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2018 19 Nov

Drive

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Ich mag Geschichten, die zu Entdeckungen von Büchern, Filmen, Schallplatten etc. führen, und deshalb erzähle ich diese: Irgendwann fiel mir auf, wie faszinierend Los Angeles als Filmkulisse ist – erwähnen möchte ich hier nur zwei Filme mit starken Hauptdarstellerinnen: Mulholland Drive (von David Lynch) und Starlet (von Sean Baker), und während ich daran dachte, gezielt nach Filmen zu suchen, die in L.A. spielen und ein bisschen recherchierte, entdeckte ich das Buch „Orte des Kinos. Los Angeles. Eine Stadt als Filmkulisse“ von Wolf Jahnke und Michael Scholten. In der etwas reißerisch verfassten Kurzbiographie von Wolf Jahnke wurde u.a. der Film „Drive“ als einer erwähnt, mit dem Jahnke sich gern nach L.A. versetzt. Ich recherchierte dann nur so viel, bis ich folgende Informationen hatte: 1. Driver, die Hauptfigur, arbeitet in einer Autowerkstatt, und außerdem als Stuntman. 2. Die Musik ist cool. 3. Fantastische Aufnahmen von L.A. und 4. Es handelt sich um einen harten, unterkühlten Gangsterthriller. Nr. 4 überlesend bestellte ich den Film und habe ihn innerhalb weniger Tage zwei Mal gesehen.

Selbstverständlich gibt es hier keine Nacherzählung des plots. Ich möchte nur den Blick auf wenige innere Mechanismen lenken. Driver, die Hauptfigur, hat noch einen weiteren Nebenjob: als Fluchtwagenfahrer (get-away-driver). Es gibt drei Autoverfolgungsjagden, und jede ist auf andere Art mit der Psychologie des Fahrers verknüpft, und dies macht sie interessant. Der Regisseur, Nicolas Winding Refn, hat übrigens keinen Führerschein, was ihn vielleicht zu einem anderen Blick auf Autos befähigt. Ich habe mir die Interviews mit Cast & Crew angehört, alle erzählten etwas über den Charakter, den sie spielten, nur Ryan Gosling, der den Driver spielt, wollte die Hintergrundgeschichte, die er zu seiner Figur entwickelt hat, lieber für sich behalten. Der Charakter des Fahrers ist der spannendste Aspekt in dem Film. Und, ungewöhnlich für einen Gangsterthriller, ein gelegentliches Abgleiten in Traumlogik. Die Bildübergänge (cuts) sind fantastisch gelungen. Übrigens spielt auch die rothaarige Chefsekretärin aus Mad Men mit. Frauen sollten sich allerdings auf einen klassischen boyz flick einstellen. Es gibt nur eine Lady, die einen coolen Auftritt hinlegen darf, und der dauert nur ein paar Sekunden.

Das unvermeidliche Leichtsein

 

Die Straßen und alles, was auf ihnen liegt, fliegen hoch und lösen sich auf

ein Netz erhebt sich, als höbe es jemand hoch von der Erdoberfläche

das Spinnennetz, in dem die Erde dabei war zu sterben

und sie atmet, nackt, mit ihren frischen Narben

und überall Himmel

 

Orignal version: W.S. Merwin, in: The rain in the trees, 1988

Translation: Martina Weber

 
 

Auf dem Cover des Gedichtbandes „The rain in the trees“ (ich habe ein ehemaliges Bibliotheksexemplar aus den USA) finden sich eng aneinanderstehende Bäume mit silbrig glänzenden Stämmen, wahrscheinlich aus Hawaii, denn W.S. Merwin war inzwischen auf eine der Inseln gezogen, und er lebt immer noch dort und arbeitet jeden Tag an seinen Gedichten. Auf der Rückseite ist ein großes Portraitfoto von Merwin, der wohl um die 60 herum sein wird, mit leichten Locken, der Andeutung eines Lächelns und einem Blick vorbei am Betrachtenden. Das Gedicht ist, wie auch the archaic maker, dessen Übersetzung ich vor einiger Zeit hier postete, eines der ungewöhnlichen in diesem Band. Es ist eines der seltenen Gedichte, die ganz ohne Menschen auskommen. Es geht darum, einen neuen Blick auf die Welt zu entwickeln, einen anderen Blickwinkel. Alles von Menschen Gemachte löst sich auf (die Straßen und alles, was auf ihnen lag,), die Erde hat zwar Narben davongetragen, aber es schimmert eine neue Chance durch, unter dem Himmel, der im Schlussbild vollkommen präsent und unendlich ist, alles ist offen. Eine Befreiung. W.S. Merwin schafft es, in nur fünf Zeilen eine starke Stimmung zu erzeugen mit ungewöhnlichen, teilweise surrealen Bildern. Es ist viele Jahre her, dass ich dieses Gedicht entdeckt habe, aber ich denke oft an diesen Text. Und das Gedicht gehört zu denen, von denen ich wünschte, ich hätte es selbst geschrieben.

2018 16 Nov

In Autumn

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Die ausgestorbenen Tiere suchen noch immer ein Zuhaus

die Augen voll Baumwolle

 

Jetzt werden sie

nicht wiederkommen

 

wie Sterne

 

bewegen sie sich ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis

drehen sich um ohne einander nah gewesen zu sein klettern sie

Nichts Eine Wand

 

Stunden und ihre Schatten

 

Lichter spiegeln sich im Laub, hat nichts mit Abend zu tun

 

Städte

in denen ich leben wollte

 

 

Original version: W.S. Merwin, in The Lice

Translation: Martina Weber

It was years ago when I ordered an anthology with American poetry in the library just to browse. There were only two poems by W.S. Merwin, whom I never heard of, and immediately I was intrigued. I could feel a real und deep experience behind the sentences, but there was a strong element of surrealism and magic, too, and it was this mixture I loved. I bought the books where the chosen poems had taken from: “The Lice” (1967) and “The Carrier of Ladders” (1970), and some of the poems have been my favourites since then and I appreciated them more than German poems of that time.

No poet in Germany seemed to know Merwin, who, by the way, was born in 1927, but in the US he is famous, a two-time Pulitzer winner. This year two books with translations and originals of Merwin´s poems were published in German publishing houses: “Nach den Libellen” (Carl Hanser Verlag) and “The shadow of Sirius / Der Schatten des Sirius” (Leipziger Literaturverlag). In one of the forewords I got the hint for a feature documentary about the life and work of W.S. Merwin, titled “Even though the whole world is burning”. Someone said in this film, people who read Merwin have been affected by his word – I mean affected for life. And I could confirm this, even though it were only a few of his poems, sometimes only a few lines, that hit me strongly and unforgettable. “I with no voice.” Or: „Whatever I have to do has not yet begun.“ Fortulately I think I do have a voice now and I did start with what I had to, but when I read those lines by Merwin I realized I hadn´t.

When Merwin was 21 years old, in 1948, he visited Ezra Pound, who was declared for mentally ill, in Elisabeth hospital in New York to ask for some advice to become good as a poet. (Just imagine that action itself!) Ezra Pound recommended Merwin to travel and to translate. Merwin lived several years in France and returned to the US. His generation´s ailment is the Vietnam War. In the Seventies Merwin studied Zen Buddhism, when an unpleasant incident happened: He and his then companion were forced to strip naked. Merwin emigrated to Hawaii and as I watched the beautiful landscape and the coast line in some way it felt so familiar and immediately I thought of LOST, the series some of the Manafonistas including me are enthusiastic about and which is mostly set in Hawaii. Merwin is not only a very productive poet and of course he changed his poetological approach over time, but he´s also an environmental activist. He did change the climate on Hawaii. He made it 5 degrees colder due to the trees he planted.

I want to end up with my translation of one of Merwin´s poems. „The archaic maker“ was published in “The rain in the trees” (1988). This poem is not typical of Merwin´s poems. It stands out. I think one can´t understand it. It´s part of the mysteriousness of it all.

 
 

Der archaische Schöpfer

 

Der archaische Schöpfer ist natürlich naiv. Wenn er ein Mann ist, hört er zu. Ist er eine Frau, dann hört sie zu. Ein Kind hört jetzt zu. Ein Zug fährt vorbei, wie ein unterirdischer Fluss. Er betritt eine Geschichte.

Der Fluss kann nicht zurück. Die Geschichte geht weiter. Sie verwendet irgendeine Form der Darstellung. Sie benötigt nicht besonders viel Schnickschnack, abgesehen von Wörtern, Singen, Tanzen, Bilder machen und Objekte, die lebenden Formen ähneln. Eigenkonstruktionen.

Der ohrenbetäubende Fluss trägt Eltern, Kinder, ganze Familien wachend und schlafend nach Hause.

Die Geschichte fährt an Steinfarmen auf grünen Hügeln vorbei, am Eingang von Tälern, die ansteigen zu Wäldern voller Sommer und unerhörtem Wasser.

In der Geschichte ist es schon morgen. Eine Zeit der Erinnerungen, nicht korrekt, aber machtvoll. Außerhalb des Fensters ist das Nächste von allem.

Eines von jedem.

Aber hier ist es so, wie es war, und heute,

es selbst

die Luft, die lebendige Luft

das ruhige Wasser.

 

Es kommt selten vor, dass Kinder in Kinofilmen, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, interessante Rollen spielen. Anders in den Filmen des mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu, der zu den von mir besonders geschätzten Regisseuren zählt. In seinen Filmen „21 Grams“, „Biutiful“ und „Babel“ spielen Kinder entscheidende Rollen, sie sind Drahtzieher des Geschehens, mal mehr, mal weniger im Vordergrund. Diese Kinder haben bemerkenswerte Rollen, sie werden präsentiert als Persönlichkeiten, die sich entwickeln wollen und von Erwachsenen daran gehindert werden. In den drei genannten Filmen sind sie im Grundschulalter oder jünger, und einige von ihnen zeichnen gern. Hier sind zwei dieser Zeichnungen. Das erste Bild ist gezeichnet von einem zehnjährigen Mädchen, die in Barcelona lebt und deren Traum es ist, mit der Familie in die Pyrenäen zu reisen und dort zum ersten Mal in ihrem Leben den Schnee zu sehen. Sie hatte ihren Vater gefragt, wie man „beautiful“ schreibt. Die Antwort des Vaters (Biutiful) ist der Titel des Films.

 
 
 

 
 
 

Die folgende Zeichnung stammt von einem etwa fünfjährigen Mädchen und aus dem Film „21 Grams“:

 
 
 

 
 
 

Bei meinen Recherchen zum Ersten Weltkrieg stieß ich auf Wasili Sergejewitch Woronow (1887-1940), der als einer der ersten die historiographische Bedeutung von Kinderzeichnungen erkannte. Gaston Bachelard schreibt in seinem Buch „Poetik des Raums“: „Jedes große einfache Bild enthüllt einen seelischen Zustand.“ Und er zitiert Madame Balif: „Von einem Kind verlangen, dass es ein Haus zeichne, heißt ihm die Enthüllung seines tiefsten Traumes abzuverlangen, wo es sein Glück bergen möchte.“

 

 
 
 

This picture is a blow-up. There´s a kind of a surreal or magic-realistic setting at the end of this film, accompanied by the music of Pink Floyd. And then the young woman gets into her car and drives towards the sunset. The film was released in 1970. It´s a love film, too, but I think they don´t really fit together. Just listen to this dialogue.

 

He: I always knew it´d be like this.

She: Us?

He: The desert.

 

In this game you can win – accordingly to the movie´s message – nothing material, but the hint for a really good film, if you don´t know it already.

 

 

From dishwasher to millionaire – that’s the American Dream in a nutshell. How do people in the country experience it these days? This is the theme of a documentary film worth seeing that ran on 3sat on 22 October and can only be viewed today in the media library via this link, authentic in the original with German subtitles. The film team travelled on the train across the USA and has asked travellers for their statements. In this way we learn a lot about the mood in the country and about which concept of freedom is supported by the state and which concepts of life are confined.

I would like to take this opportunity to recommend the excellent book „America“ by Jean Baudrillard from 1987 once again.

 

 
 

 
 

2018 22 Okt

Can the can´t

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I had thought about giving away some literary magazines that I hadn’t looked into for a long time. I leafed through them one last time. In an old issue of KONZEPTE with the title „Mythologie 2000“ (No. 18, Vol. 12) I discovered a text that excited me. The text is dedicated to Allen Ginsberg and comes from Bob Holman, of whom I had heard or read nothing so far. In the short biographical note you could read that Holman had accompanied Allen Ginsberg on more than 50 readings. The text is written in ten small paragraphs, each of which is in justification, and ranges between experimental prose and poetry. What impresses me most are the untranslatable puns and the way something is created behind the words.

 
 

WHAT NOW – to Allen Ginsberg

By Bob Holman

 

We eat words. Poetry is spoken, it is the euro of language. Once, a tiny little once. But often, more than likely.

Hello? Hello? There is no talking, this is a dumb piece of paper with blotto stains and grease lips all over it. Put up or put out. Can the can´t.

What happens is this: the truth is in the telling, the tasting. Add the salt. Corrupt the pipeline. Art and Industry swagger down the aisle.

I have been asked to speak to you but my tongue has another opinion. Sex generously disappears. The right is wrong.

Whenever her fingers slid into the fax machine, Africa would wince with pain. A simple blind. Terror and treachery make a fine breakfast.

As I was saying, prose. Prostitute Politicos Present: prose. Towards the end of the line, a chunk of prose. It was all prose, except for the rose.

Freedom is pregnant with democracy´s bastard. All lies, but the poor cannot get to sleep. Steady goes the junk food.

Brace yourself – crucifixion sportive. Merciless climate, how the homeless tend to congregate, it´s for more than warmth.

The slow devolution to reptiles. Music is bought and silence is the price. Meanwhile, there is no meanwhile. This is not the end. This is.

 

Vor ein paar Wochen erzählte Michael hier über einige Kinoerlebnisse während seiner Würzburger Studienzeit. Er schrieb: „Jeden Mittwoch ein Filmereignis im Audi Max, eingeleitet von kundigen Worten eines Filmbesessenen. Werde nie die Magie vergessen, das erste (und bislang nie wiederholte, weil Enttäuschung fürchtende) Sehen von Werner Herzogs „Fata Morgana“.“ Michael hatte eine Abbildung einer von der Sonne verblichenen DVD- (oder VHS-Video?) Hülle vor seinen Beitrag gesetzt und es war der Charme dieses Fotos, aber auch die Schlagworte (Magie / das nie wiederholte, weil Enttäuschung fürchtende), die mich dazu veranlassten, den Film sofort und ohne jede Recherche zu bestellen. Von Werner Herzog hatte ich bis dahin nur einen Teil des Filmes „Stroszek“ gesehen, auf den ich wiederum durch Anton Corbijns Filmportrait über Ian Curtis aufmerksam geworden war, Control. („Stroszek“ war der letzte Film, den Ian Curtis sah.) „Fata Morgana“ kam im Jahr 1970 in die Kinos und vermutlich bald darauf in den Audimax der Uni Würzburg. Man könnte sagen, es ist ein sehr eigenwillig gedrehter Reisefilm mit Bildern vor allem aus der Sahara (und wie es gemacht ist – das ist die Magie!), musikalisch unterlegt mit Musik u.a. von Leonard Cohen und Mozart und sprachlich unterlegt mit Texten zur Schöpfungsgeschichte aus einem heiligen Buch der Maya, gelesen von Lotte Eisner, – und es sind diese Texte, die das Potenzial einer Enttäuschung bergen. Während mich die Bilder in ihren Bann zogen, sind die Texte völlig an mir vorbeigerauscht, ich empfand sie als behäbig und belehrend, und ich dachte sogar daran, den Ton abzustellen oder eine selbst gewählte Musik aufzulegen, fand die Idee jedoch respektlos und so schaute ich den Film ein erstes Mal. Das Foto unten zeigt die Aufnahme einer Fata Morgana. Im Unterschied zu einer Halluzination zeigt eine Fata Morgana Gegenstände, die es tatsächlich gibt, sie werden durch extrem heiße Luftschichten gespiegelt. Allerdings befinden sich die Gegenstände, hier zum Beispiel der Bus, ganz woanders, als es scheint.

 
 
 

 
 
 

Die DVD bietet die Möglichkeit, während des Films einem Gespräch zwischen Werner Herzog und Laurens Straub aus dem Jahr 2004 zuzuhören. Dies verwandelt den Film in ein zeitgemäßes essayistisches Format. Ich liebe dieses lockere Daherreden in Audiokommentaren, die wie nebenbei mit Zahlen, Daten, Fakten und Hintergrundinformationen gespickt sind, und ich weiß, dass es genderpolitisch nicht korrekt ist, zu sagen, dass es Männer einfach verdammt gut können, weil sie es von Kindesbeinen an eintrainieren. Werner Herzog hat eine vollkommen unprätentiöse, in sich ruhende Art und seine Stimme ist so angenehm, dass es in seinem Wikipediaeintrag sogar eine Hörprobe gibt. „Fata Morgana“ beginnt mit einer Art Mutprobe fürs Kinopublikum: Fünf Minuten lang werden Aufnahmen landender Flugzeuge am Flugplatz München-Riehm an einem heißen Julitag gezeigt, die Luftschichten erwärmten sich, die Bilder wurden immer befremdlicher und wirken fast wie eine Fata Morgana. Wer das durchhält, so Herzog, wird im Kino sitzen bleiben und den Film zu Ende schauen. Einige Sequenzen hatte Herzog Anfang der 60er Jahre gedreht, als er nach dem Abitur nach Afrika reiste. Seine Motivation war eine „physische Neugier“, eine Welt ohne Zivilisation und ohne Rechtssicherheit zu erleben. Verbunden damit war die Frage – typisch für Herzogs Generation – wie der Faschismus in Deutschland möglich sein konnte. Der Film wurde im Jahr 1969 gedreht, und ein zentrales Anliegen war, in einer Zeit der Heimatfilme und Western eine neue Weltbetrachtung und Bildsprache mit eigenen Darstellern und Erzählformen zu entwickeln. Es gibt lange Kamerafahrten, die ihren Atem suchen, quer durch die Sahara, über Flamingobrutstätten, vorbei an herumliegenden Fässern (Überbleibsel französischer Atomversuche), verdurstetem Vieh und verlassenen Militäranlagen, dem Gerüst einer Fabrikhalle. Es ist ein Film ohne Handlung, fast hypnotisch. Die Menschen sind so rätselhaft wie die Landschaften. Männer, in weite, helle Kleidung gehüllt, sitzen im Schatten einer Mauer. Kinder stehen in kleinen Gruppen in einstudierten Posen da. Ein Junge zeigt mit ausgestreckten Armen auf eine Schleifspur, als wäre es für einen Lehrfilm. Es ist der Rhythmus des Filmschnitts, das Verweilen, der Bruch. Wasserschildkröten bewegen sich in einem Hotelpool auf Lanzarote, plötzlich sehen wir Bilder von Touristen, die wirkten, als seien sie in Trichtern aus schwarzem Sand gefangen und ruderten mit ihren Armen ins Licht. Ein junger Mann, der bei der französischen Fremdenlegion und im Algerienkrieg wahnsinnig geworden war, liest einen Brief vor, den er seit fünfzehn Jahren in der Tasche trägt. Die Geheimnisse stehen für sich. Es ist eine Art Traumlogik, die den Zuschauer ergreift und ihm immer wieder ein anderes Zeitgefühl vermittelt zwischen archaischer und europäischer Zeit, afrikanischer Zeit und Filmzeit. Werner Herzog sagte, er hätte mit diesem Film etwas aufgegriffen, was Ende der 60er Jahre in der Luft lag und von Künstlern verschiedener Sparten gespürt und umgesetzt wurde. Die Gedichte hatten sich verändert, sie waren nicht mehr hermetisch, sondern im Alltag angesiedelt und erreichten ein großes Publikum. Peter Handke trat mit seiner Publikumsbeschimpfung auf. In seiner Filmsprache knüpfte Herzog an die experimentellen Filme des New American Cinema an, aber auch an experimentelle Filme von Edgar Reitz. Herzog sagte, die Zeit für diese Art der Weltbetrachtung sei abgebrochen. Das will ich nicht glauben. Das Bedürfnis, dominante Wahrnehmungs- und Weltdeutungsmuster zu hinterfragen und ihnen eigene Sichtweisen entgegenzustellen, halte ich für eine Konstante. Schon in den frühen Zeiten des Kinos gab es nicht nur handlungsorientierte Filme, sondern offene Formen und Arbeiten mit vorgefundenen Materialien, zum Beispiel in Joris Ivens „The Bridge / De Brug“ (1928) und dem zauberhaften Kurzfilm „Regen“, von Joris Ivens und M. H. K. Franken. (Beide Filme sind leicht im Internet zu finden.) Mit „Fata Morgana“ ist Werner Herzog einer der Pioniere des Essayfilms, es ist ein sprunghaftes, subjektives, sich selbst reflektierendes Werk, unabgeschlossen in seinen Suchbewegungen zwischen Realität und Fiktion. Jean-Luc Godard, Alexander Kluge, Chris Marker und andere finden ihre eigenen Interpretationen des essayistischen Films. Das Genre entwickelt sich weiter. Die Erzählungen von Werner Herzog im Audiokommentar machen „Fata Morgana“ auch heute noch zu einem unbedingt sehenswerten und wunderbar eigenwilligen Film.


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