deren Vernichtung und wollte sie nur noch loswerden. Keine Küchenpsychologie, Micha, war wirklich so – klingt aber ein bisschen danach, zugegeben.

Der Zusammenhang wurde ihr bewusst – und damit hätte es gut sein können – ein Erkennen einer Verschiebung eines alten Affektes auf Personen der Gegenwart, eine Entkoppelung, ein Wiedererleben des kindlichen Elends und der Beginn eines Trauerprozesses über nicht stattgefundene unbeschwerte Kindheit. In netten Therapiegeschichten oder -filmen läuft das in dieser Form so ab, mit einer Heilung und einem Courths-Mahler-artigen Ende mit allem Eiapopeia. Nun spielen uns manche Menschen hier einen Streich: Es findet kein Trauerprozess statt, sondern eine Bestätigung, dass man ja dann mit seinem Hass völlig im Recht sei durch die frühe Schädigung – statt des Affektes der Trauer kommt es zur Verstärkung der Wünsche nach Rache und Wiedergutmachung – es kommt zu keiner Loslösung von der traumatischen Situation – die durch das Betrauern ja ermöglicht wird und die einen neuen Lebens- und Beziehungsraum öffnet – sondern zu einem racheerfüllten Festhalten an dem, was einem angeblich zusteht – sei es die Vernichtung der Geschwister, die Rache an der Frau, die einen verlassen hat, das grossdeutsche Reich, die wieder komplettierte Sowjetunion, der Gottesstaat oder was auch immer einem genommen wurde. Jugendliche drücken diesen Zustand oft sehr präzise aus durch „Ich bin mein Leben lang verarscht worden – ab jetzt gibt’s sofort eins in die Fresse!“ Der moralische Kompass, falls überhaupt vorhanden, greift hier nicht, da grenzt sich die Neurose des Angepassten ab von der Persönlichkeitsstörung, früher auch simplifizierend Charakterstörung genannt. Etwas sehr schwer Beeinflussbares. Stattdessen wird in paranoid – misstrauischer Grundstimmung kreischend durch die Strassen gezogen und Knechtung durch die Regierung und Verarsche durch die Medizin mit ihren schädlichen Produkten angeprangert. Eins in die Fresse und kein Gelaber, Bruder!

Und hier sind wir wieder bei der sehr geschätzten Margaret Mitscherlich und ihrem Buch über das Nachkriegsdeutschland, das sich mit Nahrungsmitteln, schönen Bildern und süssen Melodien vollstopfte (Das steht uns jetzt zu!) und im Untergrund die alte Brutalität und den Hass weiter schwelen liess, der an vielen Stellen hochbrodelte wie ein Geysir und das den Antisemitismus und Fremdenhass bis heute nicht überwunden hat. Diese Kräfte sind mächtig, ich bin ihnen oft gegenübergestanden – nicht nur bei meiner Grossmutter, einer durchaus angepassten Dame, die sich riesig freuen würde wenn sich die Russen jetzt alle gegenseitig um die Ecke bringen und endlich von der Landkarte verschwinden würden – und sie stimmen mich pessimistisch bezüglich eines Sinneswandels hin zu einer – in toto – vernunftbegabten Menschheit.

Das war mir noch ein Anliegen – wir haben es neulich ja nicht ganz zu Ende diskutiert, als Lajla mich fragte warum ich mich so negativ äussere. Sorry, wenn ich ins Dozieren gekommen bin – Berufskrankheit – dann bitte zurückpfeifen. Bin ich nicht böse! Obwohl das Abgründige mein Hobby ist. Davon später vielleicht ein weiteres.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz