Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Unter den Filmemachern der Nouvelle Vague war Jacques Rivette der Beschwörer des Magischen und Mysteriösen. Es waren die Tagebücher von Jean Cocteau aus den Jahren 1945/46, die dieser während der Dreharbeiten an Beauty and the Beast geschrieben hatte, die Rivettes Begeisterung am Film entfachten. Er beschloss, Filme zu drehen, mit anderen gemeinsam an etwas zu arbeiten, nicht für sich allein. Er zog nach Paris und begann damit Filmkritiken zu schreiben. Es waren die Jahre, in denen er zwanzig Mal in der Woche ins Kino ging, manchmal in vier Vorstellungen an einem Tag, alle interessant: DeMille, Warhol, ein japanischer Film ohne Untertitel. Die Katogorien von Zeit und Raum lösten sich auf. Schnell lernte Rivette die späteren Hauptfiguren der Nouvelle Vague kennen. Merry-Go-Round (1981) entstand auf Wunsch von Maria Schneider, die Rivette vorschlug, einen Film mit ihr und Joe Dallessandro zu drehen. Als Ausgangspunkt für ein Zusammentreffen der beiden ließ Rivette sie im Film durch eine andere Person – die Schwester der einen, die Freundin des anderen -, in eine Hotelhalle nach Paris lotsen. Doch die Schwester bzw. Freundin erscheint nicht. Der Film wirkt zum Teil wie ein Experiment der Art, was passiert, wenn Maria Schneider (als Léo) und Joe Dallessandro (als Ben) gemeinsam vor der Kamera in ihren Rollen agieren. Der Dreh zog sich hin, Schneider und Dallessandro verstanden einander nicht. Neben persönlichen Spannungen gab es ernsthafte gesundheitliche Probleme der Beteiligten und zehn Mal wurde erwogen, das Projekt abzubrechen. Man merkt schnell, dass der Film seine Qualität vor allem durch die Montage erhielt und durch das, was zwischen Schneider und Dallessandro geschieht und was nicht geschieht. Die Faszination der beiden ist enorm und trägt den gesamten Film, auch wenn er sich mit seinen zweieinhalb Stunden ziemlich in die Länge zieht. In Anbetracht der Situation, in der sich die Schwester bzw. Freundin befindet und der dramatischen Hintergründe, die nach und nach enthüllt werden, wirken Léo und Ben fast surreal entspannt. Dallessandro verkörpert den Womanizer und Schneider spielt die jüngere Schwester: tough, lässig, unabhängig, intelligent und impulsiv. Merry-Go-Round öffnet einige parrallel laufende Räume, innere und äußere, zwischen Verschwörungskomplotten und suspekten Nebenfiguren, abgelegenen leerstehenden Bürgerhäusern, gefährlichen Begegnungen in den Dünen und im Laubwald, Transiträume, Pariser Vorortstraßen, einem Übungsraum, in dem Barre Phillips und John Surman musizieren. Ich mochte die Energie, die darin steckte, wenn Léo und Ben einfach nur nebeneinander saßen, sei es auf einer Gartenmauer oder auf einem alten Sofa. Gegen Ende gewinnt der Film an Tempo. Es gibt eine kleine Schlägerei, bei der es so offensichtlich ist, dass die Schläge gefakt sind, dass ich mich frage, ob es beabsichtigt war oder ob die Aufnahmen einer anderen Kamera verloren gegangen waren und es keine Kapazitäten mehr gab, um die Szene nochmal zu drehen. Der Schluss des Films lässt uns, wie Léo, sprachlos und irritiert zurück. „Jacques Rivette hat“, sagte Jonathan Rosenbaum, „das Kino mit ein paar Filmen in die Luft gesprengt.“

Between the high black painted walls of the Milchsackfabrik, a former printing ink factory, you get a club feeling even when the sun is shining outside. It was a warm summer evening, there were wooden seating areas, parked bicycles and plants in tubs. The Gutleutstraße seems to be endless and this point is off the beaten track. A winding inner courtyard with carefully painted pictures on the walls. A slight feeling of subculture. The stage with a small table and two simple chairs seemed almost lost in the gloomy hall, especially since only a few handfuls of visitors had gathered. On program were two different combinations of poetry and music.

 
 
Part 1: German Guys
 
 

Schnitt.

Es regnet, der Wind schüttelt die Äste

und die Musik spielt in der Halle und es ist schön.

Es ist schön der Regen, der durchnässte

Anorak, daß Schritte sind, herrenlose

Partikel dieses seltsamen Wegs:

Verloren zu gehen, während ich weiß

Sie küsst ihn, an Nässe und Schritt

verloren zu gehen ohne Hast und ohne

Zukunft. Tritt um Tritt

 
 

Ein Gedicht aus Frank Milautzckis Poesieheft Und Chrys fragt wieviel Stück, das im Jahr 2006 in der Edition Silver Horse erschien. Die Stationen einer Liebesbeziehung und einer Reise erinnern in ihrem Duktus stark an die wunderbaren Bücher Souterrain und Säure von Christoph Meckel. Elf Jahre später legt Frank Milautzcki mit seinem Band schwarz drosseln, erschienen im Frankfurter Gutleut Verlag, Gedichte vor, die einen stilistischen und inhaltlichen Paradigmenwechsel zeigen, der durch poetologische Essays vorbereitet und begleitet wurde. Texte von aktiver Kryptizität, Kippmomente unter Strom, Cut-ups und Loops, alles verspielt, abgebrüht und suggestiv, cool und sich selbst reflektierend, andeutungsreich, zuweilen scheinbar ohne Sinn (was ist Sinn?), mit einem Vokabular von überallher, tiefernst und witzig und oft sperrig und surreal. Das wirkt, besonders mit den kühlen Elektrosounds, die der Lyriker und DJ Marcus Roloff aufgelegt hat. Das kürzeste Gedicht aus dem Band:

 
 

Maus auf 150 Meter

 

Gläserklirren. Meine Sätze sind aufgebraucht. Es gibt noch

Musik, die wie ein Möbel ist. Eulen durchkämmen den Rest

dieses Abends, der sich am Abtritt sichert, er hängt steil in

der Wand. Und grau hängt der Mond an der Türe als Lampe

für Schwimmer und Kauz. Im Glas verperlen sich Schwüre.

 
 
 
Part 2: Australian Guys
 
 

The performance of Nathan Curnow (the poet) and Geoffrey Williams (the musician) was intriguing. I´d never experienced this kind of method before. Nathan, on whose bedside table in Melbourne there´s an edition of W.S. Merwin´s Selected Poems, read one of his storylike, surreal, but nevertheless this world reflecting poems. Geoffrey, who did not know the poem yet, listened carefully, took some notes and a few minutes time and started with his musical interpretation and improvisation, a blend of electronic and acoustic sounds, soul, funk, blues and reggae, loops and sometimes a phrase from the poem or another kind of reference. Each poem got its own performance, the variety of sound seemed endless and everything with an unbelievable lightness and naturalness. For example after Nathan had read a poem in which Geoffrey missed the storyline Geoffrey used the line “Where is the story?” in his part of the show. Here´s one of Nathan´s poems:

 
 

Red Shawl Flapping

 

there are not enough flowers and the wolves close in
the baby wakes in an empty house
a splash upon the doorstep and a red shawl flapping
but nobody heard the shot
strands upon the spade that remains unhidden
a plot of earth beneath the pines
the moon comes chanting at the broken gate
the rope puzzles remain unsolved
cicadas sizzling above a war of wheat
sparrows revel in the dirt-bath dust
a television turning the milk upon the bench
toward a slow bold hunter’s nose
and the baby the chanting a red shawl flapping
on the grim slack whip of the line
a racket of carriages passing in the distance
everything gets dragged outside

 
 

After the show someone from the audience asked Geoffrey whether he´d record his performances to keep it. No, said Geoffrey, this is just for you. I let them go.

2019 31 Aug

Desert LA

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Ein Buch, eine Landkarte, das Smartphone. Und natürlich die Fotos. So beginnt eine Reise. Es ist nicht irgendein netter Roman. Es ist eine Geschichte, in der du dich findest, eine, in der du vorkommst. Nur eine Person hat dein Leben auf diese Weise gekannt. So führt der Weg auf dem Highway im Death Valley ins Dunkel. Die Sonne blendet, das Licht: eine Verschwendung. Es ist der 13. August 2019, 14 Uhr 15. Die Furnace Creek Wetterstation meldet eine Lufttemperatur von 58,3 Grad Celsius im Autoradio. Der Titel des Buches heißt „Desert LA“. Wer erzählt die Geschichte? Der Titel des Buches heißt „A Thought of Ecstasy“. Ich bin nicht abgelenkt. Der Titel des Filmes heißt “A Thought of Ecstasy”, Regie führt RP Kahl, der auch eine der Hauptfiguren spielt. Frank, der Deutsche, der auf dem Highway im Death Valley unterwegs ist und einen Film dreht. Genau genommen, mehrere. Oder ist er es, über den ein Film gedreht wird? Totally nude Entertainment. Upper class, juristisch abgesichert. Mit einigen Kürzungsmöglichkeiten. Der Weg führt auf dem Highway ins Dunkel. Frank trägt ein einfaches weißes T-Shirt. Die Frau wird ein einfaches weißes T-Shirt tragen. Sie wird immer Anfang 30 sein. Das Buch ist ihr Tagebuch. Das Buch ist das Drehbuch. Das Buch gibt es nicht. Amerika gibt es nicht. Frank gibt es nicht. Persönlichkeit ist eine Illusion.

 
 

 

 

 

Manafonistas Head Quarter: Schön, dass du es auf einen Kaffee einrichten konntest. Also, das Cover deines neuen Gedichtbandes ist wirklich ein Hingucker. Wie kam es dazu?

 

Martina: Es gibt mehrere Grafikerinnen, die die Buchcover beim Poetenladen Verlag gestalten. Wie du weißt, ist die Covergestaltung sehr wichtig, nicht nur bei Schallplatten. Das ist eben die Verpackung, der erste Eindruck, der nicht nur darüber entscheidet, ob jemand das Buch vom Regal in die Hand nimmt, sondern auch die Rezeption der Texte definieren kann. Das Cover für meinen ersten Gedichtband erinnerungen an einen rohstoff hatte Franziska Neubert gestaltet. Dieses Cover hat für einige Rätsel und Interpretationsansätze gesorgt. Als es beim zweiten Buch um die Frage des Covers ging, hatte ich eine Auswahl meiner Gedichte über den Verleger, Andreas Heidtmann, Franziska zukommen lassen. Sie hat dann drei Vorschläge vorgelegt und dieses Motiv war unser klarer Favorit. Franziska Neubert hat die großartige Gabe, aus ein paar Texten kluge Motive zu entwerfen, die den Texten eine weitere Ebene hinzufügen.

 

Und der Titel … Häuser, komplett aus Licht? Wie bist du darauf gekommen?

 

Im Unterschied zum ersten Gedichtband hat es diesmal länger gedauert, bis ich den Titel hatte. Man spürt es, wenn er da ist. Ich war zwischendurch fast etwas verzweifelt auf der Suche nach dem passenden Titel. Dann habe ich mir auf meine Wunschliste, mit der ich monatelang intensiv gearbeitet habe, geschrieben: „Ich wünschte, ich würde einen Titel finden.“ Und am nächsten Tag fiel mir dieser Satz auf, mit dem ein Gedicht endete, das ich ein paar Tage vorher geschrieben habe: „Häuser, / komplett aus Licht.“ Wow, dachte ich, das ist es, was letztlich allen Gedichten zugrunde liegt.

 

Du bist inzwischen seit [blickt auf einen Bildschirm] Sommer 2013 bei den Manafonisten. Inwieweit hat der Blog und das Schreiben auf dem Blog deine Gedichte beeinflusst?

 

Ohne Manafonistas wäre das Buch so überhaupt nicht denkbar. Da sind nicht nur die inspirierenden Texte der anderen Manas und das, worauf sie verweisen. Da ist auch die Herausforderung, etwas oder über etwas zu schreiben, was mir am Herzen liegt und die Art, wie ich darüber schreibe. Das hat das Profil meiner Gedichte enorm geprägt.

 

Gibt es irgendwo ein virtuelles Buchregal, von dem ich den Band herausnehmen und mal hineinblättern kann?

 

Im Verlagsprogramm des Poetenladen Verlages findet sich in der Leseprobe der ersten Zyklus des Gedichtbandes, der auch im Jahrbuch der Lyrik 2017, das Christoph Buchwald gemeinsam mit Ulrike Almut Sandig herausgegeben hat, veröffentlicht ist: Essay über eine Verschiebung.

 

Ist das Buch schon im Buchhandel?

 

Ja. Man kann es auch hier direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen.

 

Wenn du noch ein Album nennen würdest, dessen Musik der Struktur deiner Gedichte am nächsten kommt …

 

Boards of Canada: the campfire headphase.

 

Wenn ich deine Blogbeiträge überfliege, habe ich den Eindruck, dass du permanent Filme schaust und auch gern über Filme recherchierst. Gibt es diesen cineastischen Blick auch in deinen Gedichten?

 

Ein Lyriker schrieb mir, nachdem er meinen ersten Gedichtband an einem Abend gelesen hatte, den Satz „An dir ist eine Kamerafrau verloren gegangen“. Eine zentrale Passage im titelgebenden Gedichtzyklus des zweiten Bandes lautet:  „Ich schrieb ins Gästebuch: Dieses Land, es ist der Souffleur / eines Traums. Hier gelingt mir zu filmen, was nicht existiert.“

 

 

 

 

Der Diafilm befand sich ungefähr zehn Jahre lang in der Kamera. Irgendwann hatte jemand die Klappe geöffnet, um nachzuschauen, ob ein Film drin liegt. Eine kleine Zusatzbelichtung. Geraume Zeit lag die herausgenommene Rolle auf der Kommode, dann wurde sie zur Entwicklung gebracht. Wir waren längst auf Digitalkameras umgestiegen, hatten vergessen, was sich auf diesen letzten Analogbildern befand. Die Hamburger Speicherstadt war ja noch leicht zu entziffern. Wo das untere Bild aufgenommen wurde, könnte ich nicht mehr sagen. Der Abdruck hat das Original komplett in ein surreales Leuchten verwandelt, zeitlos und wie aus den Räumen des Unterbewussten, unberechenbar und wunderbar unvollkommen.

 

Es beginnt mit einer ziemlich langen Einstellung, schattig und kaum erkennbar steht eine Frau in Nahaufnahme vor einem hellen Rechteck, das ungefähr so groß erscheint wie eine Wohnungstür. Wir sind nicht die einzigen, die sich eine Minute lang fragen, was jetzt passiert. Lars von Trier wusste es auch erstmal nicht. Es war sein Abschlussfilm an der Nationalen Filmschule Dänemarks, ein 8-minütiger Kurzfilm aus dem Jahr 1980, Nocturne. Ich sah ihn auf der DVD Cinema 16 (European Short Films), die auch Audiokommentare enthält. „I´m so scared of the things the light can hide“, sagt die Frau ins Telefon. Es ist mitten in der Nacht, eine rote Glühbirne verbreitet kaum Licht, die Frau trägt eine Schlafmaske, kann aber nicht schlafen, vielleicht wegen der Hitze (ein Ventilator läuft), vielleicht wegen der bevorstehenden Reise, vielleicht weil ihre Augen so trocken sind, dass sie sie ständig mit Tropfen behandelt. Die Wohnung scheint nur aus Schatten zu bestehen. Weiße Taschentücher fliegen in Zeitlupe herum. Auch hier: das Vogelmotiv. Es gibt Blautöne, Grüntöne. Mimosa, Sepia. Die Kopie einer Kopie erzeugt bestimmte Lichteffekte. Lars von Trier erklärt Tomas Gislason die Übergänge im Schnitt: Linien, die an gleicher Stelle wieder aufgenommen werden, Kreise, die Kuppel einer Kirche, das Zifferblatt einer Armbanduhr. Es passt. Eine Armbewegung in den Horizont hinein und die Silhouette der Stadt am frühen Morgen. „It was such a different film for people to see even on film school. We had so much trouble at school. They thought it was politically incorrect in all kinds of things, but this was a good beginning of a new era.“ Nocturne ist poetisch, wortkarg, offen, verträumt und voller Magie. Der Übergang von einer Flucht in eine andere.

 

 
 

Video-Wallpapers? Ja, Videotapeten. Im Prinzip ist es ein politisches Projekt und es geht darum, Erwartungshaltungen (Konditionierungen) zu zerstören, die die konventionelle Dramaturgie der Mainstreamfilme im Fernsehen mit sich gebracht hat: Der Zuschauer (Konsument) hatte sich daran gewöhnt, still zu sitzen und ein bestimmten Mustern folgendes Verhalten von Menschen zu betrachten. „Ich bin an einer Arbeit interessiert, die nicht notwendig dieser Beziehung bedarf, sondern eine mehr statische, bildgebundene Arbeit ist, die man betrachten kann und von der man sich abwenden kann wie von einem Gemälde. Es bleibt stehen und man selbst bewegt sich.“ So beschrieb Brian Eno den Ansatz seiner Videoarbeiten. In der Juli-August-Ausgabe der Jazzthetik 1988 analysiert Peter Dietz diese Arbeit in einem klugen Essay mit dem Titel „Die Eno-tapes“. „Wenn ich mich recht entsinne“, schreibt Dietz, „war es Terry Riley, der seine minimalistischen Kompositionen mit den Ereignissen an einem bewölkten Himmel verglich.“ Der Mikrokosmos wird zum Makrokosmos. Dies sei auch das Prinzip von Enos Videokunst. Das Gesamtereignis solle wie ein optisch-akustisches Mantra wirken, bei dem man nach Belieben hinschauen oder auch mal zwischendurch ein Telefonat führen, einen Artikel lesen oder ein Essen zubereiten könne. Peter Dietz teilt Enos Videoarbeiten in vier Phasen ein, und stellt schließlich fest, dass der Bildschirm für Enos Konzept nicht das geeignete Medium ist, dass die Grundidee jedoch am besten bei den Manhatten-Tapes, Mistaken Memories of Mediaevel Manhatten, funktioniert. Probieren Sie es aus. Ich fand die Tapes mit ihrer Hintergrundmusik, über die Dietz schreibt, sie wolle die Fiktion eines Stillstands von Zeit suggerieren, durchaus interessant: es gibt hier viel Himmel zu sehen und verschiedene Sequenzen, Blicke auf Manhatten in der Zeit 1980/81, jeweils mit Standkamera betrachtet. Für einen öffentlichen Raum, einen Flughafen oder eine U-Bahn-Station vielleicht, stelle ich mir die Manhatten-Tapes als Dauer-Videotapete ziemlich cool vor. Für eine Party, die sich auf mehrere Räume verteilt, eignen sie sich sicherlich auch. Eine meiner Schulfreundinnen hatte einen Technikfreak als Bruder, der schonmal die Versorgung mit Videoclips übernahm, was dazu führte, dass immer ein Teil der Partygäste schweigend vor dem Bildschirm herumstand. Enos Manhatten-Tapes hätten wahrscheinlich zu mehr Bewegung und Gesprächen geführt. Für mein Wohnzimmer bevorzuge ich ein ruhiges, aber dennoch inspierendes Bild, das nie langweilig wird, zum Beispiel eine riesige Schwarzweißfotografie, die wahrscheinlich ebenfalls aus der Zeit der frühen Achtziger stammt: Der Blick auf einen Teil von Manhatten, als säße die Kamera auf einem sehr hohen Gebäude gegenüber dem Flat-Iron Building. Dieses Foto, das den Himmel nicht zeigt, sehe ich seit vielen Jahren jeden Tag. Es verändert sich mit dem Einfall des Lichts, ich entdecke in den Straßenzügen, den Schatten winziger Menschen und den Wassertanks auf den Dächern immer wieder neue Details und wenn ich die Häuser betrachte und die beleuchteten Fenster, weiß ich immer noch nicht, ob das Bild an einem frühen Morgen aufgenommen wurde oder bei Einbruch der Nacht.

2019 29 Jul

VC-118A

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Man könnte Musik danach charakterisieren, bei welchen Gelegenheiten man sie hört oder vielleicht doch eher: am besten wahrnehmen kann. In den Ghettoblaster an einem Sommerabend am Strand würde ich etwas anderes einlegen als was ich bei einer Radtour auf dem ipod anklicke oder was ich während eines Abendessens mit Freunden, deren Musikgeschmack ich nicht kenne, auflegen würde. Die Musik von Multicast Dynamics entfaltet sich in der Stille, im Schatten, in der Bewegungslosigkeit eines Raumes, den sie von Innen heraus sanft aufbricht und weitet. Die tags sind ambient, electronic, experimental, techno und Netherlands, denn der Kopf, der hinter dem Bandnamen steckt, ist Samuel van Dijk alias Mohlao aka VC-118A und er hat in den vergangenen vier Jahren sechs Alben herausgebracht. Die Musik ist Schicht für Schicht aufgebaut, es sind die leisen Töne, es ist die innere Dynamik (Dramatik), die Track für Track ihren eigenen Raum entfaltet, rätselhaft, kosmisch, spirituell. Man kann sich in diese Musik fallen lassen, sich ihr anvertrauen, denn sie fordert nichts, man kann sich ihr auch wieder entziehen und sie im Hintergrund laufen lassen, die Zeit vergessen, und wenn dann das Geräusch zu hören ist, das der Tonabnehmer von sich gibt, wenn er die Schallplatte durchlaufen hat und es keinen Mechanismus gibt, die Drehscheibe zu stoppen, werde ich plötzlich unsicher, ob ich eine CD oder eine Schallplatte aufgelegt habe, bis nach Minuten eine weitere Tonspur einsetzt und es noch drei weitere Tracks gibt auf dem Album Outer Envelopes. Es ist eine Musik, die ich immer und überall hören kann, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich überhaupt Musik hören möchte.

2019 28 Jul

THE GIRL PLAYS

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Das Mädchen spielt mit Figuren, die für gar nichts stehen, und ohne eine Geschichte. Eine Belustigung, die abhängt von ihrer eigenen inneren Form. Schenkt man ihr ein Spielzeug, wirft sie es weg und widmet sich nur der Verpackung. Und doch wird sie nur mit einer Verpackung spielen, die einmal ein Spielzeug enthielt. Ihr Lieblingsspielzeug war das Konzept einer Farbe. Sie verlor es im Schnee.

 

Poem by Ben Lerner (in: Angle of Yaw), translated by Martina Weber

 

Jahrzehntelang waren sie aus der Mode geraten, nun sind sie schon seit längerer Zeit wieder zu haben: Glasflaschen mit einem Zapfen aus weißem Porzellan und rotem Dichtungsring, die sich mit einer Drahtfeder (Hebelprinzip) öffnen und beliebig oft wieder verschließen lassen. Der Bügelverschluss wurde im Jahr 1875 erfunden, er wirkt solide und es haftet ihm etwas Kultiges an. Zu einer Zeit, als es noch nicht so üblich (und notwendig) wie heute war, Wasser oder ein Erfrischungsgetränk bei sich zu haben, nahm mein Vater jeden Tag eine 0,5 Liter Flasche Matetee zur Arbeit mit. Die Flasche war leicht geriffelt, das Glas hatte einen feinen Grünton und es war die einzige Flasche mit Bügelverschluss in unserem Haushalt. Ich habe nie mitbekommen, wie dieser Tee zubereitet wurde und ob er in warmem oder kaltem Zustand in die Flasche gelangte. Mein Vater trug jeden Tag einen Anzug, ein Hemd und Lederschuhe (selbst im Urlaub) und der Matetee in der Aktentasche schien gar nicht in dieses Bild zu passen. Ein Nacheifern der Atmosphäre von Julio Cortázars Roman „Rayuela. Himmel und Hölle“, in dem der Matetee das Standardgetränk ist, war es sicherlich nicht. Interessanter als den Matetee fand ich die Flasche, die auf mich den Eindruck machte, dass sie sehr alt war und noch jahrzehntelang in Gebrauch sein würde. Ich stellte mir vor, dass ich die Flasche irgendwann übernehmen und vielleicht selbst Tag für Tag mit einem Getränk befüllen würde. Doch als es dann irgendwann soweit war und wir die Wohnung ausräumten, fand ich die Flasche nicht mehr. Inzwischen bin ich jedoch auf den Geschmack von Matetee gekommen. Als Eistee ist er mein Sommergetränk. Stark zubereitet, mit zwei Packungen Eiswürfeln schockgekühlt, abgeschmeckt mit etwas Rohrzucker und Zitronensaft und aufbewahrt in einer Glaskaraffe mit weißem Plastikdeckel, die ich bei einem Aufenthalt an der Ostsee gekauft hatte, weil sie mich an etwas erinnerte. Ich besuchte eine Freundin, die ein Semester lang einen Sprachkurs in einem kleinen Ort in Frankreich machte, und als wir mit der Gruppe zum Mittagessen in ein Restaurant gingen und ich mich darüber wunderte, dass alle Weißwein tranken, kam der Kellner zu unserem Tisch und stellte, ohne dass wir darum gebeten hatten, eine Karaffe mit frischem Wasser hin. Und schon war er, wie der klassische Sartre´sche Kaffeehauskellner, wieder verschwunden.


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