Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2026 2 Mai

zwischenspiel

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„walk on waves“

 
 

 

Sein Name erinnert in unseren Breiten weniger an eine Rose als vielmehr an eine der nahrhaften, guten alten Apfelsorten und deshalb gilt: ein Bosco bleibt ein Bosco bleibt ein Bosco, in seiner ganzen Heimatverbundenheit und weltläufigen Vielseitigkeit. Der aus Minas Gerais stammende brasilianische Sänger, Gitarrist und Komponist war ursprünglich Bauingeneur. In seinen stilprägenden Liedern, die im Laufe der Jahre geradezu identitätsprägende Hymnen einer Nation geworden sind, ist neben bodenständigen Bauchgefühl auch die Neigung zum konstruktiven Tüfteln zu vernehmen. Bereits vor dreissig Jahren begeisterten mich seine afro-inspirierten Alben und boten geradezu eine Zuflucht in ein musikalisches Anderswo. Das Gitarrenspiel hatte Elemente von Bossa Nova, Klassik, afrikanisch akzentuiertem Rhythmus und trägt auch Nuancen von Jazz und Fusion. Auch der Gesang erinnert stellenweise an Al Jarreau und deutet auf ein grenzenübergreifendes archaisches Urbedürfnis hin, auch mit der Stimme rhythmisch zu akzentuieren. Sein unvergleichliches Livealbum Obrigado Gente bot einen Zusammenschnitt seines Schaffens: im Kern aus der Band Nosso Trio um den fantastischen Drummer Kiko Freitas herum arrangiert, mit honorigen Gästen wie dem Perkussionisten Armando Marcal (der ja auch zu Pat Metheny Band lange gehörte) und dem Sänger Djavan. Nun stelle ich mit Freude fest, dass schon vor fünf Jahren erneut ein gutes Album entstand und bin baff, welch hörenswerte Stücke darauf zu entdecken sind. My favorite things (singt er übrigends ebenso wie „Blue in Green“) are: das an einen aus dem kargen Nordosten Brasiliens stammenden Musikstil angelehnte Stück „Forró em Limoeiro“ und das wunderbare „Horda“, in dem die israelische Klarinettistin Anat Cohen (Schwester eines ebenso namhaften Jazztrompeters, by the way) zu hören ist. Und Kiko Freitas ist immer noch in Topform.

 

2026 15 März

Im Anderswo

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Aus der Rubrik Fluchtgedanken und Gedankenflüge hier kurz skizziert: Eines der aktuell durchaus spannenden Themen ist ja die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, kurz KI genannt. Unsereins fragt sich, was denn das wäre, was davon unterschieden bleibt: also die Differenz, das nicht Eingemeindete, das ausserhalb mathematisch-statistischer Prognosen, Algorithmen und Patchwork-Diebstahl stehende. Hier fallen mir einige Autoren ein, deren Sprachstil mich stark beeinflusst haben. Da wäre zunächst Dietmar Kamper zu nennen, dessen gedankliche Herangehensweise als „tentativ“ bezeichnet wurde: Dinge umkreisend, sich behutsam herantastend, grossenteils vielleicht auch unüberprüfbar bleiben, etwas offen lassen. Das waren keine Klartexte, vielmehr vermischte sich Poesie mit geisteswissenschaftlicher Betrachtungsweise. Ein anderer Autor, an den ich gerne zurückdenke, ist Michel Serres. Sein Buch Die fünf Sinne war ein Meilenstein. Man könnte sagen, die menschliche Existenz wurde hier völlig jenseits von Sigmund Freud oder anderen Seelen-Introspektionen geschildert. Es ging um Seefahrer, Mathematik, Steine zertrümmern, Querfeldein laufen, die Stille suchen. Auch viele Autoren, die Aphorismen verwendeten, zählen zu dieser Liga. Den anarchischen Sprachwitz eines Emile Cioran wird niemals eine Rechenmachine erreichen können. Vielleicht könnte man sagen, die KI zeigt uns, was wirklich zählt: ausserhalb ihrer zu sein – oder wie es der tschechische Schriftsteller Milan Kundera („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“) einst sagte: das Leben ist anderswo.

 

2026 15 Feb.

Nimm Zwei!

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Zwei Filme waren es, in denen der Schauspieler und Pantomime Jean-Louis Barrault die Hauptrolle spielte, die mich als Kind beziehungsweise Jugendlicher (es war wohl die Übergangszeit) besonders beeindruckten. Kinder des Olymp habe ich nur wage in Erinnerung, zwei Szenen bleiben deutlich: der Protagonist sitzt als Clown auf einer Mauer und beobachtet das rege Treiben von Passanten. Es ist ein Schockmoment, wie ein aus einer anderen Welt hinabgebeamter Halbgott: der stille Zeuge. Er begehrt eine Frau, die sich für einen anderen entscheidet. Was ihm bleibt, ist jene, die ihn begehrt, die er aber nicht liebt. Die Vernunftehe wie ein Selbstverrat – das ging tief!

Mit dem zweiten Film adaptierte der Regisseur Jean Renoir den Horror-Klassiker Dr. Jekyll and Mr. Hyde in Das Testament des Dr. Cordelier. Barrault spielt den Wissenschaftler, der in einem Labor sich selbst in eine Monstergestalt namens Opale umwandelt, auf eine Schauder erzeugende Weise. Beide geschilderten Figuren, sowohl der ausserhalb der Welt stehende, dennoch liebende beobachtende Clown als auch das aus der Metamorphose einer seriösen, angepassten Honorität entstehende skrupellose und vom reinen animalischen Trieb getriebene Monster erzeugen bei mir einen Ahmungseffekt, als seien sie Anteile des eigenen Selbst. Daher wohl der prägende Eindruck. Ist nicht die Faszination des Bösen auch fühlbar in der Identifikation mit so manchem Filmschurken, ohne den manch eine Geschichte reichlich fade wäre. Ich denke an Billy-Bob Thornton als Lorne Malvo, der den Gegenpart zum Versicherungsangestellten Lester Nygaard (Martin Freeman) spielt, in der ersten Staffel der Fernsehserie Fargo der Brüdern Coen.

Zwei Männer auf weitaus ungefährlicherem Felde, nämlich der Soziologe Hartmut Rosa und der Sozialpsychologe Harald Welzer treffen sich zum Podiumsgespräch. Es geht, mehr oder weniger brav, um Wohnräume, Spielräume, Lebensräume. Rosa erläutert am Beispiel, wie man morgens seinen Filterkaffee zubereitet, den Ermessensspielraum mancher Handlung. In der Februarsonne neben dem Eingang einer gut besuchten Cafe-Bäckerei auf einer Holzbank sitzend, trotz Erkältung bestens gelaunt als stiller Zeuge Szenerie und Menschen beobachtend wie einst der Pantomime in Kinder des Olymp, lockern sich Erinnerungen. Ich denke an meine Lehrzeit als Möbeltischler zurück und die abwägend-prüfenden Blicke der Gesellen, wenn sie ein Stück Holz auf seine Verwertbarkeit hin prüfend in den Händen hielten: Ist das brauchbar, wo sind fehlerhafte Tücken? Genauso wird auch mein Interesse für neue Filme, Themen, Bücher und Musik angesprochen: Gibt es vorwärtstreibende Impulse? Und was lässt sich daraus machen, gibt das etwas her?

 

2026 10 Jan.

„snowdown“

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audio

 
 

2025 29 Dez.

Ein frischer Gilligan

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„Pluribus“ bedeutet viele, die Vielen (so zumindest meldet es das autobiografische Gedächtnis einem alten Lateiner) oder wie Hauptdarstellerin Rhea Seehorn alias Carol Sturka sie nennt: „The Others“, the afflicted. Die neue Staffel des Drehbuchautors Vince Gilligan folgt den bahnbrechenden Fernsehserien Breaking Bad und Better Call Saul. Hier steht aber nicht die Gewalt von Drogenkartellen im Vordergrund, sondern eine seltsame Veränderung der Menschen, denen die Individualität abhanden kam. Dies bietet eine Fülle von Assoziationen zur gegenwärtigen Lage: Propaganda-Medien, digitale Verdummung (der leider verstorbene französische Philosoph Bernard Stiegler nannte es die „Entropie durch den Gebrauch digitaler Medien“), sich einschleichende Gängelung durch Algorithmen. Der Drehort bleibt Albuquerque, in New Mexico gelegen, der an sich schon eine Show ist und auch sonst kommt das Sehvergügen (Thanks to tough Mrs. Seehorn!) nicht zu kurz. Gerade jetzt zur Winterszeit bietet also Pluribus auch eine günstige Alternative für all jene, die nicht den Flieger in die Karibik nehmen konnten, mittels Streaming-Abo doch noch dem Winterblues zu weichen. Auch zeigt sich wieder einmal der typisch-geniale und lang vermisste Gilligan-Witz, der in seiner eigenen Liga spielt. Erzählt wird nämlich nicht nur wie üblich eine Geschichte. Neben der Handlung mit Helden und Happy End (oder schlechtem Ausgang) sprechen nämlich hier erneut die Dinge für sich auf eine Weise, die auf das eigene Gehirn wie Dopamin wirkt. Staffeln wie Trüffel: auf das sie niemals enden mögen! Und so bleibt, ganz der zauberhaften Landschaft und dem weitem Lichthimmel von New Mexico angemessen, am Ende, wenn der Vorhang fällt und alle Fragen offen bleiben, mindestens Eines: gute Laune.

 

2025 4 Dez.

Win-Win

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„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust …“ – dieses faustische Wehklagen liessen sich spielend auf meine Hörgewohnheiten übertragen, allerdings mit deutlich heiter-gelassenem Grundton: da ist zuweilen das Bedürfnis, schönen Frauenstimmen der eingängigen (und gewiss geschmackvollen) Popmuse zu lauschen, wie etwa Tori Amos, Alanis Morisette oder Taylor Swift (nein, es muss nicht immer Anna Calvi sein oder Johanna Newsom). Zum anderen, eigentlich ein ziemlicher Gegensatz: Musik aus dem Jazz- und Avantgardebereich, der eben nicht gefangen nimmt oder zur Ohrwurm-Paranoia führt („Herr Doktor, ich werde diesen Refrain nicht mehr los!“). In die erste Kategorie lädt mich desöfteren, ganz ohne Imperativ, der Song „Win Win“ von Alanis Morisette ein, dessen Akkordfolge (hier simpel zwischen G und C changierend, wohlmerkend mit dem Kapo auf dem ersten Bund) und Melodielinien dieser temperamentvollen Power-Chansonnière ich mir mittels Gitarre einverleibe. Einverleibungen sind in der zweiten Kategorie fast unmöglich, in die sich beispielsweise der Schlagzeuger Jim Black einreiht, mir vertraut aus zahlreichen Formationen, etwa im Zusammenspiel mit dem Saxofonisten Tim Berne. Hier kann sich bestenfalls ein Appetit auf freies Spiel einstellen und die Bewunderung für rhythmische Versiertheit: so geschehen beim Hören von It’s All In Your Head, dem aktuellen Album des jungen Tenorsaxofonisten Julius Gawlik, das mir wieder einmal offenbarte, wie lohnend es sein kann, von solcher Musik überrascht zu werden. Warum schreibe ich das hier? Vielleicht aus reiner Lust am Text oder schlicht als kleine Randnotiz.

 

2025 29 Okt.

interludes

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2025 27 Okt.

Gedankenfreilauf

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Der Stoff, aus dem die Träume sind, wird aus der Realität gewonnen, Alpträume inklusive. Vielleicht zählt unsereins ja (noch) zu den beneidenswerten Existenzen, die sich ein trockenenes Plätzchen in einer Welt des durchfluteten Horrors ergattern konnten, denn vieles ist im Argen. Wer als junger Mann im Staate „Selenski“ an die Front zitiert wird und dort als „Kriegspuppe“ für jene Hintergrundspieler agieren muss, deren Machenschaften, Macht- und Profitgelüste er wohl nie durchblicken wird (aus Blut und Boden wird Seltene Erden), den würde der argumentativ wie sprachlich brilliante Essay des jungen Autoren Ole Nymoen mit dem Titel „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde: Gegen die Kriegstüchtigkeit“ vielleicht dazu verleiten, Kehrtmarsch zu machen. Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge, das habe ich nun begriffen und nicht erst seit Corona gibt es jede Menge Lügner in der Politik. Vor einigen Tagen bekam der Medienwissenschaftler Norbert Bolz Besuch von vier Polizisten, mit einer Hausdurchsuchung im Gepäck. Seine relativ populäre Stellung, zudem das gereife Alter mögen wohl auch jenes Vorkommnis nicht als blanken Horror bewertet haben, sondern als etwas Erwartbares. Ganz überrascht hingegen war die Linguistin Reality Winner, als zwei FBI-Beamte im Jahre 2017 vor ihrem Haus auftauchten, mit ebengleichem Hausdurchsuchung im Gepäck und folgendem Verhör in einer Abstellkammer ihres Hauses, das dann zu fünf Jahren Haft führte. Sie hatte Papiere geleaked, um die Beeinflussung der US-Wahlen durch den Putin-Staat öffentlich zu machen – zum Wohle ihres Volkes. Die amerikanische Justiz sah es anders. Was wird wohl aus jenem Richter, dessen Bolz-Schuss nach hinten losging? Dass ein promovierter Kopf in solcher Stellung Ironie nicht zu begreifen vermag, gibt Anlass zur Sorge. Die Hauptdarstellerin besagten Films heisst übrigens Sidney Sweeney und sie liefert in Reality – Wahrheit hat ihren Preis (auf Amazon Prime) eine Meisterleistung ab. Da war doch was? Google brachte es schnell ans Licht: ich kannte sie von anderen Streaming-Highlights wie The White Lotus, Sharp Objects, Euphoria und Once upon a Time in Hollywood.

 

2025 3 Sep.

„scratch 22“

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