Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2021 16 Apr

Prairie Stop, Highway 41

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In Hitchcocks Thriller North by Northwest (deutscher Titel: Der unsichtbare Dritte) gibt es eine Szene, in der fünfeinhalb Minuten lang nichts passiert: Der Werbefachmann Roger O. Thornhill steht im Anzug und weißem Hemd am Rand eines Highways zwischen Chicago und Indianapolis und wartet auf George Kaplan, einen Mann, von dem er noch nicht weiß, dass es ihn nicht gibt. An sich wollte Thornhill mit dem Auto anreisen. Kaplan ließ jedoch ausrichten, dass Thornhill den Bus benutzen soll, um zu gewährleisten, dass er allein ist. Der Prairie Stop ist umgeben von abgeernteten Maisfeldern. Von allen Seiten ist der Horizont zu sehen, flaches Land, öde Farbgebung braun in grau, manche Stellen, als wären es Reste von Schnee. Stacheldrähte singen lautlos im Wind. Unbarmherzige Geometrie. Die Szene, eine Leerstelle im Film, ist nach einer exakten Spannungskurve komponiert, durch die man ein Gespür für Zeit, wie sie verfliegt, gewinnt, bis sich die endlose Weite in eine Falle verwandelt. Hier der Link.

 

 

pour it out

 

pour it out
in new ways
imaginate
drop needles like pines into clear pools
where molecules are arranged
just loose enough to let dreams through
it is weird release
to imaginate the miniscule
where deep sea molluscs
can glow orange in tendrils
and haemoglobin nodules exist
as twenty million models
beautiful as rocks among atomic sea swells
in between kidney shaped blood cells

 

imagine your wildest imaginings
then zoom out to macro
subway hits the sky
(and new york hurtles by)
from the top of this highrise
people as small as the pigment in your eyes
and gaps in between them like marching seams
like ants in streams
loose enough to let dreams through
can we climb higher
new york up to sky
(the world hurtles by)
and countries as small as the pigments in your eyes
(the world hurtles by)
can we climb higher?

 

Brian Eno and the words of Rick Holland: Drums between the Bells. Warp Records 2011. Hier zur Vertonung. Voice: Laura Spagnuolo (Brian Eno carefully chose her as a non native speaker to create special effects.)

 

 

 

 

west bay

 

west bay
a home without the memories
where waves replace nostalgia
and welcome back the thinker
with every shift in shingle.
imagine. alone on this island
with only the stones
their timpani
and shoots of thoughts
just germinated, free to die
or swim away to grey horizon.
except you are not alone
near a troop of watching seabirds
resting in the day.

 

Brian Eno and the words of Rick Holland: West Bay, from: Panic of Looking, WARP Records, 2011. Hier zur Vertonung.

 

2021 14 Mrz

Stratosphere Girl

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Every line you draw, leads to something. And often you don´t even know to where. You go on a journey without knowing how to end it.

 

 

 

Einen Teil des Plots für seinen nächsten Film hatte M.X. Oberg schon entwickelt. Er suchte aber noch einen passenden Ort. Nach seinem Abitur hatte er als Schlafwagenschaffner bei Wagon Lits gearbeitet und damit seinen ersten Kurzfilm Dreaming is a Private Thing finanziert. Und die Girls? Ein paar seiner ehemaligen Mitschülerinnen waren damals – es war  Ende der 80er – nach Tokyo gereist und hatten in Nachtclubs als Hostessen gearbeitet. Tokyo: Metropole aus blinkendem Neon und unverständlichen Zeichen. Menschen, die ihre Meinungen nicht direkt äußern. Grenzziehungen und Grenzaufweichungen. Erotik, aber kein Sex. Ein Job, nur ein Spiel, aber es kippt.

 

Most people seem to have a goal in life. But what happens to those who don’t?

 

Chloé Winkel ist als Abiturientin Angela charismatisch in ihrer ruhigen, introvertierten Präsenz, die sich erst auf den zweiten Blick zeigt: wenn man ihr zuschaut. Angela ist Comiczeichnerin und sehr professionell in ihrer Kunst. Der Charme des Films besteht darin, dass Angelas Zeichnungen die Geschichte entwickeln, ein Stil, den ich in STRATOSPHERE GIRL zum ersten und bisher einzigen Mal gesehen habe. Es beginnt mit dem attraktiven Japaner, der auf der Abiturfeier Platten auflegt, den sie anspricht. Später machen sich Angelas Zeichnungen selbstständig. Rückkopplungseffekte blitzen auf.

 

Die Kamera führt Michael Mieke in weichen, fließenden, geradezu schwebenden Bewegungen. Er hängt sie an einer Art Seil auf, das wirkt nicht so statisch wie mit der Steadycam, aber auch nicht so nervös wie mit einer Handkamera.

 

Grandios ist die musikalische Untermalung durch die fließenden Atmosphären von Nils Petter Molvaer, vielleicht Vorarbeiten für sein einige Jahre später erschienenes Album re-vision.

 

They drift with no clear destination. And then, they get lost and disappear.

Jahrbuch der Lyrik 2021

 

 

Gestern erreichten mich die beiden Belegexemplare des aktuellen Jahrbuchs der Lyrik, der Schutzumschlag diesmal in einem diskreten Silbergrau. Mein Beitrag sind drei Übersetzungen aus dem Englischen (Gedichte von Richard Siken, Ben Lerner und W.S. Merwin) und eine Gemeinschaftsübersetzung mit Geraldine Gutiérrez-Wienken aus dem Spanischen: Das Haus über mir, von Erika Martinez. Übersetzungen enthält das Jahrbuch der Lyrik erst seit einigen Jahren, auch Bildgedichte. Wie immer finden sich im Jahrbuch viele bekannte Namen und darunter die in einem gewissen Rahmen zu erwartenden sprachlich und thematisch entsprechende Texte – Zeichen einer ausgebildeten Poetologie. Die  Gedichte von Sylvia Geist scheinen mir immer in einer weiten, amerikanischen Landschaft angesiedelt, Andreas Altmann verwandelt Landschaften in Magie, Mikael Vogel schreibt über ausgestorbene Tiere und Jan Wagner hat sich diesmal die Spezies der Karotte vorgenommen. Im Jahrbuch kündigen sich aber auch Themen-, und manchmal gar Paradigmenwechsel von Schreibenden an. Der Auswahlprozess ist frei von Kumpanei, in jedem Jahrbuch, so auch hier, tauchen neue Namen auf, Kurzbiographien ohne Publikationen. Imponiert hat mir das raffinierte, zwischen räselhaften Ebenen (Computerspiel und Realität?) wechselnde Gedicht glasbirken von Elke Bludau. Kathrin Bach gelingt es mit „8.3.19“, ein Trauma auf diskrete Art zu umschreiben. Das Kapitel schu-schu, hier kommt der seuchenzug (S. 83-99) enthält das Unvermeidliche, nämlich Coronagedichte. Der Einsendeschluss des Jahrbuchs lag Ende Juni, es waren also dreieinhalb Monate Zeit, über ein kollektives Trauma zu schreiben, das wir kaum dabei waren, in seiner Dimension zu erahnen. Im nächsten Jahrbuch werden Coronagedichte im weitesten Sinn vermutlich das Zentrum bilden. Ein Abschnitt geht zu Ende. Das Jahrbuch der Lyrik feiert mit dieser 35. Ausgabe seinen 40. Geburtstag. Christoph Buchwald gibt den Stab des ständigen Herausgebers an den Programmverantwortlichen beim Berliner Haus für Poesie, Matthias Kniep, weiter. Wie immer lesenswert sind die Nachworte des Herausgeberteams. Carolin Callies hat „ein Püree aus Nachworten, Briefen, Dialogen und abschließenden Notizen und Anmerkungen aus 42 Jahren“ zusammengetragen und Christoph Buchwald hat in seinem letzten Nachwort dargelegt, „warum Geschmack kein Kriterium zur Beurteilung von Lyrik sein kann“. Vive la poesia!

2021 20 Feb

The first Poet I met

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A summer in the 1980s: F wore dark T-shirts and Palestinian scarves, he went to demonstrations and smoked home-rolled cigarettes without filters. Above all, F was the first poet I met in person. He lived only a few hundred meters away from us, and when I went down the stairs to his room in his parents‘ house and heard the rapid clacking of the typewriter keys and after a short hesitation (because I enjoyed that sound) I knocked at his door, he´d say, sit down, I just have to finish this poem. For me, it was the embodiment of freedom, how F sat at his desk, unperturbed by anything, and just wrote down what he was thinking at that moment. He pulled the paper out of the machine and read his latest work to me. I played the role of the critic, posed theses, interpreted, made suggestions. F was amused, and admitted again and again in amazement that he had by no means thought as much about his text as I had. It was unbelievable for me to experience how someone completely wrote down such a structure like a poem. F said it was quite easy and I should try it too. His poems were written in free verses in unjustified print, they took up political and private themes and, of course, I occasionally appeared in them. With all due respect, these works seemed to me to be too accessible, too little mysterious, and I thought that if I ever managed to write a poem, it would have to be very different.

 

2021 20 Feb

Fischfrikadellen

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Provisorische lilafarbene Küchen
Und dort Pommesbudengeburtstage mit gar nichts
second hand aber es macht mir nichts aus
an Weihnachten Zeitungen durchzuschaun

 

Wo das Fitnessstudio war und die Garage
und Reihen abgestandener Ehen
Keine Hand war so gut wie meine
Janet und John und Fischfrikadellen frittieren

 

Und wenn es eine Bedeutung hatte, und die hatte es
Immerhin lebten wir
Und wenn es eine Bedeutung hatte, natürlich hatte es die
Wir lebten immerhin
Immerhin lebten wir

 

Schule und Häuser zerfallen
in Ziegel und ihre Markierungslinien sind Gefängnis
Garagen und Kieselsteine klingen
Eichen aus Asbest hängen hoch

 

Ich wollte es nie, ich hab’s nie getan
Farbe und Bushaltestellen rühren was an
second hand aber es macht mir nichts aus
an Weihnachten Zeitungen durchzuschaun

 

Und wenn es eine Bedeutung hatte, und die hatte es
Immerhin lebten wir
Und wenn es eine Bedeutung hatte, natürlich hatte es die
Wir lebten immerhin
Immerhin lebten wir

 

Text: Sleaford Mods (Original siehe comment 1)
Übersetzung: Martina Weber

 

Im Sommer 2013 hievten Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier, ein junges Paar um die Dreißig aus Freiburg, ihre sorgsam gepackten Rucksäcke auf die Schultern und ließen sich von einem Freund mit dem Auto an die bulgarische Grenze fahren. Sie wollten so weit Richtung Osten, nach Kasachstan, Iran, Indien, Pakistan, Tokio und über den Pazifik usw., bis sie wieder in Deutschland ankommen würden, eine Reise ohne Flugzeug, also mit Bodenhaftung, einem natürlichen Zeitgefühl, Nachhaltigkeit und das meistgenutzte Verkehrsmittel sollte das Trampen sein. Die beiden machten Aufnahmen mit ihren Handykameras, um ihre Erinnerungen mit ihren Freunden und Familien zu teilen, sie tauschten ihre Erfahrungen als Filmemacher gegen Kost und Logis, beteiligten sich immer wieder an sozialen Projekten und ihre Route hatten sie nur vage geplant. Meist schliefen sie in ihrem kleinen Zelt, in Städten buchten sie Schlafplätze über Couchsurfing, nur gelegentlich mieteten sie eine feste Unterkunft. Das Alleinsein in der Wildnis. Die Stille in der Wüste. Geburtstag feiern in einem Zelt im Pamirgebirge in Tadschikistan, während der Schnee unablässig fällt, so dass die beiden den Schnee ununterbrochen von der Zeltplane abklopfen müssen, um nicht einzuschneien. Die Landschaften, die Weite, Fernstraßen. Erfahrungen, die nur möglich sind, wenn Vertrauen aufgebaut ist: Ein Schamane erlaubt dem jungen Paar, an einer Anrufung von Geistern teilzunehmen. Aus Respekt schalten sie die Kamera aus, als sich die Ahnen zeigen. Die Gastfreundschaft. Die Gelassenheit der Menschen. Handbemalte Busse. Weißgekleidete Sufis, die sich zu ihren Ritualen versammeln. Die Haut eines Elefanten berühren. Der Anblick des Fuji vor der Einreise nach Tokio. Weit – so nannten die beiden den Film – wurde zu einem Dokumentarfilm, der auf zahlreichen Festivals lief. Bis Ende Februar kann man den beeindruckenden Film unter diesem Link in der 3sat Mediathek ansehen (Dauer: ca. zwei Stunden). Man kann ihn auch über die Website der Filmemacher, wo es auch kleine Portraits über Reisebekanntschaften zu sehen gibt, erwerben. Von Tokio aus ging es in das Land, das sich die Reisenden für die Geburt ihres Kindes ausgewählt hatten: nach Mexiko. Per Containerschiff ging es später nach Barcelona; die letzten 900 Kilometer nach Freiburg wanderten sie zu Fuß. Sie waren bis Sommer 2016 unterwegs, länger als drei Jahre. Ein Lebensabschnitt. Eine lebensverändernde Zeit. Unvergessliche Eindrücke und Bilder.

2021 31 Jan

Sie haben Knut

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Zeit, mal wieder auf ein anderes Medium zurückzugreifen, die Zeit noch weiter zu entschleunigen und die Filme auf den VHS-Videokassetten durchzuschauen. Sie haben Knut kam im Jahr 2002 wahrscheinlich nur in die kleinen Programmkinos, lief irgendwann im Fernsehen und spielt im Winter 1983 in einem geräumigen Holzhaus in den österreichischen Alpen und in einem Skigebiet. Ein Paar in den Zwanzigern, sie sind seit acht Jahren zusammen, möchte hier ein ruhiges Wochenende verbringen, unerwartet trifft ein Teil des Freundeskreises des Bruders der Frau dazu, während der Bruder der Frau, Knut, auf sich warten lässt. Der Film bietet Zeitgeist 1983 pur: Politische Diskussionen, Abstimmungen, Zurechtweisungen im Namen der Gruppendynamik, heimliche Bewunderungen, Offenbarungen und typische  Redewendungen wie „Ich habe einen Anschlag auf dich vor“, ein Satz, den ich wirklich lang nicht mehr gehört habe. (Für die später Geborenen: Der Satz leitete eine mehr oder weniger aufwändig zu erfüllende Bitte ein.) Natürlich ist auch ein charismatischer Gitarrenspieler dabei, einmal entsteht eine spontane Musiksession der Gruppe. Zwei sehr unterschiedliche Jungs, elf und 14 Jahre, sind mit von der Partie. Ein wunderbar authentischer und in jeder Sekunde glaubhafter Film mit starken Nostalgieeffekten, die zu Lachausbrüchen führen können.

 
 

Gelegentlich wurde hier auf dem Blog auf Unterschiede der Buchcovergestaltung von Original und Übersetzung hingewiesen. Kulturelle Codes, die in einem Land etwas antriggern, in einem anderen nicht – jedenfalls nach Einschätzung der Marketingabteilung. So entspricht das Arrangement auf dem Cover der deutschen Übersetzung von Chris Yates‘ Nightwalk wohl dem, was man hierzulande unter einem Aufbruch zu einer Nachtwanderung versteht: Da ist sich verdunkelnde, aber noch graue Himmel, da ist der unvollständige Mond, und wir sind umgeben von Ästen, Zweigen, Bäumen, die sich bald in Silhouetten verwandeln, und was sich uns dann, wenn wir es wagen, weiterzugehen, offenbart, auch wenn wir die Orientierung verloren haben, das ist im besten Fall pure Magie und unvergesslich. Die Nachtwanderung, an die ich mich am intensivsten erinnere, führte uns auf einem unbekannten Pfad im Odenwald in einen Waldweg hinein und immer weiter. Es waren Pfingstferien, ich war, was ich sehr selten tat, mit einer Gruppe unbekannter Jugendlicher auf einer Art Ferienfreizeit. Wahrscheinlich trug sie das Motto „Schau nach, was in dir steckt“ oder „Leben wär ’ne prima Alternative“, – tatsächlich gab es solche Veranstaltungen in dieser krisenbeladenen Zeit, in der wir nicht wussten, wann jemand in Moskau oder Washington auf den berüchtigten roten Knopf drücken würde, der die Welt in Atome zerlegt, noch bevor wir unser Abitur haben würden. Wir lebten eine Woche im Wald, schliefen in Holzhütten und jeden Tag gab es Diskussionen. Bis spät in der Nacht am Lagerfeuer zu sitzen und zu spüren, wie sich R, der sogar ein politisches Seminar leitete, immer näher zu mir setzte und schließlich sogar seinen Arm um meine Schultern legte, wühlte mich dann aber doch mehr auf als die politische Lage. Es war an einem späteren Abend, als R und ich im Wald spazieren wollten. Eine Schülerin fragte uns, ob sie mitkommen dürfte, und so gingen wir zu dritt. Wahrscheinlich redeten wir über alles Mögliche, mag sein, dass uns irgendwann eine Eule direkt in die Augen blickte oder dass ein Rotwild sein Geweih an einen Baumstamm stieß. Was ich nur weiß, ist, dass es sehr dunkel war. Plötzlich rannten von allen Seiten Schäferhunde auf uns zu, sie bellten laut und zeigten ihre spitzen Zähne. Ich war fest davon überzeugt, dass ich spätestens in einer Minute halb zerfletscht am Boden liegen und in diesem Wald sterben würde. Denn blendeten die Lichtkegel von Taschenlampen auf, das Grelle direkt im Gesicht. Es waren Soldaten. Wir hatten im Dunkel des Waldes ein Schild übersehen, das eine Sperrzone markierte und das Weitergehen untersagte. Sie machten uns Vorwürfe und ließen uns dann gehen. Wir hatten einander zwischendurch aus den Augen verloren. Als wir uns wieder trafen, kamen wir nah zusammen, zu dritt, und umarmten einander. Wir standen lange so da und sprachen nicht.


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