Manafonistas

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Archives: Brian Eno

skandierte David Byrne mit gequält dünner Stimme in Robert Fripp’s Under Heavy Manners und endet nach einigen düsteren Glockenklängen ein paar Takte weiter schließlich mit dem kryptischen „I am resplendent in divergence“. An meinem Arbeitsplatz kann ich auch Glocken hören: auf der anderen Seite des flachen Tals, in dessen Sohle der Schwarzbach fließt, liegt der Friedhof, von wo die Totenglocke über den ganzen Ort erklingt. Sie ist nicht besonders obertonreich und verbreitet eine triste Monotonie, die den Verstorbenen wahrscheinlich den Übergang erleichtern und den Lebenden ein düsteres Mahnmal ihrer Endlichkeit sein soll.

Die Spannbreite der Glockenklänge ist enorm und wegen einiger Besonderheiten ihrer Akustik ein nicht ganz so einfach, aber dafür um so effektvoller einzusetzendes Instrument. Curt Sachs definiert „Die Glocke ist ein Aufschlaggefäß mit klingendem Rand und stummem Scheitel“ – kürzer geht’s nicht. Allerdings ist die Komplexität und Vielfalt eines Glockenklanges so groß, was damit beginnt, dass der so genannte Schlagton nicht messbar und nur virtuell existiert und je nach Form, Material und Größe sehr viele, teilweise auch nicht harmonische Teiltöne erklingen, die je nach Tonhöhe und Resonanz zum Gesamtklang unterschiedlich schnell abklingen oder in hochkomplexen Schwebungen verhallen können. All das wiederum führt dazu, dass das Gehirn des geneigten Hörers mit einer einfachen Zuordnung des Klangereignisses schnell überfordert ist und hochtaktet, indem es möglichst viele, gerade nicht erforderliche Funktionen aufs Abstellgleis befördert, was dem Einsatz von Glocken im sakralen Umfeld die Tore weit öffnete und eine der kulturhistorisch ältesten Einsatzmöglichkeiten von Glocken seit der Bronzezeit darstellt. In diesem Spektrum faszinieren mich zwei Alben, zwischen denen sich die ganze Bandbreite klanglicher Möglichkeiten ausbreitet: da ist einmal Brian Eno’s Bell Studies for The Clock of The Long Now, der mit synthetischen Studien nicht nur die Klangräume möglicher Glocken ausschöpft, sondern die Muster auch in den Raum nicht real zu erzeugenden Klangkörpern hinentransponiert und so quasi unmögliche Glocken schafft. Zum anderen ist da Tsering Tobgyal’s Art of Meditation, der in ganz unesoterischer Weise die Tiefe der Wirkung tibetischer Klangschalen (per definitionem auch zu den Glocken gehörig) auf den Geist auslotet und in fast schroffer, rhythmisch nicht immer durchschaubarer Weise die geistige Reset-Taste betätigt.

 

 

        

 

 

Diese beiden Aspekte führt ganz aktuell Jon Hopkins in Meditations zusammen, in dem er gewaltige Klangräume schafft, die elektronisch verfemdet in fast brachialer Weise über sich hinauswachsen und den Geist zum Innehalten zwingen. Hierbei bedient er sich der archaischen Figuren und zeigt sich andererseits ganz unüberhörbar von Brian Eno’s Einfluß und den Bell Studies inspiriert.

 

 

 

 

Musikalischer hingegen geht es in Hedrik Weber aka Pantha du Prince’s zweiter Kollaboration mit The Bell Laboratory (nach Elements of Light) in Conference of Trees zu, wo in subtiler Weise zu diversen Drones und Klängen überwiegend selbstgebauter Instrumente eine leise und sehr hinter- wie tiefgründige Kommunikation stattfindet, die Patterns pflanzenhaften Austauschs reflektieren soll. Unterstützt wird er dabei auch von Håkon Stene und Bendik Hovik Kjeldsberg und weiteren Musikern, die mit dem früher primär elektronisch Produzierenden akustische Arrangements erarbeiten und dabei eine ganz eigene Art von Ambientmusik entstehen lassen. Ein feines Gewebe, dass an den indischen Mythos von Indra’s Netz denken lässt, das den Ausgangspunkt der manifesten Schöpfung darstellt und gleichzeitig die Einheit und Verbundenheit von allem miteinander veranschaulicht. Intim.

 

 

         

 

 

Auf eine ganz andere Art intim ist die ganz frische Veröffentlichung des Albums Nocturne anlässlich des 83. Geburtstags des letzten verbliebenen Can-Mitglieds Irmin Schmidt. Es ist der Mitschnitt eines Livekonzerts beim letztjährigen Huddersfield Contemporary Music Festival mit drei improvisierten Stücken: Klavierstück Zwei, das bereits in einer kürzeren Studioversion auf seinem letzten herausragenden Album zu finden war, dem Titelstück Nocturne, in dem Samples eines tropfenden Wasserhahns ein eingenwilliges Klangszenario liefern, das in unglaublich faszinierender Dichte das letzte Stück Yonder vorbereitet. Die Klänge von Glocken haben Irmin Schmidt schon seit seiner Kindheit fasziniert, wie es in diesem Interview berichtet und so hat er über viele Jahrzehnte diverse Glockenklänge gesammelt und nun zu einer atemberaubenden Liveperformance mit präpariertem Klavier bis an die Grenze des Unerträglichen verdichtet und gesteigert. Angesichts der Intensität dieser Aufführung verstummte das Auditorium vollständig und der Applaus nach Ende der Performance ist Erlösung und Übersteigerung dieses außerordentlichen Stückes zugleich. Bells, I can hear bells. They are resplendent in divergence.

2020 20 Apr

Rams

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Der Braun SK-61 von 1956, eine Radio- und Phonokombination, volkstümlich damals auch „Schneewittchensarg“ genannt.

 

Der Braun T-1000 von 1963, der Kurzwellenempfänger, der in keiner Botschaft und bei keinem Top-Spion fehlen durfte.

Zwei Beispiele für Designs von Dieter Rams. Geboren 1932 in Wiesbaden, wollte er zunächst Architekt werden, landete aber dann eher zufällig im Industriedesign. 1955 trat er in die Produktgestaltung der Firma Braun ein, 1961 übernahm er deren Leitung. Jeder hat Designs von Dieter Rams schon gesehen. Seine Formensprache beruht auf radikaler Reduktion auf das Wesentliche, auf Langlebigkeit, und auf einem ausgeprägten Sinn für praktische Benutzbarkeit, vom Rasierer über die Saftpresse bis zum Regalsystem — „gutes Design ist so wenig Design wie möglich“ lautete eine seiner Maximen, die heute an jeder Kunsthochschule gelehrt werden.

Das Braun-Design wurde auch im Ausland so bekannt, dass Rams dort irgendwann als „Mr. Braun“ durchging. Es funktionierte, weil die Gebrüder Braun voll hinter ihm und seinem Team standen (das übrigens rein männlich war — damals war das normal und wurde von niemandem hinterfragt). Das ging gut, bis 1967 die Firma Braun von der Gillette Company übernommen wurde. Ab da hatte Rams immer weniger Rückhalt für seine Designphilosophie. Die Designs sollten saisonweise gewechselt werden, auch das Braun-Logo sollte in Riesenklotzbuchstaben auf den Produkten erscheinen. Klar, dass besonders Letzteres jemandem wie Rams nicht gefallen konnte („Wenn Sie sich einer Person vorstellen, schreien Sie dann?“), und so verstärkte er seinen Nebenjob als Möbeldesigner für die Firma Vitsoe. Dieser Name war mir neu, wenngleich Möbel dieser Firma auch wieder jeder bereits gesehen hat. Auch Rams‘ Türklinken der Firma FSB dürfte jeder schon in der Hand gehabt haben. Zwischen 1981 und 1997 lehrte Rams Industriedesign an der HfbK in Hamburg. Insbesondere Apple dürfte einiges von ihm gelernt haben.

 

 

Nun gibt es einen 75-minütigen Portraitfilm über Rams, hergestellt von dem Dokumentarfilmer Gary Hustwit, der Designfreaks spätestens seit seinem Film über die Schriftart Helvetica (2007) bekannt sein dürfte. Der Film ist ein Crowdfunding-Projekt von 2019 und begleitet Rams durch einige Stationen seines Lebens, zeigt Produkte, Weggefährten, aber lässt ihn vorrangig selbst zu Wort kommen, sowohl über seine eigene Arbeit wie auch über die Arbeiten einiger seiner Kollegen — etwa Ettore Sottsass, dessen knallrote Valentine noch heute Rams‘ Schreibgerät ist. Einen Computer sieht man nicht bei ihm, obwohl ich sicher bin, dass er auch damit umgehen kann. Wichtigster Drehort ist das Arbeitszimmer in Rams‘ Haus im hessischen Kronberg. Haus und Garten sind Teil einer Werkssiedlung von Braun, an deren Gestaltung er selbst beteiligt war — auch wenn er damit nicht ganz zufrieden gewesen zu sein scheint.

 

 

Relativ früh bereits hat Rams über Umweltaspekte seiner Produktgestaltung nachgedacht, und oft merkt man das den Produkten auch an. Nicht immer ganz einverstanden bin ich mit Rams‘ Ansichten über die heutige Zeit. Für einen hellen Geist wie ihn kommen mir manche seiner Einwände recht eng gedacht vor; etwa seine Auffassung zu Leuten, die permanent auf ihr Handy starrend durch die Straßen laufen und dabei Bilder wahrnehmen, die in deren Köpfen nicht mal hängenbleiben. Nicht, dass ich solche Leute nicht auch ein bisschen albern fände — aber sollte einem Designer von seinem Format nicht selbst klar sein, dass diese Leute eine bestenfalls temporäre Erscheinung sein werden? Ich jedenfalls bin sicher, dass die heutigen Handys in fünf oder zehn Jahren (man nagele mich bitte nicht auf eine Zahl fest) aus dem Stadtbild verschwunden sein werden. Dann nämlich werden sie zum integralen Bestandteil unserer Kleidung geworden sein.

Die optische Gestaltung des Films ist sympathisch an Rams‘ ästhetische Auffassungen angepasst, kein Grafikelement ist überflüssig. Die DVD- oder Blu-ray-Version kommt als Teil eines 80-seitigen Buches im Format 16 x 17 cm daher. Der Regionalcode ist 0, der Film sollte also überall laufen. Der Film ist auch online abrufbar, dann allerdings ohne die 30 Minuten Bonusmaterial, das die DVD bietet und das teilweise nicht weniger interessant ist als der Film selbst. Die Sprache ist durchweg deutsch, einige Aussagen sind englisch. Durchgehend sind alle nicht-englischen Passagen untertitelt.

Die Originalmusik des Films ist von Brian Eno. Zum Record-Store-Day wird der Soundtrack als Vinylalbum erscheinen. Die Musik hat gewohnte Eno-Qualität, ohne in irgendeiner Weise besonders auffällig zu sein. Auch für Eno gilt bekanntlich Rams‘ Motto: Less but better.

Der Film ist ausschließlich hier zu beziehen. Dort kann man ihn auch streamen. Billig ist der Spaß in beiden Fällen nicht, aber wer sich für Design interessiert, wird seine Freude daran haben.

 

Der erste Eindruck des Albums „Mixing Colours“ von Roger und Brian Eno wäre überraschend gewesen, hätte ich nicht die Vorab-Veröffentlichungen für die Klanghorizonte gekannt, denn kompositorisch-stilistisch ist das erstaunlich rückblickend, bezogen auf die Harmonik (du erinnerst dich bestimmt an deinen Musikunterricht: Tonika, Subdominante, Dominante, Funktionsharmonik, verminderter Septakkord usw.) („nein, nur sehr flüchtig“; M.E.)

 

Melodik und auch Form haben mich positiv überrascht, weil die Miniaturen nicht „amöbenhaft“ formlos gestaltet sind. Jedes der kurzen Stücke entwickelt sich aus charakteristischen Ingredienzien, hat klare Konturen.

 

18 kurze Stücke, zwar untereinander keine großen Kontraste aufweisend, aber doch jedes von eigenem Charakter. Nun gibt es (vor allem in der Klaviermusik des 19. Jhs.) den Typus des „Charakterstücks“. Der Einfachheit halber zitiere ich aus Wikipedia:

 

„Ein Charakterstück, lyrisches Stück oder Genrestück ist ein kürzeres Musikstück vor allem für das Klavier. Es soll eine Stimmung ausdrücken, die zumeist mit einem Titel umschrieben wird.“

 

Roger vergibt ebenfalls Titel, die wohl aus der englischen Farbwörter-Truhe stammen, jedoch offener sind als z.B. „Verrufene Stelle“ (Robert Schumann, in den „Waldszenen“ op. 82).

Er sagt im Interview:

 

I like the idea of having names of colours that you don’t have to associate a phrase like “the old road” or something like this with. You know, that you then focus on and that would be your mental vision. When you have the name of a colour, you have a kind of atmosphere, but it’s a non-specific atmosphere.

 

Ich habe einen Zyklus mit 24 Stücken assoziiert, nämlich F. Chopins Préludes op. 28, die ich dir wärmstens zum Anhören empfehle. Das sind Miniaturen vom Typus des „Charakterstücks“, wenngleich sie ganz neutral „Préludes“ heißen. Sie sind allerdings von höchstem Kontrastreichtum – ganz im Gegensatz zu Rogers schmaler Bandbreite an Stimmungen und kompositorisch von ganz anderem Kaliber.

 

Auf Komponisten der Romantik rekurrieren ja Víkingur und Roger, wobei Víkingur mit Schumann ziemlich  daneben liegt,  wie auch Roger korrigierend anmerkt: …  like definite harmonic influences, melodic like Schubert I’d say actually, more than Schumann … Von Chopin spricht Roger NICHT in Bezug auf stilistische Anleihen, sondern auf die magische Stunde der sprudelnden Kreativität: …  Put my equipment on and improvise, before you completely wake up it’s quite a good time for that. You know, you’re talking about Chopin, that’s his “opium hours”. That was quite a good time for me.   …  

 

Meine minimale Voreingenommenheit habe ich schnell abgelegt, zumal mir Benedicte Maurseth zuflog. Mit ihrer Musik und ihrem Buch „To Be Nothing“ beschäftige ich mich zur Zeit sehr intensiv. Dieser wunderbaren Musik aus Hardanger gegenüber bin ich überhaupt nicht voreingenommen, sie ergreift mich unmittelbar mit ihrer überwältigenden Schönheit. Dabei ist sie nüchtern betrachtet der Musik Roger Enos formal sehr ähnlich. Es sind Tänze & Hörstücke, die eine charakteristische, meist einheitliche Stimmung ausstrahlen, aus einem charakteristischen musikalischen Motiv  entwickelt werden, wobei variierte Wiederholung eine Rolle spielt.

 

Rogers Album ist stilistisch dem 19. Jahrhundert verpflichtet, natürlich auch der charmanten Simplizität Erik Saties, ABER die Sounds sind es NICHT. Deswegen ist mir die Anmerkung what is old is new, and what is new is old aus dem Booklet zu ihrem (und Knut Hamres) Album Anima eingefallen, diese Haltung, aus Tradition, aus Altem in Neuland vorzudringen, im Neuen die Bindung an Vergangenes zu bewahren. That’s Life.

 

Ich empfehle Benedictes bei ECM erschienenes Album Over Tones, auf dem Maurseth sowohl traditionelle Hardangermusik und Eigenkompositionen auf dem alterwürdigen Instrument Hardingfele spielt.

 

Ich habe mir zu jedem Stück Notizen gemacht, verzichte aber darauf, sie zu zitieren. Mir ist dabei aufgefallen, dass 3 Stücke über der gleichen Basslinie sich entfalten. Nach der Lesung des Interviews wurde bestätigt, dass es 3 Soundvarianten des gleichen MIDI-Files sind, also auch die Melodien identisch sind. OK, wäre mir nach weiteren Hör-Durchgängen sicher aufgefallen.

 

Brian So for instance, on the album there are three tracks that all use the same original MIDI performance.

Víkingur SPRING FROST, VERDIGRIS and CERULEAN BLUE

 

Auffällig ist, dass die meisten Stücke im 3/4- bzw 6/4-Takte stehen. Es gibt ein paar Stücke, die es mir besonders angetan haben:

 

04 – Wintergreen
05 – Obsidian / flächig fließend, Puls vermeidend
07 – Dark Sienna
09 – Snow / teilweise melodisch polyphon wirkend
10 – Rose Quartz
11 – Quicksilver / metrisch angenehm verwirrend
15 – Desert Sand / reizvolle Sound-Kontraste
16 – Deep Saffron

 

Lektüre nach 2-maligem Anhören des Albums

sehr interessante Passage:

 

Brian In fact, what’s interesting is when you are in both of those places, the past and the future. What has happened in the last 50 years of electronic music is that there’s been a huge emphasis – exploited almost entirely by pop music and hardly at all by classical music – on the new possibilities of instrument colour, timbre. If you think about classical music and you think that the clarinet represents this tiny little oasis of sound and the viola is another thing and the piano is another, but nonetheless there (ich ziehe das Wort THEY vor, es bezieht sich dann auf die Sounds herkömmlicher Instrumente) are little islands in the world of all the possible sounds that you could make. What’s happened with electronics is that all those spaces in between have been filled in with new sounds that never existed before, and lots of others that nobody even imagined. So suddenly there’s all of this huge palette of colours. It’s a little bit like if, from say the 1950s onwards, there had suddenly come into existence thousands and thousands of new paint colours. Can you imagine it that you go down to the paint shop and there’s a colour you’ve never seen before. Doesn’t have a name. It doesn’t look like anything else, sort of browny, pinky, greeny, bluey. There’s no name for it, you know. So, really, it’s only in pop music that that has been recognised, that the material of contemporary music more than anything else is timbre. It’s not really melody. It’s not really structures. It is beats.

 

Dem stimme ich im Großen und Ganzen zu. Aber schon vor dem Einzug der Elektronik in die Musik – beginnend in den 50er Jahren (Stockhausen, Studio für Elektronische Musik des WDR bzw. NWDR, aber auch andere in USA & Europa) – gab es in der Klassischen Musik die „Arbeit“ am Sound. Ich empfehle dazu:

 

Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia

Hector Berlioz, Symphonie fantastique
(übrigens das erste Stück Drogenrausch-Musik der Geschichte)

 

 

v i d e o

 

Kitty and Michael write a poem about a double sound-painting, and keep looking out for words …

 

It‘s  bit like „Walter and Conny“*
(laughter)
*distant TV memory mode

 

… looking out for words
in the ether
in charming pictures
in empty light house theatres
in hanging gardens – 


with a hush-hush, with the thing that‘s golden (ah, they don‘t say the word).

 

Kitty and Michael go on. There‘s desert sand, there‘s snow, there‘s an intimate conversation. The joy to return to a  collection of fleeting delights. The unforgettable  kind of fleeting (hasty, hasty, perfunctory).

 

Sketches by Roger on the keyboard at the beginning.
Good old piano. All baggage lifted. Dissolved.
Never talkative, nearly falling into (they don‘t say the word).
Brian then works on them, preferably on trains, on long distant train rides.

 

It feels like an analog record, each note having a furry


furry
furry
aura.

 

Furry, no.
A breathing to the margins.

 

The eerie „Obsidian“ takes a familiar church organ and repurposes it creepily. (Sounds like a matter of fact, where‘s the poetry, hon?)

 

Look, Michael, Kitty adds (she‘s in description mode now),  „Wintergreen“ builds gradually to a peak that recalls Brian‘s old collaborators, Harmonia – minus the German band’s regular motorik beat, of course.

 

Mhmm, says Michael. But, Kitty, this is not really a poem. More a conversational thing – 

 

in the ether
in charming pictures
in empty light house theatres
in hanging gardens.

 

They don‘t say the word.

 

(„Mixing Colours“, by Roger and Brian Eno is out now. The title of these lines is a (not really hidden) homage to the unforgettable delights of listening to the one irresistible F.R. David song on air, time and time again, in 1982)

Wally ist Theaterautor, und eines Tages, früh in den Achtziger Jahren, zu der Zeit, als Brian Eno in einem Loft in Manhattan einen Dachgarten anlegt und die Aufnahmen von „On Land“ erste Gestalten annehmen, verabredet sich Wally mit einem alten Freund. Ewig haben sich die beiden nicht gesehen. Sein alter Kumpel Andre hat einiges zu erzählen, von seinen Reisen mit tibetischen Mönchen in die Sahara, einem Reinkarnationsritual, und von den unwirtlichen, einsamen Landschaften im Norden Schottlands. Von letzteren könnte ich auch erzählen, etwa von meinem friedlichen Einbruch in ein Haus an der Steilküste, gegenüber der Orkney-Inseln, und wie ich dort nachts eine alte Platte von Louis Armstrong fand und auflegte. Nun, egal, es machte mir damals grosse Freude, den beiden Freunden zuzuhören, im Kino – Louis Malle hatte den Film „Mein Essen mit André“ 1981 gedreht, und neben „Herzflimmern“ gehörte er damals zu meinen Lieblingsfilmen des Franzosen. In einiger Zeit werde ich hier eine kleine Geschichte erzählen, aus dem „Arbora Verde“, einem italienischen Restaurant in Dortmund. Genau da hatte Borussia Dortmund die erste Meisterschaft mit Jürgen Klopp gefeiert. Meine kleine Geschichte heisst „Mein Essen mit Horst“. Horst ist unser ehemaliger Klassensprecher. Und eigentlich ist er das immer noch. Die Zeit mit Horst und dem Wildschweinragout verging im Fluge, so fesselnd empfand ich die Dinge, über die wir sprachen. Eben nicht die üblichen alten Stories – vieles drehte sich um unseren Klassenlehrer Dr. Egon Werlich, eine hochspannende Figur, die bei jedem meiner Klassenkameraden die unterschiedlichsten Inspirationen, Faszinationen und Ambivalenzen auslöste. Was ich an diesem Abend von „Egon“ erfuhr, war mir neu, und warf ein weiteres interessantes Licht auf all die Eindrücke, die ich über die Jahre von ihm gewann. Mein Problem ist, dass es mit nicht zusteht, diese Erzählungen öffentlich auszubreiten, weshalb „Mein Essen mit Horst“ eine echte Herausforderung sein wird. Aber glauben sie mir eins, wenn an dem Abend unser Gespräch von diversen Kameras gefilmt worden wäre, es wäre ein feines kleines „independant movie“ daraus geworden. Schnitte ohne grossen Schnickschnack, und der Soundtrack aus den circa achtzig Stücken, die Roger und Brian Eno im Laufe von fünfzehn Jahren schufen. So würde den Erinnerungen, die sich auch um einen einen vollgekotzen Rolls Royce, Egon, den Maler, Samuel Becketts „Endspiel“, und ein Mädchen aus dem Bergischen Land drehten, hier und da ein fein verlangsamtes Tempo unterlegt, eine dezente Verdichtung, eine andere Deutungsebene. Aber auch hiervon kann, aus Gründen der Diskretion, kaum etwas in „Mein Essen mit Horst“ einfliessen. Zudem lege ich Horst die Kurzgeschichte vor der Veröffentlichung vor, und lasse ihm alle Rechte zu weiteren Streichungen. Aber jeder dürfte hinterher eine Ahnung davon bekommen, wieso dies ein so besonderer Abend war, und sich an eigene besondere Abende erinnert fühlen, an denen einfach nur geredet und getrunken wurde, und doch noch eine Menge mehr passierte zwischen den Tönen, zwischen Martini Rosso und einem Glas Merlot. Ein anderes, etwas raueres Beispiel für solch ein abendliches Gelage mit Wein und Gesang wäre, aus der Welt der bewegten Bilder, die zweite Folge der letzten Staffel von „Game of Thrones“. Umwerfend gut.

2019 11 Sep

Frinton-On-Sea

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„With its wistful tone, subtle, folky score and confidence in letting dialogue and sentiments breathe, The Detectorists is a show that does not feel the need to shout about its strengths. In fact, the series is not even really about metal-detecting. The hobby could be replaced by trainspotting, bird-watching or just spending too much time in the shed. It’s what these characters are running from, as much as what they are looking for, that lies at its heart.“

(David Renshaw, The Guardian).

 

 
 

Frinton, with its wide sandy beach, has gone out of its way to remain as uncommercialised as possible and maintain its reputation as a quiet resort. Somewhat in contrast to neighbouring Clacton or Walton it has an air of reserved gentility and has been rewarded for its outstanding experimental music scene with a Blue Flag award. Karl Hyde, Rustin Man, and John Surman know this area quite well. And, it’s just one hour away from Brian Eno‘s hometown in Suffolk. The area where W. G. Sebald had been walking around for weeks and weeks, in search of inspiration for  his wonderful book „The Rings of Saturn“.

The gently shelving beach is divided up by a series of timber groynes. Frinton’s sand is of the type that is perfect for making sandcastles – nice and firm. This means it is also ideal for running around and beach games, further asserting its credentials as being a natural playground for young and old. To the rear of the beach is an extensive promenade, much of which is lined with colourful, old-fashioned beach huts. There is also an extensive grassy area, the Greensward, which is an ideal spot for a picnic. So, beach time will soon be starting – see ya again, in thunder, lightnin‘, or in rain. And, by the way, one of the best British comedy TV series ever, three seasons long and utterly brilliant, was made nearby, „The Detectorists“.

 

 
 

Video-Wallpapers? Ja, Videotapeten. Im Prinzip ist es ein politisches Projekt und es geht darum, Erwartungshaltungen (Konditionierungen) zu zerstören, die die konventionelle Dramaturgie der Mainstreamfilme im Fernsehen mit sich gebracht hat: Der Zuschauer (Konsument) hatte sich daran gewöhnt, still zu sitzen und ein bestimmten Mustern folgendes Verhalten von Menschen zu betrachten. „Ich bin an einer Arbeit interessiert, die nicht notwendig dieser Beziehung bedarf, sondern eine mehr statische, bildgebundene Arbeit ist, die man betrachten kann und von der man sich abwenden kann wie von einem Gemälde. Es bleibt stehen und man selbst bewegt sich.“ So beschrieb Brian Eno den Ansatz seiner Videoarbeiten. In der Juli-August-Ausgabe der Jazzthetik 1988 analysiert Peter Dietz diese Arbeit in einem klugen Essay mit dem Titel „Die Eno-tapes“. „Wenn ich mich recht entsinne“, schreibt Dietz, „war es Terry Riley, der seine minimalistischen Kompositionen mit den Ereignissen an einem bewölkten Himmel verglich.“ Der Mikrokosmos wird zum Makrokosmos. Dies sei auch das Prinzip von Enos Videokunst. Das Gesamtereignis solle wie ein optisch-akustisches Mantra wirken, bei dem man nach Belieben hinschauen oder auch mal zwischendurch ein Telefonat führen, einen Artikel lesen oder ein Essen zubereiten könne. Peter Dietz teilt Enos Videoarbeiten in vier Phasen ein, und stellt schließlich fest, dass der Bildschirm für Enos Konzept nicht das geeignete Medium ist, dass die Grundidee jedoch am besten bei den Manhatten-Tapes, Mistaken Memories of Mediaevel Manhatten, funktioniert. Probieren Sie es aus. Ich fand die Tapes mit ihrer Hintergrundmusik, über die Dietz schreibt, sie wolle die Fiktion eines Stillstands von Zeit suggerieren, durchaus interessant: es gibt hier viel Himmel zu sehen und verschiedene Sequenzen, Blicke auf Manhatten in der Zeit 1980/81, jeweils mit Standkamera betrachtet. Für einen öffentlichen Raum, einen Flughafen oder eine U-Bahn-Station vielleicht, stelle ich mir die Manhatten-Tapes als Dauer-Videotapete ziemlich cool vor. Für eine Party, die sich auf mehrere Räume verteilt, eignen sie sich sicherlich auch. Eine meiner Schulfreundinnen hatte einen Technikfreak als Bruder, der schonmal die Versorgung mit Videoclips übernahm, was dazu führte, dass immer ein Teil der Partygäste schweigend vor dem Bildschirm herumstand. Enos Manhatten-Tapes hätten wahrscheinlich zu mehr Bewegung und Gesprächen geführt. Für mein Wohnzimmer bevorzuge ich ein ruhiges, aber dennoch inspierendes Bild, das nie langweilig wird, zum Beispiel eine riesige Schwarzweißfotografie, die wahrscheinlich ebenfalls aus der Zeit der frühen Achtziger stammt: Der Blick auf einen Teil von Manhatten, als säße die Kamera auf einem sehr hohen Gebäude gegenüber dem Flat-Iron Building. Dieses Foto, das den Himmel nicht zeigt, sehe ich seit vielen Jahren jeden Tag. Es verändert sich mit dem Einfall des Lichts, ich entdecke in den Straßenzügen, den Schatten winziger Menschen und den Wassertanks auf den Dächern immer wieder neue Details und wenn ich die Häuser betrachte und die beleuchteten Fenster, weiß ich immer noch nicht, ob das Bild an einem frühen Morgen aufgenommen wurde oder bei Einbruch der Nacht.

Whatever you now find weird, ugly, uncomfortable and nasty about a new medium will surely become its signature. CD distortion, the jitteriness of digital video, the crap sound of 8-bit – all of these will be cherished and emulated as soon as they can be avoided. It’s the sound of failure: so much modern art is the sound of things going out of control, of a medium pushing to its limits and breaking apart. The distorted guitar sound is the sound of something too loud for the medium supposed to carry it. The blues singer with the cracked voice is the sound of an emotional cry too powerful for the throat that releases it. The excitement of grainy film, of bleached-out black and white, is the excitement of witnessing events too momentous for the medium assigned to record them.”

(Brian Eno)

 

Selbst manch grosser Erfolg, wie die Erfüllung des durchkalkulierten Menschheitstraums der Mondlandung, trägt in sich die Spuren der Auflösung und des Verlusts einer Utopie. Und in diesem Sinne sind sämtliche Empfehlungen für den Juli sogenannte „Grenzsprenger“. Man könnte auch sagen: mitunter gnadenlose Kost. Die natürlich die Spuren und Grooves hinreissender Schönheit in sich tragen kann, die überwältigen, verzaubern, schockieren, verstören kann, ohne dass man weiss, wie und wann welche emotionalen Erschütterungen die Oberhand gewinnen. Keine Frage, wenn Stories und Klänge und Bilder zum Zerreissen gespannt sind, wenn Visionen kippen und korrumpiert werden, ist das Scheitern allgegenwärtig. Es gibt nie einfache Lösungen, aber die wunderbare, das Lächeln zelebrierende, Paradoxie des Widerstandes. Unbeirrbar sein im Angesicht grassierender Idiotie! „We are stardust / we are golden“.


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