Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 5 Apr

Darle tiempo al tiempo

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Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, waren alle Uhren verschwunden. Weder in der elterlichen Wohnung noch irgendwo draußen, er hatte beide Fensterflügel weit geöffnet, fand sich die Angabe einer Uhrzeit, auch nicht in der Zeitung, die wie immer zusammengefaltet im Briefkasten lag. Es gab die Uhrzeit nicht mehr. – Wie kämen Sie damit zurecht? Einen Tag lang, eine Woche, einen Monat, zwei. Wie stark würde sich Ihr Leben verändern? In seinem Buch Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen (1997) unterscheidet Robert Levine zwischen Menschen, deren Alltag stark von der Uhrzeit geprägt ist, und solchen, die die Zeit nach gesellschaftlichen Ereignissen messen und in der Ereigniszeit leben. Die Zeit vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik war geprägt von einer intensiven Standardisierung, Normalisierung und Normierung der gesamten Gesellschaft. Für uns heutzutage ist die Existenz der Uhrzeit so selbstverständlich, dass wir uns kaum vorstellen können, dass die Standardzeit erst im Jahr 1884 erfunden und gegen hartnäckigen Widerstand von Freigeistern eingeführt wurde. Robert Levine zitiert den Publizisten Charles Warner, der sich mit folgenden Worten gegen die nach einer Uhr gelebten Zeit wendet: „Das Zerhacken der Zeit in starre Perioden ist ein Angriff auf die persönliche Freiheit und läßt keine Unterschiede in Temperament und Wahrnehmung zu.“ Während seines Jahres in Trinidad, erzählte Robert Levine, hatte er gelernt, dass die Menschen eine persönliche Kontrolle über ihre Zeit hatten. Sie kamen oder gingen mehr oder weniger so, wie sie wollten oder sich fühlten. Die Zeit wurde mehr vom Verhalten als von der Uhr bestimmt. Verabredungen in Burundi wurden getroffen mit Bezug auf das Weideverhalten der Kühe (wenn die Kühe zur Weide gehen / wenn sie zum Fluss gehen etc.). Eine dunkle Nacht ist eine Wer-bist-du-Nacht: Man spürt, dass jemand da ist, aber man weiß nicht, wer es ist, und diese Frage ist der Gruß. Das Wohlbefinden eines Menschen hängt stark davon ab, wie das Zeitkonzept der Umgebung mit den eigenen Bedürfnissen harmoniert. Schrieb Robert Levine nicht von einem Paartherapeuten, der die Personen darum bat, das Empfinden der äußeren Zeit mithilfe eines Metronoms einzustellen, und wie aufschlussreich die Unterschiede in den Taktangaben waren? Darle tiempo al tiempo. Der Zeit ihre Zeit zu geben.

2019 28 Mrz

We live on memory

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Im November habe ich hier davon erzählt, wie ich in der Zeit, als ich selbst damit anfing zu schreiben, Texte von W.S. Merwin in einer Anthologie entdeckte und darauf in seinem Band „The Lice“ aus dem Jahr 1967 Gedichte fand, die mich mit ihrer postapokalyptischen Stimmung und ihren Bildern voller düsterer surrealer Magie berührten und begleiteten. „I with no voice“ „What did you take from me that I still owe you“ „Their eyes full of cotton“ „Whatever I have to do has not yet begun“ „In new rocks new insects are sitting“ „Just the same it´s a life it´s plenty“ „Feeling it´s worth it„. Angestrichene Zeilen. Dann viele Jahre andere Lektüre, andere Einflüsse, Distanz. Erst im November des vergangenen Jahres – der Zauber wirkte noch oder wieder und wahrscheinlich verwandelt – habe ich eine Handvoll Gedichte aus „The Lice“ und „The Rain in the Trees“ (1988)  ins Deutsche übertragen. Sie sind über die Suchfunktion hier auf dem Blog leicht zu finden, wenn man „W.S. Merwin“ eingibt. Vor ein paar Tagen las ich auf Fixpoetry.com, dass Merwin am 15. März gestorben war. Merwin war 91 Jahre alt und erblindet. Das Cover des Gedichtbandes „The Rain in the Trees“ zeigt den Dunst im Ohio Forest, Hawaii National Park. Auf der Rückseite ein Portraitfoto von Merwin: 50 Jahre alt, lockiges, teilweise graues Haar, er blickt am Betrachtenden vorbei, die Andeutung eines Lächelns, ein weißes weites Hemd ohne Kragen, und er wirkt so, als ob er für sich etwas definiert hätte. In der Einleitung zu dem Sammelband „The second four books of poems“ schreibt er, die Quellen der Poesie lägen in „sensibilities and sences, not in reasons and opinions“. Voraussetzung für diese Konzentration ist Unabhängigkeit, die zunächst eine materielle ist. „I managed to live on litte,“ schreibt Merwin, „Independence was something I treasured“. An einem der heißen Nachmittage im vergangenen August verdunkelte ich den Raum für den faszinierenden Portraitfilm „Even though the whole world is burning“. Merwin sagte: „In wildness is the preservation of the world. The wild is something that is terribly important to you and you can´t grasp it.“ Seine späten Gedichte sind voller Erinnerungen. Viele seiner Gedichte zeigen die tiefe Verbundenheit mit der Natur. Und immer bleibt ein Geheimnis. And you can´t grasp it.

 
 

Neumond im November

 

Ich habe Krähen beobachtet und jetzt ist es dunkel
Gemeinsam haben sie die Nacht in die knarrenden Eichen gelenkt
Unter ihnen höre ich wie die ausgetrockneten Blätter rascheln
Der Blinde
Sie sammeln ihre Federn vor dem Winter
neben der dämmrigen Straße, die der Wind nehmen wird
und die Kälte
und der Ton der Trompete

 
 

Original version: W.S. Merwin „New Moon in November“, in: The Lice

Translation: Martina Weber

 

Wie geht ihr, liebe Manafonistas und Blogleser*innen, eigentlich bei der ganz normalen (täglichen) Auswahl eurer Musik vor? Hat das irgend ein System? Welchen Impulsen folgt es? Hier ein kleiner Einblick in die seltsame Chaosstruktur meines Musikhörens der vergangenen Tage: So eher aus Zufall („andere Nutzer der Bibliothek interessierten sich auch für folgende Bücher …“) lieh ich mir aus der UB von Helmut Korte die Einführung in die systematische Filmanalyse aus und fand im Kapitel über der Analyse von Antonionis Zabriskie Point eine Tabelle mit dem Musikeinsatz und da hier Pink Floyd sehr präsent ist, legte ich Ummagumma auf, das Livealbum. Gefangen von der Psychodelik erinnerte ich mich an eine Aufnahme von Can und suchte sie, fand sie in einer Box, wobei mir allerdings eine Aufnahme von Talk Talk aus dem Jahr 1986 in die Hände fiel, das Konzert von Montreux, das ich im Deutschlandfunk aufgenommen hatte, leider nur zum Teil. It´s My Life. Such A Shame. Give It Up. Auf der Rückseite der Kassette befindet sich Sufi-Musik, die sich Jürgen Wasim Frembgn als Gast bei den Zwischentönen gewünscht hat, vermutlich vor ungefähr acht Jahren. Die Nacht in der Wüste, heißt das erste Stück, Stimmung der Landschaft aus Nordost-Iran. Das passt zwar gar nicht zu Talk Talk (und ich hörte nur ein paar Sekunden rein), aber schon eher zu Jürgen Ploog, der Reisen in den Orient wie Träume beschreibt. Idee eines Shelfie, Musik zu den passenden Büchern und DVDs zu platzieren. Geoff Dyer schrieb in seinem grandiosen Essay über Tarkowskijs „Stalker“, er hätte  dannunddann eine Ambient-Phase eingelegt und „Stars of the Lid“ gehört, (um etwas herauszufinden, was ich vergessen habe?) und ich fand Tracks aus „And Their Refinement Of Decline“ aus Michaels Sendung vom April 2007 (ich bin keine Archivarin, aber teilweise ziemlich gut organisiert). Inzwischen kam die Rother Box an. Fernwärme. Mir fällt auf, dass ich ein paar Wochen lang nicht Boards Of Canada gehört habe. That´s home.

2019 4 Mrz

Der Mann im Affenkostüm

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Die Frau vom Reinigungsteam steht mit einem Wagen voller Putzutensilien im Hotelflur und klopft an eine Zimmertür: „Housekeeping.“ Sie wartet, klopft wieder. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie stört, weil Gäste im Zimmer sind, ist gering. Sharm El Sheikh liegt an der Südspitze der Sinai-Halbinsel am Roten Meer, es war ein beliebter Urlaubsort in Ägypten, doch die unsicheren Verhältnisse nach dem Arabischen Frühling, die Angst vor Anschlägen haben die Touristen abgeschreckt. Die Urlauber bleiben aus. Die Liegestühle am Pool sind unbesetzt. Der Masseur formt aus dem großen Handtuch einen Elefanten. Die Räume werden gefegt, Fenster werden geputzt. Der Bademeister sitzt auf einem Hochstuhl und spricht ins Megaphon. „Jetzt beginnt unser Mittags-Sportprogramm. Machen Sie mit.“ Die Musik ist rhythmisch und leicht. Eine Gruppe junger Frauen macht ein paar Schritte hin und her, Bewegungen mit den Armen, einigermaßen synchron. Sie lächeln. Die Gäste dürfen Sie nur mit einem Lächeln sehen. Heißt es im Auswahlgespräch. Da ist der Stillsteher, der seinen Körper jeden Morgen mit bronzener Farbe bemalt, ein paar schwarze Streifen dazu. Er greift nach der Gitarre. Er ist bereit, sich für ein kleines Honorar fotografieren zu lassen. Aber niemand fragt. Die Gehälter werden gekürzt. Dreißig Prozent. Fünfzig. Die Shoppingtour mit der besten Freundin fällt aus. Am frühen Abend machen die Hotelangestellten einen Ausflug durch die Wüste. Eine Frau trägt eine rosa Mütze mit Hasenohren. Dream Away – ist es wirklich ein Dokumentarfilm? Ist es nicht doch inszeniert? Durch die Straßen fährt ein Pickup, auf dessen Ladefläche ein Mann im Affenkostüm steht. Immer wieder laufen einzelne Menschen dem Pickup hinterher und der Affe verwickelt sie in Gespräche. Er hat die Gesprächstechnik drauf. Sie sagen ihm alles. Ist ja doch nur ein Affe, der zuhört und spricht.

Geraldine Gutiérrez-Wienken zur Entstehung des Buches:

 

Im August 2017 fuhr ich nach Frankfurt zu Martina Weber zur Besprechung unserer Übersetzungen der Gedichte von Ángeles Mora. Wir arbeiteten bereits seit einigen Monaten an einer Textauswahl der spanischen Lyrikerin mit der Absicht, sie in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. Martina bereitete einen Sommertee vor, während wir uns über Teesorten, Lesungen und Lyrik austauschten. Wir begannen mit dem Gedicht „Veranos – Sommers“ und breiteten unsere Unterlagen auf dem Couchtisch aus. Wir arbeiteten so, dass ich die Gedichte Wort für Wort aus dem Spanischen übersetze, Martina an diesem Text feilte, um ihn in eine poetische Form zu bringen, und wir dann gemeinsam weiterarbeiteten. Es ist eine Bewegung, die etwas davon hat, sich vorzuwagen und sich dann wieder rück-abzusichern. Da es ein sonniger Nachtmittag war, schlug Martina vor, eine Radtour zu machen und die Arbeit im Park fortzusetzen. Sie sagte, sie hätte ein Fahrrad für mich, ihr Ersatzrad, ein Faltrad. Mir gefiel die Idee. Martina füllte den Tee in eine Thermoskanne und wir fuhren los. Ich war gespannt, wohin es gehen würde, denn sie hatte mir immer wieder von ihren Radtouren im Park und am Fluss entlang vorgeschwärmt. Der Park war riesig. Wir suchten eine Holzbank im Halbschatten auf. Dort sprachen wir über (unsere) Kindheit, Kinderspiele, die Angst der Kinder sowie über die Siesta, Sitten und Bräuche der Spanier. Martina wollte genau wissen, wie der Wagen, der im Gedicht skizziert wurde, aussah und wie das lyrische Ich darauf stand. Ich führte Martina vor, wie sich das kleine Mädchen (das lyrische Ich) auf dem Holzwagen bergab bewegte. Wir lachten vor Begeisterung und Martina erkannte sofort an der Poesie der Ángeles Mora ihren Mut und ihre Frische. Und das schönste war ihr Vers „Ich bremste nie“ (nunca frené). Dieser Vers verwandelte sich nun in eine Art Pfad für unsere gemeinsam übersetzte Publikation von

 

Ángeles Mora: “Spiegel der Spione | Espejo de los espías“.

Aus dem Spanischen von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Martina Weber.

Satz und Design: Eddy Rafael Reinoso.

Grafik: Josefina Wolf. Josefinawolf.com

hochroth Heidelberg 2019.

 

Und wer hätte es vor zwei Jahren gedacht, dass diese Publikation auch noch in der von mir gegründeten Verlagsdependance hochroth Heidelberg erscheinen würde.

 
 

Veranos

 

Siempre busqué el valor en los brazos del miedo.

En la siesta de la niñez sonaban,

al fondo de la casa, en el bochorno de la tarde,

voces entrecortadas, ecos de los mayores,

restos de conversaciones

dormidas

sobre las mecedoras.

 

Mientras tanto,

en la orilla de la siesta,

los críos escapábamos

al fuego de las calles.

Entre gritos compartíamos

un carro de madera deslumbrante

―mi caballo de adioses―

que bajaba la cuesta solitaria

chirriando sus ruedas metálicas,

abriéndose en la tarde pegajosa,

audaz, acelerado.

Yo me agarraba fuerte al manillar o a las bridas,

con el corazón en la boca.

Pero nunca frené. Sabía que al final,

en el llano, las ruedas locas calmarían su afán

y se detendrían justo allí,

donde las casas abren sus portales de sombra.

 

Para que al fin me alzara sobre mis piernas flacas,

temblorosas.

En medio de la calle.

En los brazos del miedo.

 
 

Sommers

 

Immer schon, wenn die Angst mich umklammert,

hab ich versucht, mutig zu sein.

In der unendlichen Siesta meiner Kindheit

im Inneren des Hauses, während der Schwüle der Abende

summten zögernde Stimmen, Echos der Älteren,

Fragmente schlaftrunkener

Konversationen

aus Schaukelstühlen.

 

Auf der anderen Seite dieser Siesta

flüchteten wir, die Kleinen,

raus auf die Straße, rein ins Gewühl.

Alle zusammen auf einem bombastischen Wagen

aus Holz – mein Pferd – ich hielt mich am ruckelnd

vibrierenden Lenker oder am Zaumzeug, und tschüss!

auf metallenen Rädern, runter auf einem einsamen

Hang, mein Herz

fiel in meine Hosentaschen, wir rutschten

in die Schwüle eines Abends.

 

Ich bremste nie. Ich wusste, irgendwann

würden die Räder, durchgedreht wie sie waren,

ihre Begierde stillen, und in der Ebene exakt

an der Stelle stoppen, wo Häuser

ihre Schattenportale öffneten.

 

Dann endlich würde auch ich aufrecht stehen, einfach nur

da sein, auf dünnen zittrigen Beinen. Inmitten

der Straße. In den Armen der Angst.


 
 

Im »Spiegel der Spione« verknüpft sich die persönliche Geschichte mit der kollektiven. Die Gedichte der spanischen Dichterin Ángeles Mora zeigen, dass das freie Ich eine Falle ist. Die Liebe spiegelt das Unbeständige und Widersprüchliche des gemeinschaftlichen Lebens und der Historie. Ángeles Mora zählt zur literarischen Bewegung »der anderen sentimentalen Bildung« (La otra sentimentalidad), die in Granada in den 1980er Jahren entstanden ist und nach der Aktualisierung des Petrarca-Liedes, der romantischen, ätherischen oder ahistorischen Form der Liebe strebte.

 

Und hier geht´s direkt zum Buch im Verlagsprogramm.

Martina Weber: Du hast dich auf eine ganz besondere Art von Interviews spezialisiert, die du auch Nicht-Interviews nennst. Seit November 2014 publizierst du auf dem Poesie- und Literaturportal fixpoetry.com, das von Julietta Fix aus Hamburg gemanagt wird, literarische Selbstgespräche. Auf deiner Webseite erklärst du den Begriff des literarischen Selbstgesprächs so: „Dabei dürfen die Künstlerinnen und Künstler frei drauflos sprechen, während ich ihnen aufmerksam zuhöre, nicht unterbreche und keine einzige Frage stelle.“ Wie bist du auf die Idee gekommen, auf diese Weise Künstlerinnen und Künstler zu Wort kommen zu lassen?

 

Astrid Nischkauer: Eigentlich waren es zwei Momente, die dazu geführt haben, dass ich die Form des literarischen Selbstgesprächs als Experiment mit offenem Ausgang erfunden und entwickelt habe und auf fixpoetry verwirklichen konnte. Zum einen gab mir die Aussage eines Autors – „Aber ich habe ja gar nichts gesagt“ – nach einer Lesung mit Autorengespräch zu denken. Und dann stellte ich fest, dass man oft viel mehr und interessantere Dinge erfährt, wenn man einfach nur zuhört. Fragen schränken ja immer auch ein, geben einen gewissen Weg oder zumindest eine Richtung vor. Julietta Fix hat dann die Umsetzung meiner Idee auf fixpoetry ermöglicht, wo die Reihe bis heute erscheinen kann, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Ohne sie und fixpoetry gäbe es die Reihe nicht.

 

MW: Auf fixpoetry.com habe ich 39 Interviews bzw. Nicht-Interviews gefunden, die du bisher geführt hast. Darunter Friederike Mayröcker, Marcel Beyer und Clemens J. Setz. Die meisten Interviewten sind Schriftsteller/innen bzw. Lyriker/innen. Welche anderen Kunstsparten finden sich bei deinen Selbstinterviews?

 

AN: Mit heutigem Stand, Mitte Februar 2019, habe ich 39 Selbstgespräche und ein Interview auf fixpoetry veröffentlicht. Das nächste Selbstgespräch erscheint in Kürze und viele weitere sind in Arbeit, Vorbereitung oder Planung. Friederike Mayröcker habe ich auch zu einem literarischen Selbstgespräch eingeladen, aber sie wollte nicht ganz frei sprechen, hat sich stattdessen lieber Fragen gewünscht. Und Friederike Mayröcker kann man einfach keinen Wunsch abschlagen, deswegen habe ich bei ihr eine Ausnahme gemacht und kein Selbstgespräch, sondern mein erstes und bisher einziges Interview mit ihr geführt.

 

Und ja, mein Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf Literatur, insbesondere auf Lyrik, die Reihe erscheint ja auch auf fixpoetry. Die Grenzen lassen sich da aber nicht immer so genau ziehen, viele Autoren und Autorinnen sind ja in unterschiedlichen Gattungen tätig, Fiston Mwanza Mujila zum Beispiel schreibt sowohl Lyrik und Romane, als auch Theaterstücke. Aber trotz des Literaturschwerpunkts wollte ich die Reihe von Anfang an offen für andere Kunstsparten halten. Bisher sind auch schon viele Selbstgespräche von Bildenden Künstlern und Künstlerinnen erschienen, darunter Linde Waber, Tomoyuki Ueno oder Ute Langanky. Und mit Klaus Fischedick habe ich auch einen Gärtner dabei, den Gärtner der Museumsinsel und Raketenstation Hombroich.

 

MW: Wie funktioniert so ein Selbstinterview? Wird das Treffen mit einer gewissen Vorbereitungszeit geplant oder funktioniert es auch spontan? Musst du dich auf ein Selbstinterview vorbereiten? Arbeitest du dich in das Werk des Interviewten ein?

 

AN: Im Prinzip ist es ganz einfach. Es gibt einige wenige Regeln, die da sind: Das Selbstgespräch wird während eines persönlichen Treffens geführt, also in Form eines tatsächlichen Gesprächs. Wann das Aufnahmegerät eingeschaltet und wieder ausgeschaltet wird, entscheide nicht ich, sondern der jeweilige Künstler oder die jeweilige Künstlerin. Einer der großen Vorteile einer online-Publikation ist, dass uns dadurch theoretisch beliebig viel Platz zur Verfügung steht. Und während das Aufnahmegerät läuft, sage ich dann wirklich nichts, stelle keine Fragen, unterbreche nicht, sondern höre schlicht und einfach aufmerksam zu. Im Anschluss daran transkribiere ich alles Gesagte möglichst genau und ohne einzugreifen, also ohne es zu glätten. Dann schicke ich es den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen nochmals zu und sie dürfen Korrekturen vornehmen, Dinge ergänzen oder auch wieder streichen, wenn sie das möchten.

 

Die Konzeption der Reihe verlangt einiges an Planung, ich betrachte die Reihe als ein Ganzes und setze immer wieder verschiedene Schwerpunkte, schaue zugleich auf Ausgewogenheit und Abwechslung. Ich bin sehr involviert im Literaturgeschehen, bin selbst Autorin, Übersetzerin, Rezensentin und gehe regelmäßig zu Literaturveranstaltungen. Das alles kann als Vorbereitung für die Selbstgespräche betrachtet werden. Ich überlege mir sehr genau, wen ich einlade. Und ja, ich setze mich mit dem Werk der Autoren und Autorinnen auseinander, viele davon habe ich auch rezensiert, im Vorfeld oder im Anschluss daran. Manche Autoren und Autorinnen begleite ich bereits Jahre lesend und zuhörend. Aus dieser Situation heraus ist es durchaus möglich, dass ich auch ganz spontan Einladungen ausspreche. Ich bin eigenverantwortlich für die Reihe. Julietta Fix hat mir von Anfang an das größte Vertrauen entgegen gebracht und ich bin völlig frei, wen ich einlade. Anders ginge das auch gar nicht.

 

MW: Würde ein Selbstinterview auch funktionieren, wenn du dich spontan mit einer Künstlerin / einem Künstler treffen würdest, die oder den du gar nicht kennst, eventuell sogar aus einer Kunstbranche, in der du dich nicht auskennst?

 

AN: Ja. Einige kannte ich vorher noch nicht persönlich, nur ihr Werk. Wie viel Vorlaufzeit es gibt hängt ganz von den Umständen ab und vor allem von den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen. Von den Umständen deswegen, weil mir kein Reisebudget zur Verfügung steht, das heißt, ich führe Selbstgespräche mit anderswo lebenden Künstlern und Künstlerinnen dann, wenn sie beispielsweise eine Lesung in Wien haben, oder wenn ich zufällig auf der Durchreise vorbei komme oder wenn wir uns anderswo begegnen, beispielsweise auf einer Buchmesse. Das Selbstgespräch von und mit Clemens J. Setz haben wir in einem Bahnhofscafé geführt, als ich am Bahnhof in Graz umsteigen musste und ein wenig Zeit war.

 

Wie viel Vorbereitungszeit die Künstler und Künstlerinnen brauchen ist unterschiedlich. Auf manche Selbstgespräche warte ich Jahre. Es gibt aber auch Selbstgespräche darunter, die ganz spontan geführt wurden, wenn es sich einfach aus einer Situation oder einer Begegnung heraus ergeben hat.

 

Die Kunstbranche spielt keine Rolle. Es ist ja ganz offen, worüber gesprochen wird, das heißt, es kann über egal was gesprochen werden, es muss überhaupt nichts mit der Arbeit oder dem Werk des Künstlers, oder der Künstlerin zu tun haben. Und es kann auch ohne weiteres über etwas gesprochen werden, womit ich mich kaum auskenne, oder was mich wenig interessiert. Fußball zum Beispiel hatten wir noch nicht, aber es wäre denkbar.

 

Es muss allerdings in einer Sprache geführt werden, die ich verstehe. Es würde nämlich schon einen Unterschied machen, wenn ich kein einziges Wort verstehen würde und nur so tun müsste, als würde ich aufmerksam zuhören. Und ich transkribiere dann ja auch alles selbst, das geht nur bei Sprachen, die ich verstehe. Beispielsweise ist die Muttersprache von Sarita Jenamani Odia und die von Aftab Husain ist Urdu. Beide haben ihre Selbstgespräche auf Englisch geführt und wir haben sie dann sowohl auf Englisch als auch in deutscher Übersetzung von mir veröffentlicht.

 

MW: Das Erstaunliche an deinen Selbstgesprächen ist, dass sie oft ganz ausgezeichnet funktionieren. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Personen, mit denen du dich zusammensetzt und denen du einfach zuhörst, sehr schnell zum Wesentlichen kommen, zum Kern ihrer Arbeit, ihres Denkens. Und oft habe ich den Eindruck, dass mit der gleichen Person ein sehr gut vorbereitetes konventionelles Frage-Antwort-Interview nicht zu dieser gedanklichen Tiefe kommen würde. Wie erklärst du dir das?

 

AN: Es gehört viel Mut dazu, sich einem Selbstgespräch zu stellen und ganz ohne Fragen drauflos zu sprechen. Fragen können ein Geländer sein, auf das man sich stützen kann. Zugleich können Fragen mitunter aber schon auch sehr ablenkend sein. Ich biete mit meiner Reihe eine Möglichkeit an, sagen zu können, was man immer schon gefragt werden hätte wollen, was einem ein großes Anliegen ist. Ein gutes Interview zu führen ist eine Kunst für sich, davor habe ich größten Respekt. Es bedarf einer sehr tiefgreifenden Recherchearbeit im Vorfeld und eines guten Einfühlungsvermögens, um die richtigen Fragen zu stellen. Ich möchte meine Reihe nicht als Kritik an der herkömmlichen Form des Interviews verstanden wissen, sondern als eine eigene Form, die auch ganz eigene Möglichkeiten eröffnet.

 

MW: Die Idee eines Selbstinterviews fand ich zufällig (man kann es auch als Zeichen der Synchronizität sehen) neulich in dem in Hongkong angesiedelten Film „Chinese Box“ aus dem Jahr 1997 (Regie: Wayne Wang). Ein britischer Journalist will eine ihm interessant erscheinende Frau darüber, wie sie die Zeit kurz vor der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China erlebt und welche Lebensgeschichte sie hat, interviewen und dabei filmen. In Minute 42 gibt es folgenden Dialog:

 
 

Frau: Da wäre noch eins, ich beantworte nicht gerne Fragen.

Journalist: Das ist ein echtes Problem. Ein Interview besteht nun einmal daraus, dass ich Fragen stelle und Sie Fragen beantworten. Das ist das Wesen des Interviews.

Frau: Nicht unbedingt. Die Story wird besser, wenn Sie mir die Kamera geben und ich alles aufnehme. Die ganze Geschichte.

 
 

AN: Die Idee ist eine ähnliche und doch grundverschieden. Der Impuls ist nämlich ein anderer. Würde man das Beispiel aus dem Film auf meine Selbstgesprächs-Situation umlegen, würde das so aussehen: Ich habe mir Fragen vorbereitet, treffe einen mir interessant erscheinenden Künstler oder eine Künstlerin, beginne damit ihm / ihr meine Fragen zu stellen und halte ihm / ihr mein Aufnahmegerät hin, das mir der oder diejenige aber aus der Hand nimmt und sagt: „Die Story wird besser, wenn Sie mir das Aufnahmegerät geben und ich die Fragen stelle. Die ganze Geschichte.“ Worauf ich damit hinaus will: Der Impuls zum Selbstgespräch geht nicht von den Sprechenden aus, sondern von mir. Ich ermuntere mein Gegenüber dazu, frei zu Sprechen und das Ruder selbst in die Hand zu nehmen.

 

MW: Wolf Schneider und Paul-Josef Raue schreiben in ihrem Handbuch des Journalismus, in ihrem Kapitel zum Interview: „Zunächst bedeutet das französische entrevue und das englische interview (davon abgeleitet) nur, daß zwei Personen sich sehen, wahrscheinlich auch miteinander reden wollen. Sprachlich kurios sind demnach das Telefon-Interview (…), und das Interview mit schriftlich gestellten Fragen und geschriebenen Antworten, wie Diktatoren es bevorzugen, weil sie Angst vor peinlichen Fragen oder spontanen Reaktionen haben.“ Schneider und Raue weisen außerdem darauf hin, dass ein gedrucktes Interview immer ein Kunstprodukt ist, das mindestens 30 Prozent von Notizen oder Tonbandaufzeichnungen abweicht. Ich beziehe mich hier auf die Auflage aus dem Jahr 1998. Seit dieser Zeit hat sich die Interviewkultur durch die Möglichkeiten des Internets insbesondere im Literaturbereich insofern sehr verändert, als das schriftlich geführte Interview sehr akzeptiert und geradezu üblich geworden ist. Insofern ist deine Art des literarischen Selbstgespräches eine Technik, die sich zurück bewegt zu den Wurzeln eines Interviews, dem Sich-Sehen.

 

AN: Die tatsächliche Begegnung, das sich Zeit-nehmen und Zuhören sind der Kern der literarischen Selbstgespräche. Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören.

 

Es stimmt, dass heute die meisten Interviews schriftlich geführt werden und diese Praktik so selbstverständlich geworden ist für uns, dass sie gar nicht mehr hinterfragt wird. Ein schriftliches Interview hat seine Vorteile, nicht nur für Diktatoren, es geht dabei aber auch sehr viel verloren, gerade auch an Individualität. Es geht ja nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, wie gesprochen wird. Mündlichkeit ist etwas ungemein Faszinierendes.

 

MW: Es gibt auch Personen, mit denen ein Selbstinterview nicht funktioniert. Die Äußerungen von Peter Waterhouse bei eurem Treffen bestanden aus einigen „mmmh“s, Fragezeichen, Querstrichen, Klammern, aus einigen zusammenhangslosen Wörtern und einem vorbeifahrenden Auto. Barbara Köhler hat einen kleinen Essay zur Reflexion der Methode eines literarischen Selbstgesprächs und dessen Schwierigkeiten und Grenzen geliefert. Welche Voraussetzungen muss eine Künstlerin / ein Künstler für ein literarisches Selbstgespräch mit dir mitbringen?

 

AN: Wenn man Regeln aufstellt – auch wenn es noch so minimale Regeln wie bei mir sind, die nur einige formale Rahmenbedingungen betreffen, wie dass es in mündlicher Form geführt werden muss – so laden diese Regeln immer dazu ein, unterlaufen zu werden. Ich denke, Peter Waterhouse und Barbara Köhler hatten wohl beide Vorbehalte gegenüber der radikalen Mündlichkeit der Selbstgespräche. Ich transkribiere ja alles ohne es zu glätten.

 

Bisher habe ich drei Selbstgespräche aufgenommen und transkribiert, welche die Autoren dann schlussendlich doch nicht veröffentlichen wollten. Das ist immer eine Option, die Autoren und Autorinnen dürfen auch ganz am Schluss noch sagen, dass sie es lieber doch nicht veröffentlichen wollen. Das Risiko trage ich allein.

 

Und es gibt eine Voraussetzung, ohne die es gar nicht geht: Vertrauen. Viele reagieren zögerlich und ausweichend auf meine Einladung, bekunden prinzipiell Interesse, weswegen ich sie dann fix einplane, und erst nach sehr langer Zeit geben sie zu, dass sie sich doch nicht trauen und lieber keines machen möchten. Das macht die Planung zusätzlich schwierig.

 

MW: Für die Heftpräsentation der Wiener Zeitschrift Triëdere #13 (2/2015) mit dem Schwerpunktthema (Auto)Poetologien hast du eine Collage aus deinen Interviewtexten zusammengestellt. Hier findet sich der Satz „Also auch der Zuhörer beeinflusst ja eigentlich das, was ich spreche.“ Das bedeutet, dass die bei einem Selbstinterview anwesende Person einen enormen Einfluss auf das Gesagte hat.

 

AN: Der Satz stammt aus dem Selbstgespräch von und mit Wanda Koller, einer jungen Künstlerin, die ich auf der Raketenstation Hombroich kennen lernen durfte. Sie hat das sehr richtig erkannt. Ich sage nichts, aber meine Anwesenheit, mein Zuhören, hat sehr wohl einen großen Einfluss auf das Gesagte. Es kommt da ganz viel hinzu, Alter und Geschlecht spielen eine Rolle, aber auch, wie gut mich mein Gegenüber kennt. Autoren und Autorinnen, die ich im Vorfeld bereits rezensiert hatte, wie Marcel Beyer oder Ilma Rakusa, brachten mir dann beim Selbstgespräch ein sehr großes Vertrauen entgegen, auch wenn wir uns davor persönlich noch nicht gekannt hatten.

 

MW: Es bedeutet auch, dass jemand in einem Selbstinterview in Anwesenheit einer völlig anderen Persönlichkeit als dir höchstwahrscheinlich über etwas völlig anderes sprechen würde.

 

AN: Ja. Ort und Zeit spielen auch eine große Rolle. Und selbst wenn ich mit ein und derselben Person ein weiteres, zweites Selbstgespräch aufnehmen würde, wäre es komplett anders. Die Selbstgespräche sind immer auch eine Momentaufnahme und dadurch nicht wiederholbar sondern immer neu.

 

MW: Die Selbstinterviews sind mit einer Menge Arbeit verbunden. Du tippst die Gespräche, die keine zeitliche Grenze haben und teilweise ziemlich lang sind, ab, du lässt sie vom Sprechenden Korrektur lesen, arbeitest Änderungswünsche ein. Was reizt dich daran? Was für eine Motivation, welches Erkenntnisinteresse steckt dahinter?

 

AN: Ja, es steckt ein ungeheurer Aufwand dahinter. Vorbereitung und Nachbereitung sind sehr zeitaufwändig. Manchmal kommt auch noch zusätzlich hinzu, dass das Selbstgespräch auf Englisch oder Französisch geführt wird und ich es dann auch noch übersetze. Und das Transkribieren ist ein Knochenjob, vor allem, wenn man das Selbstgespräch irgendwo unterwegs aufnimmt, in einem Café zum Beispiel und die Hintergrundgeräusche zu laut werden, weil sich dann währenddessen jemand an den Nebentisch setzt und ein lautes Gespräch führt, oder wenn auf der Straße plötzlich die Kirchenglocken zu läuten beginnen und nicht mehr aufhören. Und man glaubt es nicht, aber aufmerksames Zuhören ohne etwas sagen zu dürfen ist auch sehr anstrengend. Die längsten Selbstgespräche dauerten rund eine Stunde am Stück, das ist nicht ohne. Ein normales Gespräch ist so aufgebaut, dass sich Sprechen und Zuhören im besten Fall abwechseln, man kann unterbrechen, widersprechen, nachfragen, selbst etwas sagen, oder sprechend Nachdenkpausen einlegen. Aber sobald das Aufnahmegerät läuft, habe ich die Zügel ganz aus der Hand gegeben und bin damit auch bis zu einem gewissen Grad selbst ausgeliefert, weil ich eben nichts mehr sagen darf.

 

Mich fasziniert an den Selbstgesprächen, dass es jedes Mal aufs Neue ein Experiment mit offenem Ausgang ist. Jeder und jede reagiert anders auf die Situation und die Nicht-Fragestellung. Ich sehe die Reihe als einen Freiraum, den ich geschaffen habe und mit dem jeder und jede umgehen kann, wie sie möchten. Der Motor hinter allem ist meine Neugier, mein Interesse und die große Wertschätzung, die ich meinen Künstlerkollegen und –kolleginnen entgegen bringe. Wie ich Julietta Fix schrieb, als auch der letzte Förderantrag für fixpoetry.com im Jahr 2018 ohne nähere Angabe von Gründen abgeschmettert wurde und sie sehr verzweifelt war: „Wir haben nichts, aber wir können trotzdem etwas geben. Sehr viel sogar.“

 
 

Über diesen Link finden sich alle literarischen Selbstgespräche auf Fixpoetry.com, bei denen Astrid Nischkauer keine Fragen stellte.

Die literarischen Selbstgespräche finden sich auch auf der Homepage von Astrid Nischkauer.

 
 
 

 

 

  1. Rooney Mara in: SONG TO SONG (Regie: Terrence Malick)
  2. Sandra Bullock in: THE NET (Regie: Irwin Winkler)
  3. Evangeline Lilly („Kate“) in: LOST (Regie: Damon Lindelof)
  4. Alexandra Maria Lara in: CONTROL (Regie: Anton Corbijn)
  5. Laura Dern in: INLAND EMPIRE (Regie: David Lynch)
  6. Winona Rider in: NIGHT ON EARTH (Regie: Jim Jarmusch) und in REALTY BITES (Voll das Leben), Regie: Ben Stiller
  7. Nicole Kidman, in: THE INTERPRETER (Die Dolmetscherin), Regie: Sydney Pollack
  8. Scarlett Johansson, in: LOST IN TRANSLATION (Regie: Sofia Coppola)
  9. Monika Vitti, in: LIEBE 1962 (Regie: Michelangelo Antonioni)
  10. Naomi Watts, in: MULLHOLLAND DRIVE (Regie: David Lynch)
  11. Martina Gedeck in SOMMER 04 (Regie: Stefan Krohmer)
  12. Irène Jacob in DREI FARBEN ROT (Regie: Krzysztof Kieślowski)

 

to be continued

2019 30 Jan

To get through the fence

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Es kommt nicht oft vor, dass im Bonusmaterial einer DVD ein Interview mit der Kostümbildnerin enthalten ist. Eher finden sich Interviews mit Schauspielern und manchmal habe ich mich darüber gewundert, wie wenig Hintergründiges (oder vermeintlich Tiefsinniges) diese über einen Film zu sagen haben. Erst durch das Buch „Die Kunst der Filmregie“ von David Mamet wurde mir klar, warum Schauspieler eher wenig über einen Film wissen sollten. „Hinzu kommt“, schreibt Mamet in seiner Klage über schlechte Schauspieler, „daß die meisten Schauspieler versuchen, ihre Intellektualität einzusetzen, um die Idee des Films wiederzugeben. Aber das ist nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe besteht darin, so einfach wie möglich die spezifische Handlung, die das Drehbuch und der Regisseur von ihnen fordern, Handlungsschritt um Handlungsschritt auszuführen.“

 

Jaqueline West, Konstümbildnerin bei dem Film „Song to Song“ unter der Regie von Terrence Malick, hat mich mit ihrer Sichtweise auf den Film überrascht. Sie sagte, die Dreiecks-Liebesgeschichte hätte sie an Simone de Beauvoir, Nelson Algren und Jean-Paul Sartre erinnert. Sie sprach von einer Frau, die ihre sexuelle, intellektuelle und künstlerische Freiheit erforscht und dabei Männer auf eine Art benutzt, wie diese es oft mit Frauen tun. Ich holte die Monographie über Simone de Beauvoir von Christiane Zehl Romero aus dem Bücherregal, blätterte darin und las die Passage über ihre Beziehung zu Algren, die im Nachhinein, wen wundert´s?, von beiden Seiten sehr verschieden beurteilt wurde. Jaqueline West hatte sich darüber Gedanken gemacht, wie der Kleidungsstil der jeweiligen Charaktere deren Persönlichkeit spiegelt. Eine schöne Begründung für dunkle düstere Farben: Sie lässt die Seele strahlen, das Gesicht.

 

Ich war über die Suche nach weiteren Filmen mit Ryan Gosling auf „Song to Song“ aufmerksam geworden, Stichworte wie Musikszene in Austin, Texas / exzentrische Lichtgestalt / explosives Dreiergespann. Ryan Gosling spielt hier ganz den good guy und hat mich in dieser Rolle nicht ganz so begeistert wie in „Stay“ oder „Drive“. Entdeckt habe ich Rooney Mara. Im Covertext wird die von ihr gespielte Figur, Faye, zwar als ambitionierte Musikerin bezeichnet, sie spielt Gitarre, im Film aber wir erleben nie, wie sie völlig in der Musik aufgeht. Sie ist okkupiert von ihrer Identitätssuche und damit, in ein Umfeld zu gelangen, in dem sie bekommt, was sie braucht. „Always been afraid to be myself. Thought there was no one there.“ Over-Voice Passagen sind charakteristisch für das filmische Werk von Terrence Malick, ebenso wie schnelle, harte Schnitte, ein dynamischer Kamerablick, meditative Bilder, Motivwiederholungen (Bäume, Äste, der Blick in den Himmel, Schwärme von Vögeln, Gardinen, Berührungen von Gesichtern, die schmalen Bäuche der Frauen, eine Tanzeinlage in der Stunde, bevor es dunkel wird, und immer wieder in verschiedenen Formen das Wasser, die Berührung mit Wasser, die Weite der Landschaft, das Licht). Plötzlich spricht eine Nebenfigur von ihrem Leben wie in einem Dokumentarfilm. Einmal wurde eine Sequenz aus einem Schwarzweißfilm eingefügt. Patti Smith erklärt Faye in einem Café, dass die alten Gitarren die Songs schon in sich tragen, sie sagt, sie könne stundenlang einen Akkord spielen, und fängt damit an. Das sind Autorenfilme, Filme mit Handschrift. Die Dramaturgie liegt ganz in den Bildern, in der Atmosphäre, die sie erzeugen.

 

  • What do you see?
  • A pool.
  • It´s a stage.

 

Die Geschichte ist das, was im Unterbewusstsein zwischen den Schnitten passiert. Faye trägt anfangs verschiedene Perücken, sie spielt mit ihrer Identität, sie sucht sie, ihre Identität ist nicht einfach da, sie muss sie, wie jede Künstlerin, jeder Künstler erschaffen. Die Körper verändern sich, die Gesichter. Es geht nicht darum, dass eine Schauspielerin einfach eine Handlung ausführt. Es geht darum, dass sie durch die Art, wie sie es tut, etwas zeigt. Malick und Mamet leben in verschiedenen Welten. Mamet geht davon aus, dass jeder Film ein Drehbuch hat. Terrence Malick filmt ohne Drehbuch.

 

Partys am Pool. Live-Konzerte. Drogen, experimenteller Sex. Tell me, what really scares you? You killed my love.

 

Umherziehen, zu zweit, wie die Vögel. Nur neben dir sitzen. Verzaubert sein.

Es war ein langer Weg (ein Buch, eine Radiosendung, Pläne, Zufälle, dieselbe Leidenschaft, eine Freundschaft, eine kleine Provokation und viel Mut), der dahin führte, dass in diesen Tagen der zweisprachige Gedichtband Wörterbücher | Diccionarios als zweites Buch in der feinen Heidelberger Dependance des Hochroth Verlages erschien. Es begann vor etwa dreieinhalb Jahren, als ich über ein Poesieportal eine Mail von Geraldine Gutiérrez-Wienken erhielt, die fragte, ob sie zwei Gedichte aus meinem Band in ihrer spanisch-deutschen Radiosendung Poesía beim Bermudafunk Mannheim veröffentlichen könnte. Einige Zeit später trafen wir uns zum ersten Mal, an einem sonnigen Spätsommertag, an der Treppe zum Architekturmuseum, am Main. Menschen, die man ohne Personenbeschreibung, ohne Foto erkennt. Nach unserer ersten Begegnung schrieb mir Geraldine: „Ich denke, wir werden viele Projekte zusammen auf die Beine stellen und darauf freue ich mich.“ Wir übersetzen gemeinsam Gedichte aus dem Spanischen. Nun spreche ich zwar weder Spanisch noch verstehe ich es, ich habe jedoch durch einen Übersetzungsworkshop in Istanbul den Mut mitgenommen, mich vom wortwörtlichen, peniblem Übersetzen, wie ich es aus den alten Sprachen in der Schule kannte, zu lösen. Da Sprache sowieso nichts abbilden könne, hatte Kurt Drawert in seinem Einführungsvortrag gesagt, könne der Dichter allenfalls eine Ahnung von dem haben, worüber er im Gedicht spreche. Der Nachdichter müsse eine Ahnung von der Ahnung des Dichters haben. Das klang nach Freiheit und das gefiel mir. Bei der Frage, ob die Übersetzung im Hinblick auf den Originaltext verantwortet werden kann, hat Geraldine immer das letzte Wort.

 

Die spanische Lyrikerin Trinidad Gan stellt »Wörterbücher« des Lebens aus nächster Nähe zusammen. Ob auf Europas Straßen, beim Betrachten eines zerbrochenen Spiegels oder der Anrufung eines Belastungszeugen, in ihren Gedichten lodert die starke Flamme des Verlangens und der Wirklichkeit, ganz in der Lyriktradition eines Luis Cernuda oder Federico García Lorca.

 

Hier ist das Titelgedicht:
 
 

DICCIONARIOS

 

Al enfrentar lenguajes construimos

un muro para apartar las sombras

y trazamos, llevados por el pánico,

fronteras que contengan la vida y su avalancha.

 

Mas, cuando ella nos toca,

con su borde afilado, con su frágil belleza,

es tarea perdida.

                         Si restalla en los labios,

¿qué muralla podremos alzar entre los hombres?

 

Era tu noche triste, la mía de abandono.

En aquel alfabeto que yo no conocía

me hablabas, extranjero,

de los años pasados: deseo y literatura.

 

Bajo la lluvia fría vi mezclarse

las raíces comunes de nuestros diccionarios

y ya sólo escuché arder un eco:

dos voces conjugando la soledad vencida.

 
 

WÖRTERBÜCHER

 

Wenn wir uns mit Sprachen beschäftigen,

ziehen wir eine Mauer um uns, um Dunkles auszulöschen.

Wir bauen, aus Panik, Grenzen,

hinter denen das Leben mit seinen Lawinen liegt.

 

Aber wenn das Leben uns packt

mit seiner scharfen Kante,

seiner zerbrechlichen Schönheit,

wenn es zuckt oder zittert in unseren Lippen,

wie könnten wir dann an eine Mauer denken?

 

Era tu noche triste. Meine Nacht war Mutlosigkeit.

In einem Alphabet, das ich nicht kannte,

sprachst du zu mir, Fremder,

über die vergangenen Jahre: Sehnsucht und Literatur.

 

In einem kalten Regen erkannte ich

die gemeinsamen Wurzeln unserer Wörterbücher,

ich spürte, wie sie sich vermischten, und es glühte

ein Echo: die Einsamkeit zweier Stimmen

aufgehoben in ihrer Verbindung.

 
 
 
Hier ist der Link zum Buch.

 

Auf der Titelseite findet sich eine Zeichnung von Juan Luis Landaeta, einem Venezolanischen Dichter und Künstler, der in New York lebt.
 
 
 

 

Three Billboards outside Ebbing, Missouri. When I met A almost a year ago at a literal event each of us took a piece of paper and wrote down some recommendations concerning film, music and poetry for the other one. This film was on the top of A´s list. Maybe some of you remember the billboards in Antonioni´s Zabriskie Point. Hypocritical advertising in Los Angeles suggest your dreams come true as a consumer. In Three Billboards a woman as a mother rents three billboards by the access road to town for a year for political reasons. This movie is about taking revenge with an impressive ending. Chief of police is played by Woody Harrelson (True Detective I) who, again, is a family father.

 

M – eine Stadt sucht einen Mörder, von Fritz Lang. I became aware of this film through a book about lighting in movies, which I want to come back to later. In this film, which deals with the search for a child murderer, lightning plays a decisive role as a stylistic device. I wouldn´t have recognized it without the reference from the book. Already the first scene, children playing in a backyard in Berlin, is nightmarish and concerning the light you just don´t know what time it is. Keep an eye on the shadows throughout the movie, there is a change in the lightning concept at one point. The film was shot in 1931. Goebbels offered Lang the position as head of the film industry. Lang said he would think about it and emigrated in the US.

 

Auf der Suche nach der Seele der Landschaft. Die Natur vor uns. Ein Film von Niels Bolbrinker in Zusammenarbeit mit Christiane Stahl. 5 Filme von Alfred Ehrhardt. Avant-garde landscape films from the time of the 30s to 60s, of which I was most impressed by the shots on the North German Wadden Sea and even more in Iceland. Alfred Ehrhardt was a photographer of the new objectivity. Inspiring ideas for photographers. Hans-Dieter, our Manafonistas Iceland expert, to whom I recommended the film some time ago, was enthusiastic about the Iceland part.

 

Hiroshima mon amour, directed by Alain Resnais. Film en noir et blanc de 1959 sur un traumatisme politique et privé. En fait, il y a plusieurs traumatismes politiques et plusieurs traumatismes privés. Mais le film montre aussi comment le traumatisme peut être surmonté.

 

Tequila Sunrise, directed by Robert Towne. I decided to buy this film because of a film setting I had seen in the portrait film about Michael Althen “Was heißt hier Ende?”: Two men sitting by the sea as silhouettes with an impressive coloured sunset. Well, this was a quick shot. I enjoyed the beginning, some mysterious appointment, a scene in a hotel room, the tense between four men and you could smell vaguely some forthcoming solid argument or crime. But in the end it was a superficial mainstream end 80s thriller with ingredients like cocaine, a fight for a beautiful woman and some surprises which cannot rescue it all. But if you like the end 80s, the Californian landscape, men wearing sunglasses and being really cool, you might have a good time.

 

Iwans Kindheit, von Andrej Tarkowskij. Der Film wurde mir vor vielen Jahren von jemandem empfohlen, der einfach nur sagte, der Film sei sehr gut. Mehr wollte er nicht sagen. Der Titel landete dann auf einer to-watch Liste, letztlich kaufte ich vor ein paar Monaten eine Auswahl von Tarkowskij-Filmen, von denen mich Iwans Kindheit besonders berührt hat, den Stalker hatte ich schon. Es ist die Geschichte eines 12-jährigen Jungen, der während des Zweiten Weltkriegs für die Rote Armee als Späher tätig ist, allein unterwegs durch von kleinen Gewässern geprägte, weite sowjetische Landschaften. Es gibt Rückblenden aus der früheren Kindheit, einmal war sein Gesicht glücklich gewesen. Dark stuff.


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