Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Der Schriftsteller Matthias Göritz ist ein Reisender. Er macht die Orte und Landschaften, an denen er sich aufhält, spürbar und verwebt sie intensiv mit den Empfindungen des Lyrischen Ich oder des Erzählers. In seinem ersten Gedichtband hat er unter drei Kapitelüberschriften die Metropolen genannt, in denen sie verortet sind: Paris, Chicago und Moskau. Das erste Gedicht seines Debüts skizziert Eindrücke aus Paris:

 

(…)
Stadt der Metaphern
(…)
Mein Tag: Spaziergang
oder Blicke vom Fenster.
(…)
Paris ist alt und kalt.
(…)
Durch die Stille der Stadt
treibt Kälte mich
die Achsen, die Straßen entlang,
vom Concorde zur Bastille.

Du hast Henry Miller nicht mehr in Clichy.
Du hast nachts auch nichts anderes mehr.
Du kannst dich nur mit den Vögeln vergleichen,

den Vögeln,
die schwarz in der Luft
den Fragezeichen
und Bäumen gleichen,

vereinzelten Bäumen,
und Ästen,
die schrein.

 

Göritz spielt mit den Titeln seiner Gedichtbände. Nach seinem Debüt Loops, erschienen im Jahr 2001 – Göritz war Anfang 30; die deutschsprachige Lyrik befand sich auf dem Sprung einer großen Erneuerung durch eine junge Generation – folgten die Gedichtbände Pools (2006) und Tools (2011) und zuletzt (2021) Spools, eine Anspielung auf die Tonbänder aus Samuel Becketts grandiosem Theaterstück Krapp‘s Last Tape (auf Deutsch: Das letzte Band). Erinnerungen, Episoden aus der Kindheit („Mein heutiges Personenpensum / Papa, Nicki und ich“) sowie Lebens- und Liebesreflexionen durchziehen die Gedichte. In Tools gibt es ein Sonettenkranz mit Szenen einer sich auflösenden Liebesbeziehung; jedes Sonett ist überschrieben mit dem Automodell und dem Ort des Geschehens. An Schreibanlässen scheint es Göritz nicht zu mangeln. In einem Gedicht aus Loops schreibt er: „So soll das gehen. / Fast von allein / begegnet mir / das Gedicht.“ Neben Gedichten, die erlebnisorientiert wirken, finden sich auch historische Betrachtungen wie die niederländische Tulpen-Finanzblase und die Eroberung der Arktis durch Amundsen und Scott. In Göritz‘ Werk kann man feine Korrespondenzen entdecken, Fäden, die Geschehnisse und Reaktionen miteinander verbinden. Eine Liebe, die zerbricht, vielleicht wegen der Sache mit Lin in Shanghai Blues. Am stärksten sind Göritz‘ Texte, wo sie authentisch, überraschend, unberechenbar und schonungslos daherkommen, wie in diesen Passagen aus Spools: „Ich habe aufgegeben / etwas Besonderes zu sein.“ „Genau wie ich, weiß sie nicht, was sie sagt.“ „Ich schlichte Streite nicht mehr / ich gehe ihnen jetzt aus dem Weg“. Oder hier, die Auflösung von allem: „es gibt nicht einmal diesen Text / es gibt // nichts / nur eine Schnittmenge von Worten.“ Abschiedsstimmung flackert auf. Aufbruch in eine andere Lebensphase vielleicht. „Alles, was ich war lieh ich mir / und jetzt gebe ich es zurück / Auch diese Wörter / Auch dieses Buch“. Ab und an erwähnt Göritz den Wunsch, die Grenzen der Sprache zu überschreiten: „Der wirkliche Käfig ist der der Sprache.“ Ein Zitat aus dem aktuellen Buch Amerika oder Reisen ins Herz des Herzens des Landes. Die kleinen Texte – im Buch selbst als Flash-Fiction, also als Kürzestgeschichten bezeichnet – kommen mit einer Geste des Improvisierens daher, sind genreübergreifend, verspielt. Ein Reise-Skizzenbuch. Eine Art Reise-Blog. Wobei es sich nicht um eine Auslandsreise handelt, da Göritz seit einigen Jahren als Professor of  the Practice an der Washington University in St. Louis unterrichtet, in den USA also lebt. Die Nonchalance und die Lässigkeit nehmen im Werk von Matthias Göritz zu. Der Autor demonstriert Abgebrühtsein, Gleichgültigkeit. „Es ist nicht wichtig, wie ich die Dinge beschreibe. Die Dinners, die Tankstellen, die Straßen, die immer nach innen führen. Sie sind da. Draußen. Dein Erstaunen an Etwas, das sich Amerika nennt.“

 

Amerika oder Reise ins Herz des Herzens des Landes enthält Fotografien von Michael Eastman, Bilder, die über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten aus verschiedenen US-Staaten aufgenommen wurden und eines gemeinsam haben: viel Raum für den Himmel unter endlos scheinenden Landschaften. Etwas Unheimliches kommt immer dazu. Auch Göritz‘ Erzählung Shanghai Blues (2015) enthält beeindruckende Fotografien, es sind Arbeiten von Vanja Vukovic, die Shanghai verzaubern und verwandeln. Das Buch beginnt mit dem Blogeintrag eines Mannes namens Parker über seine Ankunft in Shanghai. Parker, der ein Werk über Urbane Nomaden geschrieben hat, und nun als Experte gilt, einen lukrativen Auftrag nach dem nächsten erhält. 200.000 verkaufte Hardcover-Exemplare in den USA, Übersetzung in 24 Sprachen, in China als Raubkopie auf Chinesisch vertrieben. Eine Geschichte, mit der es anfing. „Die Sehnsucht, einfach an einem anderen Ort anzufangen (…)“ Aber fing es nicht schon so an? Doch, so fing es wohl an. In Paris, Chicago und Moskau um die Jahrtausendwende herum.

 

Ein Wolf hat mich angefallen. Vor der Betonleinwand
auf dem Parkplatz des aufgegebenen Autokinos an der
Ausfallstraße eines längst vergessenen Orts, dessen
Name auf dem Straßenschild langsam verrottet. Peter
Bogdanovich? Keine Chance. Hier muss man Gewalt-
filme drehen. Tarrantelkino. Horizontschlachten.
Fords. Der Mittlere Westen. Bis zum Äußersten gehen.
Carl ist eine Sandburg. In mir lebt ein Wolf. Er hat
mich angesehen. Der Hunger. Das Gefühl ist selbst
rohes Fleisch. Ich habe ihn in die Kiste gestopft. Zu dir
und dem Hund.

(aus: Amerika oder Reise ins Herz des Herzens des Landes)

 

2022 28 Mai

Lebensträume

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In dem kürzlich erschienenen Prosadebüt von David Emling geht es um Existenzielles: das Leben, das man sich innig wünscht, oder „diese kleine Stimme in uns, die uns auffordert, unserer Bestimmung nachzugehen“. Und um das, was dazwischengekommen ist, etwa ein Beruf, der dem Lebenstraum nicht entspricht, zum Beispiel in einer Beratungsagentur. Und es geht um das, was einen jeden Tag davon abhält, das Eigentliche zu tun. „Daniels Hang“, veröffentlicht im Freiburger Verlag NeuWerk, ist eine Novelle und diese Gattung verlangt einige Strukturelemente. Zunächst ein besonderes Ereignis, das sich auf den Protagonisten auswirkt. In diesem Fall ist es: „alles, denn es ist nichts okay“, wie Daniel eines Nachts nach einem fantastischen Abendessen und wildem Sex verzweifelt seiner Freundin Jana erklärt: „die Arbeit, der Kurs, all die kleinen Enttäuschungen“. Mit dem Kurs ist Daniels Philosophiekurs gemeint. Foucault, kritische Theorie, Existenzialismus, Heidegger. Essays über philosophische Themen zu schreiben und damit zu zeigen, über diese Welt nachdenken zu können, das ist Daniels Ziel. Texte zu schreiben, die aber nur leben, wenn andere sie lesen – davon ist Daniel überzeugt. Das Dingsymbol für sein Schreiben ist sein charmant aus der Zeit gefallenes rotes Notizbuch. Daniel ist Sympathieträger: Auf der Zugfahrt zu Freunden sitzt er neben einer als unangenehm beschriebenen älteren Frau, die so korpulent ist, dass er neben ihr nicht einmal sein mitgebrachtes Buch aufschlagen kann; und doch: Als er aussteigt, „wünscht er der Frau in seinen Gedanken alles Gute“ – ein ziemlich ungewöhnliches Verhalten für einen jungen Mann. Der Held einer Novelle lässt sich treiben, er reagiert eher als dass er agiert, und so kann man das Buch auch unter den Aspekt lesen, auf welche Weise sich entscheidende Weichenstellungen in Daniels Leben ergeben, immerhin ein Zeitraum von sechs bis sieben Jahren in einem Alter von vielleicht den späten Zwanzigern bis in die Dreißiger hinein. Daniel ist ein empfindsamer, reflektierender Mann, er wird als Figur sehr anschaulich, weil er in verschiedenen Umfeldern agiert: seinem Zuhause mit Jana, seinem Arbeitsplatz, dem Philosophiekurs, dem neuen Nachbarn, mit Freunden von früher, mit seinen Eltern. Sehr stark ist die Szene, in der Daniel auf dem Nachhauseweg, mit Einkaufstaschen für ein genussvolles Abendessen bepackt, einem Mädchen, das auf dem Balkon eines billigen Wohnkomplexes steht, begegnet. Kaum spürbar finden Verschiebungen statt; manchmal genügt dafür ein Vergleich. So wirkt Toby, Daniels Chef, auf einer Geburtstagsfeier auf Daniel plötzlich „wie ein Künstler auf der Bühne“. Vor viereinhalb Jahren habe ich hier mit David Emling ein Parallel Reading über Richard Fords „Der Sportreporter“ gemacht, und David sagte, wenn schon das Leben unvorhersehbar sei, solle wenigstens die Erzählstruktur verlässlich sein, und so hat er es in „Daniels Hang“ gehandhabt. Es ist ein Buch, das für „die kleine Stimme in uns“ sensibilisiert – und für die Überraschungen, die sie bereithält.

2022 14 Apr

Best Game Ever

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Nach langer Zeit gibt es von mir mal wieder einen Hinweis zu einem sehenswerten Kurzfilm. Auf ARTE läuft die Kurzfilmsendung Kurzschluss jede Woche in der Nacht von Samstag auf Sonntag, keine feste Zeit, nach Mitternacht, immer zu einem Schwerpunktthema. Am 10. April war es „Mensch und Maschine“. Empfehlen möchte ich Best Game Ever aus Ungarn. In einem großen öffentlichen Gebäudeareal arbeiten drei Überwachungstechnologen im Schichtbetrieb an Bildschirmen. Die Überwachungsmaschine kreist verdächtige Personen oder Gegenstände ein. Die Angestellten wissen zunächst nicht, dass sie es sind, die die Maschine trainieren. Der Film stellt Fragen wie „Wann und warum ist etwas verdächtig?“ und „Wie kann man eine Maschine mit ihren eigenen Mitteln überlisten?“. Eine wunderbare, energiegeladene Performance!  Unter diesem Link ist der Film bis 7. Juli 2022 zu sehen (Dauer: 20 Minuten).

2022 9 Apr

Der Fliegenschrank

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Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst. Der Trick ist wirklich, nicht nachzudenken, sondern einfach weiterzuschreiben.

Doris Dörrie: Leben Schreiben Atmen, S. 31

 

Am Wochenende besuchten wir manchmal die Großmütter. Die Großväter lebten schon lange nicht mehr. Die Mutter meines Vaters bezeichneten wir nach der Straße, in der sie wohnte. Es war die Zellersträßleroma. Die Straße empfand ich als düster und eng. Doch vor dem Haus leuchteten die Stämme von Birken. Sie wohnte im Erdgeschoss. Ich erinnere mich kaum noch an sie, sie starb, als ich acht war. Sie hatte leicht gelocktes, dunkelbraunes Haar, auch im hohen Alter. Ihre Wohnung war dunkel und kalt, immerzu kalt. Ihre Stimme habe ich vergessen. Im Flur stand ein Schrank. Ich stand mit meinem Vater davor und lernte ein neues Wort: Fliegenschrank. Das Möbelstück war Holz, und auf der Innenseite der Fliegengitter war ein gemusterter Vorhang in Erdtönen im Stil der späten 50er oder 60er Jahre. Ich hatte den Schrank immer als groß und geheimnisvoll empfunden. Ich wusste nicht, was meine Großmutter darin aufbewahrte. Nachdem sie gestorben war, brachten meine Eltern den Schrank in unseren Keller und stellten Marmeladenvorräte, Konserven, alte Töpfe und anderes hinein. Viele Jahre später, nachdem ich ausgezogen und mehrmals umgezogen war und immer noch jedes Mal Wehmut und Glück empfand, wenn ich den alten Schlüssel umdrehte und die Tür des Fliegenschranks öffnete, fragte ich, ob ich den Schrank mitnehmen dürfte, für meine Küche. Ich kaufte einen Ersatz und durfte ihn haben. Gegen nichts in der Welt würde ich den Schrank tauschen. Es passt einfach alles hinein. Wahrscheinlich ist er inzwischen hundert Jahre alt. Den alten Vorhang habe ich abgenommen. Das feine Metallgitter ist ausgebeult, hat Risse. Mit der Fläche der Hand über die feine Struktur des Holzes zu streichen. Äste und ihre Jahresringe und was sie erzählen.

 

2022 1 Apr

Medical Food

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Ernährungswissen in China: Eine erkältete Dozentin wurde von den Studierenden davor gewarnt, die für die Pause mitgebrachte Banane zu essen. Bananen haben nämlich eine kühlende Wirkung. Diese Episode las ich vor langer Zeit in dem Buch Die acht Schätze der chinesischen Heilküche. Das Ernährungsbuch, das meinen Blick auf Nahrungsmittel völlig umgehauen hat, stammt von Anthony William und hat auch in der deutschen Übersetzung den Titel Medical Food. Im Hauptteil des Buches führt William einzelne Obst- und Gemüsesorten, Kräuter und Gewürze sowie Honig und Wildpflanzen auf, und erläutert ihre generelle Wirkung auf den Organismus, Symptome und Krankheiten, bei denen das jeweilige Nahrungsmittel helfen kann, seine spirituelle Aufgabe und seelische Unterstützung. Bananen beispielsweise förderten den Wunsch, produktiv zu sein. Bei der Petersilie handelt es sich um eine zentrierte und zentrierende Pflanze. Ich hatte es, als ich es zum ersten Mal las, angestrichen und wieder vergessen, lese es gerade erst wieder; die starke seelische Wirkung des grünen Smoothys aus dem Rezept vom 30. März ist kein Placeboeffekt. Hier noch zu ein paar anderen Zutaten: Koriander bringt Klarheit über Lebensziele, Staudensellerie beruhigt, Gurken fördern Selbsterkenntnis, Spinat reinigt und klärt spirituell. Es erinnert mich daran, was Chrissie über Kirschtomaten geschrieben hat: es sind Persönlichkeiten. Und als solche werden sie von Anthony William präsentiert.

 
 

Die erste Bananenmilch meines Lebens habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, bei dem Jungen im dritten Stock bekommen. Außer der Tatsache, dass wir im gleichen Haus wohnten, verband uns das Theaterspielen mit Handpuppen: einem Krokodil und den damals üblichen Verdächtigen (Prinzessin, Kasper, Räuber, Polizist). Die Bananenmilch war sehr fein püriert und ich war erstaunt darüber, dass meine Mutter, die Rezepte aus Bücher und Zeitschriften recherchierte, so etwas nicht in ihrem Repertoire hatte. Ich verglich die Bananenmilchmixgetränke die ich selbst zubereitete, immer mit diesem Ideal aus dem Kinderzimmer. Mit meinem Stabmixer, schon lange in meinem Haushalt, gelingt mir die feine Konsistenz jedenfalls nicht. Nun habe ich mir kürzlich einen Mini-Standmixer gekauft und  auch gleich ein Buch mit Smoothierezepten. Das Rezept, das mich bisher am meisten überzeugt, stammt jedoch nicht aus diesem Buch. Eine Freundin hat es mir geschickt. Tatsächlich handelt es sich um ein Rezept, das ihr ein Arzt verordnet hat. Sie schrieb mir, sie hätte über einen längeren Zeitraum zwei Mal täglich diesen Smoothie getrunken, und inzwischen bereitet sie ihn zweimal pro Woche zu. Es sei wie eine Medizin, habe sie verwandelt. Es ist ein grüner Smoothe. Ich habe ihn gestern und heute zubereitet und bin überrascht: Ich fühle mich gleichzeitig beruhigt, entspannt, beschwingt und zuversichtlich, und das bereits nach kurzer Zeit. Können magische Pilze mehr bewirken?

Hier die Zutaten (Menge jeweils nach Geschmack oder Intuition):

 

Mango-Orangensaft als Basis
Pfefferminzblätter
Petersilie
frischer Koriander
ein paar Spinatblätter
1/2 Stange Staudensellerie
Ein Stück kleingeschnittene Schlangengurke
Etwas Zitronensaft

Alles kleinschneiden und im Standmixer pürieren.

 

„Dieses Buch erzählt vom Verfolgen eines Traums und der Einsicht, dass man Träume nicht erreichen kann.“ Als einer der ersten europäischen Comiczeichner bekam Igort Anfang der 90er Jahre die Gelegenheit, für einen japanischen Verlag zu arbeiten. In der Graphic Novel Berichte aus Japan [Eine Reise ins Reich der Zeichen] erzählt er von seiner Zeit in Tokio, er erzählt vom Raumgefühl in winzigen Appartements und Hotelzimmern, von geradezu sinnlos erscheinenden Aufträgen, bis zum nächsten Tag einen Comic zu zeichnen, zu dem der Auftraggeber dann nichts sagt und einen weiteren Comic verlangt. Eine Zeitschleife. Sein Kreativitätspool sind Karteikarten, die er sich inspiriert von Brian Enos Oblique Strategies angefertigt hat. Igort erzählt von seiner Suche nach Sinn auf Spaziergängen in Azaleengärten, der Bedeutung kleiner Risse im Innern von Teetassen, von Chrysanthemen, der Tradition der Sumo-Ringer und von Episoden aus der japanischen Geschichte, die es nie in die Schulbücher schaffen: Verruchte Gestalten, die mit Konventionen brechen und Berühmtheit erlangen. Der rote Turm in Asakusa. Die Burakumin: Menschen, die durch ihren Beruf mit Blut in Berührung kamen, waren Ausgestoßene, und heute noch beliefern Agenturen Unternehmen mit Stammbaumdaten: Wer von den Burakumin abstammt, wird nicht eingestellt. Geschichte lagert sich an Orten ab. Vor allem aber erzählt Igort von der japanischen Arbeitswelt der Comic- und Mangaenthusiasten, die auch Filmbegeisterte sind, denn auch im Film geht es darum, wie erzählt wird, wie Bilder perspektivisch gemacht und geschnitten sind. „Ich habe endlos Zeit damit verbracht, seine Filme [die von Seijun Suzuki, M.W.] aufzutreiben. Selbst Kopien von Kopien, nur um zu sehen, wie er dreht, wie er erzählt.“ Verschiedene Erzählebenen bildet Igort in unterschiedlichen Zeichenstilen ab. Springt irgendwo ein Funke über? Ich habe mir einige Titel notiert: „Nachtasyl“ von Kurosawa (ein Film über die Burakumin), „Die letzten Glühwürmchen“ von Hayao Miyazaki, „Mein Nachbar Totoro“ von Isao Takahata (großer Antikriegsfilm), Shigero Mizuki: „Kitaro vom Friedhof“ (ein Manga. Japaner glauben an das Unsichtbare, schreibt Igort, und in diesen Geschichten fände sich ein Zugang dazu). Die Skizzenbücher von Hokusai Katsushika: für Igort wie Reisen. „Naji-Shiki“ (deutsch: „Mit einer Schraube“) von Yoshiharu Tsuge, der Titel „Mann ohne Fähigkeiten“. Igort traf Art Spiegelman und David Mazzucchelli und sie sprachen über Tusges Arbeiten. Er lebte sehr zurückgezogen. Auf Deutsch erschien  sein Hauptwerk „Der nutzlose Mann“ und 20 graphic Kurzgeschichten unter dem Titel „Rote Blüten“, über die Alexander Braun in Deutschlandfunk Kultur sagte, sie seien „ein wenig mysteriös“ und „in einer anderen Erzählweise, als wir es aus westlichen Kontexten kennen“. Hier springt ein Funke über.

2022 3 Mrz

A Nest of Ninnies

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Was mich an diesem Buch am meisten begeistert, ist seine Entstehungsgeschichte. Juli 1952: John Ashbery und James Schuyler waren Mitte/Ende 20, sie schrieben Gedichte, die in der Öffentlichkeit noch nicht beachtet wurden, und hatten das Wochenende bei Dreharbeiten in East Hampton verbracht. Bekannte nahmen sie im Auto mit, zurück nach New York. Die Zeit zog sich hin. Schuyler schlug Ashbery vor, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Und wie? Abwechselnd, Zeile für Zeile. „Alice was tired“, fing Ashbery an. Sie kamen an einem typischen Vororthaus vorbei, weiß gestrichen, grüne Fensterläden, und beschlossen, dass es das Zuhause der Protagonisten sein sollte. Sie trafen sich einmal in der Woche und schrieben weiter. Ob daraus ein Buch werden würde, war den beiden egal. Ashbery zog es nach Frankreich. Über eine räumliche Distanz weiterzuschreiben, funktionierte nicht so gut. Sie mussten im selben Raum sein. Erst zehn Jahre später kehrte Ashbery zurück. Erste Gedichtbände von ihm waren erschienen, darunter „Some Trees“ und „The Tennis Court Oath“. Der Durchbruch als Lyriker. Ashberys Verleger fragte, ob er nicht einen Roman schreiben könnte. Ein Versuch, mit dem Autor Geld zu verdienen. Ashbery erzählte von dem Projekt mit Schuyler. Die beiden beendeten den Roman und erlaubten sich eine Abweichungen vom ursprünglichen Plan, Satz für Satz abwechselnd zu schreiben. „A Nest of Ninnies“ (deutscher Titel: Ein Haufen Idioten) erschien 1969. Auf dem Cover der englischsprachigen Ausgabe findet sich das Vororthaus von der Rückreise  East Hampton – New York. Für die deutsche Ausgabe hat man sich für ein anderes Symbol streitlustiger Bürgerlichkeit entschieden: eine in die Luft geworfene Kaffeetasse, aus der Kaffee überschwappt und deren Unterteller zerbricht.

2022 26 Feb

My musical archetype

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It was in the early 90s, when I sat together with two other students in one of the guy’s room. We had met to discuss some kind of stuff, no private things. The guys were befriended and shared their position, so I felt a bit lost in my orange plastic armchair. It was a tiny room in a Student Residence, with beautiful wooden furniture. The first thing I noticed when I entered the room was an impressive record collection, about 80 cm, I guess, and we were still young. I don’t remember the name of the student whose room we were in, I just remember that he kept taking the few steps to the record player and putting on another record or turning the record over. He did it as a matter of habit, a ritual. The music played quietly, you could listen to it or not. As for me, the music transported me far away, somewhere I had never been. I asked him about the music, but he didn’t seem like he wanted to make that an issue. I didn’t understand the band’s name and I didn’t dare to ask once more. I would have loved to browse the record collection or – even more tough – to stay in this room for a few days, just for my own. I remember the music, but I remember it in a subconscious way. In fact I don’t remember it at all, but I’ve been searching it since then.

 

Alle paar Jahre, immer wenn Daniel Clowes ein neues Buch herausbringt, können sich Comiczeichner auf Selbstzweifel und auf die Zerlegung jeder Faser ihres Daseins gefasst machen, schreibt Chris Ware in seinem Essay Who´s afraid of Daniel Clowes. Seine Zeichnungen hätten eine Elektrizität, die er nur wenige Male in seinem Leben gespürt hatte. Like a velvet glove cast in iron erschien im Jahr 1993, ich habe das Buch jedoch jetzt erst entdeckt. Es ist die verstörendste Graphic Novel, die ich bisher angesehen und gelesen habe, sie entfaltet den ungeheuren Sog einer Alptraumlogik, einer Welt, in der Gewissheiten von Raum, Zeit und Person nicht mehr existieren. Like a velvet glove cast in iron ist eine Metapher für etwas, was nett und sanft daherkommt, dahinter aber unbarmherzig zuschlägt. In einem Downtown-Kinosaal, in dem ausschließlich schräge Typen sitzen und die Schuhe am Urin auf dem billigen Fußboden kleben, sieht Clay, ein früh gealterter Thirtysomething, in einem Film einige Szenen mit sich selbst. Durch eine Bemerkung erfährt man fast 30 Seiten später, dass die Frau, mit der er im Film agiert, eine frühere Freundin von ihm war, die ihn eines Tages verlassen hatte, ohne dass er gewusst hätte, warum. Zu behaupten, im Film ginge es um die Suche nach dieser Frau, klingt zu einfach, es dürfte jedoch der rote Faden der verworrenen Story sein, die man mindestens zwei Mal lesen und die Bilder genau betrachten muss, um wichtige Zusammenhänge zu begreifen: Symbole kehren immer wieder, vor allem die skizzenhafte Zeichnung eines Männergesichts, eine Markierung mit einer historischen Bedeutung. Oder nicht? Personen reagieren fast immer unberechenbar (das ist nicht immer negativ) und sie können unter verschiedenen Namen und in verschiedenen Altersstufen auftauchen. Auch auf Gesetze der Genetik und der Biologie ist kein Verlass. So gibt es einen Hund ohne Körperöffnungen, der nur von einer täglichen Spritze Wasser lebt; er läuft Clay einfach hinterher. Die Schnitte zwischen den Bildern, die Szenerien, vor allem aber Daniel Clowes Fähigkeit, in einem Gesichtsausdruck nicht nur eine Weltsicht und eine Individualität, sondern auch Gefühle auszudrücken und sie in dem Augenblick auf den Lesenden zu übertragen, ist überwältigend. In einem Interview aus dem Jahr 2011 fragt Kristine McKenna: You once made the comment, „Basically, I think we’re all repulsed by each other.“ Do you really feel that way? Daniel Clowes: In a certain context, yes, I do think that’s true. You don’t want to look too closely.

Trotz aller Düsternis und auch wenn Clay sicherlich nicht das Subjekt seiner eigenen Geschichte ist: Die Liebe gibt es in Like a velvet glove cast in iron dennoch; auch sie irritiert. Das :-D Magazin hat die Graphic Novel so beschrieben: It was Twin Peaks before Twin Peaks. Georg Seeßlen hat in einem grandiosen Essay, publiziert im Jahr 2004, das Kino von David Lynch in Thesen zusammengefasst und eine Bemerkung zur Einsamkeit gemacht, die auch auf Clay in Like a velvet glove cast in iron zutrifft: „In David Lynchs Filmen haben wir es mit einer neuen Form von Einsamkeit zu tun. Es ist (…) nicht die Einsamkeit des existenzialistischen Menschen, der zu einer Freiheit verurteilt ist, die er nicht hat, es ist vielmehr die Einsamkeit des Menschen, der mit den Zeichen der Welt allein gelassen ist, der die Welt unendlich lesen muss, ohne ihre Grammatik zu kennen.“ Prämissen des Alltagslebens wie die, dass man sich an die wichtigsten Personen in seinem Leben erinnert, scheinen ausgeschaltet. Zufälle oder andeutungsreiche Codes: Wieso erschrickt Clay, als er fünf weiße kleine Bälle auf seiner Bettdecke findet? What’s the frequency, Kenneth? (Rings a bell?)

 

Awareness is just an illusion,
yourself is a half split in two.
Happyness, pain and confusion,
all is one, one is one, one is two.

 


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