Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Hieronymus Bosch als Cover-Artwork zu verwenden ist wahrlich dick aufgetragen – ein selbstbewusstes Statement, den „Garten der Lüste“ auszusuchen für Songs wie „Komm (so nah wie du kannst)“, „Tanz mit mir“ oder „Im Fieber“, Songs die klingen, als hätten die Commodores oder Sade Pate gestanden.

Bin ich objektiv? Vor 30 Jahren wurde Blumfelds „Ich-Maschine“ veröffentlicht, seitdem habe ich mir jedes Album der Band und später die beiden Solo Alben ihres Sängers Jochen Distelmeyer gekauft, immer kurz nach der Veröffentlichung. Die Musik hat zu meiner Gehörbildung beigetragen, die Texte besonders der ersten beiden Alben haben mein Bewusstsein und meinen Horizont erweitert. Von den Erinnerungen ganz zu schweigen: Konzerte, zum Beispiel im Haus der Jugend in Bramsche (zusammen mit den damals großartigen Cpt. Kirk &.), auf Festivals (zusammen mit Notwist und Eins Zwo, was für eine Mischung), der Moment als „L‘Etat Et Moi“ auf einmal in einem Ratio Supermarkt in Osnabrück vor mir stand (der in meiner frühen Kindheit ernsthaft auf den Namen EKZ hörte), vor allem aber der sehr verkaterte Morgen nach einer Geburtstagsparty, als ein Freund eine gebrannte CD auflegte und „Tausend Tränen Tief“ und der Rest von „Old Nobody“ durch die WG-Küche klangen, 6 Wochen oder so vor der eigentlichen Veröffentlichung – der Wechsel von an den Wipers oder Sonic Youth geschulten Klängen, die den Hintergrund für die verdichteten Wortkaskaden Distelmeyers bildeten, hin zu Sounds und Texten die an Münchener Freiheit erinnerten, war mindestens gewöhnungsbedürftig. Die Kinnladen brauchten etwas, bis sie sich wieder schlossen – jetzt ist „Old Nobody“ ein Insel Album für mich. Oder doch lieber „L‘Etat Et Moi“ mitnehmen? Egal, jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.

Ich könnte noch ein paar Absätze down memory lane verbringen, von dem großartigen Abschiedskonzert in Berlin habe ich noch nicht berichtet, von zahlreichen tollen Musikvideos, prägenden Songs, T-Shirts, von der beeindruckenden Lesung zu dem allerdings nicht ganz so gelungenen Roman, die genau an dem ersten Jahrestag des Todes meines Vaters stattfand, … ich wollte ja nur meinen Mangel an Objektivität verdeutlichen. In meiner Umgebung hat die Begeisterung nicht bis jetzt gehalten, besonders der Song vom Apfelmann hat polarisiert. Mir egal, ich mochte auch den sehr gerne, als der 2006 erschien, waren die Kinder genau in dem richtigen Alter dafür und die Live Version auf diesem Abschiedskonzert, kann man auf YouTube schauen, rockte ziemlich.

Es überrascht jetzt wohl keinen mehr, daß „Gefühlte Wahrheiten“, das erste Album Distelmeyers mit eigenem Material seit 2009, mein Album des Jahres ist. Besser wird es für mich 2022 nicht. Die Menschen, die über mir wohnen, „meine Decke ist ihr Boden“, können das sicher bestätigen.

12 Songs auf 4 Plattenseiten – all killers, no fillers meiner bescheidenen Meinung nach und auf jeder Seite findet sich mindestens ein Lied für die Ewigkeit. Nach den überwiegend schwülen, schwebenden, souligen Songs der ersten Platte finden sich drei Country Songs auf Englisch (ich will mehr davon!), ein langer Talking Blues, Folk, Pop. Ganz zu schweigen von „Nur der Mond“, der erste Pop Song seit Ewigkeiten in dessen Gitarrensolo ich mich verliebt habe.

Zum Schluss: Das großartigste an diesem Album ist für mich der Gesang: jede Silbe, jeder Ton und alles andere auch werden dermassen präzise auskostet, wie ich es von einem Popalbum deutscher Sprache nicht erinnere. Jochen Distelmeyer hat seine Kunst auf einem sehr hohen Niveau weiter verfeinert tiefe Verbeugung.

Über Bahnfahrten ist so ähnlich wie über das Wetter zu reden. Jeder und jede saß schon einmal in einem verspäteten Zug, gibt die Anekdote gerne zum besten, aber ohne die zehn Fahrten, bei denen die Züge ganz unspektakulär pünktlich waren, zu erwähnen (okay, wahrscheinlich kommen auf eine Verspätung nur fünf pünktliche Züge). So ist es auch völlig uninteressant, dass ich gestern, am heißesten Tag des Jahres, für eine zwei Stunden Strecke gut vier Stunden in unterschiedlichen Regionalbahnen und auf verschiedenen Bahnsteigen verbracht habe, mit Menschen, die offensichtlich das erste Mal seit Jahren einen Zug betreten haben und zum Beispiel nicht geschnallt haben, dass die Türen nicht schließen, wenn man zu nahe dran steht, dass ich die Bahnhöfe noch nie so voll gesehen habe und dass ich auf der letzten Teilstrecke eine Person getroffen habe, die ich aus meinem Arbeitsumfeld als ewige Klageführerin kenne und der ich die letzten 90 Minuten meiner Fahrt ausgeliefert war. Mit schreienden Kindern, Junggesellenabschieden und lauten Baustellen und ungetragenen Masken halte ich jetzt niemanden groß auf, habe ich gestern aber alles erlebt.

Ist auch egal, so ein 9 Euro Ticket ist ja irgendwie ein geschenkter Gaul, dem will ich nicht zu lange ins Maul schauen. Es hatte sein Gutes: Zeit, die zweiten 60 Seiten von „Gentzen oder Betrunken Aufräumen“ von Dietmar Dath zu lesen. Sehr gut, angenehm verwirrend, ein Labyrinth: die Lektüre ist ein wenig so, als wenn man in einem Blog stöbert – immer wieder kommen neue Einträge (Kapitel), werden neue Themen angeschnitten, der Gesamtzusammenhang erscheint derzeit noch recht lose. Bis jetzt bin ich sehr angetan.

Als ich dann einigermaßen fertig mit allem zu Hause ankam, war an das vorgenommene und notwendige Arbeitspensum nicht mehr zu denken. Passte gut, hatten die Paketboten doch zwei Schallplatten bei den Nachbarn abgegeben. Mit dem Album „A Light For Attracting Attention“ hatte ich gerechnet. The Smile sind ein Bandprojekt von Thom Yorke und Johnny Greenwood von Radiohead, zusammen mit einem Drummer von Sons Of Kemet, Tom Skinner. Ausdifferenzierte, ziselierte Klanglandschaften, könnte auch als Radiohead Album durchgehen. Mir gefiel das beim zweiten, flüchtigen Hören heute genau so gut wie beim deep listening gestern. Auch hier bin ich sehr angetan.

Eine Überraschung war dann das zweite Paket: „A Black Man‘s Soul“ von Ike Turner. Ich hatte das Album vor zwei Monaten bei einem Freund gehört, war begeistert und er hat mir nun recht günstig über Ebay oder Discogs ein Exemplar gesichert. Hier ist das Klangbild nicht audiophil, ganz im Gegenteil. Ich vermute, die Stücke sind überwiegend auf Tour in wechselnden Studios mit mäßiger Technik entstanden. Zwölf Instrumentals, die meisten werden nach knapp drei Minuten zügig ausgeblendet, Schlagzeug und Bass sind recht laut abgemischt, ansonsten sind Bläser und Gitarre zu hören, ab und an mal ein Moog. Aber ziemlich uptempo und uplifting, unverschämt funky und so gut gelaunt, dass es auch nach einer anstrengenden Bahnfahrt ansteckend ist.

 

1. Alabaster DePlume: Go Forward In The Courage Of Your Love

Ich war lange nicht mehr abends ausgegangen, die 20er Jahre boten dafür ja auch eher wenig Gelegenheit. Ohne je dort gewesen zu sein, war der Ort mir seltsam vertraut: niedrige Decken im Keller einer ehemaligen Grundschule, ausrangierte Sofas und Sessel, ein zu einer Bar umfunktionierter Konditoreitresen, ein kleines DJ Pult in einer Ecke, gegenüber einer winzigen Bühne. 

Der LSD Barde begann um halb zehn (als Michael gerade mitten in den JazzFacts war) gemeinsam mit seinen drei Musikern zu spielen. Die Musik war lässig, die Songs wurden nur notbedürftig an den Fugen zusammen gehalten, das Saxophon steckte im Mundwinkel, die Bassistin kauerte auf ihrem Verstärker. Geboten wurde eine beglückende Mischung aus Mantren und DIY Jazz, mit Alabaster DePlume als überaus sympathischen, kommunikativen und humorvollen Frontmann. Sein ohnehin schon gutes Album macht seit dem Konzert noch mehr Spaß.

2. Daniel Rossen: You Belong There

Ein seltsam hermetisches, versponnenes Werk, sehr eigenständige Musik. Ich höre hier und da Robert Wyatt heraus, auch Talk Talk oder das letzte Album von Damon Albarn – aber es ist eindeutig amerikanische Musik, die Räume sind sehr weit. Ein Song Album, in das man tief versinken kann.

3. Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer:Music From The Åland Islands

Wie Alabaster DePlume bei International Anthem erschienen. Auf Tasteninstrumenten, Modularen Synthesizern, Geigen und mit Feldaufnahmen geht die Reise von den Schären zwischen Schweden und Finnland zu den Andromeda Nebeln und zurück.

4. Toechter: Zephyr

Ulis Worten kann ich nichts hinzu zu fügen – ganz wundervolle Musik, danke für den Tip, wäre ich nicht drauf gekommen.

5. Bill Evans: Inner Spirit

Ich bin weder Fan von Bill Evans noch vom Record Store Day (zu dessen Anlass dieses im September 1979 in Buenos Aires aufgenommene Konzert erschienen ist), aber als diese Veröffentlichung am Freitag im lokalen Plattenladen stand, habe ich spontan zugegriffen. Wie Bill Evans, Marc Johnson und Joe LaBarbera die einzelnen Elemente von Nardis auseinandernehmen, sorgfältig untersuchen und wieder zusammensetzen, wie sie das „Theme From M*A*S*H“ auffächern, mit welcher Tiefe Bill Evans „Letter To Evan“ interpretiert, … – besser geht’s nicht.

 

2022 7 Apr

KW13

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Die 13. Kalenderwoche dieses Jahres war ereignisreich: Am Samstag leitete ein ukrainischer Freund F, N und mir ein Hilfsgesuch eines Internats für Waisenkinder inmitten seines Landes weiter. Die Schule dort ist zu einem Flüchtlingslager umfunktioniert worden, auf ein Bett kommen vier Personen, die dort lebenden Menschen sind zwischen fünf und 83 Jahre alt. Wir bekamen eine Liste mit Gütern, die gebraucht werden: Matratzen, Schlafsäcke, Taschenlampen, Kleidung, Hygieneartikel, Medikamente, u.a. Noch am Samstag bekam ich einen Opel Vivaro von dem lokalen Car-Sharing Unternehmen zugesichert, um damit an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren. Sonntag verschickte ich einen Rundbrief an die Elternhäuser der Schule, mit der Bitte um Geld- und Sachspenden. Bis Mittwoch waren gut € 3000,- auf meinem Paypal-Account eingezahlt, womit F und N einkaufen gingen. Die beiden übernahmen auch die Annahme der zahlreichen Sachspenden in der Schule und packten am Donnerstag einen Anhänger. Ich selbst war ab Dienstag in einer dreitägigen Weiterbildung, die über Zoom durchgeführt wurde – eine andere Geschichte. Immerhin konnte ich parallel den ganzen Papierkram erledigen. Freitag holte ich den Wagen aus der Stadt ab, wir packten die restlichen Sachen und gingen noch einmal bei Aldi Süßigkeiten und Kaffee kaufen (den 132cm langen Bon werde ich als Erinnerung behalten).

Nach einer eher unruhigen Nacht ging es Samstag um 5:00 morgens los. N konnte nicht mitkommen, dafür war U dabei. Wir fuhren also 1200 km nach Nisko, luden die Spenden aus einem Auto mit Anhänger in ein anderes, Sonntag waren wir gegen 21:00 wieder zu Hause. Wenn man an zwei Tagen 2400km Auto fährt, passiert nicht viel und doch jede Menge. Entfaltung bekommt eine ganz neue, physische Bedeutung. Die Unterschiede zwischen den Autobahnen waren gering: ähnliche Landschaften, die gleichen Großmärkte an den Ausfahrten, hier zahlreiche Windräder und Solarparks, dort ein Kohle- und ein Atomkraftwerk. Hinter Krakow dann nur noch Schnellstraße, dort waren auch vereinzelt Militärfahrzeuge und einmal etwas, das verdächtig nach Flugabwehrraketen aussah. 

Der freundliche Kontaktmann vor Ort gab uns dann zwei Stadtführungen, eine noch am Abend, eine morgens um 8:00, zeigte uns das Kasernengelände auf dem zahlreiche Panzer standen, die Kirche, vor der Sonntagmorgen um 8:00 zwei Leuten kniend dem nach draußen übertragenen Gottesdienst andächtig folgten, zahlreiche Denkmäler, die den Widerstand gegen die Russen thematisierten, und die Flüchtlingsunterkunft. Unsere Vorstellung, Flüchtlinge mitzunehmen war nicht umzusetzen; ich hatte mich in der Woche schon darum bemüht und es gab auch immer wieder Kontakte, letztendlich fanden wir aber niemanden: alle, die sich mal interessierten, wollten lieber in Polen bleiben. Dort sind sie nahe ihrer Heimat und dort scheinen sie auch adäquat und gastfreundlich versorgt zu sein. 

Beeindruckt bin ich von der Spendenfreude hier in Deutschland, sehr beeindruckt von der polnischen Gastfreundschaft. Unserer Kontaktmann / Gastgeber tat alles, um uns den kurzen Aufenthalt in seiner Stadt so angenehm wie möglich zu machen, der Inhaber unseres Hotels hat uns eingeladen: Es war nicht möglich für Unterbringung mit Abendessen und Frühstück auch nur ein Trinkgeld zu geben. 

Während der ganzen Woche konnte ich den Gedanken nicht verdrängen, dass es vielleicht effektivere Methoden geben würde, den Menschen vor Ort zu helfen. Ganz sicher bin ich mir da immer noch nicht. Am Ende überwiegt jedoch das Gefühl, dass es richtig war, auf das Hilfegesuch eines Freundes einzugehen.

Im Sommer 1999 war ich gerade Vater geworden und raus aus der Potsdamer WG, hinein in die Kleinfamilie und eine 3-Raum Wohnung in der Nähe des Ostkreuzes in Berlin-Friedrichshain gezogen. Dort schnell gemerkt, wie sich das Leben verändert, ja, auch unheimlich wird. Ich kaufte einen gebrauchten Röhrenfernseher, einen Videorekorder und stapelweise VHS-Kassetten, auf denen dann mit Showview Filme aufgezeichnet wurden. Eines Abends sah ich „Midnight Cowboy“, der muss kurz vorher im Spätprogramm gelaufen sein. Ich erinnere wenig, hauptsächlich einen großen Cowboy Hut und eine Lederjacke, Jon Voight und Dustin Hoffmann, ich erinnere mich, dass ich sehr beeindruckt war von den Bildern, vor allem aber in the echoes of my mind: „Everybody‘s Talking“ von Harry Nilsson. Kurz darauf fand ich eine „Best of Harry Nilsson“ auf dem Flohmarkt des Boxhagener Platzes, entwickelte eine kleine Obsession, kaufte die gesamten „Schmilsson“ Alben und traktierte zu fortgeschrittenen Stunden auf Feiern immer wieder Menschen mit „Coconut“ (das wiederum einen Auftritt in „Reservoir Dogs“ hat, meine ich mich zu erinnern).

Martina berichtete kürzlich in einem Kommentar, dass die Pandemie die Hörgewohnheiten einer Freundin verändert habe, sie höre jetzt kaum noch molllastige Musik (so erinnere ich es wenigstens, ist schon ein paar Wochen her). Auf Anhieb dachte ich, dass dies für mich nicht zutrifft: am häufigsten lief bei mir in den letzten Monaten mit Amnesiac ein zeitloses Klanglabyrinth, sicher kein Quell der guten Laune. Davon abgesehen ist es schon so, dass bei mir in dieser Zeit des Schmuddelwetters und der ungemütlichen Gesamtlage (eine meiner täglichen Aufgaben ist es, den Vertretungsplan für eine Schule zu erstellen, womit ich gerade überdurchschnittlich viel zu tun habe) Musik läuft, die eher gute Laune verbreitet. Ich mag an der Stelle ja das englische Wort „uplifting“ ganz gerne, die deutschen Übersetzungen „erhebend“ und „erbaulich“ treffen den Kern nicht, „aufmunternd“ passt schon eher, aber auch nicht wirklich. Ende letzten Jahres kaufte ich zwei gebrauchte Pet Metheny LPs: „Wichita Falls“ und „Pat Metheny Group“. Midwestern light, wide open spaces, coffee with milk and lots of sugar and one of the most beautiful songs Rick Beato knows. Meine Wertung: knapp 4 Donuts mit Zuckerglasur für beide Alben. Dann kamen in den letzten zwei Wochen noch drei Platten bei mir an. Bei dem Album des Ibrahim Khalil Shihab Quintet ist der Titel Program: Spring. Hier sind Charles Lloyd oder John Coltrane als Assoziationen naheliegend, insgesamt wunderbar sonnige Musik. Leider mussten die Klänge 1968 in Johannesburg in nur zwei Stunden aufgenommen werden; man wünscht sich, diese so gut eingespielten Musiker hätten die Chance gehabt, ein ernsthaft produziertes Album aufzunehmen. Trotzdem: diese Musik verströmt unverschämt gute Laune und bekommt als Wertung 3 1/2 Gläser frisch gepressten O-Saft. Mit der Post kam ausserdem Cat von Hiroshi Suzuki, ein Juwel aus Japan, das aber eher nach groovy West Coast klingt. 1975 aufgenommen, Schlagzeug, Bass, Keyboards, Saxophon und Posaune. Wertung: 4 Flat Whites.

Und dann war da noch Trio Tapestry von Joe Lovano & Co im Paket. Hiermit bin ich noch lange nicht fertig, schreibe später hoffentlich etwas, vergebe aber als Wertung schon mal 4 Klangschalen und einen Gong für dieses meisterhafte Webstück.

2022 16 Jan

Klöppeln

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Über den lesenswerten Newsletter von Sasha Frere-Jones bin ich auf dieses Video gestoßen, das mich seltsam anrührt, auch wenn ich fast kein Wort verstehe. Toll wäre es, einer Feldaufnahme aus so einer Werkstatt zu lauschen – ich befürchte nur, dass es die gar nicht mehr gibt.

 

Die Alben von Jon Hopkins und Jeff Parker sind erst jetzt bei mir eingetroffen, ansonsten wären beide vielleicht in meine Jahresendliste gelandet. „Music For Psychedelic Therapy“ habe ich erst zweimal gehört, spät abends auf der Anlage und morgens auf Kopfhörern. Ein distanziertes Hören ist so nicht möglich: durch einen Riss schauen die Klänge in mich hinein, stupsen die Synapsen an, streicheln die Faszien, entkleiden das Denken und lösen den Körper in feine Tröpfchen auf, die sich zu einem vielfach schimmernden Quader auf einer Lichtung des Regenwaldes neu formieren – you get the picture. 

Jon Hopkins nutzt die gesamte Bandbreite, um die verschiedenen Klänge großflächig aufzutragen, bei Jeff Parker ist das Klangbild reduzierter und spartanischer. Eine Gitarre, bei vielen Stücken spielt der Tortoise Gitarrist zu kleinen Loops, die er nach und nach erstellt – das war’s. Durch die Überlagerungen ist nicht immer klar, wann ein Loop endet, der nächste beginnt oder was gerade gespielt wird. Eine ungemein feingliedrige und forschende Musik von zurückhaltender Virtuosität. Hier kann der Hörer Klangskulpturen und holographische Klanggewebe von allen Seiten betrachten. Beide Alben schaffen so mit unterschiedlichen Mitteln eine wohlige Orientierungslosigkeit, eigene Soundentwürfe und Klangwelten.

Neuerscheinungen

 

1. Portico Quartet: Terrain (Terrain lief in diesem Jahr am Häufigsten, in allen möglichen Lebenslagen und mir ist noch nicht langweilig dabei geworden. Außerdem: beeindruckendes Live-Erlebnis.) 2. Floating Points w/ Pharoah Sanders & LSO: Promises (Ladies and Gentlemen, we are floating through Time and Space.) 3. Sons Of Kemet: Black To The Future (Im dritten Jahr hintereinander viel Shabaka Hutchings auf den Ohren. Jetzt würde ich gerne mal ein ruhiges Album von ihm hören. Fire Music!) 4. Little Simz: Sometimes I Might Be Introvert (Beats, Rhymes & Life.) 5. Nik Bärtsch: Entendre (Diese Musik endet nicht.) 6. Jeb Loy Nichols: Jeb Loy (Summer Nights, Rainy Days.) 7. Timo Lassy: Trio 8. Linda Frederiksson: Juniper (Zwei sehr gute Wejazz Veröffentlichungen, zweimal Saxophon: einmal zerbrechlich, einfühlsam, off the beaten track, einmal energetisch, flirrend, fast schon Riff-lastig.)  9. Shai Maestro: Human (Soul Food.) 10. Fleet Foxes: Shore (In diesem Album bin ich häufig verschwunden, gegen Ende werden die Songs immer besser – und rätselhafter.) 11. The Notwist: Vertigo Days (Vertigo indeed. Into The Ice Age. Vor allem die zweite Seite ist großartig.) 12. Damon Albarn: The Nearer The Fountain… (Ich bin gespannt, ob dieses Album mit der Zeit eher gewinnen wird, oder einfach im Regal verschwindet.) 13. Nova Materia: Xpujil (Another Bush Of Ghosts.) 14. Masha Qrella: Woanders (‚In einem Saal aus Stille. Hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr.‘ Kurz nach dem Album habe ich mir endlich ein Buch mit Gedichten von Thomas Brasch gekauft.) 15. Kari Ilkonen: Impressions, Improvisations And Compositions (Piano-Jazz-Exotica from Helsinki.) 16. Portico Quartet. Monument. (Symmetry.)

 

Potentiell dabei, aber nicht oder kaum gehört, wären noch Alben von Nick Cave & Warren Ellis, Sleaford Mods, Low, Mathias Eick, Lambchop, William Doyle … und dann wäre da mindestens noch das Album Forfolks von Jeff Parker, das erst nächste Woche erscheint.

 

Wiederveröffentlichtes

 

Radiohead: Kid A Mnesiac. (You Want It Darker? Timeless.) Ian Carr‘s Nucleus: Roots. (Groovemonster.) Tortoise: Millions Now Living Will Never Die / TNT (Stoned Constructionist Soundscapes from Chicago). Lewis Taylor: Lewis Taylor (Verlorenes Puzzlestück zwischen Massive Attack und D‘Angelo, dazu ein unverschämt gutes Gitarrenalbum. Lewis Taylor hat mich ausserdem zu Be With Records und damit zu Ian Carr (auf Platz 2) geführt.)

 

Hier fehlen Don Cherry, Alice Coltrane, Leslie Winer, Sun Ra … aber ich hatte mich bei dieser Patience ja auf 16 & 4 Karten festgelegt.

Außerdem fehlen noch zahlreiche Songs, Bücher und sonstige Entdeckungen – da kommt dann zwischen den Jahren noch etwas.

Wurzeln im Drahtkäfig. In Tagträumen versunken schaufle ich Löcher, versenke Käfige samt Inhalt, fülle frische Erde auf. Winterglocke, Koröser Weichsel, Hauszwetsche, Apfelquitte, Accolade. Werden die Käfige verrotten und die Bäume wachsen?

Genau: eine andere schwarze Welt. Dreimal tief in das Damon Albarn Album eingetaucht, dreimal um die Klänge herumgestreunt: gespenstisch-schwebende Partikel, ein seltsam in sich geschlossenes Album voller Spiegelungen. Musik der Dunkelheit.

Monument ist weniger ausufernd als Terrain, weniger unmittelbar, leichter zu hören. Portico Quartet haben dieses Jahr erst ein ganz und gar großartiges, danach ein gutes bis sehr gutes Album veröffentlicht – treibend, monochrom.

Groovemonster: Roots von Ian Carr’s Nucleus macht mir nicht nur unverschämt gute Laune, sondern auch Lust, tagelang Weather Report zu hören. Ein paar Mal war ich im Internet über diese Wiederveröffentlichung gestolpert, hatte aber immer den Eindruck, dass dieser 70er Jahre Fusionjazz nichts für mich ist. Beim dritten Reinhören konnte ich nicht verstehen, warum ich an dieser Musik gezweifelt habe. Das Artwork auf dem Cover ist ausserdem völlig durchgeknallt. Aber hey: Wer braucht nicht einen Roboter, der beim Stricken hilft? Wieso liegt da ein Staubsauger herum? Hat J.K. Rowling hier Inspiration für Harry Potter’s Zimmer bei den Dursleys gefunden? Dazu noch diese Farbgebung … ein quietschbuntes, fettes Groovemonster.

Staub im Mondlicht. Die Nacht wirft silbrige Muster über die Gedanken. Ich hänge der Zeit hinterher, verloren im kalten Strom der Daten – Magie in der Allgegenwart.


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