Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Das normale literarische Lesepublikum, das sich seinen Stoff in Buchhandlungen oder im Internet besorgt, hat meist keine Ahnung von der Existenz einer enormen Vielfalt an Literaturzeitschriften, die sich in einer Art Zwischenzone befinden. Vielleicht kennt man aus einer guten Buchhandlung Zeitschriften wie Sinn und Form oder Neue Rundschau, aber ich spreche hier von Magazinen, die manchmal in einer Auflage von weniger als hundert Stück erscheinen und die einzig vom Engagement der Redaktion leben und davon, dass Autorinnen und Autoren ihre Texte ohne Honorar zur Verfügung stellen und sich trotzdem unglaublich freuen, Teil von etwas zu sein. Mit der Verbreitung des Internets seit der Jahrtausendwende kamen Onlinemagazine dazu. Ich habe diese Welt erst entdeckt, als ich zu schreiben begann und erste Publikationsmöglichkeiten suchte. In Handbüchern für Autorinnen und Autoren, zum Beispiel in dem Standardwerk, das Sandra Uschtrin seit Jahrzehnten herausgibt, findet sich immer auch ein Kapitel mit einer Übersicht von Literaturzeitschriften.  Der Schriftsteller Arno Dahmer hat im vergangenen Jahr eine Online-Literaturzeitschrift für kürzere Texte gegründet.

 

Martina Weber: Arno, du hast vor drei Jahren deinen Erzählungsband Manchmal eine Stunde, da bist du im Mirabilis Verlag veröffentlicht und im vergangenen Jahr die Online-Literaturzeitschrift Das-Prosastück.de gegründet. Mittlerweile sind zwei Ausgaben erschienen, die erste am 20. Juli und die zweite am 30. Oktober. Auf der Website schreibst du, du möchtest „Prosa fürs Ohr“ vorstellen. „Kürzere Texte, die sich durch Sprachmusikalität auszeichnen: Prosagedichte, Prosaskizzen oder auch in sich geschlossene Auszüge aus Längerem.“ Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Literaturzeitschrift zu gründen, und wieso dieses Profil?

 

Arno Dahmer: Die Idee ist vor allem aus Leseerfahrungen entstanden, denn ich schätze Texte dieser Art besonders. In meiner Schulzeit diktierte uns ein Lehrer mal ein Stück aus Thomas Manns kurzer Erzählung „Enttäuschung“ – was eigentlich wohl geschah, um die Zeichensetzung in langen Sätzen zu üben, für mich aber eine Art literarisches Erweckungserlebnis war: Mir wurde bewusst, wie herrlich eine Prosa sein kann, die dicht und melodisch ist. Später habe ich dann mit Begeisterung Gottfried Benns „Gehirne“ gelesen, die (wenigen) Prosagedichte Stefan Georges und viele von den Prosastücken Robert Walsers – um nur einige Werke bzw. Autoren herauszugreifen, die zu dem Entschluss beigetragen haben mögen, „Das Prosastück“ zu gründen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller – das muss ich in diesem Zusammenhang noch loswerden – ist Peter Kurzeck (1943-2013), der Romane schrieb, aber in einer ausgesprochen musikalischen, leicht experimentellen Sprache.

Ein anderes Motiv dafür, eine derartige Zeitschrift ins Leben zu rufen, war, dass ich lyrische Prosa – speziell kurze Texte dieser Art – für eine zu wenig beachtete und in gewisser Weise verkannte literarische Gattung halte. Die reine Lyrik hat immerhin ihre gut ausgebaute Nische: Es gibt Lyrikwettbewerbe, -festivals, -zeitschriften, sogar Lyrikverlage. All dies existiert für die lyrische Prosa nicht oder nur in geringerem Maße. Auf der anderen Seite passt sie aber auch nicht so recht zu einem weitverbreiteten Verständnis von Prosa, dem zufolge ein Prosatext eine Handlung und einen Länge von mehreren Seiten haben muss bzw. ansonsten etwas Unfertiges und/oder Läppisches ist – so als wäre Kurzprosa etwas, das immer nur als Fingerübung oder als Nebenprodukt auf dem Weg zum Roman oder zur längeren Erzählung entsteht. – Mit dem „Prosastück“ hoffe ich, eine Plattform schaffen zu können, auf der lyrische Prosa nicht am Rand, sondern im Zentrum steht, einen Rahmen, in dem sich im Idealfall der Reiz solcher Texte auch Lesern erschließt, die bisher wenig oder keine Berührung damit hatten. Abschließend möchte ich zum Konzept der Zeitschrift noch anmerken, dass zwar der Schwerpunkt auf lyrischer Prosa liegen wird, klassisch erzählte Kurztexte deshalb aber nicht prinzipiell ausgeschlossen werden sollen – siehe die Geschichte von Ralf Schwob in Ausgabe 2.

 

MW: Wie bist du vorgegangen, nachdem die Idee und der Plan da waren? Hast du dich erst um den technischen Aspekt des Aufbaus einer Internetseite gekümmert oder um die Textsuche, oder ging das parallel?

 

AD: Das lief parallel. Bzw. hatte ich mit dem technischen Aspekt wenig zu tun, weil eine Webdesignerin sich darum gekümmert hat. Aber natürlich hatte ich eine bestimmte Vorstellung im Hinblick auf die grafische Gestaltung, die auch weitgehend umgesetzt werden konnte.

 

MW: Stand für dich von Anfang an fest, dass du das Projekt allein durchziehst?

 

AD: Diese Aussage würde ich gern etwas differenzieren. Ich sehe das „Prosastück“ nämlich nicht als reines Solo-Projekt. Bei der Erstellung der Seite haben mich der Grafiker Florian L. Arnold (der übrigens auch Autor und Verleger ist) und die Webdesignerin Doreen Schiwek unterstützt. Zudem gibt es, hochtrabend ausgedrückt, einen Beirat, das heißt einen Kreis von Personen, der mir Texte empfiehlt – und das will ich auch noch ausbauen. Im Wesentlichen ist die Zeitschrift momentan aber schon ein Einmannbetrieb, was vor allem damit zu tun hat, dass Absprachen mit anderen Redaktionsmitgliedern sehr zeitaufwendig wären.

 

MW: Wie verlief die Textauswahl?

 

AD: Sehr unkompliziert. Da sich in Ausgabe 1 und 2 ausschließlich Texte von Autoren finden, die mir empfohlen wurden oder auf die ich selbst zugegangen bin, habe ich praktisch nur sehr gute und zum Profil der Zeitschrift passende „Prosastücke“ erhalten. Mal schauen, ob es auch in Zukunft so einfach sein wird.

 

MW: In welchen Abständen soll eine neue Ausgabe von Das-Prosastück.de erscheinen?

 

AD: Anvisiert sind zirka vier Ausgaben pro Jahr. Zum Glück ist man da bei einem Online-Magazin völlig flexibel: Je nachdem, wie viele geeignete Texte mir zur Verfügung stehen werden, könnte die Zahl der Ausgaben höher oder auch niedriger liegen.

 

MW: Wie findest du Leser*innen für Das-Prosastück?

 

AD: Durch Mundpropaganda in weiterem Sinne, das heißt einschließlich Kanälen wie Facebook.

 

MW: Geplant ist auch eine Auswahl von Texten als Printmagazin. Hast du auch darüber nachgedacht, Das-Prosastück generell in gedruckter Form zu publizieren? Ein Printmedium erfordert ja auch eine ganz andere Logistik als eine Onlinezeitschrift.

 

AD: Darüber habe ich in der Tat nachgedacht. Doch zum einen frage ich mich, ob eine regelmäßig erscheinende Literaturzeitschrift in gedruckter Form nicht schon fast ein Anachronismus ist. Und zum anderen hast du mit „Logistik“ ein wichtiges Stichwort genannt: „Hauptamtlicher“ Herausgeber kann und möchte ich nicht sein.

 

MW: Geplant sind – laut Website – auch Videointerviews mit Autoren und interessanten Persönlichkeiten des literarischen Lebens. Das klingt ambitioniert. Wieso Videointerviews und keine geschriebenen Interviews? Hast du schon Kandidat*innen für diese Interviews?

 

AD: Obwohl ich ein extrem textaffiner Mensch bin, finde ich gefilmte Interviews lebendiger und in der Regel ansprechender als verschriftlichte. (Weil ich gerade ein Interview gebe, das in schriftlicher Form erscheinen soll, trete ich da jetzt sozusagen in mein eigenes Fettnäpfchen …) Außerdem sehe ich in Videointerviews (auch Videolesungen oder eine Kombination aus beidem wären denkbar) eine Möglichkeit, dem Nutzer des „Prosastücks“ auch auf der visuellen Ebene etwas zu bieten, denn das Internet ist ja ein bildlastiges Medium. – Eine kleine Liste von Kandidaten habe ich bereits erstellt; da aber noch nichts abgesprochen ist, wäre es ungeschickt, Namen zu nennen. Prinzipiell kämen für solche Interviews insbesondere Autoren in Frage, die lyrische Prosa schreiben. Andererseits möchte ich es darauf nicht beschränken: Interessant fände ich auch Gespräche mit (Klein-)Verlegern, Literaturveranstaltern, Lehrern für kreatives Schreiben oder mit Menschen, die mehrere Rollen spielen, also zum Beispiel Autor UND Verleger sind.

 

MW: Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir weiterhin viel Elan und Freude mit deinem Projekt.

 

 

XV

 

esta noche no intentaremos recordar

 

se abrirán sombras

caerá el alboroto en la mordedura de sus pájaros

estaremos felices

 

arrepentidos

 

XVI

 

duelen estas ganas de luto

 

de amanecer recogiendo plumas

en patios ajenos

 

ganas de ser ella

 

XV

 

heute Abend versuchen wir uns nicht zu erinnern

 

Schatten öffnen sich

die Erschütterung verschiebt sich auf die Bisse der Vögel

 

wir sind glücklich

mit schlechtem Gewissen

 

XVI

 

diese Lust auf Trauer tut weh

 

bei Tagesanbruch

in fremden Höfen Federn aufzuheben

 

Lust sie zu sein

 
 

Aus dem Zyklus Luba / Luba

 

Jacqueline Goldberg dokumentiert in ihren Gedichten alle Arten des Zitterns, des Hungers und der Entwurzelung. Ihre Erinnerungen sind das Erbe ihrer Vorfahren. Goldbergs Sprache ist zugleich brüchig und sehr genau. Letztendlich sind wir nicht, was wir sagen. Wir sind mehr.

 
 

Tienen parecido a tantas cosas mis manos:

a una palmera,

un cuervo,

un tizón,

leguas marinas,

un alud,

un tren,

una mazorca,

un súbito desamparo.

 

[…]

 

Por el temblor he conocido

la ceguera,

la mudez,

la sordera,

la anosmia.

 
 

Meine Hände ähneln so vielen Dingen:

einer Palme,

einer Krähe,

Kohle,

Seemeilen,

einer Lawine,

einem Eisenbahnzug,

einem Maiskolben,

einer plötzlichen Hilflosigkeit.

 

[…]

 

Durch das Zittern habe ich die Blindheit kennengelernt,

das Stummsein,

Taubheit und den Verlust

des Geruchssinns.

 
 

aus dem Zyklus El cuarto de los temblores/Zitterzimmer

 
 

Neuerscheinung im hochroth Verlag Heidelberg:

Jacqueline Goldberg – Ich bin nicht, was ich sage | No soy lo que digo

Aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Martina Weber

 

hochroth Heidelberg 2020

ISBN: 978-3-903182-54-7

42 Seiten, 19 x 13 cm, Broschur, 8 €

Jedes Buch ist handgefertigt.

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite.

 

 
 

The Comet is Coming: Trust in the Lifeforce of the deep Mystery [The Overcoming of fear]

Pan American: A Son [Lässigkeit in der Landschaftserfahrung]

Oren Ambarchi: Simian Angel [Vor allem der erste Track eignet sich bestens dazu, die Orientierung zu verlieren. Die leicht verwirrende Verfilmung auf youtube hat bei mir Chris-Marker-Sans Soleil-Erinnerungen geweckt. Fehlt nur noch der Text.]

Underworld: Drift Series [Alles, was ich bisher davon gehört habe, fand ich cool.]

Will Burns & Hannah Peel: Chalk Hill Blue [Berührende Gedichte in klassischer britischer Tradition, ganz auf den Punkt, alltagsnah und doch immer mit einem Schweben. Will Burns´ Gedicht „change“ wird in meiner Übersetzung im Jahrbuch der Lyrik 2020, herausgegeben von Christoph Buchwald und Dagmara Kraus, im März 2020 bei Schöffling & Co. erscheinen.]

Multicast Dynamics: Lost World [Dank an Ingo für den Hinweis]

 

Vielleicht wächst man in eine solche Lebenshaltung hinein. Als ich aufs Gymnasium kam, waren in meiner Klasse 39 Schülerinnen und Schüler. Es hätte nur einer gefehlt, um eine weitere Klasse zu bilden, aber sie hatten vor auszusieben. Damit nicht einige Schüler ein ganzes Jahr in die letzten Reihen verdammt waren, führte die Klassenlehrerin ein routierendes System ein. Jeden Montag wechselten wir die Plätze, immer eine Reihe weiter nach hinten, und wenn wir in der letzten Reihe angekommen waren, mussten (oder durften) wir in der kommenden Woche in der ersten Reihe sitzen. Wir behielten das jahrelang bei. Irgendwann fiel mir auf, dass die Schrift der Lehrer vorn auf der Tafel immer verschwommener wurde, je weiter hinten ich saß. Ich versuchte es, logisch zu erklären, aber Beate, meine Banknachbarin schien keine Probleme damit zu haben. Besonders dramatisch: die Folien mit ihrer winzigen Schrift, die der Erdkundelehrer so gern auf den Overheadprojektor legte. Ich hielt lange durch, gewöhnte mich an eine gewisse Unschärfe, die die Welt für mich weicher werden ließ. Es lag immer etwas dazwischen. Ich fühle mich gleichzeitig unsicher und geschützt. Mein Vater sagte, wenn du achtzehn bist, bekommst du Kontaktlinsen. Als ich meine erste Brille aufsetzte, war ich schockiert von der Brutalität der Schärfe: die Brillengestelle im Optikerladen, der Blick in den Spiegel. Draußen die Straße mit ihren Schildern, weit weg, und dennoch: spontan lesbare Schrift. Alles war gleichzeitig da. Mir wurde so schwindlig, dass ich mich setzen musste.

Zwei Takte rhythmisches Saxophonspiel.

Die ganze Aufregung liegt leider in der Unschärfe. Im flüchtigen Wahrnehmen und im blinden Rausch liegt das ganze Glück.

Das erste Bild: ein misslungenes Foto. Da ist eine Wiese, am Horizont eine Reihe von Bäumen. Darüber eine Schicht von Farblosigkeit und Grau. Im Vordergrund ist nichts erkennbar, weil alles weiß und überbelichtet ist. Es sind erst zwanzig Sekunden, und schon weiß ich, dass ich den Film mögen werde. Die Sätze, die Sprache, die Stimme. Die Bilderwelt, die sich entzieht. Weil die Welt damit angefangen hat, sich zu entziehen. We should synchronize.

Eine junge Frau mit dunklem Haar ist hier unterwegs. Ist egal, ob es ein kleiner verlassener Flugplatz ist oder was anderes. Alles ist in ihren Gedanken, auch wenn es den Mann wirklich geben wird, den sie an einem Tag im Februar getroffen hat. Ein Magier, der immer verschwindet. Auch wenn es die Zeichnungen aus Kohlestift gibt. Portraits, die sich verwandeln. Das Gespräch mit einer Freundin, und das Mädchen, das ihre Hand erst hält und später einfach davonrennt.

 

Gudrun Krebitz: Achill (2012). Länge: 8:53, verfügbar bis 20.12.2019 unter diesem Link.

Was mir an Michaels Moderationen oft aufgefallen ist, waren Bemerkungen der Art, wie Musik ein Raumgefühl schafft, Räume öffnet und imaginäre Landschaften spürbar werden lässt. War mir der Gedanke – wir unternehmen hier einen großen Zeitsprung, bis ins vergangene Jahrtausend – zunächst noch unvertraut, wurde mir die Kategorie schließlich zu einem entscheidenden Element. Ich erinnere mich, damals lief Michaels Sendung noch vierzehntätig montags zwischen 1:05 Uhr und 2 Uhr, an eine Retrospektive über die aus Virginia stammende Gruppe Labradford, wie sie von Album zu Album karger wurden in ihren Kompositionen, abstrakter, und, bevor gar nichts mehr blieb, löste sich Labradford auf. Marc Nelsen als den Sänger von Labradford zu beschreiben, wäre übertrieben. Nelsen streute eher gelegentlich seine Sprache in die Klanggebilde ein. Ich empfand es als beruhigend. Ich besorgte mir alle Alben von Labradford, A Stable Reference (1995), Prazision LP (1993), E luxo so (1999), fixed: context (2000) und irgendwo dazwischen einfach nur Labradford. Wie die Landschaft immerzu in Bewegung bleibt, sich weitet, den Blick zum Himmel, zum Horizont, immer auf etwas irgendwie Schroffes. Jean Baudrillard schreibt in seinem Essay Amerika (1987) im Rahmen einer Gegenüberstellung Europa – USA: „Unser Freiheitsbegriff wird nie mit ihrem räumlichen und beweglichen konkurrieren können, der aus der Tatsache folgt, daß sie sich einst aus jeder historischen Zentralität befreit haben.“ Neulich las ich, zum zweiten Mal, die Autobiographie des US-amerikanischen Schriftstellers James Salter, Verbrannte Tage. Ich hatte von Salter die Erzählungsbände gelesen und einige Romane. Ausgezeichnet in Stil und Dramaturgie. Figuren, die sich in etwas verrennen. Salter hatte einige Zeit in Frankreich gelebt, in Deutschland, in Rom. Auch er beobachtete Unterschiede im Raumgefühl. Über Europa schrieb er: „Die wirklichen Einwohner beanspruchen keinen Raum.“ Seit 1998 veröffentlichte Marc Nelson seine Musik auch unter dem Namen Pan American. Er führte seine Arbeit mit elektronisch geprägten Alben von großer Ruhe fort, zum Beispiel The River Made No Sound. Renzo. Quiet City. cloud room, glass room. Für mich sind es Klassiker. Musik, die ich immer auflegen kann. Vorgestern erschien ein neues, wunderbares Werk von Pan American: A Son. Unter diesem Link könnt ihr das komplette Album hören. 

 
 

2019 9 Nov

Le Monde selon Radiohead

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Gestern Abend lief auf ARTE eine sehr sehenswerte Dokumentation über Radiohead, die Entwicklung ihrer Arbeit, angefangen von ihrem Durchbruch mit dem Song Creep (1993) bis zu ihrem Album A Moon Shaped Pool (2016). Es geht um ihr politisches Engagement, Bezugspunkte ihrer Alben, Prägungen durch George Orwell, Naomi Klein, Noam Chomsky und Thomas Pynchon und den Zeitgeist der 70er und 80er Jahre. Der Film dauert 53 Minuten und ist unter diesem Link bis 6. Januar 2020 verfügbar.

 

 
 
 

Das Cover in Signalfarben, irreal. Als würde man ein tanzendes Paar durch ein seltsam geformtes Schlüsselloch in einer Traumwelt betrachten – oder in einer Vergangenheit, in einer Zukunft, als Ideal oder als Horrorbild. Alles ist möglich. Kill-your-darlinge ist das Lyrikdebüt von Julia Grinberg, das Anfang September im Frankfurter Gutleut Verlag erschien. In Grinbergs Vita finden sich Namen von Staaten, die es nicht mehr gibt: Geboren in der UDSSR, aufgewachsen in der DDR, lebt in der BRD. Es gibt einen russischen Touch in ihrer Aussprache, ich habe die Autorin lesen gehört und ich kann mir ihre Stimme vorstellen, während ich ihren Gedichtband lese. Es gab, in den Siebzigern ff., die Diskussion, ob anhand eines Textes das Geschlecht des Schreibenden erkennbar ist. Grinbergs Gedichte sind existenziell, kraftvoll, frisch, stark, lässig, authentisch, mutig, klug, cool, verspielt, selbstbewusst und humorvoll; das lyrische Ich ist ausgeprägt, oft dezidiert weiblich, und es steht in heftiger Auseinandersetzung mit dem, was man die Realität nennt, also mit allem, was so ansteht. Dichtung ist hier spürbar Notwendigkeit. Von Text zu Text verwandelt das lyrische Ich zwar vielleicht nicht seine Umgebung, aber ganz sicher sich selbst. Oder, wie es in dem sehr gelungenen Zyklus in der Mitte des Buches heißt: so lange mond in wein tunken, bis / eine lieblose welt sich galvanisiert. Wie die in einem Gedicht genannten literarischen Referenzen (Bukowski, Houellebecq, Jelinek) nimmt Grinberg in ihren Gedichten kein Blatt vor den Mund.

 
 
 

los, verzieh dich

 

für mich bist du endlich gestorben. gebe dir ein paar tage, bis

deine reste an meinen beinen entlang triefen. es ist zeit, sich

der arbeit zu widmen.

 

wäre gut, einen job aufzunehmen, wo meine marotten nicht

sofort sichtbar sind. die polizei zum beispiel ist ausgeschlossen.

da, wo ergebnisse vorzuweisen sind, darf ich nicht dran. eine

krähe balanciert auf dem zypressezweig, dafür habe ich wörter.

ich stelle mir die autorin eines engelsbuches als rundäugige

engelin vor. ich kann unwichtiges, unnötiges. ich kann nachgeben:

aus güte oder gleichgültigkeit.

 

ein radfahrer traut sich nicht, auf einem engen pfad mich zu

überholen. irgendwann wagt er es. ich bin an der reihe, seinen

hübschen hintern zu betrachten. nun sind wir gegenseitig zufrieden.

 
 
 

Die kleine grammatikalische Unkorrektheit im letzten Satz („gegenseitig zufrieden“ statt „beide zufrieden“) gibt der Aussage einen ungewohnten Nebeneffekt. Ich mag die Stellen, in denen der poetische Mehrwert durch Widersprüchlichkeit einer Aussage hergestellt wird: es ist traurig oder auch nicht / nacht zu begehen wie einen kleiderschrank. Oder das Spiel an der Bar mit Wörtern: sich an der bar präsentieren, schön, lächelnd. / kristall, vasen, vasektomie. Und etwas später, wir befinden uns immer noch im Zyklus mond in wein tunken, ein  ganzes Gedicht, das nur aus Subtext besteht und so beginnt: silberne nadel spießt schläfen auf.

Das tanzende Paar. Eine ausgebleichte oder eine bearbeitete Fotografie. ich prüfe meine kraft, spüre ihren willen, schreibt Grinberg. Das Bild auf dem Cover taucht noch mehrmals im Innern des Buches auf, Schwarz-weiß. Die Silhouette der Frau ist dunkelgrau und kleiner als die des Mannes. Auf einem der Bilder scheint etwas anders zu sein, ich kann nur noch eine Person darauf erkennen. Vielleicht hat das Paar auch nur aufgehört zu tanzen.

Schade, dass du so lange keine Links mehr auf Kurzfilme gepostet hast, sagte mir jemand auf dem letzten Manafonistentreffen. Einige Jahre lang nahm ich jede Woche die Sendung Kurzschluss auf ARTE auf und brachte zu der Film-AG, deren Mitglied ich war, Kurzfilme als Vorfilm mit. Dann aber schien sich etwas zu ändern. Immer öfter fand ich Kurzfilme belehrend, die Botschaft plakativ. Die Filme wirkten, als seien sie dafür gemacht, sie im Ethikunterricht einer zehnten Klasse einzusetzen. Eine Filmemacherin, mit der ich darüber spach, sagte mir, die Filmförderung mit ihren Vorgaben hätte den Kurzfilm ruiniert. Good news, es geht auch noch anders. Court circuit, das Kurzfilmmagazin auf ARTE, läuft wöchentlich in der Nacht von Freitag auf Samstag. Neulich lief Der Taucher / the diver von Michael Leonard und Jamie Helmer, ein australischer Kurzfilm (13 Minuten, über diesen Link verfügbar bis 13.10.2020). Ein junger Mann lebt mit seinen Eltern abgelegen am Wald und an einem See. Irgendetwas an ihm ist seltsam, aber ist es wirklich seltsam? Wie Leonard und Helmer im Zoom erklärten, war Ausgangspunkt des Filmes ein Bericht über einen verhaltensauffälligen jungen Mann, der in Australien großes Aufsehen erregt hat. Sie recherchierten dessen persönliches Umfeld. Das Spektrum psychischer Erkrankungen sei weit. Es gebe kein Entweder – Oder. She piruettes this way and that way and then she falls.

 
 

Im Original ist das, was hier auf dem Coverfoto silbriggrau erscheint, ein glänzendes tiefes Schwarz. Das wirkt viel dezenter und weniger plakativ. Sven Lattemann schreibt über das Album:

 

Was BOHREN UND DER CLUB OF GORE besonders gut können, was sie auf „Black Earth“ in Perfektion ausspielen, das ist die Fähigkeit, der Trostlosigkeit und der Schwermut unerschrocken ins Gesicht zu blicken. Es wird kein Satan beschworen, keiner verlorenen Romanze schluchzend nachgeweint, nicht drogengeschwängerten Fantasien nachgehangen. Hier wird in poetischer Manier nachts um halb Drei das letzte Bier an der geschlossenen Bude getrunken, das Weihnachtsfest allein gefeiert und die verflossene Beziehung leidenschaftslos per SMS abgeschlossen. Alles mit einem Achselzucken, aber dafür wirkungsvoll eingefangen im Stile eines Schwarz-weiß-Horrorfilms.

 

Musik, die in aller Stille unter die Haut geht und dort ihre beruhigende Wirkung sicher entfaltet. Wenn sich seltsame Störgeräusche einschleichen und Sie nicht sicher sind, ob das gewollt ist (es ist nicht gewollt), wechseln Sie das Abspielgerät.

 
 

Cloud Atlas: Empfehlung von Uli auf der gemeinsamen Rückfahrt vom letzten Manafonistentreffen. Was mich sofort überzeugt hatte, war seine Beschreibung, es gehe um verschiedene Personen, die in Handlungszusammenhängen völlig unterschiedlicher Epochen (von einer Urzeit bis in die ferne Zukunft) gezeigt werden, wobei bestimmte Charaktere immer wieder vorkommen bzw. von den gleichen Schauspielern gespielt werden. Hollywood-Bombast, aber gigantisch.

 

Gang of Four (Viererbande, La bande de quatre), von Jacques Rivette, dessen Filme ich am liebsten auf französisch mit englischen Untertiteln sehe. Es ist nicht wirklich eine Viererbande, es sind vier Schauspielschülerinnen, die den gleichen Kurs einer undurchschaubaren, strengen Dozentin besuchen und gemeinsam in einem Haus am Rand von Paris leben. Viele Theaterproben. Und das Verschwörungstheorieelement, das Rivette gern in seine Filme einbaut. Und dann ist es doch eine Viererbande, auf bestimmte Art.

 

A Single Man spielt im Jahr 1962 in Los Angeles. Ein britischer Collegelehrer verbirgt einen Teil seiner Vergangenheit und weiß nicht, wie er weiterleben kann. Der Film ist nicht so düster, wie es klingt.

 

Der letzte Tango in Paris ist der Grund dafür, warum Maria Schneider in dem nächsten Film, in dem sie eine Hauptrolle spielte, nämlich Antonionis „The Reporter“, keine Nacktaufnahmen machen wollte.  Um einen Tango geht es nicht wirklich. Und der Schluss hätte von Jacques Rivette sein können.

 


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