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Archiv: Keith Jarrett

Jetzt, kurz vor dem 4. Advent, erinnere ich mich an den Wunsch von Anonymous – wer immer das sein mag.

 
Keith in Kronach, die ganze Geschichte, please …
Vor Weihnachten
 

Den Wunsch möchte ich jetzt erfüllen, zumal Micha nichts dagegen hat, eine spannende Ausgabe über Keith Jarretts KÖLN CONCERT zu lesen, besonders wenn Manfred Eicher und Keith Jarrett Erinnerungsarbeit leisten. Meine Erinnerungen sind natürlich provinziell, gemessen an den Erzählungen weltberühmter Personen. In typischen Urlaubsgesprächen werde ich gelegentlich gefragt, „where do you come from?“. Ich antworte dann kaltschnäuzig „I come from Kronach“. Meistens geht es dann so weiter: „Krounäck? Never heard.“ Dann ziehe ich eine Trumpfkarte. „Kronach is the native town of Lucas Cranach the Elder“. Mehr als 90% antworten dann „Never heard“. Werfen wir einen Blick auf älteres Kronacher Gemäuer.

 
 
 

 
 
 

Auf der Suche nach Bildern des Hotel Sonne – letztlich habe ich selbst eines geknipst – habe ich im Internet eine treffliche Kundenbesprechung entdeckt.

 

Das Hotel Sonne ist zentral gelegen, unweit des Bahnhofs in Mitten der Fußgängerzone. Schon beim Betreten spürt man den verblassenden Charme des ehemals ersten Hauses am Platz. Die alten Porträts vieler kleiner und großer Stars zeugen von einer großen Geschichte. Doch das Haus ist mit seinen Besitzern gealtert und bedarf nun dringend der Renovierung. Sein angestaubter Charme ist, dass es „wie aus der Zeit gefallen“ wirkt, die Gefahr ist, dass es bald selbst „aus der Zeit fällt“. Wer das Morbide liebt, der wird sich hier wohl fühlen, alle anderen sollten lieber auf die Renovierung warten …

 

Dieses Jahr wurde das Hotel geschlossen. Die Besitzer haben aus Altersgründen aufgegeben. Das Hotel wird nie mehr eröffnet werden, es ist Geschichte, es gehört zu meiner Weihnachtsgeschichte. Kurz nach Weihnachten, vom 17. auf den 18. Januar 1975 haben Keith Jarrett und Manfred Eicher im Hotel Sonne übernachtet.

 
 
 

 
 
 

Der 17. Januar 1975 war ein ziemlich aufregender Tag für mich. Ich musste mich ab 13 Uhr im Hotel bereit halten, so war es im Vertrag vereinbart. Erst gegen 17 Uhr trafen Jarrett und Eicher ein. Ich war nervös aufgrund des langen Wartens und unsicher wegen des Flügels. Im Kreiskulturraum stand ein betagter Bechstein. Meine ersten Worte an Keith: „I hope you’ll enjoy the piano“. Nach einer Stunde – einloggen in die Zimmer, erfrischen und nach einer leichten Mahlzeit – fuhren wir zum Konzertsaal. Der Hausmeister führte uns durch das Foyer zu einem seitlichen Treppenaufgang. Er öffnet die Tür, man blickt in ein schwarzes Loch. Wir mögen warten bis das Licht angemacht ist, es bestehe Stolpergefahr. Es dauert ein wenig, bis der Warden durch den Saal in den Bühnenbereich zur Beleuchtungstechnik gelangt. Es wird hell und man blickt über die Stuhlreihen hinunter auf die Bühne. Keith Jarrett steht sekundenlang, lässt den Blick schweifen, sieht die Reihen ansteigender Sitze, die dunkle edle Holzverkleidung der Wände – und sagt „Oh!“. In diesem Moment hatte ich des Klaviers wegen keine Bekümmernis mehr. Alte Bilder des Saales habe ich nicht. Er ist renoviert, sieht jetzt so aus.

Jarrett fand das Piano ganz ok, die Mechanik angenehm leichtgängig. Ganz besonders gefiel ihm, dass der Klang seines Spiels aus dem Saal zurück kommt auf die Bühne. Man liest ja oft, dass für Jarrett neben dem Instrument der Raum und das Publikum entscheidende Faktoren für das Gelingen seiner Solo-Recitals seien. Überliefert sind auch diese Sätze: Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Es fällt mir nicht schwer, all das für den 17. Januar 1975 zu bestätigen. Schon die ersten Töne waren so verführerisch! Im Publikum, dem Jarretts körperliches Spiel wohl befremdlich erschien, hörte man anfangs von hier – oder war es von dort? – leises Kichern. Es verstummte bald. Etwa zwei Drittel der Zuhörer waren Schüler des Gymnasiums. Möglicherweise war es im Altersdurchschnitt das jüngste Auditorium, vor dem Jarrett je gespielt hat.

 
 
 

 
 
 

Der Saal war ausverkauft, und vor den Türen standen noch viele Leute ohne Ticket. Ich hatte mächtig Werbung gemacht, weil ich nicht einschätzen konnte, wie die Nachfrage in Kronach ausfallen würde. Im Gymnasium hatte ich versucht, für Kaufdruck zu sorgen, indem ich über die Klassensprecher Subskriptionslisten in Auftrag gab, mit dem bedrohlichen Hinweis, das Konzert könne ausverkauft sein. Nur wer sich in eine Liste eingetragen habe, bekäme Eintrittskarten. Die bestellten Karten holte ich beim Kreisjugendring ab und verteilte sie. Zwei Tage nach Eröffnung des Vorverkaufs kamen zwei Klassensprecher in den Musiksaal. Sie bräuchten noch ca. 30 Stück, leider hätten sie keine Liste in ihren Klassen angefertigt. Beim Kreisjugendring anrufend erfuhr ich, dass nichts mehr zu bekommen sei.

Man sieht auf dem vorigen Bild ein Mikrophon. Es gehört nicht Martin Wieland. Es ist eines meiner beiden einfachen Sennheiser Kondensatormikrophone, die ich mit meiner Revox A77 in den Kreiskulturraum mitgebracht hatte. Wer nicht fragt, bekommt keine Antworten.

 
„Mr. Jarrett, would you please allow a recording of your concert?“

„No“

„You see, an important reason for organizing your performance was, to give my pupils the opportunity to experience your music live. Many of them didn’t get a ticket after the concert is sold out. I’d like to present them a recording in my music lessons“

„Ok, but just mono.“
 
Ich baute auf, glücklich. Da mischte sich Manfred Eicher ein.
 
„Hast du nur 1 Mike dabei?“

„Nein, ich habe 2, darf aber nur Mono aufnehmen“

„Pack das zweite aus, ich klär das mit Keith.“
 

Das Konzert erklang also auch im Musiksaal des Kronacher Gymnasiums und noch viel häufiger in meiner Wohnung, damals im Schloss Haig. Eine Zeit lang war am Freitag Abend bei mir die Bude voll mit jarrettsüchtigen Gymnasiasten, die mir den Kühlschrank leer aßen und das KRONACH CONCERT reinzogen. Irgendwann ruhte die Tonbandspule in meinem Archiv. Vor etwa 10 Jahren wollte ich eine digitale Kopie anfertigen. Da musste ich feststellen, dass die Beschichtung des Bandes sich völlig auflöste, wie Kleber an den Tonköpfen haften blieb – letalis …

Nach dem Konzert saßen wir zusammen im Hotel Sonne. Ich war viel zu befangen, um mit Keith Jarrett ausführlicher zu plaudern, außerdem vertraute ich meinem Schulenglisch nicht besonders, andere ihrem schon. Am nächsten Morgen ging ich mit meiner Freundin zum Frühstück ins Hotel. Ich wollte Manfred Eicher und Keith Jarrett voraus fahrend aus der Stadt lotsen. Bei einer Tasse Tee erzählte Mr. Jarrett von den enorm hohen Treppenstufen, die er als Dreijähriger zu erklimmen hatte, wenn er to his piano teacher gegangen ist. Er zeigte uns einen simplen Münzen-Trick, den his piano teacher zu seiner Verblüffung vorführte. Seitdem habe ich nicht mehr mit Mr. Jarrett sprechen können. Die Kritik in der Neuen Presse Coburg – man kann sie hier nachlesen – schrieb Reiner Nitschke, damals Volontär bei jener Zeitung. Er ist heute Verleger, u.a. FONO FORUM. Wenn ich die Artikelseite vom 20. Januar 1975 betrachte, muss ich immer an “A Day In The Life“ denken.

Über Facing You und Solo-Concerts Bremen Lausanne ist seit ihrem Erscheinen wahrlich viel gesagt und geschrieben worden, jedoch keine so denkwürdigen Geschichten, wie jene vom Köln Concert, das um ein Haar nicht stattgefunden hätte. Die wohl authentischste Version dieser *merckwürdigen* Anekdote kann man hier nachlesen.

 
 
 

      

 
 
 

Ich schreibe dieses Double Take aus zwei Gründen. Es gibt kaum ein Solokonzert von Keith Jarrett, das mich so bewegt, wie Lausanne Part II. Es gibt eine persönliche Geschichte, in der diese Aufnahmen eine gewisse Rolle spielen. Sie kann mit der, welche sich um das Köln Concert rankt, nicht konkurrieren. Beide Stories gibt es freilich nur deshalb, weil um das Jahr 1971 Manfred Eicher und Keith Jarrett zusammenfanden. 1970 war das Jahr, in dem ich Keith Jarrett für mich entdeckt habe, nicht aufgrund einer Empfehlung in einem Magazin oder einer Rundfunksendung, sondern eher zufällig – Details zu schildern, unterlasse ich. Nur so viel: das Charles-Lloyd-Quartet war das Initium.

 
 
 

 
 
 

Das ist ein Ausschnitt aus der Cover-Rückseite meiner ersten ECM Schallplatte. Die letzte Zeile ist bemerkenswert. Die Postadresse des Labels war identisch mit der Anschrift von Elektro Egger, München-Pasing Gleichmannstraße 10, wo es die legendäre Abteilung ‘jazz by post’ gab. Vielleicht ist manchem Leser das Label JAPO bekannt. Es ist leicht heraus zu finden, wie der Name zu deuten ist.

Bei dieser Adresse gab es Jazz nicht nur ‘by post’. Im obersten Stockwerk befand sich eine Schallplatten-Abteilung mit dem besten Jazz-Sortiment Deutschlands. Ich habe dort Nachmittage verbracht am Plattenspieler, umgeben von Regalen mit LPs. Man munkelt, dass mehrere 10.000 Vinyls vorrätig lagerten. Dort habe ich fast alle meine Charles-Lloyd-Scheiben gehört und gekauft, bevor ich durch die Lampenabteilung und an Waschmaschinen und Haartrocknern vorbei schlendernd den Laden von Elektro Egger verließ.

Jarrett war da noch weit weg, erreichbar nur auf Schallplatten, bald sogar auf solchen der Miles-Davis-Group. Im Oktober 1971 gastierte das Miles-Davis-Septet mit Keith Jarrett in München im Kongress-Saal des Deutschen Museums, mit dem Musiker, der mich damals wie kein anderer faszinierte – von den Beatles und Miles Davis einmal abgesehen. Es war das erste Mal, dass ich Jarrett live hörte.

Kurz darauf, im März 1972, kam Facing You zur Welt, im Hause ECM, in der GLEICHMANNSTRASSE 10. Es war ein wunderbarer Schock für mich. Diese Liaison! Unglaublich! Das Album wurde am 10. November 1971 in Oslo aufgenommen, einen Tag nach der Performance des Miles-Davis-Septet.

Piano Solo Alben waren damals im Jazz eher eine Rarität. Möglicherweise setzte ECM nachhaltige Impulse. Facing You und Chick Coreas Piano Improvisations Vol.2 erschienen am gleichen Tag.

In Front heißt das erste Stück. Ich habe seinerzeit die Titel nicht hinterfragt, ich habe sie einfach hingenommen. Jetzt, im Rückblick, hat in front, vorneweg, etwas Vorausschauendes. Es ist in nuce das erste Solo Concert Jarretts, ein Konzentrat von 10 Minuten Dauer, von einem Thema ausgehend frei vagabundierend und zu ihm zurück findend, und dennoch formvollendet. Starbright habe ich am 12. Juni 1972 im ARRI Kino München wiedergehört, als dort das Trio mit Haden und Motian auftrat. Es war die zweite Livebegegnung mit Jarrett.

Die dritte Begegnung ereignete sich am 27. März 1973. Jarrett spielte solo in Nürnberg im Saal des Heilig Geist Spitals. Den Flügel kannte ich von Proben her, die mein Freund Wolfgang Kelber für die Jugendgottesdienste in der Meistersingerhalle dort abhielt. Es war kein besonders gutes Instrument. Das Konzert – Eintrittspreis 2 DM – besuchten mehrere Oberstufenschüler des Kronacher Gymnasiums für die ich Tickets besorgt hatte. Im Musikunterricht hatten wir Facing You gehört und besprochen, auch die fantastischen Stücke des Charles-Lloyd-Quartetts. Jarrett spielte einen Set von fast einer Stunde Dauer, kam nach langem Beifall zurück auf das Podium mit einem Glas Wasser (Medizin?) in der Hand und erklärte, dass er leicht erkrankt und das Recital beendet sei. Eine Woche vorher, am 20. März 1973, spielte Jarrett das wunderbare Konzert in Lausanne.

Im Sommer 1973 hielt ich mich für ein paar Tage in München auf. jazz by post in der GLEICHMANNSTRASSE 10 besuchte ich natürlich. Ich hatte ein paar LPs ausgesucht und beim Bezahlen stellte ich 2 Fragen.

 

„Tät der Jarrett auch in der Provinz auftreten?“

Scho, wenn ses zoin.“

„Hat ECM was mit dem Elektro Egger zu tun? Is ja dieselbe Adresse.“

Net so recht. Die ham ihr Büro hindn im Rückgebäude. Schaugns halt amol dort vorbei.

 

Erst Jahre später habe ich erfahren, dass Manfred Eicher bei der Gründung des Labels ECM von Karl Egger unterstützt wurde. Ins Rückgebäude ging ich auf der Stelle. Im Büro war es sympathisch unaufgeräumt, auf einem Plattenspieler drehte sich eine Scheibe mit einem weißen unbedruckten Etikett. Ich hörte nicht genau hin, denn ich schwärmte von Jarretts Musik, erzählte, wie ich ihn für mich entdeckt habe und wiederholte meine Frage „tät der auch in der Provinz spielen?“. Die beiden freundlichen jungen Männer erklärten mir, ECM sei zwar keine Konzertagentur, aber sie vermitteln ihre Künstler gerne an Clubs und sonstige interessierte Veranstalter, ich möge einfach meine Adresse hinterlassen. Jetzt erst hörte ich genauer auf die Klänge aus den Lautsprechern. Kann es sein, dass ich Keith Jarrett zuhöre? So kam es mir vor. Ich wollte wissen, was da aufliegt. Es sei die Anpressung von Solokonzerten, gespielt in Bremen und Lausanne. Im Herbst würden sie in einer LP-Box erscheinen.

Von nun an bekam ich Post von ECM. Im August 1974 holte ich dieses Schreiben aus dem Briefkasten:

 
 
 

 
 
 

Man muss die Grafik anklicken, um zu sehen, was ECM 1974/1975 im Angebot hatte. Am 17. Januar 1975 kam es zur nächsten Begegnung. Es war die näheste.

 

Ich liebe vor allem sein Solospiel. Wenn ich Solo spiele, dann kann ich manchmal ein solches Level an Inspiration 5 Minuten halten, doch Keith Jarrett kann so etwas 40 Minuten lang tun. Er zapft da immer etwas an, etwas Göttliches, etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Er erstaunt mich.

Brad Mehldau

 

Ja so ist es. Gemeint ist das freie Solospiel, nicht Improvisation nach einem vorgebenen Song, der eine Melodie, chord progressions, und seine Form als Richtlinie bereit stellt. Jarretts Solokonzerte der 70er Jahre waren riskante Wege ins Ungewisse, ohne Umkehr, Revision ausgeschlossen. Beethoven hatte Skizzenbücher, die den oft langen Weg bis zur endgültigen Gestalt eines Themas verraten. Lausanne Part II ist gewachsen wie eine unberührte Landschaft, voller Gegensätze, vollendet, unfassbar. Kann es sein, dass auch Jarrett ins Staunen geriet über diesen *einmaligen* Vorgang?

 

I believe in Music to the extent that it was here before we were. ln that sense, perhaps l’m not a musician. [..] I don’t believe that I can create, but that I can be a channel for the Creative. I do believe in the Creator, and so in reality this is His album through me to you, with as little in between as possible on this media-conscious earth.

Keith Jarrett (aus den liner notes zu ECM 1035/37)

 

Wer will, kann Lausanne Part II *mehrmalig* hören. Das tat ich und werde es noch oft tun. Nach und nach hat sich mir offenbart, wie konsistent und formvollendet sein Spiel ist. Kaum vorstellbar, dass Jarrett, als er dem Wirbel seiner Hände und Füße zuhörte, dies alles bewusst war. Es muss ein besonderes Flow-Erlebnis gewesen sein.

 

Den klassischen Double-Take kennt man aus Stummfilmen, zum Beispiel bei Laurel and Hardy: ungerührt wird eine Aktion zur Kenntnis genommen, bis mit zeitlicher Verzögerung gestutzt wird, und der wahre Sachverhalt aufscheint. Wer unsere Double-Takes mit ECM-Platten kennt, wird natürlich nur eine minimale Reaktionszeit brauchen, um zu erkennen, dass Neil Youngs „Hitchhiker“ nicht zum ECM-Katalog zählt. Und doch haben diese beiden Schallplatten, die sich bei mir nie abnutzen, einiges geneinsam, man schaue nur auf die Umschattung der Coverfotografien.

Beide stammen aus den 70er Jahren, nur erschien Neil Youngs Soloperformance erst Jahrzehnte später – bei Jarrett stand „Facing You“ am Beginn vieler atemraubender Solodarbietungen. Im Studio waren aussser den Musikern jeweils nur zwei weitere Personen, Manfred Eicher und Jan Erik Kongshaug in Oslo, sowie  David Briggs und ein mit Neil befreundeter Schauspieler, dessen Namen mir gerade nicht einfällt, an der West Coast.

Beide Tonaufzeichnungen sind überragend, und was die Ausstrahlung der Musik angeht, sind „intimacy“ und „intensity“ zwei reflexhaft auftauchende Wörter, die auch kurzem Nachdenken standhalten. Der gebürtige Kanadier hatte ein Heimspiel auf seiner Ranch, Haschisch war in dieser Nacht dabei, und, was weiss ich, sonst noch. Er betrauerte en passant das Ende einer grossen Liebe, und David Briggs scheint den Regler für die Gitarre ein wenig aufzudrehen, während Neil Young  an den Versen von „Give Me Strength“ entlangtaumelt, in sanfter Bedröhnung. Und doch waren seine Sinne geschärft.

Sicher hat Keith Jarrett während der Aufnahme einen eher klaren (oder, Zen-technisch, leeren) Kopf gehabt, egal, wohin die Musik ihn transportiert hat. Manfred Eicher könnte sicher einiges zu dieser magischen Dreiviertelstunde erzählen, den Stunden davor, dem Tag danach. Die eine oder andere Frau geistert, schaut man sich die Titel an, auch durch diese Platte, die in einer Doppel-Besprechung im Down Beat neben Paul Bleys „Open, To Love“ auftaucht: beide erhielten fünf Sterne, aber das wäre ein anderer „Double Take“.

 

Großvater wir danken dir! So versuchte jedenfalls Loriot den Familiensegen bei den Hoppenstedts wieder in die Bahnen bürgerlicher Ordnung zu bringen. Wobei ich gerne und unumwunden zugeben will, dass auch mein Großvater mit einer sehr großzügigen Beteiligung einen zentralen Beitrag für die Anschaffung meines Klaviers leistete bzw. dies überhaupt erst möglich machte. Jetzt steht es mattschwarz und schon seit Jahren abbezahlt mir, während ich dies schreibe, gegenüber und läßt seine Basssaiten leise angesichts des heutigen Themas mitschwingen. Und natürlich kennt es die beiden Alben ganz genau von den kläglichen Anfängen bis hin zu dem Wohlklang, den mir günstigstenfalls zu erzeugen vergönnt war…

Als ich zum ersten Mal Sacred Hymns hörte, traf mich diese Musik in ihrer subtilen hypnotischen Wucht ungeheuerlich tief. Diese Auswahl von Stücken von Georges I. Gurdjieff, von Thomas De Hartmann für Klavier parallel in Echtzeit aus dem konzertanten Vorspiel Gurdjieffs selbst notiert und für Piano transkribiert, stellen eine ganz selbstverständlich klingende Melange aus orientalischen, asiatischen und rituellen Stücken mit europäischer Klassik dar, die in der asketischen und präzisen Interpretation Keith Jarretts mit großer Leichtigkeit innere Räume aufziehen. Räume, die neben ihrer melancholischen Dimension seelische Entwicklungsräume entfalten, was wahrscheinlich sogar Gurdjieffs hauptsächlichste Absicht darstellte, denn er spielte seine legendären Abendkonzerte im Schloss Prieuré des Basses Loges bei Paris seinen Zuhörern gewiss nicht zur bloßen Unterhaltung vor. Sein Ziel war vielmehr die harmonische Entwicklung des Menschen, was er zumindest mit seiner Musik bei mir, fast wie eine kleine Initiation, auch nach Jahrzehnten des Hörens noch bewirkt. Keine Frage, dass ich diese Stücke also auf dem Klavier spielen musste. Aber woher nehmen? Die Noten waren schon seit Jahrzehnten vergriffen und unbezahlbare Sammlerstücke. Und sich mit Keith Jarrett messen? Vermessen! So vergingen fast zwei Jahrzehnte bis sich endlich der Schott Verlag erbarmte und sämtliche von De Hartmann niedergeschriebenen Klavierstücke in vier Bänden wieder auflegte. Erlösung und Herausforderung zugleich über der aber bis heute eine ungeheure Faszination schwebt dieser frühen Weltmusik aus dem eigenen Urgrund etwas Leben einhauchen zu können. Keith Jarrett aber bleibt unerreicht, auch unter all den anderen Interpreten Gurdjieff’scher Musik, mit Ausnahme vielleicht von Elan Sicroff, der sich dieser Faszination auch vollständig ergeben hat.

Das Pendant dazu erschien nur wenige Jahre später: Children’s Songs von Chick Corea. Pendant, weil diese Musik leicht, fröhlich und ganz und gar nicht so schwermütig auf mich wirkte. Und einfach nicht so abgenutzt klassisch klang, da hier Jazzelemente und die ungeheure Improvisationserfahrung Corea’s in einfachen, aber sehr archaisch klingenden Pianostücken, daherkamen. Sie laden mich ein ihren inneren Weg zu erkunden, die Stimmungen, die Klarheit und die lichte Weite. Auch musste ich hier gar nicht lange auf die Noten warten, die sich aber erst mal als nicht so einfach herausstellten. Chick Corea ist halt schlichtweg ein wesentlich versierterer Pianist als es Gurdjieff als Autodidakt auf seinem Harmonium je war, was sich aber zum Glück nicht als unbewältigbar herausstellte: es sind ja schließlich Children’s Songs. 

Seitdem sind viele, viele Jahre vergangen. Beide Alben gehören immer noch zu meinen Lieblingspianoalben, beide berühren mich immer noch aufs Neue. Und es waren die letzten Stücke, die mich verführen konnten, sie nach Noten auf dem Klavier zu spielen. Danach zog es mich auf das offene Meer improvisierter Musik, weg von den Bastionen des Reproduzierbaren immer weiter hinaus mit der bis heute unstillbaren Sehnsucht Strukturen und Patterns zu zerschlagen, um mich einer vielleicht nicht selten verstörenden Schönheit des Augenblickes immer tiefer anzunähern. Aber so blieben Sacred Hymns und Children’s Songs das letzte Stückchen Festland vor den Aufbruch, Finisterre.

 
 
 
       
 

2018 27 Jun

Vier Bebilderungen

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Jeder, der sich für Jazz / Musik interessiert, kommt in diesen Wochen an dem Cover der neuen Platte von Kamasi Washington nicht vorbei. Wir werden uns hüten, es hier nochmals aufzutischen. Offensichtlich sind da beträchtliche Werbegelder im Spiel, und die Musikkritik zeigt sich überschwänglich. Wer so blöd ist, da gleich den neuen Coltrane wahrzunehmen, wie des öfteren passiert, anlässlich des kräftig gehypten Debuts, nimmt sich selbst aus dem Feld. Was ich über die Musik lese, ihren Mut zum Pathos, zum grossen Klangtheater, etc., lässt mich eher zaudern, sie anzuhören. Das Schlimmste ist das Cover von „Heaven and Earth“: als könnte der aufgebrezelte Kamasi über Wasser gehen. Ein Götterbote, mindestens. Pseudomystischer Overload. Wie sehr mag ich dagegen ein ähnliche Motiv ohne posierendes Ego: die vier Luftballons auf dem Cover von Keith Jarretts „Belonging“.  Und wie sehr schätze ich, im Kontrast zu Kamasis Kitsch, das Cover der neuen CD von Graham Nash (Gregor öffnete seinen Plattenschrank dazu, vor Tagen): ein Junge schaut mit seinem Fernrohr auf ein riesiges Naturpanorama. Beide Bilder inszenieren Natur, aber bei dem Cover der übrigens betörend schönen Arbeit („Over The Years“), Demo-Versionen bekannter und weniger bekannter Lieder des alten Barden, spielen Staunen und Nostalgie auf durchweg sympathische Art mit, und die Lieder zahlen diese Mixtur aus Einfachem und Profundem mit Mehrwert zurück, und vollkommen reduziert. Was für eine Zeitreise, ohne Prätention und Zirkusgehabe. (Und wie ich die Musik von K.W. wohl empfinde, nach dieser Vor-Urteilsbildung, sollte ich sie wirklich einmal hören!?). Und wenn diese zwei Cover auf so unterschiedliche Art mit dem Motiv „grandioser Natur“ umgehen, wie umschattet wirkt da die Bebilderung des Soloalbums von Stuart Staples – auch da taucht der Himmel auf, in einem Bild von Suzanne Osborne. Ursprünglich wollte Claire Denis Suzannes Serie von 365 Ölgemälden, mit dem Himmel als durchgehendem Raum, in einen Film verwandeln. Als Langzeitlauscher der Tindersticks wartet „Arrhythmia“ daheim auf mich, ich kenne keine einzige Komposition, ahne aber, dass die Musik bestens passen wird in die Klanghorizonte im August, vor oder nach zwei, drei Stücken der kommenden CD von Tord Gustavsen. Von der ich gleichfalls noch keinen Ton gehört habe.

2016 4 Nov

Die zwei wunderbaren Veröffentlichungen vom 4. November

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Wenn das Neue seinen Reiz verliert, sind die griffigen Vokabeln zur Hand. Aber wenn das Neue sich nicht darum schert, das Neue zu sein, fallen die meisten Worte ins Leere, das Abenteuer bleibt bestehen: den ersten Ton anzuschlagen, der Entfaltung einzelner Motve und Motivketten mal verblüfft, mal zweifelnd zu folgen, Atem zu holen, Laut zu geben (Jarretts Stöhnen ist nicht inszeniert, vielmehr Begleiterscheinung eines Ekstatikers bei der Arbeit), zwischen Stilen und Jahrzehnten fündig zu werden (als wäre es ein erstes Mal, kein Zitatenschatz). Und so gibt es hier, in diesen vier italienischen Konzerten aus den Neunziger Jahren , einiges mehr zu bestaunen, zu belauschen als in der zu obsessiv betriebenen Triobearbeitung alter amerikanischer Songblätter. Aus ungenannten, mediterranen Quellen wurde mir das Material der vier Konzerte vor Wochen zugespielt, und ich schmuggelte Ferrara (oder war es Modena) in eine Radiostunde nach Mitternacht. Es war mir ein Fest. Und jetzt reden Sie jetzt bitte nicht vom Köln Concert. The sounds they are a’changin‘! So weit, so gut, und neben A MULTITUDE OF ANGELS ist heute auch FLOTUS von Lambchop erschienen. Es gibt letzteres sogar in einer Edition mit Whisky.

Samstag 16. Juli 2016 – München, Gasteig
 
Keith Jarrett, piano solo
 
Ich habe Jarrett am 23. Oktober 1992 im Gasteig zu München live gehört und damals beschlossen, kein Konzert Jarretts mehr zu besuchen. Warum?

Jenem Konzert drohte der Abbruch. Es stimmt schon, in den ersten 10 Minuten wurde gehustet wie in einer Lungenheilanstalt. Jarrett hörte auf zu spielen, wandte sich zunächst freundlich ans Publikum: „can we cough all together at the same time?“, worauf es lange ruhig blieb bis eine weitere Ermunterung ein paar bemühte Verhüstungen hervorrief. Es dauerte nicht lange bis zum nächsten Einhalt. Diese Unterbrechung war jedoch ernster, unangenehmer, denn Jarrett verließ die Bühne, Ende der Vorstellung? Es schien so, denn es dauerte lange, bis er zurück kam. Zuhören mit einer Schlinge um den Hals, die bei jedem Husten im Saal sich enger zusammen zieht, ist nicht mein Ding.

Mit einem solchen Vorfall hatte ich nicht gerechnet. In jenen Zeiten des Praeinternetikums war die Kunde von Jarretts Publikumsbelehrungen noch nicht bei mir eingetroffen. Im Oktober 1992 besuchte ich das zwölfte Mal ein Konzert von bzw. mit Keith Jarrett. Nur einmal erlebte ich eine Unterbrechung. Das war beim Auftritt seines Amerikanischen Quartetts 1976 bei Jazz-Ost-West in Nürnberg, wo er nach wenigen Sekunden sich an die Herde von Fotografen wandte: „If you don’t know when to take pictures – I don’t want any pictures – we stop immediately“. Einverstanden. Es sei gesagt, dass es das sog. Ambiente Konzert war, bei dem simultan im Großen Saal, im Foyer und im Kleinen Saal der Meistersingerhalle Bands spielten und die Besucher nach gusto hin und her wanderten. Es gab Unruhe die Fülle als Jarrett, Redman, Haden und Motian eine fantastische Performance der „Survivors’ Suite“ spielten – ohne weitere Unterbrechung!

Nun habe ich doch noch einmal ein Jarrett Konzert live erlebt. Leise muss es da zugehen.
 
 
 
Jarrett2016
 
 
 

Dieses Ticket war ein Geschenk, das mir zwei Tage vor dem Event zugefallen ist. Natürlich ist mein 1992 gefasster Vorsatz obsolet geworden. Aber was ihn auslöste spielt freilich eine Rolle, zumal medial vermittelte „Erkenntnisse“ über Jarretts gelegentlich sogar unflätige Belehrungen des Publikums, über seinen neurotisch anmutenden Zwang, mangelnde Konzentrationsfähigkeit des Publikums zu beklagen etc. den zum künstlerischen Hochamt Pilgernden begleiten. Die frischen Nachrichten kamen aus Wien – vom 9. Juli 2016.

Keith Jarrett tritt nicht auf, um Mühselige, Beladene oder Gutgelaunte zu erquicken. Er verlangt dem Publikum Einiges ab, wobei die einfachste Übung darin besteht, SmartPhones still zu legen und auf schlecht belichtete SmartPhotos zu verzichten – eine Aufgabe, an der mindestens 2 Wiener scheiterten. In München – und wie ich erfahren habe auch in Wien – gab sich der Veranstalter alle Mühe, das Publikum auf Jarretts Ansprüche vorzubereiten, niemand sollte versehentlich einen Eklat provozieren. Auf jedem Sitz lag ein Infoblatt mit Verhaltensregeln, zu denen auch ein Fotografierverbot während des Schlussbeifalls (!) zählte. Der Saal wurde verdunkelt, die Seitentür zur Bühne öffnete sich, und es trat auf … ein abhängig Beschäftigter der Veranstalterfirma, welcher den Text des Infoblattes vorlas, das Blatt wendete und alles in English wiederholte.

Ich bin trotzdem auf das Schlimmste gefasst, aber es kommt ganz anders. Das Publikum ist lautlos still und bleibt es nach dem einleitenden sperrigen Jarrett’schen Impromptu. Eine lange Generalpause, dann Jarretts erste kurze Ansprache: man möge ruhig applaudieren, wenn einem danach ist – Erleichterung auf beiden Seiten. Das zweite Stück ist von düsterer Art. In den anschließenden Miniaturen erklingen hellere Farben, fassliche Melodien, es folgen glitzernde Passagen, pianistische Bravourstücke, impressionistische Klänge. Gelöst und ohne jeden Hinweis auf einen Verfall der guten Atmosphäre geht es durch den zweiten Teil.

Zu Jarretts Konzerten gehören offenbar Ansprachen, dem Vernehmen nach meistens Belehrungen oder gar Beschimpfungen. Er hält im zweiten Teil eine längere Vorlesung, sie handelt von den Herausforderungen an einen Improvisator, der sich nicht wiederholen, der nicht in Routine verfallen will, davon, warum er nach weit über 100 Solokonzerten immer noch die Anstrengungen von Solo Recitals auf sich nimmt – „who else will do it?“

Er schließt, sich gut gelaunt entschuldigend, mit „Why am I giving a lecture?“ Ich höre ein „thank you“ und halte das für mehr als eine höfliche Floskel der Art thank-you-for-listening

Zurück zum Pianoforte für einen stilisierten Blues und ein paar schöne Préludes vor herrlichen Zugaben: „Answer Me, My Love“, eine zweite, die mir kein Standard zu sein schien, und „Somewhere over the Rainbow“. Standing Ovations nach jeder Zugabe, ich hatte den Eindruck, es könne sogar ein viertes Encore geben. Es war ein großartiges Konzert. Dann ist es doch passiert – ein paar SmartPhlitzlichter …

 

Ferdinand Ries

 

Dieser Marsch veranlaßte übrigens das Gute, daß Graf Browne gleich die Composition dreier Märsche zu vier Händen, welche der Fürstinn Esterhazy gewidmet wurden (Opus 45), von Beethoven begehrte.
Beethoven componirte einen Theil des zweiten Marsches, während er, was mir noch immer unbegreiflich ist, mir zugleich Lection über eine Sonate gab, die ich Abends in einem kleinen Concerte bei dem eben erwähnten Grafen vortragen sollte. Auch die Märsche sollte ich daselbst mit ihm spielen.
Während Letzteres geschah, sprach der junge Graf P…. in der Thüre zum Nebenzimmer so laut und frei mit einer schönen Dame, daß Beethoven, da mehrere Versuche, Stille herbeizuführen erfolglos blieben, plötzlich mitten im Spiele mir die Hand vom Clavier wegzog, aufsprang und ganz laut sagte: „für solche Schweine spiele ich nicht.“
Alle Versuche, ihn wieder an’s Clavier zu bringen, waren vergeblich; sogar wollte er nicht erlauben, daß ich die Sonate spielte. So hörte die Musik zur allgemeinen Mißstimmung auf.

 

 (vorgefallen im Jahr 1803)

 

 

Montag 18. Juli 2016 – München, Tollwood Festival

 

Jamie Cullum

 

Der Besuch eines Jamie Cullum Konzerts ist bei uns ein Familienausflug, dreimal schon hat das stattgefunden. Da geht es ganz schön laut zu. Ich habe mich nicht vorne in Nähe der Bühne aufgehalten, sondern hinter dem Geviert der Licht- und Tontechnik. Vielleicht ist dort der Sound der bestmögliche im Tollwood-Zelt. Eine Schalldruckanzeige verrät präzise, wann es ratsam wird, die Ohren zu schützen. So weit kam es nicht, 103 dB war der einmalige Spitzenpegel. Außerdem gab es kühlende Ventilatoren für die Belegschaft und einen großen Flachbildschirm – ich hatte also beste Sicht auf die Bühne und Jamie Cullums Finger.

 
 
 

 Cullum2016

 
 
 

Jamie Cullum tritt auf, um viele Gutgelaunte zu erquicken. SmartPhotos ohne Blitzlicht, gedacht für den Privatgebrauch sind erlaubt – so die Durchsage des Veranstalters. Jazz mit Popschminke, Pop mit Jazzschminke unterhalten mich glänzend. Jamie, das Energiebündel, ist ein wirklich guter Klavierspieler und Crooner mit einer perfekten Band. Große Überraschungen gibt es nicht und bald fühle ich mich wie im Fußballstadion, umgeben von Fangesängen, die Songs werden mit Jubel begrüßt wie Kicker, wenn sie in die Arena einziehen. Jamies Intros funktionieren, wie Ansagen des Stadionsprechers. Beim nächsten Familienausflug bin ich bestimmt wieder dabei.

 

fast vergessen: Jamie Cullum ist ebenfalls in Wien aufgetreten.

München, 2. Juni 1981

 

Ich mag vor allem sein Klavier-Solo-Spiel, seine Triosachen habe ich mir nicht so oft angehört. Ich liebe vor allem sein Solospiel. Wenn ich Solo spiele, dann kann ich manchmal ein solches Level an Inspiration 5 Minuten halten, doch Keith Jarrett kann so etwas 40 Minuten lang tun. Er scheint ein besonderes Selbstbewusstsein zu haben. Er zapft da immer etwas an, etwas Göttliches, etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Er erstaunt mich.“

(Brad Mehldau, in einer Sendung Günther Huesmanns im SWR, am 9. Mai 2015)

 

Jarrett’s Auftritt am 2. Juni 1981 im Herkulessaal ist sicher eines seiner längsten Konzerte. Set 1 dauerte ca. 47 Minuten und Set 2 war mit 37 Minuten nur wenig kürzer. Ja, und zwei Zugaben muss man auch noch erwähnen: weitere 14 Minuten. Keine Ansprachen. Angesichts dieser Dimensionen war der „Herkules“-Saal der einzig richtige Ort für diese denkwürdigen Stunden.

Nein, nein, ich bin nicht Jarrett’s Buchhalter. Ich habe oft weite Wege zurückgelegt, um ihn zu hören, um emotionale Erlebnisse der besonderen Art zu erfahren. An jenem Dienstag im Juni 1981 musste ich etwa 350 km mit dem Auto hinter mir lassen. Vielleicht war ich etwas erschöpft.

Es gibt Solokonzerte Jarrett’s, die beginnen und nehmen sofort gefangen. Kyoto 1976, Köln 1975, Kronach 1975. Den Anfang des Münchener Konzerts empfand ich als ausgesprochen spröde, wie intensiv suchend, kein verlockendes Motiv wie im Köln Concert, sondern komplexe Polyphonie, Irrgarten-Harmonik. Ein schwieriger Einstieg in eine Zauberwelt. Erst in Set 2 war ich richtig offen.

Es lag sicher an dieser Erinnerung, dass ich die LP-Ausgabe jahrelang nur aufbewahrt habe. Vor einigen Monaten erst habe ich das Konzert immer wieder gehört. Es ist ein phänomenales Kunstwerk, komplex und von einem Reichtum, den ich als Hörer live im Herkulessaal wohl geahnt habe, aber erst dank der Aufzeichnung nach und nach begreife.

 

„Jarretts Kunst liegt im Gestus, nicht im Material. Wer (wie Zuhörer aus dem Bereich der abendländischen E-Musik) diese Solokonzerte auf die Herkunft der einzelnen musikalischen Partikel hin anhört, wer den Blick auf das Geschiebe richtet, das dieser Bewusstseinsstrom mitführt, statt auf die Bewegung, ist verloren […] Es geht ihm [Jarrett], dem Fundamentalisten, gewissermaßen um Emotionalität an sich. Das Material, könnte man sagen, hat nur noch die Funktion, diese Emotionalität sichtbar zu machen wie Feilenspäne die Linien eines Kraftfeldes.“

(Peter Rüedi, in den Liner Notes der LP-Ausgabe)

 

Ich sehe das etwas anders. Jarrett’s Kunst liegt sowohl im Gestus als auch im Material. Im Konzert bin ich als Hörer nicht in der Lage „die Herkunft der einzelnen musikalischen Partikel“ in aller Tiefe zu begreifen, im Konzert steht das emotionale Erleben vor dem „Blick auf das Geschiebe“. Als Zuhörer abendländischer E-Musik geht es mir nicht anders, wenn ich ein Werk zum allerersten Mal höre.

In Set 1 des Münchner Konzerts erklingt eine kleine, wunderbare Gestalt, etwa nach 4:40 Minuten. Es ist nicht leicht festzustellen, wo sich diese Idee im musikalischen Strom verliert, so sehr wird sie sogleich verwandelt. Bei 8:10 und etwas später ist sie noch einmal greifbar.

Und dann passiert dies: Nach 40 Minuten Musik plus einer halbstündigen Konzert-Pause wird in Set 2 diese Idee wieder eingeführt und bildet für fast 27 Minuten das Rückgrat des in allerlei Farben schillernden musikalischen Prozesses, bevor sie nach einem Tremolowirbel verschwindet und der Flügel in ein bizarres Schlagwerk mutiert.

Jarrett sagte einmal (sinngemäß): „Beim Spielen denke ich immer an Strukturen“. Leider kann ich die Quelle nicht mehr dingfest machen, d.h. ich kann den Mitschnitt jener Rundfunksendung, in der ich das gehört habe, nicht mehr auffinden. Es war vermutlich Michael Naura im NDR, der diesen Satz überlieferte. Vergessen habe ich das nicht. Ohne Struktur wäre Jarrett’s Musik formloses Geklimper auf pianistisch allerhöchstem Niveau.


Letztendlich kann ich nur in Brad Mehldau’s Eloge einstimmen. „Er zapft da immer etwas an, etwas Göttliches, etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Er erstaunt mich“

 

Keith Jarrett:

 

I don’t believe that I can create, but that I can be a channel for the Creative. I do believe in the Creator, and so in reality this is His album through me to you, with as little in between as possible on this media-conscious earth.

(zitiert aus den Liner Notes „Solo Concerts – Bremen, Lausanne“)

 

Igor Stravinsky:

 

I was guided by no system whatever in Le Sacre du Printemps. […] I had only my ear to help me; I heard and I wrote what I heard. I am the vessel through which Le Sacre passed.

(aus Igor Stravinsky and Robert Craft „Expositions and Developments“)

 


Ablauf des Münchener Konzerts:

Set 1 (auf den Tonträgern als Part I und Part II bezeichnet)

Pause

Set 2 (auf den Tonträgern als Part III und Part IV bezeichnet)

Zugaben:

Mon Coeur Est Rouge

Heartland

 


Übrigens:

Love No. 3“ strotzt nur so von Struktur, Emotionalität, Ausgelassenheit, Lust am Spiel und am Leben, Frechheit, Freiheit, Mut …

Das ist eine eigene Geschichte.

 

 
 
 

Spannend war es: ein Seminar über luzide Träume, mit mir zusammen drei Psychologen (als Leiter), und vier von zwölf Teilnehmern erlebten ihren ersten luziden Traum. Im nächsten Sommer können wir die Räume eines hiesigen Schlaflabors nutzen. Will man die erstaunliche Erfahrung machen, im Traum zu erkennen, dass man träumt, und dann bei vollem kritischen Bewusstsein das Traumgeschehen zu lenken, ist die Kernübung die Frage: „Träum ich oder wach ich?“ Stellt man sich diese Frage ca. 10 mal am Tag und prüft die konkrete Umgebung darauf, ob man träumt oder wach ist, überträgt sich diese Fragestellung (der gute alte Freud’sche Tagesrest) auf die Traumphasen in der Nacht, und dann macht es leicht „klick“, und man erkennt voller Verblüffung, dass man mitten in einem Traum ist. Das ist eine von vielen Techniken.

Menschen, die häufig im Traum Musik hören, stellen sich tagsüber dann sinnigerweise auch beim „normalen“ Musikhören die Frage, ob sie träumen oder wach sind, und forschen ca. 1 Minute nach der Antwort, immer leicht dahin tendierend, dass irgendetwas nicht stimmt, dass doch das, was man sieht, hört oder fühlt, auf einen Traumzustand hinweist, oder doch nicht? Ich hatte zu Übungszwecken THE SHUTOV ASSEMBLY von Brian Eno dabei, und STAIRCASE von Keith Jarrett.

Mein Vortragsthema hiess: „Das Irreale im Alltag als Schlüssel für luzides Träumen“. Das wurde schon bei Castaneda thematisiert, aber auch in kalifornischen Universitäten seit den 70ern wissenschaftlich untersucht. Wenn ich also am Freitag, dem 18. September (leider kein Dreizehnter), im Deutschlandfunk zwischen 22.05 und 22.50 Uhr, live,  in der Reihe „Milestones“ Keith Jarretts Soloauftritte „BREGENZ MÜNCHEN“ vorstelle, eine wahrlich unerhörte, grossartige Arbeit, dann könnten Sie sich durchaus mal die Frage nach Ihrem aktuellen Bewusstseinszustand stellen.

Und was finde ich just in der Post: ein brandneues Album von Eivind Aarset. Träum ich oder wach ich? Produced by Eivind Aarset in co-operation with Jan Bang. Ein Hauch von Punkt. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Im Gegensatz zu dem minimalistischen Duo-Album auf ECM, „DREAM LOGIC“, setzt Eivind hier auf grosses Personal.

Meine Geschichte mit dieser Schallplatte ist eine ganz andere als Michaels Erfahrung, wie er sie neulich in seiner Sendung erzählt hat. Ich habe das Album erst im vergangenen Sommer gekauft, in einem Plattenladen hier in der Straße. Ich war noch nie in diesem Laden, obwohl er immer etwas Zauberhaftes an sich hatte, aber es ist düster darin und vor allem sitzt da an der Kasse ein Typ, der eine Ausstrahlung von Machtkampf hat, den er unbedingt gewinnen will. Ich ging ohne Ziel in den Laden, und, da ich eine glückliche Onlinekäuferin bin, nahm ich mir vor, nur etwas zu kaufen, von dem ich sehr sicher bin, dass es mir gefällt. Ich war die einzige Kundin. Irgendwann kam ein älterer Mann in schwarzer Lederjacke in den Laden, der so wirkte, als ob Musik das einzig Interessante in seinem Leben sei. Spätestens jetzt wollte ich gehen, aber genau in diesem Augenblick sah ich die Platte und da war sofort ein kleines Glücksgefühl. Das Cover sah okay aus, aber so, als ob es jemand oft und gern in die Hand genommen hätte. Ich fragte nach der Qualität, denn ich weiß, dass es Onlineverkäufer gibt, die jede Schallplatte durchhören und sogar reinigen und die entsprechende Bezeichnungen bei der Zustandsbeschreibung anbringen.

– Weiß ich doch nicht, ich höre doch nicht jede Platte durch.

Ich hätte gehen sollen. Ich fragte, ob ich die Platte zurückbringen könnte, wenn sie qualitativ nicht in Ordnung sei. Er wirkte nicht begeistert und sagte, ich könnte mir dann etwas anderes aussuchen. Das überzeugte mich nicht. Aber was, wenn es die Platte online nicht gab? Ich wollte sie außerdem jetzt hören. Und auf Vinyl. Ein paar Minuten später lief sie auf meinem Plattenspieler. Ich war begeistert und konnte nichts anderes tun als zuhören. Beim letzten Stück auf der A-Seite stockte die Nadel zwei Mal und ich musste nachhelfen. Ich überlegte, ob ich die Platte zurückbringen sollte, aber ich wollte den Laden nicht mehr betreten. Inzwischen befindet sich in den Räumen ein Rauchercafé.


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