Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Ein nicht ganz legales und nur nachts geöffnetes Unternehmen bietet eine außergewöhnliche Dienstleistung unter dem Slogan „Be all that someone else can be“ an. Fünfzehn Minuten Anwesenheit in Körper und Geist von John Malkovich kosten nur zweihundert Dollar. Es ist das einzige Körpermodell, das J.M. Inc. anbietet, eine kleine Firma mit Sitz auf dem legendären Stockwerk 7½ im Mertin Flemmer Gebäude in Manhattan. Die Kundschaft steht Schlange, um einen Schacht hinter einem Kopierapparat herunterzurutschen, der direkt ins Gehirn des Schauspielers führt. Eine solche surreale Reiseerfahrung kann das eigene Lebenskonzept sehr gründlich durcheinanderwirbeln. Die Möglichkeiten im Spiel um Identität gehen noch weiter: Kann es gelingen, am Bewusstsein John Malkovichs nicht nur teilzuhaben, sondern es quasi zu besetzen und zu manipulieren? Wer wäre dann noch John Malkovich? Being John Malkovich (1999, Regie: Spike Jonze) schert sich nicht um konventionelle Kategorien, der Film ist crazy, energiegeladen, witzig, unruhig und sehr independent.

 

Die Coronakrise hat die Lyrik nicht unberührt gelassen. Nach kurzer Zeit gab es Aufrufe, sogenannte Coronagedichte zu schreiben, which is not my cup of thrills, ´cause it seems to be too much one-way meaning to me: If you only put Corona in, you´d only get Corona out of the poem. Wo bleibt dann der Mehrwert? Ich bin eher der Auffassung, dass es Kennzeichen eines guten Gedichtes ist, in verschiedenen Zeiten jeweils etwas anderes auszudrücken. Vor einigen Wochen erhielt ich die Anfrage, ein Gedicht als sogenanntes Corona-Trostgedicht auszuwählen und es zu kommentieren. Ich dachte sofort an ein Gedicht von W.S. Merwin, den ich vor einiger Zeit hier auf dem Blog vorgestellt habe. Und, nein, W.S. Merwin hat Corona sicherlich nicht vorausgeahnt. Er hat sich einfach auf einer Insel, auf der er lebte, umgesehen und nachgedacht. Nun ist das Gedicht in meiner Übersetzung mit Kommentar in der Rheinpfalz erschienen, hier nachzulesen. Keine Sorge, ich habe das C-Wort im Text nicht erwähnt.

 

Ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, stand im Fahrradkeller und blickte mich um. Mein schilfgrünes Rad, das ich so liebte, weil die Übersetzung des einzigen Ganges einfach perfekt war, lehnte gegen eine weißgekalte Mauer. Immer, wenn ich die Mauer berührte, waren meine Hände mit einer knochenfarbenen feinen Staubschicht überzogen, und es war nicht so gut, die Hände dann an der Hose abzuwischen. Ich war jeden Tag mit dem Rad unterwegs und ich suchte am liebsten Feldwege auf, die nicht asphaltiert waren. Es gab nur ein paar davon. Ich hatte den Hausschlüssel in der Hand, und ich überlegte, wie es wäre, wenn ich einfach abhauen würde. Ich fühlte mich auf eine Art einsam, die ich immer noch gut nachfühlen kann, und wie in einem System gefangen und ich fragte mich instinktiv, was die Freiheit, die in unserem westlichen Gesellschaftssystem so hoch gehandelt wurde, praktisch bedeutete. Später stand auf meinem großen Wanderrucksack „born to be wild“. Anfang der Neunziger war ich mit P losgezogen Richtung Wales. Per Mitfahrgelegenheit gelangten wir bis auf die britischen Inseln. Der Mann und die Frau, denen das Auto gehörte, tranken in jeder Pause Bier und abends bekifften sie sich. Wir hatten nichts gebucht, weder Unterkunft noch Fähre, und schlugen das Zelt am Ufer von Flüssen auf. P rauchte Benson & Hedges, und er mochte es nicht, wenn ich einfach nur mal einen Zug nehmen wollte; er wollte die Zigarette für sich allein. Der Blick war frei bis zum Horizont, das Gras wuchs hoch, die Felder waren kurz vor der Ernte, sie waren voneinander abgetrennt durch Gatter aus dunklem Holz, auf denen wir sitzen und ausruhen konnten. Es war etwa in dieser Zeit, als Jon Krakauer eine kurze Notiz in der New York Times las. Ein Wanderer war im Denali Nationalpark in Alaska nahe des Wentitikasees in einem ausrangierten Schulbus von Elchjägern tot aufgefunden worden. Er hatte tagebuchartige knappe Skizzen und einen Abschiedsbrief hinterlassen. Sein Name war Christopher McCandless. (Er war im gleichen Jahr wie P geboren.) Krakauer, der selbst im Alter von 23 Jahren drei Wochen allein in Alaska verbracht hatte, begab sich auf das intensivste Schreibabenteuer seines Lebens. Das Buch Into the Wild erschien im Jahr 1996. Sean Penn entdeckte es in einer Buchhandlung in einem Innenhof in Brentwood, L.A., er las es in einer Nacht und erkundigte sich am nächsten Morgen nach den Filmrechten. Into the Wild kam elf Jahre später, 2007, in die Kinos. Als ich selbst Anfang 20 war, hatte ich den Eindruck, dass Männer in dem Alter (jedenfalls die, die ich kannte) etwas Verbohrtes und Unbedingtes an sich haben. Sie hatten vielleicht endlich ein Ziel für sich definiert, es liegt jedoch in der Ferne. Sie wollen etwas verkörpern, was sie nicht sind. Und steht die Zahl 23 nicht in Verbindung mit Verschwörungstheorien und unerklärlichen Flugzeugabstürzen? Christopher McCandless fand seine Träume in Büchern. Es ist die klassische Outsiderlektüre, heute nennt man es Nature Writing und es ist hip.

 
 

 
 

Ein intelligenter junger Mann aus einer Mittelstandsfamilie mit sehr guten Abschlussnoten macht nicht mehr mit, steigt aus, verweigert sich dem System. Er zerschneidet alle Ausweise, wirft das Familienfoto, das er im Geldbeutel hatte, in den Papierkorb, er spendet seine Ersparnisse einem wohltätigen Zweck, verbrennt seine letzten Dollarscheine und hält Karriere für eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Ein krasses Abenteuer. Als ob das Innere der Seele ein Paar abgetragene Wanderschuhe sind: Auf einem Hügel zu stehen, Wildnis bis weit, weit über den Horizont, der Ruf des American spirit, von der Kamera umkreist. Über den Film möchte ich nicht mehr sagen, als dass nicht nur die Landschaftsaufnahmen von grandioser Schönheit sind. Vor allem die Schnitttechnik ist auffallend ausgezeichnet. In der Bildbearbeitung wird mit slow motion Effekten gearbeitet und Rückblenden sind mit Super 8 gedreht, was die Authentizität unterstreicht, auch wenn der Film trotz der beratenden Mitwirkung der Eltern und der Schwester von McCandless keinen Anspruch auf einen dokumentarischen Charakter erhebt. In Alaska schmilzt im Sommer das Eis auf den Bergen, die Ströme verbreitern sich. Der letzte Satz, den Christopher McCandless schrieb, lautete: „Happyness is the most important thing, only real when shared.“

2020 11 Mai

Cabin Fever

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Welche Filme spiegeln in Zeiten coronabedingter Ausgangsbeschränkungen den erzwungenen Rückzug, das Feststecken im engsten Familienkreis? Ich empfehle Shining von Stanley Kubrick, ein Film, der vor 40 Jahren in die Kinos kam und auf einem Roman von Steven King basiert, wobei sich Kubrick auch gleich die Rechte für Abweichungen hat übertragen lassen, was Steven King vielleicht bereut hat. An sich ist im Zuhause der kleinen Familie Platz genug: Jack Torrence, seine Frau Wendy und der kleine Sohn Denny bewohnen für ein paar Monate über den Winter allein das luxuriöse, riesige Overlook-Hotel, das weit abgelegen in den Rocky Mountains liegt. Jack (Jack Nicholson) hat hier einen Job als Hausmeister, sieht sich allerdings als Romanautor. Der Mann, die Frau und das Kind – jede Person ist auf ihre Weise isoliert, heftiger Schneefall kommt hinzu, und der Raum um sie herum wird immer enger, bis alle Verbindungen nach außen abgebrochen sind. Dass die erwachsenen Charaktere nach einiger Zeit am Rand ihrer Kräfte sind, hat auch mit Kubricks Perfektionsmus zu tun: Es gab Einstellungen mit mehr als hundert takes und Kubrick verhielt sich gegenüber Shelley Duvall, die die Ehefrau spielte, am Set bewusst abweisend, um die von ihm gewünschten Eigenschaften ihrer Figur hervorzurufen. Aber wird das, was man als Realität bezeichnet, vielleicht überschätzt? Etwas zu sehen, was andere nicht sehen können, ist das eine Gabe oder Krankheit und Fluch? Und wer sagt, dass die Zeit wie eine Linie immer weiter nach vorne verläuft? Wäre ein Zeitmodell denkbar als Flickenteppich, als Irrgarten oder als Loop? Auf eine feine Art sind in Shining verschiedene Motive miteinander verwoben, zum Beispiel das des Labyrinths, das erstmals eingeführt wird, als der Koch Wendy und Danny durch die riesige Hotelküche führt und Wendy sagt, der gesamte Raum sei so groß, dass sie eine Spur von Brotkrumen hinterlassen müsse. Hier blitzt die Erinnerung an das Märchen von Hänsel und Gretel auf. Bekannt wurde Shining auch dadurch, dass hier zum ersten Mal die Steadycam so richtig zum Einsatz kam. Die Steadycam ermöglicht schnelle Bewegungen mit der Handkamera ohne das Bild zu verwackeln. Kubrick konnte deren Erfinder Garret Brown als Kameramann gewinnen. Unvergesslich die flinken Fahrten des kleinen Danny auf dem Dreirad durch die Flure des Hotels, während die Kamera von hinten in Höhe seines Kopfes ihm folgt. Wir spüren, wo der Horror beginnt: im Blick. Der Mensch und sein Abbild, sein Spiegelbild, sein Schatten. Jonglieren mit den Ziffern Zwei und Drei. Auch Hänsel und Gretel tauchen nochmal auf, man muss nur auf die geflochtenen Zöpfe achten. Ein Schachspiel, ein Puzzlespiel. Ein Tennisball, gelb wie ein alter VW Käfer. All work and no play makes Jack a dull boy.  Drücken Sie mal auf die Still-Taste Ihrer Fernbedienung, die Anhaltetaste. Kubrick hatte in seinen frühen Erwachsenenjahren als Fotograf gearbeitet. Wie bei Michelangelo Antonionis Schwarzweißfilmen sind beliebige Bilder des Films gestaltet wie eine zeitlose Fotografie. Bruchstücke, Erinnerungen, Phasen einer Biographie sind immer noch irgendwo vorhanden. Das Imaginäre ist zuweilen so stark, dass es ins Geschehen eingreift und physisch sich auswirkt, die Grenzen einer Logik überwindet sich seine eigene Logik erschafft. Eine Erfahrung, die die Begrenzungen von Raum, Zeit, Vision und Identität überschreitet.

Am Ufer zu stehen und den Fluss mit seinen wechselnden Stimmungen zu bestaunen ist eine meiner frühesten Erfahrungen. Wir wohnten nur ein paar hundert Meter vom Rhein entfernt, und alle Erinnerungen, die ich an diese Zeit hatte, bevor wir woandershin zogen, haben mit dem Fluss zu tun, der aus meiner Perspektive so unendlich und unberechenbar war wie ein Meer. Was wäre das für ein Gefühl, mitten auf diesem Gewässer zu sein, und auf keiner Seite Land zu sehen? Und genau da holt Steve Erickson mich ab: „There was always a moment, sailing between the boathouse on shore and Davenhill Island, when neither was in sight. There was nothing in this moment but his boat in the fog on the water; there might as well have been no sun in the sky or anything that called itself a country.“ So beginnt der Roman Tours of the Black Clock. Bei Erickson ist die Zeit nie eine gerade Linie, sie verläuft in kunstvollen Schleifen und rätselhaften Loops und scheut sich auch nicht davor, den Rückwärtsgang einzulegen, über das gesamte zwanzigste Jahrhundert hinweg, ins Zentrum eines verlorenen erotischen Traums. Das Buch hat 164 Kapitel, die oft nur eine Seite lang sind. Dies sind die kürzesten:

 
 

133
I can: Im´sure of it.

134
I cannot.

135
(…) I´m miserable in my failures.

 

Ich war nie eine begeisterte Comicleserin, aber in der Welt, die Adrian Tomine erschafft, kann ich alles andere vergessen. Über einige seiner Werke habe ich hier schon geschrieben: Sleepwalk and other stories, Summer blonde, Shortcomings, Killing and Dying. Der Duktus der Geschichten ist literarisch, man könnte sagen, es sind realistische Alltagsgeschichten (it´s a wide range, I know), und doch brechen sie mit einem Grundsatz des creative writing, der da heißt: Schaffen Sie faszinierende Charaktere, mit denen sich der Lesende identifizieren kann. Die Figuren bei Tomine sind oft seltsame, nervige, besserwisserische Nerds mit kreativen Ambitionen, die ihre eigenen Schwächen nicht wahrhaben wollen, doch die Faszination liegt in der Art, wie Tomine sie zeichnet, wie er sie reden lässt und wie sie interagieren. Ausdrucksstark sind vor allem die Gesichter, die Gesten, Perspektiven sowie Panels ohne Worte, die sich nebeneinander fügen wie Aufzeichnungen einer Überwachungskamera. Da genügt schon der Regen an einer Bushaltestelle, um die Welt um sich herum wieder anders zu sehen. Es war vor ein paar Jahren, in einem kleinen Haus am Meer, als ich die frühesten Arbeiten Tomines ansah und las. 32 Stories. The complete OPTIC NERVE Mini-Comics.

 

 

„The book you hold in your hands would not exist had high school been a pleasant experience for me.“ Adrian Tomine, geboren 1974, publizierte die erste, handkopierte Ausgabe seiner OPTIC NERVE im Jahr 1991 in einer, wie er schrieb, optimistischen Auflage von 25 Stück. Ein paar Jahre später lagen die Verkaufszahlen bei 6.000. 32 Stories erschien 1995 als Best of der vergangenen Jahre. Die Storys sind chronologisch geordnet, so dass sich die Entwicklung von den ersten, noch gar nicht zur Publikation vorgesehenen rauen und etwas ungeschliffenen Zeichnungen mit viel Schatten, verwischten Konturen und schwarzem Hintergrund bis zur letzten, die zeichnerisch übergeht in den Folgeband Sleepwalk and other stories mit ihren feinen Zeichnungen und großer Klarheit. Die Palette an Themen in diesem Bändchen ist überwältigend, ebenso Tomines Fähigkeit, eine Idee mit einem Hauptgedanken auf eine Art umzusetzen, dass viel mehr gesagt wird, als es vordergründig der Fall ist, und dass das Entscheidende nicht gezeigt wird, sondern, wie in guten Filmen, zwischen den Schnittstellen der Bilder entsteht. Die erste, nur zwei Seiten und sieben Pannels umfassende Story (Man´s Best, 1991) handelt von einem Paar, bei dem die Frau einen Hund haben möchte. Nein, genau darum geht es nicht. In keiner Geschichte geht es um das, was man sagen würde, wenn man anderen nur kurz davon erzählen wollte, worum es geht. Die Storys lassen sich nicht einfangen, zähmen, sozialisieren. Sie behalten etwas Wildes, Unberechenbares.

Lebensentwürfe, Magie. Solitary Enjoyment: Eine junge Frau hat einen Job, für den sie niemals früh aufstehen muss, außerdem kann sie nachts nicht schlafen. Deshalb hat sie es sich zur Angewohnheit gemacht, gegen Mitternacht ihre Wohnung zu verlassen, und, wie man so sagt, um die Häuser zu ziehen. Allerdings sucht sie keinen Kontakt zu anderen, sie verbringt die Zeit einfach allein. Es beginnt mit ein paar Espressi gegen Mitternacht in einem Café, bevor sie rausgeworfen wird, weil es schließt. Der Kellner mit schwarzer Schürze im Seitenprofil. Noch nie ist mir aufgefallen, dass sein Haar am Stirnansatz dünner geworden ist. In Kalifornien scheint es Anfang der Neunziger Buchhandlungen gegeben zu haben, die 24/7 open waren. Die Aktivitäten der jungen Frau erhalten ihre Besonderheit dadurch, dass sie während der Nacht stattfinden. „To tell you the truth: I wouldn´t trade this for the world“, heißt es am Ende. Es geht um Lebensstil, Symbole eines Lebensstils, wie einer Lederjacke, die Anfang der 90er eben … they´re supposed to make you look tougher and all that. Albtraum und Traum. Ein Besuch bei einem politischen Friseur. Und während du nachts in einem Café ein gutes Buch liest, kommt plötzlich der Geliebte auf dich zu, den du aus den Augen verloren hast, und you talk things over. Rätselhafte Gestalten wie Mike the Mod, ein cooler, ziemlich modischer Typ mit Sonnenbrille, der Alter Ego Adrian Tomine mit Musik versorgt und auf nur zwei Seiten in zwei Zeitsprüngen zwei Mal eine unerklärliche Wandlung in seinem Leben und seinem Aussehen vollzieht. Leerstelle.

 

 

Gefängnisinsassen, denen eine Droge verabreicht wird, um ihre Gedanken zu kontrollieren. Ein Pärchen und wie es den Abend ihres dritten Jahrestages verbringt. Eine Frau und ihr Kumpel, die immer gemeinsam abhängen, und plötzlich trifft er eine andere. Und noch eine Geschichte, für die es nur vier Pannel braucht, Train I Ride: Ein Mann, der einen guten Job und eine schöne Wohnung hat, nimmt einen Zug nach Norden und fährt davon. Es gibt niemanden, von dem er sich verabschieden müsste, er hat kein besonderes Ziel, er weiß nicht, wo er die nächste Nacht verbringen wird. „Ahead was thrilling uncertainty.“ Bei Adrian Tomine ist das Gefühl der Einsamkeit immer überwältigend, das Gefühl der Innigkeit auch. Und auch das darf ein Comiczeichner in seinen frühen Jahren: Eine Story, bei der das letzte Panel ganz schwarz ist.

2020 26 Apr

Prosa 22

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Plan der Stadt O. Der große Platz
führt nach unten zur Kathedrale. Das
Wasser läuft in die Nacht hinaus, wo der Patron
immer noch seinen Dachboden unterhält. Er betritt
die Kathedrale von unten und zieht die Leiter
nach sich hinauf. Die Frauen und Kinder und
fast alle der alten Männer verbringen die Zeit damit, Bilder
von der Leiter zu malen. Die andern verlegen
drei Arten von Steinen für die Aufführung
im östlichen Viertel. Dort hat die erste
Siedlung ihre kastenförmige Spur hinterlassen. Aber
die Sonne geht immer an mehreren Stellen unter,
so dass die Uhren als Landkarten taugen. Und am Ende
des nächst gelegenen Berges steht der
größere und nicht so perfekte Kasten.

 

Michael Palmer: The Lion Bridge. Selected Poems 1972-1995
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Martina Weber

 

 
 

No soy lo que digo von Jacqueline Goldberg – das Titelgedicht ihres im Januar im hochroth Verlag Heidelberg erschienenen, zweisprachigen Gedichtbandes – im Original sowie in der Übersetzung von Geraldine Gutiérrez-Wienken und mir ist derzeit das Gedicht der Woche im Signaturen-Magazin.

 
 

Orte, an denen der Schleier zwischen unserer Welt und der Welt der Toten durchlässig wurde, hatten die Kelten angeblich als dünne Orte bezeichnet. Verbindungen und Vermischungen sind dort möglich, erklärt Alke Stachler im Anhang ihres ersten Gedichtbandes mit dem Titel Dünner Ort. Auch die Gedichte ihres zweiten, Ende 2019 erschienenen Gedichtbandes Geliebtes Biest sind in einer solchen Zwischenzone angesiedelt. Man merkt es nicht sofort, weil Alke Stachler weder im ersten noch im zweiten Gedichtband ihren Gedichten Titel gibt, doch man spürt es nach einigen Seiten: Die 48 Texte, die das Büchlein umfasst, sind Teil eines Zyklus, sie sind sehr fein und durchdacht miteinander und gegeneinander verflochten. Motive werden wieder aufgenommen, Farben, Satzfragmente. Zwischen Annäherungen, Anrufungen und Offenbarungen geht es um Erinnerung und Heilung. Die Erfahrung ist existenziell. Die Gedichte entfalten einen Sog zwischen Motiven und Begriffen aus Märchen, Spiritualität, Religion, Naturwissenschaften und Alltag. „es gibt eine kurze und eine lange version“, heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen: „ich weiß, dieses thema ist so alt wie die erde.“ Die zentrale Erfahrung, der Schreibanlass, wird auf sehr dezente Weise gestreift, eine Andeutung, die überlagert wird durch neue Gedankenansätze, harte Schnitte, Irritationen oder „laufmaschen in der matrix“. Alke Stachlers Gedichte kreisen um etwas, was jenseits der Sätze, also jenseits der Sprache liegt, weil es nicht ausgesprochen werden kann: „so viele wörter für die abwesenheit von wörtern“. Den Gedichten gelingt es, diese Sphäre spürbar zu machen, die Grenzen des Verstandes zu überwinden. Entworfen wird eine Schattenwelt, in der der Lesende letztlich auf sich und sein Unterbewusstsein gestellt ist.

 

ein zu lange gehaltener ton, erinnerungen wie an
eine jahreszeit. lass es winter gewesen sein. theorie
der melancholie als theorie der farben. dass es in
schüben kommt, verrätselte bewegungen ohne
muster. dass der irdische teil eines bildes immer
der kältere ist. weißes rauschen in den zähnen,
der punkt vor dem sprechen. ich als anemone,
dreizehnte zauberin. unwesen aus deinem frü-
heren leben. gibt es eine sphinx des lichtes oder
eine sphinx der finsternis. ist dieser körper eine
fälschung. schwanengerüst, glasnerven. ist schwarz
meine stiefmuttersprache, vergissmein.

 

Die Wolkenkratzer in New York City, zur Zeit der Abenddämmerung. Ein junger Mann eilt eine Straße entlang und betritt die Peep-O-Rama-Lounge. Junge Frauen räkeln sich an Stangen, vollführen akrobatische Bewegungen, sind spärlich bekleidet. Nur wenige Besucher sind da. Ein älterer Mann mit lockigem Haar stochert mit einem Plastikstrohhalm in seinem Drink, er pustet den Rauch seiner Zigarette gezielt teilnahmslos in den Raum. Alles ist in weiches Licht getaucht, in warme Farben. An einem großen Bildschirm werden Fotos präsentiert, Polaroids, verwaschene Formen und Farben. Als blätterte jemand ein unsortiertes Fotoalbum durch. Ein Junge beim Baseballspiel, der Hund, Ausflüge mit dem Vater, Herumsitzen mit der Freundin auf dem Campus. Das Geländer der Brooklyn Bridge im Nebel. Der junge Mann sieht davon nichts, er starrt vor sich hin. Dann nimmt er die Bilder wahr, starrt, Tränen in den Augen. Er zittert, denn es ist sein Fotoalbum, seine Geschichte. Ich nehme die Fernbedienung, spule zurück. Es ist eine Schlüsselszene in dem Film „Stay“ mit Ryan Gosling, und so spannend es auch war, die Fotos wollte ich mir sofort nochmal ansehen. Polaroids von einem solchen Zauber, einer derartigen Tiefe bei gleichzeitiger Unschärfe hatte ich noch nie gesehen. Über den Audiokommentar erfahre ich, wer die Fotos gemacht hat: Es ist Stefanie Schneider, die in Norddeutschland aufgewachsen ist und teils in Berlin, teils in der kalifornischen Wüste lebt. Sie arbeitet seit 1996 mit abgelaufenen Polaroidfilmen, also mit analogem Material. In einem Interview, abgedruckt in dem Fotoband Instantdreams, bezieht sich Stefanie Schneider auf die japanische Weltanschauung des Wabi-Sabi. „Ein abgelaufener Polaroidfilm erzeugt Unvollkommenheiten“, sagt sie, „die für mich den Verfall des amerikanischen Traums widerspiegeln. Diese sogenannten Unvollkommenheiten stellen die Realität dieses Traumes dar, wie er sich in einen Albtraum verwandelt.“ Abgelaufene Polaroidfilme verfremden die Bilder, weil die Entwicklung unberechenbar wird, durch blasse Stellen, Flecken, verwischte Farben. Der Effekt hat etwas Unheimliches, gleichzeitig werden die Motive auf eine surreale Weise auf eine abstraktere Ebene gehoben. Als prägende ästhetische Einflüsse nennt Stefanie Schneider Michelangelo Antonionis Red Desert und Zabriskie Point, Peter Bogdanivichs The Last Picture Show, Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco) sowie den provokativen Film Gummo von Harmony Korine. Eine Auswahl von Polaroids aus dem Film Stay finden sich in Stefanie Schneiders Fotoband Stranger than Paradise, außerdem diverse Fotozyklen, verknüpft mit offenen Lebensexperimenten, wie dem Whiskey Dance. Wo findet Wirklichkeit statt? Wie erinnern wir uns? Woher stammen die Bilder, die ins kollektive Gedächtnis eingehen? Stefanie Schneider führt uns an Orte, an denen wir nie gewesen sind, in ein Land, das wir zu kennen meinen, und das es dennoch nicht gibt.

 


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