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2020 10 Jan

Katie Gately: Loom

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Katie Gately hat aufgeräumt. Die klangliche Überdrehtheit ihres Debütalbums Color im Herbst 2016 konnte einen wahnsinnig machen, wenn man sich gerade nicht auf der richtigen Wellenlänge befand. Es hat ein paar Jahre gedauert, doch nun ist endlich der Nachfolger da – und die CD trägt den Titel Loom (Webstuhl). Wer in den frühen Neunzigerjahren jugendlich war und „Adventure“-Computerspiele am PC spielte, verbindet mit „Loom“ lebenslang das radikal besondere, märchenhafte Grafikadventure der Firma Lucasfilm, bei dem der Spieler die Handlung nicht mit den üblichen Aufforderungen in Verbform, sondern durch zu spielende Melodien vorantreibt, die man im Verlauf der Geschichte erlernen muss. Keine Ahnung, ob Katie Gately das Spiel kennt; ihr Albumcover zeigt eine komplett zerlegte Fabrikhalle, aber ob da einst Webstühle drinstanden…? Womöglich wurde das Foto aus eher ästhetischer Motivation gewählt. Letztlich ist es auch ein angemessenes Bild für den Tod ihrer Mutter im Jahr 2018. Die Diagnose der Krebserkrankung war wesentlicher Ausgangspunkt für die Arbeit an diesem Album.

Wie Color hat Loom eine Gesamtspielzeit von 42 Minuten, und wieder gibt es Songs mit kurzen Titeln, aber teils epischer Länge. Allerdings steht der Gesang diesmal mehr im Vordergrund; die komplexe Instrumentierung und die extravaganten Rhythmusbasteleien wurden deutlich vereinfacht und auch transparenter gemischt, doch die ambitionierte Erzählhaltung bleibt dieselbe. Gately möchte ihre ganz eigene, neue Art von Songs erarbeiten, die zwar Avantgarde sind, aber diesmal um einiges eingängiger als zuletzt. Es ist also viel passiert in den etwa drei Jahren. Zwischenzeitlich durfte sie Remixes für Björk und Zola Jesus machen und einen Teil des vielgelobten Debütalbums ihres Landsmanns Josiah Wise, der unter dem Alias serpentwithfeet in Erscheinung tritt, produzieren – und dabei hat sie dessen Gospel-/Soul-Songs mit ihrer wilden Soundästhetik aufgekratzt. Daher klebt auf der CD lustigerweise gleich der Hinweis, dass es sich bei Katie Gately um die serpentwithfeet-Producerin handelt – als wäre das eine entscheidende Verkaufshilfe.

 

 

Ein schöner Einstieg in den Kosmos von Loom ist der Song Waltz, früher hätte man gesagt: die Single – zu der es auch direkt ein eindrucksvolles Musikvideo von der jungen Regisseurin und Performerin Samantha Shay gibt, die schon mit Marina Abramovic arbeitete und auch sonst viel mit Musiker/innen macht. Auf ihrer Webseite steht, dass sie „multisensorische, poetische Landschaften schafft, die an lebendige Träume erinnern und wie eine willkommene Halluzination auf den Körper wirken.“ Auf Waltz trifft diese Beschreibung jedenfalls sehr gut zu. Der Song ist inspiriert von Leonard Cohens Take This Waltz, dem Lieblingslied ihrer Mutter, das Gately 24 Stunden lang in Schleife gehört haben soll, bevor sie ihr eigenes Stück ausarbeitete. Katie Gately zog für die Arbeit an diesem Album von Los Angeles zu ihren Eltern nach Brooklyn um, wo sie meist nachts an der Musik arbeitete. In den wenigen Presseinformationen, die ich finden konnte, ist zu lesen, dass die verschiedenen Stücke „Personifikationen“ seien oder „abstrakte Gefühle“ aus dieser Zeit beschreiben. Das kann dann aber auch mal die Sicht der Mutter einnehmen oder gar die Perspektive der Krebskrankheit oder der Medikamente. Liest man, dass Samples wie die Schreie eines Pfaus, heulende Wölfe, das Geräusch vom Schließen eines Sarges oder des Schüttelns von Pillenbehältern und sogar Erdbeben auf der Platte zum Einsatz kommen, wird man, gerade auch nach Color, ein weitaus geräuschhafteres und extremeres Album vermuten, als Loom, das oftmals sogar gerade poetisch und sanft schillernd songhaft geworden ist, tatsächlich klingt. Und vor allem ist es alles andere als derart düster.

Ich empfehle einen Ausflug in die musikalische Welt von Katie Gately jedem, der die Popmusik der Zukunft sucht. Ihre reiche, sehr zeitgemäße Songkunst könnte ein Weg dorthin sein.

von Ingo J. Biermann

 

Vor drei Jahren schrieb ich in meiner minutiösen, kommentierten Diskografie des Gesamtwerks von Elton John, wie bedauerlich es sei, dass es (bis heute) kein echtes Soloalbum des Piano-Popstars gäbe, allenfalls das 2013er Album The Diving Board kommt dem halbwegs nahe; das MTV-Unplugged-Konzert aus dem Mai 1990 wurde bis heute leider nicht als LP veröffentlicht. Die neue Veröffentlichung eines Konzerts aus dem Jahr 1979 und andere Konzertalben-Reissues From the Archives wie 17-11-70 schüren neue Hoffnung, dass Unplugged womöglich doch bald auch mal erhältlich sein könnte.

Elton John spielte im Mai 1979 acht Konzerte in der Sowjetunion, was, soweit ich immer verstanden habe, für die damalige Zeit ein nicht unbedeutendes Ereignis war: Die kommunistischen Behörden erlaubten in den 1970ern erstmals Konzerte westlicher Rockmusik, zudem von einem reichen, auf der Bühne sehr extravaganten und offen homosexuellen Star, der in den 1970ern teils mehr Platten verkaufte als jeder andere. Im Anschluss wurde sogar Elton Johns LP A Single Man (1978), die den Rahmen der Tour vorgab, offiziell in der UdSSR veröffentlicht. Laut Informationen bei Wikipedia kostete eine Karte für eines der Konzerte 8 Rubel, was in etwa dem durchschnittlichen Tagesverdienst in der Sowjetunion entsprach. Allerdings wurden mehr als 90 Prozent der Karten von hohen Parteimitgliedern, Diplomaten und Militäroffizieren erworben. Der Rest kostete auf dem Schwarzmarkt das bis zu 25-fache des offiziellen Preises. Wie in vielen anderen Ländern des früheren Ostblocks war westliche Popmusik nur illegal und zu hohen Preisen zu bekommen.

Da die UdSSR-Konzerte Teil der Tour A Single Man waren, spielte Elton John jeweils die erste Hälfte des Abends solo am Piano, was ihm natürlich einige improvisatorische Freiheiten erlaubte, die man in den üblichen Bandkonzerten nicht zu hören bekommt; in der zweiten Hälfte kam Perkussionist Ray Cooper hinzu, der seit den frühen Siebzigern und bis heute immer wieder Teil von Eltons Konzertband war. Der oft extravagant aufspielende „Mad Ray Cooper“, bald 80 Jahre alt, spielte seit den Sechzigern mit The Who, Pink Floyd, den Rolling Stones, Eric Clapton oder auch George Harrison. Ich selbst hatte die Freude, ihn bei der Tour 1995 zu erleben, auf der Elton John nach Jahren der Keyboard-Lastigkeit erstmals wieder mit einem richtigen Flügel und einer elektronik-befreiten Rockband unterwegs war.

Eltons Idee der Tour war, auf die Extravaganz seiner früheren Auftritte zugunsten eines Fokus auf Piano und Gesang zu verzichten. Für die Russlandkonzerte erhielt er wohl jeweils eine Gage von 1000 Dollar. So wenig hatte er angeblich seit den Konzerten seines Durchbruchs im Troubadour in Los Angeles nicht erhalten.

Aufnahmen der UdSSR-Solotour waren bislang nur auf einer raren VHS-Veröffentlichung zu bekommen. Die BBC hatte das letzte Konzert am 28. Mai live aus Moskau übertragen, was laut BBC Radio 1 die erste Stereo-Satellitenverbindung zwischen der UdSSR und dem Westen war. (Hier ein kurzer Ausschnitt aus der Fernsehfassung der BBC.) Zum 40-jährigen Jubiläum gab es 2019 eine limitierte (und sehr teure) „Record Store Day“-Doppel-LP dieses Konzerts, die nun auch dem Normalbezahler erhältlich gemacht wurde, wahlweise auch als Doppel-CD.

Die Auftritte waren über zwei Stunden lang. Laut Wikipedia spielten John und Cooper bei diesem Konzert in Moskau rund 30 Songs – wobei Pinball Wizard (The Who) und die Beatles-Hits Back in the USSR und Get Back nur in Medleys im Zugabenteil mit Saturday Night’s Alright und Crocodile Rock untergebracht waren. Hier liegt – neben der mittelprächtigen Klangqualität der alten Aufnahmen – leider auch das größte Manko dieser Veröffentlichung: Ein Fokus wurde, wie so oft, wieder einmal auf die Hits gelegt. Brauchen wir die 78. Liveaufnahme von Bennie and the Jets, Sorry seems to be the hardest Word, Rocket Man und dem Schlager Daniel? Ja, die Performance ist toll, und auch Goodbye Yellow Brick Road und gerade improfreudige, aber seit 50 Jahren in nahezu jedem Konzert gespielte Piano-Rocknummern wie Take me to the Pilot und Saturday Night’s Alright (YouTube) sind immer wieder mitreißend. Die eigentlichen Schätze sind allerdings die längst aus dem Konzertprogramm verschwundenen Stücke wie Crazy Water, Tonight (sehr nahe an der Studioversion von 1976 gespielt, daher nicht allzu spannend), Better Off Dead und ein fröhliches Cover von I Heard It Through The Grapevine. Auch schön, dass Funeral For A Friend und das simplizistische Frühwerk Skyline Pigeon dabei sind.

Geradezu frustrierend ist allerdings, dass viele in diesem Konzert gespielte Raritäten, die ja nun locker auf einer Doppel-CD mit Spielzeit von bis zu 160 Minuten Platz gefunden hätten, weg gelassen wurden: die sympathischen Country-Songs Roy Rogers und I Feel Like a Bullet (In the Gun of Robert Ford), das grandios jazzige Idol und weitere tolle Stücke mit viel Piano wie Where to Now St. Peter, Ego, Part-Time Love, I Think I’m Going to Kill Myself, Sixty Years On und Song for Guy, die man kaum einmal wieder live zu hören bekam. Die CD bietet letztlich nur 16 Tracks, lässt also fast die Hälfte des Konzerts weg. Das ist eine große Enttäuschung. Nein, ein echtes Ärgernis.

von Ingo J. Biermann

2019 31 Dez

The 50 Best Albums of the Decade

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Dozens of „best of the decade“ lists have been popping up all over the internet, many of which are quite inspiring. I just came across this one in a video by English music fanatic Oliver aka „Deep Cuts“. Oliver has been very actively publishing highly inspiring, extensive and knowledgeable „A Guide to …“ videos on lots of different bands‘ and musicians‘ discographies – Swans, David Bowie, Eno, Autechre, King Crimson, PJ Harvey, Tom Waits, Aphex Twin, and many others. Usually they result from a lot of research and attentive listening, like his most recent one on Miles Davis, which I haven’t finished watching/listening.

He presents a very nice and interesting list and overview, and I like his comments on some of the albums, even though quite a few of them would not be my own choices. I think it’s great that in his selection Oliver has been looking out for and choosing music and artistic views that are really contemporary and reflect on the present of the 2010s – instead of choosing music for some sort of hipness value or based on the respective musicians‘ work in the past. I can find my own opinion reflected in several of his selections, but I am severely missing the two albums that come into my mind instantly when thinking about the best records of 2010 to 2019: Poliça’s debut Give You The Ghost and Algiers‘ The Underside of Power. Two other albums without which a top 50 list of this decade would not be complete in my opinion are PJ Harvey’s Hope Six Demolition Project – her very best album among many great ones – and Low’s masterpiece Double Negative. Both of them are very much product and reflective of the cultural landscape of the past ten years.

Obviously this list does not care for anything jazz-related or „contemporary classical“, but I don’t consider that a downside. For jazz-related „best ofs“ The Free Jazz Collective’s Top 101 Recordings Of The 2010s is a good starting point. They actually include four albums by Wadada Leo Smith („It is the combination of innovative music, its creativity combined with its deep soul and universality, with the humanistic approach and human rights appeal that lift this album to a level that few albums can achieve.“), which I think is a great thing to do. So here are the best albums of the decade by Deep Cuts:

 

50. Oceansize – Self Preserved While the Bodies Float Up (2010)

49. Greg Ward – Touch my Beloved’s Thoughts (2016)

48. Mitski – Be the Cowboy (2018)

47. Death Grips – No Love Deep Web (2012)

46. Blood Orange – Freetown Sound (2016)

45. Weyes Blood – Titanic Rising (2019)

44. Flying Lotus – You’re Dead (2014)

43. Sophie – Oil of Every Pearl’s Un-insides (2018)

42. Carly Rae Jepsen – Emotion (2015)

41. Ghostpoet – Dark Days + Canapés (2017)

40. A Tribe Called Quest – We Got It from Here… Thank You 4 Your Service (2016)

39. Japandroids – Celebration Rock (2012)

38. Pinegrove – Cardinal (2016)

37. Converge – All We Love We Leave Behind (2012)

36. Beach House – Teen Dream (2010)

35. The National – Sleep Well Beast (2017)

34. Esperanza Spalding – Emily’s D+Evolution (2016)

33. Portico Quartet -Portico Quartet (2012)

32. Jlin – Black Origami (2017)

31. Deafheaven – Sunbather (2013)

30. Vince Staples – Big Fish Theory (2017)

29. Jeff Rosenstock – Worry (2016)

28. Jessy Lanza – Oh No (2016)

27. Alex Cameron – Forced Witness (2017)

26. Aphex Twin – Syro (2014)

25. Xiu Xiu – Forget (2017)

24. Swans – The Seer (2012)

23. William Doyle – Your Wilderness Revisited (2019)

22. Oneohtrix Point Never – Replica (2011)

21. Nick Cave – Skeleton Tree (2016)

20. Mica Levi – Under the Skin OST (2014)

19. The Field – Looping State of Mind (2011)

18. Scott Walker – Bish Bosch (2012)

17. Danny Brown – Atrocity Exhibition (2016)

16. Gang Gang Dance – Eye Contact (2011)

15. The Armed – Untitled (2015)

14. David Bowie – Blackstar (2016)

13. The Caretaker – Everywhere at the End of Time (2019)

12. Kendrick Lamar – To Pimp a Butterfly (2015)

11. King Krule – The OOZ (2017)

10. Joanna Newsom – Have One on Me (2010)

9. Oxbow – Thin Black Duke (2017)

8. Autechre – NTS Sessions (2018)

7. FKA Twigs – LP1 (2014)

6. Frank Ocean – Blonde (2016)

5. Tim Hecker – Ravedeath 1972 (2011)

4. Somi – Petite Afrique (2017)

3. Sun Kil Moon – Benji (2014)

2. Björk – Vulnicura (2015)

1. These New Puritans – Field of Reeds (2013)

Nun sind ja in den letzten Wochen des Jahres wie nicht selten noch einige tolle Platten herausgekommen (Function, Shed, MoE & Pinquins, Alva Noto & Ryuichi Sakamoto), und manch eine bereits früher im Jahr erschienene habe ich zwischenzeitlich entweder noch günstig erworben oder zumindest ausgeliehen oder anderswie zu Gemüte geführt bzw. zugesandt bekommenGleich zwei der besten Alben kamen im Herbst/Winter beim Avantgarde-Label Subtext Recordings heraus (Subtext Recordings was founded in 2004 in Bristol. Now based in Berlin, the label is curated by James Ginzburg and explores the numinous space between experimental electronic and composed instrumental music.): erstens das exzellente, aus Field Recordings, Ambient, Perkussion und Club Music verdichtete Album Carbon des Duos Ecker & Meulyzer, über das ich hier geschrieben habe. Zweitens Oratorio for the Underworld: Hinter dem Pseudonym PYUR verbirgt sich die Münchnerin Sophie Schnell, deren Lebensgefährte Olly Peryman aus Neuseeland unter dem Alias „Fis“ (schwer zu gugln) übrigens ebenfalls ganz famose, latent ambiente elektronische Musik veröffentlicht. Ich habe (und empfehle sehr) seine Alben From Patterns to Details (2016) und The Blue Quicksand Is Going Now (2015); mehr weiß ich über ihn nicht. PYUR veröffentlichte vor drei Jahren eine LP namens Epoch Sinus, die  sehr schön zwischen intuitivem Ambient und ästhetisch-natürlichem Drone/Noise wandelt. Ein frühes Interview mit der Künstlerin, Überschrift „I wanted the Listener to feel powerful“, fand ich hier.

Ihr zweites Album ist vielleicht ein Meisterwerk, jedenfalls eines, das über rund eine Stunde einen phänomenalen Sog ausübt, halluzinogen, poetisch, surreal, vielschichtig aus Elementen konstruiert, die ich nicht ausmachen kann. Frank P. Eckert bezeichnet die Musik als „topmodernen Hybrid aus Neoklassik, Industrial und Dark Ambient“ und führt in seiner monatlichen Kolumne bei Groove.de aus:

PYURs Soundtrack zu diesem Trip […] behält [seine] Quellen derart halbbedeckt und teilverfremdet, dass sich immer gerade nicht erahnen lässt, wo sie herstammen. Es bleibt das diffuse Gefühl, diese Klangfetzen schon zig mal gehört zu haben – und noch nie.  Das ist exakt das Geheimnis guter Popmusik. […] Bei PYUR kommt dazu ein brillantes, dynamisches Sounddesign, das adäquat zwischen notwendigem Schmutz und klärender Glanzpolitur zu vermitteln weiß.

 

 

 

In meinem vorläufigen Jahresrückblick vor ein paar Wochen habe ich Julia Kadels Trioalbum Kaskaden nicht erwähnt, das zu meinem Erstaunen niemand in seiner Jahres-Rückblickliste erwähnt hat (vielleicht weil es diesmal nicht bei Blue Note, sondern bei MPS erschien, das irgendwie niemand auf dem Schirm zu haben scheint; es wurde auch so gut wie gar nicht in  den Medien besprochen, sehr schade). Ich höre es sehr gerne; eine(s) dieser speziellen Jazztrio(alben), bei denen man immer wieder etwas Neues zu hören meint. Auch habe ich zwei elektronische Alben vergessen, die mich bereits sehr früh im Jahr 2019 begeistert haben; beide erschienen im Januar:

Die Musikerin/DJ Melika Ngombe Kolongo alias Nkisi stammt aus der Demokratischen Republik Congo, lebt derzeit in London und hat im Januar die LP 7 Directions herausgebracht, die auf seltene Weise elektronische Londoner Club-Kultur mit polyrhythmischer zentralafrikanischer Musiktradition verbindet, a stark exercise in rhythm and atmosphere, delivered in seven unnamed tracks. On each one, blunt drum loops are layered into shuddering polyrhythms, while more ambient sounds drift around them, forming shimmering, mirage-like structures (Resident Advisor).

Und dann das radikal intensive Album des US-Amerikaners Surachai Sutthisasanakul, einem Sound-Designer und Komponist, der seit zehn Jahren neben seinen Soundjobs für große Firmen dunkle Industrial-Klangmonster baut. Come, Deathless synthesizes live playing, field recordings, analog synthesizers, and heavy digital manipulation into a cohesive whole (…). This music finds the artist sometimes marching, sometimes dancing, sometimes weeping, sometimes praying, and sometimes screaming. The field recording sources range from the thick jungles and mountains of Thailand, California coastlines and various studios in Chicago. On the other hand, a lot of the synthesis comes from closed virtual environments or hulking immobile synthesizer systems. Thousands of sounds were networked and streamlined through several computers so I couldn’t get away or have an excuse not to work on the album. As a professional sound designer, mixer, and location audio engineer Surachai works tirelessly to ensure his releases meet the highest sonic standards. (aus dem Presseinfo; die kostspielige LP besitze ich leider nicht.)

 

 

 

Wenn ich mich also heute für eine „Top 20“-Liste meiner persönlichen im Jahr 2019 veröffentlichten Lieblingsalben entscheide, kommt folgendes dabei heraus:

 

1-10

 

  • Mattiel  Satis Factory
  • Little Simz  Grey Area
  • Pyur  Oratorio for the Underworld
  • FKA twigs  Magdalene
  • Jamila Woods  Legacy Legacy
  • Barker  Utility
  • Kim Gordon  No Home Record
  • Banks  III
  • Cherry Glazerr  Stuffed and Ready
  • Burial  Tunes 2011-2019

 

11-20

 

  • Julia Kadel Trio  Kaskaden
  • Lena Andersson (Kyoka & Ian McDonnell)  Söder Mälarstrand
  • Grischa Lichtenberger  re: phgrp
  • Louis Sclavis  Characters on a Wall
  • SØS Gunver Ryberg  Entangled
  • Kate Tempest  The Book of Traps and Lessons
  • Puce Mary  The Drought
  • Fennesz  Agora
  • Nkisi  7 Directions
  • John Luther Adams  Become Desert

 

Ecker & Meulyzer und Surachai habe ich nicht als haptische Tonträger; deshalb lasse ich die mal raus aus der Liste. Zudem weiß ich noch nicht ganz, wohin mit den Alben von Nick Cave (Ghosteen), Shed (Oderbruch), Function (Existenz), Klein (Lifetime) und Matana Roberts (Memphis) – alles Alben, die neue Wege gehen und Perspektiven in ihrem jeweiligen Genre öffnen und die ich daher ebenfalls sehr empfehlen kann. Ja, und Moor Mothers eindringliches Analog Fluids of Sonic Black Holes ist eigentlich auch ein Werk, das 2019 einen wichtigen Stellenwert haben sollte, finde ich: This dense, incredible LP blends jazz, modular synths and spoken word in a document of time travel as a conduit for black empowerment. (RA review) Vielleicht tausche ich das demnächst noch aus, wenn ich es ein noch paar Mal gehört und besser durchdrungen habe. Wem die politische Dichterin, Aktivistin, Wort- und Klangkünstlerin aus Philadelphia bislang verpasst hat: Unbedingt nachholen! Und Moor Mothers (Camae Ayewa) andere Alben (u.a. Fetish Bones) sind nicht weniger empfehlenswert!

Viele dieser Alben habe ich mir zuletzt gekauft, indem ich zuvor einige Platten aus meiner Sammlung verkauft hatte. Ich höre die Musik einfach bewusster an, wenn ich sie über meine Stereoanlage und mit einer haptischen, altmodischen Verpackung genieße und durchdringe. Habe und höre ich etwas als MP3, ist das allerdings oftmals Anlass und Auslöser, eine LP noch real zu erwerben, so etwa bei Stuffed & Ready, der dritten Platte des kalifornischen Trios Cherry Glazerr um die gerade mal anfangzwanzigjährige Clementine Creevy. Das ist eigentlich das wunderbare neofeministische Alternative-Rockalbum mit verzerrten Gitarren und mitreißenden Refrains, das ich gerne von Sleater-Kinney gehört hätte (deren Comebackalbum Cities to Love fand ich 2015 super, auch wenn ich es erst 2016 so richtig „entdeckte“ und schätzen lernte, aber ihr neues Album erreichte mich nicht, zu glatt und unschlüssig).

Da ich in diesem Jahr, speziell durch meine verschiedenen Projekte und Trips, auch für die 50 ECM-Kurzdokus, leider deutlich mehr Geld ausgegeben habe, als ich verdient habe, habe ich mir für die nächste Zeit bis auf weiteres einen radikalen Sparkurs verordnet, darf für mindestens ein paar Monate einfach mal nichts ausgeben, was sich nicht unbedingt vermeiden lässt, und werde auch schauen, dass ich meine Zeit vorrangig effektiv für die Weiterarbeit von Projekten investiere, die früher oder später zumindest die Chance auf Einkünfte haben. (Ich gebe zu, dass ich bereits vor ein paar Wochen zwei im Januar erscheinende Alben in speziell limitierten Ausgaben vorbestellt habe; die beiden Bands waren tatsächlich zufälligerweise die ersten beiden, die mir in den Sinn kamen, als ich überlegte, welches die nachhaltigsten/bleibendsten Alben der 2010er aus meiner Perspektive waren – Algiers‚ zweites, The Underside of Power, erschien 2017, Poliças nach wie vor einzigartiges Debüt Give You The Ghost 2012. Ihre beiden in Kürze erscheinenden Platten werden bestimmt Ende 2020 in meiner Bestenliste auftauchen.) Sollte zufällig irgendwer unter den Lesern dieser Zeilen von irgendwelchen Jobs bzw. Projekten Kenntnis haben: Ich bin verfügbar, kann Dokumentarfilm (Regie/Kamera) bzw. Dokumentation / Video, Editing, Schreiben, Recherchieren, Interviews, Moderieren, Fahren, Übersetzen (vorrangig Englisch>Deutsch, viel Erfahrung mit unterschiedlichsten Texten, auch politische, gesellschaftliche Themen, Kunst etc. Im Frühjahr erscheint ein Buch von Sibylle Berg mit Gesprächen mit internationalen Wissenschaftler/innen u.ä. mit dem Titel „Nerds retten die Welt“, wofür ich etwa die Hälfte der Gespräche ins Deutsche übertragen habe).

 

 

Abschließend zum Jahresende hier noch rund ein Viertel meines zweistündigen Gesprächs mit David Torn in seinem Studio in Bearsville bei Woodstock (nur wenige Minuten von den Häusern von Marilyn Crispell, Carla Bley und Steve Swallow entfernt, zu denen in Bälde Interview-Videos online sein werden). Er erzählte ungemein viele spannende Sachen, über ECM, über Bowie, Madonna, Hendrix und das Woodstock-Festival (er fuhr damals als 16-Jähriger zum Festival, Hendrix war zentraler Einfluss für seine Laufbahn als Musiker), aber natürlich kann nur weniges davon in diesem Video Raum finden. Es ist ohnehin etwas lang geraten, aber ich fand es einfach zu toll, wie er diese Geschichten aus den Achtzigern erzählte.

2019 1 Dez

Burial: Tunes 2011 – 2019 (From The Archives)

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Pünktlich zum Ende der 2010er bringt das renommierte britische Label Hyperdub, dessen Renommee wesentlich durch die 2006 und 2007 erschienen Alben von Burial (alias Will Bevan) geprägt wurde, am heutigen Nikolaustag – und im 15. Jahr seines Bestehens – Burials Kollektion Tunes 2011-2019 heraus. Klar, der Titel ist unmissverständlich: Hier gibt es 150 Minuten Musik, die quer durchs Jahrzehnt entstand, von einem Musiker, dessen zweite CD Untrue von nicht wenigen als eines der besten elektronischen bzw. „Dance“-Alben (wenngleich man dazu nur bedingt tanzen kann) überhaupt bezeichnet wird. Eigentlich gibt es hier also nichts Neues zu hören, denn alle Stücke sind zuvor auf EPs und Singles erschienen. (Bedauerlicherweise gibt es trotz der epischen Laufzeit und uneingeschränkten Qualität noch Mängel anzukreiden: Warum fehlt etwa die gelungene Single Rodent, die bislang nur auf Vinyl erhältlich ist?)

12 Jahre nach Untrue schließt Hyperdub damit eine Lücke – nämlich die, dass es in diesem Jahrzehnt noch kein Album von Burial gab. Nun gibt es also gleich eine Doppel-CD, und jeder, der die Meisterschaft Will Bevans wieder oder neu entdecken möchte, kann hier eines der besten Alben des Jahres, wenn nicht gar des Jahrzehnts preisgünstig erwerben. Nur die Aufmerksamsten werden bereits alle Stücke im Plattenschrank haben; insofern ist für jeden was dabei.

Gerne wird über Burial gesagt bzw. geschrieben, dass man seit eben 12 Jahren auf ein neues Album von ihm warte; zugleich werden zwischen den Zeilen (berechtigte) Zweifel geäußert, ob einer, der im Jahr 2007 ein stilbildendes Meisterwerk ablieferte, das wie wenig anderes über die Grenzen von Genres und Milieus hinweg gleichermaßen verehrt wurde und nach wie vor geschätzt wird, nicht mit jedem Nachfolgealbum quasi zum Scheitern verurteilt ist. (Siehe auch: Massive Attack) Doch mehrere von Burials sogenannten EPs, also rund halbstündigen Tonträgern, sind eigentlich kurze Alben — Rival Dealer, Street Halo, Kindred; sie wurden nur nie als solche präsentiert (anders als das seit ein paar Jahren etwa Kanye West praktiziert). Die darauf vertretenen Stücke entwickeln sich über bis zu 14 Minuten;  Rough Sleeper, Come Down To Us oder Ashtray Wasp sind eher komplexe Suiten als gewöhnliche Dance-Tracks.

Tunes 2011-2019 bietet nun also die Gelegenheit, Bildungslücken zu schließen und die durchweg schillernd fantasievolle Musik und die überaus eigene, subtile und reiche Klangwelt, die Will Bevan alias Burial in den letzten neun Jahren immer weiter verfeinert und variiert hat, kennenzulernen. Es gibt nicht ein schwaches Stück auf diesem Album, wenngleich viele sich nicht unmittelbar, beim ersten oder beim Nebenbei-Hören erschließen – gerade eben die episch angelegten Erzählungen entfalten sich nach und nach. Es ist ein verzaubernd eindringliches und vor allem abwechslungsreiches Universum, das hier über zweieinhalb Stunden dargeboten wird. Im direkten Vergleich ist das meisterhafte Untrue zwar ein sehr viel homogeneres Epos; auf der anderen Seite zeigt Tunes 2011-2019 aber auch, wie man sich von Fesseln (der Erwartung / der stilistischen Prägnanz) befreien kann und seine Kunst in alle möglichen Richtungen ausstreckend gestalten kann, so sehr, dass der Zuhörer überall auf Ideen stößt, die es wert wären, auf Albumlänge vertieft zu werden. Burials Tunes packen immer wieder, emotional unmittelbar, auf überraschende Weise mit ungewohnten, durchweg schlüssigen Kombinationen scheinbar disparater Elemente. Und das tun sie auch beim x-ten Wiederhören noch, womöglich sogar mit der Zeit immer besser. Die ältesten Stücke des Doppelalbums vom Anfang des Jahrzehnts sind auch fast zehn Jahre später noch immer so bewegend wie einst. Die Kollektion bekräftigt, dass Burial auch in den 2010ern zu den Meistern seines Fachs gehört.

Burials Musik wird landläufig zwar dem Dubstep-Genre zugeordnet, doch diese Schublade ist nicht weniger irreführend als würde man bei Stichwort „Rockmusik“ an Bill Haley denken, aber dann Sonic Youth oder King Crimson hören.

von Ingo J. Biermann

2019 1 Dez

R.E.M.: Monster (25th Anniversary Edition)

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Als Jugendlicher habe ich mit Vorliebe und Hingabe, viele Jahre lang, für wahrscheinlich alle meine Freunde und Freundinnen (und auch solche, die dies dann doch nie wurden) Kassetten mit unterschiedlichsten Zusammenstellungen von Musik aufgenommen, üblicherweise immer spezifisch auf den Empfänger zugeschnitten. Ich liebte es, überraschende Wendungen und Brüche einzubauen, Leute mit etwas zu konfrontieren, das sie sonst wohl nie angehört hätten, und ich glaube, ich kann mit einer gewissen Selbstsicherheit sagen dass ich über die Jahr das dramaturgisch ausgefeilte Zusammenstellen von Musik in unterschiedlichsten Gesamtlängen zu einer komplex vollendeten Form geführt habe.

Die Zeit der Musikkassetten ist lange vorbei. Später habe ich oft noch CDs zusammengestellt; tatsächlich ist das noch gar nicht so lange her. Meine Musiksammlung ist über die Jahrzehnte enorm gewachsen, und so war es mehr und mehr eine Herausforderung, aus tausenden von Alben und Quellen Musik zu wählen, die sich dann zu einer dramaturgischen Zusammenstellung von maximal 80 Minuten (der Länge einer CD) — manchmal wurden es natürlich auch zwei CDs – fügten, etwa mit einem „Best of“ des zu Ende gegangenen Jahres.

Seit es Spotify und „Playlists“ gibt, scheint das, was früher Musikkassetten waren, im Internet zu passieren, doch da ich nur sporadisch über iTunes und noch viel seltener per Streaming Musik höre, geht das weitgehend an mir vorbei. Die DJ-Mixes und „Podcasts“ von Musikern und DJs interessieren mich zwar, und da gibt es enorm viel Spannendes, aber eben auch bei weitem zu vieles für die wenige Zeit, die ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Leben zur Verfügung stellt. Man müsste eigentlich komplett aufs Sammeln verzichten und Alben nurmehr ein, zwei Mal anhören, um irgendwie ansatzweise dem hinterherzukommen, was es an spannender Musik und hörenswerten Zusammenstellungen in der großen, weiten Welt der Internets gibt. Immerhin kaufe ich manchmal DJ-Mix-CDs, speziell wenn mich ein/e DJ interessiert – oder wenn ich aufgrund der vertretenen Genres, einzelner Namen im Mix, aufgrund von Empfehlungen, einer bestimmten geschätzten Mix-Reihe oder anderer Attraktivitätsfaktoren neugierig werde.

Leider ist mein potenzielles Publikum für solche Zusammenstellungen geschrumpft. Ebenso wie meine Zeit. Dennoch kommt es noch immer, von Zeit zu Zeit vor, dass mich etwas dazu veranlasst, einen Mix zu erstellen. Erzählt etwa ein (in England aufgewachsener) Freund, dass er zum Konzert der Einstürzenden Neubauten gehen wird, aber die Musik der Band gar nicht kennt und möchte meine Meinung hören, bekommt er ungefragt eine zweieinhalbstündige Zusammenstellung quer durchs Werk der Band von mir zugeschickt. Kommt im Kino, in dem ich zur Berlinale arbeite, ein Film mit / über PJ Harvey, und die anfang-20jährigen Mitarbeiterinnen wissen eigentlich gar nicht, wer PJ Harvey ist, komme ich nicht umhin, einen repräsentativen Querschnitt aus allen Alben der Künstlerin in iTunes zu erstellen, inklusive allerhand „Nebenwerken“ wie etwa ihren Zusammenarbeiten mit Marianne Faithfull oder wunderbaren Cover-Interpretationen von Caroline Henderson und Ane Brun. Meine alternativen, zweitstündigen „Deep Cuts“ aus dem Œuvre von Elton John (als Entgegnung auf die von ihm selbst hinter den Möglichkeiten zurückgebliebene Liste) hatte ich vor wenigen Jahren ja hier kundgetan.

Natürlich gebe ich mir mit solchen Zusammenstellungen sehr viel Mühe, höre sie selbst mindestens einmal komplett durch, bevor ich sie aus der Hand gebe — und verbessere dann oft noch vieles, bevor (und nachdem) ich sie weitergebe.

Mittlerweile, seit ich iTunes für unterwegs, etwa für lange Autofahrten nutze, mache ich gerne auch mal solche Zusammenstellungen für mein mobiles Gerät, um diese Kompilationen dann unterwegs zu hören, etwa “Twenty Years in the Life of Robert Anthony Plant, CBE“, als ich Lust hatte, das Beste aus den streckenweise großartigen Alben der letzten 20 Jahre von Herrn Plant zu kompilieren, mit dem Bemühen, nicht länger als 120 Minuten zu werden. Oder „5 Years of R.E.M.“ – was eigentlich ein Schreibfehler war; aus dem Ziel, meine Lieblingslieder von allen R.E.M.-Alben inkl. B-Seiten, Raritäten, Alternativ-, Demo- und Live-Versionen (Star me Kitten mit William Burroughs als „Sänger“, eine Adaption von Leonard Cohens First We Take Manhattan, World Leader Pretend als ergreifendeUnplugged-Version…) zu kompilieren, wurden auch nach strenger Auswahl noch immer fünf volle Stunden. Letztlich ist so eine Zusammenstellung auch eine gute Option, um das Beste von R.E.M. / PJ Harvey / Einstürzende Neubauten / Robert Plant etc. in der Tasche parat zu haben, ohne von der Qual der Wahl, sich für ein einziges Album entscheiden zu müssen, erschlagen zu werden.

R.E.M. also. Auch wenn ich nie ein „Über-Fan“ der Band war, so habe ich doch zuverlässig alle Alben mit Hingabe verfolgt, gehört und im Detail lieben gelernt, so dass ich mir durchaus zutrauen darf, Around The Sun den Status eines zu Unrecht geringgeschätzten Spätwerks anzuheften, Up zum großen, mit Konventionen brechenden Werk der dritten Phase der Band zu erklären oder einige Hits als vernachlässigbar und „generic R.E.M.“ abzustempeln (Imitation of Life, Leaving New York), andere allgemein als Banalitäten und Selbstkopien abgetane Singles wie Überlin hingegen als kluge Perlen aufzuwerten.

Als R.E.M. 1994 Monster veröffentlichten, wollten sie nach den zweieinhalb sensiblen American-Folk-Alben im Millionenseller-Bereich wieder als Alternativ-Rock-Band gesehen und gehört werden. Daher wurde Monster laut, schmuddelig, voll von verzerrten Gitarren und klanglich wenig ausgefeilt rausgehauen. Ihr Produzent und Mixer Scott Litt war mit dem Ergebnis nie so recht glücklich und hat nun, im Zuge der Jubiläumsausgaben, die bislang alle R.E.M.-Alben seit dem Debüt Murmur erfahren haben, die Chance bekommen, eine „Remix“-Version des gesamten Albums zu erstellen, die dann auch ohne Veto oder Änderungswünsche der Band herausgebracht wurde, natürlich nicht ohne den Zusatz, dass diese Versionen keineswegs die alte ersetzen könne, aber eine legitime eigene Lesart darstelle.

Man muss das Originalalbum zum größten Teil recht gut kennen, um die Unterschiede zu hören; das ist erst einmal nichts Schlechtes, meine ich. Litt sagte beispielsweise selbst, dass etwa What’s the Frequency, Kenneth? zu den paar Stücken des Albums zähle, die bereits 1994 sehr gut gemischt wurden; er lässt daher nur ein paar Effekte weg, die ihm zu zeittypisch und selbstverliebt schienen. (Das Entfernen des charakteristischen Tremolo-Overdubs bringt die Aussage „legitime alternative Lesart“ besonders markant zur Geltung, wenngleich man es eh kaum jemandem, der ein Album über 25 Jahre oft und gerne gehört hat, recht machen kann.) Beim folgenden Crush with Eyeliner (schon auf dem Originalalbum eines von zahlreichen persönlichen Lieblingsliedern) aber hat man, nach einem kurzen Schreck über den komplett veränderten, auf den ersten „Blick“ albernen neuen Einstieg („Lalalalala, la“), das Gefühl, eine bislang unentdeckte Aufnahme aus R.E.M.s Schatztruhe zu hören. Nicht nur klingt die neue Version, als sei endlich eine Art matschiger Schleier weg geputzt worden, Litt hat  zudem eine alternative Gesangsspur eingesetzt, die aus dem Song neue, ungehörte Qualitäten herauskehren. Ähnlich ging er bei Tongue vor, einem der wenigen Stücke des Albums, die ich all die Jahre nie so recht mochte. Mit anderer Mischung, anderer Gewichtung der Elemente, vor allem der subtilen Verbesserung der Präsenz von Michael Stipes Gesang ist Tongue nun das Lied geworden, als das andere Hörer es immer beschrieben, was ich indes nie nachvollziehen konnte. Die Veränderungen der Gesangsspuren sind fast durch das ganze Album  hindurch formidabel – und Litt beweist Vielseitigkeit und Klugheit in den meisten seiner Entscheidungen; ich verweise nur mal auf I took your Name (mit der Textzeile „I wanna be Iggy Pop“), dessen Gesang (wie auch die Gitarrensounds) durch den neuen Mix sehr aufgewertet wird. Bei King of Comedy gibt es nun am Ende einen heiteren Ausklang mit einem bewusst unperfekten Background-Chor; I don’t sleep, I dream hat plötzlich einen gut 30 Sekunden längeren Schluss, wo früher ein harter Schnitt den nun zusätzlichen Akzent grob abgeschnitten hatte.

Nicht überall sind Litts Änderungen ein Zugewinn – das als Reaktion auf den Tod von Kurt Cobain entstandene Noise-Stück Let me in im Neil-Young-&-Crazy-Horse-Stil büßt mit herausgeputzter und effektbefreiter Gesangsspur sowie massiv reduzierten Gitarreneffekten und eliminierter Orgel den Großteil seiner Eindringlichkeit ein. Das (im Original) als hingeschludertere Kreuzung aus It’s the End of the World as we know it und Iggy-Pop-Glam-Rock gespielte Star 69 wird mit einem saubereren Mix auch nicht plötzlich zur Perle, wenngleich man sich hier wie in vielen anderen Songs freut, dass Michael Stipe nicht mehr ganz so im „murky mix“ untergeht. Anders schon Strange Currencies: Zwar wird die Nummer nun ein typischerer R.E.M.-Song, aber auf einmal ist da Luft im Mix, Klarheit in der Interpretation, ein schönes bewegendes Schweben, da die seltsam verstimmte Orgel und die verzerrte Gitarre sich besser umspielen, die Zäsur prägnanter gesetzt ist und Stipes Gesang sich besser entfalten kann. Anderswo, z.B. in Bang and Blame, taucht nun gut gesetzte Perkussion auf, die zuvor irgendwo im Mix vergraben war.

Normalerweise finde ich es Quatsch, ein Album, das ich bereits in einer hervorragenden CD-Version besitze, als LP zu kaufen. Allerdings ist das Bonus-Material der (auch zu teuren) 5-Disc-Deluxe-Ausgabe wenig reizvoll – CD3 enthält 15 (vorwiegend instrumentale) Skizzen unterschiedlicher Qualität, die wirklich allenfalls für „Die-Hard-Fans“ interessant sind. Der einzige bekannte, halbwegs fertige Song Revolution zählt ohnehin zu den vernachlässigbaren, schwächsten Stücken der Band; und das Konzert auf CD4 und 5 kann man sich ebenfalls schenken, besonders wenn man das sehr ähnliche Konzert aus dem selben Jahr auf der im letzten Jahr veröffentlichten „R.E.M. at the BBC“-Box kennt. R.E.M. waren eine wirklich intensive Live-Band (ich habe sie selbst in den 1990ern erlebt), doch abgesehen von den „Unplugged“-Konzerten (inklusive einiger ähnlich gelagerter Aufnahmen in der BBC-Box) vermittelt dies kaum der zahlreichen Live-CDs, speziell nicht die der späteren Jahre, eben ab 1994/95.

Die Doppel-LP in nun blauem statt wie früher orangenem Gewand ist für diese Neo-Glamrock-LP also die ideale Form zum Weihnachtsgeschäft, speziell wenn man die Original-CD noch im Regal stehen hat. Die Seiten A und B bieten ein unaufdringlich, aber effektiv verbessertes Remastering des originalen Monster-Albums. Und die Seiten C und D bieten eben die beschriebene Alternativversion, die sowohl Fans als auch Gelegenheitshörern einen Klassiker der mittleren 1990er neu ans Herz legt. So kann man nach Lust und Laune zwischen den beiden Optionen wechseln.

Demnächst werde ich also meine mobile R.E.M.-Playlist überarbeiten müssen. Sie wird wieder dazugewinnen.

 

von Ingo J. Biermann

2019 27 Nov

Divine Love

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I had a really nice day with this visitor from America yesterday. I told him this album was recorded the year I was born, in my mother’s hometown, close to where I lived at that time. He shared some memories about working with Manfred Eicher / ECM (Thomas Stöwsand) and he also revealed that a new quintet album has been recorded for ECM with Eicher which has yet to be mixed. My interview with Wadada will be online early next year … In the meantime I recommend his albums on the Finnish TUM label, such as the solo album Reflections And Meditations On Monk, the highly unique Najwa with four guitars and Bill Laswell, and also The Great Lakes Suite with Henry Threadgill, John Lindberg and Jack DeJohnette.

 
 

Wadada Leo Smith holding the 1978 Divine Love LP

Okay, denke ich mir, nehme ich den Ball, wo er schon geworfen wurde, doch einfach direkt mal auf und schreibe auch etwas anders als sonst über zehn favourite records des zu Ende gehenden Jahres. Tatsächlich wollte ich just vorgestern noch eine spontane Liste meiner persönlichen Lieblingsalben der 2010er hier kundtun, aber dann kam Michael mit seinem Beitrag zuvor, da schien es mir dann doch zu unpassend, eine „Best of 2010“-Liste zu posten.

Wie gestern schon im Kommentarfeld kundgetan, ist Mattiels zweites Album Satis Factory mein ungeschlagenes „Lieblingsalbum“ dieses Jahres. Ihr unbetiteltes Debütalbum 2018 fand ich schon ganz sympathisch, aber es hatte sich mir nicht so eingebrannt wie nun der Nachfolger. Erst als ich einen Narren an Satis Factory gefressen hatte, habe ich das Debüt dann doch noch als LP gekauft und seinen wunderbar zeitlosen Charme vollauf via old-fashioned vinyl in mein Wohnzimmer geholt. Satis Factory ist eine jeder seltenen Platten, die ich tatsächlich zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtzeit und in jeder beliebigen Situation rauf und runter hören kann — und das, obwohl ich sonst gar nicht so auf diese etwas aufdringlich klugen Zitat-Rock&Pop-Alben stehe. Aber Mattiel hat einfach so eine mitreißende Energie und Fantasie, und es gelingt ihr, jedem Song eine gänzlich eigene Charakteristik zu verleihen und mit Humor und Power so zu verdichten, dass viele der 12 Nummern der LP unter drei Minuten kurz bleiben. Sogar eine eigentlich total cheesy Velvet-Underground-Hommage überzeugt. Und Keep The Change ist einfach der Popsong des Jahres, no question.

Wie gerne wäre ich zu ihrem Berlin-Konzert gegangen (ein heiterer Song der Platte heißt übrigens Berlin Weekend), aber dummerweise war ich ausgerechnet während ihrer Europatour selbst in der Heimat der US-Amerikanerin unterwegs.

(Mein persönlich) bestes Hip-Hop-Album 2019 ist das neue (offiziell dritte Album, doch darüber hinaus gab es noch vier fantasievolle „Mixtapes“ und fünf „EPs“, die z.T. kaum oder nicht kürzer als ein Album waren und die auch schon mal Gimme Shelter sampelten) Grey Area der Londonerin Little Simz, die ihren Künstlernamen als „Abkürzung“ ihres bürgerlichen nigerianischen Vornamens Simbiatu erhielt. Glücklicherweise konnte ich Little Simz bei einem tollen Berlin-Konzert erleben; ihre Energie und ihr Charisma sind bestechend. Da sie gerade mal 25 Jahre alt ist, dürfte von ihr noch viel Großes zu erwarten sein. Die 5-Sterne-Rezension im Independent titelte: „Rapper is light years ahead on new record with her dextrous flow and superb wordplay“ und kommentierte, ihr „bolder sound assisted by her childhood friend – the producer Inflo [Michael Kiwanuka’s Love & Hate]“ verbinde alles aus „jazz, funk and soul to punk and heavy rock, plus three carefully chosen features“. Genau, Michael Kiwanuka ist als Gast beim letzten Stück auch dabei.

Auch ein mitreißendes Konzert war Jamila Woods aus Chicago mit den Songs ihres zweiten Albums: „Each track on the album is named after a cultural icon who inspired Woods and shaped her identity as an artist and individual. Reveling in the legacies of artists, activists, writers, and musicians, Woods positions  Legacy! Legacy!  as a genuflection of gratitude. More so, the album ensures the cultural icons‘ impact is concertized within the contemporary moment. Woods, herself, a poet, singer, activist, and teacher, casts Legacy! Legacy! as a beacon for a type of self-empowerment informed by the predecessors who built and shaped culture.“ fasst Elisabeth Woronzoff zusammen.

 

„Die Sängerin, Poetin und Aktivistin aus Chicago setzt in 13 Songs und Songtiteln schwarzen Ikonen aus Musik, Kunst und Literatur ein Denkmal. Viele von diesen Ikonen nutzten ihre Kunst auch als gesellschaftliches Machtinstrument, andere gaben qua Existenz als erfolgreiche schwarze KünstlerInnen in einer von Weißen dominierten Gesellschaft schon ein politisches Statement ab: Miles Davis, Sun Ra, Eartha Kitt, der Schriftsteller und Sozialkritiker James Baldwin, der Künstler Jean-Michel Basquiat, die Poetin und Aktivistin Nikki Giovanni.Schon auf ihrem Debütalbum HEAVN von 2016 ging Jamila Woods Fragen nach der Rolle einer schwarzen Frau in einer weißen Gesellschaft nach, Fragen der Identität. LEGACY! LEGACY! ist der Beleg für schwarze Selbstermächtigung anhand von konkreten Fallbeispielen.“ (zitiert nach).

 

Auf der Webseite des Deutschlandfunk kann man ein Interview mit Jamila Woods nachhören und -lesen.

 

 

Immer wieder inspirierend sind die Techno-Doch-nicht-Techno-Alben beim Berliner Label Ostgut Ton, und besonders großartig ist (neben dem vielgelobten Konzeptalbum Atlantis von Efdemin) das Solodebüt von (Sam) Barker (bislang Teil des Duos Barker & Baumecker) aus England: „For anyone who has ever fantasized about dissolving into the dancefloor, Utility is about as close as it gets. On highlights like Models of Wellbeing (which nods to Rhythm & Sound’s aerated dub) and Utility, Barker puts minimalist techniques to opulent ends, conjuring ecstatic visions out of just a handful of sounds, and teasing vast shapes out of a silvery mist.“ meint Philip Sherburne, der auch Kim Gordon’s spätes Solodebüt mit vielen begeisterten Worten bedachte, die ich sehr treffend finde: „No Home Record is clearly interested in getting the hell away from the strictures of noise and indie rock as they’re conventionally understood. (…) Air BnB is a mammoth slab of bluesy, atonal rock, Earthquake is a shimmering drone-folk opus—but the most exciting moments are giddy with the sense of worlds colliding. Noise, techno, and post-punk; custom-tuned guitars and battered MPCs; 808s and overheated bass amps—multiple strains of underground music history pushing together like tectonic plates, building up extreme pressure under the surface.“ Es freute mich als langjähriger Fan von Sonic Youth sehr, dass Kim Gordon, mit einem stripped-down approach, endlich ihr großartiges eigenes Album herausgebracht hat, nachdem die bisherigen Post-Breakup-Alben der einzelnen SY-Bandmitglieder zwar gut, aber nicht allzu memorabel waren.

Kate Tempests drittes „echtes“ Album hatte mich anfangs nicht ganz so begeistert, da es (wohl auch dank Mitproduzent Rick Rubin) doch leiser und sehr viel reduzierter ausgefallen ist als die vorhergehenden CDs. Durch einen sehr erfreulichen Zufall landete ich im Oktober in Manhattan auf einer quasi-familiären Abendveranstaltung mit Kate Tempest; es war Teil einer in Privatwohnungen stattfindenden Reihe von Abenden mit ehemaligen Stipendiaten eines in Italien angesiedelten Künstlerhauses. An dem Abend war Benedicte Maurseth, eine norwegische Freundin von mir, die 2019 übrigens auch ein Soloalbum auf der Hardangergeige herausgebracht hat (das eigentlich für ECM aufgenommen worden war, aber aufgrund der langen Wartezeit dann doch nur in Norwegen veröffentlicht wurde) eingeladen, aus ihrem Buch über Knut Hamsum vorzulesen und ein paar Stücke zu spielen – und als zweite Stipendiaten des Abends war dann auch Kate Tempest da und performte die Hälfte ihres Albums (das sie als ein langes Gedicht vorstellte) a cappella in diesem Wohnzimmer einer New Yorker Künstlerin. So konnte ich ein paar Worte mit ihr wechseln, woraufhin sie mich und meine Frau zu ihrem Berlin-Konzert einlud. Da wären wir sonst aufgrund des hohen Eintrittspreises gar nicht hingegangen, doch es war ein berauschender Abend, 90 Minuten lang ohne Pause begeisterte die Wortkünstlerin die bestimmt 2000 Leute des vollen Saals (nur begleitet von einer Musikerin, die aus einem Arsenal von Instrumenten eine ungeheure Vielfalt an kraftvollen Soundideen herausholte), und nicht wenige waren von dieser Performance emotional zu Tränen bewegt, wie man hinterher auch noch aus dem Bekanntenkreis hörte. Und auch in der Presse gab es glühende Konzertbesprechungen wie die von Alexander Gumz: „Die Londoner Sängerin Kate Tempest brilliert im Huxleys mit einer Show zwischen Dichtung und Rap. (…) In ihren Texten geht es heute nicht mehr allein um die verstörte britische Jugend oder um als Zeitgenossen wiedergeborene antike Götter. Es geht um die ganze kaputte Gegenwart, um Kapitalismus, Brexit und Krieg. Es geht um Einsamkeit und um die Liebe, in ihren abhängig machenden und ihren befreienden Versionen.“ Ja, auch mir erlaubte dieser Abend, das Album erst in seiner Vielschichtigkeit und ungeheuren Kraft zu erfassen. The Book of Traps and Lessons ist eine großartige Verbindung aus persönlich-intimer Erzählung und Gegenwartsanalyse: „Like a beat reporter to the soul, the London native investigates with uncanny intuition the interior dialogues, self-destructive habits, and beautiful follies of human nature and spits them back at us in gut-punch moments of warning, recognition, and clarity.“ (Timothy Monger) Und nochmal Elisabeth Woronzoff: „Through her album, she inspires a call for consciousness that will certainly incite radical social and personal change.“

Und noch ein Konzert, das ich in diesem Herbst besuchte. Lange ausverkauft waren die beiden Abende der kalifornischen Songwriterin/Popmusikerin (Jillian) Banks in Neukölln, doch durch einen glücklichen Umstand konnte ich zwei Karten für insgesamt 20 Euro bei Ebay erwerben und damit für ca. ein Viertel des eigentlichen Eintrittspreises. Ich mochte schon ihre ersten beiden Alben, Goddess und The Altar, und mit ihrem dritten, simpel III genannt, machte sie einen energischen Schritt in Richtung der kantigeren, auch subtil experimentelleren, ähm, „Post-RnB-Elektro-Pop“-Richtung à la FKA twigs und Co. Nicht jeder Rezensent fand ihren Einsatz von Soundeffekten vorteilhaft – mich hingegen begeistern gerade diese Songs ihres Albums, die eben raue Noise-Effekte in die Popmusik bringen. Ich mag besonders diese Konfrontation von Energien, die daraus entsteht. auch zwischen Mainstream-Pop und Sound-Art, wie es eben auch die Platten von FKA Twigs bestechend zeigen. Peter Füssl der österreichischen Kulturzeitschrift sieht das anders: „Im Zentrum dieser hochemotionalen Songs steht Banks ausdrucksstarke und wandlungsfähige Stimme, die sie in Neo-Soul- oder Avant-R’n’B-Nähe rückt. (…) Banks könnte sich getrost mehr auf die Kraft ihres unter die Haut gehenden Gesanges verlassen, der nicht selten in einem Übermaß an elektronischen Effekten unterzugehen droht, wenn Bässe maßlos übersteuert und Auto-Tune-Orgien abgefeiert werden oder bis zum Anschlag verfremdet und verzerrt wird. III mag vielleicht einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen, aber dass Banks vieles wagt und mitunter sicher auch Zukunftsträchtiges ausprobiert, statt sich auf biedere Charts-Tauglichkeit zu kaprizieren, verdient jedenfalls Respekt.“

Noch noisig-elektronischer ist da die beim famosen Noise/Industrial/Techno/Elektro-Label Avian erschienene neue Platte der Dänin SØS Gunver Ryberg, Entangled, beste Klangkunst in der Tradition des großen Meisters Mika Vainio (vgl. auch Franck Vigroux‘ Album Totem). „Experimental techno at its most forceful and refined,“ sagt Max Graef Lakin:

 

Sound installations, theatre commissions, video game soundtracks, research and field-recording trips to South Korea and Svalbard—it’s far from the biography of your average dance music producer. She’s arrived at techno by a very different trajectory to most artists, and it shows. (…) Throughout her career, Ryberg has explored music at its most physical. As she explained to The Quietus last year, „I really seek out those frequencies that go into your body and resonate.“ You can hear this approach clearly on noise releases like „AFTRYK“ and the intense percussive workouts on last year’s SOLFALD, both designed to be heard at bone-rattling volumes. Entangled might feel at points like a step back from these extremes, but it also shows that Ryberg doesn’t need to rely on volume and bass vibration to elicit physical response. At different points Entangled manages to be hair-raising, punishing and caressing. It’s an immersive piece of music from one of contemporary techno’s most adventurous producers.

 

Und dann, wie schon angedeutet, FKA twigs´ zweites Album, Magdalene. Die radikalen Soundideen ihrer superben letzten Platte M3LL155X, hat sie (erstmal) hinter sich gelassen, zugunsten eines feingliedrigeren, doch nicht weniger sensiblen Popgestus, den Pitchfork nicht unpassend mit einer zeitgenössischen Kate Bush vergleicht:

 

With limitlessly innovative songwriting and production, the cinema of twigs’ music has never been more affecting. MAGDALENE is not just on the vanguard of pop, it’s in a breathtaking class of its own. (…) MAGDALENE is visceral and direct, but despite featuring a trunk-thumping Future collaboration (“holy terrain”), this is not a play to make pop music in the charts-humping sense. It’s a document of twigs’ marked achievements in songwriting and musicality as she elucidates her melodies without sacrificing her viewpoint. “sad day,” one of MAGDALENE’s most astonishing tracks, finds twigs properly genuflecting at the altar of Kate Bush, clearly having learned from her ability to translate inner sanctum into cinematic, Shelleyan alt-pop.“ 

 

Vieles könnte auch noch gesagt werden über die reiche Minimal Music von John Luther Adams, 2019 mit dem Epos Becoming Desert zu hören: „Inspired by the desert landscapes of his new Mexico home, the Pulitzer prize-winner takes us on an journey from the joyous to the apocalyptic“, so die 5-star review im Guardian. Bei YouTube gibt es ein kleines Video, in dem der Komponist recht unwiderstehlich zum Erleben seines neuen Werks einlädt. Auch schön ist dieses Interview/Portrait im Guardian aus dem Jahr 2015. Und hier ein lesenswerter Bericht des Komponisten selbst, in dem er von seinem Leben in Landschaften zwischen Alaska (wo er 40 Jahre lang lebte), Mexico und New York erzählt. 

Gianna Nannini hat mit knapp Mitte 60, nachdem ihre Alben der letzten mindestens zehn Jahre vorrangig einem recht gemütlichen Schema von sympathischem Streicher-Rock mit oftmals nicht direkt zwingenden Keyboard-Popsounds folgten, für ihre neue Platte etwas anders gemacht: Sie ging ohne ihre gewohnten Musiker und ohne ihren langjährigen Produzenten und Arrangeur ins Studio nach Nashville und nahm das erfrischend kompakte Album La Differenza als „Live Studio Production“ mit dortigen Sessionmusikern – und vor allem ohne Keyboards und dergleichen (naja, fast ohne) – auf. Hat Signora Nannini ihre Rolle als rockige „Janis Joplin Italiens“ in ihren Sechzigern auch längst hinter sich gelassen und wird kaum mehr eine Scheibe mehr wie zu Conny-Plank-Zeiten oder wie ihre kraftstrotzenden großen Livealben Tutto Live (1985) und Giannissima (1991) vorlegen: La Differenza ist ihr schönstes, erdigstes und souveränstes Album seit langem geworden. Vielleicht legt die wandelbare Italierin, in ihrem fünften Jahrzehnt als Musikerin am Ende noch ein starkes Spätwerk hin…

Und abschließend noch kurz zu den beiden tollen Alben, die das von mir seit bestimmt 20 Jahren hochgeschätzte Label Raster-Media für Avantgarde/Sound-Art/Elektronische Musik/ Konzeptkunst 2019 veröffentlichte: Die Japanerin Kyoka veröffentlichte bei Raster (damals noch Raster-Noton, dem Zusammenschluss mit Carsten Nicolais jetzt wieder unabhängigem Noton-Label) vor wenigen Jahren das exzellente Album is (is superpowered) (späte, aber nachdrückliche Empfehlung!). Nun, in Zusammenarbeit mit dem irischen Produzenten Ian McDonnell alias Eomac in den schwedischen, elektronischen EMS-Studios entstanden, gibt es das Album Söder Mälarstrand, das die beiden unter dem Alias Lena Andersson veröffentlichten:

Es ist ein intuitives, dialogisches Arbeiten der beiden: Kyoka liefert das Basismaterial, Field Recordings, Mikrosamples von menschlichen Stimme und Eomac baut die Beats darum. SÖDER MÄLARSTRAND ist eine weitere Versuchsanordnung, die dem Thema Techno gewidmet ist, ohne selbst hundertprozentig Techno zu sein. Es geht auch hier um Repetition und leichte Veränderungen, aber auch um Dekonstruktion und Richtungswechsel. Obwohl die Musik auf dem Album – irgendwo zwischen Glitch und Ambient – abstrakt und experimentell bleibt, weil die Beats ins Stolpern geraten, sich verschieben oder sich gegenseitig überlagern, entwickeln manche Tracks eine eigentümliche Funkyness, sodass wir dann doch wieder von Techno reden wollen.  (Albert Koch, ME)

 

Und eine echte Entdeckung: Grischa Lichtenbergers re: phgrp. Lichtenberger nutzte Material von Philipp Groppers Jazzalbum Consequences (Saxofon, Bass, Piano und Schlagzeug), 2019 auf WhyPlayJazz veröffentlicht, und konstruierte daraus eine ganz neue, andere, elektroakustisch-experimentelle Musik, die sich zwischen den Stilen befindet:

 

In his unsound jazz, this innovative artist creates a brand new genre out of twisted notes. Electronic no longer cares to be separate from all acoustic – it simply swallows and then envelopes it all. Micro clicks on looped and mutilated percussive beats are stitched into synthetic auditory scenes. Organic instrumental howls are drowned in modulated sine waves, which are controlled with knobs and wires of machines. The piano and the sax are torn apart into the grains of sprinkled points across de-ranged dynamics. (Headphone Commute)

 

Mal schauen… ein paar Alben, die auch Erwähnung wert sind, schiebe ich dann demnächst noch hinterher. Dies erstmal als erster Versuch eines Jahresrückblicks, der im besten Fall auch noch andere inspiriert, etwas aus dem zu Ende gehenden Jahr aufzusuchen.

2019 20 Nov

Mark Turner likes Stevie Wonder

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