Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 31 Jan

Keys For Nothing

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 6 Kommentare

Als ich nach meinem Abitur endlich aus der elterlichen Wohnung auszog, war es eine Zeit der Wohnungsnot. Mein Budget war begrenzt und mir wurde wieder eine Art Sozialauslese durch finanzielle Mittel bewusst. K, die ich aus der Schule kannte, hatte über irgend jemanden ein günstiges Zimmer in einem Hinterhaus in der Mitte Heidelbergs bezogen, direkt gegenüber der Heiliggeistkirche. Es wurde ein Zimmer im unteren Stock frei, und ich zog ein. Der Vermieter pflegte in Zeiten, die vor jeder Genderdebatte lagen, die Philosophie, die Zimmer in seinem Haus nur an Frauen zu vermieten. Da war eine dunkle Bar, aus der Kerzenständer aus Messing leuchteten, da gab es das Hotel Ritter, und dazwischen lag der lange Gang, der in einen kleinen Hinterhof führte und dann zur Treppe in unser Haus. Nichts war abgeschlossen. Jeder neugierige Tourist hätte sich an meine Zimmertür verirren können. Wir stellten unsere Fahrräder in den Innenhof, und in den Mülltonnen entdeckte ich einmal eine Ausgabe der Kosmopolitan, nahm sie mit in mein Zimmer und ließ mich von einer schlüpfrigen Story mitreißen. Ich dachte, jetzt müsste ich die richtigen Entscheidungen treffen, es müssten die richtigen Zufälle passieren, und mein eigentliches Leben könnte beginnen. Einmal entdeckte ich im Germanistischen Seminar das Buch „Becoming a Writer“ von Dorothea Brande, aber jemand musste es falsch abgelegt haben, ich fand es nicht wieder und verlor jeden Faden. Die Treppe in unser Haus war aus Holz, sie knarrte bei jedem Schritt. Ich hatte mir ein aufregendes Leben mit K erhofft, aber sie traf sich mit einem Schauspieler, der mehr als dreimal so alt war wie sie und der, wenn wir doch einmal zu dritt ausgingen, sich darüber lustig machte, dass ich gerade solo war. Ks Zimmer roch nach einer Mischung aus Schwarztee und Schokolade und ich wünschte, mein Zimmer würde auch so riechen. Die Fenster waren einfach verglast, hier habe ich die schönsten Eisblumen gesehen, in diesem einen Winter. Die Glocken der Kirche schlugen so regelmäßig, dass ich mir immer wieder überlegte, was ich in der eben vergangenen Viertelstunde getan hatte. Das Zimmer war winzig, das Haus war so schlecht isoliert, dass ich jeden Schritt der Studentin über mir hörte und es schien mir, sie lief den ganzen Tag in ihren bunten Socken auf einem schäbigen Teppich in ihrem Zimmer hin und her. K und ich nannten sie unter uns den Tiger. Mein Zimmer war so wenig repräsentativ, dass einer meiner Nachhilfeschüler, der zwanzig Kilometer zu einer Nachhilfestunde angereist kam, vor Entsetzen nie wieder das Haus betrat. Als ich einzog, hing an der Wand neben dem Schreibtisch eine kleine goldenfarbene Uhr an einer Kette. Sie funktionierte noch und die Art, wie sie da mit ihrer Kette schwungvoll drapiert war, gefiel mir. Auf dem Fußboden hatte die vorherige Bewohnerin eine kleine Schachtel aus mittelbraunem Holz liegen gelassen, mit einer schlichten Gravur auf dem Deckel. Die Schachtel behielt ich, auch als ich ein paar Monate später auszog. Ich sammelte kleine Schlüssel darin, Schlüssel für Fahrräder, für Fahrradkörbe, später den Schlüssel für meinen PC, den Schlüssel für ein Schloss, das ich für einen Spind in die Uni mitnahm. Irgendwann lagen darin nur noch Schlüssel für Schlösser, die ich längst aufgegeben hatte und die es nicht mehr gab.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 31. Januar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

6 Kommentare

  1. Lajla Nizinski:

    Das ist ja wie ein kleiner Reiseführer. Ich bin den Angaben immer hinterhergelaufen.

  2. Martina Weber:

    Oh, da fehlt noch einiges, Lajla. Ich würde dir das Haus gern zeigen. Wir hatten keine Küche und in einer Nische stand ein Kühlschrank, der wahrscheinlich aus den 50er Jahren war, es gab ein Gemeinschaftstelefon, ein Lichtschacht im Haus, der bis zum Boden reichte und den keine betreten wollte, weil es hieß, es liefen dort Ratten herum. Ganz oben gab es eine provisorisch eingebaute Dusche, über die sich alle beklagten, die ich aber sehr schätzte, denn wir hatten zuhause nur eine Badewanne. Ein Highlight des Hauses war das Dach. Es war verboten es zu betreten. Ich setzte mich manchmal einfach dahin, mit meinem Walkman, und betrachtete die Blätter der Laubbäume des Odenwaldes, wie sie sich verfärbten und hinabfielen, bis ich den nackten Waldboden sah.

  3. Hans-Dieter Klinger:

    das ist eine von deinen Geschichten, die mir gefallen, die ich nicht nur einmal lese.
    mir gefällt das (scheinbar) Unzusammenhängende.
     
    Fahrräder
    Kosmopolitan
    richtige Entscheidungen
    knarrende Treppe
    aufregendes Leben
    Schwarztee
    Eisblumen
    Glocken
    Tiger
    Nachhilfeschüler
    goldenfarbene Uhr
    Schlüssel für Schlösser

     
    ich verlor jeden Faden – und das war schön

  4. Michael Engelbrecht:

    300 Seiten in diesem Sound, und es wäre ein Roman.

  5. Jan Reetze:

    Das war nicht zufällig in der Rohrbacher und der Hausmeister hieß Spielvogel?

  6. Martina Weber:

    Hauptstraße. Ohne Hausmeister.

    Ein Roman? Ich versuche zurzeit erstmal, längere Texte zu schreiben und arbeite mit einem der wunderbarsten, warmherzigsten und energiespendendsen Büchern über das Schreiben, die ich je gelesen habe. Das ist aber ein eigenes Posting. Folgt, sobald ich das Buch durch habe. Ich genieße es Kapitel für Kapitel.


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