Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Eine Woche hat die Schallplatte hier verpackt herumgestanden. Eine Mischung aus Präsenzunterricht und Homeschooling (wahrscheinlich gut das als Lehrer auch aus Elternperspektive zu erleben, allerdings kann ich auf manche Erfahrungen verzichten), einem zickenden Computer, gesundheitlichen Scherereien, gepaart mit der ja nicht gerade rosigen Gesamtsituation hat mich voll ausgelastet – keine Zeit für Kari Ikonen, kaum Momente überhaupt zum Musikhören. Am Freitag dann ein erstes Hören, während meine Tochter etwas backt. Alles andere als optimale Bedingungen, zumal „Impressions, Improvisations and Compositions“ eher Ruhe benötigt, für den Raum zwischen den Tönen und dem Nachhall – die Geräusche von Küchenmaschine und Schneebesen sind da eher störend. Ein zweites Hören dann am Samstagabend, im Dunkeln, pro Seite ein Glas Balvenie, ein drittes dann vormittags mit Keks und Kaffee. Ein streng angelegter Klanggarten, in dem munterer Wildwuchs herrscht: wilder Hopfen wuchert über geometrische Beete, zarte Frühblüher schauen aus trockenem Herbstlaub hervor, Wassertriebe zittern in der Luft. Rhythmisches Klopfen, Gegenstände auf oder zwischen den Saiten und eine erfundene Vorrichtung, ein Maquiano, bereichern das Klangbild des Flügels. In den letzten beiden Stücken höre ich Instrumente, die nicht gespielt werden, Trompete, Saxophon, Bass, Schlagzeug, so wie das Auge im März manchmal schon statt den Knospen die Blüten am Magnolienbaum sieht.

Der Schattenriss einer gewundenen Straße dehnt und kringelt sich mit wolkenähnlicher Leichtigkeit um einen Schacht, der sich im Wohnzimmer zwischen den abgeschliffenen Dielen in einen antiken Tunnel öffnet. Süße Feuer flackern, feiner Funkenregen. Eine alte Strickleiter. Abstieg. Monatelange Wanderungen durch ein antikes Kloakensystem, halb im Dienst, halb auf der Flucht und selten fällt schwaches Licht herab. Der Blick nach oben, Schneewirbel und Sternenhimmel zwischen Abflussgittern. Manchmal Nordlichtschlieren. Schwindel. Ich friere und mir wird einfach nicht mehr warm.

Nach dem Helplessness Blues der Zusammenbruch. Jetzt ist das rettendende Ufer erreicht, ein Augustabend an einer einsamen Pazifikbucht. Sand zwischen den Zehen. Sternschnuppen regnen herab. Fledermäuse flattern, der Hund jagt einen kleinen Igel im Unterholz, der Ruf einer Eule zwischen dem Tosen des Ozeans. Ein kaltes Bier, ein frischgefangener Fisch über dem Feuer, ein Keks zum Nachtisch. Was ist Erinnerung, was ist Traum? Die Sterne sind veränderbar, der Himmel kann herabfallen. Die Eule landet auf meiner Schulter und flüstert in mein Ohr: Willkommen zurück.

2021 31 Jan

The Dry

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Seit einer Woche ist die Hündin morgens kaum zu bewegen, das Haus zu verlassen. Mal versteckt sie sich unter dem Bett, wenn sie merkt, dass ich mich zum Rausgehen fertig mache, mal läuft sie im Treppenhaus schnurstracks in den ersten Stock und sucht Zuflucht an der Wohnungstür der Nachbarn. Wieder zu Hause verbringt sie möglichst viel Zeit möglichst nahe am heißen Ofen. Ich habe heute das erste Mal in diesem Winter eine achtzehn Jahre alte Daunenjacke ausgepackt, die ich nur selten anziehe – so kalt wie heute ist es fast nie bei uns. Wärme spenden Tom Ka Gai, Steve Eliovsons Dawn Dance und The Dry von Jane Harper, ein Krimi in dem es so heiß ist, dass die Flüsse ausgetrocknet sind, die Farmer kein Einkommen mehr haben („The drought. It’s going to kill this town.“), in dem ein 36jähriger Polizist aus Melbourne zurück in das Nest seiner Heimat kommt, aus dem er vor 20 Jahren Hals über Kopf wegziehen musste. Er ist gekommen, um bei dem Begräbnis seines Jugendfreundes dabei zu sein, der seine Frau, seinen Sohn und sich erschossen hat – oder ist die Familie vielleicht doch anders umgekommen? „All around were rosebushes that were neatly pruned, but very dead.“

2021 31 Jan

Sweet 16 4 2021

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16 (Album)

1. The Notwist „Vertigo Days“ / 2. Fleet Foxes „Shore“

 

4 (Re-Issue)

1. Tortoise „Millions Now Living Will Never Die“

 

… (Wieder/Entdeckt)

Hiroshi Yoshimura „Green“ / Satoshi Ashikawa „Still Way“

 

It is with great sadness that we share the news of David Darling’s passing. David leaves us with a rich legacy through his music, his teaching and his spirit. He touched all of us deeply and impacted the lives of so many around the world, inspiring us to find and express the creative spark within.

(daviddarling.com)

 

 

Der tätowierte Schamane mit Fellmütze sitzt am Küchentisch, als ich nach Hause komme, Beine hoch, Fellschuhe auf dem weißen Esstisch neben der Butter, starrt er mich schweigend an. Sprachlos und schwindlig vermeide ich Blickkontakt, habe andere Sachen zu erledigen. Käfig, Rad, Hamster. Hier ist ein Stückchen Käse zum Knabbern. Einfrieren, dann kann ich später davon essen. Der Keller wird neu verkabelt. Das schwarze Plastik der alten Glühbirnenfassung zerbröselt zwischen den Fingern. Der Boden bebt, Krach rührt mich durch, fügt sich in die Musik ein. Ein Einkaufszettel liegt auf dem Küchentisch, in Schreibschrift stehen Grün, Gedankenformen und Transzendentale Wellen darauf. Ob ich Plansprachen darunter schreibe? Eisiger Wind um meinen Mantel, Schnee fällt von der Küchendecke und bedeckt die Fellmütze mit einem feinen feuchten Film.

 

Keine Ahnung, warum die drei schon deutlich älteren Damen für ihren Neujahrsspaziergang in feiner Kleidung ausgerechnet matschige Waldwege auswählten. Ich und die Hundelady haben sie jedenfalls nicht kommen sehen. Als die drei dann kurz vor uns sind, bleiben sie stehen, die erste schaut runter, hebt ihre Hände. Bevor ich reagieren kann, fasst meine kleine Begleiterin diese Geste als Aufforderung zum Spiel auf, springt an der Dame hoch und hinterläßt einen sehr exakten Abdruck ihrer Pfote in matschbraun auf der pastellblauen Hose. Ich ermahne streng und scharf und will mir die Hündin schnappen, beides wird von den Damen kommentiert: „Abstand bitte! Kommen Sie mir nicht zu nahe!“ und hämisch „Gut erzogen, ihr Hund!“ Ich leine wieder an, murmel eine Entschuldigung und suche das Weite.

Zu Hause dann Lust, „The Notwist“ zu hören. 12 Jahre ist es her, dass „The Devil, You + Me“ veröffentlicht wurde. Ich habe mir die CD damals sicher sofort gekauft; „Neon Golden“ war von  vielen ein Lieblingsalbum, von mir auch. Der Nachfolger von 2008 ist unauffälliger, aber nicht weniger rund. Insgesamt träumt das Album im mittleren Tempo vor sich hin, mal setzt der Beat aus, mal die Melodie, mal das elektronische Gefrickel, Geschmatze oder Geklöppel, doch fallen die Songs nie auseinander: Wie in einem Uhrwerk bewegen sich auf engstem Raum viele kleine Klänge und halten die Dinge zusammen und im Fluß, selbst wenn es den Anschein hat, als ob die Songs ins Nirgendwo mäandern. Nichts drängt sich auf, die Musik ist vielschichtig, detailliert, Distanz und Emotion, Tag und Nacht, Wachheit und Schlaf, Melodie und Geräusch sind genau austariert. Der Titelsong beginnt mit Tönen, die beim Einstimmen der Instrumente und Verstärker im Proberaum entstehen können, aus denen sich dann langsam eine Melodie entwickelt – akustische Gitarre, der vorsichtige Gesang von Markus Acher – dann bringen irgendwann, fast unbemerkt, zusätzliche Instrumente die Sterne am Songhimmel zum Funkeln. Und so schafft auch diese Platte einen anderen grünen Planeten, mit roten Wäldern, seltsamen Federvieh und unterschiedlichen Größenverhältnissen. Die drei Damen haben da keinen Platz, aber die Hündin liegt zufrieden auf ihrem Kissen.

2021 2 Jan

30_2020

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Als Nachtrag: 30 Songs, die mir im letzten Jahr Spaß gemacht haben.
 

Alabaster DePlume: Whisky Story Time / Gil Scott-Heron: Where Did the Night Go / Pantha Du Prince: Pius in Tacet / The Notwist: Ship / Die Wilde Jagd: Himmelfahrten / Bonnie Prince Billy: This Is Far From Over / Greentea Peng: Ghost Town / Drake: Toosie Slide / Big Vicious: Teardrop / Jason Isbell and the 400 Unit: Only Children / Waxahatchee: Fire / The The: I WANT 2 B U / Sufjan Stevens: Video Game / Kevin Morby: Wander / KOKOROKO: Carry Me Home / Busta Rhymes: Look Over Your Shoulder (feat. Kendrick Lamar) / Billie Eilish: No Time To Die / Sista Prod – Eyes Blue Like The Antlantic (feat. Subvrbs) / Otis Sandsjö: Tremendoce / Kelly Lee Owens: Arpeggi / Scooter: FCK 2020 / Caribou: You and I / Megan Thee Stallion: Girls in the Hood / The Stance Brothers: Where Is Resolution Blue? / Anderson.Paak: Lockdown / Public Enemy: State Of The Union / Husten: Bad Karma Boy / Tocotronic: Hoffnung / Taylor Swift: coney island (feat. The National) / Oded Tzur: Can’t Help Falling In Love.

Die Reihenfolge ist wichtig und morgen sicher anders. Speak Low II kenne ich erst seit dem Wochenende, aber die Vorfreude war am größten und im Moment höre ich diese neu verlöteten Klassiker am liebsten. Melodien (und Texte) von Fetch The Bolt Cutters und Still Live haben mich in den Schlaf verfolgt, sich mit meinen Träumen verwoben – insofern wohl die intensivsten Hörerlebnisse. Die letzten vier Plätze sind alte Veröffentlichungen, erstmals in diesem Jahr gehört, also außer Konkurrenz. Und: es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Album der Fleet Foxes ziemlich weit vorne gelandet wäre, ich habe mir das Hören für die physische Veröffentlichung nächstes Jahr aufgehoben. Shore könnte also 2021 weit vorne dabei sein (wohlmöglich mit Vertigo Days, dem kommenden Notwist Album).

 
 

  1. Lucia Cadotsch Speak Low II (Classics turned inside out)
  2. Fiona Apple Fetch The Bolt Cutters
  3. Nat Birchall meets Al Breadwinner Upright Living (Der Anlass, wieder mehr Dub zu hören und mir das tolle Keith Hudson Album Flesh of my Skin … zu kaufen.)
  4. Simin Tander Unfading (hat mich unmittelbar erwischt)
  5. Carla Bley Life Goes On
  6. Makaya McCraven Universal Beings E&F Sides (Low End Theory On The Corner)
  7. Shabaka & The Ancestors We Are Sent Here By History.
  8. Jeff Parker Suite For Max Brown (Cool Summer Breeze)
  9. Caribou Suddenly (Neon Synesthetic Sounds Galore)
  10. Bob Dylan Rough & Rowdy Ways
  11. Antti Lötjönen Quintet East. s/t. (Jazz aus Finnland muss dabei sein)
  12. Sampler How The River Ganges Flows. Sublime Masterpieces Of Indian Violin (1933 – 1952)
  13. Keith Jarrett Trio Still Live
  14. The Necks Unfold
  15. Kikagaku Moyo Masana Temples (Fluffy Kosmisch)
  16. Keith Hudson Flesh Of My Skin, Blood Of My Bones (Süßes, klebriges Harz)

 

Ich arbeite an einer Schule, auf der jede 12. Klasse ein Theaterstück einübt, fast immer gemeinsam mit den Klassenbetreuern. In diesem Jahr waren zwei Kollegen und ich an der Reihe, heute sollte die erste Aufführung sein. Rückblickend etwas naiv haben wir die Problematik des Termines nicht früh genug erkannt.

Anfang des Monats ging es dementsprechend turbulent zu. In Angesicht der Einschränkungen entschlossen wir uns, das Stück innerhalb einer Arbeitswoche auf die Bühne zu bringen. Obwohl wir seit Anfang September mit Proben beschäftigt waren, würden die Aufführungen unfertig sein: nicht alle konnten ohne Textbuch spielen, nicht alle Ideen konnten umgesetzt werden – es war ein ziemlicher Kraftakt. Doch die Jugendlichen waren sehr motiviert, wir verbrachten sehr viel Zeit in der Schule und hatten dabei tolle Begegnungen.

Dann kam einen Tag vor der Aufführung die Nachricht, dass wir den ersten Corona-Fall an der Schule hatten. Die Anzahl der Schülerschaft und des Kollegiums ist eher niedrig, es gibt viele Verbindungen zwischen den Klassen, so dass einem Virus gute Vermehrungsbedingungen geboten werden. Unter anderem musste einer der beiden Lehrer, die mit mir die Klasse durch das Stück begleitet haben, in Quarantäne.

Was tun? Den intensiven kreativen Prozess kurz vor der Ziellinie abbrechen? Weiter machen? Letzteres wäre eine Option gewesen, das Gesundheitsamt hatte uns die Aufführung nicht untersagt. Zudem hatten wir einen einen sehr strengen Hygieneplan erstellt: sehr wenige Zuschauer mit sehr viel Abstand, feste Wege, strenge Lüftungszeiten, usw.

Trotzdem wählten wir einen Mittelweg: Vorstellungen ohne Zuschauer, dafür mit einer Kamera. Ziemlich hart, Eltern mitzuteilen, dass sie ihre Kinder nicht auf der Bühne sehen dürfen. Ziemlich hart bestimmt auch, die Nachricht entgegen zu nehmen. Die meisten Reaktionen waren verständnisvoll, wenn auch traurig, doch es gab auch Unverständnis und Wut. Einerseits: wie können Sie so etwas machen, 30 Jugendliche in einer Sporthalle, unverantwortlich, wir informieren das Gesundheitsamt, etc. Andererseits: wie können Sie so etwas machen, vor den Autoritäten einknicken, pädagogisch fragwürde Entscheidung, kein Mut, Selbstzensur, etc.

Die Jugendlichen nahmen das alles relativ gelassen auf, haben sich den Hintern aufgerissen, ein bestmögliches Ergebnis auf die Bühne zu bringen, sind größtenteils über sich hinausgewachsen, haben sich gegenseitig unterstützt, so dass das Gemeinschaftsgefühl nun deutlich enger ist. Die Armen durften anschließend noch nicht einmal ordentlich feiern.

Zwei Wochen später ist keiner erkrankt, eine Sorge, die mich während der Proben durchgehend begleitet hat. Ganz erholt habe ich mich noch nicht, die Frage, ob es sich gelohnt hat, verfolgt mich mehr als in den Jahren zuvor – wir bekommen immer noch Nachrichten, die unsere Entscheidung, ohne Zuschauer aufzuführen, kritisieren. Komische Zeiten.


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