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Archives: Freitag, 13. Januar 2017

Nun, als allererstes nahm ich den Lungenfunktionstest in Angriff. Das war vor drei Tagen. Zu Beginn der atypischen Lungenentzündung kurz vor Weihnachten hatte ich ja ein Lungenvolumen von 50 Prozent, bekam zwar genug Luft, aber bei so einem Wert musste ich erst mal schlucken. Als es mir wieder deutlich besser ging, kletterte der Wert bei der Nachuntersuchung zu Jahresbeginn zwar auf 73 Prozent, was immer noch sieben Zahlen unter „okay“ bedeutet, aber, so sagte man mir, 5 Prozent könnten sich wohl noch hinzugesellen. Der CRP-Wert für Entzündungen betrug  beim Höhepunkt der Erkrankung unlustige 265, was einen ziemlich dramatischen Wert abgibt.

Nun also, vor drei Tagen, gab ich meinen Auftritt als Bläser bei meinem Hausarzt in Dortmund. Als ich auf Anweisung der Assistentin mit aller Macht ausblasen sollte (nachdem ich ganz tief eingeatmet hatte), gab ich alles und krümmte mich unwillkürlich dabei wie ein Trompeter in Exstase. Daran war zwar guter, ja, bester Wille abzulesen, aber das Resultat unleserlich. Ich durfte  den Versuch wiederholen, ohne Körperverrenkungen jedweder Art. Ich weiss, diese Zeilen sind nur unwesentlich spannender als das Belauschen eines Gesprächs über Nierensteine beim Arzt Ihres Vertrauens. Aber die Pointen kommen noch.

Mein Lungenvolumen war bei 115 Prozent, und auch wenn man für mein Doping mit Berodual ein bisschen was abziehen kann, ist das Volumen wieder richtig gut. Dermassen fröhlich gestimmt, fuhr ich von einem Randbezirk meiner alten Stadt in die City, und kaufte zwei belegte Brötchen. Ich ging zu Starbucks, in den BVB-Fanshop, und als ich zu meinem Auto zurückkehrte, war es gestohlen.

Man denkt ja erst, man habe einen Blackout und es woanders abgestellt, aber schnell war die Gewissheit da (drei Minuten zum Realisieren trauriger Wahrheiten), dass es, Glück im Unglück, zumindest nur abgeschleppt worden war. Ich hatte schlicht übersehen, dass ich, abgelenkt vom guten Ausgang meiner „Trompetennummer“, auf einem Behindertenparkplatz stand. An der Abholstelle durfte ich 110 Euro hinblättern, um meinen Toyota auszulösen.

Auf dem Weg in meine neue Stadt war ich nicht mehr weit  vor der letzten Ausfahrt, als ich ein vor mir schleichendes Auto überholen wollte. Ich setzte den Blinker und fuhr auf die Überholspur. Von weit hinten kam ein schwarzer Kastenwagen angeschossen, mit ungefähr 240 km/h, wie ich im nachhinein vermutete. Das Problem war, er machte keine Anstalten, vom Tempo runterzugehen, was ich realisierte, als er mir bedrohlich nahe kam. Andere reissen da das Steuer herum und produzieren einen Unfall. Dieser Andere hätte auch ich sein können, ich habe ja nie einen Schleuderkurs gemacht.

Mein „Schutzengel“ übernahm, und in seltsamer Ruhe brach ich den Überholvorgang ab, reihte mich hinter dem Schleicher ein, während der schwarze Kasten Sekundenbruchteile „später“ an mir vorüberschoss. Ich hatte ein Flashback an die Geschichte mit dem LKW-Fahrer vor zwei Jahren, ich hatte ihm in Notwehr das Nasenbein gebrochen mit der Seitentür des Toyotas,  und setzte sofort, etwas sinnbefreit, zur Verfolgung an. Ich werde in solchen Augenblicken wirklich unlustig. Ich winkte das Auto an den Rand (er fuhr tatsächlich nur noch 120 km/h), und sah, wie eine Frau auf dem Beifahrersitz massiv auf den Fahrer einredete, mit wütender Gestikulation, und sie meinte nicht mich. Der Psycho reagiere nicht auf meine Zeichen, und ich bog ab, war selber überrascht,  dass ich hinterher keine Anzeichen eines kleinen Schocks hatte.

Zwei Tage darauf ergab das grosse Blutbild, dass mein vor Wochen so entspannt in die Höhe geschnellter Entzündungswert auf traumhafte 0,06 gefallen war, und der Blick auf das restliche Zahlenbild produzierte pure Heiterkeit, all unseren endlos gezählten Tagen zum Trotz. Alles war gut. Und von da an, nachdem ich die Soloparty für  einen Nachmittag mit „Donnie Darko“ als „special guest“ auf der grossen Leinwand für beendet erklärte, ging es erst richtig los.

2017 13 Jan.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (128)

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György Márta Kurtág: „In memoriam Haydée – Játékok, Games and Transriptions“

 

Vor knapp zwei Jahren, im Februar 2015, veröffentlichte ECM News Series einen Filmmitschnitt eines Pariser Konzerts von György Kurtág und seiner Frau Márta: „In memoriam Haydée – Játékok, Games and Transriptions“ (ein Film von Isabelle Soulards). Erst kürzlich habe ich diese DVD entdeckt und bin einfach hin und weg, was für ein Konzert, was für eine wunderbare Musik. Gewidmet ist dieser Film Haydée Charbagi (1979-2008), einer Musikwissenschaftlerin, die mit den Kurtágs befreundet war. Das Konzert fand am 22. September 2012 in der Cité de la Musique/Paris statt. Die Musik, die sie teils zusammen, teils jeweils allein vortragen, überrascht mich nicht. Mich erinnert ihr Programm an Grete Sultan (Plattenschrank 32), die große jüdische Pianistin, die von Deutschland in die USA emigrieren musste, um zu überleben und sich dort mit John Cage anfreundete. Für sie war es normal und überhaupt nicht ungewöhnlich, das Nebeneinander von Werken aus Barock, Klassik, Romantik und zeitgenössischer Klavierliteratur (z.B.John Cage). So spielen eben auch die Kurtágs eigene zeitgenössische Werke – hier sind es Stücke aus der Játékok-Sammlung – und Bach-Transkriptionen. 1997 veröffentlichten die beiden Kurtágs schon einmal eine CD bei ECM unter dem Titel Játékok, auch hier spielten Marta und György Kurtág eigene Werke und eben J.S.Bach. Kürzlich las ich, dass `Játékok´ das ungarische Wort für `Spiele´ oder `Spielsachen´ sei, so nennt Kurtág seine stetig wachsende Sammlung kurzer spielerischer Stücke. Musik, bei der es ständig etwas zu entdecken gibt, voller Überraschungen.

 

 
 
 

 
 
 
Drei der Bach-Transcriptionen, die in Paris vorgetragen wurden, kennt der Kurtàg-Interessierte auch schon von der 1997 erschienenen Platte Játékok ( First movement from Trio Sonata in E-flat major (BWV525), O Lamm Gottes, unschuldig (BWV 618) und `Aus tiefer Not schrei´ich zu dir´ (BWV 687). In Paris spielen die beiden nun auch noch `Nun komm´der Heiden Heiland´ (BWV599), `Alle Menschen müssen sterben´ (BWV 643), `Duet No.3 in G major´ (BWV 804) und – Höhepunkt des ganzen Konzerts – `Sonatina from `Actus tragicus´, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit´ (BWV 106). Dieses 2 Minuten und 11 Sekunden kurze Werke hat es wirklich in sich, für mich, neben einigen Werken von Olivier Messiaen, eine der schönsten Musikstücke überhaupt (das Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher spielten dieses Stück auch schon ganz wunderbar ein – siehe Plattenschrank Nr.20).

György Kurtág konnte vor knapp einem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiern, auch seine Frau Màrta dürfte Ende 80 sein, es ist bewegend diese beiden gemeinsam musizieren zu sehen und zu hören.

Hier die wichtigsten György-Kurtág-Werke, die, über der eben vorgestellten DVD hinaus, bei ECM erschienen sind:

György Kurtág / Robert Schumann: Hommage à R. Sch. mit Kim Kashkashian, Robert Levin, Eduard Brunner 1995

Játékok Marta und György Kurtág und J.S.Bach 1997

Kim Kashkashian, Netherlands Radio Chamber Orchestra, Peter Eötvös: Béla Bartók / Peter Eötvös / György Kurtág 2000

Juliane Banse, András Keller: György Kurtág: Kafka-Fragmente 2008

Der Sohn des Meisters, György Kurtág jr, veröffentliche 2009 Kurtágonals mit György Kurtág jr., László Hortobágyi und Miklós Lengyelfi

Kim Kashkashian: Kurtág / Ligeti: Music for Viola 2012


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