Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Meistens steht sie in der zweiten Reihe, meistens ist sie spärlicher gekleidet, als ihre Schwester Allison Moorer oder Lucinda Williams. Sie steht auch schon mal auf gleicher Höhe mit Willie Nelson. Aber dann, wenn sie alleine performed, wenn sie ganz das Rodeogirl rauslassen kann, dann twangt sie umwerfend stark, schleudert ihr linkes Bein von sich wie ein wildes Pferd, dann ist sie auf 1000PS. Shelby Lynne singt Kris Kristofferson zu Ehren „Me and Bobby McGee“ fantastisch. Shelby takes us back into a time, we were young, we were wild, we strolled around in North Beach, buying small books of underground poets in the city lights bookstore. Now our last hero is gone:

 
 

„I am waiting for my case to come up

and I am waiting

for a rebirth of wonder

and I am waiting

for some to really discover America …“

 
 

Laurence Ferlinghetti died yesterday at the age of 101.

(Brian, come along with „Me and Bobby McGee“ – and isn’t San Francisco a beautiful place?)

2021 19 Feb

Himmel über dem Atlantik

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2021 16 Feb

Zwei Buchempfehlungen

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Das erste Buch habe ich am Meer gelesen. Gustav Mahler sitzt auf einem Schiff, das ihn von New York nach Europa bringt. Er sieht meistens auf’s Meer, das ihm eine ruhige Unterlage ist für seinen Lebensrückblick. Dass er ein weltberühmter Musiker ist, wird in Robert Seethaler s Roman Der letzte Satz zur Nebensache. Es ist schon so viel über Mahler geschrieben worden. Nun will Seethaler den letzten Satz über den Mensch Mahler sagen. Natürlich weiß auch er, dass der 4. Satz der Abschiedssymphonie gemeint ist. Trotzdem erzählt er uns hauptsächlich über einen Mann, der krank, gebrechlich und übellaunig ist. Seethaler gelingt es, eine Innenansicht eines Genies zu erzählen.

Das andere Buch ist über einen Musiker, über den wir auch schon viel wissen. Ich habe die Interviews in So Long Leonard Cohen gerne gelesen. Neugierig hat mich der Name des Verlags gemacht. KAMPA. Es gibt ihn erst seit 2018 in Zürich. Erstaunlich, welche Schriftsteller im KAMPA Salon editiert werden.

 
 

 
 

Mich haben auch die Interviewer interessiert, die sich für Leonard Cohen die Schreibmühe machten:

Christian Fevret

Er war Anfang der 80er Radio Journalist in Frankreich und gab als Musikkritiker die Zeitschrift „Les Inrocks 2“ heraus.

Paul Zollo

Er ist Musiker, Journalist und gab früher „ SongTalk“ heraus,  heute den „ American Songwriter“.

Alberto Manzano

Er ist ein spanischer Schriftsteller, der die Gedichte von Leonard Cohen übersetzt hat

Arthur Kurzweil

Er ist ein amerikanischer, jüdischer Schriftsteller: „Ich bin der der kleine Jude, der die Bibel geschrieben hat …“

Jian Ghomeshi

hmmm, da war doch was …

Er ist kanadischer Musiker, Schriftsteller und ehemaliger Radio CBC Broadcaster.

 

„There‘s a crack in everything. That‘s how the light gets in.“

(L.  Cohen)

 


 
 

 

 
 
Die Pardo Bar in Düsseldorf ist meine Lieblingsbar, aber nicht aus lukullischer Sicht, also: Essen Sie dort nicht. Bestellen Sie einen Cappu und betrachten Sie den hohen Raum. Sehr schnell werden Sie den Eindruck haben, Sie hätten Geburtstag. Die farbenfrohen Girlanden hängen vertikal von der Decke, die bunten Ornamente befunkeln Sie auch ohne Discokugel.

Ich bringe jeden meiner Besucher in diese Bar, weil ich auf diese außergewöhnliche Location so richtig stolz bin. Wir befinden uns immerhin mitten unter den Kunstschätzen der Nordrhein-Westfalen Sammlung am Kaiserteich in Düsseldorf. Mit diesem ungewöhnlichen Design gelingt dem kubanisch- amerikanischen Künstler Jorge Pardo ein wahres Kunststück. Wenn man die Bar betritt, verfällt man in eine heitere Partystimmung. Dieser Jorge ist in New York zuhause.

Vor zwei Tagen schickte mir ein befreundeter Musiker zum Frühstück eine Flötenmelodie. „Sehr schön, danke. Von wem?“ Die Antwort war ein Video. TRANCE über Jorge Pardo.

Jorge ist zur Zeit privat auf El Hierro. Was für eine Ehre! Der Musiker ist mit seiner Flöte und seinem Saxophon in der internationalen Jazzszene sehr anerkannt und viel unterwegs. Er spielt u. a. mit Paco de Lucia und Chick Corea. Er gilt als einer der außergewöhnlichsten Jazzmusiker in Europa. Dieser Jorge ist in Madrid geboren. Seine spanischen Wurzeln hört man in der Verbindung von Jazz und Flamenco. Mit seiner Band „Huellas“ beweist er in vielen Auftritten, dass die Fusion vom Feinsten ist.
 
jorgepardo.com


 
 

 
 

Peter Sloterdijk schreibt in seinem Buch Den Himmel zum Sprechen bringen in der Vorbemerkung:

 

Da der Titel dieses Buchs mehrdeutig klingt, soll darauf hingewiesen werden, dass im folgenden weder vom Himmel der Astrologen die Rede sein wird, auch nicht von dem der Raumfahrer. Der zum Sprechen gebrachte Himmel ist kein möglicher Gegenstand visueller Wahrnehmung. Doch drängen sich beim Blick nach oben von Alters her bildliche Vorstellungen auf, von vokalen Phänomen begleitet: das Zelt, die Höhle, das Gewölbe, im Zelt tönen die Stimmen des Alltags, die Höhlenwände werfen alte Zaubergesänge zurück, im Gewölbe hallen die Kantilenen zu Ehren des Herrn in der Höhe wider.

Aus dem Gesamt von Tag- und Nachthimmel ergab sich seit je ein archaisches Konzept des Umfassenden. In ihm ließ sich das Ungeheure, Offene, Weite mit dem Beschützenden, Häuslichen in einem Symbol kosmischer und moralischer Integrität zusammendenken. (…) Als der Himmel im Gang der Säkularisation seine Bedeutung als kosmisches Immunitätssymbol verloren hatte, wandelte er sich zum Inbegriff der Beliebigkeit, in der menschliche  Absichten verhallen. Nun ruft das Schweigen der unendlichen Räume bei Denkern, die in die Leere horchen, metaphysischen Schrecken hervor.

 

(Das neue Buch ist sehr lesenswert. Sloterdijk schleicht sich an die Götter heran, indem er die Religionen literarisch untersucht.)

 

2021 29 Jan

Seltsame Berührungen

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„Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir …“

(Kant)

 

Mutter nahm mich selten an die Hand. Sie ging meistens singend neben mir her und wenn sie nicht sang, erklärte sie mir die Welt.

An einem hellen Tag spazierten wir durch eine fremde Stadt. Vor einem weissbraunen, im portugiesischen Stil erbauten Haus blieb Mutter stehen. Sie griff nach meiner kleinen Hand, ich war wohl sechs oder sieben Jahre alt und sagte leise: „Da gehen wir jetzt hinein.“ Am Eingang stand eine blauuniformierte Frau. Sie winkte uns hinein. „Bitte berühren Sie nichts!“ Wir stiegen eine steile, mit rotem Bastteppich belegte Treppe hinauf. Mutter machte selbst das Licht in dem dunklen Raum an. Sie bewegte sich selbstsicher über den alten Teppich, so als ob sie schon oft hier gewesen war. „Du stellst dich jetzt an den Treppenabsatz. Wenn jemand kommt, gibst du mir ein Zeichen.“ Ich nickte und folgte ihr mit neugierigem Blick. Was sie wohl vorhatte! Sie blieb vor einem braunen Lederkasten stehen und starrte ihn an. Mutter erzählte mir später, dass es ein Highlight ihres Lebens gewesen sei, damals im Museum vor dem Grammophon von Alexander von Humboldt gestanden zu haben. Sie knipste geräuschlos das Messingschloss auf und schob den schweren Deckel nach hinten. Sie sah kurz zu mir herüber. Ich winkte aufgeregt mit beiden Armen. Sie schloss sofort den Kasten. Ich grinste, streckte die Zunge raus und signalisierte: Fehlalarm. Sie schüttelte den Kopf und öffnete erneut den Musikkoffer. Aus einer eingenähten Tasche nahm sie vorsichtig eine Schallplatte heraus. Sie war sehr neugierig auf die Musik, die Alexander von Humboldt damals in der unentdeckten Welt gehört hatte, sagte sie später. Das Label war von Brunswick. Sie stutzte kurz. Da stand „Made in England“. Sie kannte Brunswick nur den USA zugehörig. Brunswick Records zählte Ende des 19. Jhdts zu den „Big Three“, mit Columbia Records und Viktor Talking Machine Company. Später verkaufte Brunswick an Warner Brothers. Aber England? Mutter drehte die Schallplatte in Ihren gespreizten Händen.
 
 

 
 
Später erzählte sie mir, dass sie mit gemischten Gefühlen auf den Titelsong reagiert hatte.  „Don‘t cry Joe. Let her go, let her go, let her go.“ Mutter hatte sich vor Kurzem von Vater getrennt. Sie steckte die Schellackplatte behutsam in die Stofftasche und verschloss den Lederkoffer. Dann kam sie zu mir, nahm meine Hand, drückte sie und hielt mich fest. So verließen wir das Museum. Unterwegs sagte sie zu mir: “Wenn man nichts berührt, erweckt man auch nichts.“

Ich verstand damals nicht, was sie meinte. Wenn ich heute Johnny Cash oder Little Richard oder Buddy Holly höre, dann denke ich an sie. Ich sehe sie am Orinoko stehen, mit Blick auf das Grammophon, die glänzende Schellack in den Händen.

Let her go, let her go, let her go.

2021 9 Jan

When Music Is Sailing

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In seiner Neujahrsansprache hat der Inselpräsident der Kanaren, Angel Torres, aus dem Werk des kanarischen Schriftstellers, Benito Perres Galdós, zitiert: „Alles segelt, alles ist ein stetiger Kampf, eine große Aufwengung von Mühe, Kunst und Mut, um nicht zu ertrinken.“ Es war eine große Rede, die er an sein Inselvolk hielt. Das Ausbleiben der Touristen führt zu zunehmender Arbeitslosigkeit, gleichzeitig muss der Flüchtlingsstrom aus Afrika bewältigt werden.

Nun gibt es zum Glück auch Wunderbares aus der Atlantikwelt zu erzählen. Auf der Nachbarinsel La Gomera gibt es eine Piano Bar, die dem Lockdown zum Trotz geöffnet ist.

„Well I went to a dance and I wore out my shoes, wake up this morning  wishing I could lose them jumpin‘ the honky tonk blues …“ (Hank Williams)

Als ich am späten Abend in die Bar ging, hatte ich die Vision, dass gleich John Prine auf die Bühne jumpen würde. Ich staunte nicht wenig, als offensichtlich eine Französin, klein, zierlich, erotisch die Beinchen hob und „La vie en rose“ sang. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich von der hohen, kulturellen Luft abgehängt war. Die Chansonsängerin beherrschte den französischen Poesiekanon très bien. Valéry, Rimbaud, Villon. Ich war von ihrer koketten Performance begeistert. Begleitet wurde sie, klassisch, wie andere grosse Musikerinnen, vom Mann am Klavier. Urplötzlich sprangen zwei Musiker auf die Bühne, der eine mit Klarinette, der andere umklammerte eine Trompete. Und dann swingten sie los. Umwerfend der Sound, den sie aus New Orleans mitgebracht hatten oder aus Französisch Neuguinea oder von den Kapverden. Auf der Bühne herrschte ein klein orchestraler Trubel. Mit ihrer Spielfreude steckten sie das eher verhaltene Publikum an. Was für ein musikalisches Feuerwerk an diesem denkwürdigen Sylvester Abend.

Am Neujahrstag wanderte ich zu der Stelle, wo Teile des Bergmassivs abgebrochen waren. Unterwegs begegnete ich dem Klarinettist vom Vorabend in der Piano Bar. Wir kamen sofort ins Gespräch.

Und jetzt erzähle ich von dem anderen Segeln.

Anton Kerkof war mir in dem Club wegen seiner lässigen Spielfreude und seinem fröhlichen Lachen aufgefallen. Er war perfekt an seiner Klarinette. Die klaren Töne erinnerten an Windwellen, die mit ihrer eigenen Geschwindigkeit aus dem Instrument sprangen. Ich teilte Anton diese Assoziation mit. Er lachte und meinte: „Oui, c‘ est juste. Je vie sur un catamaran avec des autres artistes.“ Der Trompeter von gestern Nacht sei der Kapitän. Sie besegelten seit einigen Jahren die fünf Ozeane und spielten an Bord oder wo immer sie anlegten.

 
 

 
 

Anton lud mich spontan ein, am Abend zu ihrem Sonnenuntergangskonzert zu kommen.

Und dann entdeckte ich SIE. Was für eine ferne Sehnsuchtsstimme wehte denn da rüber zu mir? Wer sang da mit rarer Stimme so schön den alten Jazz? Wer war die Frau, die so leicht über ihr Waschbrett strich? Ich war hin und weg.

Anton entdeckte mich in der kleinen Ansammlung und schenkte mir seine CD. Das wären also die Honky Tonk: Hot Jazz and Stompy Blues by Sail. Die Musikerin mit der „slinky, supple voice“ heißt Leonie Evans.

Leonie kommt aus London und ist in der weltweiten Musikszene bestens bekannt. (Leonie Evans at All About Jazz). Sie ist eine echte Musiknomadin. Für mich eröffnet ihre Stimme gewaltige Räume: Old English Highlands, Dust Bowl, Great Plains oder New Orleans mit dem „big easy“. Very, very moving.

Anton erzählte über die Zirkusmädchen, die auch an Bord waren und dem Maler, der dieses wundervolle Künstlerprojekt auf See organisiert. Er selbst wolle noch eine Weile mitsegeln, es mache ihm so viel Spaß, noch ein bisschen „out of  the nest“ zu sein. Genauso heißt das neue Album seiner Band in Brüssel. Das sind die berühmten „Blue Mockingbirds“.

Wer jetzt noch eine neue Erzählung will, der öffne die Website der Blue Mockingbirds und komme so richtig ins Swingstaunen.

 

Zum ersten Mal hatte ich ihn auf Window Swap gehört. Da war irgendwo ein Mann aus dem Fenster gefilmt worden, wie er an seinem Ghettoblaster herumbastelte. Der Song ging mir sofort unter die Haut. Ich konnte  ein paar Wörter aufschnappen, eindeutig war nur die Begleitung an der Gitarre. Ich konzentrierte mich auf den Text. Ich wollte herausfinden, wie das Lied heißt und wer es singt. Zunächst verstand ich … visto … camino … muero … cruces. Immer wieder ließ ich das Video ablaufen, bis ich die Schlüsselwörter zusammen hatte. Wikipedia erklärte den Rest. Der Song heißt „He Visto Cruces De Palo“ – von Atahualpa Yupanqui. Claro, Spanisch, Argentinien. Für meine Zoomparty fehlte mir noch die Musik. Vale, es war für meine Umgebung die perfekte Musik.

 
 

Yo he visto cruces de palo

A la crilla del camino

Ich habe Holzkreuze entlang der Straße gesehen.

Ich dachte an die vielen ertrunkenen Flüchtlinge, für die kein Holzkreuz nirgendwo aufgestellt würde. Denen ich nie in die Augen werde sehen können. Die unsichtbar wie ein Virus, un(be)greifbar sind.

Ich will Ihnen ein Denkmal setzen.

 
 

 
 

For all drowned refugees

Do not fear the Whales nor the Orkas

They will swim at your side

Dive with you into deepest regions

Where unknown life exists

The ocean will be calm and kind

You will stay in our thoughts

Like a cross made of marble.

 

VUÉLVETE

 


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