Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2019 19 Mai

Hello, it´s me

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Sometimes it takes a week to come up with the idea of making a simple phone call. In the room with the record player are four boys. On the other side of the line are four girls in trouble. (Originally they were five sisters, between 13 and 17 years old.) They are no longer allowed to listen to music. And that’s just one thing they’re not allowed to do. Their parents won´t even let them leave the house. What is the title of the film? Who is the filmmaker? The question for extra points: Did music save them?

 

Von 15. bis 19. Mai finden die diesjährigen Heidelberger Literaturtage statt. Am Freitag, den 17. Mai, um 16.15 Uhr, werden Geraldine Gutiérrez-Wienken und ich im Spiegelzelt auf dem Universitätsplatz unsere Übersetzungsarbeit präsentieren. Im Zentrum steht dabei der zweisprachige Gedichtband Wörterbücher / Diccionarios mit Gedichten von Trinidad Gan, die für die Veranstaltung aus Granada anreist. Ich bin sehr gespannt darauf, ihre Stimme zu hören und wie sie liest. Wie kann es gelingen, in einer Übersetzung neue Denk- und Ausdrucksweisen in die Zielsprache zu integrieren? Und woher kommt die Vorliebe für die Farbe Grün in der spanischen Lyrik? Trinidad Gan hat in ihrem Gedicht „El Viaje“ (Unterwegs sein) mit verschiedensten Nuancen von Grüntönen gearbeitet, aber worum geht es unter der Sprachoberfläche? # 18 der österreichischen Ausgabe der Triëdere (Zeitschrift für Theorie, Literatur und Kunst) hat das Thema (Gedichte) übersetzen. Ich hatte Geraldine vorgeschlagen, einen gemeinsamen Beitrag zu schreiben. Lass uns einfach jede ein paar Statements zum Übersetzen machen und wir stellen uns vor, wir sind zwei Schauspielerinnen auf einer kargen Bühne und jede erzählt ein Stück ihrer Geschichte. Betreten wir den Theatersaal. „Ein Gedicht ist für mich dann gelungen, wenn es nicht nach einer Übersetzung klingt. Im Idealfall ist die Übersetzung ein Text, den ich selbst gern geschrieben hätte.“ „Durch das Übersetzen bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass ich mich immer selbst übersetzt habe, seit meinem ersten Murmeln in meinem eigenen Sprachuniversum.“

2019 8 Mai

Facing the Unknown

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As for movies Harry Dean Stanton was the classical sideman. He played supporting roles amongst others in films directed by David Lynch, such as Wild at Heart, The Straight Story and Inland Empire. He played only two lead roles, one in Wim Wenders´ Paris, Texas, the other in Lucky, directed by John Carroll Lynch, who is not related to David Lynch. Lucky could also have been a documentary. It´s about an old man, 90 (give or take), living alone on the edge of a tiny town in the desert, high cacti in the front garden. Every day he starts with yoga exercises, he´s in good shape, lives his day with rituals. But he´s confronted with his mortality and seems helpless in dealing with it. You could call this the plot. Yep, it´s slow tempo, almost meditative, like the 100 years old tortoise Roosevelt walks somewhere around. It´s a film about letting things go (not to expect the tortoise returning) and looking at the danger with a smile. John Carroll Lynch talked about a moment when he and Harry just sat together in silence between two film shots and when the movie was finished (Harry didn´t experience the release of the film any more), someone gave Lynch a poster roll. It was the photo of that moment.

2019 24 Apr

Auszeit

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Der Hausschlüssel lag eingewickelt in Alufolie unter einem Stück Schiefer neben der Tür. Es war ein Reihenhaus, mit langgestrecktem Garten, der Blick auf bewaldete, niedrige Berge, in der Nähe ein Fluss und ein Stausee. Der Ortsteil war in den frühen 80er Jahren als Bauland ausgewiesen worden, etwas entfernt von der Durchgangsstraße hatte sich in rascher Folge ein Einfamilienhaus nach dem anderen angesiedelt, im Bewusstsein einer privilegierten Lage. Die Vorgärten waren herausgeputzt, aber meist pflegeleicht, unkompliziert. Here comes the Ice Cream Man mit seinem Kastenwagen und einer hellen Glocke in der Hand. Die Straßen beinah leergefegt. Unten am Fluss sitzen die jungen Leute und drehen ihre Musik auf. Der Sommer war schon angekommen, Ende April, im Netto verkauften sie Mini-Klimaanlagen, als wäre es für die Touristen. Wolkenformationen, ein Nachmittagsregen, dann glänzende Straßen. Der Zierbrunnen im Nachbargarten plätschert weiter.

Leben, bei Nacht

 

Da ist ein Teil von mir

der nicht kapieren kann,

wie wir auch nur hierhergekommen sind –

du mit fünfundzwanzig schon geschieden

und wir, als Paar, per Anhalter

die mesoamerikanische Küste rauf und runter

wie wir es uns als Fluchtweg immer ausgebrütet haben.  

 

Wo uns übel wurde von verdorbenem Eis,

nicht von den Trinkgelagen

gegen Mitternacht

mit Leuten, die spontan die Welt bereisen,

die Anrechte auf Immobilien geltend machen,

jenseits der Möglichkeiten eines Kredits

oder des rein Physischen.

 

Egal wie robust auch unsre Körper

wie eingehüllt in Kunststofffasern

wie geschwollen vom Krebs:

zu schlagen nicht mehr

als exakt eine Milliarde Mal,

wenn ungehindert,

ist die einzige Bedeutung des Herzens.

 

(übersetzt von Martina Weber)

 

2019 5 Apr

Darle tiempo al tiempo

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Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, waren alle Uhren verschwunden. Weder in der elterlichen Wohnung noch irgendwo draußen, er hatte beide Fensterflügel weit geöffnet, fand sich die Angabe einer Uhrzeit, auch nicht in der Zeitung, die wie immer zusammengefaltet im Briefkasten lag. Es gab die Uhrzeit nicht mehr. – Wie kämen Sie damit zurecht? Einen Tag lang, eine Woche, einen Monat, zwei. Wie stark würde sich Ihr Leben verändern? In seinem Buch Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen (1997) unterscheidet Robert Levine zwischen Menschen, deren Alltag stark von der Uhrzeit geprägt ist, und solchen, die die Zeit nach gesellschaftlichen Ereignissen messen und in der Ereigniszeit leben. Die Zeit vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik war geprägt von einer intensiven Standardisierung, Normalisierung und Normierung der gesamten Gesellschaft. Für uns heutzutage ist die Existenz der Uhrzeit so selbstverständlich, dass wir uns kaum vorstellen können, dass die Standardzeit erst im Jahr 1884 erfunden und gegen hartnäckigen Widerstand von Freigeistern eingeführt wurde. Robert Levine zitiert den Publizisten Charles Warner, der sich mit folgenden Worten gegen die nach einer Uhr gelebten Zeit wendet: „Das Zerhacken der Zeit in starre Perioden ist ein Angriff auf die persönliche Freiheit und läßt keine Unterschiede in Temperament und Wahrnehmung zu.“ Während seines Jahres in Trinidad, erzählte Robert Levine, hatte er gelernt, dass die Menschen eine persönliche Kontrolle über ihre Zeit hatten. Sie kamen oder gingen mehr oder weniger so, wie sie wollten oder sich fühlten. Die Zeit wurde mehr vom Verhalten als von der Uhr bestimmt. Verabredungen in Burundi wurden getroffen mit Bezug auf das Weideverhalten der Kühe (wenn die Kühe zur Weide gehen / wenn sie zum Fluss gehen etc.). Eine dunkle Nacht ist eine Wer-bist-du-Nacht: Man spürt, dass jemand da ist, aber man weiß nicht, wer es ist, und diese Frage ist der Gruß. Das Wohlbefinden eines Menschen hängt stark davon ab, wie das Zeitkonzept der Umgebung mit den eigenen Bedürfnissen harmoniert. Schrieb Robert Levine nicht von einem Paartherapeuten, der die Personen darum bat, das Empfinden der äußeren Zeit mithilfe eines Metronoms einzustellen, und wie aufschlussreich die Unterschiede in den Taktangaben waren? Darle tiempo al tiempo. Der Zeit ihre Zeit zu geben.

2019 28 Mrz

We live on memory

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Im November habe ich hier davon erzählt, wie ich in der Zeit, als ich selbst damit anfing zu schreiben, Texte von W.S. Merwin in einer Anthologie entdeckte und darauf in seinem Band „The Lice“ aus dem Jahr 1967 Gedichte fand, die mich mit ihrer postapokalyptischen Stimmung und ihren Bildern voller düsterer surrealer Magie berührten und begleiteten. „I with no voice“ „What did you take from me that I still owe you“ „Their eyes full of cotton“ „Whatever I have to do has not yet begun“ „In new rocks new insects are sitting“ „Just the same it´s a life it´s plenty“ „Feeling it´s worth it„. Angestrichene Zeilen. Dann viele Jahre andere Lektüre, andere Einflüsse, Distanz. Erst im November des vergangenen Jahres – der Zauber wirkte noch oder wieder und wahrscheinlich verwandelt – habe ich eine Handvoll Gedichte aus „The Lice“ und „The Rain in the Trees“ (1988)  ins Deutsche übertragen. Sie sind über die Suchfunktion hier auf dem Blog leicht zu finden, wenn man „W.S. Merwin“ eingibt. Vor ein paar Tagen las ich auf Fixpoetry.com, dass Merwin am 15. März gestorben war. Merwin war 91 Jahre alt und erblindet. Das Cover des Gedichtbandes „The Rain in the Trees“ zeigt den Dunst im Ohio Forest, Hawaii National Park. Auf der Rückseite ein Portraitfoto von Merwin: 50 Jahre alt, lockiges, teilweise graues Haar, er blickt am Betrachtenden vorbei, die Andeutung eines Lächelns, ein weißes weites Hemd ohne Kragen, und er wirkt so, als ob er für sich etwas definiert hätte. In der Einleitung zu dem Sammelband „The second four books of poems“ schreibt er, die Quellen der Poesie lägen in „sensibilities and sences, not in reasons and opinions“. Voraussetzung für diese Konzentration ist Unabhängigkeit, die zunächst eine materielle ist. „I managed to live on litte,“ schreibt Merwin, „Independence was something I treasured“. An einem der heißen Nachmittage im vergangenen August verdunkelte ich den Raum für den faszinierenden Portraitfilm „Even though the whole world is burning“. Merwin sagte: „In wildness is the preservation of the world. The wild is something that is terribly important to you and you can´t grasp it.“ Seine späten Gedichte sind voller Erinnerungen. Viele seiner Gedichte zeigen die tiefe Verbundenheit mit der Natur. Und immer bleibt ein Geheimnis. And you can´t grasp it.

 
 

Neumond im November

 

Ich habe Krähen beobachtet und jetzt ist es dunkel
Gemeinsam haben sie die Nacht in die knarrenden Eichen gelenkt
Unter ihnen höre ich wie die ausgetrockneten Blätter rascheln
Der Blinde
Sie sammeln ihre Federn vor dem Winter
neben der dämmrigen Straße, die der Wind nehmen wird
und die Kälte
und der Ton der Trompete

 
 

Original version: W.S. Merwin „New Moon in November“, in: The Lice

Translation: Martina Weber

 

Wie geht ihr, liebe Manafonistas und Blogleser*innen, eigentlich bei der ganz normalen (täglichen) Auswahl eurer Musik vor? Hat das irgend ein System? Welchen Impulsen folgt es? Hier ein kleiner Einblick in die seltsame Chaosstruktur meines Musikhörens der vergangenen Tage: So eher aus Zufall („andere Nutzer der Bibliothek interessierten sich auch für folgende Bücher …“) lieh ich mir aus der UB von Helmut Korte die Einführung in die systematische Filmanalyse aus und fand im Kapitel über der Analyse von Antonionis Zabriskie Point eine Tabelle mit dem Musikeinsatz und da hier Pink Floyd sehr präsent ist, legte ich Ummagumma auf, das Livealbum. Gefangen von der Psychodelik erinnerte ich mich an eine Aufnahme von Can und suchte sie, fand sie in einer Box, wobei mir allerdings eine Aufnahme von Talk Talk aus dem Jahr 1986 in die Hände fiel, das Konzert von Montreux, das ich im Deutschlandfunk aufgenommen hatte, leider nur zum Teil. It´s My Life. Such A Shame. Give It Up. Auf der Rückseite der Kassette befindet sich Sufi-Musik, die sich Jürgen Wasim Frembgn als Gast bei den Zwischentönen gewünscht hat, vermutlich vor ungefähr acht Jahren. Die Nacht in der Wüste, heißt das erste Stück, Stimmung der Landschaft aus Nordost-Iran. Das passt zwar gar nicht zu Talk Talk (und ich hörte nur ein paar Sekunden rein), aber schon eher zu Jürgen Ploog, der Reisen in den Orient wie Träume beschreibt. Idee eines Shelfie, Musik zu den passenden Büchern und DVDs zu platzieren. Geoff Dyer schrieb in seinem grandiosen Essay über Tarkowskijs „Stalker“, er hätte  dannunddann eine Ambient-Phase eingelegt und „Stars of the Lid“ gehört, (um etwas herauszufinden, was ich vergessen habe?) und ich fand Tracks aus „And Their Refinement Of Decline“ aus Michaels Sendung vom April 2007 (ich bin keine Archivarin, aber teilweise ziemlich gut organisiert). Inzwischen kam die Rother Box an. Fernwärme. Mir fällt auf, dass ich ein paar Wochen lang nicht Boards Of Canada gehört habe. That´s home.

2019 4 Mrz

Der Mann im Affenkostüm

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Die Frau vom Reinigungsteam steht mit einem Wagen voller Putzutensilien im Hotelflur und klopft an eine Zimmertür: „Housekeeping.“ Sie wartet, klopft wieder. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie stört, weil Gäste im Zimmer sind, ist gering. Sharm El Sheikh liegt an der Südspitze der Sinai-Halbinsel am Roten Meer, es war ein beliebter Urlaubsort in Ägypten, doch die unsicheren Verhältnisse nach dem Arabischen Frühling, die Angst vor Anschlägen haben die Touristen abgeschreckt. Die Urlauber bleiben aus. Die Liegestühle am Pool sind unbesetzt. Der Masseur formt aus dem großen Handtuch einen Elefanten. Die Räume werden gefegt, Fenster werden geputzt. Der Bademeister sitzt auf einem Hochstuhl und spricht ins Megaphon. „Jetzt beginnt unser Mittags-Sportprogramm. Machen Sie mit.“ Die Musik ist rhythmisch und leicht. Eine Gruppe junger Frauen macht ein paar Schritte hin und her, Bewegungen mit den Armen, einigermaßen synchron. Sie lächeln. Die Gäste dürfen Sie nur mit einem Lächeln sehen. Heißt es im Auswahlgespräch. Da ist der Stillsteher, der seinen Körper jeden Morgen mit bronzener Farbe bemalt, ein paar schwarze Streifen dazu. Er greift nach der Gitarre. Er ist bereit, sich für ein kleines Honorar fotografieren zu lassen. Aber niemand fragt. Die Gehälter werden gekürzt. Dreißig Prozent. Fünfzig. Die Shoppingtour mit der besten Freundin fällt aus. Am frühen Abend machen die Hotelangestellten einen Ausflug durch die Wüste. Eine Frau trägt eine rosa Mütze mit Hasenohren. Dream Away – ist es wirklich ein Dokumentarfilm? Ist es nicht doch inszeniert? Durch die Straßen fährt ein Pickup, auf dessen Ladefläche ein Mann im Affenkostüm steht. Immer wieder laufen einzelne Menschen dem Pickup hinterher und der Affe verwickelt sie in Gespräche. Er hat die Gesprächstechnik drauf. Sie sagen ihm alles. Ist ja doch nur ein Affe, der zuhört und spricht.

Geraldine Gutiérrez-Wienken zur Entstehung des Buches:

 

Im August 2017 fuhr ich nach Frankfurt zu Martina Weber zur Besprechung unserer Übersetzungen der Gedichte von Ángeles Mora. Wir arbeiteten bereits seit einigen Monaten an einer Textauswahl der spanischen Lyrikerin mit der Absicht, sie in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. Martina bereitete einen Sommertee vor, während wir uns über Teesorten, Lesungen und Lyrik austauschten. Wir begannen mit dem Gedicht „Veranos – Sommers“ und breiteten unsere Unterlagen auf dem Couchtisch aus. Wir arbeiteten so, dass ich die Gedichte Wort für Wort aus dem Spanischen übersetze, Martina an diesem Text feilte, um ihn in eine poetische Form zu bringen, und wir dann gemeinsam weiterarbeiteten. Es ist eine Bewegung, die etwas davon hat, sich vorzuwagen und sich dann wieder rück-abzusichern. Da es ein sonniger Nachtmittag war, schlug Martina vor, eine Radtour zu machen und die Arbeit im Park fortzusetzen. Sie sagte, sie hätte ein Fahrrad für mich, ihr Ersatzrad, ein Faltrad. Mir gefiel die Idee. Martina füllte den Tee in eine Thermoskanne und wir fuhren los. Ich war gespannt, wohin es gehen würde, denn sie hatte mir immer wieder von ihren Radtouren im Park und am Fluss entlang vorgeschwärmt. Der Park war riesig. Wir suchten eine Holzbank im Halbschatten auf. Dort sprachen wir über (unsere) Kindheit, Kinderspiele, die Angst der Kinder sowie über die Siesta, Sitten und Bräuche der Spanier. Martina wollte genau wissen, wie der Wagen, der im Gedicht skizziert wurde, aussah und wie das lyrische Ich darauf stand. Ich führte Martina vor, wie sich das kleine Mädchen (das lyrische Ich) auf dem Holzwagen bergab bewegte. Wir lachten vor Begeisterung und Martina erkannte sofort an der Poesie der Ángeles Mora ihren Mut und ihre Frische. Und das schönste war ihr Vers „Ich bremste nie“ (nunca frené). Dieser Vers verwandelte sich nun in eine Art Pfad für unsere gemeinsam übersetzte Publikation von

 

Ángeles Mora: “Spiegel der Spione | Espejo de los espías“.

Aus dem Spanischen von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Martina Weber.

Satz und Design: Eddy Rafael Reinoso.

Grafik: Josefina Wolf. Josefinawolf.com

hochroth Heidelberg 2019.

 

Und wer hätte es vor zwei Jahren gedacht, dass diese Publikation auch noch in der von mir gegründeten Verlagsdependance hochroth Heidelberg erscheinen würde.

 
 

Veranos

 

Siempre busqué el valor en los brazos del miedo.

En la siesta de la niñez sonaban,

al fondo de la casa, en el bochorno de la tarde,

voces entrecortadas, ecos de los mayores,

restos de conversaciones

dormidas

sobre las mecedoras.

 

Mientras tanto,

en la orilla de la siesta,

los críos escapábamos

al fuego de las calles.

Entre gritos compartíamos

un carro de madera deslumbrante

―mi caballo de adioses―

que bajaba la cuesta solitaria

chirriando sus ruedas metálicas,

abriéndose en la tarde pegajosa,

audaz, acelerado.

Yo me agarraba fuerte al manillar o a las bridas,

con el corazón en la boca.

Pero nunca frené. Sabía que al final,

en el llano, las ruedas locas calmarían su afán

y se detendrían justo allí,

donde las casas abren sus portales de sombra.

 

Para que al fin me alzara sobre mis piernas flacas,

temblorosas.

En medio de la calle.

En los brazos del miedo.

 
 

Sommers

 

Immer schon, wenn die Angst mich umklammert,

hab ich versucht, mutig zu sein.

In der unendlichen Siesta meiner Kindheit

im Inneren des Hauses, während der Schwüle der Abende

summten zögernde Stimmen, Echos der Älteren,

Fragmente schlaftrunkener

Konversationen

aus Schaukelstühlen.

 

Auf der anderen Seite dieser Siesta

flüchteten wir, die Kleinen,

raus auf die Straße, rein ins Gewühl.

Alle zusammen auf einem bombastischen Wagen

aus Holz – mein Pferd – ich hielt mich am ruckelnd

vibrierenden Lenker oder am Zaumzeug, und tschüss!

auf metallenen Rädern, runter auf einem einsamen

Hang, mein Herz

fiel in meine Hosentaschen, wir rutschten

in die Schwüle eines Abends.

 

Ich bremste nie. Ich wusste, irgendwann

würden die Räder, durchgedreht wie sie waren,

ihre Begierde stillen, und in der Ebene exakt

an der Stelle stoppen, wo Häuser

ihre Schattenportale öffneten.

 

Dann endlich würde auch ich aufrecht stehen, einfach nur

da sein, auf dünnen zittrigen Beinen. Inmitten

der Straße. In den Armen der Angst.


 
 

Im »Spiegel der Spione« verknüpft sich die persönliche Geschichte mit der kollektiven. Die Gedichte der spanischen Dichterin Ángeles Mora zeigen, dass das freie Ich eine Falle ist. Die Liebe spiegelt das Unbeständige und Widersprüchliche des gemeinschaftlichen Lebens und der Historie. Ángeles Mora zählt zur literarischen Bewegung »der anderen sentimentalen Bildung« (La otra sentimentalidad), die in Granada in den 1980er Jahren entstanden ist und nach der Aktualisierung des Petrarca-Liedes, der romantischen, ätherischen oder ahistorischen Form der Liebe strebte.

 

Und hier geht´s direkt zum Buch im Verlagsprogramm.


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