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2021 30 Jun

Star Guitar

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In seinem Musikvideo zu Star Guitar von The Chemical Brothers hat Michel Gondry eine einzige Kameraeinstellung gewählt und die Landschaft und was da zu sehen ist mit den Rhythmen synchronisiert. – Eine innovative Filmarbeit aus dem Jahr 2001.

 

Die Laute, die Vögel von sich geben, orten. Schwalben erkenne ich, sie ziehen hier am frühen Abend um die Häuser. Ihre Bewegungen sind blitzschnell, ihr Kalorienverbrauch muss enorm sein, die Tiere wirken von fern – und ich sehe sie nur von fern – geradezu mager. Sie scheinen immer in Gruppen unterwegs zu sein. Norbert Hummelt hat in seinen Gedichten, die oft draußen angesiedelt sind, immer wieder Schwalben erwähnt. Ich saß auf dem Balkon, wollte eigentlich lesen und begann, den Schwalben zuzuhören und sie zu betrachten, wie sie über den Häusern kreisten oder eher wirbelten. Ich erinnerte mich an einen Satz aus einem Gedicht von Friederike Mayröcker, der mir so gefallen hatte, dass ich ihn neulich in mein Notizbuch abgeschrieben habe. Und dann haben die Schwalben ihr schönes Schauspiel am Himmel aufgeführt. Ich betrachtete die Flugstrecke des Schwalbenschwarms genauer, überlegte, ob es einem System folgte. Es hatte etwas von einem Tanztheater. Normalerweise sind Schwalben, wenn du sie erblickst, schon wieder um die Ecke eines Hauses verschwunden. Diesmal aber bewegten sie sich in einer Gruppe von ungefähr 20 Tieren innerhalb eines Terrains und in einer Höhe von vielleicht 50 Metern über den Dächern. Ich heftete meinen Blick an eine einzelne Schwalbe, so wie ich gern bei einer Choreographie eine einzelne Person betrachte. Ich fragte mich, wer beim Schauspiel der Schwalben die Route bestimmt, ob es Hierarchien gibt. Ich dachte an die V-Formationen der Kraniche, deren Route in den Süden über das Haus führt, in dem ich wohne. Ich überlegte, wie lang ich den Schwalben zusehen würde, und dachte an das Buch, das Lajla neulich auf dem Blog vorgestellt hatte. Nichts tun. Abwarten. Da sein. Was so ein Gedicht bewirken kann. Es hat tatsächlich eine Wirkung. Der Schwalbenschwarm löste sich schließlich auf. Ich holte mein Notizbuch und suchte meinen Eintrag mit dem Zitat von Mayröcker. Es lautet (Fleurs, S. 78): „dann haben die Krähen ihr schönes Schauspiel am Himmel aufgeführt.“

Im Laufe der Jahre gab es zwei Coverbilder: auf dem einen strahlendes Gelb, die Buchstaben in schwarz. Auf dem anderen Motiv geht es etwas psychedelischer zu: einige Planeten – darunter die Erde – schweben im schwarzen Weltall. Im Vordergrund wächst festes, dunkelgrünes Gras. Die Stimmung, die beim Betrachten entsteht, ist sphärisch, aber mit Bodenhaftung.

Das passt. Robert Ashleys spoken word-Album „Private Parts“ erschien 1978, ich habe es erst Anfang 2019 entdeckt, zur Zeit der Wiederveröffentlichung. Die Arbeit hat mich sofort in ihren Bann gezogen, vor allem die Stimme Robert Ashleys und der unglaubliche Sog der Texte der beiden zwanzigminütigen Tracks. Was passiert hier?

Ein Mann hat ein Zimmer in einem Motel betreten, er packt seine Taschen aus, sitzt auf dem Bett, beide Füße auf dem Boden. Das ist das zentrale Bild des ersten Teils „The Park“. Dieser völlig unspektakuläre Moment ist Ausgangspunkt eines faszinierenden Veränderungsprozesses, der das ein oder andere andeutet, letztlich jedoch nicht fassbar wird, – auch nicht nach vielfachem Hören oder Lesen des Textes. Immer wieder wird eine erwartete Logik durchbrochen. Bevor der Text greifbar wird, bricht er ab, gleitet ins Abstrakte oder setzt neu an: ein neues Bild, ein neues Thema, ein neuer Eindruck, eine weitere Überlegung, kleine Sprachspielereien.

Einmal heißt es „This is a record“ und später wird das Gegenteil behauptet: „This is not a record.“ Bilder, an die wir uns erinnern: ein altes Telefon mit Hörer, bläuliches Licht im Zimmer, ein Teller mit Pflaumen zum Frühstück, draußen eine Statue (ein Mann mit Pferd) sowie zwei Männer auf einer Bank. Ausgiebig reflektiert wird das Thema Übergang und Sterben.

Der Text wirkt spontan und assoziativ, ist jedoch fein komponiert und erzeugt bei jedem Hören einen anderen Subtext. Ich habe das Album mindestens 30 Mal gehört – die Konzentration auf den Text, die Stimme, Trommeln und Piano hat mir geholfen, meine Joggingstrecke zu verlängern – und ich habe jedes Mal etwas Neues entdeckt.

Robert Ashley zelebriert in „Private Parts“ die Faszination der Leere. Beim Hören wird man gelegentlich in eigene Gedanken abschweifen, man kann aber mühelos wieder einsteigen. Dieses Album ist ein Traum, in den man sich immer wieder fallen lassen will, um die Schwere des eigenen Ichs loszulassen und Teil des Ganzen zu sein.

Come here, litte girl, get into my car. Das sind erste Assoziationen zum Thema. It´s a brand new Cadillac. Ich habe die Stimme von Laurie Anderson im Ohr. Bright Red. Oder Nabokov. Ich habe Lolita nie gelesen, nie gesehen, deshalb denke ich eher an das Langgedicht von Jorie Graham Fission / Riss aus Region of Unlikeness, wo Graham drei Ebenen nebeneinander oder gegeneinander setzt: Sich selbst als Dreizehnjährige, wie sie im Jahr 1963 im Kino sitzt und Kubricks Lolita-Verfilmung ansieht, während die Vorführung an einer Stelle unterbrochen wird (Lolita in Großaufnahme) und ein Mann vom Kino die Nachricht von der Ermordung Kennedys überbringt. „The idea of history is being outmaneuvered.“ Und natürlich Fritz Lang: M – Eine Stadt sucht einen Mörder.

 

Zurzeit läuft im Ersten eine Reihe von Filmdebüts. KOPFPLATZEN von Regisseur Savaş Ceviz behandelt das Thema auf eine ganz andere, gewagte Art. Im Focus steht der potentielle Täter selbst, die Geschichte ist aus der Perspektive des jungen Architekten Markus erzählt, absolut mitreißend dargestellt von Max Riemelt. Die Körpersprache, Gestik, Mimik. Das Zögern, Warten, Lauern, Aufgeben, Lügen, das Ringen mit etwas in sich, was nicht beherrschbar ist. Max Riemelt erzählt den Film mit seinem Körper. Deshalb bedarf es nicht so vieler Worte. Farben haben eine Bedeutung, Rottöne, Schwarztöne. Schwimmbadblau. Der Film ist schnörkellos erzählt, auf den Punkt, die Dramaturgie ist durchgestylt. Jede Szene sitzt, jeder Blick. Jede Großaufnahme. Die Symbolik kleiner Gesten oder Gegenstände. Oder Tiere. Immer wieder beobachtet Max in einem Tiergarten einen Wolf hinter Gittern. Und eines Nachts hält er sich auf dem Hochsitz eines Försters im Wald auf, während ein Wolf in freier Natur über eine Lichtung schleicht und seine Schnauze in den Himmel reckt und heult. Ich glaube, das ist die glücklichste Szene. Der Film wirkt immer noch in mir nach, was daran liegt, dass er weit über sein Thema hinaus einen Hallraum erzeugt.

Link zum Film und zur Übersicht der Filmdebüts im Ersten in diesem Frühsommer.

2021 27 Mai

Drei schwarze Hunde

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Es ist ungefähr ein Jahr her, dass Sandra und ich beim Mailen auf das Thema Laufen kamen und sie mir den Link zu einen Trainingsplan schickte: „30 Minuten Joggen am Stück innerhalb von acht Wochen“. Ich habe zwar länger als acht Wochen gebraucht, kann aber jetzt mein einjähriges Trainingsjubiläum feiern und es geht ein Jugendtraum in Erfüllung, wenn auch mein Fahrrad jetzt öfter im Keller steht. Für mein Lauftraining haben sich drei Varianten eingependelt – die kleinste Runde nur um die Strecke am Bahndamm, oder bis zur Autobahnbrücke oder bis zum Outdoor-Fitnessstudio – je nach Energie und Uhrzeit, denn ich bevorzuge die Zeit vor der Dämmerung, es soll aber nicht dunkel sein. Irgendwann will ich eine größere Runde in diesem Park schaffen, der an einen kleinen Fluss grenzt und einmal ein Bundesgartenschaugelände war, das man inzwischen verwildern lässt. Schon als Kind habe ich bei meinen Radtouren die unbefestigten, nicht asphaltierten Wege gesucht, und ich wähle gern den Umweg über einen nicht so gut ausgebauten Schotterweg mit großen Dellen, die Platz für Pfützen bieten und die im Winter mit ihren Vereisungen für spannende Trainingsbedingungen gesorgt haben. Dieser Schotterweg führt an einem großen Grundstück mit einem Haus vorbei, eine ungewöhnliche Lage, befinden sich hier doch eher Kleingartenanlagen. Das Haus fasziniert mich. Es wurde vor vielleicht zehn Jahren gebaut, liegt innerhalb der Großstadt geradezu abgelegen, und dennoch zentral. Es sind einige Parkplätze für bestimmte Kennzeichen markiert. Das Grundstück ist durch einen hohen Drahtzaun und mit Stacheldraht gesichert und immer sind zwei große schwarze Hunde zu sehen, die sich sichtlich gut miteinander verstehen, die miteinander herumtollen, wahrscheinlich ein Paar sind, die im Gras liegen oder unter den Bäumen und zu schlafen scheinen, jedoch innerhalb von Bruchteilen von Sekunden scharf reagieren. Früher haben sie mich mit ihrem Bellen und Herumlaufen direkt am Zaun immer erschreckt. Inzwischen sind sie ruhiger geworden, dosieren ihre Energie. Gestern kamen mir hier eine Frau und ein kleiner schwarzer Hund entgegen. Der Hund wirkte so tapsig, fröhlich und unbefangen wie ein Welpe, und er zielte mit all seinem Charme direkt auf mich zu. Ich war verwirrt darüber, dass sich hier jemand nicht an die Regeln hält. Ich kraulte ihn am Kopf und er drückte seine nassen Pfoten an mein Knie und schaute mich an. Die Frau machte sich Sorgen um meine Trainingshose, aber ich genoss einfach nur dieses Glück.

Rückkehr von Krähe – ist das überhaupt ein Gedicht? Klar, denn ein Gedicht ist ein Text, in dem so viel mehr steckt als die Worte, aus denen er besteht. „ich bin neuerdings in der lage, gedichtliches wissen zu messen, und anzugeben auf einer skala bis hundert“, schrieb Ulf Stolterfoht in es ist miles end, veröffentlicht im Jahrbuch der Lyrik 2018. Referenzflächen also, nebeneinander und übereinander geschichtet. Mit verschiedenem Quellenmaterial und Bezugssystemen arbeitet Stolterfoht auch in Rückkehr von Krähe. „Nur eine Strukturidee pro Gedicht, das kommt mir etwas wenig vor. – Fledermaus sekundiert: Zwei Ideen sprechen für Fleiß. Drei sind meistens eine zu viel. Hast du jedoch fünf, dann winkt von fern der Huchelpreis.“ In der Geschichte von Krähe, dieser seltsamen, wandlungsfähigen, symbolträchtigen Gestalt zwischen Württembergischen poesiefeindlichen Landstrichen, gefährlichen Wäldern, rätselhaften Geschöpfen, surrealen Verheiratungsaktionen, aber auch außerehelichem Sex, krassen Gewaltaktionen, lebensbedrohlichen Erkrankungen, der sinngebenden Produktion von Gedichten und immerzu Bier oder anderen Alkoholika. Grenzüberschreitungen sind also inklusiv. Mindestens einmal gibt es den Zwischenruf: „Auf einer Lesung kannst du das beim besten Willen nicht mehr bringen.“ Wie hat Ulf Stolterfoht diese Poetologie entwickelt, die er in zahlreichen Gedichtbänden unter den Titel Fachsprachen (nummeriert nach römischen Zahlen) veröffentlicht und weiterentwickelt hat? In Was hält ein Gedicht zusammen? erzählt er von seiner Zivildienstzeit Anfang der 80er Jahre. Es war seine Aufgabe, sieben Männer und den Chef mit einem VW-Bus in den Wald zu fahren, wo Bäume gefällt, Gräben ausgehoben und andere Arbeiten erledigt wurden. Die Männer waren Obdachlose und das, was sie miteinander sprachen, waren „Sätze, die nichts bedeuteten, für Leute, die nichts sagen wollen.“ „Ich glaube“, schreibt Stolterfoht weiter, „dass ich seitdem auf der Suche bin nach Sätzen, die so klingen, als wären sie ursprünglich von den Männern im Wald gesprochen worden.“ Wer mit den Gedichten von Ulf Stolterfoht noch nicht vertraut ist, findet in dieser Zusammenarbeit mit Thomas Weber einen bemerkenswerten Einstieg. Der klassische Sound des Kammerflimmer Kollektiefs vertieft die Wirkung des immer ins Ungewisse mäandernden Textes, und lässt die Räume, die er erzeugt, noch dunkler hallen. Dieser Arbeit können Sie fast eine Stunde lang lauschen, am besten mit Kopfhörern und im Dunkeln. Hier der Link zur SWR-Produktion aus diesem Jahr.

 

Martina Weber: Vor kurzem ist dein dritter Gedichtband mit dem Titel „Gemütsstörungen“ im Limbus Verlag erschienen. Inhaltlich sind es Personenportraits und Weltbetrachtungen, formal spielst du mit der Form des Sonetts. Was hat dich am Sonett gereizt?

 

Kirstin Breitenfellner: Ich habe schon in meinen ersten beiden Gedichtbänden mit Reimen experimentiert, aber dabei hat sich nie die Sonettform ergeben. Das erste Sonett war plötzlich da – ich habe es im Nachhinein als solches erkannt. Und dann hat es sich vermehrt. Denn ich habe entdeckt, dass es Spaß macht, Sonette zu schreiben. Innerhalb der Form gibt ja viele Freiheiten, die ich mir auch genommen habe, und mit dem Reim gehe ich ebenfalls eher frei um, so wie ich es aus der russischen Lyrik kenne und schätze, wo ein Reim nur so ähnlich klingen muss. Ähnlich machen es ja heutzutage die Rapper, das erleichtert mich, denn damit muss ich mich nicht mehr altmodisch fühlen …

 

Martina Weber: Schwingt bei der Wahl einer festen Form, auch wenn du sie frei interpretierst, auch der Gedanke mit, dass eine gewisse Vorgabe die Arbeit an den Gedichten erleichtert, weil dadurch schon etwas da ist?

 

Kirstin Breitenfellner: Ja, das stimmt. Bei Gedichten arbeitet man immer mit etwas, was schon da ist. Die wenigsten Gedichte sind mit einem Mal ganz da. Bei mir ist es meistens die erste Zeile, öfters auch die ersten beiden Zeilen, die mir zufallen. Die entwickle ich dann weiter zu den ersten beiden Quartetten. Die beiden Terzette sind dann oft so etwas wie eine Schlussfolgerung daraus. Ich habe mir aber nie vorgenommen, einen ganzen Band mit Sonetten zu schreiben. Die ersten Sonette sind schon vor 15 Jahren entstanden, das waren Porträt-Sonette, die über die Jahre langsam mehr geworden sind, bis ich sie vergessen habe, weil ich dachte, dass man heutzutage keine Sonette mehr publizieren kann. Irgendwann habe ich sie dann wiedergefunden und sie um die Sonette über die „Unwelten“ und die „Conditio personae“ ergänzt, aber auch mit weiteren Porträts. Das hat mir so viel Freude gemacht, dass derzeit ein weiterer Band mit Sonetten entsteht, unter dem Titel „Gedichte ohne ich“. Ich bin gespannt, wann Sonette mir über werden. Es bahnt sich langsam an …

 

Martina Weber: Inhaltlich bewegt sich der Gedichtband in vier Kapiteln von allgemeinen Betrachtungen zu Mensch und Welt in unserer Zeit (unwelten) über Portraits ungenannter Personen (gemütsstörungen) und Portraits bekannter Künstlerinnen (zueignungen) zu abschließenden Reflexionen (conditio personae). Die Gedichte, die „eine Figur in ihrer ganz persönlichen Verstrickung“, wie es im Klappentext heißt, vorstellt, haben mich besonders angesprochen. Es liegt daran, dass ich mich beim Lesen zu der Figur positioniere. Ich überlege einerseits, um was für einen Charakter es sich handelt, aber auch, wie die individuelle „Gemütsstörung“ von dir auf den Punkt gebracht wird, wie du die Person also betrachtest. Außerdem kommt als weiterer Effekt hinzu, wie ich meine eigenen „Verstrickungen“ auf vierzehn Zeilen packen könnte oder eher, wie du es beschreiben würdest. Ich finde diese Betrachtungen sehr klug, auch aus psychologischer Sicht. Humor ist auch dabei: Zwei Mal wird eine 15. Zeile angefügt. Ein Sonett endet mit den Worten „er sucht das ziel – was zählt / er weiß es (nicht)“. Meine Lieblingszeile des Buches lautet: „(es tobt in ihrem herz, das wesen)“. Ich gehe davon aus, dass es sich nicht um erfundene, sondern um real existierende Charaktere handelt.

 

Hier ein Beispiel für ein Gedicht aus dem titelgebenden Zyklus:

 

er prüft die maulwurfshügel nur
im garten wirft die wiese blasen
ärgerlich zum ärger ohne spur
er ruft zur ordnung die oasen

 

schließt die gänge, gräben stur
den blick hinab verweigernd
zweifel, trauer, wut, die kur
aus schlamm und worten steigernd

 

ihm das leben über alle glieder fuhr
er meidet menschen, schreibt verkannt
sein werk um einen wunden punkt, die hauptfigur

 

und stille immer wieder an die wand
hört ungern auf den ruf der uhr
und vor dem dunkel ist er fortgerannt

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Charakterstudien dieser Art zu schreiben? Welche Wirkung wünschst du dir bei den Lesenden?

 

Kirstin Breitenfellner: Jeder Mensch denkt fortlaufend über sich selbst und seine Mitmenschen nach. So wie man sich selbst ein Rätsel ist – diesem Rätsel widmet sich mein gerade im Entstehen begriffener Gedichtband „Gedichte ohne ich“ –, so sind es einem auch die Freunde, Bekannten und Verwandten. Und was gibt es Besseres, um ein Rätsel einzufangen, als ein Gedicht? Nachdem ich ein paar solcher Sonette geschrieben hatte, ließ es mich nicht mehr los. Und ja, tatsächlich liegt jedem Gedicht eine Person zugrunde, die ich persönlich kenne. Die allerallerwenigsten kennen „ihr“ Gedicht, denn es geht mir ja nicht darum, ihnen etwas über sich selbst zu erklären, sondern darum, sie für mich besser zu verstehen. Dabei bewege ich mich auf einer so allgemeinen Ebene, dass sich noch niemand erkannt hat oder mich gefragt hat: Bin das ich? Ich wünsche mir auch gar nicht, dass sich jemand erkennt, im Gegenteil wäre mir das eher unangenehm. Aber ich hoffe, dass bei den vielen verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen und „Gemütsstörungen“, die hier beschrieben werden, für die Lesenden ein Wiedererkennungswert dabei sein kann – für sich selbst oder seine eigenen Freunde, Bekannten und Verwandten –, der die Gedichte für sie interessant macht.

 

Martina Weber: Die Wahl einer Form, in deinem Fall der Form des Sonetts, wirkt im Arbeitsprozess zwangsläufig auch auf dein Denken zurück, insofern, als du den betrachteten Gegenstand, die Person, das Thema in die – wenn auch frei interpretierte – Sonettform einfügen musst. Bist du dabei auch an Grenzen gestoßen, hast du dich durch die selbst gewählte Form manchmal auch eingeengt gefühlt?

 

Kirstin Breitenfellner: Ja, manchmal reichen mir die 14 Zeilen nicht, aber da ich mit der Sonettform ja frei umgehe, habe ich mir dann erlaubt, Zusatzzeilen, meist in Klammer gesetzt, hinzuzufügen. Im Übrigen muss ich ja nicht die Person in die Sonettform einfügen, sondern nur meine Reflexion über sie. Da das Reflektieren über einen Menschen prinzipiell unendlich ist, kann so eine Form auch befreiend wirken. Natürlich könnte ich über jede Person noch viel mehr sagen, aber nach 14 Zeilen muss ich einen Punkt machen. Den Rest muss man dann zwischen den Zeilen lesen …

 

Martina Weber: Das Kapitel „(zueignungen)“ besteht aus vier Gedichten, die Persönlichkeitsverstrickungen von vier Künstlerinnen beschreiben: Maria Lassnig, Herta Müller, Marie NDiaye und Christine Lavant. Soweit man die Personen kennt, vergleicht man natürlich das, was man über sie weiß, mit den Gedichten. Hier die erste Strophe des Sonetts über Herta Müller:

 

sie spürt die angst im nacken
sie schneidet wörter aus
gefallen aus der krone zacken
spießt das ich sich auf

 

Über Maria Lassnig, eine österreichische Malerin, Grafikerin und Medienkünstlerin, die von 1919 bis 2014 lebte, schreibst du gerade ein Buch. Was fasziniert dich an Maria Lassnig?

 

Kirstin Breitenfellner: Maria Lassnig interessiert mich schon lange, vor allem wegen ihrer Beschäftigung mit dem Körperbewusstein, der Body Awareness. Maria Lassnig versucht das Körperbewusstsein in Bildern auszudrücken. Ich in Gedichten. Deswegen war ich glücklich, dass ich für meinen ersten Gedichtband „das ohr klingt nur vom horchen“ von 2005 (Skarabæus Verlag) vom Lentos-Museum in Linz die Erlaubnis zu bekam, ein Gemälde von Maria Lassnig auf dem Cover anzudrucken. In diesem Gedichtband dekliniere ich unter anderem Körperteile und ihre „Druckstellen“ durch. Das Buch, an dem ich derzeit arbeite, ist ein Roman über Maria Lassnig, für den ich auch ihre Tagebücher und Briefe lesen durfte.

 

 

Martina Weber: Keines der Gedichte in „Gemütsstörungen“ hat eine Überschrift. Was war der Grund, auf Gedichttitel zu verzichten?

 

Kirstin Breitenfellner: Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Überschrift eigentlich der Name der beschriebenen Person sein müsste, den ich weder verraten darf noch will. Aber viele meiner Gedichte, besonders der neueren, haben keine Überschrift. Denn ich weiß noch nicht, worauf sie hinauslaufen, wenn ich anfange. Und ihnen am Schluss eine Überschrift zu geben, kommt mir oft unangemessen vor, denn die Quintessenz eines Gedichts könnte ich nie in einem oder ein paar Worten zusammenfassen. Aber das kann sich natürlich auch wieder ändern.

 

Martina Weber: Mit dem Cover hatte ich ein bisschen Schwierigkeiten. Mit der Frau und ihrem geröteten Gesicht und dem diskret genervten, aber beherrscht wirken wollendem Gesichtsausdruck komme ich noch zurecht und kann es als unterdrückte Wut, als Scham oder Zorn interpretieren, ein Gemüt in Bewegung. Wenn ich den Fisch auf ihrem Kopf nicht als frühchristliches Symbol betrachte, sondern generell als Anspruch an sich selbst und das Leben, und sehe, dass der Fisch akut lebensgefährdet oder schon tot ist, kriege ich die Kurve zum Inhalt deines Gedichtbandes. Hattest du einen Einfluss auf die Covergestaltung?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Cover ist ein Ausschnitt aus einem Bild von Bianca Tschaikner, auf dem ein „Trio infernale“ zu sehen ist, das sind drei „grumpy people“, die bestimmt „Gemütsstörungen“ haben. Aber der Verlag hatte Bedenken, dass das Bild abschreckend wirken könnte. Deswegen haben sie einen Ausschnitt davon genommen und die Farben sanfter gemacht. Da ich Fische auf Bildern liebe und eine ganze Fischkollektion besitze, war ich damit einverstanden. Mit gefällt das Surreale daran, denn der Fisch sieht für mich sehr lebendig aus. Vielleicht weiß die Frau gar nicht, dass ein Fisch auf ihrem Kopf liegt. Oder sie ist damit zufrieden und findet es gar nicht komisch. Für mich sieht die Frau auch nicht genervt aus, sondern eher in sich gekehrt und nachdenklich. Sie rätselt über irgend etwas. Deswegen passt sie für mich zu den rätselhaften Personenporträts.

 

 

 

Martina Weber: Welche Lyrik liest du selbst gern? Welche drei Gedichtbände würdest du auf die legendäre einsame Insel mitnehmen? Und, da wir hier auf Manafonistas musikbegeistert sind, wären wir natürlich auch gespannt auf deine drei aktuellen Lieblingsalben?

 

Kirstin Breitenfellner: Zu meinen liebsten Lyrikerinnen gehören natürlich Herta Müller und Christine Lavant, sonst hätte ich ihnen keinen Tribut gezollt. Seit „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ aus dem Jahr 2000 (Hanser) habe ich alle Collagengedichte von Herta Müller gelesen. Von Christine Lavant gibt es jetzt bei Wallstein eine vierbändige Gesamtausgabe, die zwei über 600 Seiten dicke Bände mit Gedichten enthält, zu Lebzeiten veröffentlichte und Gedichte aus dem Nachlass. Ich bin erst in der zweiten Hälfte des Ersteren, deswegen würde ich diesen mitnehmen. Eines meiner frühen Vorbilder war der früh verstorbene Salzburger Dichter Georg Trakl. Von ihm gibt es neuerdings auch eine Gesamtausgabe in einem Band (Otto Müller Verlag).

Zu meinen Lieblingsalben gehören im Moment die österreichische Musikerin Anja Plaschg, die sich Soap&Skin nennt (From Gas to Solid / You Are My Friend, 2018), der Liedermacher Voodoo Jürgens mit der abgründigen Studie der Wiener „Tschocherln“ (so nennt man hier Kneipen, wo sich Leute zum Rauchen, Trinken und Spielen treffen) unter dem Titel „S‘ klane Glücksspiel“ (2019) und nicht zuletzt Sophie Hungers jüngste Kooperation mit Dino Brandão und Faber „Ich liebe dich“ (2020) in feinstem Schwyzerdütsch, über die ich sogar eine Enthusiasmuskolumne verfasst habe …

 

Website von Bianca Tschaikner:
https://www.biancatschaikner.com

 

Website von Kirstin Breitenfellner:
https://www.kirstinbreitenfellner.at/

 

 

Foto: Mats Bergen

 

In den ersten Jahren meines Lebens wohnten wir so nah am Rhein, dass ich keine Erinnerung an die Räume unserer Wohnung habe, ich erinnere mich fast nur an den Rhein, den Blick aufs gemächlich fließende Wasser, die Uferwege im Park und wie ich dort fast mein Dreirad mit dem roten Sitz verlor, und es gab die großen Steine am Uferweg, auf denen ich herumsprang. Und doch blitzen Episoden aus der Wohnung auf. Manchmal zogen Straßenmusikanten oder Bettler durch die Gegend, sie riefen laut, klingelten mit großen Glocken. Meine Mutter wickelte einige Münzen in ein Papier und warf dieses Päckchen herunter, während mein Vater bemerkte, sie würde das Geld zum Fenster herauswerfen.

 

Für Folge drei meiner kleinen Serie braucht es etwas Fantasie. Es gibt nicht alles online, jedenfalls habe ich die Vertonung von Robert Lax´Gedicht „Question“ nicht gefunden, ich habe sie nur als analoge Aufnahme aus den Klanghorizonten im März 2012. Sie stammt aus dem Album wake up re:lax, Label: intermedium records 019. Hier ist ein Link zu einer Lesung des Gedichtes von Garrison Kailor.

 

Question

 

If you were an alley violinist

 

And they threw you money
from three windows

 

And the first note contained
a nickel and said:

 

“When you play, we dance and
sing” signed
A very poor family

 

And the second one contained
a dime and said:

 

“I like your playing
very much!” signed
A sick old lady

 

And the last one contained
a dollar and said:
“Beat it”

 

Would you

 

1   Stand there and play?
2   Beat it?
3   Walk away playing your fiddle?

2021 16 Apr

Prairie Stop, Highway 41

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In Hitchcocks Thriller North by Northwest (deutscher Titel: Der unsichtbare Dritte) gibt es eine Szene, in der fünfeinhalb Minuten lang nichts passiert: Der Werbefachmann Roger O. Thornhill steht im Anzug und weißem Hemd am Rand eines Highways zwischen Chicago und Indianapolis und wartet auf George Kaplan, einen Mann, von dem er noch nicht weiß, dass es ihn nicht gibt. An sich wollte Thornhill mit dem Auto anreisen. Kaplan ließ jedoch ausrichten, dass Thornhill den Bus benutzen soll, um zu gewährleisten, dass er allein ist. Der Prairie Stop ist umgeben von abgeernteten Maisfeldern. Von allen Seiten ist der Horizont zu sehen, flaches Land, öde Farbgebung braun in grau, manche Stellen, als wären es Reste von Schnee. Stacheldrähte singen lautlos im Wind. Unbarmherzige Geometrie. Die Szene, eine Leerstelle im Film, ist nach einer exakten Spannungskurve komponiert, durch die man ein Gespür für Zeit, wie sie verfliegt, gewinnt, bis sich die endlose Weite in eine Falle verwandelt. Hier der Link.

 

 

pour it out

 

pour it out
in new ways
imaginate
drop needles like pines into clear pools
where molecules are arranged
just loose enough to let dreams through
it is weird release
to imaginate the miniscule
where deep sea molluscs
can glow orange in tendrils
and haemoglobin nodules exist
as twenty million models
beautiful as rocks among atomic sea swells
in between kidney shaped blood cells

 

imagine your wildest imaginings
then zoom out to macro
subway hits the sky
(and new york hurtles by)
from the top of this highrise
people as small as the pigment in your eyes
and gaps in between them like marching seams
like ants in streams
loose enough to let dreams through
can we climb higher
new york up to sky
(the world hurtles by)
and countries as small as the pigments in your eyes
(the world hurtles by)
can we climb higher?

 

Brian Eno and the words of Rick Holland: Drums between the Bells. Warp Records 2011. Hier zur Vertonung. Voice: Laura Spagnuolo (Brian Eno carefully chose her as a non native speaker to create special effects.)

 

 

 


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