Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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„Entschuldigen Sie,

dass ich mich in der Form eines Gedichts

bei Ihnen einschlich

aber ich konnte Sie anders

nicht erreichen

Hätten Sie wohl einen Moment

Es handelt sich um Entscheidendes.

Ich habe nämlich vor

Sie zu bessern.

Bitte hören Sie doch zu …“

 
 

Eigentlich war der Verlauf meiner Reise ganz anders geplant. Ich wollte zunächst nach Hamburg, um im ehemaligen Hans Henny Jahnn Haus meinen Geburtstagstermin festzumachen. Bereits bei der Hamburger Morgenpost Lektüre beim Frühstück im Hotel wurden meine Pläne durchkreuzt. Direkt auf der anderen Straßenseite würde heute eine Peter Rühmkorf Ausstellung eröffnet werden. Was für eine Freude! Ich ließ mich sofort verführen und besuchte das Altonaer Museum gegenüber. Ich kannte Peter Rühmkorf aus meiner Studentenzeit,  aber eher als öffentliche, politische Person, weniger seine poetische Stimme. Ich betrat die Ausstellung ganz im Sinne von Hans Henny Jahnn, der einmal in einem frühen Brief an Rühmkorf schrieb: „Sie mir einmal anzuschauen, mit Ihnen zu sprechen, um gleichsam zu beriechen, ob so viel an Ihnen ist, wie Ihre Verse versprechen …“ Peter Rühmkorf war, wie ich auch, von H.H. Jahnn begeistert, angeblich zog er wegen des Romans Das Holzschiff nach Hamburg. Komisch, dass mir ausgerechnet beim Eintreten in die Ausstellung eine Zeichnung von Horst Janssen zuerst auffiel.

 
 

 
 

Peter Rühmkorf hatte eine lange, fast zehnjährige Schaffenskrise. Schon als Gymnasiast neigte er zu depressiven Stimmungen. Er hat in seinem Leben viele Medikamente ge-/verbraucht, behauptete aber auch, im Rausch besser schreiben zu können.

 
 

„Unter Stoff ins Off“(III)

 
 

Erst als er sich mit der mittelhochdeutschen Literatur beschäftigte, er überträgt sie ins Hochdeutsche, beendet dies sein Tief. ich habe meine Magisterarbeit auch in der Mediavistik geschrieben.

Während ich die Fotos seiner Kindheit betrachte, denke ich an den Verlauf meiner Weiterreise.  Meine nächste Station ist Otterndorf, dort, wo die Rühmkorfs lebten. Peter ging dort zur Schule und schrieb erste Gedichte. Als ich in Otterndorf mit meiner Freundin, die dort lebt, in der Stadtbibliothek nach Zeugen der Familie nachfragte, sagte man mir, dass gar nichts vorhanden sei. Peter verließ nach seinem Abitur diese Provinz und gründete mit seinem Schulfreund Klaus Rainer Röhl in Hamburg den Keller „Anarche“. Von dort gingen die ersten „Jazz und Lyrik Performances“ aus, vor allem die berühmten Auftritte mit Michael Naura und dessen Quartett.

In der Ausstellung stieß ich noch auf eine gemeinsame Bewunderung: Wolfgang Borchert. Ich schrieb meinen Abituraufsatz über ihn, Rühmkorf schrieb eine Monographie über ihn.

Soll ich noch etwas über die Liebe schreiben? Über seine Eva, die ich damals sehr bewunderte („Einer Frau würde ich immer raten, selber die Strippen zu ziehen“). Ja man muss seine Liebesgedichtsammlung hervorheben:

 

„Ich aber nenne diesseits und jenseits der Stirn/ ausser der Liebe nichts / was mich hält und mir bekommt.“ (Ausser der Liebe nichts, 1962)

 

Es sind nicht seine Liebesgedichte, die mir nahe gehen, es ist vor allem das Gedicht  Bleib erschütterbar und widersteh!

„I heard a great deal of music: music produced by Manfred Eicher. I can well imagine how musicians are inspired and influenced by these sounds. And I too have immersed myself in this music and have felt in my work, like a musician.“

 

Der Eröffnungsfilm des 72. Locarno Filmfestivals war ein 11 minütiges Werk von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1982: Lettre à Freddy BuacheFreddy war ein Schweizer Filmkritiker und guter Freund von Godard. Im Mai 2019 ist Buache gestorben. Ihm zu Ehren und Gedenken wurde dieser „Brieffilm“ auf der Piazza Grande in Locarno vor 8000 Zuschauern gezeigt. Das war ein Kunstgriff der neuen Festival Leiterin aus Frankreich. Was für ein intellektuelles Vergnügen! „Mein lieber Freddy,“ sagt Godard am Anfang des Films, in dem er erklärt, warum er nicht für Lausanne zum 400. Geburtstag einen Film dreht, sondern für seinen Freund. Man sieht Godard vor einem Plattenspieler sitzen, es läuft Ravel’s Bolero. Seine Stimme erzählt über die Farben der Stadt Lausanne, woher Buache stammte. Er selbst kommt nicht vor in dem Film. Dafür sieht man vollkommen normale Bürger durch die Stadt laufen, immer auf der Suche nach kairos. Das kleine Meisterwerk ist so dicht und intensiv gedreht, dass ein zweites Ansehen zu empfehlen ist. 2007 hatte Buache einen 6 minütigen Brieffilm an Godard gerichtet. Hier nun konnte man die geniale Antwort als tiefste Verbeugung vor dem grossen Filmmann miterleben.

Weniger anspruchsvoll und ganz auf der femininen Linie der neuen Festival Leiterin Lili Hinstin, folgte der Film Magari von Ginevra Elkann. Der jungen, italienischen Filmregisseurin gelingen – trotz des problembeladenen Plots – drei Kinder versuchen über die Trennung der Eltern hinwegzukommen – durchaus sonnige, humorvolle, optimistische Filmsequenzen. Das Publikum klatschte begeistert.

Ganz im Themenbereich „Frauen und Familie“ bleibend, sind drei Filme zu erwähnen, die später im Jahr in die Kinos kommen werden:

 
 

Wir Eltern

„Ein Zürcher Elternpaar glaubt, alles richtig gemacht zu haben. Doch die halbwüchsigen Kinder blockieren das Familiensystem. Bis die Eltern ausziehen. Eine autofiktionale Groteske aus dem Hause Schweikert-Bergkraut.“

 

Das freiwillige Jahr

… von Ulrich Köhler und Henner Winckler. Das ist der deutsche Beitrag im Wettbewerb von Locarno. Ein Vater versucht, seiner Tochter ein freiwilliges Jahr in Costa Rica schmackhaft zu machen. Diese ist jedoch nicht gerade begeistert von den unerfüllten Projektionen ihres Vaters.

 

Die fruchtbaren Jahre sind vorbei

… von der Schweizerin Natascha Beller. Der Filmbeitrag bekam im Vorfeld sehr viel gute Kritik. Er sei superschlau und superlustig. Drei Dreissigjährige versuchen schwanger zu werden. Dass man dieses Thema auch humorvoll behandeln kann, zeigt diese Komödie.

 
 

Für mich war der interessanteste Film Ralfs Farben von Lukas Marxt (74 min, 2019). Der Film wurde auf Lanzarote gedreht. Klischees erwartende Panorama Freunde werden von diesem Film enttäuscht sein. Marxt zeigt zwar einsam gelegene Lavafelder, stellt sie aber brutal hässlichen Bildern von Staudämmen und endlos ins Leere laufenden Staubstrassen gegenüber. Wenn der Protagonist seine inneren Ansichten nach aussen kehrt, hält der Kameramann minutenlang einen Ort im Focus, solange bis der Text zuende gesprochen ist.Das ist zuweilen anstrengend, aber für experimentelles Kino sehr gut gemacht.Die wirren, kreisförmigen Gedanken des Protagonisten über eine Vorstellung von neuer Welt auf einem anderen Planeten, bekommen so die Chance, vom Zuschauer / Hörer verstanden bzw einortbar zu werden. Vor der Aufführung wurde ein Textheft verteilt. Daraus der Prolog:

 
 

Dunkelheit / verbrannte sich drehende Computerhardware

 

Ralf: Dieser Stift wird in Planetenarbeiten verwendet, um einen Körper zu aktivieren oder zu deaktivieren … der Körper vorhanden, und unsere geistige Form, nicht präsent …

 
 

Mich lässt der Fim nicht los. Dieser Bildermix aus Landschaftsformen, Computerspielen und Fantasy Welten unterlegt mit passender Musik von Temple Solaire, Schluppiepuppie, Holzenklotz, Robbie Basho und youtube exzerpt: (Black midi) Ogge Kuk extreme 26 million notes, made by: Snake Bit, Carlos S.M … beteiligen alle Sinne. Die Welt von Ralf hat ihre eigene schizophrene Sprache, die nach Strukturen sucht und paradoxerweise in den Standbildern findet. Durch den Film streunt ein Hund, der soll jetzt überleiten zu dem nächsten Film, den ich mir nicht antun wollte, nämlich Space dogs von Elsa Kremser und Levin Peter: „How a Moscow street dog was send into space and returned as a ghost.“ Bedauerlicherweise wird der Film Diego Maradona erst nach meiner Abreise gezeigt. Ein Filmplakat hat mich sehr neugierig gemacht und bekam von mir ungesehen den Prix du Public:

 
 

 
 

Wie immer besuchte ich den hervorragenden Buchladen an der Piazza Grande und will gerne meinen neusten Kauf vorstellen: Kate Tempest – Brand New Ancients. Für alle, die „Howl“ von Alan Ginsberg mögen, sei dieses lange Gedicht empfohlen.

 
 

L: Helma, du hast deine Doktorarbeit über den Jazz in der DDR geschrieben, Ende des Jahres kommt sie als Buch bei der Cambridge University Press heraus. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen?

 

H: Ich wohne in New Orleans. Dort habe ich vor vielen Jahren James C. Booker getroffen. James war häufiger Gast in der DDR. Er hatte dort Ende der 70er Jahren bei Amiga Plattenaufnahmen gemacht. Die wirklich letzte Amiga LP ist ja: „Let’s make a better world“. Booker hat mich nie ganz losgelassen. Während meines PHD Programms kam ich dann auf die Idee, mich mit dem Jazz in der DDR auseinander zu setzen. Und zwar unter der Betrachtung der historischen Gegebenheiten. Der Titel meines Buches lautet auch deswegen: „A People’s Music: Jazz in East Germany 1945 – 1990.“

 

Wie sahen denn nun die Anfänge des Jazz in der DDR aus?

 

Amiga war das erste deutsche Jazz Label. Eigentlich war der Gründer Ernst Busch mit seiner Firma: Lied der Zeit. 1948 machte der amerikanische Trompeter Rex Stewart die ersten Plattenaufnahmen bei Amiga. Er war geschickt worden, um die amerikanischen Soldaten zu entertainen. Er trat u.a. im Delphi-Palast auf, damals ein großer Tanzpalast. Es spielten ausschliesslich schwarze Musiker in den amerikanischen Bands. Jazz galt bei den Staatsobrigkeiten als „amerikanische Unkultur“. Geschickt nutzten einige Jazzfans die Gunst des Zeitgeistes, allen voran Josh Sellhorn, einer der Pioniere des DDR Jazz, und proklamierten ihn um zum „proletarischen Ausdruck der unterdrückten Neger“.

 

Welche Jazzmusiker nutzten ihre Chance zu ihrer Entwicklung einer eigenen Szene im Osten?

 

Dazu gehörten sicherlich der eben erwähnte Sellhorn, dann Petrowsky (1968 in Montreux), Klaus Lenz, der als Meister des Modern Jazz galt. Klar, Manfred Krug, Gumpert, Uschi Brüning, Conrad Bauer, Baby Sommer, Joachim Kühn … Da kommen eine Menge zusammen. Zunächst wurde der Jazz als freie Musik und vorallem als kollektive Erfahrung empfunden. Das grosse Jazzfestival z.B. in Peitz (1972) im Spreewald wurde absolut als Nische empfunden, leider dann 1982 vom Staat verboten. Erstaunlicherweise  waren einige Musiker ziemlich priviligiert. Sie hatten Pässe und konnten somit reisen. Einige besaßen sogar Wohnungen im Westen. Trotzdem verließen einige ihre Heimat und wurden von den Dagebliebenen ziemlich vermisst, wie z. B. Manfred Krug.

 

Im Tal der Ahnungslosen – in Desden – konnte man wahrscheinlich auch schlecht die Radiosender AFN und RIAS empfangen. Der berühmte Maler A.R. Penck stammt ja aus Dresden. Er gründete eine Jazzband mit dem lustigen Namen „Archaik-Fri-Jazz“. Zu seinen Bildzeichen war sie eine herrliche Klangkulisse. Gab es andere Städte, wo sich eine eigene Jazzszene herausbildete?

 

Ja, besonders in Leipzig. Dort wurden schon früh kleine Jazzfeste organisiert. In den 70ern kam es dann zu den öffentlich angekündigten Leipziger Jazztagen. Natürlich darf der Boss vom Leipziger Jazzclub nicht unerwähnt bleiben. Bert Noglik. Bis 2007 war er künstlerischer Leiter der Leipziger Jazztage, später dann ja sogar vom Berliner Jazzfest.

 

In meinen Dresdner Arbeitsjahren waren seine Sendungen im Figaro, wie der MDR noch damals hieß, genüssliche Highlights.

 

Ja unvergessen seine Interviews mit Jazzmusikern, verewigt in „Jazz im Gespräch“ im Verlag Neue Musik Berlin 1980.

 

Noch eine letzte Frage. ECM feiert in diesem Jahr sein 50 jähriges Bestehen, Amiga ist bereits über 70 😊. Gab es zwischen den beiden Labels mal eine Gemeinschaftsproduktion?

 

Darüber ist mir nichts bekannt. Eher wohl nicht. Wenn ich an die getrennten Aufnahmen von ECM und Amiga vom Keith Jarrett Konzert in Köln 1975 denke …

 

Ha, ich frage jetzt nicht, welche Pressung die bessere ist. Helma, danke und viel Erfolg mit deinem Buch „A People’s Music: Jazz in East Germany 1945-1990.“

 

2019 27 Jul

Summerly Side Effects

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Sometimes it occurs to me that side effects steal the show of the main event. That happened yesterday in Ostende in the James Ensor museum. I bought a book in the museum shop. Probably someone had it before in his hand, because there was a flyer inside, showing the cultural program of the museum for July 2019. A strange name caught my eye: Myrrdin De Cauter. He was described as an excentrical genius on the guitar. I watched him on YouTube and must agree, he is outrageous on the strings. My favorite piece is „Vigdis“ on CD Rosa De Papel.

Today I strolled through different bookstores in Brussels. At the last Manameeting some of us were discussing the death of the cities. Richard Sennett, who does not stop urging to build more human cities, would have loved the place, I visited today. The bookstore „cook & book“ has a very multi communicative concept: outside playgrounds, cinema, café, inside several bookdepartments with restaurant corners. Anyways, I discovered a book of a belgium philosopher and environment engineer: Edwin Zaccai – „Deux degrés“. On the first page I read a quote from a song of the Australian band: Midnight Oil. They adored The Go Betweens. Zaccai chose some lines of the song „Beds are burning“ on DUST AND DIESEL.

 

How can we dance when our earth is turning, how do we sleep while our beds are burning …

Last week, during a family gathering, I saw a white book laying on a  table: Ben Lerner – The Hatred of Poetry. I borrowed it and enjoyed reading it very much.

 
 

 
 

Ben Lerner made me laugh quite often. He is a funny, intelligent writer. How he explains, why Platon hated poetry and many others … he tells hilarious, absurd stories about how poetry was invented and explains, why there can’t be poetry on a dentist chair … and why some poets write for themselves and others for all of the readers.

I liked especially the final sentence of that fine book:

 

All I ask the haters – and I, too, am one – is that they strive to perfect their contempt, even consider bringing it to bear on poems, where it will be deepened, not dispelled, and where, by creating a place for possibility and present absences (like unheard melodies), it might come to resemble love.

2019 13 Jul

Tania Giannouli

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„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“

 
 

Das sagte – many, many moons ago – Aristoteles, der von der ins Unwetter und somit in die Schlagzeilen geratenen Insel Chaldiki stammt, wo vor ein paar Tagen ein Tornado Schlimmes anrichtete. Ein Freund hatte mir unlängst von einer griechischen Pianistin erzählt. An sie dachte ich, als ich die Unglücksnachricht hörte. Ich hatte mir vorgestellt und gewünscht, dass es neben den Politikern, besonders die Musiker, überhaupt die Künstler, sein sollten, die an solch dunkle Orte eilten.

Tania Giannouli kommt aus Athen. Sie hat bereits 8 Alben eingespielt und viele Konzerte gegeben, die sie immer bekannter werden liessen. Ihren Durchbruch hatte sie mit dem  Jazz Album Transcendence. Mir fiel das Stück „Spell“ (auf Rewa) ein, an diesem black thursday. Es ist diese stille, mystische Improvisationsweite,  die sich so tröstlich über das Verwüstungsfeld hätte ausbreiten können. Die Pianistin Tania spielt besonnen, verhalten, jeder Ton ein langer Atemzug, so, als ob es schwer sei, zum nächsten Ton Anklang zu finden. Sie wird von Instrumenten aus der fernen Maori Welt begleitet, Robert Thorne kann sie spielen. Und –  ganz zurückgenommen – mischt noch der Elektroniker Steve Garden mit.

ECM stand hier mal nicht als musikalischer Aufnahmepate, Tania Giannouli ist bei dem neuseeländischen Label „Rattle Records“ unter Vertrag. Erst kürzlich war das Trio auf der Jazzahead 2019 in der Jazz Club Night in Bremen zu erleben. Dabei hatte sie den Trompeter  Andreas Polyzogopoulos und den Oud-Spieler Kyriakos Tapakis. Eine wundervolle Zusammenstellung. Hier ein paar Links, die sich lohnen, anzuklicken:

 

 

soundcloud / tania gianoulli

Tania Giannouli Trio at Jazzfest Berlin 2018: 

„Medley“

„Dawn Dancer“

„Labyrinth“

 

2019 11 Jul

Das Sommerloch

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The guitar is multilingual

Habt Ihr das Sommerloch schon einmal gesehen? Nein? Ich auch nicht. Ich habe einmal das Denkloch gesehen, gemalt von einem französischen Künstler. Da steht ein Mann und denkt ein Loch in den Boden. Beeindruckendes Gemälde. Ich will heute darüber nachdenken, weshalb ein vegan-non-smoking-antialcohol Festival wie das Fusion in Müritz genauso gut eine Bombenstimmung hervorzaubern kann, wie Woodstock; dass Bob Dylan nach Hamburg tourt; und warum Neil Young eine schlechte Performance in Mannheim lieferte; dass ich am Rhein sitzen kann und mit Tausenden ein great party feeling bei freiem Eintritt haben kann; dass ich es toll finde, dass Leute zusammen Musik aus ihren mitgebrachten Blockbustern hören und das im Spotify Zeitalter …

 

And nobody is watching you

Ich denke an früher, wie wir zusammen saßen,  unsere neu erworbenen Schallplatten anhörten und über die Marke des Schallplattenspielers oder über die richtige Gramzahl beim Auflagegewicht der Nadel – Kristall oder Diamant – diskutierten.

 

And nobody was watching us

Neben mir steckt sich die Frau im leichten Sommerkleid ihre winzigen earphones rein, neben ihr der Freund mit gelben grossen headphones.

 

And they are all watched

Ich habe das Buch von Shoshanna Zuboff dabei: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Campus). Darin geht es um die einseitige Beanspruchung menschlicher Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten. Und um die allgegenwärtige Frage: Beherrschen wir noch die Maschinen? (The Big Other / Lacan). Die Harvard Ökonomin findet eine plausible Herleitung vom Massenprodukt Auto (Ford) bis hin zum vermeintlich individualisierenden Produkt iPhone. Sie erklärt sehr anschaulich, wie die Ökonomie geschickt das Verhalten der User von iTunes, iPod und iPhone ausnutzt, spricht gar von „Verhaltensterminkontrakten“. Ihre etwas sperrig daherkommenden Wortschöpfungen machen durchaus Sinn, wenn man bereit ist, mit ihr die Vorstellung zu teilen, was wir eigentlich sprachlich und denkerisch für Mittel haben, für das, was Facebook und Google mit uns macht. Sie nennt es noch: Das BeispielloseSie gibt uns zum besseren Verständnis das Beispiel des Pferdewagens, der plötzlich ohne Pferd in Bewegung geriet – und man auch nicht wusste, wie man das nennen sollte. Zuboff arbeitet auch mit vorhandenem Wissen und zieht Skinner (Behaviorismus) und Hannah Arendt (Totalitarismus) hinzu, um fortzuführen und aufzuklären, wie sehr uns die großen digitalen Unternehmen im Griff haben. Auf dem neuen Album Talk To Me von der Bostoner Band Editrix,werden wir schon am Anfang Zeuge der  menschlichen Veränderung: „I did it for the Instagram.“ Wendy Eisenberg singt diese Lyrik. Ich kenne sie aus dem Country-Umfeld. Nun hat sie anscheinend ihr Banjo zur Seite gelegt und konzentriert sich voll auf ihre Gitarre. Ihre Riffs sind phänomenal. Zusammen mit Steve Cameron am Bass und Josh Daniel am Schlagzeug spielt das Trio von Free Jazz bis yet unnamed music. Wer denkt da nicht an die nicht zu kategorisierende Musik von Captain Beefheart.  Also – give it a shot.

 

Wendy Eisenberg – „Three Dream Rooms“

2019 26 Jun

Get on out of the Rain

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So klinge ich – so werde ich sein, wenn ich sein werde. Ich bin das Aufschäumen, der Klangblock, die befreite Figur, ich bin die schöne, die kühne Stelle, ich bin der Sprung in den höchsten Ton; die Welt klingt nach mir, wenn ich mich zeige, wie ich mir versprochen bin. (aus: „Blasen“, von Peter Sloterdijk)

 
50 Jahre ECM, vor 50 Jahren Apollo 11. In 50 Jahren ECM auf dem Mond?
 
Bleiben wir auf mother earth, bleiben wir bei den Musikern, die mit dem Gimmick bekannt wurden, ihre Gitarren auf dem Boden zu zerschlagen. Für Gregor – yes, The Who. Vor ziemlich genau 50 Jahren machten The Who die Oper salonfähig. Die Zuhörer saßen nicht in roten Plüschsesseln, sondern im Dreck von Woodstock und lauschten der Rockoper Tommy – ein Meisterwerk.

Der kleine, stämmige Roger Daltrey sang gegen Tod und Teufel an. Und doch verlor er viel zu bald zwei seiner Bandmitglieder, Keith Moon am Schlagzeug, John Entwistle am Bass. Allein den hoch überragenden Pete Townsend konnte er am Leben halten. Tommy war ein großer  Wurf. Ich wage den Vergleich mit Goethes Die Leiden des jungen Werther. Dieser Briefroman traf in die Herzen einer ganzen Generation. Ebenso magisch wirkte Tommy. Millionen pilgerten zu den Konzerten. Millionen demonstrierten gegen den Vietnamkrieg.

Das war vor 50 Jahren. Daltrey erfüllte sich jetzt ganz in der Nähe von Woodstock seinen Traum. Er trat mit seiner Band und einem ordentlichen Symphonieorchester auf und nannte das ganze: „Tommy-Orchestra“. So heisst auch das neu veröffentlichte Album.

Noch in diesem Jahr soll es ein neu eingespieltes Album mit Pete Townsend geben.
 
Zudem hat er einen zeitlosen, neuen Song geschrieben:

 

„Get On Out of the Rain“

 

When will we all start gettin‘ together

Learnin‘ to live and love one another

Hey hey hey hey hey

When will the people stop fightin‘ each other

Learn to forgive and help another

Hey hey hey hey hey

2019 24 Jun

Kunst in der Natur

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2019 23 Jun

Die Späher am Atlantik

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„Also“, sprach Plinius, „hier ist nun das Ende der Welt. Möge Platon zufrieden sein, dass ich den Null Meridian durch seine elysischen Gefilde lege. Ob er „Atlantis“ hier vermuten will, bleibe sein Geheimnis.“

 

Wahrhaftig wurde ein achtes Eiland Ende des 19. Jahrhunderts von drei Herreńos gesichtet. Sie waren über goldene Ilix Wiesen und durch bis zu 15 Meter hohe Baumheiden gewandert, vorbei an riesigen Gagelbäumen und genossen die Melodie der Stille. Von unbekümmerter Sorglosigkeit getragen, gingen sie in den friedvollen Pinienwälder hinein.

 
 
 


 
 
 

Als sie auf die öden Lavafelder trafen, erfasste sie ein Rausch, hervorgerufen von der Urgewalt und plutonischen Inferiorität des erstarrten Magmas. Die reine, weiche Luft des Passatwindes, vermischt mit den radioaktiven Strahlen der Mineralien, versetzte die drei Wanderer in eine traumhafte Benommenheit, die sie vorübergehend zu einer unsicheren Fröhlichkeit veranlasste. Der eine Wanderer zeigte in Richtung Leuchtturm und machte die beiden Anderen auf die „Wunderinsel“ San Borondón aufmerksam. Die Männer spähten mit den Händen über den zusammen gekniffenen Augen hinaus auf den Atlantik. Der Eine begann zu zittern und bat darum, den Rückweg anzutreten. Sicher zuhause eingetroffen, setzten sich die Männer noch auf ein Glas Elysar-Wein zusammen und hörten der fernen Stimme von Dona Valentina la de Sabinosa (1889-1976) zu.

 
 
 


 

 
 

Gestern Abend gab Omer Klein Clara Schumann und uns die Ehre. Das Konzert begann mit einem wundervollen, wie aus einem Schlüsselblumenbouquet geschüttelten Vollklang. Omer am Piano strahlte seinen Bassisten Haggar Cohen-Milo an, der lachte zurück und dann hinüber zu Amir Bresler am Schlagzeug. Da fand musikalische Höchstkommunikation statt. Was für eine Spielfreude! So nur gesehen bei Ravi Shankar, lang ist’s her. Dann stand Omer auf, nein, er lehnte nicht am „wankenden Spinett“, sein Bassist hielt mit, das Ganze ein Bild von: wir halten die Richtung. Das Musikboot steuerte mediterrane Häfen an: Stücke rund um das Mittelmeer erklangen. Mir gefiel besonders das zweite Stück: „Tripoli“. Omer haute in die Tasten, der Drummer übertönte ihn. Fantastisch wie er die Trommeln bediente: wake up, stand up, beat up for your life. Ich denke an Heinrich Bedford-Strohm, der jetzt auf Sizilien steht und für die Entkriminalisierung der Seenotretter kämpft. Die drei Jungs aus Israel hämmerten ihre Anklage, dass ein Raunen durchs Publikum ging, meine Freundin flüsterte mir zu: „They got the rhythm.“ Hillary Clinton schwebte vorüber, was hat sie  für Unheil angerichtet. Und please, free Assange. Musik kennt und tröstet mit wunderheilsamen Melodien. Das Omer Klein Trio besitzt alle musikalischen Rezepte dazu. Ihre komponierten Stücke schlugen einen weiten magrittschen Friedensflug über das Mittelmeer. So heisst denn auch ihr drittes Album: Radio Mediteran. Unbedingt empfehlenswert!

 
 

 


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