Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

hallo!

 

sweat – Schwitzen

halo of sheep

Schwitters‘

(ap) posite

(positive?)

Positz?

withering

weiter

 

Diese Musik hat mich im Coronajahr getröstet und erfreut:

 

John Lennon: Imagine

John Prine: Some humans ain‘t human

Neil Young: Looking for a leader

Joni Mitchell: Let it be me

James Taylor: You‘ve got to be carefully taught

Brian Eno: Taking Tiger Mountain

Kronos Quartet: Which side are you on?

Wilco: Everyone hides

Bruce Springsteen: Letter to you

Neil Young: Try

 

Ich saß unten vor der Hafenkneipe „Mar de las Calmas“. Ich hatte mir ein Dorada bestellt, ein gutes kanarisches Bier, und einen Peto. Meine Gedanken schweiften zu den letzten Klanghorizonten, wo Michael so schön „Wahoo“ aussprach. Wahoo ist ein Peto ist ein Thunfisch.

Hier meine Übersetzung des Gedichts, das Michael vorlas:

 
 

Südwärts zur Countrymusic

(von Will Burns für Greg Burns)

 

20 Meilen entfernt von der Forellenfarm gibt es nur Musik

und den grünen Volvo

und einen Himmel, der aufreißt,

nach schwerem Regen.

Könnten wir doch tagelang durch einen ganzen Kontinent fahren.

Bis wir zum Meer kommen, wo

wir die Namen von Grosswildfischen lernen:

Sockey  und Wahoo

Wo wir in ein Land kommen,

das uns am Rand der Mesa siedeln lässt

und wir mit unserer Erinnerung an unsere Kalkhügel glücklich sind .

Jetzt fahre ich mit dir stillem Bruder

schon eine halbe Stunde und

endlich fließt der Sound der Steelguitar in die Stille,

wie all deine besten Fische.

 
 

Die Stille wurde durch Sirenen und Blaulicht von Rote Kreuz Wagen durchschnitten  Ein Holzboot wurde in den kleinen Hafen von La Restinga geleitet. Ich nahm noch einen Schluck Bier und ging dann hoch auf die Kaimauer. Ich erschütterte. Ich sah über 100 Flüchtlinge auf dem Fischerboot, später erfuhr ich, es waren 159, darunter ein Toter. Alles Männer aus dem Senegal. Sie waren mit diesem Kahn über eine Woche auf dem stürmischen Atlantik unterwegs.

 
 


 
 

In den letzten drei Wochen sind 480 Flüchtlinge auf dieser gefährlichen Route ertrunken. Sie wagen die Flucht aus Verzweiflung über die leergefischte Hochsee und die Ausbreitung der Sahara, wo wegen Trockenheit nichts mehr anzubauen ist. Die Refugees sind hier willkommen. Sie werden in wegen Corona leerstehenden Hotels untergebracht, bis sie nach Spanien gebracht werden. Natürlich beutet auch eine kleine Rechte Gruppierung das Thema für sich aus.

Eine andere, engagierte Bewegung unterstützt und hilft bei der Bewältigung der Flüchtlingsarbeit – immerhin sind es allein 16000, die es bis zu den Kanaren in diesem Jahr geschafft haben.

Diese engagierte Gruppe kämpft noch gegen was anderes: Keine Verstrahlung durch G5.

Die Herreños sind durch ihre Geschichte hindurch stark. Venceremos!

Gestern Abend traten im Kulturzentrum der Haupstadt TänzerInnen aus Spanien, Luxemburg, Italien und Deutschland auf. Bei diesem alljährlich stattfindenden Event können sie einen Preis für Tanz bzw. Choreographie  gewinnen.

Es ist immer wieder spannend, sich auf die Hochzeit von Musik und Tanz einzulassen. Ich war sehr auf die ausgewählte Musik gespannt.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng, es wurde auch vor Eintritt Fieber gemessen.

Der erste Tänzer ließ sicher gleich die Temperaturen ansteigen. Er kam auf  Roller Skates auf die karge Bühne, ein viereckiges weißes Tuchquadrat war seine Spielwiese. Er trug zunächst noch ein Jäckchen, einen Bolero. Und die Musik von Maurice Ravel hatte er sich dazu ausgesucht. Seiner Hommage an Ravel konnte man lustvoll zusehen, Mit einem Flamenco Verve warf er sein Jäckchen weg und ließ die Rippen spielen. Der junge Luxemburger beherrschte den Michael Jackson „Zuck“ genauso perfekt wie den Torrero „Lock“. Er zeigte Breakdance Können und Street Vibe Dance vom Zackigsten Die Abfolge seiner Choreografien war tänzerisch attraktiv inszeniert und zum Schluss hin buchstäblich schnell getanzt bis zum Umfallen. Und das auf Roller Skates!

Die etwas 60 Zuschauer waren begeistert.

 

Beim zweiten Auftritt sah man auf der Bühne ein sich bewegendes Knäuel. Nur zögernd lösten sich die beiden Tänzerinnen aus Berlin. Wie in einer Picasso’schen „Der Kuss“- Pose hielten sie sich eine Weile eng umschlungen.  Wie eineiige Zwillinge tanzten sie parallel genauestens, ihre Erotikausstrahlung durch ihre Bewegungen also im Doppelpack, ihre außergewöhnlich leicht erscheinende Akrobatik bewundernswert. Sie nennen ihr Stück „Ode to Phanes“ (Phanes ist der Urgott, der aus dem Welten Ei schlüpft).

Ihre Choreografin sollte man sich merken. Alma Edelstein hat wunderbare Musik für die beiden Tänzerinnen ausgewählt. Zum einen von Johann Johannsson „Heptaped B“ und zum anderen von Max Cooper „Order from Chaos“.

 

“The ocean

The warm grey sea

Tell me or kick me or please believe“

 

Dieser Song ist auf der LP Horses in the Sky (Track 2) zu finden und heißt: „Mountains Made Of Steam“. Von A. Silver Mt. Zion (kanadische Postrock Band).

Dieses Tanzstück erschließt sich über die Musik. Zunächst flitzen zwei Tänzer aus Spanien in Alltagskleider über die Bühne. Sie machen einen tollpatschigen Don Quichote Eindruck, der eine hält einen glitzernden Kompass in der Hand, ein Telefon klingelt, was suchen die Beiden? Kann man zwischen sich suchen und finden? Ups, der Kompass geht verloren. Und die ganze Zeit tanzen die beiden suchend sich wälzend, breakdanceartig auf der Bühne.

Wir sind auf El Hierro. Unten „the grey Ocean“ und oben die „Mountains made of Steam.“

 

Musik: Chip Taylor „ On the Radio“

“And on the radio we heard: November Rain.“

Chip Taylor gibt es schon lange. Unvergessen sein „Wild thing“. The Troggs sangen es. Jimi Hendrix noch besser. Die Country Kenner lieben seinen Song: Sweet Dream Woman Waylon Jennings singt ihn am besten.

Und nun zu der Italienerin, die zu dieser Musik tanzt.  Sie liegt zuckend am Boden, anfallartig versucht sie, ihr Nervensystem unter Kontrolle zu bringen. Langsam schafft sie es, sich aufzurichten. Sie zieht ihr Jackett aus, darunter durchsichtige Haut. Entpuppt sie sich? Schlüpft sie aus ihrem Kokon und wird gleich fliegen wie ein Schmetterling? Zumindest wird ihr Tanz jetzt zum klassischen Ballett mit wunderschönen Pirouetten. Sie gleitet elegant wie ein Klimt Gemälde über die Bühne. Ihr Tanzstück „Crisalide“ hat mir am besten gefallen. Und nicht nur wegen Country ;)

Wenn beim Ausgang nochmal Fieber gemessen worden wäre, ich bin sicher, da wären einige „Fälle“ darunter gewesen.

„De todo el paisaje herreño
lo que mas atención llama
es el balcón de  Jinama.

 

Lajla Nizinski: Michael, auch dich habe ich auf dem Sonntagsmarkt in La Frontera kennengelernt. Du hast Germanistik, Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Philosophie studiert. Und du bist Komponist. Du lebst in Utrecht, wo du zwei Jahre im Institut für Sonologie studiert hast. Anschließend warst du der Leiter des „CEM“ Studios in Amsterdam. Mit was beschäftigt sich die Sonologie?

Michael Fahres: Die Sonologie ist eine Wissenschaft, die die Welt der Klänge untersucht.

 
 


 
 

Du hast viele Projekte durchgeführt. Ich schlage vor, wir nehmen uns die für dieses Interview ausgewählten Projekte chronologisch vor. Bereits 1982 wurde dein Album „Piano. Harfe“ von ECM aufgenommen. Wie bist du in den heiligen Gral von Manfred Eicher gelangt und wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

1979 habe ich das „European Minimal Music Project“ gegründet. Wir wollten untersuchen, ob es auch europäische, nicht nur amerikanische minimal Musik gibt. Es war Jürgen Drews, der damalige Leiter des Musikreferats des Goethe-Instituts, der die Verbindung zu ECM herstellte. 1980 entstanden dann meine beiden Stücke „Piano“ und „Harfe“. „Piano“ wurde dann etwa ein halbes Jahr später vom Rundfunk gesendet. Daraufhin rief mich Eicher aus dem Auto auf seiner Reise in die Schweiz an und bot mir einen Plattenvertrag an.

Wir haben über die beiden Stücke lange diskutiert. Er wollte als zweites Stück meine damals neue Komposition „Glasharfe“ nicht so gerne aufnehmen. Wir haben uns dann auf „Harfe“ geeinigt. Ich fuhr 1982 nach Ludwigsburg und habe da die Aufnahme meiner beiden Stücke realisiert. Eicher hatte damals auch Steve Reich unter Vertrag. Die Minimal Musikszene wurde also interessant. 1985 erschien dann die LP.

1994 hast du ein 16stündiges iKonzert am Masadafels in Israel aufgeführt. Der Ring von Richard Wagner dauert ebenso lang. „Sunwheel“ hat die Sonne zum Thema. Wie hast du das gemacht?

Zunächst wurde das Konzert 1992 in Lelystad / Holland in dem Sonnenobservatorium von Robert Morris uraufgeführt. Die Proben fanden übrigens im ATA TAK Studio in Düsseldorf statt. „Sunwheel“ ist eine Landschafts-Umgebungs-Musik, eine Sonnenuhr, die die Geschichte des Lichts erzählt. Zunächst habe ich die Sonne untersucht. Ich wollte die Sonne zum Klingen bringen. Wie ich das gemacht habe, steht hier. 1992 und 1994 haben wir ebenfalls mit den Knistergeräuschen von Feuer gearbeitet.

Auch in Masada zeigten wir am Ende den Film Lektionen der Finsternis von Werner Herzog. Er handelt von den Ölfeldern in Kuwait und zeigt, wie amerikanische Truppen die Ölfelder in Brand steckten. In Masada verwendeten wir auch einen Sonnensynthesizer, der Klänge produzierte, wenn die Sonne darauf scheint. Wir waren die ersten deutschen Musiker, die in Israel in Masada auftraten. Es war ein Gemeinschaftsprojekt mit israelischen Musikern. Schirmherr war das Goethe-Institut in Tel Aviv.

 
 


 
 

Wir sind hier in El Hierro. Nicht weit von deinem Haus fällt eine steile Felswand hinab in die Golfebene. Friedrich Nietzsche schrieb in „Jenseits von Gut und Böse“:  „Und wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Ist der Titel deiner LP „Tibataje Abseits Jenseits Davor“ eine Entlehnung von Nietzsche?

Ja, das kann man so sagen. Als Kind empfand ich Berge als sehr bedrohlich. Als ich hierher kam, hatte ich Schwierigkeiten mit der riesigen Wand. Ich hörte damals ununterbrochen Arvo Pärt: „Tabula Rasa.“ Ich glaube seine Musik hat mich vor einer Depression gerettet. Seine Musik half mir, die Gewalt des Berges auch als positive Kraft der Natur zu sehen.

Wie seid Ihr bei diesem Projekt bei den fieldrecordings vorgegangen?

Die Musiker spielten Variationen von Rhythmen auf drei großen Trommeln, die auf Hierro hergestellt werden. Diese Rhythmen werden alle vier Jahre zu Ehren der Maria aufgeführt. Vor den Schlagzeugern wurden drei Mikrofone aufgestellt.

Die Musiker standen etwa 50 Meter vom Berg entfernt und in Abständen von 100 Metern zueinander. Außerdem ist weiter oben am Hang ein weiteres Gerät installiert, das überkuppelnd das gesamte akustische Geschehen aufnimmt. Um eine Synchronisation der jeweiligen Tonbandaufnahmen zu gewährleisten ist ein spezielles Beginnsignal, das Schlagen zweier Holzblöcke, vereinbart. In der Landschaft waren Ziegen, Falken, Geckos. Dies alles zusammen echote gegen die riesige Felswand, die das Echo zurück warf. Das war das Neue, ich fing den Sound auf und vermischte ihn mit den Klängen der Musik.

 
 


 
 

Deine kompositorische Formel könnte lauten: „Performance plus Natursound plus Naturecho“.

Ja, das stimmt.

Auf unserem Blog geht es viel um Ambient und seinen Erfinder Brian Eno. In seiner Sendung am 26.12. wird Michael Engelbrecht Musik von Jon Hassell spielen. Auf deiner CD The Tubes, die du auch auf Hierro aufgenommen hast, hört man die Wellen gegen den Stein schlagen. Und dann setzt die Trompete von Jon ein.

Ja, das sind keine Wellengeräusche. Der Klang kommt von der Bewegung der Wellen des Meers, die das Wasser in die Vulkan-Röhren drücken, deswegen auch „Tubes“. Rein und raus. Das ist ein sehr entspannendes Geräusch, so als ob wir gleichmäßig ein- und ausatmen. Von den 15 Stunden Tonaufnahmen konnte ich allein etwas eine Stunde verwenden, da die Luftgeräusche die Aufnahme übersteuerten . Das war die Urversion. Später kam dann die Version „Crosscurrents“ mit dem aboriginal Didgeridoo Spieler Mark Atkins in Sydney zu Stande – und dann natürlich „The Tubes“ mit Jon Hassel und Mark Atkins zusammen. Wir nahmen übrigens die Trompete mit dem besonderen Röhrenmikrophon von Daniel Schwartz auf, das Mikrophon, das auch Miles Davis verwendete.

Michael, herzlichen Dank für das spannende Gespräch.

 

2020 29 Sep

Zdenek Adamec

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 4 Comments

Popa Nos (1949-) ist ein tschechischer SingSongwriter, Sänger und Schauspieler und ein sehr virtuoser Gitarrenspieler. Wie und wo ich ihn entdeckte, erzähle ich später.

Zdenek Adamec war ein 18 jähriger, tschechischer Schüler, der sich am 6. März 2003 auf dem Wenzelsplatz in Prag selbst anzündete und verbrannte. In seinem Abschiedsbrief beklagt er das demokratische System, das nur von Macht und Geld gesteuert sei. Er bittet darum, ihn nicht als Irren abzutun. 1968 hatte sich Jan Palach an gleicher Stelle angezündet. Er demonstrierte gegen den Einmarsch der Soviets und bezahlte mit seinem Leben.

Pepa Nos mit der tschechischen Version von Bobby‘s „ And the times they are a changin‘“  …

Gestern bekam ich Post von Gregor. Er hat das neue Peter Handke Buch auf den Weg zu mir gebracht. Es war so lange unterwegs wie ein Dampfer von Hamburg nach New York ;)
 
 

 
 

“Ehre, Wahrheit, Talent und

Gottesgaben,

zahlen, Mädchen, in dieser Welt sich nicht aus.

Wer sie  hat, wie Zdenek Adamec,

verliert am Ende alles“

 
 
Das sind Zeilen aus einem Lied von Pepa Nos, die Handke seiner dramatischen Erzählung vorangestellt hat.

Mit diesem Text setzt er dem jungen verzweifelten Zdenek ein Denkmal. Wie macht er das? Handke kennt seinen Goethe und „er komme von Shakespeare“. Er nimmt eine Schlüsselszene aus „Wie es Euch gefällt“ und der Ardennerwald ist dann auch der Böhmerwald, wie er des Öfteren mit Spiegelungen spielt. Der kleine Zdenek findet sich beim Blaubeersammeln allein im Wald, die Mutter kommt erst später. Dieser Ort wird für ihn zum Ursprungsort für Heimat und Leid. Er wird die Prüfung des Lebens nicht bestehen. Er nimmt zwar jemanden mit in den Wald, doch dieser schweigt, ist leider nicht der religiöse Begleiter, wie bei Shakespeare, der Frieden bringt. Dadurch verliert der Zauberort an Attraktivität. Er geht nie wieder hin. Er sitzt ab gleich vor seinem PC in einem dunklen Zimmer bei seinen Eltern. Und jetzt gelingt Handke etwas Großartiges: er zeigt an diesem traurigen Fall, wie Recherche sein sollte. Er untersucht die Medien, die weltweit über den Selbstmord berichten. Dann zeigt er, WIE er recherchierte. Er nennt detaillierte Fakten, die Koordinaten stimmen. Es heißt „ man erzählt“ und dann: “und jetzt erzähle ich“. Er hat den Vater interviewt. Er erklärt wie Zdenek zum „Darker“ wurde. Und wie die ‚Zwischendurchhoffnung‘ auch keine Rettung für Zdenek ist. Seinen Abschiedsbrief nennt Handke einen Psalm, was ja Klagelied bedeutet, mit der Hoffnung auf Wendung. Und wieder gelingt Handke ein schöner, emphatischer Coup. „Wo bleibt der Gott, zu sagen, was er leidet,“ – bei Goethe‘s Tasso heißt es: „gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Am Ende des nächtlichen Gesprächs heißt es:
 
 

– „Ich wollte noch was sagen“

– „Sag‘s!“

– „Jetzt weiß ich’s nicht mehr. Plötzlich weiß ich nicht mehr.“

2020 25 Sep

Au Revoir Juliette

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | No Comments

Ich gehe die Treppe hinunter in die Bar Tabou. Dort steht „die geschlossene Gesellschaft“: Sartre, Mauriac, Gainsbourg, Prévert, Ferré. Und mittendrin ihre Schwarze Braut. Sie singt „La Rue des Blancs Manteaux“. Jean Paul hat es für sie geschrieben. Sie lehnt an Serge, lacht, singt bis sie von Albert zum Tanz weggezogen wird. Wie ich sie um ihre Freunde beneide, ich hätte sie alle gerne gekannt.

Ich liege auf einer Mauer an der Seine. Ich warte auf meinen Provo, der eben mal seinen Rucksack aus dem „Le Chat qui pêche“ holen wollte. Er kommt nicht zurück. „Le Temps des Cérices“ ist kurz. Juliette Greco singt es am schönsten. Sie legt Revoluzzertimbre hinein. Sie will, dass sich die sozialen Umstände verbessern und sie will Freiheit. Wie sie Jacques Brel‘s „Ne Me Quitte Pas“ ganz anders interpretiert – frauenstark, selbstverliebt: „Mich verlässt hier keiner!“

Ich sitze in der ersten Reihe einer Konzerthalle. Hinter mir ertönt eine Stimme: „Ah, Frau N also auch Greco Fan.“ Es ist die Stimme meines idiotischen Fachreferenten. Ich drehe mich nicht um. Mon dieu, was will der in einem Greco-Konzert, er kann nicht mal L’ Accordéon auf Französisch schreiben. Mit diesem Chanson beginnt die Kajalsphinx ihren Auftritt. Natürlich in black mit ihren feinen Händen in der Luft. Sie kann Elfe sein und im nächsten Song barsch und androgyn wie David Bowie: „Non, je n ´ai pas 20 ans“. Jetzt ist sie mit 93 gestorben. Wo wird man sie beerdigen? Ich hoffe in der Nähe von Gainsbourg. Ich werde hingehen und zwei Zigaretten auf einmal rauchen und mit lasziver Stimme „Déshabillez-moi“ summen und Serge diesen weiblichsten Song überhaupt als Vorspiel für „Je t‘aime“ empfehlen.

 
 

Torsten, du bist Jazzgitarrist und Mitbegründer des Bimbache openART Festivals hier auf El Hierro. Aufgrund der Corona Pandemie fällt leider auch dein Festival in diesem Sommer aus. Welche Möglichkeiten hast du gefunden, trotzdem deine Musik aufzuführen? Du kennst vielleicht Jeff Tweedy von WILCO oder Gianna Nannini, die ebenfalls mit ihrem Tiny Home Concert einen Weg der Performance gefunden hat.

 

Torsten: Ich habe zwar dereinst Jazz-Gitarre und Komposition studiert, dazu einige Semester Psychologie und Philosophie, aber in der Praxis sind diese Schubladen eher sinnfrei … ich bin Musiker, Orchestrator, ein Suchender nach allem, was Emotion transportieren kann … und hierfür habe ich mit den Jahren einige sinnvolle Werkzeuge angesammelt. Ja, richtig, ich bin Mitinitiator des Bimbache openArt Festivals, von Anfang an vor allem als Begegnungsplattform konzipiert, obwohl es natürlich auch Konzerte und Performances gibt. Dieses Konzept setzt sich das ganze Jahr hindurch fort, ausserhalb des offiziellen Festivalzeitraums lediglich im kleineren Rahmen. In unserem Künstlerhaus CasArte finden jetzt auch Home Concerts statt, nach wie vor mit Künstlern aus aller Herren Ländern sowie lokalen Musikern, die teils traditionelle, teils zeitgenössische Gattungen repräsentieren.

Im Kontext unseres Festivals muss ich oft mehr Orakel sein als künstlerischer Leiter, mein offizieller Titel. Ich muß hier in meist sehr kurzer Zeit zwischen widersprüchlichen kulturellen Ansätzen und Arbeitsweisen vermitteln, was nur über die Intuition zu leisten ist. Das heißt, ich “fühle” und probiere im Kollektiv aus, was die Musik bereichern könnte und wo genau die Gemeinsamkeiten und Anknüfungspunkte zwischen den Traditionen liegen. Zugleich gebe ich den beteiligten Musikern den größtmöglichen Freiraum, sich spielerisch einzubringen.

 

Ich habe per Zufall eine CD von dir hier auf dem lokalen Sonntagsmarkt gefunden. Beeindruckend, mit welchen Weltmusikern du kommunizierst.

 
 


 
 

Im Booklet steht, dass Musik als internationale Sprache gelte. Wie funktioniert die Verständigung mit Musikern aus den verschiedenen Winkeln der Erde?

 

Im Booklet ist mit gemeinsamer Sprache gemeint, dass wir uns die Mühe machen sollten, Konfrontationen und Ausgrenzungen aufzuheben in der Musik wie auch generell, und mehr auf das Gemeinsame zu achten als auf das, was uns trennt. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, wo es immer zwei Lager gab. Beide fanden jeweils die Lieblingsband der anderen doof, und ihre Fans gleich mit – der tatsächliche musikalische Unterschied ging de facto gegen Null. Es war fast wie ein Zwang, ein Feinbild zu haben, anstatt aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen. Barenboim ist ein grossartiges Beispiel dafür, wie man die Musik als Frieden stiftenden Prozess einsetzen kann. Mit seinem West-Eastern Diwan Orchestra engagiert er sich auf inspirierende Weise für die deutsch-israelische Aussöhnung, und ich mit. Es geht doch stets um Toleranz und echte Offenheit, aber da haben wir als Spezies noch viel Arbeit vor uns.

 

Die Bimbaches waren die vorspanischen Ureinwohner, nach ihnen ist das Festival benannt. Weisst du, ob sie ein Instrument spielten, z.B. eine Art Flöte?

 

Nein, das weiss ich leider nicht, mir sind keine diesbezüglichen Überlieferungen bekannt. Ich bin aber ein großer Fan des Gnawa und der musikalischen Traditionen der Berber nebenan auf dem marokkanischen Festland.

 

Auf deiner CD „Bimbache Jazz y Raices – Condicion Humana“ spielst du einen Tango Herreño. Was bedeutet das? Haben lateinamerikanische Einwanderer den Tango importiert?

 

Nein, Tango ist lediglich ein im spanischsprachigen Raum häufig vorkommender Begriff. Im Flamenco z. B. beschreibt er die gebräuchlichste Form des 4/4-Takts.

 

Wer kommt eigentlich immer zu dem Festival, neben den international geladenen Kûnstlern? Kommen auch viele Einheimische? Mein Eindruck von den Herreños ist, dass sie in einer geschlossenen Gesellschaft leben.

 

 

Wir betrachten es als Auszeichnung und auch als Legitimierung unserer Arbeit, daß rund 1000 lokale Zuschauer zu den großen Abschlusskonzerten kommen, sonst wäre das ja auch alles nur „preaching to the choir”. Und wir streamen diese Konzerte über rund ein Dutzend internationaler Webradio-Sender. Wie auf der CD dokumentiert führen zwischen 20 und 30 Künstler verschiedener Disziplinen die Highlights des zuvor gemeinsam Erarbeiteten auf, rund die Hälfte davon kommen von den 8 kanarischen Inseln. Unter allen, auch unter den eingeladenen ausländischen Musikern, gibt es immer wieder gewisse Anfangsschwierigkeiten, das ist auch so gewollt. Ich erinnere mich an Probleme zwischen einem Norweger und einem Musiker aus Benin, sie lebten in sehr unterschiedlichen musikalischen Welten. Am Ende half ein Jazz-Musiker mit Flamenco-Background, den Gegensatz zu überbrücken.

Die lokalen Musiker wiederum sind Hüter eines Schatzes, den sie mit den lokalen Festivalbesuchern teilen. Zum Glück kennen und schätzen die noch ihre eigene Kultur, die ist hier noch nicht zu Tode begradigt. Und sie haben noch den direkten Kontakt zu ihrer Natur, einer beeindruckend kraftvollen Natur mit therapeutischem Potential für alle, die vom Leben in einer Streichholzschachtel in einem hochgradig von Konkurrenzkampf bestimmten Alltag an ihre Grenzen geraten sind. Wir wissen ja nicht nur aus der Philosophie, sondern mittlerweile auch aus den Neurowissenschaften, dass kooperative Kultur glücklicher macht als kompetitive. Für uns alle heisst das erstmal raus aus unserer Komfortzone und rein in solche kleinen Versuchsorte, Safe Spaces, Low Judgment Zones. Zusätzlich veranstalten wir runde Tische, um mit den geladenen Gästen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft und Einheimischen auf Augenhöhe zu diskutieren. Dies findet im Ambiente der wunderschönen Insel statt. Und doch müssen wir immer achtsam bleiben, offen für Überraschungen und Unvorhergesehenes. Nicht in die Falle unseren eigenen Erfolgs tappen und Erfolgsformeln immer wieder gleich wiederholen, sondern weiter Integration praktizieren in kleinen Umbauübungen im Sinne unserer Zukunftsvision.

 
 


 
 

Du lebst auch in New York. Ist dort deine Quelle der Inspiration oder eher hier auf der stillen Vulkaninsel?

 

Das ist kein Gegensatz und informiert sich durchaus gegenseitig. Klar ist New York wie der Wizard of Oz, so wie eigentlich unsere ganze Kultur, eine gigantische Projektions- und Illusionsmaschine. Mitte der 90er Jahre, nach meiner Arbeit mit der Pat Metheny Group und diversen CDs mit Musikern aus den Kreisen um Herbie Hancock, Miles Davis und Carlos Santana, hatte ich die Nase voll und gründete dort mit Kollegen das internationale Künstlerkollektiv NYJG (New York Jazz Guerrilla). Unser Label heisst nach wie vor so. Mir ging es auch da schon um den Abbau von Feindbildern und die internationale Völkerverständigung, aber ebenso sehr um die Schaffung neuer Arbeitsstrukturen für Musiker. Das Internet war damals ganz neu und schien ein ideales Werkzeug … wir kooperierten zunehend mit ähnlichen Organisationen mit lokaler Struktur an verschiedenen Orten in der Welt, und schließlich gab es das erste Bimbache openART Festival, zu dem wir Künstler aus dem ganzen Netzwerk und bald aus fünf Kontinenten einluden.

Die Musiker aus traditionellen Stilen werden übrigens nicht aufgefordert, ihre Musik irgendwie zu verändern, wir erarbeiten statt dessen zusätzliche Räume und Klang-Layer, die mit der Substanz des Originals nicht kollidieren. Und alles zusammengefasst gelingen immer wieder kleine Wunder in der Überwindung von stilistischen Schubladen, Vorurteilen und Abwehrhaltungen, mehr, als das in New York der Fall war. Jetzt, in Coronazeiten, haben wir global und alle gemeinsam Gelegenheit, zu spüren, wie es sich anfühlt, ein paar Gänge runter zu schalten, und zu entscheiden, was davon wir bewahren möchten, statt manisch wieder in alle alten kulturellen Pathologien zurückzukehren. Ich werde weiter nach Kräften dazu beitragen, ob mit meinen Projekten wie Hattler, Idiot Savants und anderen, ob auf Tournee oder von Zuhause aus. Und im Rahmen des Festivals, wenn auch zur Zeit mit einer begrenzten Anzahl von Gästen, aber dafür mit Videomitschnitten, die wir dann hinaus in die Welt senden.

 

Danke für das schöne Gespräch.

 

(Weiterführende Links unter „Kommentare“)

 


 
 

 

„Landschaft …“, hat mal Eine gesagt, “ … ist doch nur Hintergrund für Liebe.“ Hintergrund für Liebe ist ein feiner, leicht zu lesender Sommerroman. Die große Verlegerin Helen Wolff (1906-1994) hat ihn geschrieben. Als sie auf den 20 Jahre älteren Kurt Wolff trifft, trifft sie auf Liebe, die sie so ausleben möchte, wie sie sie sich vorgestellt hat – möglichst frei. Der Mann dazu muss mitmachen oder gehen. Kurt Woll bleibt. Das „Buch eines Sommers“ hat Helen Wolff 1932/33 geschrieben. Ein leises, leidenschaftliches Werk.

 
 

Ein weiteres Buch wurde ebenfalls von einem Verleger geschrieben: es stammt von dem großen Verleger Siegfried Unseld, Gründer des Suhrkamp Verlags und hat den Titel Reiseberichte.

 
 

 
 

David Bowie war ein großartiger Verwandlungskünstler. Dass er sehr viel gelesen hat, war mir unbekannt. Davon zeugt jetzt ein Buch, das der Londoner Journalist John O‘Connell herausgebracht hat. Es basiert auf einer Liste von Bowies 100 Büchern, die ihn verändert haben / hätten. Dieses Buch macht neugierig. Erstens, weil man abhaken kann, was man auch schon gelesen hat (ohne sich verändert zu haben 😀) und zweitens, weil es ein Fundus von neuer Literatur ist. Das Buch trägt den schlichten Titel Bowies Bücher

 
 

 
 

Komm! Ins Offene, Freund!

Zugegeben, ich bin Safranski Fan: kein anderer Philosoph kann nicht nur mir die Zweifel der großen Denker besser erklären. Rüdiger Safranski hat eine Biografie über Hölderlin geschrieben. Es ist ein vergnüglich zu lesendes Buch. Es entlarvt so herrlich das gewitzte Schwäbele Hölderlin und auch den Tricksersohn Hölderlin seiner Frau Mutter gegenüber, die auf seinem Erbe sitzt. Wer jetzt noch Lust auf das Urwerk Hyperion hat, sollte das neue Buch Hölderlin von Meister Safranski dazulesen.  

 

2020 18 Aug

Wellenalarm am Lavafeld

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

 


 
 

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz