Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2018 7 Jul

Sans soleil

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„Die Sache, die den meisten von uns fehlt, und vor allem auch den Cineasten, das ist die Z-e-i-t. Die Zeit zu arbeiten, und auch nicht zu arbeiten, die Zeit zu reden, zuzuhören und – vor allem – zu schweigen, die Zeit zu filmen und keine Filme zu machen, zu verstehen und nicht zu verstehen, erstaunt zu sein und zu warten auf das Staunen, die Zeit zu leben.“ Dies schrieb Chris Marker in einem Essay zu „Kashima Paradise“, einem Dokumentarfilm, der im Jahr 1974 in Paris lief. Chris Marker hatte sich Zeit genommen, für ausgiebige Reisen, fürs Fotografieren, zum Schreiben. Er setzte verschiedene Mythen über seine Herkunft in die Welt, benutzte einen Künstlernamen und ließ sich nicht gern fotografieren. Anfang der 50er Jahre begann er, Filme zu drehen. „La Jetée“ (1962) ist ein Science-Fiction-Kurzfilm, eine Erzählung, die aus einer Aneinanderreihung von Schwarzweißfotos besteht. Es geht darum, Zugang zu einem zentralen Erinnerungsbild zu finden. Wir befinden uns in einem zerstörten Paris während oder nach dem dritten Weltkrieg. Eine Eschertreppe. „Sans soleil“ oder auch „Sunless“ kam 1983 in die Kinos und wird unter der Rubrik „Essayfilm“ gehandelt. Es ist ein Meisterwerk, ein Meilenstein in der Filmgeschichte. Ich habe „Sans soleil“ erst vor etwa vier Jahren gesehen, da muss der Film im Fernsehen gelaufen sein, ich fand den Film konfus und anstrengend, aber auch anziehend und ich spürte, dass der Film etwas hatte, mit dem ich mich genauer beschäftigen wollte, wenn die Zeit dafür passend war, weil ich den Zugang haben würde, zu dem Themenkomplex Reise, Erinnerung, Gedächtnis, Unterbewusstsein, Geschichte. Normalerweise würde kaum jemand den Text zu einem Film recherchieren und lesen wollen. Bei „Sans soleil“ macht es Sinn, jedenfalls wenn man versuchen möchte, das Gespür für die Magie des Filmes zu verfeinern, das Wiederaufgreifen von Motiven, das Januarlicht auf den Treppen, die Zeremonien, Verführungsrituale, die Poesie und wie Hunde herumtollen am Meer. Ich gehöre zu denen, die es lieben, sich zu verzetteln, cut-ups in Raum und Zeit, und ich saß mit einem kleinen Ordner an Filmbesprechungen zu „Sans Soleil“ und Essays aus Fachbüchern in einem Café-Antiquariat in Budapest, die Nachmittagssonne schien schräg auf die Bücherregale, ich hatte einen iced Matcha-Latte ausgewählt  und es war wahrscheinlich der friedlichste Ort, den ich in dieser Stadt finden konnte. Die Offenheit in der Struktur, das Gegeneinanderspiel von Bild, Ton und Text, das Gesagte und das Ungesagte, eine Liste von allem, was das Herz höher schlagen lässt. Bruchstücke eines Spiegels, das Eintauchen in einen kollektiven Traum. Eine Frau gibt wieder, was ihr ein Mann (der Kameramann) schrieb oder erzählte. Der Reichtum an Themen ist enorm, manches wird angerissen, angedeutet, an anderer Stelle wieder aufgenommen oder auch nicht. Der Text ist weitaus eigenwilliger als ein traditioneller Essay. Der Film gibt vor allem Einblicke in die japanische Alltagskultur, kleine Alltagsrituale, das Stehenbleiben vor Ampeln, der 15. Januar als der Tag der zwanzigjährigen Frauen, die mit ihren Winterkimonos durch die Straßen spazieren. „Die Weide betrachtet umgekehrt / das Bild des Reihers“ (Basho). Wie funktioniert das Erinnern? Wie funktioniert das Vergessen? Es gibt das Denkmal eines treuen Hundes, der seinen Herrn jeden Tag am Bahnhof erwartete, auch als dieser gestorben war. Kaum jemand im Westen weiß vom kollektiven Trauma in Okinawa gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Chris Marker hat das Thema in seinem Film „Level five“ wieder aufgegriffen und dabei die Witwe des Programmierers eines Computerspiels in den Mittelpunkt gestellt, in ihrem Versuch, im Computerspiel den Verlauf der historischen Geschehnisse zu verändern. „Sans soleil“ ist ein Palimpsest, eine Partitur, die Einblendungen diverser Dokumentarfilme anderer Filmemacher enthält. Bilder aus Afrika, aus Island, aus Guinea-Bissau. Auch mal: minutenlanges Schweigen. Das Herzzerreißende der Dinge. Flaschen, die aus dem Fenster geworfen wurden. Es gibt die „Zone“, ein Begriff, der allen vertraut ist, die Tarkowskijs „Stalker“ gesehen haben, und der hier, bei Chris Marker, für die eigene Erinnerung steht: bearbeitetes Material, speicherungsfähig. Das Digitale, seine Möglichkeiten, seine Zerstörungskraft. „Sans soleil“, das ist, so heißt es im Text, eine Materialsammlung für einen Film, der nie gedreht werden soll. Und sind es nicht die Widersprüche in einem Kunstwerk, die wir suchen, die Leerstellen, die Risse, durch die wir die Kraft des Lichts umso intensiver fühlen, weil wir sie nur ahnen? Es gibt eine längere Passage über den einzigen Film, der, so heißt es, das wahnsinnige Gedächtnis auszudrücken vermag, Hitchcocks „Vertigo“. Die Suche nach den Schauplätzen in San Francisco. Alles war da. Die Brücke, das Auge des Pferdes, die Bucht. Der Briefschreiber (Chris Marker oder der Kameramann) hat „Vertigo“ neunzehn Mal angeschaut. So weit würde ich nicht gehen. Ich könnte mir eher vorstellen, „Sans Soleil“ neunzehn Mal anzusehen. Der Film ist in seiner Gesamtstruktur so wenig greifbar wie die Magie eines vielschichtigen Gedichtes, er entsteht in jedem Betrachter auf andere Art. „Sans soleil“, das ist auch der Versuch, sich an einen Moment des Glücks zu erinnern. Der Film beginnt mit einem schwarzen Startband, ein Moment des vollkommenen Glücks. Die Schnitttechnik zeigt erst am Ende, wie gefährdet dieses Glück bereits zu Beginn des Filmes war. „Sans soleil“ ist der Versuch, einen Trost zu schaffen, für etwas, wofür es keinen Trost geben kann.

2018 11 Mai

Wildnis

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Irgendwo am Missouri, in der Nähe des Yellow Stone. Es ist die Zeit vor dem Wintereinbruch. Die Gruppe der Jäger hat viel mehr Felle erbeutet als erwartet. Aber es kommt anders. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die wichtigsten Utensilien fürs Überleben eine Wasserflasche und ein Stein, um Feuer zu machen. Der Himmel ist immer weit und die Zeichnungen der Wolken. Die Halme am Abend im Gegenlicht. Der Nebel, wie er schwebt über der Steppe. Wege, die keine Wege sind. Zwei schmale Streifen der Schneelandschaft schimmern in der Pupille des gestohlenen Pferdes. You out there? When there´s a storm and you stand in front of a tree … if you look at its branches, you swear it will fall. But if you watch the trunk, you will see its stability. In diesem vom Western inspirierten Film aus dem Jahr 2015, The Revenant (Der Rückkehrer), ist die sonst so ausgeprägte temporeiche Handschrift von Alejandro González Iñárritu kaum wiederzuerkennen. Eine große Stärke ist die Innenwelt der Hauptfigur Huge Glass, die von Leonardo DiCaprio gespielt wird. Die eben erschossene Frau liegt am Boden. Ein kleiner Vogel schlüpft aus dem Ausschnitt ihres Kleides und fliegt davon.

2018 8 Mai

Die Grammatik des Films

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Wenn Sie heute Beethoven hören und seinen plötzlichen Wechsel von Tonart, Rhythmus und musikalischem Fokus, ist es, als könnten Sie hören, wie die Grammatik des Films – Schnitte, Überblendung, Auf- und Abblenden, Mehrfachbelichtung, Totalen, Großaufnahmen – musikalisch entwickelt wird.

Michael Ondaatje: Die Kunst des Filmschnitts

 

Vor ein paar Tagen hat Schöffling & Co. die Belegexemplare verschickt, Honorare gibt´s keine, aber das macht nichts, denn im Jahrbuch der Lyrik vertreten zu sein, hat immer noch etwas von einer Adelung und ich erinnere mich an T., mit dem ich viele Jahre lang im Austausch stand und der mir einmal – er tendierte gern zum Pathos – schrieb: „erst jetzt, wo ich im Jahrbuch bin, kann ich mich wirklich als Dichter bezeichnen.“ Seit 1979 ist Christoph Buchwald ständiger Herausgeber des Jahrbuchs (das eine Zeitlang nur alle zwei Jahre erschien) und lässt sich bei jeder Ausgabe auf Diskussionen mit einem anderen Copiloten ein, in diesem Jahr Nico Bleutge. Und das sind die Regeln: Einreichen darf jede und jeder maximal zehn Gedichte, die (noch) nicht in einem eigenen Gedichtband veröffentlicht sind. Nachdem die Herz-Schmerz-Texter mit dem Einsenden aufgehört haben, sind es, so Christoph Buchwald, pro Jahr 600 bis 900 Einsendungen, also bis zu 9000 Gedichte, von denen in diesem Jahr 119 Lyrikerinnen und Lyriker ausgewählt wurden, die meisten mit einem, wenige mit mehreren Gedichten. Der Auswahlprozess ist von Offenheit und Unbefangenheit geprägt („keine Rücksichtnahme auf Freunde, Verwandte, Verlagsangehörige, Geliebte oder bestimmte lyrische Schulen“) und dies sei, so Christoph Buchwald in einem seiner beliebten Selbstinterviews im Nachwort, einer der Gründe dafür, dass das Jahrbuch überlebt habe. Da die Lyrikszene klein ist, hat das Jahrbuch etwas von einem virtuellen Klassentreffen. Ich habe das Buch schon fast durch und gerate immer wieder ins Staunen, wie einzelne Bekannte, die sich seit Jahren auf eine bestimmte Poetologie festgelegt zu haben schienen, diese ändern, Haken schlagen, oder wie andere, mit deren Texten ich bisher nichts anfangen konnte, mir gerade jetzt in einem anderen Licht erscheinen und für meine eigene Arbeit plötzlich absolut notwendig werden. Musiktipps gibt´s auch, bei Ulf Stolterfoth werden die throbbing gristle erwähnt, und die bow bells. Die Themen? Nun, in Gedichten geht es eher weniger um benennbare Themen, eher geht es um alles oder jedenfalls um etwas, was man nicht direkt benennen könnte,  – das macht die Magie ja aus. Und Trends? Nico Bleutge schreibt in seinem Nachwort, ein großer Impulsgeber seien innere und äußere Landschaften. Liebesgedichte fand ich eher wenige; das Thema scheint durch (kleiner Witz). Unter die Haut ging mir die Anschaulichkeit in der Abstraktheit im Liebesgedicht von Nadja Küchenmeister („es beginnt mit einer hand, die um einen schlüssel wächst./ es beginnt mit einem schlüssel, und es endet ohne tür.“). Ja, und Grenzen werden ausgelotet, zur Prosa, zum Essay und bis in die Wortlosigkeit hinein, mit der Oswald Egger die inhaltliche Spannung seines „insichdichteste(n) Gedicht(s)“ mittels Klammern und kleinen Häkchen wie mit einem selbstgeschaffenen musikalischen System veranschaulicht. „Die Poesie riecht zu sehr nach Poesie. Die Philosophie zu sehr nach Philosophie. Die eine wie die andere leiden an einer schrecklichen Redundanz. Geziertheit des Verbs, Geziertheit in der Tiefe. Beide langweilen uns gleichermaßen.“ Dies schreibt Jean Baudrillard in seinem poetischsten Buch, den Cool memories 1980-1985, einer Sammlung meist kürzerer Statements mit alltäglichen Beobachtungen und Gedanken, geschrieben im Stil der Freiheit eines Blogeintrags, dem die Zahl der clicks egal ist. Der Vorwurf Baudrillards trifft das aktuelle Jahrbuch eher nicht. Nach der Auswahl der Gedichte steht für das Herausgabeteam die Frage nach der Anordnung der Texte im Buch an. Die Anordnung in sieben Kapitel und die Korrespondenzen zwischen Gedichten, die nebeneinander stehen – das ist sehr fein austariert. In einem achten Kapitel findet sich eine Auswahl an übersetzten Gedichten, fast alle aus dem Englischen. Dass schon immer mehr Gedichte geschrieben als gelesen werden, ist bekannt. In Buchhandlungen gibt es immer weniger Gedichtbände und selbst nach Lesungen, die größeres Publikum anziehen, werden kaum Gedichtbände verkauft. Die Auflage des ersten Jahrbuchs der Lyrik (1979) betrug 8000. Vom aktuellen Jahrbuch wurden 2000 Exemplare gedruckt. Christoph Buchwald schreibt dazu in seinem Nachwort: „Was ist an vermutetem gleichbleibenden Interesse an Gedichten an die Stelle des stillen Lesens eines Gedichtbandes gekommen (und sei´s auf dem E-Reader oder Tablet)? Und warum?“

 

 

 

 

2018 30 Apr

Die Zauberin

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Das Päckchen mit dem handgeschriebenem Brief, einem antiquarischen Buch und dem Album kam völlig unerwartet. Heute war der passende Tag, das Album zu hören. E. hatte auf die Rückseite der CD-Hülle einen kleinen gelben Zettel angebracht, auf dem unter anderem folgendes stand:

 

jemand hat sie mal „die Zauberin“ genannt. Sie ist sehr besonders – die Musik – keine gute-Laune Musik. Hat viele Vorzeichen. Dennoch –

 

Ich setzte die Kopfhörer auf und hörte das Album zwei Mal komplett durch. Und, ja, ich bin verzaubert.

 

Vielleicht war es nur diese Stunde, aber die Stadt war mir nie so schäbig, so verlassen vorgekommen; ich hatte das Gefühl, dass nur Jasper, ich und der Taxifahrer übrig waren, vielleicht noch das Arschloch, das mein Auto gestohlen hatte, wenn er nicht schon halb die Küste rauf war. Der koreanische Taxifahrer wirkte verstört, schon als ich einstieg, und er wurde immer aufgewühlter, während wir die Stadt durchkreuzten. Die ganze Nacht, laut wie sie war, hatte sich selbst aus den Angeln gehoben, die übliche Kakophonie von Sirenen und Hubschraubern hatte sich aufgelöst, Leere, und nur der Wind kam durchs Taxifenster und die Geräusche rennender Schritte und Schreie im Dunkeln, die weder nach Menschen klangen noch nach Tier. Durch die Äste der Bäume, die durch die Winde von Santa Ana rausgerissen waren, sah ich, wie Fensterläden schlugen und Fenster geschlossen wurden, um die Nacht draußen zu halten. Hinter der Windschutzscheibe war der Himmel rot vom Feuer. Brennen sie heute wieder?, fragte ich den Fahrer, aber alles, was er antwortete – und er musste es fünf Mal wiederholt haben zwischen Hollywood und dem Rangierbahnhof östlich des Zentrums – war „Heute Nacht seltsame Stadt, seltsame Stadt“ und er sagte es auf eine Art, dass ich nicht sicher war, ob es sich um eine verschlüsselte Nachricht handelte oder nur um gebrochenes Englisch.

 
Steve Erickson: Amnesiascope, Übersetzung: Martina Weber

Eine Autofahrt durch Los Angeles bei Nacht. Sunset Boulevard, Bevery Hills, der Black Clock Park. Wer von der Zed Zeitzone in die Mulholland Zeitzone gelangt, muss die Uhr acht Minuten vorstellen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Aber man verliert die Orientierung schnell. Im Autoradio läuft Jajoukamusik aus Nordafrika, immer auf Station 3. Es war Vivs Idee, Sarah zu kidnappen und während der Erzähler im Rückspiegel zusieht, wie sich Viv und Sarah gegenseitig entkleiden und küssen, weiß er selbst nicht, ob das schon die Probe für den Pornofilm ist oder noch ein Teil der Bewerberauswahl. Von der Ocean Zeitzone geht es in die Zeitzone des Vergessens. Elf Minuten Zeitunterschied. Wer ist hier verantwortlich für den Plot? Justine findet sich überall in der Stadt auf Plakaten, niemand weiß, wofür sie wirklich Werbung macht, dieser rote Engel von L.A. Der Erzähler in „Amnesiascope“ arbeitet als Filmkritiker bei einer Zeitung, die Sache mit dem Pornofilm war eine gemeinsame Idee mit Viv. Weißes Geflüster. Eine Begegnung in einer Bar (oder nicht?), eine Begegnung im Hotel (oder doch nicht?). Und wie kommt es, dass immer wieder Leute in der Stadt über den Film „Der Tod des Marat“ diskutieren, wenn es den Film gar nicht gibt? Viv ist Künstlerin, ihr Projekt ist eine Konstruktion von Fernrohren, das Memoryscope, dafür reist sie nach Europa. Die Plakate mit Justine lösen sich auf, sie hängen in Streifen herunter. Die Zeitzonen werden kleiner und kleiner, bis es Millionen von Uhren gibt in der Stadt, und jede von ihnen zeigt eine andere Uhrzeit. Der Erzähler ruft eine Nummer an und er selbst meldet sich, ein Ich aus früherer Zeit. „Amnesiascope“, dieser wundervolle Roman von Steve Erickson aus dem Jahr 1996 wurde nie ins Deutsche übersetzt. Dieser Roman mit seinen doppelten Böden ist ein Grundlagenwerk zu Traumlogik und Apokalypse. Es gehört zu den Büchern, die wir deshalb brauchen, weil sie die Wirklichkeit unmöglich machen.

 

 
 
 

Wanna go to the theatre tonight? You prefer the movies? You like books, too? Well, in this film you are in a Broadway theatre, but in fact it´s a movie about a theatre play based on one of the most famous short stories by Raymond Carver. In the café bar next to the theatre sits Mrs. Dickinson from the New York Times and she said she´d write the worst critic ever. I went by bike to the DVD-shop, I just knew the film´s title, “Birdman”, a pure recommendation without any comment but “it´s about artists´ life and I really liked it”, and during the first minutes of the film I recognized the director from the plot´s energy and the camerawork and the way every actor affected the next line of the other. Film music´s just drums, solo drums. Oh, and Mrs. Dickinson critic was the best she ever wrote. But nowadays it´s not a critic in the New York Times which makes one famous, isn´t it?

 

2018 12 Mrz

The Level of Mystery

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I wait for wisdom and the moment when my life is revealed to have ballast, and in the waiting I´m left believing, fifty-one days out of a hundred, that God exists – or at least that life exists on the level of mystery – but also just suspicious enough, just faithless enough that, in my suspicion and faithlessness, I´m bound to proceed through the remaining forty-nine on the awful, nearly unspeakable assumpting that there is no mystery at all, only molecules.

Steve Erickson: Amnesiascope

2018 4 Mrz

Extraordinary Comics No. 5: Nur eine Zimmerecke

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Short short comics, die nur an einer Stelle spielen. Bei Bill Bragg ist es eine verschneite Straßenecke mit einer Laterne bei Nacht. Ich hatte – es ist eine Zeitlang her – hier darüber geschrieben, die kleine Bilderstory findet sich auf der Website des Künstlers. Richard McGuire hat für seine Comicerzählung „Here 1989“ ein noch unauffälligeres Setting ausgewählt:

 
 
 

 
 
 

Die Ecke eines us-amerikanischen Wohnzimmers wird zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen Reise durch Zeit und Raum. In den Hauptpannel werden immer wieder kleinere Pannels eingefügt, die sich manchmal nur auf ein Detail beziehen, etwa auf einen Hund oder ein vom Couchtisch fallendes Glas oder ein durchs Fenster geworfener Fußball. Alle Pannels sind mit Jahreszahlen versehen und scheinbar wild, aber doch durchdacht, gemixt; der Blickwinkel, die Achse des Betrachtenden ist immer die gleiche. Der zeitlich früheste Pannel eine glühende Erdmasse, der zeitlich späteste im Jahr 2033, das Haus steht nicht mehr und es findet eine Art militärischer Feier statt. Die Gesprächsfetzen sind knapp gehalten und banal. Historie und die Geschichten der Menschen mit ihren Wendepunkten spielen sich hauptsächlich zwischen den Pannels ab.

 
 
 

 
 
 

„Here 1989“ erschien erstmals auf sechs Seiten in schwarzweiß in dem legendären, von Art Spiegelman gegründeten RAW Magazin. Richard McGuire hat daraus inzwischen eine umfassende und farbig gestaltete Graphic Novel ausgearbeitet, die 2014 unter dem Titel „Hier“ bei DuMont erschienen ist. Ich hatte das Buch heute eine Weile in der Hand; mich hat allerdings der Charme des ersten Entwurfs mehr überzeugt. Entdeckt habe „Here 1989“ in Heft 2/2016 der Neuen Rundschau, die den Titel „Why I hate Poetry. Der neue amerikanische Essay“ trägt.

 


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