Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2021 30 Aug

Doctor On The Go

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Irgendwann Ende 1995/Anfang 1996 war ich stolz wie Bolle, die zweite Ausgabe der Zeitschrift „Grand Royal“ ergattert zu haben. Auf dem Cover: Lee Perry aka Kojak, Doctor On The Go, Pipecock Jackxon, Inspector Gadget, Super Ape, The Upsetter, Scratch, etc. Die Marcel Beyer Artikel und Rezensionen in der Spex hatten mir schon einige Türen in Richtung Dub geöffnet (On U Sound, u.a.), die gut 20 Seiten lange Titelgeschichte ließ mich noch tiefer in dieses Universum eintauchen. Kurz darauf folgte der Kauf von „War ina Babylon“ auf CD. Chase the Devil begeisterte mich sofort, ich kannte das Stück durch ein Sample von The Prodigy, den Rest fand ich zunächst seltsam. Die Musik klang mir zu schön. Keine komischen Geräusche, viel Harmonie, das war damals nicht so mein Fall. Doch irgendwie lief die CD immer weiter, ich konnte mich mehr und mehr damit anfreunden. Im Sommer 1996 hatte ich dann die Gelegenheit Lee Scratch Perry live zu erleben, ich glaube im Pfefferberg in Berlin, abgemischt wurde das Konzert von Mad Professor. In meiner Erinnerung trug Perry einen mit Spiegelscherben beklebten Helm, der ständig das Bühnenlicht reflektierte, und spielte ungefähr drei Stunden. In dieser Zeit wurde meine Fontanelle einmal aufgefräst und die Anbindung an das Universum neu konfiguriert… im Ernst: eines meiner intensivsten Konzert-Erlebnisse, eine einzige Trance-Induktion. Wenig später stolperte ich dann in Kreuzberg über „Deeroy‘s Dubstore“ und kaufte mir auf Deeroys Empfehlung ein Album, das unter dem Namen „Chapter 1“ firmiert, Interpreten: Scratch and Company, The Upsetters. Hier passte nun alles: komische Geräusche und Echos, lange Basslines, dazwischen die harmonischen Gesänge, an die sich mein Ohr mittlerweile gewöhnt hatte. Und dann ist da noch Who You Gonna Run To drauf. Wenige Wochen später entdeckte ich in Potsdam bei Saturn die Arkology Box, drei CDs, die damals in mein Studentenbudget gerade so reinpassten. Ein Lieblingslied davon ist immer noch das mystische Bird in Hand. 

Mein zweites Konzert mit dem Upsetter war leider nicht ganz so magisch: in der Berliner TU Mensa kam er irgendwann kurz vor Weihnachten ca. 2 Stunden zu spät und hörte dafür auch sehr früh auf. Nichtsdestotrotz hab ich immer wieder sehr, sehr gerne verschiedene Platten von ihm aufgelegt und nachgekauft. Erst Anfang des Monats kam das biblisch-surreale „Heart Of The Congos“ dazu. RIP.

2021 29 Aug

Upsetter

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Lee Scratch Perry produziert jetzt leider unter einer anderen kosmischen Adresse:

theguardian.com / lee-scratch-perry-visionary-master-of-reggae-dies-aged-85

 

2021 23 Aug

Chicken Run

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Leider mussten wir am Samstagabend nach dem 6. Kapitel von Lupin – der Meisterdieb wurde verhaftet, ein Auto ging in Flammen auf – eine Zwangspause einlegen: wir waren um 21:00 verabredet, zwei geschenkte Hühner abzuholen. Diese Tiere sind nach Einbruch der Dunkelheit in einer Art Starre und leicht einzufangen. Ich ahnte noch nicht, wie sehr ich mir in den nächsten 24 Stunden diese Trägheit herbeiwünschen würde. Wir sind also zum Teilauto, fuhren durch leere, dunkle Straßen ins Nachbardorf, nahmen bei nettem Smalltalk ein kleines, zwitscherndes Paket entgegen, stellten zu Hause den geöffneten Karton zu den anderen Federviechern in den Stall und schauten endlich Lupin zu Ende.

Am nächsten Morgen wackelten die zwei weißen Neulinge weit entfernt von den drei alteingesessen Viechern herum, fremd in der neuen Umgebung. Wir freuten uns wie einfach es ist, Hühner zu halten… nur ein bisschen zu früh: insgesamt klingelte es am Sonntag viermal an unserer Tür. Immer wurde gefragt, ob unsere Hühner da auf der Straße rumlaufen. Die drei Zwerghühner können nicht über den Gartenzaun flattern, die beiden neuen Hühner schon. Und sie waren tagsüber nicht mehr starr und träge, sondern flink, wendig und schwer zu fangen. Nachdem wir also am Sonntag sicher drei Stunden damit verbrachten, zwei Hühner über Kopfsteinpflaster und durch Vorgärten zu jagen, stutzte meine patente Frau ihnen abends die Flügel und heute sind die beiden zum Glück im Garten geblieben.

Vor vier Wochen war ich auf dem ersten Konzert in diesem Jahr, meinem zweiten seit März 2020. Auf der kleinen Insel Lonna, per Fähre in 10 Minuten vom Stadtzentrum Helsinki aus zu erreichen, veranstaltete das finnische Label WeJazz Records das zweitägige „Odysseus“ Festival, weitgehend Open-Air. Zufällig passten die Daten in unsere Ferienplanung, so kaufte ich am 09. 12. 2020 drei Karten (nachdem ich mich vorher versichert hatte, dass man einen Hund mit auf die Insel nehmen durfte). Danach war ich lange Zeit skeptisch, ob ein Konzertbesuch klappen könne, ja eine Einreise überhaupt möglich sei – doch dann kamen wir am 24. 7., dem ersten Konzerttag, morgens um 8:00 mit der Fähre in Helsinki Vuosaari an, konnten gegen 11:00 unsere Airbnb Wohnung beziehen und waren dann nach einem Treffen mit Freunden und Bummel durch die Stadt gegen 16:00 auf der Insel.

 

Uns empfing eine relaxte Atmosphäre, in dem durchmischten Publikum war von einer Pandemie wenig zu spüren. Das war ungewohnt, ebenso wie es etwas seltsam war, überhaupt wieder unter vielen Menschen zu sein; nach sehr wenig Zeit konnten wir uns aber darauf einlassen. Eine große Bühne war zwischen zwei alten Lagergebäuden aus rotem Backstein aufgebaut, die Musiker spielten vor Bäumen, dahinter funkelte das Wasser. In einem der Gebäude war noch eine kleine Bühne für intimere Konzerte, die zum Teil parallel, zum Teil versetzt zu den Open-Air Gigs stattfanden.

 

Als wir ankamen legte das Timo Lassy Trio los: Bass, Schlagzeug, Saxophon, energiegeladen, konzentriert und funky. Anschließend spielten Y-Otis, die mir zwar gefielen, aber auch ein bisschen überfrachtet vorkamen. Otis Sandsjö war dann in der Lagerhalle Gast bei der Zugabe des sehr guten Kit Downes Solo Sets und die beiden zauberten einen Höhepunkt des Festivals: Instrumente gegen den Strich gespielt, durch Mark und Bein fahrend; auch die zweite Zugabe mit der Sängerin Lucia Cadotsch war wunderschön. Der Rest des ersten Tages ging ein bisschen an mir vorbei, wir waren reisemüde und für den abendlichen Ostseewind zu sommerlich gekleidet, so dass wir gegen 20:00 die Fähre zurück nach Helsinki nahmen.

 

Um dann am nächsten Tag um 15:00 wieder auf der Insel zu sein, pünktlich zum Auftritt von Lucia Cadotsch (die auch etwas zu frösteln schien). Sie spielte gemeinsam mit dem Y-Otis Rückgrat Otis Sandsjö (Saxophon) und Petter Eldh (Bass) als Speak Low Interpretationen von bekannten Songs. Bei der Mehrheit der Stücke war wieder Kit Downes an der Orgel dabei, eine willkommene Zutat in der zerklüfteten Klangwelt. Danach ging es träumerisch und traumhaft mit Verneri Pohjola weiter, Trompete in sanft elektronischer Umgebung, gute Kombination. Anschließend brachten die omnipräsenten Kit Downes und Otis Sandsjö  gemeinsam mit dem finnischen Drummer Joonas Leppänen eine unerhörte Musik ohne Ufer, in die man tief versinken konnte, auf die Bühne. Zum Abschluss dann die von mir sehr geliebten 3TM (endlich weiß ich, dass es nicht „three“, sondern „kolme“ TM heißt). Die Freude, die die Musiker, vor allem Schlagzeuger Teppo Mäkynen, versprühten, war ansteckend, die rhythmische Musikalität beeindruckend; die drei strichen dann den meisten Applaus ein. 

 

Was bleibt? Na klar, Erinnerung. Lust, im nächsten Jahr wieder ein solches Festival zu besuchen (und vorher hoffentlich viele andere Konzerte zu erleben). Lust auch auf eine Veröffentlichung von dem Downes-Sandsjö-Leppänen Projekt. Und die Erkenntnis, dass Konzerte eher nichts für Hunde sind.

2021 10 Aug

Abendstunden

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Don Cherry Swedish TV Documentary 1978


This TV documentary was made for Swedish TV in 1978 and follows the Cherry family between Sweden and the streets of New York. Don can be seen setting up jams in classrooms and on the street with the donso ngoni, at one point cajoling a car of reluctant strangers waiting in traffic into joining him. When Don is interviewed, he is deeply sensitive about sound and environment, and the footage from the places they lived show how much Moki’s tapestries created a place for them all to be, wherever they were in the world. Essential.

 

Nach der Lektüre von Michaels und Norbert Ennens Unterhaltung unter dem Mountain Goats Album konnte ich mich mühsam zurückhalten, mir gleich „Drum Sounds“ (Kula Kinte Dub, nie gehört, endloser Drum & Bass, super!) und „Drum Talk“ zu bestellen. Dafür das neue Jeb Loy Nichols Album aufgelegt. Über dessen Band Fellow Travellers hatte ich erstmals registriert, dass es so etwas wie Dub gibt. Später fiel mir auf, dass er einige Cover von Pressure Sounds gestaltete, einem Label, das mir die Tür Richtung Dub und Reggae weiter öffnete. Nach zahlreichen Soloalben, die immer gut und oft noch besser sind, erschien in diesem Sommer auf dem finnischen Label Timion Records „Jeb Loy“. Es klingt, als wenn es in Muscle Shoals, Alabama aufgenommen wurde. Gitarre. Bläser. Bass. Hammond Organ. Ab und zu mal Background Vocals. Wenig Dub, wenig Country, but very soulful. Was die Texte angeht, sind seine Themen – Lob des einfachen Lebens, die Kraft des Regens und des Tanzes, die Missetaten von „the man“ – immer ähnlich, ich höre trotzdem gerne zu. Wirklich feines, funky Album, in meiner Welt sind mindestens „Can’t Cheat The Dance“ und „I Just Can’t Stop“ Hits, die schon am Nachmittag im Radio laufen dürften.

 
Auf Aquarium Drunkard eine sehr sehenswerte Dokumentation über Lee Perry gefunden.
 

Here’s one to most definitely catch before the man takes it down. The definitive life story chronicling Jamaican music legend–the upsetter–Lee ‘Scratch’ Perry. Narrated by Benicio Del Toro and directed by Ethan Higbee & Adam Bhala Lough.

2021 26 Jun

Halbzeitstand

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1. Floating Points, Pharoah Sanders, London Symphony Orchestra Promises / 2. Sons of Kemet Black to the Future / 3. Nik Bärtsch Entendre / 4. Fleet Foxes Shore / 5. The Notwist Vertigo Days / 6. Masha Qrella Woanders

 

Bis jetzt sind nur alte Freunde und Bekannte dabei, einzig von Floating Points habe ich mir bis jetzt noch kein Album gekauft, aber dafür spielt auf Promises ja Pharoah Sanders mit. Die ersten drei Alben auf der Liste gefallen mir so gut, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass die nicht auch am Ende des Jahres ganz vorne stehen (wenn auch vielleicht nicht in der Reihenfolge, mal sehen), doch die nächsten potentiellen Lieblingsplatten klopfen schon an: das Timo Lassy Trio zum Beispiel, Little Simz oder auch Low. Ausserdem sind die Alben von Portico Quartet, Nova Materia und Jeb Loy Nichols noch auf dem Weg zu mir. Shai Maestro, Kari Ikonen und Jakob Bro können auch alle noch unter den ersten 16 auftauchen. Und Nick Cave habe ich noch gar nicht richtig gehört. Da sind also in der zweiten Halbzeit noch einige Veränderungen möglich.

Ein Jahr wohnte ich in der Clara-Zetkin-Straße in einem WG-Durchgangszimmer, was meine Vorliebe für die Küche sicher verstärkte. Sie war ausserdem neben dem Badezimmer der einzige Raum, in dem es eine normale Heizung gab, der Rest der Wohnung wurde mit Kohle beheizt. Und die Küche war gemütlich: Eine Mitbewohnerin hatte die Wand mit knalligen abstrakten Formen bemalt, es gab ein langes Brett, an dessen Unterseite die Tassen an ihren Henkeln hingen und auf dem Geschirr, Töpfe und ein CD-Spieler standen. Neben Smokers Delight, Rockers to Rockers oder Emperor Tomato Ketchup lief darauf nicht selten Millions Now Living Will Never Die von Tortoise aus Chicago. Ich besuchte ein erstaunlich leeres Konzert, im Vorprogramm spielten Trans Am und The Sea and Cake (die ich belanglos fand, völlig unverständlich im Nachhinein). Die Musiker von Tortoise tauschten ständig die Instrumente, die sehnsüchtigen Basslinien prallten von den unverputzten Backsteinwänden durch den Saal, die knarzigen Geräusche und die Klangketten des Vibraphons sirrten durch die Luft.

Zwei Jahre später wohnte ich in ähnlicher Besetzung in einer neuen Wohnung mit weniger Charme und mehr Komfort: es gab eine Einbauküche, dafür kein Durchgangszimmer. Mezzanine, Moon Safari, Khmer und jede Menge Dub wurden gehört, im Sommer 1998 erschienen dann Two Pages und Moment of Truth, letzteres ein Inselalbum für mich. Tortoise veröffentlichten TNT, ich sah sie ganz gediegen im SFB-Sendesaal konzertieren. Sehr bildungsbürgerlich, nicht ganz so aufregend wie zwei Jahre zuvor, trotzdem toll. TNT kaufte ich mir nicht, es war das erste Album, das mir auf CD gebrannt wurde, von einem blauhaarigen Physikstudenten – damals ein unerhörter Vorgang, pure Science Fiction. 

Danach verloren Tortoise und ich ein bisschen den Kontakt. Ich habe die Veröffentlichungen nur aus der Ferne registriert, einzelne Stücke gehört, nie komplette Alben. Nun habe ich mir spontan (und etwas übertrieben) die Reissues von Millions Now Living Will Never Die (die CD war nicht mehr auffindbar), TNT und dem mir zuvor unbekannten Standards gekauft. Auf Millions Now Living  (und auch auf dem Debut Album) sind die verschiedenen Elemente dieser verkifften und sehr eigenständigen Fusion gleichmäßig austariert: Krautrock, Dub Reggae, Electronica, ein bisschen Minimal Muisc und Jazz Ästhetik. Auf TNT geht es dann etwas mehr Richtung Jazz, bei Standards verschiebt es sich ein wenig Richtung Elektronik und Post-Production, einmal scheint das Mkwaju Ensemble kurz durchzuschimmern. 

Aus irgendwelchen Gründen musste ich beim Wiederhören an den Noir Film Touch of Evil denken, den ich im vorherigen Jahrhundert das letzte Mal gesehen hatte. Was für ein Film! Ein lange Sequenz zu Beginn ohne Schnitt. Unglaublich intensive Studien von Gesichtern, Schatten, Gebäuden. Ständig hintergehen sich die Charaktere, unklar bleibt, wer gut, wer böse ist. Das Ende ist immer noch unheimlich. Was der Film mit Tortoise zu tun hat? Keine Ahnung, wie mein Gedächtnis die Assoziation hergestellt hat. Lohnend aber, den Film zu schauen und Tortoise kann ich sowieso immer wieder hören.


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