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Archives: Jon Hassell

Thela hun ginjeet thela hun ginjeet
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Thela hun ginjeet thela hun ginjeet

(King Crimson)

 

Pfingstsonntag von Aachen nach Partenkirchen, ein Solo mit dem in die Jahre gekommenen Tojoten. Gute acht, neun Stunden gebrettert. Das GPS führte mich durch eine bedrohliche Regenkulisse in Tirol. Angekommen im Hotel Alpina für eine Nacht. Warum fahre ich am nächsten Morgen nach Grainau zur neuen Seilbahn, die einen in knapp zehn Minuten von 800 Höhenmeter nahe ans Gipfelkreuz transportiert, in knapp 2800 Metern? Eine elende Warterei zuvor, Kaiserwetter und Pfingstmontag.

 

Als ich letzte Stufen hochging, spürte ich die dünne, zittrige Luft. Ich setzte mich, noch groggy vom Vortag und der halben Mütze Schlaf auf eine Bank. Wollte Charlotte nicht schon oben sein, mit schicken weissen Kopfhörern und der neuen Jon Hassell-CD? In meiner Reisetasche das neue Buch von Michael Pollan, Obertitel: „How to  Change Your Mind“ – wahrlich keines dieser grossmäuligen Ratgeber. Ich schweife ab.

 

Es gab Wochen zuvor einen Vorfall im linken Innenohr, und dann eine Woche vor dem Trip, noch einen. Die Akutmassnahmen griffen, aber hartnäckig blieb die Eustachische Röhre verschlossen, egal, welche Tricks zum Einsatz kamen. Bitter für das Musikhören, ganz bitter. Ich kannte das Problem mit der streikenden Röhre schon von früher, und entwickelte einst, mit jeder Menge ärztlicher Skepsis im Vorfeld, meine Idee einer Druckkammertherapie. Tatsächlich lief es dann so ab: nach zwanzig Minuten Flug Richtung Arrecife baut sich ein sehr schmerzhafter Druck im Ohr auf, der bis zu einer halben Stunde andauern kann. Dann, wie ein Tresor, knackt langsam, Zahnrad für Zahnrad, die verriegelte Röhre auf, und das gute Hören kehrt zurück.

 

Bei den acht Flugexperimenten dieser Art (leider nicht auf Krankenschein) stellte sich ein anhaltender Effekt ein. Wie eine Kur. Nun waren in den Pfingstferien meine bevorzugten Orte sehr teuer und ausgebucht. Dann, verriet mir ein aufgeschlossener HNO-Arzt, tut es auch die Zugspitze.

 

 

 

Ich sass auf der Bank. Nach einer Viertelstunde etwa baute sich ein ziemlich schmerzhafter Druck im linken Ohr auf, nicht so schlimm wie bei Flügen, aber nah dran. Ich hiess den Schmerz willkommen. Arbeitete mit Affirmationen, stellte mich aufrecht hin wie ein Musterschüler von Turnvater Jahn, streckte meine Arme zweimal nach vorne, zweimal zur Seite, zweimal nach oben (und als ich dazu ein paar alte Goethe-Verse aus dem West-Östlichen Divan mit Stimmwucht rezitierte, spürte ich den Blick einiger Touris auf mir, die mich für nicht ganz dicht hielten, was bei mir allerdings keine erröteten Wangen, sondern innere Heiterkeit produziert) – „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten / Nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen / Rufet die Arme der Götter herbei!“.

 

Ich setzte mich wieder, die Wolken zogen sich zu, das wundervolle Knacken der Röhre setzte ein, es dauerte eine Weile, und die Ohren waren bestens aufgestellt. Ich verweilte zwei Stunden im Höhentraining, und sicherte den Effekt am nächsten Tag mit einer weiteren Seilbahnfahrt ab. Haferlkaffee in der höchsten Berghütte des Landes, mit Bergdohlen. Und dann gingen die Abenteuer weiter. Am Tag nach der Heimkehr legte ich eines meiner Lieblingsalben von King Crimson auf, „Discipline“, den 5:1-Mix von Herrn Wilson. Berauschend.

So mag ich den Sommer. Ich bin nicht verreist, habe ein paar große Brocken meiner to-do-Liste abgehakt und genieße die Ruhe der Stadt während der Zeit der Sommerferien, die hier überall spürbar sind. Ich mag es, wie das Licht in die Wohnung fällt, ich habe noch fast die Hälfte der siebten Staffel von Mad Men vor mir und freue mich schon auf weitere Romane von Steve Erickson, die ich dann endlich lesen will. Amnesiascope. Ich hätte nicht gedacht, dass ich irgendwann einmal die Dienstleistung eines Krans beanspruchen würde, aber ich werde ihn morgen wahrscheinlich buchen. Es geht hier um die Verwirklichung eines lang gehegten Traums, eines schallgeschützten Zimmers. Auf dem Werbeprospekt sieht man in der einen Hälfte des Hauses dunkle Gestalten, ausgelassen tanzend in blauem Licht, das wie in einer Disko unberechenbar durch die Räume zielt, an der Hausfassade wilde Graffitis. Es sieht nach mindestens ungefähr 90 Dezibel aus und in der anderen Haushälfte sitzt eine Lady in einem warm beleuchteten Wohnzimmer in einem Sessel und blättert lässig in einer Zeitschrift herum. Ein freundlicher Mitarbeiter hat mir das heute Nachmittag demonstriert. „Welche Musik wollen Sie hören?“ fragte er und ich sagte Jon Hassell, aber er hatte dann doch nur irgendeine Popmusik ohne Identität, die aus einem kleinen Gerät dröhnte. Er stellt das Ding in die Silentbox und setzte den Deckel auf. Und dann war es fast still. Wie schätzen Sie die Lautstärke ein? 85 Dezibel, sagte er. Das Silentboard gibt es seit etwas drei Jahren, und es funktioniert so, dass parallel zur Wand in einem Abstand von etwa 13 Zentimentern eine weitere Wand, bestehend aus einzelnen längs verlaufenden Platten über eine an Decke und Fußboden verlaufende Metallschiene eingebaut wird, wobei der Hohlraum mit einer Dämmmasse befüllt wird. Die Platten sind so schwer, dass die praktikabelste Lösung darin besteht, sie mit Hilfe eines Krans in die Wohnung zu befördern, sagte der Mitarbeiter. Ein Kran? Das Zimmer, das ich mit der Wand versehen lassen will, wird dadurch zwar einige kleiner, aber ich hätte dann doch mehr Privatraum. Ich würde es dann nicht mehr mitbekommen, wie das Nachbarmädchen mit ihren Freundinnen spielt und ihre Fähigkeiten auf dem Xylophon weiter entwickelt. Ich könnte einfach auf der Matratze liegen, auf den Baum vorm Fenster schauen und was lesen. Und „City. Works of Fiction“ auch mal lauter stellen.

Normalerweise bin ich nicht manipulierbar. Aber bei dieser Schallplatte habe ich auf die Einlösung des Versprechens von Titel und Cover gehofft. Als hätte jemand eine Szenerie mit einer alten Fotokamera bewusst verschwommen aufgenommen. Oder: Als sei das Bild auf dem PC noch nicht ganz geladen. Eine nächtliche Szenerie, ein schroffer Felsen, ein Fluss, aber die Nähe einer großen Stadt ist spürbar: ein metallener Zaun, wie man ihn am Rande von Straßen oder Zugstrecken findet. Eine rätselhafte gestreifte Markise. Was ist das überhaupt für eine Art von Ufer, oder Strand? Es ist gut, dass das Bild keinerlei Romantik aufweist. Und doch: Die Stimmung auf den beiden Schallplatten entspricht genau dem Bild und der Vorstellung, wie der Mond seine Kleidung langsam, sehr langsam Stück für Stück ablegt, bis er am Ende, gar nicht verschämt, in seinem Versteck in Nacktheit leuchtet. Nur für sich.

 
 
 


 
 
 
Es ist vielleicht ungefähr ein Jahr her, oder etwas länger, als Michael in der Sendung Jazz Live Jon Hassells City: Works Of Fiction vorstellte. Ich hatte mich darauf gefreut, durch die Sendung einen Zugang zu diesem Werk zu bekommen, aber damals gelang es mir nicht. Stattdessen war ich vollkommen hingerissen von Nils Petter Molvaers Khmer (was den anderen Teil der Sendung ausmachte) und ich habe diese Platte gekauft und sehr oft gehört. Der Zugang zu Jon Hassell gelang mir erst ein paar Monate später. Ich weiß nicht warum. Es muss die richtige innere und äußere Zeit sein. Seltener sind es Hintergrundinformationen. Manchmal muss man ein Werk auch vollständig hören, um sich einlassen zu können. Wenn es eine längere Jazzarbeit ist, meistens sogar. Und dann stellst du fest, wie du dich als Mensch verwandelt hast. Das ist das schönste daran.

Man kann das nicht erzwingen. A, ein Leser dieses Blogs, schrieb mir, er wisse, Jon Hassell sei wichtig, aber er bekäme den Zugang einfach nicht. Obwohl es eine Verbindung zwischen Hassell und A gibt: Das von beiden Künstlern hochgeschätzte Buch von Italo Calvino Die unsichtbaren Städte. Quäl dich nicht, schrieb ich A, es gibt keine must-hear-music. Lass dir Zeit.

Das neue Werk von Arve Henriksen erscheint am 22.8.2014 bei Rune Grammofon – Streichinstrumente umgeben das Spiel des Trompeters und Multiinstrumentalisten. (Bin sehr gespannt, habe noch keinen Ton gehört.) Also kurz vor dem 10. Punktfestival in Kristiansand, und eine Woche nach meiner nächsten Radionacht “Klanghorizonte” am 16. August, wo ich die Platte vorstelle. NATURE OF CONNECTIONS. In einer Cafepause in Lugano (bei einer ganz anderen Produktion) sassen wir zusammen, und Arve sprach über die dünne Grenze zum Replikantentum. Wie leicht man, egal, wie eigen sich ein Ton anfühlt, im Trompetenraum eines anderen landen kann, sei es Davis, sei es Hassell.

Drum hat er ja auch jüngst ein Doppelalbum vorgelegt, das bewusst abseitige Pfade erforscht, und in elektronischen Sphären jenseits des Virtuos-Gehandhabten die Trompete nur ausgewählte Schattenstellen heimsucht. Ich nannte es spasseshalber sein “Sun Ra-Album”. Ulrich Kriest hat dem Opus in der Jazzthetik fünf Sterne gegeben, einen zuviel für mein Empfinden, aber dank des Antriebs der Grenzöffnung auch wiederum verdient.

Ein 5-Sterne-Album reinsten Wassers wird in unabsehbarer Zukunft (jede Wette, Frühjahr oder Herbst 2015) bei ECM erscheinen, das Debut des armenischen Pianisten Tigran Hamasyan, der bislang jazzspezifisch zu lange den Bebop-Fallen seines Lehrers erlegen war, und auch im Bereich der Multi-Kulti-Musik keine Bäume ausriss. An seiner Seite Jan Bang, Arve Henriksen, Eivind Aarset. Drei alte Freunde, die nie die Grenzfelder aus dem Sinn verlieren, das Duo Aarset-Bang schlägt mit “Dream Logic” (ECM) nach wie vor in Bann. NATURE OF CONNECTIONS. Und alle befinden sich im kreativen Höhenflug auf Jan Bangs fiebrig-leisen Meditationen, betitelt “Narratives from the Subtropics”, die jetzt auch offiziell den deutschen Handel erreicht haben.

Flashback: in Lugano war die Abmischung in den letzten Zügen. Das interessante Doppelmikrofon, vor dem Arve seine Trompete zum Einsatz brachte, ist auf dem Foto unten abgebildet. Manfred Eicher war hochkonzentriert, er wusste, dass da etwas letztlich Unplanbares Gestalt annahm, ein “Instant Classic”. Einmal eröffnete Arve eine Komposition mit einem Solo. Er selbst war schon auf dem Weg zum Flughafen, da meldete sich Jan Bang zu Wort, und befand, dass das Intro etwas zu lang sei, und einen Hauch zuviel von Jon Hassell verströme. Daraufhin liessen Manfred und der seelenruhig agierende Toningenieur das Solo einfach mal untertauchen in den ominösen Soundnebeln, die Eivind Aarset heraufbeschwor.

Die Trompete verlor so ganz und gar ihre Dominanz, glänzte lediglich durch Abwesenheit, bis sie sich langsam aus dem Nichts ans fahle Licht herantastete.

Die Wirkung war immens. Arve wird nicht böse sein, wenn er das hört. That’s what friends are for! NATURE OF CONNECTIONS. Noch eins: ich wünsche mir für Tigrans Cd oder Doppel-Cd ein vielfarbiges Cover, etwas, das auf Anhieb einen visuellen Sog entfaltet, wie einst die vier Luftballons auf Keith Jarretts Meilenstein “Belonging”. Bitte kein Dunkelblau mit einsamem Lichtrahl in der Nacht!

 
 
 

 


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