Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

2022 16 Nov

and I ride and I ride

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

 

In einem Hörspiel, das sicherlich irgendwann gesendet wird, bittet eine Frau in den Dreißigern, der einzig verbleibende Mensch in einem Raumschiff, einen Roboter darum, ihr den Song The Passenger von Iggy Pop vorzuspielen. Den Hype um den Song im Jahr 1977 habe ich leider nicht mitbekommen. Ich höre das Lied also zum ersten Mal. Das offizielle Video ist akustisch ein Energiebooster und optisch eine sich immerzu verwandende Collage mit film noir Elementen und einer Verwirrung der Sehschärfe. Iggy Pop wurde durch ein Gedicht von Jim Morrison inspiriert. „Modern life is a journey by car. The Passengers change terribly in their reeking seats, or roam from car to car, subject to unceasing transformation. Inevitable progress is made toward the beginning […], as we slice through cities, whose ripped backsides present a moving picture of windows, signs, streets, buildings.”

 

Gegen Ende der zweiten Staffel von MAD MEN unternimmt cloud of mystery Don Draper mit dem ehrgeizigen Peter Campbell eine Geschäftsreise nach Kalifornien. Kurz vor dem Abendessen mit möglichen neuen Kunden, dem Grund der Reise, verschwindet Don. Er steht am Eingang zu seinem Hotel, eine junge Frau sitzt im Sportwagen und fragt ihn, warum er nicht einfach tut, was er will, nämlich bei ihr einsteigen. Sie verbringen ein paar Tage in einem Haus mit Pool, er löst sich und reist mit dem Bus zu Anna, einer ganz besonderen (platonischen) Freundin und hier erleben wir Don verwandelt: aufrichtig, ehrlich, vertrauensvoll.

 

Anna: So what are you going to do?
Don: I don’t know. I have been watching my life. It’s right there. And I keep scratching at it, trying to get into it. I can’t.

 

Anna ist eine Seele von Frau. Sie ist zerbrochen, hat sich aber geheilt. Sie liebt Don. Jetzt erfahren wir, dass sie diejenige ist, an die er am Ende der ersten Staffel den Gedichtband Meditations in an emergency von Frank O’Hara geschickt hat. Made me think of you, war seine Widmung, mit Füller geschrieben. Don hält das Buch in der Hand, Anna sitzt am Tisch und will ihm die Karten legen.

 

Anna: You don’t have to pick them. Just put your palm on the deck.
Don: This is an ink blot. You see what you wanna see.

 

Dies sind die Karten, die Anna gelegt hat.

 

 

 

Als ich MAD MEN vor sechs, sieben Jahren zum ersten Mal sah, hätte ich mir an dieser Stelle gewünscht, etwas von den Karten zu verstehen. Nun habe ich im Sommer eine Freundin besucht, die sich für Tarot begeistert und bei der ich vier Karten zu einer Frage von mir gelegt habe: das Kreuz. Ich habe mir ein Tarot-Einsteigsset gekauft, mehr zu den vier Karten recherchiert und bin, bei aller Skepsis und einer gewissen Abwehr, erstaunt darüber, dass diese vier Karten auf einer allgemeinen Ebene Details zu meiner Frage ausdrücken, die ich ausfüllen kann und die mich auf eine andere Art reflektieren und etwas erkennen lassen.

Anna hat für Don das Keltische Kreuz gelegt. Es ist eine umfassende Legemethode, die sich zur Erforschung von Hintergründen und als Vorausschau eignet. In dieser vielschichtigen Serie ist die Auswahl der Karten kein Zufall.

 

Hier die Nummerierung der Karten beim Keltischen Kreuz:

 

 

Und hier habe ich die Karten von Annas Wohnzimmertisch mit meinen Tarotkarten nachgelegt:

 

 

 

Don: What about the cards? Should I be worried?
Anna: It´s all here. You’re definetely in a strange place. But here’s the sun. Do you want to know what this means?
Don: No, I don’t.

 

But we do. And unlike Don, we know what’s going to happen in the next eight years. So let’s have a closer look. Background information about the tarot cards comes from the following books: Hajo Banzhaf: Tarot. Tarot für Anfänger. Renate Anraths: Tarot – dem Leben in die Karten schauen. Die Zahlen, Bilder und Symbole.

 

Karte 1 beschreibt die Ausgangssituation. DIE SONNE, die auch am Ende jeder Episode der Serie nach dem Abspann kurz auftaucht, steht für einen spirituellen Weg zum Glück. Don hat, ganz offensichtlicht, alles, von dem es heißt, dass man es im Leben anstreben sollte: Er hat eine schöne Frau geheiratet, eine Familie gegründet, er ist erfolgreich und geradezu unentbehrlich in seinem Beruf, in dem er Freiheiten genießt und sich intellektuell-künstlerisch entfalten kann. Er hat ein großes Haus mit Garten in einem Vorort von New York. Die Karte steht auf dem Kopf. Vielleicht steht das für ein „und trotzdem“ (ist er nicht glücklich und pflegt seine kleinen Fluchten). Der hinzutretende Impuls ist Nr. 2 (ACHT KELCHE), was für einen Aufbruch von Vertrautem aus eigenem Entschluss steht. Damit ist vielleicht ganz aktuell die Reise nach Kalifornien gemeint und dann noch die Reise in der Reise (mit der jungen Frau ins Haus mit Pool). Nr. 3 (GERICHT) beschreibt, was der Fragende bewusst anstrebt: Lösung, Erlösung, Befreiung. Nr. 4 ist die unbewusst treibende Kraft. Der PAGE DER MÜNZEN steht für private oder berufliche Bereicherung. Nr. 5 beschäftigt sich mit der Vergangenheit. DREI KELCHE deuten auf dankbare Freude, allerdings ist die Karte umgedreht. Nr. 6 ist die erste in die Zukunft weisende Karte. FÜNF SCHWERTER deuten auf einen Weg, der in eine schwere Krise führt. Auf der privaten Ebene ist dies die unfreiwillige Trennung von Betty. Nr. 7 zeigt, wie der Fragende zur Ausgangssituation, wie sie in den Karten 1 und 2 skizziert wurde, steht. DIE WELT steht dafür, die richtige Einstellung zu finden und sich am richtigen Platz zu fühlen. Nr. 8 beschreibt die Sichtweise des Umfeldes. NEUN STÄBE symbolisieren Verschlossenheit. Don wird als abgeschottet wahrgenommen und die Außenwelt spiegelt dieses Verhalten. Er schützt sich und benutzt Lügen, um seine Fassade aufrecht zu erhalten. Überall, ob im Gespräch mit dem langjährigen Kollegen Roger, beim Arzt oder in seiner Familie zieht Don klare Grenzen, mauert sich ein. Nr. 9 beschäftigt sich mit Hoffnungen und Ängsten des Fragenden. Das RAD DES SCHICKSALS steht für das Rad der Zeit, das uns eine Aufgabe nach der anderen stellt. Nr. 10 schließlich steht für den langfristigen Ausblick in die Zukunft. ACHT STÄBE zeigen, dass etwas Gutes im Anflug ist und bald eintreffen wird. Geht diese Prognose bis zum Ende der Serie? Don lässt alles los oder verliert es, um schließlich an einem unbekannten Ort auf einer Wiese zu sitzen, mit Blick auf den Pazifik und einfach zu atmen.

Anfang April dieses Jahres erschien das literarische Debüt der in Heidelberg lebenden Schriftstellerin Elke Barker. Und zwischen uns das Meer enthält 24 Kurzgeschichten, erschienen als Band 1 in der edition Darmstädter Textwerkstatt im Axel Dielmann Verlag. Elke Barker ist seit vielen Jahren mit dem Zentrum für junge Literatur in Darmstadt verbunden. Von 2008 bis 2011 war sie Teilnehmerin der von Kurt Drawert geleiteten Textwerkstatt; seither arbeitet sie in der von Martina Weber geleiteten Textwerkstatt II an ihren Geschichten. Am 5. Oktober stellte Elke Barker ihr Buch im Literaturhaus Darmstadt vor.

 

 

 

 

Martina Weber: Was fast alle deine Geschichten gemeinsam haben, das sind Begegnungen von Menschen, die sich vorher nicht kannten. Plötzlich ist etwas da und die Protagonistinnen (meist weiblich) lassen sich auf etwas ein, sie lassen zu, dass etwas wirkt, was man auch ganz beiläufig wahrnehmen und schnell vergessen könnte. Der zweite Aspekt, der alle deine Geschichten verbindet, ist die starke Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die mit wenigen Sätzen aufgebaut wird, die sich verändert und nachhallt. Der dritte Punkt ist der Wichtigste und schwer greifbar. Es ist das, was nicht da ist: das Abwesende. Das, was du auslässt, ist das Entscheidende. Es ist das, was im Lesenden freigesetzt wird, das, was weiterwirkt, wenn man eine Geschichte gelesen hat. Welche Bedeutung hat für dich das Abwesende, das Nicht-Gesagte, in deinen Texten?

 

Elke Barker: In den letzten Wochen habe ich – nicht zuletzt auch in Vorbereitung auf die Lesung – zum ersten Mal bewusst über meinen Schreibprozess nachgedacht. Dabei ist mir klar geworden, dass Schreiben und über das Geschriebene Reden etwas gänzlich Anderes ist. Auch wenn es eine Gemeinsamkeit gibt. Die, dass für mich jeweils nur eine Annäherung möglich ist. Denn ähnlich wie beim Schreiben, wo sich der Text ab einem bestimmten Zeitpunkt meiner Kontrolle entzieht, geht es mir beim Reden über die Texte. Ich kann Einflüsse benennen, Personen, die mich inspiriert haben. Orte, Sätze, die gesagt wurden, ein Gefühl, eine Atmosphäre, die nach einem Text verlangen. Ich kann von einem Ideentagebuch sprechen aber nicht wirklich sagen, warum eine Geschichte so ist, wie sie ist. Das Abwesende in meinen Texten hat, so glaube ich, etwas damit zu tun, dass ich nicht aus der Fülle heraus schreibe, sondern aus einem Mangel. Die Geschichte als solche ist nicht schon da, sondern entwickelt sich größtenteils erst beim Schreiben.

 

Martina Weber: Die Geschichten, die du in dein erstes Buch aufgenommen hast, sind über einen langen Zeitraum entstanden. In dieser Zeit hast du sicherlich auch deine Arbeitsmethode verändert. Mein Eindruck ist der, dass vor allem eine Arbeit am Abwesenden stattgefunden hat. Zum Beispiel gibt es eine Geschichte mit dem Titel Veränderung, bei der es darum geht, dass eine junge Frau oder Schülerin etwas, was ich hier nicht verraten möchte, in ihrem Leben verbessern möchte. Um diese Geschichte schreiben zu können, musst du sie kennen. Ebenso bei dem Text Xylophon spielen, der in den 1930er Jahren spielt. Die beiden Geschichten kannte ich nicht; es sind sicherlich Texte, die zu den am frühesten entstandenen im Buch gehören. Hier kann das, was nicht gesagt ist, mehr erahnt werden. Im Lauf der Zeit hast du dann stärker darauf geachtet, dass das, was du nicht sagst, vielschichtiger und offener ist.

 

Elke Barker: Das ist richtig, dass die Geschichten über einen längeren Zeitraum entstanden sind, und in dieser Zeit verändert man sich natürlich – als Mensch wie auch als Autorin. Bei mir verlief diese Veränderung dahingehend, dass ich immer mehr weiß, dass ich nichts weiß. Dass die Realität nicht mehr ist als eine Vielzahl an Perspektiven, was natürlich eine Rückwirkung auf neue Texte hat wie auch auf die Überarbeitung von älteren.

 

Martina Weber: Bei der Zusammenstellung der Geschichten für dein Buch hast du eine intensive Phase der Überarbeitung eingelegt. Bei einer Geschichte kann man das sogar nachvollziehen, denn sie ist in einer früheren Fassung veröffentlicht. Es geht darum – Zuruf ans Lesepublikum: keine Sorge, kein Spoiler, nur ein Teil des äußeren Handlungsgerüsts – dass eine Frau eine Scheune erbt und sich die Scheune ansieht. 

An dieser Stelle möchte ich eine Anregung für eine Hausarbeit im Fach „Vergleichende Literaturwissenschaft“ anbieten: Vergleichen Sie die beiden Fassungen der Kurzgeschichte von Elke Barker Eigentlich ist nichts passiert, zuerst veröffentlicht in der von Kurt Drawert herausgegebenen Anthologie „Kasinostraße 3. 15 Jahre Darmstädter Textwerkstatt“, Poetenladen Verlag 2014, und in veränderter Fassung in Elke Barkers Debütband Und zwischen uns das Meer. Stellen Sie die inhaltlichen Unterschiede und die unterschiedlichen Wirkungen der beiden Fassungen einander gegenüber. Erläutern Sie das Prinzip des Doppelgängers anhand eines Beispiels aus der Literaturgeschichte und anhand der zweiten Fassung der Kurzgeschichte von Elke Barker.

In der zweiten Fassung der Geschichte wirft das Leben, das die Protagonistin führt, Fragen auf. Es bleibt einiges interpretierbar und auch der Titel der Geschichte kurbelt unsere Phantasie an, denn obwohl sehr viel passiert ist, lautet er Eigentlich ist nichts passiert.

 

Elke Barker: Ja, diese Geschichte habe ich grundlegend überarbeitet. Details über die Beziehung der beiden Frauen, wie sie sich kennenlernten und welcher Arbeit sie nachgingen, habe ich rausgenommen und auch den Schluss habe ich zu einem offenen Schluss umgearbeitet. Durch die Reduktion von Handlung und Information hatte ich das Gefühl, dass das Wesentliche besser zum Vorschein kommt. Die Frage nämlich, wie es um das Wissen über die Vergangenheit eines geliebten Menschen steht. Wie viel darf, muss, will man wissen, worauf auch hier die Antwort letztendlich offen bleibt. Denn die Geschichte endet mit der Frage: “Spielt das eine Rolle? Ich meine, spielt irgendetwas noch irgendeine Rolle?”

 

Martina Weber: Wir haben über den Überarbeitungsprozess gesprochen. Jetzt zurück zum Anfang, zum Inspirationsprozess. Was brauchst du an Überlegungen und an Material, um mit einer Geschichte anfangen zu können? Was ist als Erstes da? Wie viel weißt du vom Verlauf einer Geschichte, wenn du damit anfängst?

 

Elke Barker: Relativ wenig. Wie bereits erwähnt existiert am Anfang eine Atmosphäre, ein Gefühl, die nach einer Geschichte verlangen. Schreiben ist für mich also eine Art innere Suchbewegung nach Dingen, die zu einer Atmosphäre, einem Gefühl passen. Sie ziehen mich in die Geschichte hinein, und wenn ich Glück habe, kommt irgendwann ein Punkt – man könnte ihn auch magischen Punkt nennen -, wo sich der Text meiner Kontrolle entzieht und aus sich selbst heraus weiterentwickelt. Das empfinde ich dann als spannend, ja beglückend, da ich mich mit und durch den Text weiterentwickle.

 

Martina Weber: Hast du deine eigenen Lieblingsgeschichten aus dem Buch?

 

Elke Barker: In dem Moment, wo ich sie schreibe, ist jede Geschichte meine Lieblingsgeschichte, sonst würde ich sie nicht schreiben. Im Nachhinein habe ich aber schon Präferenzen. “Der Mönch” beispielsweise ließ mich darüber nachdenken, wie Menschen auf Krisen reagieren. Die Figur des Rick in “Zugabe” steht für die Fülle des Lebens, die er in jedem Moment zelebriert. In der Titelgeschichte “Und zwischen uns das Meer” wiederum ist mir die Metapher des Meers wichtig. Wasser hat ja eine doppelte Bedeutung: Einerseits ist es lebensspendend, lebenserhaltend, denn wir alle kommen aus dem Wasser, wir müssen trinken, um zu überleben, andererseits kann Wasser bedrohlich werden, kann Leben vernichten, man denke nur an Tod durch Ertrinken oder Flutkatastrophen.

 

Martina Weber: Welche Autorinnen und Autoren haben dich mit ihren Texten beeinflusst? Vielleicht kannst du ein oder zwei nennen, und dabei, wenn das möglich ist, etwas Konkretes, was du für deine literarische Arbeit mitgenommen hast.

 

Elke Barker: Das Schreiben fängt bekanntlich mit dem Lesen an, der Freude und Faszination an dem, was andere schreiben. Mich dabei auf ein oder zwei Namen festzulegen, fällt mir schwer.  Peter Stamm, Judith Hermann, Zsuzsa Bánk, Mariana Leky haben mich inspiriert, auch Raymond Carver oder Wolfgang Borchert. Bei ihnen habe ich den Eindruck, dass den Figuren irgendwann die Kontrolle über ihre Handlungen entgleitet, sie quasi zum Zuschauer ihrer selbst werden. Da kann ich als Autorin und Mensch gut mitgehen.

 

Martina Weber: In den Geschichten werden die Orte, in denen sie spielen, nicht genannt. Ich habe immer wieder einige Plätze aus Heidelberg, wo ich selbst einige Zeit gewohnt habe, erkannt. Wie ist für dich als Autorin dein Bezug zu Heidelberg? Heidelberg ist auch UNESCO city of literature. Wie wirkt sich das aus?

 

Elke Barker: Ich lebe seit 1993 mit kurzen Unterbrechungen in Heidelberg, habe in der Stadt studiert, meine journalistische Ausbildung in der Region gemacht, ich habe hier meine Familie, meine Freunde. Ich bin in Heidelberg oft zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, insofern entdecke ich immer wieder Orte, die mich inspirieren. Das Trafohaus am Neckar oder das alte Hallenbad in der Poststraße beispielsweise. Oft sind das Orte, die sich im Umbruch befinden oder solche mit einer wechselvollen Geschichte.

Dass Heidelberg im Jahr 2014 als einzige deutsche Stadt UNESCO City of literature wurde, ist ein großes Glück. Das internationale Netzwerk der 42 Städte ist toll, es gibt zahlreiche länderübergreifende Projekte, und auch auf lokaler Ebene versucht man, den Autoren eine Plattform zu bieten. So ging gerade das Festival “Heidelberger Literaturherbst” zu Ende, wo sich lokale Autoren und Gruppen in insgesamt 28 Veranstaltungen über einem vierwöchigen Zeitraum präsentierten.

 

Martina Weber: Das erste literarische Buch abzuschließen, kann man schon als das Ende eines Lebensabschnitts und als eine Art von Initiationsritual sehen. Dein Band ist vor sieben Monaten erschienen. Du hast mir schon verraten, dass du an weiteren Erzählungen arbeitest, dass sie jetzt aber vom Umfang her länger werden…

 

Elke Barker: Die erste Publikation, das erste Buch, das ist schon etwas Besonderes, eine Zäsur. Zuerst war da einfach nur die Freude, dass es geklappt hat, dass ich einen Verlag gefunden hatte und den ersten Band in der Edition Darmstädter Textwerkstatt bestücken durfte. Dann aber begann ich zu überlegen, wie es weiter geht. Aktuell arbeite ich an zwei Geschichten, die etwas länger werden, aber immer noch das Format einer Kurzgeschichte haben. Ich glaube, dass die Kurzgeschichte gemeinhin unterschätzt wird, oft nur als Vorspiel für einen Roman angesehen wird. Dabei vermag sie doch Großartiges, nämlich auf sprichwörtlich kleinem Raum Themen anzusprechen, die weit über den eigentlichen Text hinausweisen. Hemingway hat in diesem Zusammenhang einmal von der “Eisbergmetapher” gesprochen. Das gefällt mir sehr.

 

Martina Weber: Ich danke dir für die vielfältigen Einblicke in deinen Arbeitsprozess!

 

 

Foto: Tobias Schwerdt

 

Link zur Autorenseite von Elke Barker im Autorenlexikon von literaturport.de.

Link zur Autorenseite von Elke Barker auf der Website des Axel Dielmann Verlages.

 

„Der Platz“, „Eine Frau“, „Die Scham“. Drei schmale Bücher, die mich unerwartet berühren. Ich habe sie gelesen, um das Anliegen von T, einer Seminarteilnehmerin, besser zu verstehen. Autobiographische Bezüge literarischer Texte werden meist verwischt, um sich und andere zu schützen. Man schreibt auf das Cover „Roman“, verfremdet Handlung und Figuren, wählt einen Titel, der eine Ebene der Irritation einfügt („Lügen über meine Mutter“, „153 Formen des Nichtseins“). T geht es um das, was geschehen ist, und sie erzählt mir von Annie Ernaux, deren Bücher in der Schnittstelle von Familie und Gesellschaft, Mythos und Geschichte angesiedelt sind und die in Frankreich viel gelesen und sehr geschätzt wird. Ich las erst das Buch über den Vater („La Place“, 1984), dann das über die Mutter („La Femme“, 1987) und schließlich das Buch, in dem Annie Ernaux Schicht für Schicht die Hintergründe eines Dramas beschreibt, das sich an einem Sonntag Nachmittag im Juni 1952 ereignet hat, als die Autorin zwölf Jahre alt war: Der Vater versucht, die Mutter zu töten („La honte“, 1997). Was ist das für eine Familie? Mutter und Vater stammen aus einfachen Verhältnissen, sie leben in einem kleinen Ort zwischen Rouen und Le Havre, betreiben ein Ladengeschäft und eine Kneipe. Unterlegenheit ist das Grundgefühl. Die Tochter geht auf eine katholische Privatschule und wird Lehrerin. „Ich verspreche mir nichts von der Psychoanalyse oder der Familienpsychologie“, schreibt Annie Ernaux in „Die Scham“ und in „Eine Frau“: “Mein Vorhaben ist literarischer Art, denn es geht darum, nach einer Wahrheit (…) zu suchen. (…) Gleichzeitig will ich sozusagen unterhalb dessen bleiben, was gemeinhin als Literatur gilt.“ Ernauxs Sprache ist präzise, beschreibend und bildlich. Die wenigen Sätze, in denen Ernaux etwas wertet, Zusammenhänge herstellt oder ein Resümmee zieht, wirken umso stärker. Beim Lesen schärft sich das Gespür dafür, Teil von etwas zu sein, das wir uns nicht ausgesucht haben, dem wir aber entkommen können, indem wir uns schreibend damit auseinandersetzen.

 

Es ist schon einige Zeit her, dass ich mich erstmals in die Welt der MAD MEN und der Werbeagentur Sterling Cooper in der Madison Avenue in New York begeben habe. Damals habe ich mir für die sieben Staffeln, die sich über die gesamte Dekade der 1960er Jahre und bis November 1970 hinziehen, viel Zeit genommen: das Büroleben, Intrigen, Familiengeschichten, vor allem aber „cloud of mystery“ Don Draper, die Fassetten seiner Persönlichkeit, die Art seiner Intelligenz und wie er scheinbar mühelos alles in Magie verwandelt. Nun habe ich die letzte Staffel in wenigen Tagen durchlaufen lassen, eine kleine Retrospektive, immer noch eine faszinierende Erfahrung. Und es sind dieselben Stellen wie beim ersten Mal, die mich staunen und innehalten lassen, dieselben Bilder und Dialoge. Die Staffel beginnt mit dem Vorschlag für einen umwerfenden Werbefilm für Acuton Armbanduhren, vorgetragen von Freddy, einem Freiberufler, hinter dem der freigestellte Don steckt. Ein junger Mann mit Koteletten in Besprechungsraum eines Büros, eigentlich gelangweilt, aber die Uhr gibt ihm Identität; ein Kollege spricht ihn darauf an. Es endet mit dem Pitch: „Acuton. It’s not a time piece. It’s a conversation piece.“ Und viel später Peggy, die Don auffordert, ihr zu erklären, wie er denkt, und dann gemeinsam mit ihm eine verbesserte Fassung ihres Werbefilms für Burger Chef entwickelt. Nicht mehr anknüpfen am schlechten Gewissen der Mütter, die kein Abendessen zubereiten, sondern die Vorzüge von Burger Chef im Vergleich zum Zuhause betonen: a clean, well-lighted place (Hemingway), and every table is the family table. Ohne Fernseher in Reichweite. Don Draper, der das Fenster seines Hochhausbürozimmers berührt. Zum ersten und einzigen Mal hören wir den Wind, wie er um die Betonblocks zieht. Und plötzlich die Vögel wahrnehmen, wie sie ihre Bahnen suchen. Der letzte Dialog zwischen Don und Roger, in dem Don gesteht, er habe Roger immer darum benieden, dass er es nicht für nötig befunden habe, etwas zu erreichen. Eine andere Ausfahrt ansteuern, die Flucht, die kalifornische Wüste, gefangen in einem Yoga- und Selbsterfahrungs-Retreat. Spätestens hier wird mir bewusst, dass es viel zu viele Studioszenen gab: Endlich aufatmen in einem realen Raum. Don ruft Peggy an, sie fordert ihn auf, zurückzukommen ins Büro, nach Hause, wie sie sagt, die Werbestrategie für Coca Cola entwickeln. Don erklärt ihr in ein paar Sätzen, wie vernichtend er über sein Leben denkt. Er hat nur angerufen, um sich bei ihr zu verabschieden. Am nächsten Morgen eine Yogasitzung in kleiner Gruppe am Rand des Pazifik. The new day brings new hope. Lives we’ve lead, the lives we get to lead, a new day, new ideas, a new you. Don im Lotossitz, Hände auf den Knien. Er stimmt ein in den Ruf des „Om“, lächelt, mit geschlossenen Augen. Die Serie könnte jetzt zu Ende sein, es folgt jedoch etwas Irritierendes: eine Werbung für Coca Cola, die aus einem Fernsehbildschirm ausgestrahlt wird. Eine Gruppe von vielleicht hundert Personen aus der ganzen Welt stehen auf einer Wiese und singen. Jeder hat eine Flasche Cola in der Hand. Völlig unterschiedliche und eher normale Menschen. Es könnte die Nachbarin dabei sein oder man selbst. Der Songtext ist ziemlich genial, bringt die Stimmung Anfang der 1970er Jahre auf den Punkt und ist ganz unironisch gemeint: „I’d like to buy the world a coke / and keep it company. // It’s the real thing / what the world wants today.“ Die Schnittstelle zwischen dem lächelnden, ruhigen Don und dem Werbespot ist der rätselhafteste Schnitt der Serie. Warum endet die Serie so und vom wem stammt die Werbung, in der Serie gedacht? (Es ist eine original Coca Cola Werbung.) Immerhin ist die Werbeagentur McCann Erickson mit der Coca Cola Werbung beauftragt. Hat Peggy den Spot mit ihrem Team entwickelt? Don gegenüber hatte sie als ihr Berufsziel angegeben, einen Pitch zu entwickeln, der ein Klassiker wird. Oder ist es eine Idee von Don? Ihm zugefallen im Moment seiner Yogaübung? Ist es nicht eine Idee, die man eher an der Kalifornischen Küste als in einem New Yorker Bürozimmer entwickeln kann? Ist es eine Idee, die umgesetzt wird (der Spot läuft im Fernsehen) oder stellt sich Don nur vor, dass der Film im Fernsehen läuft? Kehrt er nach New York in die Werbefirma zurück? Oder teilt er seine Idee mit Peggy, und sie setzt sie um? Matthias Weinert, Hauptautor und Produzent der Serie, sagte im Audiokommentar, die letzte Minute von MAD MEN hätte für viel Diskussionsstoff gesorgt. Genau das macht den Reiz dieses Schnittes aus.

 

Auf einer Radtour am Rand der nordfranzösischen Küste habe ich dieses Häuschen entdeckt: ein Pizzaautomat, der auf Knopfdruck bis zu zehn Pizzen backt. Der Backvorgang für eine Pizza dauert drei Minuten. Es scheint mir ein Quantensprung im kontaktlosen Warenverkauf zu sein und auch eine Erklärung dafür, warum es hier in Ault keine Pizzeria gibt. Der Automat ist gut besucht. In der kurzen Zeit, in der ich ihn vom gegenüberliegenden Bistro aus betrachtet habe, hielten mehrmals Autos an. Das ist das Ritual: Zwei Männer steigen aus, schwenken mit ihren Bierflaschen herum, rauchen lässig ein paar Zigaretten und plaudern miteinander, bis sie mit einem Stapel an Pizzakartons, an denen sie sich fluchend fast die Finger verbrennen, wieder verschwinden.

 

Während ich noch darüber nachdenke, ob die Kunsthalle Wolfsburg einen Besuch wert ist und das Planetarium schon von meiner Liste gestrichen habe, nehme ich mir den Disk-Man vor, den ich vor einigen Monaten geschenkt bekommen habe und der so alt ist, dass man so ein Produkt wahrscheinlich nichtmal mehr gebraucht erwerben kann. Ich lege die CD II aus Steve Tibbetts Hellbound Train ein und verliere nach wenigen Minuten das Gefühl für Raum und Zeit. Schöner kann es im Planetarium nicht sein. Chandogra, Climbing, Black Mountain Side, Start. Night Again. And Again.

 
 

Es muss nicht unbedingt Kalifornien, Paris, die isländische Wildnis oder Amsterdam sein. Ich bin für ein paar Tage an einen unspektakulären Ort gereist. Ich habe hier jedoch einige Eindrücke gefunden, die ich nicht erwartet hätte. Wer findet heraus, wo die Bilder entstanden sind? Bitte mit Begründung. Es gelten die üblichen Bedingungen für manafonistische Rätsel.

 
 


 
 

 
 

 

2022 18 Jul

Force Majeure – Leafar Legov / Giegling 21 [2017]

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

This is a small (7’18“ time) piece of music which youtube recommended to me after listening to Pan American’s East Coast Bugs. It meets my easy listening requirements: adventurous, relaxed mood, inner tension and several surprises. I love it!

 

Serendipity. Das Wort ist mir zum ersten Mal hier auf dem Blog begegnet, es ist einige Jahre her. Vielleicht hat es Ian McCartney verwendet. Ich hatte das Wort an eine Freundin weitergereicht, die mir darauf ein Buch schickte, das sie in einer Buchhandlung gesehen hatte: „Wer nicht sucht, der findet.“  Durch den Anblick dieses Buches in seinem kompakten Format und dem hellblauen Buchrücken bleibt das Prinzip bei mir präsent: Serendipity beschreibt den glücklichen Zufall, der jemanden etwas entdecken lässt, was er oder sie gar nicht gesucht hat. Meine seit Wochen andauernde Begeisterung bezieht sich auf ein Buch, das ich beim Herumstreifen um die heimischen Bücherregale herausgezogen habe und das ich bislang nicht beachtet habe. Als ich es aufschlage, finde ich die Zahlen „1/07“ darin. Im Januar 2007 ist es also zu mir gelangt. Ich erinnere mich vage, dass es ein Geschenk der Wahrsagerin gewesen sein muss, die mir in Dresden die Karten gelegt hatte. Autorin ist Gertrud Hischi, der Titel lautet: „Mudras. FingerYoga für Erfolg, Kreativität und Wohlbefinden“. Damals hatte ich es, auch wegen der Klischees der Begriffe „Erfolg“ etc. misstrauisch beäugt und nach kurzem Herumblättern im Regal verschwinden lassen. Jetzt ist der Impuls da (Schreibkrise, Unausgeglichenheit – bitte dazu keine Tipps geben!). Mudras sind Gesten der Finger und Hände, Hand-Haltungen, die seit Jahrtausenden überliefert sind. Sie sind Ausdruck des Denkens und Fühlens und wirken umgekehrt auf das Innere zurück. So wie unsere Fußsohlen und auch das Ohr Reflexzonen aufweisen, die mit inneren Organen korrespondieren, verhält es sich auch mit den Fingern und Händen. Gertrud Hirschi skizziert verschiedene Theorien: die taoistische Zuteilung, die Fünf-Zonen-Lehre und die Reflexzonen nach Dr. Devendra Vora. Mudras wirken vor allem über die Meridiane, also auf energetischer Ebene. Gertrud Hirschi stellt in dem Buch mehr als 60 Mudras vor, mit unterschiedlichsten Wirkungen, vom inneren Kraftort über Ankurbelung der Kreativität (yes!), gegen Lampenfieber bis zum Mudra für effizientes Lernen, richtige Entscheidungsfindung und gegen Liebeskummer. Nun läuft die Arbeit mit den Mudras jedoch nicht so, dass man sich mal eben eine erwünschte Wirkung aussucht, dazu die passende Mudra und das Problem dann gelöst hat. Jede Heilung ist ein Prozess, und es braucht drei bis sechs Wochen täglichen, mehrfachen Praktizierens von einigen Minuten pro Mudra, bis geistig-seelische Veränderungen vollzogen sind. Dabei konzentriert man sich zunächst auf zwei bis drei Mudras. Wichtig sind dabei oft auch vorbereitende Massagen bestimmter Finger oder Zonen der Hand, die passende Affirmation und vor allem die Atmung. Nicht alle Mudras benötigen so viel Geduld. Zur Vorbereitung der Leichtigkeitsmudra habe ich meine Schultern kreisen lassen und meine Hände aus den Handgelenken auf eine Art, als würde ich einen Walzer dirigieren. Obwohl ich Walzer überhaupt nicht leiden kann, hat die bloße Bewegung bei mir sofort gute Laune ausgelöst. Gertrud Hirschi schreibt zu dieser Mudra, dass Hormondrüsen angesprochen werden, die Wohlbefinden auslösen. Es gibt auch Mudras, die körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen heilen können. Gertrud Hirschi, seit Jahrzehnten Yogalehrerin in Zürich, ist eine Koryphäe auf dem Bereich Mudra, Meditation und Yoga. Was mir an ihren Büchern imponiert (ich habe inzwischen einige dazugekauft), ist neben dem beeindruckenden Fachwissen ihre Ehrlichkeit und Offenheit. Sie schrieb, dass sie an sich kein positiver Mensch ist, dass es ihr durch die Methoden, die sie in ihren Büchern beschreibt, jedoch ausgezeichnet geht. Bemerkenswert finde ich ihr Buch „Innere Kräfte entdecken und nutzen“, ich bin noch am Anfang damit. Hier geht es darum, die Archetypen kennenzulernen und ihre Kräfte harmonisch zusammenwirken zu lassen, indem man auch durch Körperübungen einen bestimmten Archetyp in sich stärkt. Einige dieser Übungen kannte ich aus Jugendgruppen oder Jugendfreizeiten, zum Beispiel sich auf den Boden zu setzen und mit beiden Händen in einem fiktiven Zauberkessel zu rühren: eine Übung, die den inneren Schöpfer stärkt. Oder sich (der Archetyp des Weisen) stehend zu strecken und Sterne vom Himmel zu pflücken.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz