Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

 
 

Sie hüpfte über die Mofetten wie ein junges Mädchen. Meredith Monk Zöpfe mochte sie sich aber nicht flechten, sie trug einen Pferdeschwanz wie Sandra Bullock. Überhaupt wäre sie gerne für ein paar Stunden die „Black Magic Woman“ von Deep Purple gewesen. Ihr war bei aller Beschwingtheit das Warnschild nicht entgangen. Sie würde sich jetzt konzentrieren müssen. „Akute Einsturzgefahr“ hatte sie gelesen. Verbote interessierten sie nicht. Sie würde auf jeden Fall in den Bimsstollen hineintreten. Sie hatte schliesslich einen 14km langen Fussmarsch hinter sich, allein, um dieses vulkanische Wunder zu bestaunen. Ausserdem hatte sie gelesen, dass hier eine Studentin den wunderschönen Edelstein Haüyn entdeckt hatte. Vielleicht hatte sie Glück … Für den Fall, dass sie von der Bimsschicht verschluckt werden sollte, hatte sie auf ihrem Smartphone ein paar Sprachfakten für die Nachwelt hinterlassen:

 
 

Heute ist der 12.6.2020. Die Temperatur beträgt 23 Grad, windstill, ein paar Quellwolken. Ich befinde mich in einer Bimshöhle an der Vulkanroute L3, Höhe Mending. Die ganze Welt ist von einem Virus namens Corona befallen. Die meisten Menschen fürchten sich und vergessen oder wissen einfach nicht, dass wir von vielen Viren umgeben sind, einige helfen uns sogar, weiterzuleben. Leider wurde John Prine, einfach der beste Songschreiber der Welt, von dem tödlichen Virus erwischt. Er lebt jetzt nicht mehr in Muhlenberg County, aber singt noch down by the green river, where paradise lay. Dorthin möchte ich jetzt noch nicht, ich will nach Möglichkeit noch zu den Lavafetzen und Spindelbomben und durch die Basaltdörfer wandern. When I get there, trinke ich einen Devon-S Riesling.

 

 

Es gibt den Weg in Sils, auf dem sie vom Fahrrad stürzte und es gibt den „Holzweg“, der dir Zuspruch sein soll. Auf welchem Weg Phil May vom Fahrrad fiel, ist mir nicht bekannt. Sicher ist, dass die ärztliche Fehlbehandlung bei Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) zu ihrem Tod führte. Sicher ist auch, dass Phil May an den postoperativen Komplikationen starb. Annemarie Schwarzenbach war eine extreme Abenteurerin. Sie wagte sich mit wackligen Autos in gefährliche Gebiete (ihre Reisebücher Tod in Persien oder An den äußersten Flüssen des Paradieses zeugen davon). Stets kehrte sie unversehrt nach Sils zurück. Unfassbar, dass sie anlässlich eines harmlosen Fahrradunfalls zu Tode kam. Phil May war der wilde Frontmann meiner jugendzeitlichen Idolband The Pretty Things. „Don’t ring me down“ …  „Cry to me“ …  „Rosalyn“ –  bis heute meine Nummer Eins:  „We’ll Play House“. Can’t stand the pain.

 

2020 6 Jun

Gone by the Wind?

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

 
 

He is a word rebell

A letter punk

His riots filled with fantasy

Music jewels drop out of the blue

Now in an artistic break

How come? Fuck knows

 
 

„Eine Mannschaft ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poesie.“

(Menotti, Fussballphilosoph)

 

„Und in Erinnerung bleiben die Teams, die mit gutem Spiel gewonnen haben … und nicht die Bastarde der modernen Kultur, die Fussball als reine Ware betrachten.“

(dito)

 

Wenn ich ihn sehe, dann immer an der Hand unserer Mutter. Wenn ich ihn spüre, dann durch seine verschwitzte Hand, die mich den Berg hinaufzog. Wir waren 12, er 14, seine Freunde waren die Söhne der Helden vom „Wunder von Bern“. Fritz Walter war unser Fussballgott. Wir stiegen mit erregtem Gemüt und viel Gaudi hinauf zum Betzenberg, so wie wir später in die Tempel- und Konzertarenen zogen. Wir waren wild things. Wir pendelten zwischen Ottmar Walter’s Kino und der roten Hölle. In K-Town gab es immer eine nervöse Spannung wegen der anwesenden Garnisonen. Auf dem Peak in der Westkurve konnten sich solche Emotionen gefährlich entladen. Günther Netzer: „Da war man schon in grösserer Gefahr.“ Fritz Walter gab den roten Teufeln die Farbe, er spielte während des 2. Weltkriegs bereits in der Soldatenmannschaft „Rote Jäger“. Es waren er und später Sepp Herberger, die den 1. FCK beziehungsweise die Nationalmannschaft geformt hatten. Zu seinem 65. Geburtstag taufte man den Platz auf seinen Namen: Fritz Walter Stadion.

Wenn ich mir meine Leidenschaft für Fussball erklären will, treten rationale Bezüge vollkommen in den Hintergrund. Es sind ganz grosse Gefühle, die ich mit dem „Betze“ verbinde: das Bruder/Schwester Ereignis,  die zarten Küsse meiner ersten Liebe,  die ausgelassene Freude über das 7:4 gegen die Bayern oder 5:0 gegen Madrid. Es sind die Überraschungen, die als 6. grundlegendes Element der Emotionen der Ratio den Platz verweisen. „Take my hand –  life is what happens to you while you’re busy making other plans …“ (John Lennon).

Mein letztes Highlight auf dem Betzenberg war das WM Spiel 2006. Die FIFA hatte mit dem Letzten noch Lebenden der Waltermannschaft, Horst Eckel, einen teuflischen Deal ausgehandelt. Er holte die saudische Mannschaft ins Stadion nach K Town, wo sie gegen die Spanier vor deren König aufliefen.

Ich hatte Tickets für meine Kursteilnehmer aus Saudiarabien von deren Botschafter geschenkt bekommen. Spanien gewann knapp mit 1:0. Nach dem Spiel zogen wir eingehüllt in die islamgrünen Nationalflaggen hinunter zum Marktplatz, wo ich ihnen die Erfolgsgeschichte des 1.FCK erzählte: 4 mal Deutscher Meister, 2 mal Pokalmeister und Fritz Walter, unser Lauterer Bub, erzwang mit seinen Jungs das Glück, am Ende kamen sie als Weltmeister zurück.

Ich zeigte ihnen die Stadt mit dem zu gross geratenen Stadion. Ich beschrieb ihnen, wie die ersten Männer mit Schaufel die Erde vor ca.100 Jahren umgruben. Wie 2002 der Umbau zum WM Stadion erfolgte, der den Niedergang des Clubs bereits ein Jahr später anzeigte. Alle Kredite und Sponsorengelder führten nicht dazu, dass der 1. FCK sich in der 1. Liga halten konnte. Heute spielt er in der 3. Liga, manchmal vor ausverkauftem Stadion, das heisst: vor fast 50.000 Zuschauern. Da bebt es in der Westkurve: wenn der Morgen erwacht und die letzten Schatten vergeh’n, sieht man den FCK wieder oben steh’n.

 

2020 16 Apr

Slow Blues in G#

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments

„Ich bin eine Nuance.“

(Nietzsche)

 

Wir hatten uns nach langer Winterpause an unserer Tischtennisplatte im Park verabredet. Ein rotweisses Absperrband und aufgestellte Gitterzäune verriegelten den Zugang. Tischtennis spielen hält in Coronazeiten allen Abstandsregeln stand. Als die Sicherheitspatrouille an uns vorbeiging, sagte er: „Komm, lass gehen.“ „Wohin?“ „Zu mir.“ “ Willst du etwa Gitarre für mich spielen?“ (Sie dachte an die Stelle in Minima Moralia, wo Adorno das süße Mädchen aus Schnitzler’s „Reigen“ beschreibt: – geh, willst nicht Klavier spielen … – , wie es „archaische Frigidität bekundet“ und wo er die Angst des weiblichen Tiers! vor der Begattung erwähnt.)

Standhaft und jenseits der „Wollust ward dem Wurm gegeben“, folgte sie ihm amüsiert auf sein Zimmer. Er nahm gezielt die Gitarre von der Wand, fragte kurz, weisst du was ein G chord ist und fing an zu spielen. Er sang auch dazu. Sie schnappte einzelne Wörter auf, wie „that’s all right“ und „when your biscuit roller gone“.“ Wie heißt der Song?“ „Das ist ein Blues von Sam Chatmon, einem Gitarristen aus dem Mississippi Delta.“ Er spielte noch ein Stück, murmelte, I love his grip on the F chord.

„Klingt schön“, sagte sie, „wie Winchestergunmusic.“ „Weisst du, Musik ist Zerstreuung, ist Ablenkung für diejenigen, die fälschlich glauben, man lebe mit dem Tod (J. Offenbach). Bob Dylan hat sich mit Sam Chatmon’s Blues zerstreut, Grateful Dead haben ihn gern gecovered. Irgendwie fühle auch ich mich dem Chatmon Clan zugehörig. Es ist so, als ob Sam täglich mit mir an der Gitarre übt.“

Sie wollte sich an ihn lehnen. Die Gitarre versperrte ihr den Zugang, so wie das rotweisse Band im Park. Sie stand auf und ging bis zur Tür. Dort drehte sie sich um, hob kurz die rechte Hand und sagte: „Stay tuned.“

 

 
 

Well if this world where we live

Is the only one we have

Then there’s only one thing, I’m thinking of

Let’s go for that ride

Keep our eyes open wide

Cause somewhere someone’s falling in love

John Prine

So fine

On the guitar

In „Maureen, Maureen“

 
 

2020 30 Mrz

The Highwomen

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 4 Comments

Es steht nicht besonders gut um die Deutsch Amerikanische Freundschaft und längst ist nicht „Alles ist gut“. Über die Ratinger Straße flanieren längst keine Herren in schönen Uniformen mehr. Die ehemalige Punkavenue ist so tot Gabi Delgado.

Ebenso ist eine warme, mir vertraute Stimme für immer weg, die von Kenny Rogers. Das Leben geht weiter, ein Lasso hat eine neue Countryband eingefangen. Vier Musikerinnen sind seit 2019 unterwegs in der amerikanischen Prärie. Sie nennen sich „The Highwomen“. Wer sich gerne mit unterschiedlichen Frauentypen beschäftigt, hat mit den Highwomen eine anschauliche Vorlage.
 
 

 
 
Unterschiedlicher als die Vier kann man kaum sein.Sie tragen Vintage oder feinstes Designertuch, machen auf Barbie oder Diana Keaton. Sie treten noch etwas ungelenk ins Rampenlicht und treffen längst nicht immer den richtigen Ton.Man ist versucht, John Lennon recht zu geben: „Frauen werden nie auf einer Beatles Platte singen“. Nun, sie singen allemal besser als Yoko. Brandi Carlile ist ein Glück für die formidablen Vier, sie zieht den musikalischen Karren. Textlich sind sie sehr stark. Ihre Lyrics sind Weckamine, nicht nur wegen ihren outings (Brandi ist Lesbe).

Auf dem  gleichnamigen Album „The Highwomen“ singen die Musikerinnen gegen die vorwiegend männlichen Countrysänger an, verehren diese aber gleichwohl. Sie erzählen über das Unrecht der Frauen in der Welt und haben einen anderen Impetus als die metoo-Bewegung.
 
 

„We are the Highwomen, singing stories still untold, we carry the sons you can only hold, we are the daughters of the silent generations …“

 
 
Diese Frauen wollen Supercountrysängerinnen sein, so wie Lucinda Williams, die es als Solofrontfrau alleine versucht mit ihren musikalischen „Desperados“ im Hintergrund. Auch Dolly Parton versucht, den Weg ohne „graue Eminenz“. Sie ist wirklich eine hochbegabte Countrysängerin und hat mit ihrer gewaltigen Mähne und ihrem Frauenbusenwunder erhebliche PR Vorteile gegenüber Lucinda, die sich unvorteilhaft in ihre schwarzen Ledersachen zwängt. Ich bin Fan von Beiden. Ich mag die bleischwere Stimme von Lucinda sehr. Die ansteckende Fröhlichkeit von Dolly ist wunderbar.

Cheers to these Countryladies and say welcome to The Highwomen in the Americana world.

 
 


 
 

Gestern nu‘

Ham d’Leut ganz anders g’redt

Die Jungen san alt word’n und die Alten san g’storbn

 

Boccaccio: Il Decamerone

 

In the 14th Century three women and seven men escaped from the plague in Northern Italy. They found shelter in an old countryhouse.There they were telling stories to eachother, just to survive the  deadly horror.

I am really touched when I see the struggle against the Corona Virus in Italy. Corona is the current plague. The magic Number 10 (= Decamerone) might be a challenge for us Manas to post now stories just to cope together better with the new situation.

 

Albert Camus: Die Pest

 

194… in Oran, einer Stadt in Algerien, wird der Ausnahmezustand wegen der grassierenden, tödlichen Pest ausgerufen. Die Stadt wird komplett abgeriegelt. Albert Camus geht in diesem Buch der Frage nach, ob Liebe, Freundschaft und Solidarität in katastrophischen Zeiten einen Ausweg bereithalten.

Wir wissen nicht, wie solidarisch sich die Einwohner von Wuhan unter den strengen Restriktionen der örtlichen chinesischen Behörden verhalten konnten. Wir sehen dagegen emotionale Bilder großartiger Solidarität in infizierten europäischen Ländern.

 

Michel Foucault: Der Wille zum Wissen

 

Seit heute Nacht ist in Deutschland Kontaktsperre angeordnet worden. Wer dagegen verstößt, kann bis zu 2 Jahre ins Gefängnis kommen. Permanent werden wir mit Zahlen der Infizierten und der Toten bombardiert. Die Toten sind nur noch reduziert auf eine Zahl. Was wollen uns die von Virulogen flankierten Politiker suggerieren? Reflektiert sich der Tod im Politischen? Foucault hat in den 70ern die Begriffe Biopolitik und Biomacht geprägt. Sie gewinnen jetzt wieder an enormer Bedeutung.

 

Stefan Winkle: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen (1997)

 

Aus dem Ärzteblatt: „Schon 1940 – als junger Assistenzarzt am Robert Koch Institut in Berlin – trug sich Prof. med. Stefan Winkle mit dem Gedanken, eine Kulturgeschichte der Seuchen zu schreiben. Nach jahrzehntelanger Arbeit, mit der Winkle diese Absicht konsequent realisiert hat, liegt nun das beeindruckende und krönende Lebenswerk vor. Mit der fachlichen Kompetenz des Hygienikers, des erfahrenen Bakteriologen und Infektionsmediziners hat Winkle in 20 Kapiteln beschrieben, wie sich wo und weshalb Seuchen ausbreiten. Für die wichtigen bakteriellen, viralen oder parasitären Infektionen schildert er die Pathogenese und das Erscheinungsbild mit dem klinischen Verlauf sowie das Wissen zur Therapie und Prävention. Das eigentliche und entscheidende Anliegen seines Werks ist die Analyse der vielfältigen kausalen Verflechtungen zwischen menschlichen Verhaltensweisen und der epidemischen und pandemischen Seuchendynamik …“

 
 

 
 

Erinnern wir uns mal an den Rinderwahnsinn in England in den Nullerjahren. Wir sahen torkelnde Rinder, deren Hirn zerfressen war. Wir wurden beruhigt, dass Menschen nicht infiziert werden konnten. Interessierte wussten aber, dass in Papa Neuguinea Menschen Menschen aßen. Bei diesem Kannibalen-Volk dauerte die Inkubinationszeit 15 Jahre. Bei den Infizierten wurde festgestellt, dass ihre Gehirne, ähnlich wie bei den wahnsinnigen Rindern, zersetzt wurden.

Kill Bill, don’t eat ‚em.

 

2020 7 Mrz

Play yourself, man

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment


 
 
Aber Turin! … Das ist wirklich die Stadt, die ich jetzt brauchen kann.

 

Turin liegt in der Corona verseuchten Region Piemont. Als dieses Virus noch nicht epidemierte, war es oftmals Harald Schmidt, der uns die problematische Welt per Playmobil erklären konnte. Auch jetzt würde seine Figurenaufstellung zum Thema für uns zum Vorteil sein. Leider hat er das Spielzeug weg gepackt. Aber nicht seinen Ideenkopf. Er sprüht weiterhin und siehe da, es ist für jeden etwas dabei. Für uns After Trouble Manas könnte WANDERTAG, die zweite Folge der Miniserie Labaule und Erben aus Harry’s Ideenschrank lehrreich sein. Zu sehen sind heute Abend auf SWR ab 22:25 Uhr die Folgen drei und vier. Die anderen Folgen sind in der ARD Mediathek.

Etwas versteckt möchte ich die Einladung nach Düsseldorf zu unserem 4. Manatreffen am Nikolaustag hinzufügen. Es gibt, versprochen, keinen Wandertag.

Aus dem schönen Düsseldorf möchte ich noch für alle Jazzfreunde einen Buchtipp weitergeben, den ich gestern hier im Goethe-Museum erhielt: „Play yourself, man!“ von Wolfram Knauer (Reclam). In dem Buch geht es um die Geschichte des Jazz in Deutschland. Anwesende, lokale Jazzer, wie Wolf Doldinger, zeigten sich frustriert, weil der Düsseldorfer Jazz ausgespart wurde. Der Autor versprach, das Buch zu überarbeiten.

Einsicht spielt in den Gedanken von Nietzsche immer wieder eine Rolle.

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz