Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2022 17 Jan

Straßen ins Nichts

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Bruma heißt auf Deutsch Nebel. Er kann hier plötzlich auftreten und ins Nichts führen. Heidegger spricht von „in das Nichts hineingehalten.“ Das Sein erlebe ich im Bruma aber besonders intensiv. Das vollkommene Nichts assoziiere ich mit dem Schwarz von Malewitsch. Im Bruma gibt es immer eine Ahnung von Licht, eine Schärfung der Sinne im „leeren“ Raum. Die Zeit gewinnt an Bedeutung. Es gilt abzuwarten, wann der erste Schritt zu wagen ist. Die Leere auszuhalten, bis sich die Tafeln mit farbigen Teilchen füllen, ist ein magisches Spektakel.

 

 

Geweint hatte nur Carmelita. Die gesamte Familie stand regungslos vor dem Sarg. Von den Herreños waren wenige gekommen, dafür bezeugten sie viele Politiker und vor allem ihre Musikerfreunde.

Maria Mérida, die Stimme der Kanaren, ist mit 96 Jahren gestorben. 80 Jahre lang sang sie über El Hierro, wo sie 1925 geboren wurde und auch der Hauptstadt Valverde ihre letzte Ehre gab. Beim Heraustragen ihres Sarges sangen die zahlreich gekommenen musikalischen Lebensbegleiter „Sieta Rosas“. Da kamen auch mir die Tränen.

Wer war diese Frau, die mit Edith Piaf verglichen wurde, von der New York Times in den 50ern als viertbeste Stimme der Welt bezeichnet wurde? Sie war eine Herreña. Sie sang mit Herz und Seele über die Inseln, ihre Landschaften, ihre Menschen und Vulkane, und über die Schönheiten hier. Das fantastische Licht konnte sie mit ihrer unverkennbaren Stimme der ganzen Welt beschreiben. Im hintersten China hat sie El Hierro vorgestellt, aber welche Vorstellung hatten die Chinesen von El Hierro?

Ihren ersten Musikerpreis gewann sie mit 12 Jahren. Als Jugendliche ging sie nach Madrid, arbeitete beim Radio, wo sie Musik über die Kanaren über den Atlantik sendete zu den Ausgewanderten ihrer Heimat. Später traf sie sich mit den Schönen der Bühnenwelt und sang mit den Maestros der Gesangswelt, Placido Domingo und Monserat Caballé …

2007 holte sie Torsten de Winkel mit seiner Sabine auf das BimbacheopenArt Festival. Die Beiden waren bis zu ihrem Tod vorgestern engste Freunde von ihr.

 

2021 24 Dez

Gedicht 2

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Die eine Nacht der Herrlichkeit

von Rainer Maria Rilke 1897

 

Es treibt der Wind im Winterwalde 

Die Flockenherde wie ein Hirt  

Und manche Tanne ahnt wie balde 

Sie fromm und lichterheilig wird.

Und lauscht hinaus den weißen Wegen

Streckt sie die Zweige hin – bereit,

Und wehrt dem Wind, und wächst entgegen

Der einen Nacht der Herrlichkeit.

 

2021 22 Dez

Gedicht 1

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Lana Turner has collapsed

by Frank O‘ Hara

 

Lana Turner has collapsed!

I was trotting along and suddenly

it startet raining and snowing

and you said it was hailing

but hailing hits you on the head

hard so it was really snowing and

raining and I was in such a hurry

to meet you but the traffic

was acting exactly like the sky

and suddenly I see a headline

LANA TURNER HAS COLLAPSED!

there is no snow in Hollywood

there is no rain in California

I have been to lots of parties

and acted perfectly disgraceful

but I never actually collapsed

oh Lana Turner we love you get up

 

 

„Man muss ins Gelingen verliebt sein.“

(Ernst Bloch)

 

Ein Anruf vom Kulturamt, es sei noch Geld im Budgettopf übrig. „Kommt! Macht!“ Sie kamen und machten und werden am Ende wohl doch auf einem Teil der Kosten für ihr auf den Erdboden gebrachtes Wunder sitzenbleiben. Das Bimbache openArt Festival ist international bekannt und besetzt, es fungiert aus Kraftquellen, die das Zeitliche verräumlichen und das Räumliche verzeitlichen, um bei Ernst Bloch zu bleiben.

Am 5.12.21 stand alles parat. Von fernher liefen die einheimischen Trommler auf, warnten vor den unberechenbaren Kulturherren und kündigten lautpochend den Beginn des großen Musikereignisses auf der kleinen Insel El Hierro an. Trotz Kaumzeit zur Vorbereitung, trotz strenger Coronaregeln, trotz kühler Temperaturen in der hochgelegen Haupstadt Valverde fand das Bimbache Fest statt. Der Musiker Torsten de Winkel hatte zusammen mit seiner Partnerin Sabine das Unmögliche möglich gemacht. Mehrere Musiker saßen schon auf der Bühne, als die Trommler einzogen. Wir wussten noch garnicht, wie die Talente hießen, die uns von der Bühne herunter anfunkelten. „Die Nacht der Sterne“, so war das Motto, gehörte uns Allen. So klang die weiche Stimme von Ismailah wie ein ehrfürchtiges Danke, als er „Ave Maria“ sang. Wir hörten atemberaubende Solis an der Gitarre, am Saxophon, an der Querflöte, an den Drums, dem Keyboard, an dem Triangel, mit Castagnetten und dieser hochtalentierte Musiker an seiner Timple. Die Bühne war manchmal voll mit Musikern, 10 und mehr.

Wir sitzen unter großen Kastanienbäumen. Das Konzert ist gut besucht, der Eintritt frei. Alle müssen Masken tragen, die Ohren dürfen frei bleiben. Immer wieder ertönt die weiche Stimme von Ismailah. „Gracias a La Vida“ singt er, Torsten variiert die Melodie, Jorge Pardo nimmt sie mit seiner Querflöte auf. Was für ein exzellentes Duo die Beiden sind.

Und dann kommen zwei Einheimische auf die Bühne. Vater und Sohn, zusammen 158 Jahre alt. Sie singen Balladen aus vergangenen Zeiten. Ich habe Tränen in den Augen. Rogelio Botanz, der Sohn, ist meine Neuentdeckung. Was für ein Musikbündel! Er singt, er tanzt, er spielt Gitarre und Querflöte. Ich bin längst aufgesprungen und tanze mit.

Wir sind längst im zweiten Bimbache Konzert, 7.12. im Golf aufgeführt. Nicht so kalt da und mehr Publikum. Torsten an der Gitarre zusammen mit Jorge an der Querflöte. Wie er da neben dem Maestro steht. Wer denkt da nicht an Jethro Tull. Dann tritt der große Saxophonist Kike Perdomo hinzu. Wir hören Flamencojazz. Wir sind in Spanien. Wir sind im musikalischen Himmel. Sicher ist der große letzte Teil ein Hochgenuss für Jazzliebhaber. Dass zuvor einem AufmerksamkeitsInterim von anderen Künstlern aus der Fotografie, dem Tanz, der Poetik gezollt wurde, spricht für die anzuerkennende Qualität der Organisatoren.

Dass meine Neuentdeckung, Rogelio, noch einmal zum Schluss auf die Bühne sprang und zusammen mit den Anderen musizierte, war ein unvergesslicher Augenblick, besonders als Jorge noch einmal seine Querflöte anlegte, um Rogelio, ebenfalls an seiner Flöte, zu begleiten.

Torsten, danke – „ and never change a winning Team.“

 

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Meine etwas andere Hitliste stammt aus dem Jahrhundertroman von Dietmar Dath, an dem er 10 Jahre geschrieben hat und ich sehr lange darin gelesen habe. Dietmar Dath schreibt mit Unterbrechungen für die FAZ. Dort habe ich ihn auch vor langer Zeit entdeckt. In seinem dicken Sciencefictionroman geht es um die Suche nach einer neuen Gesellschaft, die auf der Verbindungsbasis von Literatur (Goethe‘s Faust) Philosophie (Hegel), dem Mathematikgenie (Gentzen) zu entwerfen möglich wäre.

 

Ich bin im Laufe der Lektüre auch den von ihm erwähnten Musiktiteln nachgegangen. Das war sehr spannend für mich.

 
Hier die Titel der Songs und ihre Interpreten:
 
 

The Clash: This is England auf Cut the Crap 1985
The Clash: White Riots auf The Clash 1977
The Clash: Somebody got murdered auf Sandinistal 1980
Sudan Archives: Iceland Moss auf Athena 2019
Rhihanna: Desperado auf Anti 2016
Laurie Anderson: Ramon auf Angels 1989
Björk: Stonemilker auf Vulnicura  2011
Janelle Monāe: Cybertronic Purgatory auf Metropolis 2008
Sex Pistols: Holiday in the sun auf Never mind the Bullocks 1977
Luigi Nono: Post-Prae Ludium per Donau 1987
Miley Cyrus: Can‘t be Tamed 2010

 

Ich weiß ja auch ohne xxx und ohne Innen, dass ich eine Frau bin. Ich weiß auch, dass unter meinen Geburtstagsgästen Frauen sind und dass bei der Polizei mutige Mädels beschäftigt sind. Ich stimme ausnahmsweise der schnoddrigschnauzigen Heidenreich zu, dass das Gendern die Sprache verhässlicht und ich wünsche mir zusammen mit Sloterdijk „dass dieser Irrsinn bald ein Ende haben soll.“

In der Sendung Klassik – Pop – et ceteraim Dlf, wunderte sich Wieland Speck (1951-), Berliner Filmfestival Berater, der heute durch die Sendung führen durfte, über die junge Generation, die auf einer irrwitzigen Geschlechtersuche und -orientierung ist. Das sei ja nun schon dagewesen, sagen wir mal: it was Rosa von Praunheim time.

 

Hier nun seine mich beglückende Playlist:

 

Lotte Lenya: Das Lied von der harten Nuss

Steve Winwood: I‘m à man

The Rolling Stones: Mother‘s Little helper

The Kinks: Lola

George Harrison: My Sweet Lord

David Bowie: Sound and Vision

Nina Hagen: Gretchen

Malaria!: Von hinten

Isolation Berlin: Serotonin

Der Plan: Man leidet herrlich

 


 
 

 
 
 

Unter der Schutzherrschaft von dem Entdecker der Ozeane, Jaques Cousteau und der Schirmherrschaft der kanarischen Inseln, FEDAS, nahmen anlässlich des Jubiläums „25 Jahre Unterwasserfotografie EL HIERRO“ mehrere nationale und internationale Taucherteams an der Weltmeisterschaft in Unterwasserfotografie teil. Hier wird die älteste Tauchform, das Apnoetauchen angeboten. Die Taucher halten bis zu 10 Minuten die Luft an und können so, dem Yoga ähnlich, durch die tiefe bewusste Atmung Bewusstseinstrübung herbeiführen. Normalerweise wird hier die Unterwasserfotografie von Flaschentauchern, jeweils zu zweit, praktiziert. Wenn man auf diesem Wettbewerb gewinnt, wird man „Master von El Hierro“. Ich habe mir an drei Wochenenden das Tauchgeschehen, die Videos und Fotos angesehen. Gestern wurden dann die hier hochgeladenen Wunder prämiert.

 

Painting and giving life to places that don‘t have any, is very gratifying. 

 

  • Vor 10 Jahren brach hier vor der Küste ein Unterwasservulkan aus, die Bewohner von La Restinga mussten für Monate ihre Häuser verlassen. In Erinnerung an diese Naturgewalt hat nun die Gemeinde vier bekannte Künstler eingeladen, um das 350 Seelendorf mit Wandgemälden zum Thema ‚Vulkan’ zu schmücken. Die Einheimischen wurden natürlich nicht gefragt, sie reagierten zunächst verhalten bis unverständlich, aber jetzt sind sie erfreut.
  • Diese jungen Künstler kommen aus der 3D Generation, sie sind Betrachter der Internetlandschaften, kennen aber auch ihren Picasso. Sie sind um die 40 Jahre alt, alle sind weit gereist. („Traveling and discovering different cultures is a gift.“) Sie bemalen riesige leere Wände, von denen es hier zu viele gibt. Sie stehen auf elektrischen Kränen und besprühen die Flächen mit Neonfarben, die eine leicht hypnotische Sensation auslösen. Diese Open Space Gewohnten grenzen ihre Kunst durch geometrische Formen und mathematischen Berechnungen ein. Kandinsky‘s Kompositionen und Escher‘s Raumeffekte sind erkennbar. Sicher haben sie auch C.G.Jung‘s „Träumereien“ in den talentierten Händen gehabt. Alle Vier sind Autodidakten, haben sich Graphic Design , Graffiti, Popkultur und Illustration selbst beigebracht.
  • Irene Lopez Leon (Barcelona)
  • Iker Muro (Bilbao)
  • Ruben Sanchez (Berlin)
  • Louis Lambert (3ttt man/Frankreich)
  • Ihr Motto ist: Mach es selbst UND Es ist gesund, andere Orte kennenzulernen.
  • Ihre Inspirationen holen sie sich auf Reisen. Ihre großen Murials finden sich auf der ganzen Welt. Eins von Irene Lopez Leon auch in Hannover. ;)

 
 


 
 

 


 
 

Was würdest du von einer Insel mitnehmen? Das Tolle an der deutschen Sprache ist, dass kleine Präpositionen eine ganze Meinung verwerfen können. Hier geht es nun um Naturveränderungen durch größtmöglichen Gewalteinfluss. Ich war aktuell zwei Tage auf La Palma. Als ich hinkam, gab es 8 „Münder“, heute sind es 11. Weitere werden folgen. Der Cumbre Vieja hat viel Gas angesammelt, die Magma findet keine Kammern, in die sie fließen kann, sie sucht ihren Weg nach draußen – die Folge sind diese Vulkanausbrüche mit den verheerenden Zerstörungen. Es ist einmalig, Zeuge dieses atemberaubenden Schauspiels zu sein, aber ich habe auch den naiven Wunsch, dass diese Bilder alles nur Aufnahmen aus Robert Emmerich‘s Katastrophenfilme sind. In veridad sind es rotglühende Lavamassen, die sich Wege suchen und alles niederwälzen. Zum Glück sind noch keine Menschen darunter.

Das Knallen der Gasexplosionen, der kilometerhohe Feuerschweif lösen bei den Bewohnern Ängste und Nervosität aus. In El Paso, dem noch nicht evakuierten Ort, wo ich zwei Tage verbringe, läuft das Leben nur vordergründig normal ab. Achtet man auf die Leuchttafeln, die mitten im Ort funkeln, weiß man, dass hier Alarm angezeigt ist. Es gibt Anleitungen zum Verhalten der Einwohner, sollte das Lavamonster auch dieses „Pueblo“ erreichen. Von einer Bar aus kann ich beobachten, wie übervoll beladene Pickups schwankend vorbeifahren, kleine Busse mit Evakuierten, die nur zwei Stunden hatten, sich von ihrem Hab und Gut zu trennen und jetzt zum Fußballstadion gebracht werden, zur ersten Verteilung. Ich sehe uniformierte Guardia civil, die Tiere schultern, sie versuchen, einfach alles zu retten. Die sehr Alten und Behinderten waren schon vor dem Vulkanausbruch in Sicherheit gebracht worden.

Ich stehe in sicherer 2 km Entfernung von der lodernden Feuerfontäne, filme und knipse. Ich weiß, dass der jüngste Vulkan auf El Hierro 100000 Jahre alt ist. Hier bin ich nun Taufpate eines neuen Vulkans, der Millionen Jahre alt werden wird. Was für ein grandioses, einmaliges Lebensereignis für mich. Wie jung ich bin 😀 Ich denke aber auch an Adorno‘ s Satz: die Natur ist feindlich und an Paul Virilio, der in „Fahrn, Fahrn, Fahrn“ so schön den Urkontakt von Fuß zu Boden beschreibt. Das ist hier, wo sich eine scheußliche rotgetränkte Feuermasse vorwärts wälzt, unvorstellbar geworden.

Ich gehe mit Asche bedeckt zurück in die einzige Bar, trinke ein Dorada Bier und denke an Deutschland, das ein Jahr in der Pandemie gebraucht hat, die Schulen wieder zu öffnen. Hier nahebei wurde eine Schule zerstört, Tags drauf waren Schulspots für die Schüler eingerichtet. Ich höre von Juristen, die Vorort gekommen sind, um den Evakuierten bei den ersten Versicherungs- und Hilfsanträgen beizustehen. Und im Ahrtal?

Es gibt viele Ferienhausbesitzer aus dem In- und Ausland, die selbstverständlich ihre Domizile den Evakuierten zur Verfügung stellen. Ich bewundere die hervorragende Organisation, die unmittelbare Hilfe und Solidarität. Ich konnte noch aufgrund von viel Geschick, Freundlichkeit und unbürokratischer Erfindungslogistik der Airlineangestellten mit einem kleinen Flugzeug rüber nach Teneriffa fliegen. Auf meinem Balkon auf El Hierro war die Asche schon vor mir angekommen.

 


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