Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Vom Bus aus konnte ich ihn täglich bergauf joggen sehen. Ich wunderte mich nicht über sein Laufen in der prallen Sonne, auch seine schlanke Gestalt beschäftigte mich nicht. Seltsam war nur, dass er ein Tablet um seinen Hals hängen hatte. Seine langen glatten Haare bedeckten seine schmalen Schultern, die schwarze Pracht hielt ein weißes Sportsband zusammen. Yeah, let the freakflag fly. Nein, das war kein Freak. Dieser ausdauernde Läufer kam aus einer anderen Welt. Was war sein Geheimnis? Ich gab ihm fortan den Namen „Autopilot“. Ich war mir fast sicher, dass sein ungewohnter Bergaufsport etwas mit positivem Stressen zu tun hatte. Er verbrauchte dabei eine Menge Kalorien, die Andere im normalen Alltag eher mit ständigen Veränderungen erzeugten, die versuchten, irgendwo anzukommen und nicht mehr merkten, dass ihre Konsumgüter sich ständig veränderten, und ihnen deshalb keine Sicherheit bieten konnten. Autopilot joggte vielleicht so extrem, um die Begrenztheit des Ichs zu erkunden. Seine kräftigen Beine schienen gegen etwas Anlaufen zu wollen. Was war sein Geheimnis?

Als er ganz nah an meinem Tisch vor der Bar vorbeitänzelte, schaute ich blitzschnell auf das Tablet. Ich konnte XIASI entziffern, die Buchstaben sagten mir nichts. Unter ihnen konnte ich einen Hundekopf ausmachen. Es vergingen einige Tage, an denen ich Autopilot nicht mehr sah. Vielleicht war er abgereist. Dann hätte er sein Geheimnis mit hinüber auf das Festland genommen. Dann hätte er sein Abenteuerleben woanders willkommen geheißen. Meine Vermutung war, dass Autopilot an einer Strategie gegen ein von mir nicht begründbares Etwas arbeitete. Ich stellte mir vor, dass er woanders seine Sicherheitsmechanismen trainierte. In welche Richtung lief sein Selbst? Konnte er überall seine Zelte für immer aufschlagen? War er soo frei?

Am Abend setzte er sich zu mir an den Tisch vor der Bar. Er grinste mich an und lachte breit: “Do you have a good Karma donatíon?“ Wieso hatte ich die ganze Zeit angenommen, er käme aus Deutschland? Ich lächelte ihn an: “I often see you from the bus, running on the street. Why are you jogging always uphill?“ „I am running against my fears“, he said. „What kind of fears?“ I asked directly. „I bet you saw my tablet. I own several startups all over the world, one in Hyderabad in India, one in Palermo on Sicily, one in Greece on Crete. That’s why I have to check permanently my crypto currency investments.“ Er stand unvermittelt auf, schaute mich intensiv an und meinte dann: „Let us call together as one SILENZIO BRUNO.“ Danach sah ich ihn nicht mehr auf der Insel.

 

 

 

Das Schöne am Heimataufenthalt ist, dass man in altgewohnten Alltag eintauchen kann und die Wiederentdeckung wie ein neuer Freudenschub wirkt. So hat z.B. das Phönix im Dreischeibenhaus wieder geöffnet mit seiner allerfeinsten Küche. Kultkünstlercafé Ohme Jupp bietet noch mehr internationale Presse in der Mitte des Raumes an. In der Rheinischen Post von heute lese ich die Konzertkritik über das Auftreten der in die Zukunftzurückgereisten. 25000 Kraftwerk Fans fanden den Weg zu den Robotern, von denen nur noch einer, Ralf Hüter, auf der Bühne steht. Die Atmosphäre wird als ruhig beschrieben. Gespielt wurde zwei Stunden lang. Allerbeste Stimmung. Hier die Songliste von dem einzigen Kraftwerkkonzert 2022 in Deutschland:

 

Numbers      
Neonlicht
Computerwelt    

Spacelab   
Autobahn  
Tango   
Ãtherwellen   
Electric Café   
Das Modell   
Computerliebe   
Radioaktivitãt   
Tour de France     
Trans Europa Express   
Wir sind die Roboter (bei diesem Song verschwinden die Musiker und werden von Maschinen ersetzt)    
Finale natürlich: Music Non Stop.

 

Man darf gespannt sein, wann Düsseldorf diesen zukunftsweisenden Musikern mal ein Denkmal setzt, vergleichbar der großen Beatles Skulptur im Liverpooler Hafen.

 

2022 25 Aug

36 Grad von Inga Humpe

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36 Grad und es wird noch heißer. Das Lied summte ich heute, als ich, wie immer, vergeblich das Zentrum von Düsseldorf suchte. Ich lief die Rheinpromenade entlang, Schatten suchend unter den verkrüppelten Ahornbäumen. Ich bewundere die Ausdauer der Geher. Unter den Künstlern ist es sicherlich Peter Handke, der die Städte von ihrem Weichbild aus auf langen Wegen zu Fuß erobert. Auch Werner Herzog ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Ich glaube, Martina hat hier mal was über das lange weite Gehen von Herzog von Bayern bis Paris geschrieben. Ian wandert jeden Sonntag bis zu 15 Meilen durch Glasgow, um seine Stadt immer neu zu entdecken. Auf meinem kleinen Spaziergang blickte mich ein Plakat an, auf dem Inga Humpe abgebildet war. Sie gibt Anfang September hier eine Lesung aus ihren gesammelten Songtexten. Ich mag ihre Gedichte sehr. Sie sind immer nah an der Liebe gebaut, aber augenzwinkernd winkt sie dann den Beziehungsbegehrlichen ab. Ihr Gedicht “Wir trafen uns in einem Garten” ist so ein Beispiel für ihr Spiel. So lautet auch der Titel ihres Buches. Wenn ich ihr begegne, frage ich sie, warum ihre Band nicht 2Zimmerwohnung heißt und ob Albert Einstein wirklich den Raum schneller als die Zeit berechnete.

 

 

 

 

Gestern war ein großes Interview mit dem ehemaligen Bandmitglied, Kurt Bartos, in der Rheinischen Post. Aus unmittelbarer Nachbarschaft konnte ich die Zerstrittenheit dieser Band seit Jahren beobachten. Leider scheint sich daran auch nichts mehr zu ändern. Bartos erzählt zunächst von den “glorious days”, von den Begegnungen und Verhandlungen mit Elton John oder Michael Jackson. Nach ihrer Welttournee 1981 hätten sie das Album “Techno Pop” geplant, kamen aber nur sehr langsam voran. Gründe hierfür waren das Schauen auf die Anderen und das vom Fahrradfahren müde Gehirn von Ralf. “Unsere Musik war eingefroren. Unsere Musik klang wie der Eiffelturm aussieht. Es ging um die Ästhetisierung der Technologie. Auch wir wollten das Wesen der Technik erkennbar werden lassen … Die Digitalisierung war dann der Todeskuss. Der Mensch blieb weg, es blieb die Maschine.“

Das Buch von Kurt Bartos erscheint jetzt auch auf Englisch: The Sound of the Machine. My Life in Kraftwerk and Beyond (Omnibus Press).

 

KRAFTWERK spielen am 28.8.22 in Bonn.

 

 

… an Alle, aber besonders für den fernen Hamburger …

 

 

 

2022 18 Jul

Die Form der Freiheit

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Wer heutzutage wirklich gute Kunst ansehen möchte, fährt entweder nach Amsterdam ins Stedelijk oder ins Museum Barberini in Potsdam – aber nicht auf die Documenta. Wer sich näher mit der Geschichte der Documenta beschäftigen will, empfehle ich das Buch: Der Kunstkrieg von Heiner Müllmann. Darin wird geschildert, wie die CIA-MoMA Connection die Kunst als Waffe im Kalten Krieg einsetzte. Die amerikanischen Maler, Rothko oder Pollock, wurden besonders von der CIA gefördert. Jetzt sind sie zusammen mit anderen Künstlern in der großartigen Ausstellung über internationale Abstraktion nach 1945 im Barberini in Potsdam zu sehen.

Es ist eine außergewöhnliche Schau. Die Hängung der riesigen Tableaux ist fantastisch gelungen. Sie vermittelt dem Besucher die Weite der amerikanischen Landschaft. Selten hängen mehrere Kunstwerke an einer Wand. Mit Raum wird großzügig umgegangen.  Jedes Gemälde ist anders und doch ist ihnen eins gemeinsam: sie bilden nicht die Wirklichkeit der 1940er Jahre ab. Die künstlerische Avantgarde drückte mit Farbklecksen, Feldschlieren, großen Farbflächen oder nur “Schwarz auf Schwarz“ (Ad Reinhardt) ihre Gefühle aus.  Sie verstanden ihren Malstil als Ausdruck ihrer künstlerischen Freiheit. Neben den bekannten Künstlern wie Jackson Pollock, Mark Rothko, Barnett Newman oder Willem de Kooning als Vertreter des amerikanischen Expressionismus, gab es einige Neuentdeckungen für mich, die dazu führten, dass ich mehrmals das Barberini besuchte.

Wenn ich mal hier für die Listenliebhaber eine Aufstellung meiner five faves machen darf:
 
 

1. Winfried Gaul

2. Maria Helena Viera da Silva

3. Hans Hartung

4. Jean Degottex

5. Iaroslav Serpan

 
 

An meiner Liste lässt sich leicht erkennen, dass die amerikanischen Expressionisten nicht zu meinen ganz großen Lieblingen gehören. Tatsächlich interessierten mich stets mehr die Maler des Informel. Ihre Formen waren auch sehr frei, der Umgang mit Farbe manchmal über den Bildraum hinaus. Wirklich schade ist, dass meine Fotos der großen Color Field Paintings nur einen schwachen Ein /Abdruck geben können. In Helen Frankenthaler’s BLAUE BLASE versinkt man vollkommen, ebenso bei Lee Krasner: DURCH BLAU.

 
 

 

 

 


 
 

Für mich ein Rätsel- oder Geheimnisbild ist in dieser Ausstellung das Werk N.Y.#7 von Hedda Sterne. In diesem Kunstwerk habe ich mich vollkommen verloren. Ein Gefühl wie es Neil Young besingt: in the desert you don’t remember your name.

 
 

 

 

2022 6 Jul

Im blauen Paradies

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In Caputh verbrachte Albert Einstein drei sonnige Jahre in seinem Holzhaus und im blauen Paradies. Von der Havel aus konnte er mit seinem kompakten Segelboot über riesige Wasserflächen segeln.

 

“Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde … zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“

 

Einstein war nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, er war auch ein Frauenverschlinger. Was hat er bei seinen Musen gefunden? Heidegger fand bei ihnen Inspiration, Bertold Brecht die Vorlagen für sein dichterisches Werk, ebenso Picasso für seine Malerei. Einstein lebte mit seiner Cousine hier in Caputh bei Potsdam. Eigentlich wollte er die Tochter von seiner Cousine heiraten, nachdem er seine Ehefrau samt Kindern mit dem Geld des Nobelpreises scheinbar zufrieden stellte. Das war bitter für Mileva. Diese Zeugnisse finden sich nicht in der Einstein Ausstellung. Aber etwas Anregendes für unseren Manakreis. Also setzt Euch mit Euren Lieben zusammen und versucht, das Logik-Rätsel nach Albert Einstein zu lösen. Er behauptete damals, dass nur 2 Prozent der Weltbevölkerung imstande seien, es zu knacken. Hier das im Einstein Haus abfotografierte Rätsel. Bis Sonntag könnt Ihr Eure Logikfähigkeit trainieren. Am Sonntag besichtige ich Einstein’s Sommerhaus. Dort frage ich nach der Lösung.

 

Bis Sonntag

Den ungeheuren Vorwurf des ukrainischen Botschafters Melnyk, dass sich die Ukrainer von den Deutschen nicht willkommen geheißen fühlen, hat nun Peter Sloterdijk entschieden öffentlich zurückgewiesen. Auch aus meinem Umfeld kann ich berichten, dass die aufgenommenen Ukrainer dankbar sind und sich aufgenommen fühlen.

Die französische Philosophin Barbara Cassin hat ein Buch zu diesem Thema vorgelegt. NOSTALGIE. Es beschäftigt sich mit der Frage: Wann sind wir wirklich Zuhause? Sie definiert Nostalgie mit den deutschen Wörtern „Heimweh“ und „Sehnsucht“. Heimweh ist der Wunsch zurückzukehren. Sehnsucht ist das Begehren, der Trieb, überall und nirgends zuhause zu sein. „Ein solcher Trieb kann Philosophie nur sein, wenn wir, die philosophieren, überall nicht zuhause sind. Überall zu Hause sein heißt: jederzeit und zumal im Ganzen sein.“ (Heidegger / S. 99)

Barbara Cassin schreibt über Hannah Arendt, dass trotz wechselnder Wohnorte in verschiedenen Ländern, Arendt immer auf die deutsche Sprache geachtet hat. Sie verstand sie als ihr Zuhause.

Das lesenswerte Buch endet mit der schon erwähnten Frage: „Wann sind wir wirklich zuhause? Wenn wir selbst, unsere Nächsten und unsere Sprache willkommen sind.“

 

 

Die Timple ist eine Kleinstgitarre, sie ist das  „Hausinstrument“ der Kanaren. Sie hat 5 Saiten und einen abgerundeten Rücken, der für den vollen Resonanzklang sorgt. Gestern war der „Tag Der Kanaren“, sie befeiern ihre Autonomie vom Festland, die sie seit 1983 innehaben. Und Alle Alle kamen zu dem großen Konzert ihrer talentierten Meister an der Timple. Allen voran Benito Cabrera, weltbekannter Musiker, Komponist, Professor für Musikwissenschaft und Psychologe. Gefolgt von Domingo Rodriguez aus der Riege der Royal Classics, der Folklore und Klassik zu mischen weiß. My fave was Germán Lôpez, ein junger Timplespieler mit absolviertem Jazzstudium.

 

 

Wie er da sitzt in seinem auberginefarbenen Anzug mit hellem Strohhut und schwarzen Samthandschuhen. Zweifelsohne ein Modell für Picasso. „Canela y Limon“ heißt das Stück, das mir so gut gefällt. Ungewöhnlich für die Inseln des ewigen Frühlings war der heftige Regen, der die Veranstalter zwang, die wunderbar unterhalb einer Basalthangwand gelegene Arena gegen den bedachten Gemeindefestplatz einzutauschen. Der neu auszurichtende Soundcheck zog sich in die Länge, Zeit genug, um die Gäste zu inspizieren. Es hatten sich etwa 300 Musikfreunde versammelt, die Meisten festlich gekleidet; es galt die Unabhängigkeit zu würdigen und großen Musikern ihrer Inselwelt die Ehre zu geben.

Etwa 20 Musiker waren auf der geräumigen Bühne versammelt. Zwei Klaviere, vier Violinen, ein Saxophon, ein Bass, ein Schlagzeug und eben 5 Timples. Ungewohnt, aber einzigartig,  wie das Orchester den Einspieler vorgibt und dann der Dirigent den Einsatz den Timplespielern  zeigt. Es sind zunächst einfache marschähnliche Melodien, leicht und beschwingt. Das Orchestrieren wird zunehmend unübersichtlicher, von ganz hinten bläst ein Saxophonspieler nach vorn zu Germán Lôpez, quasi als Einladung zum Duett. Dann setzen die Geiger zur Begleitung ein. Wieviele Saiten werden da gerade bespielt, my goodness, what a mixture on stairway to heaven. What a high quality music Event and what a joy for us transvulcano people.

 


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