Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

 
 

Gelegentlich wurde hier auf dem Blog auf Unterschiede der Buchcovergestaltung von Original und Übersetzung hingewiesen. Kulturelle Codes, die in einem Land etwas antriggern, in einem anderen nicht – jedenfalls nach Einschätzung der Marketingabteilung. So entspricht das Arrangement auf dem Cover der deutschen Übersetzung von Chris Yates‘ Nightwalk wohl dem, was man hierzulande unter einem Aufbruch zu einer Nachtwanderung versteht: Da ist sich verdunkelnde, aber noch graue Himmel, da ist der unvollständige Mond, und wir sind umgeben von Ästen, Zweigen, Bäumen, die sich bald in Silhouetten verwandeln, und was sich uns dann, wenn wir es wagen, weiterzugehen, offenbart, auch wenn wir die Orientierung verloren haben, das ist im besten Fall pure Magie und unvergesslich. Die Nachtwanderung, an die ich mich am intensivsten erinnere, führte uns auf einem unbekannten Pfad im Odenwald in einen Waldweg hinein und immer weiter. Es waren Pfingstferien, ich war, was ich sehr selten tat, mit einer Gruppe unbekannter Jugendlicher auf einer Art Ferienfreizeit. Wahrscheinlich trug sie das Motto „Schau nach, was in dir steckt“ oder „Leben wär ’ne prima Alternative“, – tatsächlich gab es solche Veranstaltungen in dieser krisenbeladenen Zeit, in der wir nicht wussten, wann jemand in Moskau oder Washington auf den berüchtigten roten Knopf drücken würde, der die Welt in Atome zerlegt, noch bevor wir unser Abitur haben würden. Wir lebten eine Woche im Wald, schliefen in Holzhütten und jeden Tag gab es Diskussionen. Bis spät in der Nacht am Lagerfeuer zu sitzen und zu spüren, wie sich R, der sogar ein politisches Seminar leitete, immer näher zu mir setzte und schließlich sogar seinen Arm um meine Schultern legte, wühlte mich dann aber doch mehr auf als die politische Lage. Es war an einem späteren Abend, als R und ich im Wald spazieren wollten. Eine Schülerin fragte uns, ob sie mitkommen dürfte, und so gingen wir zu dritt. Wahrscheinlich redeten wir über alles Mögliche, mag sein, dass uns irgendwann eine Eule direkt in die Augen blickte oder dass ein Rotwild sein Geweih an einen Baumstamm stieß. Was ich nur weiß, ist, dass es sehr dunkel war. Plötzlich rannten von allen Seiten Schäferhunde auf uns zu, sie bellten laut und zeigten ihre spitzen Zähne. Ich war fest davon überzeugt, dass ich spätestens in einer Minute halb zerfletscht am Boden liegen und in diesem Wald sterben würde. Denn blendeten die Lichtkegel von Taschenlampen auf, das Grelle direkt im Gesicht. Es waren Soldaten. Wir hatten im Dunkel des Waldes ein Schild übersehen, das eine Sperrzone markierte und das Weitergehen untersagte. Sie machten uns Vorwürfe und ließen uns dann gehen. Wir hatten einander zwischendurch aus den Augen verloren. Als wir uns wieder trafen, kamen wir nah zusammen, zu dritt, und umarmten einander. Wir standen lange so da und sprachen nicht.

 

Von Samstag, 2.1., auf Sonntag gab es im Deutschlandfunk eine Lange Nacht zum Thema Rock- und Pop-Musik der fünf Jahrzehnte von 1970 bis 2020, zusammengestellt von Rainer Praetorius. Die dreistündige Sendung kann über diesen Link nachgehört werden, hier findet sich auch eine Titelliste. Der Anteil der Moderation ist extrem minimalistisch. Zuweilen beschränkt sich ein Übergang auf die Nennung einer Jahreszahl. Es wurde auch nur ein Teil aus der Liste gespielt. Meine Entdeckung war einer der wenigen Titel ohne Gesang: Untravel von Rival Consoles aus dem Album Persona (2018). Sehr lässig und unaufgeregt, doch mit einer subkutan tiefenwirksamen Spannungskurve.

 

Wer in North Dakota neben der Stelle, wo die nördlichen Eisenbahnschienen am Missouri entlangführen, unter einer Gruppe alter Amerikanischer Ulmen direkt auf die ersten Berge von Montana blickt und ein Loch gräbt, kann einen Eimer mit folgenden Gegenständen entdecken:

 

eine versilberte Blumenvase

ein Vergrößerungsglas

ein paar hellblaue Lockenwickler

einen Stapel von Schwarzweißfotografien mit Urlaubsfotos von den Pyramiden und anderen exotischen Plätzen von Übersee

eine Packung Camel mit Filter

ein Feuerzeug

einen Pfefferstreuer

eine bunte, handgroße Stoffpuppe

 

Würde ein archäologisch geschulter Zeitreisender aus einer fernen Zukunft versuchen, diese Gegenstände historisch zu verorten, würde er feststellen, dass die Fotografien einige Jahrzehnte älter sind als die Lockenwickler. Verschiedene Messtechniken sowie weitere Recherchen führen zu einer vermuteten Eingrabungszeit Mitte bis Ende der 1950er Jahre. Oder 1960. Korrekt wäre 1959.

 

He buried some of our things in a bucket. He said nobody else would know where we´d put them, that we´d come back and they´d still be here, just the same, but we´d be different. And if we never got back, somebody might dig them up a thousand years from now and would wonder.”

 

Charakteristisch für die Filme von Terrence Malick ist die Stimme aus dem Off, die den Film aus eigener Perspektive erzählt oder kommentiert und dadurch eine weitere Ebene über die Bilder legt. In Badlands ist es die Schülerin Holly, die spricht. Wundert man sich irgendwann darüber, dass Hollys Stimme in Anbetracht der sich überstürzenden Ereignisse von einer gewissen Lethargie geprägt ist, spürt man die Risse, die diesen Film prägen. Die Frau, die den Film erzählt, ist einige Jahre älter als der Teenager, der sich ins Geschehen treiben lässt. Doch warum wird die Geschichte trotzdem aus einer solchen Distanz und wie ohne innere Beteiligung erzählt? Diese innere Leere hat viele, auch politische Gründe, denn die Möglichkeiten für junge Frauen in dieser Zeit waren sehr begrenzt und begrenzend. Während Holly von der Szene erzählt, in der ihr älterer Freund Kit (und nicht etwa beide gemeinsam) ein paar Dinge (auch ihre!) vergräbt, spüren wir, dass Holly und Kit höchstwahrscheinlich niemals gemeinsam die Dinge, die Kit hier vergraben hat, ausbuddeln werden.

 

Gegenstände gemeinsamer Wertschätzung zu vergraben, scheint ein beliebtes Ritual US-amerikanischer Teenager und junger Erwachsener zu sein. Es geht hier darum, ein Geheimnis zu schaffen und zu bewahren. Auch in der von einigen Manas hochgeschätzten Serie LOST gibt es eine solche Szene. In einem Rückblick vergräbt die junge Kate eines Nachts mit ihrem Freund ein paar Schätze, darunter ein kleines Flugzeug. (Falls jemand weiß, in welcher Season und welcher Episode dies vorkommt, würde ich mich über einen Hinweis freuen.) In einem weiten Land, in dem nicht jeder Quadratmeter eine fest gelegte Funktion hat wie bei uns, ist das Vergraben kleiner oder großer Schätze aufregender als hierzulande.

 

Dennoch, was würde ich jetzt, rasch und heute in eine unverwüstliche Schatztruhe als eine Art Jahresbestenliste 2020 für die archäologisch ambitionierte Nachwelt packen?

 

einen Stein von der Ostsee, der auf eine Art vom Salz und den Wellen bearbeitet wurde, dass er aussieht wie ein Kopf mit einer nach oben hin schmal werdenden Stirn, zwei in etwas versetzter Höhe liegenden Augen und einem Mund, der mit viel Fantasie alle 32 Zähne zeigt und in den man verschiedene Stimmungsausdrücke hineininterpretieren kann

den Gedichtband Angle of Yaw von Ben Lerner

einen Jonglierball

die Verpackung von 500 g Singbulli Darjeeling second flush (aber ohne den Tee, der würde nicht so lange halten)

die CD Trip von Lambchop

den Film Badlands von Terrence Malick

 

Immer wieder gibt es hier auf dem Blog Versuche, ein parallel reading anzuregen, also Kommentare zu einem bestimmten Leseabschnitt eines Buches zu posten. Es ist jedoch offensichtlich nicht einfach, sich auf ein Buch zu einigen, das mehrere Manafonistas begeistert, und die zweite Schwierigkeit ist der Zeitplan, weil man ja immer erst etwas zu Ende lesen möchte und einen eigenen to-read Stapel liegen hat. Eine andere Möglichkeit bei gemeinsamer Begeisterung ist das zeitversetzte Parallellesen und Kommentieren eines Buches. Darum geht es hier. Es betrifft diesen Roman:

 
 

 
 

Am 3. November hat Jan hier einen Beitrag zum Debütroman von Andreas Heidtmann geschrieben. Jans Text hat mich begeistert und mich dazu veranlasst, endlich diesen Roman zu bestellen, was ich schon lange vorhatte. Während ich das Buch las, vergaß ich, was Jan dazu geschrieben hatte, dann las ich Jans Posting nochmal. Und stellte fest, dass ich den Roman ziemlich anders wahrgenommen habe.

Worum es geht, in einem Satz? Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken des jugendlichen Ben Schneider, der in Lippfeld lebt, im Sommer 1974, geschrieben aus Bens Perspektive, jedoch in der Sprache des erwachsenen Autors Andreas Heidtmann.

 

Lippfeld: Lippfeld wird im Roman bezeichnet als „das entlegenste Kaff der Welt“. Aber wo liegt es? Einmal fährt Ben mit dem Bus von Essen-Werder über Bottrop und Gladbeck bis Lippfeld. Im Ortsverzeichnis des Dierke-Atlas gibt es keinen Eintrag für Lippfeld. Gut, im Dierke ist nicht jedes Kaff der Welt verzeichnet. Wer aus süddeutscher Perspektive „Lippfeld“ als Ortsnamen präsentiert bekommt, glaubt gerne, dass es sich um einen Ort in Nordrhein-Westfalen handelt. Gibt man jedoch in einer Internet-Suchmaschine Lippfeld ein, erscheint … der Titel des Romans von Andreas Heidmann! Der Ortsname ist also erfunden. Das könnte ein klassischer, kluger Schachzug sein, um sich vor zufälligen Ähnlichkeiten der im Roman vorkommenden Personen und Handlungen mit tatsächlichen Personen oder Handlungen zu schützen. In diesem Roman ist es aber mehr. Der fiktive Charakter des Ortes der Haupthandlung ist ein wichtiger Mosaikstein meiner These, dass es sich bei den meisten Schilderungen um eine Parallelwelt handelt, die einzig und allein in der Fantasie der Hauptfigur Ben Schneider entsprungen ist. Und zwar mit dem Ziel, sein Leben in Lippfeld erträglich zu gestalten.

 

Die Parallelweltthese: wird im Roman immer wieder aufgegriffen und bestätigt und zieht sich so raffiniert wie diskret als roter Faden durchs Buch. „Ich sah mir zu, als hätte ich einen Zwilling an meiner Seite, der soeben als zweites Ich aus meiner Person getreten war.“ (S. 50) „Ich kam mir vor wie in einem Film, der plötzlich in vielfacher Geschwindigkeit ablief. Und mit Szenen, die nicht im Drehbuch standen.“ (S. 55) „Es musste Paralleluniversen geben. Vergessene Universen.“ (S. 162) „Es war ihr [Rebeccas, M.W.] Rad, während ich nur ein Besucher aus einer anderen Galaxie war.“ ( S. 284) Hinzu kommen viele kleine surreale Passagen, oft ein kleines Wunder am Ende eines Kapitels wie einmal, als Ben einen Prittstift in Richtung Himmel schleudert „und sah, wie er als kleiner Komet in der Sonne verschwand.“ (S. 55) Ohne eine Parallelwelt wäre es auch unstimmig, dass Ben gefühlt mindestens eine Packung Camel pro Tag raucht, seine Eltern aber nichts davon mitbekommen. Ein weiterer Hinweis auf die Parallelwelt ist, dass der nächtliche Einbruch ins Kiosk und der Diebstahl keinerlei Konsequenzen hat. Der wichtigste Hinweis erfolgt im letzten Kapitel, in einer Passage über Susanne, siehe unten im Abschnitt Die Beziehung zwischen Ben und Susanna.

 

Dramaturgie: Bemerkenswert finde ich, wie gut die Dramaturgie funktioniert, obwohl sich normalerweise ein real existierender Lebensabschnitt in die Einordnung der Spannungskurve, die ein Handlungsroman gewöhnlich erfordert, entzieht. Handlungsstränge werden immer rechtzeitig abgebrochen, bevor die Spannungskurve abflauen könnte. Immer wieder geschieht Überraschendes, sei es im Innern des Protagonisten oder im äußeren Handlungsablauf. Zwei lange, wunderschöne, berührende Briefe bauen eine tiefe Freundschaft in einer weiteren Parallelwelt von kosmischer Dimension auf.

 

Verfilmung: Eine Verfilmung des Buches kann ich mir nur als Enttäuschung vorstellen. Die Stärke des Romans liegt in der Sprache und in der Art, wie der Protagonist etwas wahrnimmt und wie er das, was man Realität nennt, durch seine Wahrnehmung und Beschreibung verwandelt.

 

Bens Perspektive: Ben betrachtet seine Umgebung sehr genau, geradezu soziologisch, was damit zusammenhängen könnte, dass sein älterer Bruder Soziologie studiert. Erstaunt haben mich die vielen Bemerkungen zu Äußerlichkeiten wie Kleidung, Schmuck und immer wieder Gesten. Ich hätte nicht gedacht, dass Jungen in diesem Alter ihre Umgebung derart aufmerksam betrachten. Erstaunt hat mich, wie viele Begriffe aus der Botanik erwähnt wurden, jedenfalls deutlich mehr als Automarken. Wie in Kirstin Breitenfellners Roman „Als die Welt unterging“ über eine Jugend in den 80er Jahren, über den ich hier mit der Autorin ein Interview geführt habe, schreibt auch in diesem Jugendroman die Hauptfigur Tagebuch.

 

Musik: Da ich im Sommer 1974 weder die Hitparade noch die outlaw- und underground Musikszene verfolgt habe, kannte ich viele Namen oder Musiktitel nicht. Ein Kommentator der Rezension des Romans auf Fixpoetry hat darauf hingewiesen, dass Fans des Romans auf spotify eine Zusammenstellung der 80 Musikstücke erstellt haben, hier dazu der Link. Wie gerne hätte ich Smoke On The Water als Luftgitarrennummer des im Roman sehr charismatischen Mick Palmer gesehen.

 

Markenprodukte, Namedropping: Fiel mir nicht negativ auf. Allenfalls kam der Kinderschokoladenscheitel ein bis zwei Mal zu oft vor.

 

Die Beziehung von Ben und Susanna: Eigentlich eine hinreißend schöne und romantische Teenagerliebe, inklusive einer kleinen Krise. Ja, und ich stimme Jan darin zu: diese Liebe ist nicht für die Ewigkeit. Aber aus einem anderen Grund, als Jan es annimmt, und zwar deshalb, weil Susanna nur in der Fantasie von Ben existiert.  Klar wird das erst im letzten Kapitel, und nur in ein paar Sätzen: „Zwischen den Jägerzäunen und akkurat geschnittenen Hecken hatte Susannas Erscheinung in der Tat etwas Unwirkliches. Schwerkraftentrücktes. Ihre Turnschuhe schienen den Asphalt kaum zu berühren (…) Was mich bestürzte, selbst wenn ich es für eine Sinnestäuschung halten musste, war, dass ihre zierliche Gestalt in der Straße keinen Schatten warf.“ Und weil Susanna nur in Bens Gedanken lebt, existiert sie eben doch für die Ewigkeit.

 

Rebecca und Ben: Jan schreibt: „man spürt, dass Rebecca und Ben, als sie sich an der Folkwang-Akademie kennenlernen, nie ernsthaft zusammenkommen werden, weil sie aus zwei inkompatiblen sozialen Schichten stammen.“ – Das ist eine interessante Sichtweise. Immerhin teilen Rebecca und Ben eine gemeinsame Leidenschaft, das Klavierspielen. Und sie spielen vierhändig und lachen zusammen. Das ist keine schlechte Voraussetzung für eine Jugendliebe. Es treffen hier also keineswegs ein ungebildeter Underdog und eine sophisticated young Lady zusammen. Ben ist auf einem altsprachlichen Gymnasium. Ich gehe davon aus, dass sich die Geschichte zwischen Rebecca und Ben weiter entwickelt, sobald Rebecca ihre Frisur ändert. (Sie trägt entweder einen oder zwei Zöpfe.)

 

Fazit und Ausblick: Dass der Roman verschieden wahrgenommen werden kann, um eigene Parallelwelten beim Lesen zu kreieren, ist eine der Stärken des Buches. Selbst wer im Jahr 1974 nicht gerade zufällig 14 ½ Jahre alt war wie Ben (wenn ich das richtig in Erinnerung habe), vergleicht eigene Erfahrungen mit denen des Protagonisten und seines sozialen Umfelds. Auf einige Fragen, die Jan aufgeworfen hat, nämlich die nach der Entwicklung der Liebes- bzw. Freundschaftsbeziehungen, werden wir voraussichtlich in den kommenden Jahren Antworten erhalten. Ich habe nämlich von Andreas Heidtmann höchstpersönlich erfahren, dass es sich bei seinem Roman um den Anfang einer Trilogie handelt. Ich schlage jetzt schon ein parallel reading vor, oder wenigstens ein time-shifted parallel reading.

 

P.S.: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde ist zwar der Debütroman von Andreas Heidtmann, jedoch ist es nicht sein erstes Buch. Bereits im Jahr 2005 erschien sein Kurzgeschichtenband Storys aus dem Baguette.

Vor ein paar Tagen hat Julietta Fix, die Gründerin der Lyrikplattform fixpoety.com, mit dieser Notiz bekannt gegeben, dass sie mit Ende des Jahres den Betrieb von Fixpoetry einstellt. Unter den Lesenden dieses Blogs ist fixpoetry eher nicht so bekannt, obwohl ich auch mal darauf hingewiesen habe. In der Lyrikszene jedoch ist Fixpoetry gleichzeitig so etwas wie eine kleine Tageszeitung und ein täglich wachsendes Archiv, ein gemeinschaftsbildendes Element. Julietta Fix hat die Website im Jahr 2007 gegründet. Jeden Tag, jeweils um Mitternacht, erscheint ein neuer Text des Tages, meist ein Gedicht, fast täglich erscheinen Rezensionen, vor allem von Gedichtbänden aus kleinen und kleinsten Verlagen, von denen die allermeisten keine Chance haben, jemals im Radio oder gar in den Feuilletons von Zeitungen besprochen zu werden. Dazu gibt es die von Frank Milautzcki betreute Fixzone mit täglichen Neuigkeiten, vor allem aus der Welt der Lyrik. Seit langer Zeit klicke ich mich jeden Tag auf Fixpoetry, lese Gedichte, habe Gedichtbände und anderes aufgrund von Rezensionen oder Hinweisen gekauft. Auch meine beiden Gedichtbände wurden auf Fixpoetry besprochen. Ich kenne viele Schreibende, deren erste Publikation auf Fixpoetry als Text des Tages erfolgte, und ich weiß, wie glücklich sie darüber sind. Jeder Text des Tages wird mit einem Autorenportrait verlinkt, das sich auf der Website unter der Rubrik Autoren alphabetisch geordnet findet. Juliettas Engagement für die Poesie ist einzigartig. Mit dem sogenannten Poetryletter, ausgedruckt als kleine Plakate erwerbbar, hat sie Kunstwerke, die ein Gedicht visuell mit einer Grafik oder Fotografie umsetzen, ermöglicht, hier der Link zu einem wunderbaren Archiv. Julietta hat den Gertrud Kolmar Preis gegründet, einen Lyrikpreis, der sich ausschließlich an Frauen gerichtet hat und im Jahr 2019 vergeben wurde. Julietta hat nicht nur schwerpunktmäßig Gedichten und Lyrik Scheibenden ein Forum geboten, sondern auch Rezensentinnen und Rezensenten. Und warum hört sie auf? Weil es für ihr Engagement in unserem Literaturbetrieb trotz jahrelangem Bemühens kein Geld gibt und weil selbst ein solches Engagement irgendwann an Grenzen stößt. Julietta hatte dieses Problem seit Jahren immer wieder angesprochen. Vor einiger Zeit hatte sie eine freiwillige Paywall eingerichtet und immer wieder die stetig steigende Zahl an Lesenden zu Spenden aufgerufen, aber es ist nicht genug Geld zusammen gekommen. Nun hat Julietta angekündigt, dass die Website zunächst als Archiv noch im Netz bleiben wird. Allein in der Rubrik „Lyrik“ im Archiv des Feuilletons finden sich 1822 Treffer, also 1822 Rezensionen zu Gedichtbänden. Ab dem kommenden Jahr wird die Welt der Lyrik sehr viel ärmer. Ein solches Projekt wird es nie wieder geben. Ein großes Dankeschön an Julietta Fix.

Es muss im Februar 2012 gewesen sein, als Julia Wörle auf der Lesebühne in Darmstadt als neue Teilnehmerin von Kurt Drawerts Textwerkstatt vorgestellt wurde und einen Prosatext las. Ich saß in einer der hinteren Reihen. Julia trug eine schwarze Lederjacke, ihr Text hatte den Titel Casino und verhandelte eine schonungslose Analyse von Machtverhältnissen aus der Sicht einer jungen Frau. Es gibt verschiedene Arten von Stille während einer Lesung. Die Stille während Julias Lesung war getragen vom Respekt gegenüber diesem Text, der unter die Haut ging und etwas wagte. Julia Wörle gelingt es zudem in ihren Texten, mit wenigen Sätzen eine intensive Stimmung zu erzeugen. Nach der Lesung sagte mir Julia, es sei lange her, dass sie den Text geschrieben habe, er sei in Nummer 7 (2002) der Münchener Literaturzeitschrift ausserdem veröffentlicht.

 

Nach einem weiteren großen Zeitsprung ist nun endlich vor ein paar Wochen Julia Wörles erster Prosaband erschienen: Die kleinen Manöver. In der Mitte des Covers findet sich ein Rettungsring, und zwar genau in dem Moment, in dem er jemandem mit einem Seil zugeworfen wird und es darauf ankommt, ihn aufzufangen. Im Hintergrund Muster wie auf einer ziemlich alten Tapete, Muster, die nach unten hin verblassen, und darunter öffnet sich eine blaue Fläche,  das Meer vielleicht oder der Himmel oder auch gar nichts. Rechts oben auf dem Cover, als sei es auf jedes Buchexemplar einzeln mit einem pinkfarbenen Leuchtstift hingekritzelt: „Fuck off / I love you.“

 

Die kleinen Manöver: Episodenroman

 

Die Stärke der zwölf Erzählungen liegt – wie in Casino – darin, Nuancen von Machtverhältnissen in Beziehungen sehr verschiedener Art zu erkennen und dafür eine wunderbare Sprache zu finden. „Das Wesentliche spielt sich in den Zwischenräumen ab“, heißt es einmal (S. 114). Das ist Programm, nicht nur für die sehr poetische Sprache, die immer wieder mehrere Wahrnehmungs- und Assoziationsebenen antippt, sondern auch für das Personal und die Handlungsorte. Ein einfaches Hotel an einer Ausfahrtsstraße zum Beispiel. Oder ein Designer-Großraumbüro. Ein Yogakurscenter in Indien. Der Strand auf Coney Island bei New York. Ein verstorbenes Haus. Oder hier, einer dieser Clubs:

 

„Sie sieht sich kurz in einem der vielen Spiegel: eine kompakte, dunkel gekleidete Gestalt. Das Zerbrechliche, Instabile ist in ihren Augen. Blicke wie splitterndes Glas. Sie stellt sich an die Bar, Alkohol sammelt sich schwer in ihrem Körper. Die Musik fährt ihr unter das Zwerchfell, sie weiß nicht wohin mit den Händen.“

 

Das Buch Die kleinen Manöver wird auf dem Cover als Episodenroman bezeichnet. Personen tauchen in verschiedenen Texten wieder auf, vereinzelt liegen Jahrzehnte dazwischen. Manchmal kehren Personen nur in der Erinnerung zurück, wie kleine Geister, die weggelaufen sind, ins Nirgendwo. Im Anhang finden sich drei Übersichten, die das gesamte Personal der Erzählungen und ihre Verbindungen aufzeigen. Das funktioniert. Allerdings hatte ich Verbindungen teilweise auch anders gesehen und ich hätte mir auch vorstellen können, dass eine Figur unter einem anderen Namen in einer anderen Geschichte wieder auftaucht. Das erweitert die Lesarten.

 

In allen Erzählungen geht es um existenzielle, lebensprägende Erfahrungen, Entscheidungen, Wendepunkte, zumeist angesiedelt im privaten oder familiären Bereich. Es ist immer wieder die Sprache, es sind die anschaulichen Vergleiche, die Bilder, die aufblitzen, als wollten sie sagen, hey, lass ma´, sieh es doch so:

 

„Gerda hat die Silhouette eines Panzerkäfers, eine Frisur, die wie der Plastikhelm eines Playmobilmännchens auf ihrem Kopf sitzt, schnurgerade geschnittene Fingernägel.“ (S. 7)

 

„Das Hotel ist ein alternder Rockstar, unter dem Samt drücken sich die Knochen durch, Farbe blättert ab, im sanitären Gedärm rumpeln und schwappen Erinnerungen.“ (S. 153)

 

„Alles nur ein Spiel.“ (S. 103)

 

Farben spielen in dieser Prosa eine große Rolle. Als ob eine ganze Farbpalette in den Geschichten verarbeitet sei. Grün lackierte Fingernägel eines Mädchens. Ihre pinkfarbene kleine Tasche. Ein helles Gelb, wie ein T-Shirt oder eine Blüte, gepflückt vom Blumenstrauß eines Vorzimmers eines Beratungsunternehmens mit Karriereambitionen.

 

„(…) und dass ich Leuten nicht vertrauen kann, deren Geschichte ohne Dellen ist.“ (S. 44)

 

Es gibt Texte wie die Titelgeschichte Die kleinen Manöver, bei denen ich mir nur vorstellen kann, dass die Zuhörenden während Julia Wörles Lesung einfach vergessen, weiter zu atmen.

 

Phosphor. Ein Leuchten im Dunkeln.

Im Januar 2016 erklärte Robert Coover im Gespräch mit Denis Scheck im Büchermarkt des Deutschlandfunks, was für ihn in der Literatur „Realismus“ bedeutet. Er sagte, Kafka habe ihn gelehrt, was Realismus sei. Der Realismusbegriff bei Kafka bestünde in einer Art Treue zu der Metapher, mit der man beginnt.

 

Dies gilt natürlich auch für den Film. Betrachten wir Synecdoche New York von Charly Kaufman unter dem Aspekt, welche Grundmetapher in den ersten Minuten etabliert wird. Das erste Bild zeigt den Blick auf einen Digitalwecker. Es ist 7:44 Uhr. Das Radio läuft, es ist der 22. September, eine Professorin spricht im Interview über den Herbst in der Poesie. Caden Cotard (wir wissen noch nicht, dass er so heißt) schlägt beim Frühstück die Zeitung auf, in der Datumszeile steht Freitag, der 14. Oktober 2005. Harold Pinter wird für den Nobelpreis nominiert. „Harold Pinter at 76, a sense of Validation“ lautet die Schlagzeile. Aber Moment, Harold Pinter wurde am 10. Oktober 1930 geboren, er hatte also erst vor vier Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert. Die Kurzmeldungen der gleichen Zeitung sind mit „October 17“ datiert. Auf dem Tetrapack mit der Milch steht „Oct 20“, aber die Milch ist schon abgelaufen. „Happy Halloween“ läuft im Radio. Caden ist aber immer noch mit seiner Tochter und seiner Frau am Frühstückstisch. Auf der Zeitung steht nun „Wednesday November 2, 2005“. Am Abend ist Caden mit seiner Familie im Auto unterwegs und wir erfahren, dass es Freitag ist. In der nächsten Einstellung ist Caden im Behandlungszimmer eines Augenarztes, der Wandkalender ist aufgeschlagen im Monat März 2006, während Caden sich dafür bedankt, dass er so kurzfristig einen Termin erhalten hat. Der Film läuft erst seit ein paar Minuten, aber selbst wenn man ein paar der Daten überlesen oder überhört hat, müsste eines deutlich geworden sein: Hier stimmt etwas nicht mit der Zeit. Der unzuverlässige Umgang mit der Zeit scheint die Grundmetapher zu sein, vermutlich haben wir es mit einem unreliable narrator, einem unzuverlässigen Erzähler, zu tun. Synecdoche New York zieht sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten hin.

 

Im Interview beim London Filmfestival 2008 antwortet Charlie Kaufman auf die Frage “How do you know which rules to stick to and which rules to break?”: “I don´t think there are any rules.” Das ist natürlich ein Satz, mit dem ein erfolgreicher Filmemacher ein Publikum, das gern ein paar Geheimnisse erfahren hätte, zum Lachen bringen kann. Denn, selbstverständlich, handelt es sich bei Synecdoche New York um eine hochintelligente, komplett durchdachte Gesamtkomposition inklusive einiger hübsch eingestreuter selbstreflexiver Elemente. So erzählt die Kartenverkäuferin dem Theaterregisseur Caden stolz, dass sie gerade den Prozess läse und gar nicht gewusst hatte, wie berühmt das Buch sei. Und später wird Krapp’s Last Tape, ein Theaterstück von Beckett, erwähnt. In diesem Stück, das auf Deutsch Das letzte Band heißt, befindet sich ein alter Mann auf der Bühne, der sein Leben reflektiert und kommentiert, indem er eigene Tonbandaufnahmen mit tagebuchartigen Notizen aus verschiedenen Lebensphasen auswählt, anhört und mittels neuer Aufnahmen kommentiert. Was ist also Synecdoche New York? Traumlogik, Selbstreflexion (und Reflexion der Selbstreflexion), unberechenbare Zeitsprünge, Endzeitstimmung, grundlose und unfaire Verfolgung durch anonyme Mächte? Jedenfalls geht es vor allem darum, ein ganz großes Kunstwerk zu erschaffen, ein Lebenswerk, und dafür gibt es Bühnen innerhalb von Bühnen innerhalb einer großen Bühne. Nach einer Stunde und 41 Minuten Filmzeit erklärt eine Putzfrau in ein paar Sätzen das gesamte Stück bzw. den Film. Oder ist es die Schauspielerin, die die Putzfrau spielt? All those thoughts we don’t know, it’s the truth of it.

 

P.S. Catherine Keener spielt in Synecdoche New York eine Mutter und Künstlerin, die sich auf Mikro-Gemälde spezialisiert hat. Sie malt die Bilder unter einer Vergrößerungsglas-Brille und Besucher*innen ihrer Ausstellung schlendern ebenfalls mit solchen Brillen durch die Halle. Grund genug, um Catherine Keener in die Liste meine favourite actresses aufzunehmen.

2020 20 Okt

The World´s First Ghost

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments

 

The World´s First Ghost

(zur Erinnerung an Jason Molina (1973-2013)

 

Wir hatten nur ein paar Nächte
in seinen letzten paar Monaten im Land.
Ich dachte, er hätte kein Geld,
deshalb kaufte ich eine Kiste mit seinen alten CDs
(keine Ahnung, ob´s half) für den Plattenladen,
in dem ich damals gearbeitet habe.
Es gab diverse aufgedrehte Telefonate
(ne Menge Warron Zevon-Gespräch)
verworfene Pläne für Treffen.
Ein Gig oder zwei, tagsüber schon einige Bier,
und dann solche Geschenke wie ein Feuerwerk,
das Merle Haggard Songbuch,
ein altes Pendleton Shirt
(immer noch nicht getragen – schließlich hatte er fünf sechs …),
ein Lieblings-Gedichtband (Marvin Bell).
Ich hörte von seiner Plattenfirma,
dass er zurück nach Hause musste,
wasauch immer, wohinauchimmer das damals bedeutet hat.
Vielleicht ein Platz, an dem er nicht über sich selbst stürzen würde,
oder wenn, dann mit einer Landung auf weicherem Grund.
Das Land des Nichts-ist-umsonst,
sicherlich nicht Medikamente, und keine Sicherheit.
Er sang Oh Grace!

 

The poem is taken from Will Burn´s collection of poetry “Country Music” (2020). Translation: Martina Weber

Original poem see comment 1.

 

 
 

Jemandem eine selbst gesprochene digital gespeicherte Nachricht zukommen zu lassen, ist heutzutage für viele selbstverständlich geworden. Einen anderen Flair hat eine solche Aufnahme, wenn sie auf einem Trägermedium gespeichert wird und nicht mehr verändert oder gelöscht werden kann, zum Beispiel auf einer Schallplatte. Wie das funktioniert, kann man in Terrence Malicks faszinierendem Film Badlands sehen. Kit beschließt nach einem Gewaltakt, mit seiner Freundin Holly aus Fort Dupree/South Dakota zu fliehen. Um die Autoritäten auf eine falsche Spur zu locken, produziert er eine Sprachnachricht, die dann in einem Loop auf einem Plattenspieler neben einem brennenden Haus ein uns andere Mal abgespielt wird. In einem telefonzellengroßen Mini-Studio (Record Booth) kosten fünfzig Sekunden Aufnahme im Jahr 1959 fünfzig Cent. Man muss zwischen einer Aufnahmegeschwindigkeit von 78 oder 45 Umdrehungen pro Minute wählen. Am Ende fällt eine kleine Schallplatte aus einem Schacht, wie wir ihn aus Fotoautomaten kennen. Das Aufnahmegerät ist ein Voice-O-Graph. Mitte der 1930er Jahre erfand Alexander Lissiansky ein Vorläufermodell; am 31. Dezember 1940 reichte er ein Patent für den Voice-O-Graphen ein. Bis in die 1960er Jahre wurden die Modelle weiterentwickelt, dann wurde die Produktion eingestellt. Vermutlich hatten Tonbandgeräte und Kassettenrecorder die Funktion des Voice-O-Graphen übernommen. In zahlreichen Filmen, von Marine Raiders aus dem Jahr 1944 über M*A*S*H* (1973) bis Masters of Sex (2013) tauchen Szenen mit einem Voice-O-Graphen auf, hier eine Filmliste und ein Zusammenschnitt der entsprechenden Voice-O-Graphen-Szenen. Falls sich von Filmen auf die Realität schließen lässt, könnte man vermuten, dass diese Aufnahmeboxen in den USA vor Jahrzehnten geradezu weit verbreitet waren. In Großbritannien und Frankreich scheint es einige Sondermodelle gegeben zu haben. Wie bei der Jukebox, gibt es auch beim Voice-O-Graphen einen Retrotrend. Wer seinen Voice-O-Graphen verkaufen möchte, findet über diese informative Seite glückliche Abnehmer.

2020 28 Sep

Funkstille

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 26 Comments

 
 

In der Straße, in der ich wohne, wird gerade ein Teil eines Films gedreht. Vergangene Woche fiel mir eine kleine Menschentraube vor einem Nachbarhaus auf. Ein Teil des Teams, ansonsten Schaulustige. Als ich in einem großen Bogen, um nicht zu stören, mit dem Rad vorbeifuhr, sah ich einen Schauspieler auf einer Bank vor einem Nachbarhaus sitzen. Normalerweise befindet sich dort keine Bank. Es gab auch zwei Graffitis an der Hauswand. Kann aber sein, dass die vorher schon dort waren. Die Leute stehen auf ihren Balkonen oder bleiben vor der Haustür stehen und schauen zu. Ein Security-Mann in schwarzem Overall bat Umherstehende darum, sich zu entfernen oder nach Hause zu gehen. Heute drehen sie wohl auch an dem Park hier, in dem es einen großen Sandstein-Brunnen mit Figuren aus altgriechischen Sagen gibt. An einem Wohnwagen steht der Titel des Films: Funkstille. Ein Tatort. Ich bin keineswegs ein ausgeprägter Krimifan; ich wüsste noch nicht einmal, ob ich mir die Funkstille mit Aufnahmen aus dieser Straße ansehen würde. Vor vielen Jahren war ich Mitarbeiterin einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe an einem Forschungsinstitut. Wir trafen uns Donnerstag Nachmittags, um die vom Leiter der Gruppe ausgewählten wissenschaftlichen Aufsätze zu diskutieren und über unsere Arbeiten zu sprechen. Zu Beginn des Treffens fing M, der Gruppenleiter, immer ein Gespräch über den Tatort vom Sonntag an; er diskutierte den Tatort regelrecht durch. Als ich neu in die Gruppe kam, machte er eine Bemerkung, die es fast etwas entschuldigend wirken ließ, dass er so intensiv über den Tatort diskutierte. Es war definitiv eine Routine und die anderen machten mit. Ich fühlte mich ausgeschlossen und dachte darüber nach, auch den Tatort zu schauen, obwohl ich ihn eigentlich nicht sehen wollte, und ich dachte mir, ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wie ich meinen Sonntag Abend verbringe, nur um hier mitdiskutieren zu können. Ich trat aus der Gruppe aus, allerdings nicht wegen des Tatorts, und ich beschloss, nie wieder etwas zu tun, von dem ich nicht überzeugt sein würde. Als vor ein paar Jahren erfuhr, dass jemand eine Wikipediaseite über mich angelegt hatte, fand ich unter den Publikationen, die mir zugeschrieben wurden, eine Dissertation über die Strafbarkeit des Hausfriedensbruchs. Ein Buch, das ich definitiv nicht geschrieben habe, und ein Thema, um das es in dieser Arbeitsgruppe auch nicht ging. Da ich an dieser Wikipediaseite nicht herumwerkle, habe ich den Eintrag auch nicht korrigiert. Wikipedia ist schließlich nicht der Brockhaus; kleine Fehler können auch bereichernd wirken.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz