Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 9 Nov

Im Osten viel Neues

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Als ich kurz nach dem Mauerfall die Gelegenheit hatte, den Maler Wolfgang Mattheuer in Leipzig auf einer Fortbildung zu fragen, ob ihn die Wiedervereinigung als Maler inspirieren könnte, erhielt ich die sarkastische Antwort: „Wir ostdeutschen Künstler können auch ohne die Mauer malen.“ 1977 waren einige Maler aus der „Leipziger Schule“ auf der documenta 6 in Kassel ausgestellt. Ansonsten wurde die DDR Kunst eher stiefmütterlich als provinziell abgetan. In Düsseldorf gibt es jetzt eine großartige Ausstellung, die die hervorragende DDR Kunst zeigt. Käthe Kollwitz war die Lehrmeisterin von Elisabeth Voigt, deren Schüler waren Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, die die Leipziger Schule mitbegründeten.

Werner Tübke habe ich in meiner Dresdner Zeit entdeckt und seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen. Sicher kann man sagen, dass den Malern der DDR, auch Willi Sitte, Heisig, Neo Rauch das Leitmotiv, die komplizierte Syntax und die Kompositionsstrategie wichtig sind. Keiner ist aber so sublim, so extravagant mit Themen wie Leid, Schuld und Verstrickung umgegangen wie Tübke. Seine endlos erscheinenden Gemälde, wie das Bauernkriegspanorama oder „Arbeiterklasse und Intelligenz“, das in der neuen Uni in Leipzig hängt, zeigen sein ungeheuerliches Maltalent. Es ist nicht so, dass sich die Künstler der DDR nicht mit der Nachkriegszeit auseinandergesetzt hätten. Tübke’s Gemälde „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze III“, entstand nach dem  Auschwitz-Prozess.

 
 


 
 

Die berühmteren DDR-Ķünstler, wie Gerhard Richter, Gunther Ücker und A.R. Penck waren früh geflüchtet und waren alle Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Penck hatte es in Dresden sehr schwer. Ihm wurde Ausbildung und Ausstellung verweigert. Zwei Jahre nach dem Mauerbau entwickelte er ein Zeichensystem, das auf Unverständnis der Kulturpolitiker stiess, aber seinen Stil prägte. Er versuchte noch in Dresden, auf das Medium Film auszuweichen. Sein Film Terror in Dresden (1978) zeigt ein düsteres Dresdner Stadtbild, zu dem er später in den Nullerjahren in den Babelsberger Filmstudios auf dem Piano für Stummfilme eine punkige Filmmusik komponierte.

Einige Maler stiegen auf Schmalkamerafilme um. Die Malerin Cornelia Schleime z.B. war ständig unter Beobachtung, trotzte aber mit ihrer provozierenden Kunst, in der Hoffnung, dass sie ausgewiesen würde. Lakonisch nennt sie ihr Bild: Im Osten ist alles grau, im Westen gibt es bisschen Farbe. Auch sie versuchte sich im Film, stieg dann auch in die Punkszene ein. Sie gründete die Band „Zwitscherkiste“ und benutzte ihre Lieder als direkte Kommunikation. Das führte dann endlich zur Ausreise.

Andere Punk Bands hatten es richtig schwer, landeten im Gefängnis oder wurden aus dem Stand direkt ausgewiesen. Namen der Bands zeigen die damals vorherrschende Atmosphäre: „Ambulante Hospitanten auf dem Weg zum Hospital“, „Planlos“, „Attentat“, Wutanfall“. Die Bands konnten auf Austellungseröffnungen in Ateliers auftreten oder in Gemeinderäumen der Kirche, besonders in Halle. Die Punkszene bildete sich hauptsächlich zwischen 1970 und 1980.

 
 


 
 

In der Düsseldorfer Ausstellung „Utopie und Untergang“ entdeckte ich einen ostdeutschen Künstler, den ich nicht kannte, der mich an Karl Jaspers denken liess, der ja gegen die Wiedervereinigung war. Jaspers forderte die Freiheit der Selbstbestimmung für die DDR Bürger. Diese Freiheit hielt er für wichtiger als die Wiedervereinigung. Jaspers war auch Psychiater. Es ging ihm um den einzelnen Mensch, der er selbst werden soll. Hätten die Ostdeutschen diese Möglichkeit 30 Jahre ausprobieren können, würden sie sich nicht bis heute als Anhängsel der BRD bezeichnen.

Zurück zu meiner Entdeckung. Der Künstler heisst Carlfriedrich Claus. Von ihm sind „Sprachblätter“ ausgestellt, in denen sich Schriftzüge zu Bildern verwandeln. „Skizze zur Anonymität des Subjekts“ nennt er dieses kleine Werk, das mich an den großen Denker Karl Jaspers erinnerte.


 
 

Dieses Mal hatte der umtriebige Musiker, Berater und Schriftsteller Rudi Esch („Die Krupps“) ins Haus der Universität eingeladen, um uns auf seiner allährlichen Musikmesse mit wirklichen Bonbons zu überraschen. Mir fiel auf, dass ziemlich viele Frauen im Publikum sassen, eher ungewöhnlich für seine electric-show. Die Bühne war noch leer, es lief ein Video von der Gruppe Chicago – die Nr. 1 im Jahr 1976: „If you leave me now“Auf einmal ging die Tür auf, ein Video zeigte jetzt die Sex Pistols – die Treppe herunter kam das Idol der Punkszene: Jordan Mooney. Lila Haare, schwarzer Petticoat, schwarze Lederjacke, das obligatorische Hundehalsband um. Rudi Esch hatte tatsächlich die Punk Ikone nach Düsseldorf geholt. Sie bekam Riesenapplaus. Er hatte sie eingeladen, um ihr die Möglichkeit zu geben ihr neues Buch Defying Gravity vorzustellen. Bereits im November 1976 hatte John Peel in Radio One eine Single der Sex Pistols gespielt: „So it goes“. Jordan erzählte, wie sie mit 19 nach London ging, eine Arbeit im Modeladen „Sex“ von Vivien Westwood auf der Kingsroad annahm. Sie fordert uns auf, eine Zahl zu nennen, schlug dann  diese Seite auf und begann zu lesen. Wir hörten aus Zeiten, in denen es wild herging (SM), wo die Leute von ihrem Outfit so erschreckt waren, dass sie davonliefen, wie sie ihre Haare wild auftürmte und nicht nur den Sex Pistols ihren Look verpasste. Neben mir sass ein Mann, der einige Bücher und LPs zum Signieren mitgebracht hatte. Ich fragte ihn nach einem Buch, auf dem Cover Jordan Mooney, die sich sehr schön geschminkt hatte, sie sieht aus wie ein Mondriangemälde.

Immer am Samstag, erzählte sie, arbeitete auch der Kunststudent und Musiker Glen Matlock in dem Fashionladen, wo bekanntlich die Sex Pistols gegründet wurden. Glen kommt auf die Bühne. „Ha!“ denke ich, „Dandy, Dandy, where you gonna go now?“ Er ist schnieke gekleidet, perfekte Frisur: a dedicated follower of fashion. Glen Matlock is really a talker. Ihm machte es sichtlich Spass, aus der alten Zeit zu erzählen, als in Londoner Strassen die Ratten umherliefen, als es stank und die IRA ihre Bomben warfen. Er sei ausgesprochener Kinks-Fan gewesen, allerdings mochte er deren Haarschnitt und ihr „straight outfit“ überhaupt nicht. Er war von den Who und den Yardbirds begeistert und als er einmal in der Band erwähnte, dass er auch die Beatles mochte, flog er raus. Er lachte laut, als er das sagte. Schliesslich seien die Hauptsongs von ihm gewesen. Er wirft den Kopf nach hinten und singt: „I am an anti-christ, I am an anarchist …“ – yeah, anarchy in the U.K. Er lädt uns ein, in den Plattenladen gegenüber zu kommen, dort würde er noch weitere Songs zum besten geben. Er singt noch den Sex Pistols Evergreen „Pretty vacant“. Ich schaue mich in den Schadow Arkaden, wo der Plattenladen A&O ist, um und sehe nur Designerläden. Pretty vacant. Ich nehme mir vor, zuhause gleich mal wieder Preservation Act 1 von den Kinks anzuhören und zwar viel besser passend zu mir: „Where are all the Teddy Boys now? Where are they now?“

2019 23 Okt

Pilzköpfe

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when the men on the chessboard get up and tell you where to go and you’ve just had some kind of mushrooms and your mind is moving low

 

Go ask Alice

 

As I was walking down Abbey Road I got a phone call from Lucy.

„How are you?“, she asked.

„I’m fine – collected some mushrooms today.“

„Alice, you won’t swallow them …“

„Oh no, I will prepare them, here ’s the recipe, Lucy, try them out …“

 

500gr porcini mushroom

1 shallot

30gr bacon

200ml cream

6 stems parsley

salt and pepper 2 spoons butter

1 spoon oil

200gr Tagliatelle

 

mix everything, then add the porcini for 5 min.

Enjoy the meal and Gardez la dame!

 

2019 15 Okt

Was vor der Wende war

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Am 7. Oktober 2019 waren die Straßen in Berlin voll mit Polizeiwagen. Ich wusste nicht warum, erfuhr dann aus der „Berliner Zeitung“, dass ein Autokorso zum Gedenken an den blutigen 40. Gründungstag der DDR erinnern sollte. Das war ja kurz vor der Wiedervereinigung. Was um den 32. Jahrestag stattfand, erfuhr ich jetzt aus einem Film, der aus dieser Zeit erzählt, einer Zeit „als es noch Rollerskates gab, als alle Mädchen noch Schamhaare hatten und die Jungs Dauerwellen und Make-up, als jeder noch einen Plattenspieler und Kassettenrekorder besaß, als noch in den Kneipen und im TV geraucht wurde, als es die Hausbesetzer und die RAF gab, die DM, die Mauer, die DDR und Westberlin.“ „Ich war dabei“, sagt Mark Reeder aus Manchester in dem Film Lust and Sound.

 
 

 
 

Ich auch. Als ich letzte Woche auf dem Mauerweg vom Babelsberger Schloss zur Glieniecker Brücke spazierte, sozusagen auf dem Todesstreifen, entlang der fiktiven Mauer, dachte ich an meine 80 er Jahre hinter dem realen iron curtain. Ich wohnte in Schöneberg, Kreuzberg war aber auch mein Kiez. Dschungel, Risiko, Mitropa waren die Szeneorte und natürlich das SO36, wo man nachts dem Roboter Tanz von Martin Kippenberger zusehen konnte, wo man Eric Burdon, die Toten Hosen oder Christiane F. traf. David Bowie verkehrte in meinem Tortenladen um die Ecke, dem „Anderes Ufer“. Oben in der Goltzstrasse verkauften Gudrun Gut und Blixa Klamotten und Musik im „Eisengrau“. Es wimmelte von Punks und Queers, Berlin bebte. Bowie spielte vor dem Reichstag und schickte so den west sound über die Mauer. Egal, wohin man kam, privat oder in die Kneipen, überall lief Joy Division oder Annette Humpe’s  „Ich steh auf Berlin“. Wenn es Einbrüche gab, wie der Tod von Ian, nur ein paar Monate nach dem Auftritt von Joy Division im Kant Kino (Koma Kino), dann litten wir tief, gingen nicht raus, sondern hörten zu hause am Boden liegend Musik von Tangerine Dream, Ashram Temple oder folgten dem depressiven Sprechgesang von Anne Clark. Als der junge Hausbesetzer in der Potsdamer Strasse über fahren wurde und starb, waren wir wie gelähmt. „You need a drug“ war nicht nur musikalisch eine Hilfe. WestBam tröstete. Meistens waren wir gut drauf, Westberlin war wirklich sexy. Gudrun Gut, die Frontfrau von Malaria! sang frei und verführerisch, ihr Freund Blixa Bargeld streunte lasziv durch die Szene. Ostberlin interessierte ihn nicht. Er fand es spannend in einer Stadt zu leben, von der er die andere Hälfte nicht kennt. Ich war immer neugierig auf Ostberlin. Ich fuhr in den 80 ern im Sommer rüber, am Hauptmann von Köpenick vorbei zum Schwimmen im Müggelsee.

Heutzutage zieht es mich nicht nach Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg. Ich fahre immer wieder nach Potsdam, die Stadt ist für mich wie ein Tor zur Schönheit: „Achtung, Sie verlassen jetzt Berlin“. Das vollkommen zerstörte Potsdam hat in den letzten 30 Jahren seinen preußischen Glanz aufpoliert. Die Schlösser und Villen waren zum Glück wenig zerstört. Günther Jauch hat in der Villa Kellermann am Heiligen See in Potsdam vor kurzem ein Restaurant eröffnet. Ich besuchte es, auch weil ein echter Andy Warhol (der Alte Fritz) dort hängt.

 
 

 
 

Bedient wird man dort von jungen Frauen in grauen Arbeitsanzügen. Soll das Retro-Sozialismus sein? Als sich die in diesem Outfit vollkommen unerotisch wirkende Bedienung näherte und mich fragte: „Was darf’s denn sein?“ antwortete ich: „Kaltes, klares Wasser“. (Von Malaria!)

 

In meinem Reisetagebuch findet sich der Eintrag vom 8.9.1970: wir reisen nach Jugoslawien ein. Wir nehmen den Bus von Triest nach Kozina, weiter nach Rijeka, mit einem anderen Bus bis Kraljevica. Wir schlafen in einer Pension „Frano“ am Strand.

Die Schönheit von Jugoslawien ist in dem Buch „Brücke über die Drina“ beschrieben. Ivo Andriç (1892-1975) hat dafür den Literaturnobelpreis bekommen. Lange vor Peter Handke. Die Brücke ist die beste Metapher für ein Land, das einmal als Vermittler in der Weltpolitik eine unvergleichlich wichtige Rolle spielte, als es ihm der Größe nach gebührte. Für uns war Jugoslawien ein fremdes Übergangsland zwischen zwei Welten, Ost und West, Christ und Moslem. Wir waren über die Sprachenvielfalt überrascht und fasziniert von der spektakulären Naturlandschaft.

 
 


 
 

Es war Ivo Andrić’s Verdienst, Serben, Kroaten und Slowenen zumindest sprachlich unter einen Verbund zu bringen. Wir Leser erfuhren aus seinen Büchern die ersten Details noch vor dem Balkankrieg. Peter Handke bangte zurecht um den Fortgang der Geschichte von Europa. „Indem man Jugoslawien zerstört  hat, hat man das wirkliche Europa zerstört.“ Peter Handke wollte Vorort sein, er wollte dabei sein, schauen, empfinden und fragen. Und vor allem begreifen. Und dann in Sprache umsetzen.“Nichts näher dem Göttlichen als die Sprache – die Möglichkeiten der Sprache.“

 

„Und Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen.“

(Peter Handke: Don Juan – erzählt von ihm selbst)

 

 
 

In dem wunderbaren Buch erzählt er von 7 Begegnungen mit Frauen, die verlassen werden und zwar auf so meisterliche, sanfte Art und Weise, wie das Leonhard Cohen tat. Handke lässt die Frauen in geografische Räume treten und hält sie dort in der Zeit fest – ganz der Nietzsche-Kenner – er bittet sie, den erfüllten Augenblick festzuhalten. Vermögen die Liebenden, die Liebedienerinnen ihren Don Juan zu erkennen? Seine Verführung? Was sind das für Frauen? Verführen nicht eher sie? Handke beschreibt die erste Frau unglaublich sinnlich. Es ist eine Rockerbraut in Lederklamotten mit nichts „drunter“. Auf dem Rücksitz einer schweren Maschine. So oder so, das kann Handke also auch. Ein weiterer Versuch. Die Versuche sind symptomatisch für sein Oevre. Er schaut, er empfindet, er fragt, er begreift … Auf einer Hochzeit im Kaukasus erzählt er, wie die Braut mit ihm flirtet.“ Jetzt gab es nichts mehr als die fremde Frau … Da saß keine Braut mehr, sondern nur noch die Frau … unbeschreiblich schön … Er erzählte weiter, dass er, in der Tür stehen geblieben,  sie so nah und so gross sah wie durch ein Telescop insbesondere so ausschließlich. Don Juan war kein Verführer. Er hatte noch nie eine Frau verführt. Zwar waren ihm welche begegnet, die ihm das nachgesagt hatten. Aber diese Frauen hatten entweder gelogen, oder sie wussten nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, und hatten eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen.  Und umgekehrt war Don Juan auch noch kein mal von einer Frau verführt worden. Es war vielleicht vor gekommen, dass er solch einer Möchtegern-Verführerin ihren Willen, oder was es eben war, liess, doch im Handumdrehen wurde ihr dann klargemacht, dass es jetzt um keine Verführung mehr ging und dass er, der Mann, weder den Verführer verkörperte noch auch das Gegenteil. Er hatte eine Macht …“ (DON JUAN S.73) Eine geniale Vorlage für Pavarotti und die me too ladies …

Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis, er hat ihn verdient. Ich wünsche ihm noch viele Leser. Und für seine genauen Skizzen noch viele kontemplative Betrachter.

If you sell yourself tales / If the details drift with time / Where the point gets lost on the telling / And where the telling was the point all the while / Oh deep inside / Everyone hides / Oh oh, some of the time …

(Jeff Tweedy )

 

„There is no beginning in my writings, there is only the truth. The texts wish to be written like this. I tried to workout the alien, that’s why I travel to so many non-European countries, just to seek redemption. Like the little girl in the museum, who convulsed her face in front of a Francis Bacon painting, in order to anticipate the strange.

(Hans Jürgen Heinrichs)

 

The following story has no beginning and no end as well, but it is true. I wanted to surprise my GlasgowMan. He said: „Love a lady with surprises.“ I knew from the Sunday Times, that she would be something, that will stay with you for the rest of your life … When she appeared on stage, she started telling stories from the beginning of  the Jazz Age, from the Era of gangsters, heroes, sex scandals, villains and Charly Chaplin and Bessie Smith. Her name, you should remember, is Christine Bovill, she comes from Glasgow. Bovill definitely brings you back into the Roaring Twenties with her smoky, evocative voice. (Christine Bovill: „Tonight you belong to me“) My GlasgowMan said: „We are a perfect team. I go to hell (Sachsenhausen) and you go to paradise (Oranieburg-Eden).

 

At times I think there are no words / But these to tell what’s true / And there are no truths outside the Gates of Eden …

(Bob Dylan)

 

In 1893 eighteen men from Berlin went to Oranienburg to found the colony EDEN. They adopted principals like „vegetarians, alternative gardening, communal ownership of land“. The fruit colony expanded over the years. (In 2019 people start growing their own vegetables too, look at Tempelhof field). An old man guided me through Eden. He pointed out a house, where a little orphan was raised from a professor of music, a dear friend of Richard Wagner. His foster daughter became the wife of Siegfried, Wagners son. We know, that Winifred was a close friend of Hitler. She helped him to write Mein Kampf.

 
 


 
 

Hitler died, Potsdam was completely distroyed, but not the Glieniecker Bridge. The bridge was detonated by the Germans, in order to cut the road between Berlin and Potsdam. Some Russian pioneers built a kind of Pontonbridge. 1945 took the Potsdam conference place with the three big: Truman, Churchill and Stalin. They met not far from the bridge in Cecilienhof. Close to the Glieniecker Bridge there are several pillars with the story of GDR citizens, who not succeeded in escaping. They were shot to death nearby. When an obviously former GDR woman approached, she urged me to tell the GlasgowMan that not everything was bad in the GDR and that it was totally alright, that they had been shot. I was quite frustrated after that event. How can one still think like this after 30 years reunion?What about a short time anthem, just for the celebration of 30 years on this Magical Mystery Tour after the Fall of the Berlin Wall?

 

„I am he as you are he as you are me and we are all together see how they run like pigs from the gun see how they fly I’m crying …“ 

(The Beatles)

 

In a true story always something comforting, cheerful, something encouraging should be said. Something „without worries“. We relaxed in Sanssouci. There in the Parc of the Orangerie  stands a huge archer, a stunning beautiful sculpture, created by Ernst-Moritz Geyger (1861-1941). The art how he draws the bow into the wide open space is magical. Imagine an arrow with no aim.

„Entschuldigen Sie,

dass ich mich in der Form eines Gedichts

bei Ihnen einschlich

aber ich konnte Sie anders

nicht erreichen

Hätten Sie wohl einen Moment

Es handelt sich um Entscheidendes.

Ich habe nämlich vor

Sie zu bessern.

Bitte hören Sie doch zu …“

 
 

Eigentlich war der Verlauf meiner Reise ganz anders geplant. Ich wollte zunächst nach Hamburg, um im ehemaligen Hans Henny Jahnn Haus meinen Geburtstagstermin festzumachen. Bereits bei der Hamburger Morgenpost Lektüre beim Frühstück im Hotel wurden meine Pläne durchkreuzt. Direkt auf der anderen Straßenseite würde heute eine Peter Rühmkorf Ausstellung eröffnet werden. Was für eine Freude! Ich ließ mich sofort verführen und besuchte das Altonaer Museum gegenüber. Ich kannte Peter Rühmkorf aus meiner Studentenzeit,  aber eher als öffentliche, politische Person, weniger seine poetische Stimme. Ich betrat die Ausstellung ganz im Sinne von Hans Henny Jahnn, der einmal in einem frühen Brief an Rühmkorf schrieb: „Sie mir einmal anzuschauen, mit Ihnen zu sprechen, um gleichsam zu beriechen, ob so viel an Ihnen ist, wie Ihre Verse versprechen …“ Peter Rühmkorf war, wie ich auch, von H.H. Jahnn begeistert, angeblich zog er wegen des Romans Das Holzschiff nach Hamburg. Komisch, dass mir ausgerechnet beim Eintreten in die Ausstellung eine Zeichnung von Horst Janssen zuerst auffiel.

 
 

 
 

Peter Rühmkorf hatte eine lange, fast zehnjährige Schaffenskrise. Schon als Gymnasiast neigte er zu depressiven Stimmungen. Er hat in seinem Leben viele Medikamente ge-/verbraucht, behauptete aber auch, im Rausch besser schreiben zu können.

 
 

„Unter Stoff ins Off“(III)

 
 

Erst als er sich mit der mittelhochdeutschen Literatur beschäftigte, er überträgt sie ins Hochdeutsche, beendet dies sein Tief. ich habe meine Magisterarbeit auch in der Mediavistik geschrieben.

Während ich die Fotos seiner Kindheit betrachte, denke ich an den Verlauf meiner Weiterreise.  Meine nächste Station ist Otterndorf, dort, wo die Rühmkorfs lebten. Peter ging dort zur Schule und schrieb erste Gedichte. Als ich in Otterndorf mit meiner Freundin, die dort lebt, in der Stadtbibliothek nach Zeugen der Familie nachfragte, sagte man mir, dass gar nichts vorhanden sei. Peter verließ nach seinem Abitur diese Provinz und gründete mit seinem Schulfreund Klaus Rainer Röhl in Hamburg den Keller „Anarche“. Von dort gingen die ersten „Jazz und Lyrik Performances“ aus, vor allem die berühmten Auftritte mit Michael Naura und dessen Quartett.

In der Ausstellung stieß ich noch auf eine gemeinsame Bewunderung: Wolfgang Borchert. Ich schrieb meinen Abituraufsatz über ihn, Rühmkorf schrieb eine Monographie über ihn.

Soll ich noch etwas über die Liebe schreiben? Über seine Eva, die ich damals sehr bewunderte („Einer Frau würde ich immer raten, selber die Strippen zu ziehen“). Ja man muss seine Liebesgedichtsammlung hervorheben:

 

„Ich aber nenne diesseits und jenseits der Stirn/ ausser der Liebe nichts / was mich hält und mir bekommt.“ (Ausser der Liebe nichts, 1962)

 

Es sind nicht seine Liebesgedichte, die mir nahe gehen, es ist vor allem das Gedicht  Bleib erschütterbar und widersteh!

„I heard a great deal of music: music produced by Manfred Eicher. I can well imagine how musicians are inspired and influenced by these sounds. And I too have immersed myself in this music and have felt in my work, like a musician.“

 

Der Eröffnungsfilm des 72. Locarno Filmfestivals war ein 11 minütiges Werk von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1982: Lettre à Freddy BuacheFreddy war ein Schweizer Filmkritiker und guter Freund von Godard. Im Mai 2019 ist Buache gestorben. Ihm zu Ehren und Gedenken wurde dieser „Brieffilm“ auf der Piazza Grande in Locarno vor 8000 Zuschauern gezeigt. Das war ein Kunstgriff der neuen Festival Leiterin aus Frankreich. Was für ein intellektuelles Vergnügen! „Mein lieber Freddy,“ sagt Godard am Anfang des Films, in dem er erklärt, warum er nicht für Lausanne zum 400. Geburtstag einen Film dreht, sondern für seinen Freund. Man sieht Godard vor einem Plattenspieler sitzen, es läuft Ravel’s Bolero. Seine Stimme erzählt über die Farben der Stadt Lausanne, woher Buache stammte. Er selbst kommt nicht vor in dem Film. Dafür sieht man vollkommen normale Bürger durch die Stadt laufen, immer auf der Suche nach kairos. Das kleine Meisterwerk ist so dicht und intensiv gedreht, dass ein zweites Ansehen zu empfehlen ist. 2007 hatte Buache einen 6 minütigen Brieffilm an Godard gerichtet. Hier nun konnte man die geniale Antwort als tiefste Verbeugung vor dem grossen Filmmann miterleben.

Weniger anspruchsvoll und ganz auf der femininen Linie der neuen Festival Leiterin Lili Hinstin, folgte der Film Magari von Ginevra Elkann. Der jungen, italienischen Filmregisseurin gelingen – trotz des problembeladenen Plots – drei Kinder versuchen über die Trennung der Eltern hinwegzukommen – durchaus sonnige, humorvolle, optimistische Filmsequenzen. Das Publikum klatschte begeistert.

Ganz im Themenbereich „Frauen und Familie“ bleibend, sind drei Filme zu erwähnen, die später im Jahr in die Kinos kommen werden:

 
 

Wir Eltern

„Ein Zürcher Elternpaar glaubt, alles richtig gemacht zu haben. Doch die halbwüchsigen Kinder blockieren das Familiensystem. Bis die Eltern ausziehen. Eine autofiktionale Groteske aus dem Hause Schweikert-Bergkraut.“

 

Das freiwillige Jahr

… von Ulrich Köhler und Henner Winckler. Das ist der deutsche Beitrag im Wettbewerb von Locarno. Ein Vater versucht, seiner Tochter ein freiwilliges Jahr in Costa Rica schmackhaft zu machen. Diese ist jedoch nicht gerade begeistert von den unerfüllten Projektionen ihres Vaters.

 

Die fruchtbaren Jahre sind vorbei

… von der Schweizerin Natascha Beller. Der Filmbeitrag bekam im Vorfeld sehr viel gute Kritik. Er sei superschlau und superlustig. Drei Dreissigjährige versuchen schwanger zu werden. Dass man dieses Thema auch humorvoll behandeln kann, zeigt diese Komödie.

 
 

Für mich war der interessanteste Film Ralfs Farben von Lukas Marxt (74 min, 2019). Der Film wurde auf Lanzarote gedreht. Klischees erwartende Panorama Freunde werden von diesem Film enttäuscht sein. Marxt zeigt zwar einsam gelegene Lavafelder, stellt sie aber brutal hässlichen Bildern von Staudämmen und endlos ins Leere laufenden Staubstrassen gegenüber. Wenn der Protagonist seine inneren Ansichten nach aussen kehrt, hält der Kameramann minutenlang einen Ort im Focus, solange bis der Text zuende gesprochen ist.Das ist zuweilen anstrengend, aber für experimentelles Kino sehr gut gemacht.Die wirren, kreisförmigen Gedanken des Protagonisten über eine Vorstellung von neuer Welt auf einem anderen Planeten, bekommen so die Chance, vom Zuschauer / Hörer verstanden bzw einortbar zu werden. Vor der Aufführung wurde ein Textheft verteilt. Daraus der Prolog:

 
 

Dunkelheit / verbrannte sich drehende Computerhardware

 

Ralf: Dieser Stift wird in Planetenarbeiten verwendet, um einen Körper zu aktivieren oder zu deaktivieren … der Körper vorhanden, und unsere geistige Form, nicht präsent …

 
 

Mich lässt der Fim nicht los. Dieser Bildermix aus Landschaftsformen, Computerspielen und Fantasy Welten unterlegt mit passender Musik von Temple Solaire, Schluppiepuppie, Holzenklotz, Robbie Basho und youtube exzerpt: (Black midi) Ogge Kuk extreme 26 million notes, made by: Snake Bit, Carlos S.M … beteiligen alle Sinne. Die Welt von Ralf hat ihre eigene schizophrene Sprache, die nach Strukturen sucht und paradoxerweise in den Standbildern findet. Durch den Film streunt ein Hund, der soll jetzt überleiten zu dem nächsten Film, den ich mir nicht antun wollte, nämlich Space dogs von Elsa Kremser und Levin Peter: „How a Moscow street dog was send into space and returned as a ghost.“ Bedauerlicherweise wird der Film Diego Maradona erst nach meiner Abreise gezeigt. Ein Filmplakat hat mich sehr neugierig gemacht und bekam von mir ungesehen den Prix du Public:

 
 

 
 

Wie immer besuchte ich den hervorragenden Buchladen an der Piazza Grande und will gerne meinen neusten Kauf vorstellen: Kate Tempest – Brand New Ancients. Für alle, die „Howl“ von Alan Ginsberg mögen, sei dieses lange Gedicht empfohlen.

 
 

L: Helma, du hast deine Doktorarbeit über den Jazz in der DDR geschrieben, Ende des Jahres kommt sie als Buch bei der Cambridge University Press heraus. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen?

 

H: Ich wohne in New Orleans. Dort habe ich vor vielen Jahren James C. Booker getroffen. James war häufiger Gast in der DDR. Er hatte dort Ende der 70er Jahren bei Amiga Plattenaufnahmen gemacht. Die wirklich letzte Amiga LP ist ja: „Let’s make a better world“. Booker hat mich nie ganz losgelassen. Während meines PHD Programms kam ich dann auf die Idee, mich mit dem Jazz in der DDR auseinander zu setzen. Und zwar unter der Betrachtung der historischen Gegebenheiten. Der Titel meines Buches lautet auch deswegen: „A People’s Music: Jazz in East Germany 1945 – 1990.“

 

Wie sahen denn nun die Anfänge des Jazz in der DDR aus?

 

Amiga war das erste deutsche Jazz Label. Eigentlich war der Gründer Ernst Busch mit seiner Firma: Lied der Zeit. 1948 machte der amerikanische Trompeter Rex Stewart die ersten Plattenaufnahmen bei Amiga. Er war geschickt worden, um die amerikanischen Soldaten zu entertainen. Er trat u.a. im Delphi-Palast auf, damals ein großer Tanzpalast. Es spielten ausschliesslich schwarze Musiker in den amerikanischen Bands. Jazz galt bei den Staatsobrigkeiten als „amerikanische Unkultur“. Geschickt nutzten einige Jazzfans die Gunst des Zeitgeistes, allen voran Josh Sellhorn, einer der Pioniere des DDR Jazz, und proklamierten ihn um zum „proletarischen Ausdruck der unterdrückten Neger“.

 

Welche Jazzmusiker nutzten ihre Chance zu ihrer Entwicklung einer eigenen Szene im Osten?

 

Dazu gehörten sicherlich der eben erwähnte Sellhorn, dann Petrowsky (1968 in Montreux), Klaus Lenz, der als Meister des Modern Jazz galt. Klar, Manfred Krug, Gumpert, Uschi Brüning, Conrad Bauer, Baby Sommer, Joachim Kühn … Da kommen eine Menge zusammen. Zunächst wurde der Jazz als freie Musik und vorallem als kollektive Erfahrung empfunden. Das grosse Jazzfestival z.B. in Peitz (1972) im Spreewald wurde absolut als Nische empfunden, leider dann 1982 vom Staat verboten. Erstaunlicherweise  waren einige Musiker ziemlich priviligiert. Sie hatten Pässe und konnten somit reisen. Einige besaßen sogar Wohnungen im Westen. Trotzdem verließen einige ihre Heimat und wurden von den Dagebliebenen ziemlich vermisst, wie z. B. Manfred Krug.

 

Im Tal der Ahnungslosen – in Desden – konnte man wahrscheinlich auch schlecht die Radiosender AFN und RIAS empfangen. Der berühmte Maler A.R. Penck stammt ja aus Dresden. Er gründete eine Jazzband mit dem lustigen Namen „Archaik-Fri-Jazz“. Zu seinen Bildzeichen war sie eine herrliche Klangkulisse. Gab es andere Städte, wo sich eine eigene Jazzszene herausbildete?

 

Ja, besonders in Leipzig. Dort wurden schon früh kleine Jazzfeste organisiert. In den 70ern kam es dann zu den öffentlich angekündigten Leipziger Jazztagen. Natürlich darf der Boss vom Leipziger Jazzclub nicht unerwähnt bleiben. Bert Noglik. Bis 2007 war er künstlerischer Leiter der Leipziger Jazztage, später dann ja sogar vom Berliner Jazzfest.

 

In meinen Dresdner Arbeitsjahren waren seine Sendungen im Figaro, wie der MDR noch damals hieß, genüssliche Highlights.

 

Ja unvergessen seine Interviews mit Jazzmusikern, verewigt in „Jazz im Gespräch“ im Verlag Neue Musik Berlin 1980.

 

Noch eine letzte Frage. ECM feiert in diesem Jahr sein 50 jähriges Bestehen, Amiga ist bereits über 70 😊. Gab es zwischen den beiden Labels mal eine Gemeinschaftsproduktion?

 

Darüber ist mir nichts bekannt. Eher wohl nicht. Wenn ich an die getrennten Aufnahmen von ECM und Amiga vom Keith Jarrett Konzert in Köln 1975 denke …

 

Ha, ich frage jetzt nicht, welche Pressung die bessere ist. Helma, danke und viel Erfolg mit deinem Buch „A People’s Music: Jazz in East Germany 1945-1990.“

 


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