Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2020 26 Mrz

Marquard in the Morning

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Odo Marquard hatte Humor. Viele andere Philosophen und Geisteswissenschaftler jeglicher Couleur verwiesen auf ihn, ähnlich wie sie es ja auch mit Martin Heidegger handhabten oder mit Theodor Adorno. Also begann unsereins seine Bücher zu sammeln in jener Zeit, als sich die Geschichte der Philosophie auf wundersame Weise als ein gangbarer Weg und bereicherndes Weg eröffnete, im Sinne legitimer Fluchten aus banalem Alltagsleben und ebenso festgefahrener Identität. Der Schreibstil war markant, geradezu urig, und er vertrat eine „endlichkeits-philosophische Skepsis“ – und zwar „ohne missionarischen Eifer“. Just heute Morgen: die Sonnenstrahlen fielen durch die Jalousie in einen Raum des besinnlichen Rückzuges (be sure to keep a distance) und ein gelbes Buchcover aus dem Hause Reclam lachte einen an. Auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite überschrieben mit der Frage „Wie politisch muss ein Schriftsteller sein?“ war zu lesen:

 

„Menschen – schrieb Aristoteles- – sind politische Lebewesen. Schriftsteller sind Menschen. Also sind Schriftsteller politische Lebewesen. Sie können und müssen darum politisch sein wie alle Menschen und zwar – meine ich – nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle Menschen.“

(OM, Skepsis in der Moderne)

2020 19 Mrz

„Unterleuten“

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Rudolf Gombrowski (Thomas Thieme) ist der mächtigste Mann in Unterleuten.

 
 

Es ist in diesen Tagen nicht ratsam, unter Leuten zu sein. Die beste Möglichkeit, der Info-Hölle zu entkommen, besteht für unsereins in den geliebten Radtouren, schnurstracks aus der Stadt raus und die Lungen durchgepustet. Auch das Hirn wird dabei frei, ein immer wieder verblüffender Szenenwechsel findet statt, auch mental. Es ist überliefert, dass der Verlust einer positiven Lebenshaltung jeglichen Heilungsprozess blockieren kann und auch für das Immunsystem nicht gut ist. Wir setzen also weiterhin auf Altbewährtes und sind dankbar für die segensreiche Medizin, die Wissenschaft und ein freiheitliches politisches System, in denen Räte sowenig zu sagen haben wie Nazis, Katholiken und Kommunisten. Aber die Horrormeldungen nehmen derzeit überhand und unsereins schätzt gerade in dieser Zeit die Flucht in erbaulichere Gefilde, wie Netflix, YouTube oder die Mediatheken. Dort kann man frei wählen. Wie neulich der Besuch beim ZDF, was selten vorkommt, sich entgegen irreführender Falschmeldungen aber lohnte. Die Rede ist von „Unterleuten“, jener Literaturverfilmung eines Romans von Juli Zeh, die hellwach, redegewandt (wie Precht) und voll auf der Höhe der Zeit ist. Das schlägt sich in den Dialogen merksam nieder: ein subtiler, aktueller Sprachwitz begleitet das auch visuell ansprechende Geschehen, zudem eine ruhige, entspannte, schwarzhumorige Erzählweise, die mich teilweise an Rainer Werner Fassbinder erinnerte. Ein jeder mag für sich entscheiden, mir jedenfalls hat es Spass gemacht: der Schauspieler und des Drehortes wegen, und weil dort die brütende Hitze des Hochsommers weilte (goldene Kornfelder, verschwitze Körper, sanfte Brisen). Nun mag ja das Buch noch differenzierter sein als die Verfilmung, aber diese verflixte Romanlesephobie älteren Datums führt mich stets vorzugsweise zu Netflix. Anderen geht´s ähnlich, man frage beispielsweise Sybille Berg. Wie dem auch sei, ich fand es gut: Danke dem ZDF, der Autorin, dem Regisseur Matti Geschonneck, den beteiligten Schauspielern. Besonders gefallen hat mir übrigens Anne Pilz, die karriereorientierte Angestellte der „Vento Direct“ aus Hannover. Auch das: rein subjektiv.

 

2020 14 Mrz

Precht Han Hirten

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Zwei Kobolde begleiten mich stets, flüstern mir zuverlässig ins Ohr. Auf meiner schmalen rechten Schulter sitzt leicht zusammengekauert Frank Asperger, schüchtern und seriös, rausgeputzt in feinem Zwirn. Auf der etwas breiteren, linken sitzt ein namenloser Frechdachs mit Tourette-Syndrom. Nun ist das Koboldhafte sowenig allein mein Brevier, wie es die multiplen Persönlichkeiten sind oder die polymorph perversen Spielarten (Kraft-Ebbing hätte seine helle Freude angesichts dessen, was sich auf den digitalen Pornoseiten offenbart und jeden restriktiv scheinheiligen Saubermann gründlichst blamiert). Was auch so manchem Manafonisten vertraut vorkommen mag, fand literarische Bezüge schon bei Pessoa oder Musil (a man without qualities) und auch in der aktuelleren Frage: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Womit wir wiedermal bei Richard David Precht wären. „Enttäuschung, Laberkopf, Alleserklärer!“ krächzt das leibhaftige Tourette-Syndrom an meiner Seite. Ganz ruhig, gemahne ich, wir möchten uns zunächst ein Bild verschaffen. „Sinnlose Zukunftsträume, unrealistisches Grundeinkommen!“ geht es vorlaut weiter. Ich verpasse dem Frechdachs eine Valium, damit ich und mein Herr Asperger uns konzentrieren können – meine Güte, wir sind doch nicht im Kindergarten! Also, der Reihe nach: eigentlich nämlich sind die medial-öffentlichen Auftritte und Äusserungen des genannten Bestseller-Philosophen sehr angenehm, da sie wichtige Zeitgeist-Themen präzise und wortgewand auf den Punkt bringen, gleich ob es um „Digitalisierung“ geht, um das Bedingungslose Grundeinkommen, den problematischen Fleischkonsum oder anderes. So lockte mich sein aktuelles Buch nun: Jäger, Hirten, Kritiker. Unbestritten sind auch hier wichtige Aspekte und gute Gedanken aneinander gereiht. Im üppigen Literaturverzeichnis suche ich nach Byung-Chul Han, finde ihn dort nicht. Nanu? Etwas trotzig nehme ich dessen Buch Im Schwarm aus dem Regal, das ebenso kritische Aspekte der Digitalisierung betrachtet, stilistisch aber geradezu kontrapunktisch angelegt ist verglichen mit Prechts utopischer Gedanken-Schau. Sieh an! Gleich einem Chirurgen ist Hans Vorgehen punktgenau, präzise und minimal-invasiv. Solche extrem kurz gefassten Sätze bilden ein Novum in der Szene und sind ein Affront gegen allseits bekannte raunende Jargons oder ausufernde Weitschweifigkeiten. Mir gefallen ja jene Bücher, die dem Leser Raum lassen für eigene Gedanken und Schlussfolgerungen. Precht hingegen ist Pädagoge. Im passenden Setting, im Klassenraum etwa oder in der abendlichen Talk-Show mag das seine Berechtigung haben. Freikarten fürs Hirn bietet aber eher Han. Wie auf dem Rummel („Ischa Freimarkt!“) heisst es dann: noch einmal in die Achterbahn, es war so schön. Hier macht sogar die Wiederholung Spass, Monotonie bleibt aussen vor, weil eigene Gedankenspiele und die Einbildungskraft kaleidoskopisch mitschwingen. Deshalb, auf Reisen oder im Wartezimmer einer Arztpraxis habe ich stets meinen Han dabei, denn es ist gut zu wissen: nur ein, zwei Sätze lesen und schwupps driftet man ins Eigene ab. „Kein roter Faden!“ Auf meiner linken Schulter regt sich was, das Valium lässt nach, vertrautes Blöken macht sich breit. „Blödmann, Blogger, Laberkopf.“ Ich werde das Notierte trotzdem posten, mich nicht beirren lassen. Frank Asperger stimmt zögernd zu. Auch er kennt seine Gründe.

Nachdem Hartmut Hintersacher nun endlich die vom Kulturamt vorgeschriebene Anzahl guter Bücher gelesen hatte, wobei es ja starke innerparteiliche Diskussionen gab, welche genau das seien, stellte er den Antrag auf Zuweisung einer Netflix-Serie. Nachdem das bedingungslose Grundeinkommen im Jahre 2024 endlich eingeführt worden war und den Entwicklungen der digitalen Arbeitswelt Rechnung trug, ging mit diesem Einkommen auch die Berechtigung zur grenzenlosen Teilnahme am Kulturbetrieb einher. Ein jeder Bürger der neuen Ordnung musste sich aber verpflichten, eine bestimmte Anzahl an Romanen oder Sachbüchern zu lesen, nicht zuletzt auch einer neurophysiologischen Prophylaxe wegen, denn es hatte sich gezeigt, dass ohne diese Praxis Areale des Gehirns schlichtweg verkümmerten. Der Einstieg zurück zur Literatur fiel Hartmut zunächst schwerer als gedacht, denn sowohl das Alter als auch eine dramatisch nachlassende Einbildungskraft taten ihr Übriges. Dies zählte zur Vielzahl toxischer Nebenwirkungen der Digitalität, für die noch keine hinreichende Verpackungsbeilage jemals geschrieben wurde, allenfalls annähernde Versuche stattfanden. Vor Jahren schrieb einmal Frank Schirrmacher sein Payback, lange vorher schon mahnte Dietmar Kamper ein „Verschwinden des Körpers“, und ein Herr Precht formulierte in Jäger, Hirten, Kritiker die Problemlage ganz prächtig. So folgten unausweichlich grosse Umwälzungen, in einer Welt, in der die Arbeit grösstenteils von Robotern geleistet wurde. Hartmut Hintersacher hatte nun die Erlaubnis bekommen vom Komitee zur Vermeidung sinnlos verglotzter Lebenszeit, nun doch endlich auch mal wieder eine Fernsehserie zu schauen und die Wahl fiel, hilfreichen Hinweisen folgend, auf eine Perle aus dem Jahre 2019 mit dem Titel Giri / Haji, immer noch nachhaltig sehenswert. Hintersacher rieb sich die verträumten Augen, nahm die Schlafmütze vom Kopf und schnäuzte sich damit die verschnupfte Nase. Warum nur, stellte er erneut fest, spielte sowas stets in einer völlig anderen Liga als die nationale Fernsehkost daheim? Das war ja wie ein Wechsel von Schwarzweiss zu Farbe, damals in der Urzeit medialer Technik! Überhaupt gehörte er ja noch einer Generation an, in der man sich beim Gehen nicht das Smartphone vor die Nase hielt und auch im Supermarkt an der Kasse nicht lauthals in das Handy rief, ob noch Eier fehlten und zuhause auch ausreichend Wurst im Kühlschrank war. Nun gut, es gab genügend Grund, sich aufzuregen, aber eben auch den Stoff, aus dem die Träume sind. Da Hartmut inzwischen serienmässig hochgebildet war, auch an der Abendschule schon einige Kurse besucht hatte für fachgerechte Rezensionen, die von Bloggern aller Klassen sehr beliebt waren, kamen ihm natürlich schnell Vergleiche in den Sinn. Fargo etwa oder das einst so bahnbrechende  Breaking Bad. Der in Giri / Haji zwischen Brüdern gesprochene Satz „We aren´t bad people, we only did bad things!“ – klar, der kam auch schon in Bloodline vor, jener Geschichte, die auf den Florida Keys spielte und auch von auf Abwegen wandelnden Geschwistern erzählte. Worum ging es? Zwei Brüder, der eine Cop, der andere Gangster; Familiengeschichten; kleine und grosse Liebesaffairen; vorzügliche Bilder aus den hippen Städten London und Tokio, überhaupt: Japan; vielschichtige Charaktere, wie sie auch in guten Romanen vorkommen; Comic and Comedy; grafische Effekte und geniale Spielereien; Tanzeinlagen; exquisite Soundtracks – um nur Einiges zu nennen. Ja, das alles hatte Hartmut nun den Feierabend verschönert, er hatte ja trotz Grundeinkommens immer noch seinen Fulltimejob. Beim Komitee zur Vermeidung sinnlos verglotzter Lebenszeit würde er nun bald erneut einen Antrag stellen, in ein paar Wochen, nach vorgewiesener Buchlektüre. Better Call Saul 5 etwa stand auf dem Programm, auch so eine alte Kamelle, immer noch gut. Und Bücher? Ja, da gab es Vieles, das zu lesen vielversprechend war, von Botho Strauss etwa.

2020 19 Feb

knots and arrow

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2020 16 Feb

„Is there life on screen?“

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„Treelogy“

 

Shai Maestro – piano
Jorge Roeder – double bass
Ziv Ravitz – drums

 

(Shai Maestro Trio / live on screen / Bimhuis Amsterdam)

 

2020 12 Feb

Ziv Ravitz

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Schlagzeuger waren mir immer sehr wichtig. Schon damals in the early days of Rock´n Roll und folgend dann im Jazzrock war das so: Ginger Baker, Alphonse Mouzon, Billy Cobham, Harvey Mason. Eine Zeit lang hörte unsereins dann geradezu exzessiv das Peter Erskine Trio, mit Palle Daniellson am Bass und John (nicht James!) Taylor am Piano. Jack DeJohnette spielte eine grosse Rolle! Als Kind baute man sich gerne Schlagwerk auf aus Mutters leeren Waschmittel-Papptrommeln, garniert vom Küchenhocker als imaginierter Snare Drum (später dann im Spielmannszug die echte) und der Leselampe als Becken. Auf Drummer in den Jugendbands war man ebenso stolz wie auf den Fender-Bassmann an den Saiten, während man selbst dazu die Klampfe spielte, so gut es eben ging. Zurück zu rauherer Natur, genannt auch „Gegenwart“, die in ihren besten Momenten gute Konzerterlebnisse bereithält. Beim ersten Schlag gleich auf das Hi-Hat: „Hey, what´s that!“ Im Fortgang dann dieses quirlige Weather-Report-Gefühl, ein flirrender Rhythmusteppich spannt sich aus, als wenn Insektenschwärme in der Sahara sirren. Nicht nur das Ohr, auch der Verstand ist im Nu gespitzt vor Neugier. Und wiedermal taucht diese Frage auf: „Warum nur klingen manche Gruppen live um Vieles besser als auf Platte?“ Klar doch, hier geht es nicht um behutsam in Vinyl gepresste Ewigkeit, sondern um das gegenwärtige Momentum mit dem Publikum, mit Ort und Zeit. Once again the venue was the Elphi – der Anlass war ein edler: die Jubiläumstage des Labels ECM fanden statt, betitelt mit „Reflektor Manfred Eicher“. Den Abschlussakt der Programmtage bestritt das Quartett des Trompeters Avishai Cohen, mit Barak Mori am Bass, Yonathan Avishai am Flügel und eben Ziv Ravitz am Schlagzeug. Zuvor spielte im Set ein Brasilianer, solo an der zehnsaitigen Gitarre und am Piano, jeweils eine halbe Stunde, souverän und virtuos: muito obrigado, o senhor Gismonti! Die Tage darauf aber youtubte unsereins wie wild „Ziv Ravitz“, als sei dies eine Pistenabfahrt mit dem Rodelbob. Man stiess dabei auch auf Shai Maestro und so vieles mehr, die Büchse der Pandora war mal wieder offen wie ein Tamborin. Warum um alles in der Welt erreicht einen Musik denn umso intensiver, je leibhaftiger man sie erlebt? Wir ahnen es und ziehen dem Radetzky-Marsch den Ravitz-Groove bei Weitem vor.

 

2020 5 Feb

American Standard

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Suddenly a door jumps open and in comes a topic-related interest. A well known acquaintance by the name of James Taylor pays another visit in my mind. The mature October Road was a fresh surprise and like the soundtrack of some love affair. We luckily had kind of a letterman that days, Schmidt was his name and in his TV show one late night his sideman Helmut Zerlett brought the conversation to your album. He called it brilliant, with a featured drummer legend named Steve Gadd. These days again I am trying to figure out some songs of yours on my guitar, like we did often in that folky days of the last century´s Seventies. Your voice is a gem and the fingerpicking style is unique, combining folk, jazz, country and the good old rock´n roll. Looking forward listening to American Standard in a couple of days.

 

2020 26 Jan

Zwei Wittgensteine

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„Wenn man mit Leuten redet, die einen nicht wirklich verstehen, fühlt man immer das man has made a fool of oneself, wenigstens ich. Und das geschieht mir hier immer wieder.“

(LW, Public and Private Occasions)

 

„Die Schwierigkeit ist mit einem Menschen freundlich zu sprechen ohne Punkte zu berühren in denen man sich nicht verstehen kann.“

(LW, dito)

 


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