Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Wir waren auf Sylt, er starb in der Schweiz, Sylt war sein Brevier, aber auch die Costa Adeje. Da bin ich jetzt mit dem Fahrrad auf den Spuren von Fritz Raddatz. In Keitum bat ich die Manas um Verständnis dafür, dass ich mal kurz zu dem frischen Grab von Fritz Raddatz gehen wollte. Heute bin ich in der Region, wo er zuletzt wohnte, im Gran Hotel Bahia del Duque, von hier plante er seinen Freitod, hier schrieb er sein letztes Buch. Es ist eine Glamourwelt für Parvenues und Selbstverliebte, für Liebhaber der schönen Dinge und verführerischer Sinneslust. Ich sehe ihn in dem traumhaften Hotelpark flanieren, natürlich mit seidenem Schal.

 

Die Calima hat die Kanaren ebenso wie Delta erreicht. Der Ostwind weht stark, die Hitze lähmt die Inseln des ewigen Frühlings. Die wunderbaren Farben sind hinter dem grauen Schirm versteckt. Die Sonne ist ein weissgleissender Ball.

 
 


 
 

 

I‘ m waiting for my man

 

Sie kamen um 5 am.

Das „Salvamento“ lag still schaukelnd im Hafen. In der Nacht waren keine Flüchtlinge in Seenot geraten. Der junge Käpt’n hätte selbst einer Rettung bedurft. Jemand aus dem Fischerdorf hatte ihn an die Guardia Civil von Teneriffa verpfiffen. Deswegen waren ihm die Drogenfahnder von der Nachbarinsel auf den Fersen. Sie konnten ihn zunächst nicht festmachen. Sie durchstreiften lautlos das Dorf, durchsuchten mehrere kleine Fischerhäuser. Ausgerechnet beim Vater des Kapitäns des Seenotrettungsschiffs wurden sie fündig. In seiner Garage fand die Polizei in einer Tiefkühltruhe unter den Petos, Bonitos und Tunas 100000 Euros und 1 Kilo Kokain. Die Beute hätte üppiger ausfallen können, hätte nicht jemand vorgewarnt. Der Preis der Fahndung war unkalkulierbar hoch. Der Vater, Präsident der Jagdgesellschaft aller Kanaren, nahm sein Jagdgewehr von der Wand und erschoss sich augenblicklich, als er von der Verhaftung seines Sohnes erfuhr.

Das Dorf erwachte durch das Getuschel. So muss es vor dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gewesen sein. Binnen kürzester Zeit wusste jeder, was in der Nacht geschehen war.

Das bisher idyllisch am Hafen gelegene Dorf bekam einen neuen Anstrich. Die geweißten Häusschen haben ihre Unschuld verloren. Über dem Hafenort liegt jetzt ein kriminell durchtränkter Smog.
 
 

I‘m searching for the philosophers stone

 

Sie kamen um 5 pm.

Ihre Rucksäcke waren prall gefüllt und wirkten schwer. Durch das Fenster der ehemaligen Nazivilla am Hafen konnte ich sehen, wie die beiden Männer ihre Beute auspackten: alles Lavaarten aus der Gesteinsschmelze der Magmakammer. Weshalb hatten sie so große Steine aus der Stricklava mitgeschleppt? Ich wurde Zeuge, wie der Eine einen sehr schönen schwarzen Obsidian gegen einen graugrünen Phonolithen schlug: „Sounds great“, sagte der Eine.  „Yeah, you can kill someone with it … , meinte der Andere.

Ich  freue mich insgeheim über die Begeisterung der Beiden. Sie geben Zeugnis von der „Re- Materialisierung der Welt“. „Wir beuten die Erde deshalb so brutal aus, weil wir die Materie für tot erklären und die Erde zu Ressourcen degradieren.“ (Undinge von Byung-Chul Han).

Zu dem Unverständlichen der hier auf der Vulkaninsel tatsächlich passierten Vorkommnissen lehrt uns die frühere Zeit, dass die Vulkane als Zeichen göttlichen Zorns galten, wo im feurigen Inneren Kriegswaffen geschmiedet wurden. Und – dass unsere zerbrechliche Sialschicht durch Machenschaften und Geldgier erschütterbar ist.

 
 

I am looking for freedom, I am looking for truth   FREE ………..    JULIAN

 
 

Sie liegen hoch über dem Atlantik und trotzen mit Musik gegen das harte Leben. Diese Dörfer sind geprägt durch ihre einsame Randlage, durch die „Last Exit“ Position zum Leuchtturm, von wo aus die Emigrantenboote ins Meer stachen und durch die schlichte Bauweise ihrer Häuser im Ort. Von den jeweils knapp über 200 Bewohnern sieht man wenig an normalen Tagen. Folgt man am Abend, nach Sonnenuntergang, dem unbekannten Rattenfängerklang gelangt man in die Häuser mit den größten Räumen. Dort spielt die Musik. Die Alten sitzen an ihren Fiddels, an ihren Flautas, Pitos und Tramboren. Sie singen hier zu Ehren der Jungfrau religiöse Lieder, oder, wie in Donegal, zu ihrem Heiligen Columban. Wir sind in Glencolumbkille / Irland. Dieser Ort ähnelt dem hiesigen Musikdorf Sabinosa in vieler Hinsicht. In Glenkolumbkille bedurfte es drei Generationen, um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen und die abgewanderten Emigranten zu ersetzen. Erst spät in den 60er Jahren aktivierte ein musikalisch orientiertes Gemeindeprojekt die Dorfbewohner zu singen. Heute befindet sich in jedem Haus eine Fiddel. Die Alten erzählen singend ihre Geschichten in Gaelic.

 

Hier, auf El Hierro, liegt Sabinosa buchstäblich am Ende der Welt. In dem stillen Dorf hängen stolz die Namen ihrer Musiker an den Hauswänden: Don Benigno, Don José, Don Juan, Doña Eulalia, Doña Mercedes … Sie alle lebten hier konzentriert im 19./20.Jhdt. Bis heute feiern sie ihre folkloristischen Traditionen entweder in dem größten Raum Vorort oder auf den beiden ebenerdigen Plätzen in dem steilen Dorf. Es waren die Frauen, die mit ihren geschlossenen Fäusten die Trommeln schlugen und es waren die Hirten, die sie mit ihren Flöten begleiteten. Zu diesen Melodien tanzen die Bewohner bis heute den „ Baile del Tango“.

 

Ich habe auf Reisen immer meine irische Flöte dabei. Zu meiner Freude kann ich darauf die hiesigen Melodien spielen.

 
 

 

2021 2 Jun

Madrid erwacht

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Neben dem kunstschatzreichen Prado haben mich vor allem die Straßen in Madrid interessiert. Ich wollte herausfinden, wie die Madrilenen den besonders harten Lockdown mit den heftigen Verlusten verkraftet haben.

Ich war noch nie in Madrid, habe die Stadt in Francozeiten gemieden, aber auch die harte Sprache hielt mich von ihr fern.

Ich wohne im Literatenviertel, mein Nachbar ist Cervantes – ist er wirklich so gut wie Goethe? Die schmalen Straßen im „Barrio der las Lettras“ sind beschaulich, ruhig. Wo sind die Autos der Bewohner der bis zu 10Stockwerk hohen Gebäuden? Hier geht man zu Fuß. Überall sind die Bars geöffnet, einige haben noch Entschuldigungsschilder hingehängt.

 

 

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Nur wenige sind noch am Saubermachen, weg mit dem Lockdown-Staub. Noch nicht entfernt sind die herzlichen Grüße an die Nachbarn.

 

 

 

 

Noch tragen die meisten Masken, aber in und vor den Bars herrscht wie ehedem Gesichtssicht. Sie sprechen viel und laut, sind Dauertelefonierer und tragen die besten Schuhe: boots of spanish leather. Ich sehe nicht wenige Frauen in ausgesprochenen Festtagskleidern. Es ist ein normaler Donnerstag. Sie scheinen ihren Frischluft-Catwalk zu genießen. Toll.

Ich reihe mich in eine endlose Schlange ein, weiss nicht so genau wofür. Am Ende steht man einem schwarzen Jesus gegenüber, dem die Menge für das Überleben in der Pandemie dankt und für die Verstorbenen betet.

 

 

 

 

Der 29. 5. ist nationaler Armeetag. Ich stehe mit Vielen an der Absperrung und vergesse vollkommen die Abstandsregelung. Freizeituniformierte schreien neben mir: VIVA Espagna, als die spärliche Garde mit ihren gestreckten Lanzen an uns vorbeimaschiert. Ich denke, dass nur 10 m weiter das große Picasso Gemälde „Guernica“ hängt. Ùber uns malt die Luftabwehr die leicht verschobenen Nationalfarben in den Himmel.

 

 

 

 

Auf dem Weg nach Chueca komme ich an einer ewig brennenden Flamme vorbei. Für wen flackert sie? Für alle an Covid Verstorbenen.

 

 

 

 

Chueca ist das angesagte Schwulenviertel von Madrid. Hier flaniert Mann mit Mann in gewagten Outfits. Ich sehe über eine weite Restaurantterrasse, wo nur Männer ihren Cortado trinken. Wir sind nicht in Arabien, aber in Tausendundeinernacht. Von so geballter Lebensfreude, solch hedonistischem Hochtreiben muss doch etwas an Energie in die Gesellschaft fließen. Was hier an Mut in der Tabulosigkeit geboten wird, ist frappierend. Sicher wurde hier während des strikten Lockdowns in jeder Besenkammer gefeiert. Ich lese im Internet über Chueca, dass es vormals ein kriminelles Prostituiertenviertel war, das von den Homos und Heteros „domistiziert“ wurde, nicht nur für die Epikureer. Feinschmecker kommen hier nur schwer an den einladenden Geschäften vorbei.

 

 

 

 

Buen provecho, schmeckt wie immer.

 

Meine Geburtstagshitliste:

 

It s a hard rain gonna fall

Desolation row

Man in a long black veil

Mississippi

Blind Willie McTell

Tell me

Ring them bells

Lady of the lowlands

All along the watchtower

For ever young

 

 
 

Auf Sizilien habe ich ihn entdeckt, auf Sizilien suche ich stets nach neuen Werken von Battiato. Er versammelt alle Themen, die mir in diesem Leben gefallen: Frieden, Malerei, Philosophie, Musik, Tanz, Reisen und Neighborhood.

Kurz vor Reisen in den Süden stimme ich mich mit seiner Musik ein, die von Verwandtschaft zu Cage, Stockhausen, Costello, Berte, Beethoven … zeugt.

 

2021 17 Mai

Die John Cage Methode

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Video – Parts One & Two & Three

 

„Im Zen heißt es: Wenn etwas nach zwei Minuten langweilig ist, versuch es für vier Minuten  Wenn es immer noch langweilig ist, für acht. Dann sechzehn. Dann zweiunddreißig  schließlich merkt man, dass es überhaupt nicht langweilig ist … „

(J.C. )

 

Ich habe aus dem Buch Nichts tun von Jenny Odell Übungen in Aufmerksamkeit gelernt. Ich saß 60 Minuten am tosenden Meer und habe nichts getan.  Jenny Odell meint mit „Nichts tun“ nicht faul in der Sonne liegen, sondern sie beschreibt „die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen.“ So lautet der Untertitel ihres Buches. Odell ist Künstlerin und Schriftstellerin. Sie lebt in San Francisco.

In dem Kapitel „Plädoyer für das Nichts“ erzählt sie von einem Kunstprojekt an einem großen Monument in San Diego.  Dort wurden Stühle aufgestellt. Die Gäste sollten nicht ihre Smartphones zücken, um Fotos zu machen, sondern lediglich den Sonnenuntergang betrachten. Als die Sonne ganz untergegangen war, klatschten sie.

Auch ich hatte das Gefühl nach 60 Minuten „Nichts tun“, nur das tosende Meer betrachtend, dass ich etwas Großes erlebt hätte.

An einer anderen Stelle im Buch erzählt Odell über eine Ausstellung von David Hockney in einem Museum in San Francisco. David Hockney ist ja zu aller erst Maler, hier zeigte er aber eine Videoarbeit. „Seven Yorkshire Landscapes“, Hockney’s Heimat, ist eine wandbreite Videoarbeit von mehreren, rasterartig zusammengefügten Bildschirmen. Damit der Betrachter genauer hinschaut, lässt er das Video in „ameisenhaftem Tempo“ ablaufen. Besucher, die das Werk gesehen hatten, berichteten, dass sie anschließend draußen alles langsamer betrachtet hätten.

 

„Der Prozess des Betrachtens selbst ist die Schönheit.“

(J. C.)

Mir ist bewusst, dass ich diese Aufmerksamkeitsübungen in großer Naturschönheit machen kann.

Jochen hatte vor einiger Zeit kurz das Buch von Odell erwähnt. Er hat mein Video, das ich an der Nordküste von El Hierro aufgenommen habe, hier hochgeladen. Ihr könnt damit üben. Wenn es nach drei Minuten zu langweilig ist, versucht es für vier Minuten …

 

 


 
 

 
 

Boris Groys schreibt in seinem Essay „Das Leben riskieren“:

 

„Der ewige Teil der Seele war öffentlich nicht in den Kampf ums ökonomische Überleben involviert; er war nicht in das praktische Leben involviert. Eher erlaubte dieser Teil der Seele dem Philosophen, ein Leben in reiner Kontemplation zu führen. Und was entscheidend ist, diese kontemplative Praxis ließ den Philosophen an der Ewigkeit und Unsterblichkeit hier und jetzt teilhaben. Für Platon gab es keinen Unterschied zwischen göttlichen und menschlichen Formen der kontemplativen Betrachtung geometrischer Figuren und den logischen wie mathematischen Gesetzen, denen sie gehorchen. … Geometrie, Mathematik und Logik sind nicht veränderlich in der Zeit. Auch wenn der Philosoph sie nur für einen kurzen Zeitraum kontempliert, wird er bereits während dieses Intervalls unsterblich und ewig. Im Gegenzug bedeutet dieses Intervall von Unsterblichkeit, dass der Philosoph die Welt, in der er existiert, von dem Standpunkt der Ewigkeit aus – zu sehen vermag, auch wenn er selbst dabei sterblich bleibt. Die Welt ist im Fluss, aber Quadrate und Dreiecke sind unveränderlich. Das heißt, der Philosoph ist imstande, den Fluss des Lebens zu unterbrechen, indem er diese Kontemplationsintervalle wiederholt.“

 

Im Beuys Jahr angelehnt: Jeder ist ein Philosoph.

 


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