Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2021 23 Jul

Enjoyments

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Zu den derzeitigen Vergnügungen zählt es, des Abends zwischen virtuellen Welten hin und herzuswitchen. Dies spricht verschiedene Sinne an. Visuell ging die Reise zunächst nach Los Angeles, wo ich gemeinsam mit Harry Bosch Ron Carter und Art Pepper hörte und dabei den herrlichen Ausblick von seiner Wohnung hoch oben in den Hills auf die Stadt genoss. Später dann folgte ein Trip in die Ozarks, wo ich immer noch verweile. Die nach einer Hochland-Seenplatte benannte Fernsehserie in Missouri ist so grandios, dass sie den Vergleich mit Fargo, Mad Men und dergleichen locker besteht: auf Augenhöhe. Dann geht es hin und wieder auf Entdeckungsreise in akustisches Neuland, wobei das mir wesensnahe taoistische Prinzip des gleitenden Zufalls behilflich ist: so kommt es immer wieder zu Überraschungen und ich bin froh, dass ich noch nicht alles kenne. Beim Hören eines der tollen Alex Sipiagin Alben musste ich an die Verbindung von Jazz und Rock denken und an deren Wechselverhältnis. „Was hat eigentlich Joachim Kühn all die Jahre gemacht?“ In den Achtzigern erwarb ich vom knappen Studenten-Budged ein Album mit dem Song „Cold Germany“ drauf, mit Christof Lauer am Saxofon, Dieter Ilg am Bass und Gerry Brown on drums. Vormals einst zu Tonband-Zeiten genoss man sein Zusammenspiel mit Alphonse Mouson: seitdem nichts mehr von ihm gehört. Nun die Überraschung: granatenmässig sein Klavieralbum Dynamics und ebenso gut das Quartet-Album Let´s Be Generous. Der Song „Bintang“ dürfte vielleicht nicht Detektiv Harry Bosch (zu konservativ) gefallen, bestimmt aber den Klavier spielenden Manafonisten Hans-Dieter und Uli. Mich erinnerte das Stück an David Sylvians „125 Spheres“. Dann trieb das Tao-Prinzip mich abschliessend zu Brad Mehldaus The Art of the Trio Volume One – ebenso: verblüffend gut. Offen bleiben für Neues ist die Devise, der Geschmack ist rund wie ein Fussball und ändert oft die Richtung (und Spielweise), vorbei an den korrupten Seilschaften der Fifa und Uefa.

 

1  „a rainy day in bankok“  

2  „fearless“ (covered from taylor swift)

3  „mahavishnu folk“

 

 

Ein ganz normaler Tag im Paradies begann damit, dass man sich zunächst happy fühlte, weil man frühmorgens in der Zeitung las, dass just jener Impstoff, den man wählte, zuverlässig vor Delta schütze. Ein Gewitter wurde angekündigt und so schnappte man sich schnell das Fahrrad, um auch in sportlichen Belangen noch die notwendige Dosis zu erlangen. In schwül-hitziger Luft durch die Stadt radeln zählt unsereins zur Kategorie „Glückserleben“. Rast gemacht an einem meiner Lieblingsplätze, schillerte die Graffiti rundum – auf Mauer, Bänken und Häuserwänden – so subtropisch farbintensiv, dass ich wieder einmal bedauerte: „Damned, you miss the camera!“ Ich denke tatsächlich oft auf Englisch und möchte in diesem Kontext gleich mal nebenbei die siebte und finale Staffel von Bosch erwähnen. Dringend sei empfohlen, sie keinesfalls mit deutschen, sondern mit englischen Untertiteln zu geniessen, ansonsten versteht man weder Wort noch Sinn – dann aber wird es grandios. Weiter im Text: der Tatbestand der vergessenen Kamera liess mich dann auch gleich erneut über das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit nachsinnen, wie es ja schon Dietmar Kamper oft thematisierte: „Ohne Körper geht es nicht“. Wobei zum Körpererleben ich auch das Atmosphärische zähle: auch dieses lässt sich nur bedingt durch Bilder repräsentieren. Das mag auch ein Grund sein, noch die beste Fernsehserie skeptisch zu betrachten, weil es eben nicht die Wirklichkeit ist. Wieder zuhause, fing es an zu regnen, und ich fand den Mut, mein musikalisches Equipment anzuschliessen. Das ist immer ein zeitfressendes Wagnis, denn, wie Peter Sloterdijk treffend feststellte: „Musik ist dämonisches Gebiet.“ So und nicht anders kann ich es erklären, wenn man nach sechs Stunden am Stück immer noch nicht aufhören will. Gut, Ben Monder übte bis zu sechzehn Stunden, so die Sage. Jedesmal aber fallen mir zwei Dinge auf. Das Erlebnis des Spielens ist wesentlich intensiver als dessen Repräsentation, will sagen: die Aufnahme. Hinzu kommt das Reinhören, Aussortieren, Reflektieren. Zum anderen wird einem bewusst, wie wichtig doch die Gabe wäre, Details in Noten festzuhalten, um Struktur zu bilden. Mir fällt jedenfalls auf, dass die meisten Jazzmusiker, zumindest stellenweise, aufs Notenblatt fixiert sind, wenn sie spielen. Nun war es wieder Abend geworden nach gefühlten dreissig Minuten und tatsächlich vergangenen sechs Stunden. Eigentlich geplante Aktivitäten wurden auf den nächsten Tag verschoben. Bei einem zufällig entdeckten Vortrag über Schopenhauer fühlte man sich spät noch gut aufgehoben: nach dem homegrown folgte tröstlich ein homecoming. Wieder einmal bot die Philosophie ein unerlässliches Gegengewicht.

 

 


 
 

Wenn der Postmann dreimal klingelt und niemand öffnet: hat sich da womöglich wieder ein Genießer jüngst zu Tode amüsiert? Allen Unkenrufe zum Trotz und auch gegen jede Sündentheorie: die durch Digitalisierung möglich gemachten Streaming-Angebote können auf kreative Weise neue Perspektiven eröffnen. Reizvoll auch, wenn der Algorithmus ins Spiel kommt und Lieder oder Alben in den Fokus des Interesses rückt, als sei es zufällig angetriebenes Strandgut. So werden wohl all jene, die sich diesem Angebot langfristig verweigern, dereinst das Schicksal teilen mit jenen Bedenkenträgern, die auch Elektrizität und Telefon, Computer und Pferdekutschen, die Eisenbahn oder den Kühlschrank als Teufelswerk abtaten. Unsereinem dämmert es jetzt langsam, welche grosse Vielfalt zur Verfügung steht: Vergleiche mit dem Schlaraffenland sind angebracht. Eingebettet in das allabendliche Ritual konzentrierten Albumhörens, das dem Postulat untersteht, Neuland zu entdecken und dem ureigenen Interesse auf die Schliche zu kommen, das sich nicht manipulieren lässt, wanderte man jüngst am akustischen Strand entlang. Hier half, was schon beim Fernsehgucken auffiel: sobald die Aufmerksamkeit abschweifte, schaltete man das Gerät ab oder drückte auf Pause und machte sich einen Tee. Vor allem in der Landschaft sogenannter Edelserien einfach so drüberhuschen, als sei es Hintergrundmusik im Supermarkt, dafür ist dann Vieles doch zu schade. Auch der Klischee-Detektor funktioniert: Ermüdungen, dem leisen Aufklingen einer Grippe ähnlich, werden strikt umgangen. Andersrum aber das Gegenteil: Brennglasschärfe statt Kaffeesatz, Kraftjazz statt molligem Matt. Ein zeitgemäss transparentes Klangbild, sparsam mit Hall, ist wünschenswert. In diesem Sinne hörte man Musik vom Portico Quartet, von den Bassisten Dave Holland und Linda May Han Oh mit Vergnügen. Auch der russische Trompeter Alex Sipiagin konnte begeistern mit seinen hervorragenden Begleitungen, zu denen neben Holland Saxofonist Chris Potter ebenso gehört wie der Schlagzeuger Eric Harland, ferner die Pianisten John Escreet und Gonzalo Rubalcaba. Mehrstimmige Bläserpower am Rande eines Bigbandsounds, „Hallo wach!“ ist die Devise. Überhaupt dieser Potter, den weiss man immer mehr zu schätzen: kraftvoll vitales, präzises Spiel, mit ultracoolen Phrasierungen. Dass der mit Steely Dan kooperierte, verwundert nicht.

2021 7 Jun

Strandgut

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Lange bevor Hartmut Rosa sein Buch Unverfügbarkeit auf den Markt brachte (das übrigens ausgezeichnet ist – danke, Lajla), kannte ich den Begriff schon von dem französischen Philosophen Alain Badiou und seinem bonmot vom „unverfügbaren Wahrheitsereignis“ (danke, Slavoj Zizek). Daran musste ich neulich denken, als ich nach langer Album-Abstinenz und tiefer Hingabe an Gitarren-Workouts von Songs der Taylor Swift bei einer Entspannungsübung aufgrund einer lädierten Halswirbelsäule endlich mal zur Plattform Deezer griff. Auf dem Rücken liegend wie Kafkas Käfer versuchte ich, der zervikalen Symptomatik Herr zu werden. Die Rückenlage hat sich musiktechnisch seit langem bewährt, ich höre dadurch intensiver. Der Algorithmus ist ja kein Analphabet und so spülte er mir wundersam das Passende an Land: Terrain vom Portico Quartet. Genial, wie die hohen Töne mit meinem Tinnitus ein Konzert eingingen und ein Hörerlebnis brachten, dass nicht nur der Musik wegen grandios war. In einem Zuge durchgehört, nicht die Spur von Langeweile oder Gewohnheit, wollte ich gleich mehr vom Guten. Das besagte berechnende Zufallsprinzip bot mir Another Land vom Dave Holland Trio an. Es ging aus höchsten Höhen hinab zu einem satten, wuchtigen und völlig zeitgemässen Bassspiel (sag mal, wie alt ist der Typ eigentlich, sowas von frisch). Zunächst nahm ich den Gitarristen gar nicht wahr, sehr zurückgenommen, erkannte dann aber schnell Kevin Eubanks, dessen Präsenz auf dem Holland-Album Extensions wir einst feierten. Eubanks hat mich auch beeinflusst, weil er sehr funky spielt und die Saiten zupft. Anklänge an Walter Becker, John Abercrombie und Marc Ducret sind bei ihm zu finden. „Das ist ja Jimi Hendrix goes Funk, Jazz and Fusion!“ So war mein Gedanke, den ich am nächsten Tag in einer Rezension auch genauso wiederfand. Da dachte ich an Kant und seine Urteilskraft. Womit der Kreis sich schliesst, wir wieder bei den Philosophen wären.

 

<span style="color: #779191;">Aus dem Zyklus "Der Hannoveraner liebt seine Stadt" © JS 2021</span>

 

2021 22 Mai

Viel Glyk!

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Gestern zog es mich von dannen. „Immersion“ ist das Stichwort, sie hat viele Facetten und kann beispielsweise durch hochauflösendes, grossformatiges Fernsehen indiziert sein: man wähnt sich mitten im Geschehen. Kombiniert mit akustischem High-End ist ein grandioses Konzerterlebnis selbst im hauseigenen Wohnzimmer garantiert. Manche nennen das „Electric Cinema“. Aber noch zwei weitere Elemente kommen hinzu: Unverfügbarkeit, die besagt, dass Interesse und Appetit sich nicht von aussen steuern lassen, sondern selbstbestimmt sind und authentisch. „Was weiss denn ich schon, was ich will und mag? Der Zufall wird es zeigen!“ Manchmal beginnt dann eine regelrechte Abfahrt, wer mal Skifahren war, etwa die Piste hinab in den Schweizer Alpen, der weiss, wovon die Rede ist. Per Algorithmus wird mir Kinga Glyk bekannt gemacht, die Hasenohren stellen sich hoch auf. Das Konzert vom 36. Kemtener Jazzfrühling weckt Assoziationen. Zum einen ist es eine Wonne, dieses virtuose Bassspiel, an Jaco und andere erinnernd, zu hören. Aber auch diese, man muss es einfach sagen: hochattraktive Erscheinung. Und dann eben auch das, was ich full body performance nenne: wenn Musik, Instrument und Musiker eine Einheit eingehen, die an Tanz erinnert. Solches zu sehen, in dieser Frische, wirkt wie heilsame Musiktherapie. Unweigerlich greift man hernach selbst zum Instrument, ist angestachelt. Soll mir ein Musiker sagen, er würde nicht zuweilen scharf gemacht durch andere. Die Intimität und Perfektion von Kinga und ihren Mannen (der Bruder sitzt am Mischpult) lässt einen fast wünschen, Corona möge bleiben. Musikalische Anklänge bot das Konzert auch an Hellmut Hattler (Kraan) und Nik Bärtsch (Ronin). Der Gruppensound bildete die verwobene Grundierung, auf die der Bass seine bezaubernden Linien zeichnete.

 

2021 18 Mai

Tagesnotiz

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„Die Zeit“ verreisst ein Netflix-Produkt, das von der Fernsehzeitschift meines Vertrauens namens Gong, in vertrauten Kreisen auch „Misses Gong“ genannt, mit sechs Würfelaugen hochgejazzt wird. The Woman in the Window heisst der besagte, aktuelle Film. In diesem Fall vertrauen wir der Einschätzung aus der Hanseatenstadt, sind eh nicht bei Netflix gemeldet zur Zeit, weil der neue Fernseher mit eingebautem „Meskalin-Effekt“ die Pforten der Wahrnehmung geöffnet hat und jeglichen noch so banalen Inhalt wie Lucy in the Sky with Diamonds rüberbringt, vorzugsweise aber Nachrichten, Weltbilder, Kulturbeiträge und sogar Naturfilme zum Hochgenuss macht. Es stellt sich Entspanntheit ein, Detailzauber und das herrliche Gefühl: alles ist gut (mal abgesehen davon, dass die Krisen in Nahost und anderswo ja gar nicht gut sind und bestätigen, was ich heute morgen bei einem Düsseldorfer Denker namens Rudolf Heinz las: dass der Kern des Menschseins Feindschaft sei, und die geballte Ansammlung arabischer Judenhasser hierzulande sah unsereins ja auch vor Jahren schon kritisch, Regierungskreise scheinen hier mal wieder recht blauäugig, those sleepwalkers sleepwalking). Zurück zu Amy Adams und The Woman in the Window: schade, wäre schön gewesen, ihre Schauspielkunst mal wieder zu bewundern. Sharp Objekts jedenfalls bleibt in Erinnerung, da gäbe ich sogar die volle Sechs, Misses Gong!

 

2021 9 Mai

Am Tag danach

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Der Film Beuys von Andres Veiel wirkt noch nach, Gedanken daran kreisten während des morgendlichen Fensterputzens ebenso wie nachmittags beim Radfahren beziehungsweise erschöpften Niedersinken im Gras mit Blick auf eine Birkenkrone im starken Wind. Rücklings im moosdurchsetzten Grün alle Viere von sich streckend: wie wundersam der Sommer doch die Wahrnehmung verändert! Auch Zeit modifiziert sie, die Linse temporären Abstands verstärkt Nähe und Tiefenschärfe. Wie viele biografische Berührungspunkte es doch gab mit jenem Anglerjackenträger aus Kleve. Die Klassenfahrt nach Kassel, die Honigpumpe am Arbeitsplatz, der Künstler relaxt am Nebentisch, klingt sich wohl gerade aus bei einer Zigarette. Fulltime Job, Roger Rabbit, Veränderung als Auftrag, mitten in der Welt. Das auch zeigt der Film: was waren das doch für Nachkriegs-Banausen gewesen, so einem Genie den Nimbus eines Störenfrieds anzukreiden. Und dies: wie sich die Welt doch seitdem gewandelt hat, auch durch das Internet. Herrliche Szene: der junge, langhaarige und vollbärtige Hippie-Broder nimmt den Hasenfreund scharfzüngig aufs Korn. Gut gemacht sind die Kontraste aus historischem Schwarzweiss und hochdefinierten Farbaufnahmen von zwei Wegbegleitern: einer Britin und von Grinten, der mir ein Begriff war. Das Entscheidende aber: Beuys kommt einem in dem Film sehr nahe, er wirkt menschlich, warmherzig, als Menschenfreund. Und lange vor Piketty und besser als die Grünen hatte er es wie einst Marx geblickt: das Kapital ist das Problem. Noch etwas sehr Wichtiges: der Soundtrack des Films erinnert teilweise an Musik von David Sylvian. „Plight“ ist ja auch ein Werk von Beuys, was ich nicht wusste. Auch Bilder von Tarkowski werden evoziert. Die vielleicht subtilste Anmutung: lass dich nicht Blödmachen vom vorherrschend hysterischen Faktizitäts-Getue dieser Tage, vielmehr bleib treu deiner inneren Mongolei! Meine Nachbarin ist Tatarin, ein gutes Zeichen.

 

2021 24 Apr

Evidenz-Palaver

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Die Illusionen der Anderen von Robert Pfaller ist ein Buch, das mich nachhaltig beeinflusst hat. Viele Aspekte des Lebens werden dort geradezu schlitzohrig auseinandergenommen und beleuchtet, vom Aberglauben bis hin zu neurotischen Fehlformen des Glückerlebens. Das „delegierte Geniessen“ beispielsweise: man zeichnet etwa einen Film auf und archiviert ihn oder empfiehlt ihn einem Freund, um ihn sich nicht selbst anschauen zu müssen. Jaques Lacan und viele andere standen hier beratend zur Seite, wovon die Quellenverweise zeugen. Neulich holte ich mir Pfallers aktuelles Buch Die blitzenden Waffen – Über die Macht der Form und begann darin zu lesen. Die Morgensonne warf dabei ihr Licht durch die Jalousien, wie ich das so gerne mag. Es stellte sich sogleich jener Effekt aufflammenden Interesses ein, der mit der zentralen Fragestellung dieses Buches korrelierte: „Wann ist etwas evident, wann überzeugt es uns, nimmt uns mit?“ Diese Frage stelle ich mir ja so oft auch beim Antesten neuer Fernsehserien, und eine gute Kritik garantiert ja noch lange kein Aufblitzen beim subjektiven Betrachter. Wie unsereins neulich beim Verwerfen des oskarprämierten Films Parasite zur Halbzeitpause erlebte: drop it like Beckham. Anders hingegen gestern, spätabends: The Vast of the Night. Nächtliche Dunkelheit und im Geiste gleich taghell. War da nicht mal ein Manafonistas-Tipp gewesen? Anyhow, dass mir bei Robert Pfallers Buch gleich wieder Robert M. Pirsig in den Sinn kam, man möge es mir diesmal noch verzeihen. Es brach dann aber jäh ab, das Interesse, und unsereins dachte wiedermal wehmütig an Zeiten zurück, in denen tiefe und tiefsinnige Lektüre über Stunden möglich war. Nun eben lese ich in der TAZ ein Interview mit Hartmut Rosa, der genau das auf den Punkt bringt, warum uns heute, trotz Corona-Lockdowns, die sogenannten „guten Bücher“ nicht mehr antörnen. Es sei nicht nur eine äussere Rastlosigkeit, sondern auch eine innere: die Muße fehle. Exaktement, das finden wir auch. Vor zwanzig, dreissig Jahren noch, da hatte man alle Zeit der Welt. Doch heute Schiller, Goethe, Nabokov und Kundera lesen? Ich bitte Sie! Postscriptum noch zum Evidenzerleben im Augenblick: ländliches Stadtrandgebiet, kontemplative Rast auf einer Bank, spielende Kinder, Mütter mit E-Bikes, Hühnergegacker vom Hof, strahlender Sonnenschein, freundlich grüssende Menschen und konzertierend dazu der Gedanke „It´s Baerbocktime, aber sowas von!“ – es auferstehe das Matriarchat. Und tschüss, die Herren mit den schwarzen Koffern.

 

 
 

Es leuchtete ein schwarzes Licht. Schwebend leicht und unbeschwert kam eine Musik daher, aus deren Umfeld namens Tunng man vorher noch nicht einen Ton vernommen hatte, die also gänzlich unbekannt war, sodass man staunend innehielt: Ausweitung der Klangzone. Man setzte den Kopfhörer auf, nachdem die CD zunächst erstmal aus dem Briefkasten befreit wurde, dann aber auch von der Cellophanfolie und dem farblich schönen Karton. Endlich dann legte man sie in den Player, zur allabendlich ritualisierten Hörstunde in der Dämmerung, und liess sich überraschen. Vermutete man im schwarzen Raben auf dem Cover eine Reinkarnation von Aleister Crowley und assoziierte daher Black Light von Diagrams mit den Enneagrammen der gurdjeffschen Tiefen-Psychologie, so stellte man erleichtert fest: die Musik war völlig frei von Schwarzmagie und Esoterik. Sie kam eher fröhlich und sehr säkular daher. Von Alltäglichem wurde gesungen: „In the morning light, I was baking bread in the afterglow, of a long night spent …“, so klang es im Ohr mit angenehmer Gesangsstimme, klang mal wie Roxy Music, dann wie Kraftwerk (im Song „Tall Buildings“), wie die Folk-Rockband Amerika (auf „Night All Night“) oder wie die Gruppe Prefab Sprout. Feingewebt war der Gesamtklang. Lyrics und Gitarre waren wohl zuerst dagewesen, in bester Singer/Songwriter-Manier, dann fügten sich elektronische und hybrid-musikalische Sounds ein, ohne das Ganze zu überladen: das genau ist ja die Kunst. So wunderte man sich: nach kurzweiligen knapp vierzig Minuten war die Schallplatte schon durchgelaufen. Man drehte sie um und spielte sie erneut. Moment mal, wieso denn jetzt Vinyl – das war doch eben noch eine CD gewesen? Ein kalter Schauer lief über den Rücken: also doch Crowleys Schwarzmagie!

 


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