Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2021 16 Jan

Infusion

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Das einstmalige Wunderkind Ofri Nehemya ist mittlerweile auch Schlagzeuger im Trio des Pianisten Shai Maestro und sicherlich noch Vieles mehr. So wie auch Artgenosse Ziv Ravitz reiht er sich ein in die Galerie junger Glanzlichter des israelischen Jazz. Faszinierend, wie vital solche Akzente einmal mehr Frank Zappas Diktum vom Verfallsdatum des Jazz Paroli bieten. Das Gleiche gilt für seinen Abkömmling, den Jazz-Rock, der ja auch schon oft für tot erklärt wurde. Weit gefehlt, was einmal prägend war, bleibt immer gut. Zählte man sich doch zu jenen, die Billy Cobham einst im Maschinenhaus zu Bremen, jenem Wallfahrtsort, in dem zum Tanzen oftmals Steely Dan erklang, über die Schulter schauten, von der Empore aus, die aussah wie ein Stahlgerüst auf einer Großbaustelle. Alphonse Mouzon war damals auch ein Star am Sternenhimmel. Später dann war man versessen auf Peter Erskine, favorisierte lange Zeit sein Trio mit Palle Danielsson und John Taylor, sammelte deren Platten. Apropos Maschinenhaus, auch im Lockdown kommt so manche Erinnerung wieder: die Helden früher Jugendtage hiessen „Train“ (in Anlehnung an Coltrane), mit einem gewissen Gerd Lueken an Piano und Klarinette und vor allem Ronald Geissler an der Fender, den ich unglaublich gut fand. Those were the fun and funk times. Einfluss hatten auch Soft Machine und das Mahavishnu Orchestra. Wir pilgerten zu vielen Konzerten dieser Gruppe. Wie gesagt: die Fusion-Ader fliesst auch heute noch zuweilen, frisch und frei und unverkalkt. Repetitive Strukturen, Minimalmusik, vertrackte Polyrhythmen erhielten mittlerweile Einzug. Dem elektrisierenden Drumstick-Geflirre wie auf „Drive“ könnte ich stundenlang zuhören und -schauen.

 

 

Der Stern von Gerhard Richter muss Ende der Sechzigerjahre aufgegangen sein, als er nach Fotos malte. Zum ersten Mal hörte ich in der Schule von ihm. „Ist das etwa Kunst?“, fragte ich naserümpfend. Später an der Uni war er für viele Kommilitonen ein Vorbild, sozusagen durchgängige Wertkonstante. Für jemanden wie mich, der sich dem Surrealismus und allerlei inneren Selbstfindungen zuwandte, der zwischen Spiritualität und Interesse an der Psychoanalyse pendelte, wirkte sein Werk schwer zugänglich und unterkühlt. Ich sah ihn eher als eine Ikone oder auch Sinnbild für etwas „Erhabenes“. Nachdem ich den Film Werk ohne Autor des imposanten Florian Henckel von Donnersmarck gesehen hatte, bemerkte ich einige tiefere Zusammenhänge: In der Schule hatten wir damals einen Lehrer für Musik, Geschichte und Gemeinschaftskunde, der ein höherer Dienstgrad in der Wehrmacht des Zweiten Weltkriegs gewesen war. Er war gut ausgebildet und elitär, körperlich von kleiner Statur. „Warum hast du denn diesen Nazi im Leistungskurs gewählt?“ Nun, es gab eine Art thrill aufgrund seiner unterhaltsamen Erzählweise. Eines Tages ging er aber zu weit und behauptete, den Holocaust hätte es nie gegeben und Euthanasie sei fallweise gerechtfertigt. Damals fuhr ich oft mit dem Auto meiner Mutter zur Schule und sammelte dann auf dem Weg dorthin verschiedene Mitschüler ein. Unter ihnen war die nette und kluge K, ihre Eltern hatten Geld und sie war mit dem Sohn des Schulleiters zusammen. Ich erzählte ihr oft von diesen wiederholt giftigen und ungeheuren Äusserungen. Da sie mutig war und auch Mitglied der Schülerzeitung, schrieb sie einen Artikel über seine Verfehlungen mit dem Ergebnis: er wurde in den Vorruhestand versetzt. In diesem Zusammenhang hatte K mich zum Tee eingeladen. Das stilvolle Haus im Tal, am Fluss, ich mochte diesen Ort, nahm auf einer roten Samtcouch Platz, darüber hängte ein monochromes Bild, ebenfalls in Rot. „Wer ist das, ist es ein Original? „Ja, Gerhard Richter, meine Eltern haben es gekauft“, gab K zurück, leicht verlegen, wohl weil es ihr leicht snobistisch erschien. Ich war beeindruckt. Und auch der Tee war gut. Zurück zur Gegenwart: Bevor Henkel von Donnersmarck „Werk ohne Autor“ produzierte, war bereits ein Buch von einem Autor des Magazins Der Spiegel erschienen. Es war eine präzise recherchierte Geschichte über Gerhard Richters kindliche Verstrickungen mit Nazi-Deutschland, wo seine geliebte Tante Marianne einem Euthanasieprogramm zum Opfer fiel. Ein Monster-Schwiegervater, fantastisch gespielt von dem deutschen Schauspieler Sebastian Koch, hatte seine Finger in diesem tödlichen Spiel. Alles in allem ist es großartig, diese tiefen Einblicke in die Kindheit und die aufstrebende Karriere des sonst doch eher wortkargen Künstlers zu bekommen. Sehenswert sind auch einige porträtierte Figuren der damaligen Düsseldorfer Kunstakademie: Sigmar Polke, Günther Uecker und vor allem Joseph Beuys, der im Audimax eine Vorlesung hält („ … mit Lehmbruck habt ihr euch beschäftigt? Ich habe heute nichts für euch, ihr könnt nach Hause gehen!“). Der Film erhielt viel Kritik. Anscheinend mochte ihn Richter ebensowenig wie das vorangegangene Buch. Für mich stellte sich eine allgemeine Urheberrechtsfrage: Darf das Leben eines Menschen die Quelle für die Geschichte eines anderen sein, der daraus Profit schlägt? Ich studierte einige der Hintergründe. Es gab einen ausführlichen und intimen Artikel in The New Yorker mit dem Titel „An Artist’s Life, Refracted in Film“ (Das Leben eines Künstlers, frakturiert im Film), der die Umstände im Vorfeld und die Konflikte zwischen Richter und Henckel von Donnersmarck beschreibt. Die erlesene Filmmusik zu Never Look Away steuerte der in Hameln geborene Komponist Max Richter bei, kein Verwandter, vielmehr Namensvetter des berühmten Malers.

 

 

The star of Gerhard Richter must have risen end of the Sixties when he painted from photographs. First I heard of him in school. „Is this art?“ I questioned with a sniff. Later at college many fellow students took him as a role model, kind of a constant value. For someone like me, turning towards surrealism and all kinds of inner self-findings, switching between spirituality and interests in psychoanalysis, his work always seemed to be hardly accessible and cold. I saw him more as an icon or emblem of something „sublime“. After watching the film Never Look Away („Werk ohne Autor“) by the weighty Florian Henckel von Donnersmarck I noticed some deeper connections: In school we had a teacher for music, history and social studies who had been a higher rank in the second world war army. He was well educated and elitist, small in stature. „Why did you choose this Nazi in the history advanced course?“ Well, there was a kind of thrill caused by his excellent storytelling. One day he went too far claiming that the Holocaust did not exist and euthanasia was justified. That time I used to drive with my mother’s car, collecting various schoolmates on the way to school. Among them was the nice and smart K, her parents had money and she was dating the headmaster’s son. I often told her about the repeated toxic teachings of this guy. Being courageous and also member of the school newspaper, she wrote an article about his lapses with the result: he was suspended to early retirement. In that context K had invited me to tea. The stylish house in the valley, by the river, loved that place. Took seat on a red velvet couch, backed up by a monochrome picture, same red. „Who is this, is it original? „Yes, Gerhard Richter, my parents bought it“, K returned, slightly embarrassed for being „bourgeois“. „How great is this!“ I was impressed. Even the tea was precious. Back to the presence: Before Henkel von Donnersmarck produced Never Look Away, a book already had been published by a writer from the german magazine Der Spiegel. It was a precisely researched story on Gerhard Richter’s childhood entanglements with Nazi Germany, where his beloved aunt Marianne fell victim to an euthanasia program. A monster-father-in-law, fantastically played by german actor Sebastian Koch, had his fingers in the deadly game. All in all it is great to have this deep insights to childhood and upcoming career of that rather taciturn artist. Also worth seeing are some portrayed figures of the Düsseldorf Art Academy at that time: Sigmar Polke, Günther Uecker and especially Joseph Beuys, giving a lesson to his students („Got nothing for you today, you can go home …“). The film received lots of criticism and Richter even disliked the preceding book. For me a copyright-question came up: Can someone´s life be the source of another one´s (profitable) story? I studied some of the backround. There was a detailed and intimate article in The New Yorker titled „An Artist´s Life, Refracted in Film“, describing the cirumstances in the run up and the conflicts between Richter and Henckel von Donnersmarck. The film music of Never Look Away was contributed by composer Max Richter, no relative but namesake of the painter.

 

 2021
 

  1. Ozark – Season Two

 
 
2020

 

  1. Succession – Seasons One & Two
  2. Normal People – Season One
  3. The Queen´s Gambit – Mini Series
  4. The Marvelous Mrs. Maisel – Season Three
  5. Der Überläufer – Four-Part Series (Film)
  6. Better Call Saul – Season Five 
  7. Sharp Objects – Season One
  8. Big Little Lies – Seasons One & Two
  9. Show Me A Hero – Mini Series 
  10. Unorthodox – Mini Series 
  11. The Marriage Story – (Netflix Film)  
  12. Giri / Haji – Limited Series 
  13. The Meyerowitz Stories – Mini Series  
  14. Little Fires Everywhere – Mini Series 
  15. Bosch – Season Six
  16. Never Look Away („Werk ohne Autor“) – Film
  17. Unterleuten – Three-Part Series (ZDF Mediathek)
  18. Knives Out! – Mini Series 
  19. Ozark – Season One  
  20. The Sinner – Season Three  
  21. Miss Americana – Taylor Swift (Netflix Documentary)  
  22. Marc MaronEnd Times Fun (Netflix / Comedy)  
  23. Citizen K (Documentary on Michail Chodorkowski)
  24. After Life – Season Two
  25. I Am Not Okay With This – Season One 

 

(updated 15 January 2021)

2020 20 Nov

Guter Herbst

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Der Mensch muss etwas tun. Noch immer dem starken Drang verfallen, gute Songs nicht nur hören, sondern selbst auch spielen zu wollen, gehört zur momentanen Grundaustattung. Vieles macht man im stillen Kämmerlein klar, doch spirituelle Resonanzrahmen bleiben stets wichtig. Ob beim Serienschauen, bei Sport Spass Spiel und erst Recht in der Musik: es ist gut, wenn man wen kennt, der dasselbe schätzt. Mit den Manafonistas hat sich der Horizont doch gewandelt und über den eigenen Tellerrand hinaus war man auch daran interessiert, was andere mögen, zudem dem Neuland gegenüber offen. Und doch, eine seltsame Regression schlich sich ein in letzter Zeit, man war versucht, so manches aus dem inneren Archiv zutage tretende Erinnerungsfragment im Nachhinein auch struktur-technisch aufzuarbeiten. Die Frage „Was wird hier gespielt?“ ergründen wir mit einem still fingerpicking alive! Die Hände wollen begreifen. „Wieso kommt so manche Neugier spät und nicht vielmehr früher?“ fragt der Geist des alten Leibnitz neben mir. Neulich erzählte C, ihr Vater sei jetzt pflegebedürftig, sie sei jetzt das erste mal seit zwanzig Jahren wieder Auto gefahren, um für ihn die Besorgungen zu machen. Und? Kein Problem, verlernt man nicht! Sehr beruhigend! Genauso ist es mit dem analytischen Gehörsinn: hat der sich erst mal eingenistet, ist er nicht mehr auszutreiben. Zu den aufs Korn genommenen Objekten dieser obskuren Leidenschaft gehörte jüngst beispielsweise der Song „River“ von Joni Mitchell. Erst jetzt, nachdem ich Sierra Eaglesons Version hörte, möchte ich ihn gitarrentechnisch nachvollziehen, wenngleich ich dieses Lied schon immer mochte. Den Cyndi Lauper Hit „Time after Time“ kannte ich vor allem aus dem Album Traveling Miles der Cassandra Wilson. Von Iron & Wine nun findet sich eine Fassung, die einen flugs selbst zum Instrument greifen lässt. Weil alle Dinge (verschwörungstheoretisch) drei sind, sei hier auch „Clocks“ von Coldplay genannt, warmherzig vorgetragen von Good Harvest. Täte unsereins, wie damals Dieter-Thomas Heck, die Hitparade moderieren, dies wäre wohl die momentane Nummer Eins: „Nimm die Klampfe in Hand und spiele D-Dur, A-Moll, C-Dur, E-Moll!“ Wie einst Cyndi, nur im Looper.

2020 22 Okt

Ein Schmitz-Witz

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Lange nachdem die ersten Amerikaner den Mond betraten und lange bevor die ganze Welt online ging, war meine hohe Zeit nicht nur die des Radiohörens, sondern auch der Bibliotheksbesuche gewesen. Sie waren wie Wallfahrtsorte eines selbst initierten Bildungshungers, weitab vom Lernzwang jeglicher Schulsysteme: eigene Fragen, freies Spiel. Erfahrungen mit Meditation und langen Wanderungen weckten philosophisches Interesse. Das brachte mir damals auch die Literatur Peter Handkes, die persona Martin Heideggers und die Neue Phänomenologie des Herrmann Schmitz näher. Sein Werk System der Philosophie, zehn Bände, jedes 1000 Seiten umfassend und ein Kilo Gewicht auf die Waage bringend, las ich nahezu komplett, in Teilen mehrmals. Es war wohl, dass ich damals eine neue Art des Lesens für mich entdeckte: „Lesen um des Lesens willen“. Auch auf das Thema „Der Witz“ ging Schmitz in seinem Mammutwerk ein. Einen der von ihm dort erzählten wollte ich beim Mana-Treffen in Stuttgart vortragen, in alerter Runde bei Gregor in der Stube. Ich bekam ihn aber nicht mehr zusammen. Das sei hier nun nachgeholt:

 
 

Nachdem Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten hatte, gab er nicht nur den berühmten Satz mit dem Schritt von sich. Ehe er zurück in das „Eagle“-Modul kletterte, machte er eine rätselhafte Bemerkung: „Viel Glück, Mr. Gorsky.“ Jahrzehntelang blieb ungeklärt, was der Astronaut damit gemeint haben könnte. Ein Reporter stellte vor kurzem erneut die Frage an Neil Armstrong und erhielt Antwort. Einmal, als er noch ein kleiner Junge war, spielte Neil mit seinem Bruder Baseball im Garten. Ein Ball landete genau unter dem Schlafzimmerfenster der Nachbarn, Mr. und Mrs. Gorsky. Als Neil sich bückte, um den Ball aufzuheben, hörte er, wie Mrs. Gorsky ihren Gatten anschrie: „Oralen Sex? Du willst oralen Sex? Du kannst dann oralen Sex haben, wenn der Nachbarjunge auf dem Mond rumläuft!“

 

2020 13 Okt

seasons since summer

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Big Little Lies zählt zu den wenigen Highlights des TV-Erlebens jüngeren Datums. Meryl Streep: great acting, hart an der Schmerzgrenze, weil: that performed lady seemed to be a „psychopath“. Succession ist mein Champion. Ein Soundtrack aus überwiegend klassischer Musik, der an weihnachtliche Festtags-Stimmung denken liess, passte hier perfekt in das dekadente Ambiente einer familiären Medien-Bourgeoisie. Das in den Dialogen vorherrschende „Fuck off!“ gab dazu den idealen Kontrapunkt. Ja, diese Serie war ein Fest. Ansonsten war bei all der Streaming-Vielfalt „mediocre“ das Mantra: viel gut gemachtes Handwerk ohne erhebenden spirit. Alles sehr schön bunt hier. But David wants to fly! So schade, dass aus dem einst Besonderen schleichend das Gewöhnliche wird. Auch hier scheint Entropie zu wirken. Selbst Hochgelobtes und handwerklich Tadelloses „flutscht“ (Verbform von flow) oft nicht. Zeit, sich davon abzugrenzen. Apropos David, vor ein paar Tagen zeigte mir ein Regisseur mit grossem Namen, was man von einer guten Fernsehshow erwarten darf: dass sie auch die tiefsten Schichten des Unbewussten (Freuds „Es“) anrührt und auf die visuelle Reise mitnimmt. So wie die wundersamen Werke der Malerin Oda Jaune, jüngst beiläufig und neugierig entdeckt.

 

2020 26 Sep

afro jazz modal loop

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a u d i o

 

2020 20 Sep

Septemberlicht

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Im Wartezimmer der kieferchirurgischen Praxis lag die heissbegehrte Ware wohlfeil ausgestellt: der Patient nahm eine jener Zeitschriften zur Hand, die er sonst selten zur Ansicht bekam und wenn, dann nur zuhause online (umsonst & drinnen). Es fand sich schnell ein interessanter Artikel, um die Wartezeit zu überbrücken: von Bas Kast, jenem Journalisten, dem es gelungen war, mittels ausgiebiger Recherche einen „Ernährungskompass“ zu erstellen, den man wohl in der Kategorie „Mega-Bestseller“ verbuchen kann. Mittlerweile zu einem Papst für gesundes Essen avanciert, beklagte der Autor aber, dass er sich in dieser Rolle unwohl fühle: erstens sei er noch nicht so alt und zum Zweiten auch kein professionell legitimierter Berater dieses Fachgebiets. Es entspräche auch nicht seinem Bild von sich selbst. Das brachte ihn aber auf ein anderes Thema, nämlich die Frage, wer wir eigentlich sind. Darüber schrieb er dann einen Roman. Der Patient fand das insofern interessant, weil er festgestellt hatte, dass sich im Laufe der Jahre Identitäts-Schwerpunkte verlagern und Vieles von Früher später obsolet erscheine. Weitergehend seine These, dass man selbst zu den Neurosen, vergangenen Verhangenheiten und skurrilen Leidenschaften Abstand gewinnen könne. Praktische Dinge gewännen zunehmend an Gewicht. Der eigene Körper verfiele zudem zunehmend in die Rolle eines schwer erziehbaren Störenfrieds, wie der Lümmel in der letzten Reihe, den es zu händeln gelte. Auch im Zuge von Corona wurde wieder klar, was viele sehen: „Ich weiss, dass ich nicht weiss“. Der Patient wurde aufgerufen und brach die Wartezimmer-Lektüre abrupt ab. Als er dann, im Praxisraum auf dem Behandlungsstuhl sitzend, auf eine riesige Luftaufnahme von Rio de Janeiro blickte und der strahlende Doktor ihm auch zahntechnisch eine Perspektive eröffnete, war die Welt wieder in Ordnung. Das Ich stellte keine weiteren Forderungen. Der Patient trat im Septemberlicht radelnd gutgelaunt den Heimweg an und auch der Lümmel aus der letzten Reihe schwieg für eine Weile.

 

2020 11 Sep

aproach to a song

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(cover 1)

(cover 2)

 

2020 5 Sep

Transparente Schritte

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„Mehr Transparenz!“ wird allerorts gefordert – wobei ja diese Durchsichtigkeit auch schnell ins Negative kippen kann: Entzauberung und Überwachung wären dann die Folge. Darüber schrieb ja auch der koreanische Philosoph Byung-Chul Han in einem Buch mit dem Titel „Transparenzgesellschaft“, das zu jenen zählt, die ich immer wieder lese: denn gute Gedanken und Formulierungen haben kein Verfallsdatum, lesen sich auch nicht zur Neige, so wie man eine Schachtel Zigaretten „aufraucht“.

Gestern verfolgte man beeindruckt ein Live-Konzert in Kristiansand, mit dabei die Herren Bang und Aarset. „Ja, was kommt denn nun von wem?“ war die bange Frage. Eine Handbewegung des Gitarristen Eivind verriet es: ah, dieser Basslauf kommt aus seinem Instrument! Was ein Zauberer und Zubereiter namens Jan da zelebriert, bleibt geheime Alchemistenküche. Sein empathischer Körperausdruck jedenfalls ist eine Show. Auch der dargebotene Sound: vom Feinsten. Waren die Bild-Projektionen zufällig oder Punkt-genauestens zur Musik plaziert?

 

 

Summa summarum jedenfalls bekam unsereins beim Hören dieser Klänge sofort Lust, selbst Musik zu machen, was ich heute dann auch tat. Eine zuweilen zeitraubende Angelegenheit, bei der man vom Hundertsten ins Tausendste kommt, von Sirenensounds betört die Richtung verliert, wie das einst schon Odysseus drohte. Immerhin, kleine Erkenntnisse und noch ein kurzes „Mikado-Spiel“ zum Abschluss der Tages-Session: eine erste Spur wird hingeworfen, dann direkt die zweite Spur dazu gespielt. Ein bisschen Schnitt noch, fertig sind die transparenten Schritte.

 


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