Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

Das literarische Vermögen, über einfache Alltagsangelegenheiten auf interessante Weise zu schreiben, schätze ich sehr. Desweiteren auch die Fähigkeit, die negativen Aspekte des Lebens herauszustellen: die Schwierigkeit des Seins zu schildern, vom Nachteil des Geborenseins zu reden, das Unbehagen an der Kultur nicht vorschnell untergraben, das Falsche im wahren Leben zu entlarven, den Schimmelpilz mit Namen Menschheit zu verachten, die Ausbeutung der Natur anprangern, die Missachtung des Tierwohls anklagen, den Riss zwischen Trieb und Vernunft zu beachten. Kurzum: den Kritiker und Skeptiker in uns zu pflegen. Dies war einst starker Impuls hinsichtlich der Neugier an einer Philosophie, die sich als erbaulicher Schulstoff wenig eignet. Bei Schopenhauer und Cioran liess es sich finden oder dem wenig bekannten, einst sehr geschätzten Soziologen Dietmar Kamper. Der kürzlich verstorbene Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino war auch hilfreich. Witzig, präzise beobachtend, dabei besänftigend öffnete er Räume. The doors of perception. Die Schriftstellerin Sibylle Berg, ein schärferes Kaliber: schonungslos, als radikal gegenspirituelle Randfrau unverzichtbar. The lady is a punk. In Tuchfühlung bleiben mit den Dunkelwelten, nicht nur die wohlgefärbten Erinnerungen pflegen. Der Wiederkehr des Verdrängten Vorschub leisten, indem man gar nicht erst verdrängt. Permanentes Hintergrundgrummeln, so nannte es ein Malerfreund, dessen witzig provokante Bilder für mich immer ein Stück Heimat waren. Momentaufnahmen des Abgrunds, die Blumen des Bösen, Paraden der Peinlichkeit, die Sprache des Unbewussten. Sehe ich so manches Fotos von mir aus der Jugend, graust es mich: „Das war ich? Nichts wie weg!“ Glücklich sind jene, die sich selbst toll finden. Genazino und der genannte Dietmar Kamper zählen zu denen, die halfen, unbehagliche Selbst- und Weltfremdheiten auszuloten: der eine bot den „Regenschirm für diesen Tag“, der andere würdigte die Einbildungskraft und verteidigte das Körperliche (Kamper war einst Sportler) gegen vorschnelle und vorlaute Vergeistigungen. Er sagte es einst treffend: „Das Leben lebt nicht, man muss ihm helfen – das nannte man früher Magie.“ Zum Abschluss dieser rückschauenden Reflexion ein Satz aus dem Buch Gedanken ohne Denker, das auch vom Buddhismus handelt. Sein Autor lässt eine Klientin zum Ende ihrer Psychoanalyse hin sagen: „Gott gibt es nicht und die Familie gibt es auch nicht.“

2019 13 Jan

The Catskills

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Kommentar

So, you called this lunch. What do you want to talk about? I just wanted to touch base before I go to the Catskills. We leave tomorrow. Cool. God, its gonna be so nice to have a break. This past year has been tough. (…) Oh, here. What´s this? Gigs. My typewriter lost its „S“. That´s why it says „Aturday“, „Unday“. You went to college; you can figure it out. These are all in the next two weeks. So? I´m going to the Catskills. Yeah, you said. So I can´t do these. I´m going to the Catskills. First one´s not till a week after next. But I´m going to the Catskills. Yeah, you´re record´s scippin´, Missy. Get to the point. I´m going to the Catskills for two month. Whaa …? Geez, I almost did a spit take. Almost? That w a s a fucking spit take. You´re going to the Catskills for two month? I told you a million times I was going to the Catskills. Yeah, but I figured it was five days, tops, not two fucking month.

 

(dialog from the TV series The Marvelous Mrs. Maisel; impressive how fast and funny the words uncoiled between Midge Maisel, an upperclass housewife and uprising comedian, kind of female Dr. Jekyll and Mr. Hide variation, and her manager Susie, a compact down to earth working class type, both meeting in their favorite hangout to discuss some business points; the whole series performes with fantastic photography and choreography, aesthetically somehow reminds me to Mad Men, is very witty, and also with deeper dimensions; the catskills is a place were New Yorkers go in summer, well in fact not the working class people; anyhow, have to stop now and go on reading; where´s is my fucking Žižek gone? just laid there on the table)

2018 4 Dez

Meine Alben 2018

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 5 Kommentare

 

Record of the Year: Jakob Bro – ReturningsECM in 2018: Christjan Randalu – Absence / Andy Sheppard Quartet – Romaria / Nik Bärtsch – Awase / Bobo Stenson Trio – Contra La Indecisión / Shinya Fukumori Trio – For 2 Akis / Mathias Eick – Ravensburg / Florian Weber – Lucent WatersVarious from 2018: Sonar w. David Torn – Vortex / Dave Holland – Uncharted Territories / Dave Liebman – Fire / Dhafer Youssef – Sound of Mirrors / Julian Lage – Modern Lore / Gilad Hekselman – Ask For Chaos / Ben Wendel – The Seasons / Aaron Parks – Little BigDiscovered in 2018: Marc Copland & Dave Liebman Quartet – Lunar (2002) / Chico César – Mama Mundi (2000) / Eliane Elias – Dance of Time (2017) / Chico César – Respeitem Meus Cabelos, Brancos (2002) / Anna-Lena Schnabel – Books, Bottles & Bamboo (2016) 

 

(Änderungen & Ergänzungen vorbehalten)

2018 26 Nov

Wanderungen im Konzertsaal

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

Ein Besuch der Stadt Hamburg ist ja immer eine Reise wert, zumal man erstmals mit dem Rad vom Ruhepol des riesenhaften Ohlsdorfer Friedhof aus Erkundungen in verkehrsreichere Zonen unternahm. Um ein leicht skandalträchtiges Vorkommnis zu schildern, möchte ich zeitlich zunächst zurückgreifen: ein Höhepunkt meiner Karriere als Konzertbesucher war zweifelsohne jener sagenhafte Abend mit João Bosco und Arto Lindsay, der seinerzeit im Raschplatz Pavillon zu Hannover beglückte. Beide Musiker sind Sänger und Komponisten, in Brasilien geboren oder dort aufgewachsen. Beide sind Gitarristen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wo der eine hochversiert der Konzertgitarre Bossa Nova, Fusion und sogar Klassiktöne entlockt und dabei die afrikanischen Wurzeln brasilianischer Musik in Rhythmus und Stimme betont, hat der andere die Kunst, nicht wirklich Gitarre spielen zu können, in erhaben avantgardistische Höhen getrieben: delicious crispy splittertones.

Bosco trat im Trio auf, begleitet von E-Gitarre und Bass. Er selbst sang, lautstark begleitet von etwa hundert patriotischen Brasilianern im Publikum, gerade so, als seien seine Lieder Gassenhauer. Als nun Arto Lindsay mit seiner Band auftrat, fand ein akustischer Szenenwechsel statt, wie er lautstärker und kontrastreicher nicht sein konnte. Sogleich machte sich diese heimatverbundene Hundertschaft auf, um geschlossen Richtung Ausgang zu marschieren. „Das merke ich mir, von jetzt an haben die bei mir verspielt. Sentimentale Ignoranten!“ meinte ein Freund und Kenner der Materie – unvergessen auch sein Spruch, wenig würde ihn noch begeistern, zuviel hätte er schon gesehen und gehört, aber ein Konzert mit Arto Lindsay würde ihn noch bei vierzig Grad Fieber hinter dem Ofen hervorlocken. „Erst einem das Konzert vermiesen und dann den freieren Formen von Musik im Affront begegnen!“ Unsereins war ebenso pikiert und nennt dieses befremdliche Geschehen seitdem für sich im Stillen „die brasilianische Krötenwanderung“.

In der Elbphilharmonie spielten nun im November Nik Bärtsch und Vijay Iyer mit ihren jeweiligen Ensembles, im Rahmen der kommenden Jubiläumsfeier des Plattenlabels ECM, dem ja beide angehören: „We are proud to be members of the ECM family.“ Der Schweizer mit seinem Quartett Ronin fand zunächst durchaus Anklang bei einem Publikum, das großenteils aus älteren Herrschaften bestand, die als Pauschaltouristen in Bussen kamen, um die „Elphi“ zu besuchen und sich den Bärtsch zwar noch gefallen liessen, bei Vijay Iyer und seinem Sextett aber massenhaft die Saalflucht ergriffen. Dies störte ungemein. Auch wenn einem die Stücke des Albums Far From Over etwas kühl, konzeptionell und emotionslos erschienen, so wollte man doch dieses Jazzereignis feiern, das Anklänge bot an Bitches Brew, Sun Ra und McCoy Tyner. Hernach war auch in der Presse einiges zu lesen zu diesem Vorfall, man sprach von Beschämung und Skandal. So kam es also, dass meine „Krötenwanderung“ von einst nun in neuen Licht erschien. Wäre man bei Helene Fischer auch vorzeitig gegangen? Wohl kaum, denn aus Versehen hätte sich da keiner hingetraut.

 
 
 


 

2018 11 Nov

Rauchzeichen

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | 4 Kommentare

Immer wieder die Frage: Kann ich schreiben? Darf ich schreiben?Habe ich Wesentliches mitzuteilen? Auch hinsichtlich einer inneren Verpflichtung, nicht schönzumalen, vielmehr das Kritische und Dunkle hervorzuheben. So will es die Melancholie. Findet sich der tragende Faden, beginnt es Spass zu machen und spinnt sich wie von selbst fort. Es öffnet sich der Raum der Erinnerung, ein Flow entsteht und der Text entfaltet Eigendynamik. Vor einigen Tagen zeigte Arte eine Reihe von Filmen und Porträts mit Künstlern. Ein ganz reizender Spielfilm über Vincent van Gogh und dann ein intimes, sehr gelungenes Porträt mit dem in Leipzig lebenden und schaffenden Maler Neo Rauch. Mich wies ein Freund desöfteren hin auf jenen Leipziger Maler und er erzählte, dass auch seine Frau mit Namen Rosa Loy eine Malerin sei. Doch mir gefielen diese Bilder auf den ersten, flüchtigen Eindruck nicht – irgendwie kalt und wie der Philosoph sagt: „kontingent“. Also beliebig und auch eklektizistisch, manieriert. Wie man sich wieder einmal täuschte! Das gezeigte Filmporträt war wunderbar, zog mittenmang hinein in die Faszination von Malerei und ihre schöpferischen Prozesse und Entfaltungen. Die Leipziger Schule kenne ich noch aus Studienzeiten, Maler wie Bernard Heisig und Werner Tübke flössten Respekt ein mit ihrer virtuos altmeisterlichen Strenge. Es zeigte sich beim Schauen des Rauch-Porträts, also wenn der Maler am Schaffen war, warum mir die Malerei generell immer ein wenig fremd bleib, nie wirklich mein Ding war: Auf die Frage, ob er denn auch mal Pause machen wolle. „Ach, das wäre schön, aber die anderen malen ja weiter. In all den Künstlerateliers brennt Licht und meines bleibt dunkel? Das geht doch auch nicht!“ sagt Rauch mit sanfter Stimme. Überhaupt, diese Sanftheit fällt auf und eine gewisse Melancholie, das fehlen jeglicher Aggressivität. Liegt es daran, dass er seine Eltern früh verlor, bei liebevollen und fürsorglichen Großeltern im Südharz aufwuchs? Liegt es daran, dass jemandem das Gezerre und Gezetere im ödipalen Dreieck erspart blieb? Auch Peter Sloterdijk („Saufgelage mit Neo Rauch“) ist ja ein Vaterloser und dass da von Freundschaft die Rede ist, wundert kaum, kreuzen sich doch bei beiden geschichtlicher Bezug, hervorragendes stilistisches Handwerk mit zeitgenössischer Diagnostik und dem Witz der spielerischen und manchmal eben manieristischen Eigenschöpfungen. Mir wurde jedenfalls klar, warum ich einst vor Malerei die Flucht ergriff und dennoch in höchster Wertschätzung damit verbunden blieb. Es ist auch eine Gefangennahme im Sehsinn, sowie es ja auch eine Gefangennahme im Hörsinn geben kann. Hier bot die Philosophie den ausgleichenden Kontrapunkt. Doch manchmal hat man Lust auf Kunst, als ob einen der Hafer sticht. Dann schaut man, was Daniel und Gerhard Richter machen. Ersterer beispielsweise schätzt die Reflektion als etwas, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Hier stimme ich ihm zu und auch die neuen Bilder gefallen mir, allein schon weil nur er sie malt.

2018 3 Nov

The Affair

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 5 Kommentare

The Affair ist eine amerikanische Fernsehserie – wobei ja der Begriff leicht irreführend ist: „Serien“ stehen ja Filmen, etwa Kinofilmen, qualitativ in nichts nach, im Gegenteil. Gast war in einer deutschen Talkshow unlängst der renommierte, aus Hamburg stammenden Regisseur Wolfgang Petersen, bekannterweise mit Das Boot zu Weltruhm gelangt und seit langem in Los Angeles, also nahe Hollywood, ansässig. Auf die Frage, warum er keine neuen Filme drehe, ob es etwa an Angeboten fehle, war seine Antwort: „Das Entscheidende passiert heute sowie weniger in Filmen, vielmehr Serien.“ Bingo, da lacht das Herz des Bingewatchers. I started with Mad Men about three years ago and went on with True Detective, Fargo, Bloodline, Breaking Bad. So far and not that bad. Irgendwann kam dann die Affäre. Ich zögerte, denn problematische Beziehungsdramen und Rosenkriege sind nicht so mein Ding. Der Anfang: eine schwülstige Bettszene, muskulöser Männerkörper liegt auf nackter Frau. Finger schon am Off Button, doch schnell wendete sich das Blatt. Man kennt das Gefühl: urplötzlich ist man in etwas drin, dass sich realer anfühlt wie das Leben selbst. Als habe man nach langem grauen Rauschen nun den Sender scharf gestellt und es wird kontrastreich, witzig, inspirierend. Hier wird nämlich nicht auf Rosamunde Pilcher schöngeeicht und auch der nordische Ernst eines Ingmar Bergmann bleibt aus. Dann doch eher Polanskis durchtriebener Humor. Eine New Yorker Intellektuellenfamile, er Lehrer, sie die Tochter eines renommierten Schriftstellers, hierzulande wäre es wohl das gehobene Grünenmilieu. Auf dem Weg in die grossen Ferien Richtung Montauk und die Ostküstenfrische. Vier Kinder, zwei kleine, ein prä-pubertärer Sohn und eine genial-pubertäre Tochter. Zickigkeit on Top, gespielt von einer brasilianischen Elfe. So nimmt alles seinen Lauf und man findet sich in Atmosphären, in dem man gerne verweilt. Ein Indikator dafür, dass diese Serie von allen meine liebste ist: die gesamte zweite Staffel schaute ich ein zweites Mal, so wie ich einst Willemsens „Knacks“ auch dreimal nacheinander las. Season Four zählt ebenso zum Besten, was ich sah und wer das noch vor sich hat, der hat es gut. Postscriptum: Sie spiele ja eine sehr giftige, egoistische Person, wird der „Ehegattin“ (links im Bild) vorgehalten. „Well, we are all toxic persons.“ As always here the right dose turns a poison to a cure.

2018 28 Okt

Begegnung am Kanal

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Keine Kommentare

Ein Sommertag und doch schon Herbst. Um die Mittagszeit herum reflektiert das Wasser am Mittellandkanal die Sonnenstrahlen und es wird noch einmal richtig warm. Hier jetzt einen Moment verweilen. I took the old track, the hollow shoulder across the waters. Am anderen Ufer überfüttern sie Möwen, Hunderte, so will es scheinen. Auch die Kinder kreischen, jauchzen. On the tall cliffs – sons and daughters, they were getting older. Warum kommt mir hier in dieser Gegend stets der alte Peter Gabriel Song in den Sinn? Anyhow … Ab und zu schippert ein dicker Kahn vorbei, die meisten tragen Frauennamen am Bug, doch dieser hier, der heisst „Extase“ und ich muss schmunzeln. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Freundlich rücke ich ein wenig auf der Bank nach rechts und kündige sicherheitshalber an, ich wolle eh gleich weiter. Doch schnell spüre ich: hier geht was. Sie habe schon weiter vorn dort auf der Bank Platz nehmen wollen, doch die Tussi mit dem Smartphone habe sie genervt: „Ohrstöpsel raus und Häh, da kann ich gar nicht drauf.“ Passt gut, sage ich und füge an, was ich des Morgens dachte: ich sei wohl der letzte Mohikaner ohne Handy. Niemals offline? An absolute no-go! Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf. Auf jedes Stichwort des einen fällt dem anderen sofort etwas ein – so kenne ich das selten. Still life talking. Sons and daughters, we are getting older. Sie ist gebildet, agil, braungebrannt mit Designerbrille und sehr hager, hat eine degenerative Erkrankung an den Händen, kann nicht mehr Fahrrad fahren, sei aber gut zu Fuss. Mein Rad sei mein Rollator, kontere ich beipflichtend. Sie mache auch Krafttraining, zeigt mir die Muckis ihrer Oberarme. „Beachtlich!“ Artists are allowed to praise each other. Das Gespräch läuft eine lange Weile so, mit der Geschwindigkeit eines grassierenden Steppenbrands, und irgendwann dann setzen wir beide behutsam zum Landeflug an. Vielleicht treffe man sich ja mal auf einer Kunstausstellung oder Party. “ … dann besaufen wir uns, aber richtig!“ Gut zwei Stunden sind schnell vergangen, die geplante Radtour kann ich jetzt knicken. Sei es drum – we took the long way home.

2018 18 Sep

This is not America

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

 
 

<span style="color: #8f8894;">"Solid State" © JS - aus der Fotofolge "This is not America"</span>

 
 

Neulich erwähnte M eine Freundin, die den Erzählstil von Lost schwierig fand, der ganz gemäß des Titels dieser sehenswerten Serie seltsam ins Endlose sich verliert und variiert. Spontan dachte ich dabei an eine zurückliegende Begegnung mit einem sogenannten „Guru“. Es waren jene Tage, als man Gurdjeff las und die Suche nach dem Wunderbaren sowie das Treffen mit bemerkenswerten Menschen sich zu lohnen schien wie das Beten für den Glaubensfesten in der Kirche. Gerne widersprach man dem Schriftsteller Gerhard Zwerenz, die Erde sei so unbewohnbar wie der Mond. Auch Skeptiker und Nihilisten standen noch nicht hoch im Kurs, deren Zeit sollte erst später folgen. Er war der Sohn des grossen Hazrat Inayat Khan gewesen, der in seiner Heimat hohes Ansehen genoss, zudem auch Autor war einer Schrift namens The Music of Life. Peter Michael Hamel und Joachim-Ernst Behrendt erwähnten ihn in ihren Büchern. Sohn Pir Vilayat also – der Name klang nach Hirsch und Pirsch und Pionier und passte – führte die Erbschaft seines Vaters fort und war der Anführer des Sufi-Ordens im Westen. Ihm zu begegnen auf einem hohen Bergplateau in Sichtweite des Mont Blanc war ein erhabenes Ereignis. Eine bunt gewürfelte Dreihundertschaft aus aller Welt kam dort zusammen, um zu meditieren und Musik zu machen. Ich assistierte R in einem Workshop, wo man die eigene Stimme als „Spiegel seines Selbst“ wahrnahm, ein Buchtitel von Roland Barthes war richtungsweisend: Was singt mir, der ich höre in meinem Körper das Lied. Hernach kam man spielend vier Töne höher als zuvor, genoss die Rauheit seiner Stimmbänder und war auch ansonsten recht locker. Mit dem Sufismus selbst hatte ich eigentlich nichts am Hut und mit sogenannten „Gurus“ auch nicht. Doch dieser indische Weise war sympathisch, humorvoll, strahlte Würde und grossväterliches Wohlwollen aus. Das Essen war vegetarisch und das Wetter dort oben sehr wechselhaft. Auch die Gefahr, sich zu verlieben, war sehr gross. Lawinen gab es aber keine. Im Retreat sprachen wir zehn Tage lang nicht. Man zog sich in sein Zelt zurück, ging zuweilen wandern, traf sich schweigend nur, zu den Mahlzeiten etwa. Manchmal kam R vorbei, wir sassen vor meinem Zelt, genossen den Ausblick, rauchten eine Selbstgedrehte, tranken meinen Instantkaffee, denn offiziell gab es nur Chicoree. Nach dem Retreat war Fragestunde im grossen Rundzelt, mit dem Blick auf die Gletscherkulisse des Mont Blanc. Wir alle teilten scheinbar ein Problem: „Warum wird man während der Meditation permanent gestört durch Wünsche von Besitz, Besitzenwollen und dem Stilisieren von Gegenständen zu Kultobjekten?“ Des Gurus Lösung lag parat: man solle die Dinge nur als Mittel zum Zweck benutzen, nicht als Objekt der Begierde, Anbetung und Identifikation. Dann fragte Jemand, was er denn von Psychoanalyse halte. Interessiert spitzte ich meine Ohren. Das Unbewusste sei wie ein Tiefseefisch: der Analytiker versuche, ihn an Land zu ziehen, aber was er bekomme, sei kein Fisch mehr, sondern etwas Totes, seiner natürlichen Umgebung entzogen. In der Meditation aber lerne man zu tauchen. Jahre später begegnete ich dem grossväterlich symphatischen Inder erneut, auf einem Meeting in Norddeutschland. Wir sassen auf unseren Meditationskissen und ich liess mich von seiner angenehmen, mir vertrauten, besänftigenden, mit Witz gewürzten Stimme umfangen. Hinter mir flüsterte eine junge Frau ihrer Freundin zu: „Verstehst du was? Ich verstehe gar nichts.“ Ich musste schmunzeln, denn ich wollte ihn gar nicht verstehen und verstand ihn wohl genau deshalb. We sat in the same boat, diving in the same ocean. „Meet me on the higher planes“ – das waren oft des Gurus Worte. Doch ich hatte mich überschätzt bei meinem Höhenflug. Plötzlich war ich, auf dem Meditationskissen sitzend, ein Vierjähriger im Morgentau auf einer riesigen Wiese, Hasen hoppelten um mich herum. Diese Sinnesschärfe und Offenheit machten mir Angst, hauten mich regelrecht um. Panikartig reiste ich ab Richtung Heimat, zurück in gewohnte Gefilde. Einer jener Momente im Leben, die man als Niederlage verbucht und der Magie aus Mangel an Mut wie im Nu verpuffen lässt. The return of the anti-hero. Zurück zur Freundin von M: gerade sah ich Sneaky Pete, die Serie über einen trickreichen, windigen Filou. Das ist witzig, genial fotografiert, mit wunderbaren Typen auch. Aber die Handlung ist vertrackt, sprunghaft und schnell. Ich wollte aber gar nichts verstehen, nur wie blöde mich dem Flow hingeben – und hatte doch am Ende das Gefühl: I got it all. Was den Umgang mit Dingen als reines Nutzobjekt angeht, ohne jede kultivierende, ästhetisierende, identifikatorische Attitüde: da bin ich immer noch recht ratlos und auch vor so mancher Situation laufe ich noch davon. Ach wären wir doch Fernsehhelden! Und Meditation betreffend: leider hat sie nicht mehr die Schärfe jener Zeit, als wir noch Gurdjeff lasen, nach Tiefseefischen tauchten und keine Psychoanalyse brauchten. Doch heutzutage sind die Serien besser, und nichts geht über guterzählte Stories.

2018 25 Aug

Pirsig reloaded

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , , | 1 Kommentar

 

 
 

Die Dinge, die wir am besten kennen, sind jene, mit denen wir uns in beständiger Praxis auseinandersetzen. Von Heidegger stammt die berühmte Feststellung, dass wir einen Hammer nicht begreifen, indem wir ihn anstarren, sondern indem wir ihn in die Hand nehmen und mit ihm hämmern.

(Matthew B. Crawford)

 

Dass man den Robert M. Pirsig nun endlich ruhen lassen möge mitsamt allem Zen und der Kunst, ein Motorrad zu warten, hörte ich desöfteren von intelligenten Zeitgenossen. Aber der Wille trotzt: das Ich ist nicht Herr im Haus des Cogito und so wünscht der reflexive Verstand, der immer wieder gerne auf richtungsweisende Einflussnahmen der Vergangenheit zurückgreift, dass jenes geniale Buch über Philosophie, Selbstsuche und die phänomenologische Definition von Qualität regelmässig auferstehe im Geiste. Es ist nämlich so, dass jene aufgezeigte Dichotonomie von romantischer und klassischer Weltanschauung immer noch brandaktuell ist, beispielsweise hinsichtlich eines denkwürdigen Wechselspiels von Betrachtung und Operation. In dem Moment, wo man zu handeln beginnt („Handwerk“), ändert sich nämlich jene Sichtweise, die etwas als absolut, gegeben, unverrückbar und unantastbar annimmt. Ich kann einen störenden Fleck auf der Tapete ewiglang ehrfurchtsvoll anschauen, doch eines fernen Tages dann im Jahre 2084 putze ich ihn einfach weg.

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz