Manafonistas

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Archives: Dezember 2016

2016 31 Dez

[jetzt tauchen die sichtbaren teile]

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jetzt tauchen die sichtbaren Teile
der Geschichte auf, eine Folge von flimmernden
Resten, die zum Wiedererkennen
aufbewahrt und hervorgeholt sind. Musik
in den Hauptstädten; Schwermut, Spiegelschriften,
Schönheitswettbewerb. Noch abends wird
an den Bretterzäunen gehämmert, die Wind
ablenken, Geruch aus den Öfen. Die Nachbarin
steht noch im Pflaumenbaum. Epochen
werden verschoben, bis die Erinnerung unruhig
wird, bis man hört, quer durch den Schlaf,
das Rollen der Transporte. Möhren,
Tabak, Sonnenblumen, die zeitfreien Wörter
in einem Notizbuch, das vielleicht einmal
weitervermacht wird; noch sind die Gärten
nicht leer. Die Reihenfolge ist wieder ganz
anders; anfangen kann man mitten
im Sommer, unter Lautsprechern zwischen Bäumen

 

Jürgen Becker

 

2016 31 Dez

Jazz

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JazzFacts – Neues von der improvisierten Musik – Deutschlandfunk – 12. 1.2023 – 21.05 Uhr bis 22.00 Uhr

M1: Andrew Cyrille: Enter from the East, aus: „Music Delivery / Percussion“

Mod 1 – Herzlich willkommen zu Neuem von der improvisierten Musik, mit Michael Engelbrecht –  und dem 83-jährigen Trommler Andrew Cyrille, dessen Solo-Perkussionsalbum im zeitlichen Zentrum dieser Stunde steht. Der Klangkünstler mit haitianischen Wurzeln hatte schon im Free  Jazz melodische Potentiale freigelegt – wie erstaunlich nah sich mitunter Melodienlust und Entfesselung kommen, zeigt sich,  wenn wir  in einer neuen Biografie des Saxofonisten Albert Ayler blättern, oder uns auf den frei flottierenden Kammerjazz der Saxofonistin Mette Henriette einlassen. Darüber hinaus steht eine Begegnung mit dem  langlebigsten Pianotrio ungarisch-amerikanischen Ursprungs an. Eine Reise in die Räume der Kindheit bietet ein weiterer Melodiker des Schlagwerks, Sebastian Rochford, in seiner schottischen „Hausmusik“.

Den äusseren Rahmen dieser Stunde bieten zwei skandinavische, Folk- und Jazz-erprobte Formationen. Bei  dem   Bassisten Anders Jormin und dem Quartett Uusi Aika des Saxofonisten Otto Eskelinen kommt einem mitunter manches japanisch vor. Allein schon das Cover von Uusi Aika mit orange-roten Pastelltönen und asketisch platziertem Gesträuch lässt eher an japanische Malstile denken als an finnische Flora und Fauna. Neben Altsaxofon und Klarinette bringt der Bandleader  seine Shakuhachi ins Spiel. Seit  Eskelinen mit der Erforschung dieser Bambusflöte in japanische Klangwelten vorstiess, schwebte ihm für Uusi Aika  etwas vor, das sich, wie er mir schrieb, „so langsam wie eine gefrorene Landschaft bewegt,  oder ein Wald unter tiefem Schnee.“ Man kann  den Teilnehmern dieses  Quartetts  getrost schlafwandlerische Sicherheit im Umgang mit ihren Instrumenten attestieren. Jeder Anflug von Ethno-Kitsch wird  unterlaufen  mit  extrem luftigen Texturen, und der gewiss auch alten finnischen Jazztugend, Herrlich-Schräges in pure Melodie zu wandeln.

M2 – Uusi Aika: Luminkenkä 

Mod 2 – „Lumikenkä“ aus der Cd/Lp „Uusi Aika“ von Uusi Aika. Eine  Veröffentlichung des Labels WeJazz aus Helsinki.  Wer sich hierfür begeistert,  dem empfehle ich, wärmstens, Jone Takamäkis „Universal Mind“ und Edward Vesalas „Nan Madol“. Finnische Klassiker. Noch ruhiger, auf  andere Art meditativ, geht es zu auf der am 20. Januar erscheinenden Arbeit „A Short Diary“ des Schlagzeugers Sebastian Rochford und des Pianisten Kit Downes.

Die liedhaften, andeutungsweise hymnischen, Kompositionen entstanden sehr kurz nach dem Tod des Vaters und Lyrikers Gerard Rochford, in heimischer Umgebung. Man kennt Rochford von seiner Gruppe Polar Bear (deren bestes Album in der Mohave-Wüste entstand), von den jungen, wilden Sons Of Kemet und dem ultramelodiösen Trio Libero. Hier nun  wollte er den Sound  seiner Kindheit und Jugend einfangen – und  Trost finden zugleich. Ich habe ihn gefragt, wie diese ganz besondere „Hausmusik“ entstanden ist.

OTON (1) – Sebastian Rochford – „Das Piano ist ein ganz spezielles Instrument für mich. Es ist das erste Instrument, das ich lernte, und mein Vater und meine Mutter waren verliebt in den Klang. Die Lieblingsmusik meines Vaters waren Glenn Goulds Bach-Interpretationen, und für meine Mutter überwiegend Bill  Evans, Keith Jarrett und Nina Simone. Ich wuchs auf mit dem Klang des Pianos, meine Eltern spielten darauf, und obwohl ich bislang nie Musik für ein Klavier geschrieben hatte, war mir dieser Sound des „Zuhause-Seins“ unheimlich vertraut. Was das „Drumming“ auf A SHORT DIARY betrifft, gab ich mir die Freiheit zu spielen oder nicht zu spielen, je nachdem was das jeweilige Stück  verlangte. Im wesentlichen sollte es eine Art Solo-Piano-Album sein, mit unserem alten Hausklavier, und ein paar Spuren des Schlagwerks. Eines meiner Lieblingsalben – auch da spielt der Raum eine besondere Rolle –  ist Thelonious Monks „Alone In San Francisco“. Mich störte die Idee nicht im geringsten, für diese Arbeit nur wenige eigene Klänge aktiv  beizusteuern. Mit Kit Downes sprach ich lange über den Umgang mit den Pedalen, und dass die Musik nie über eine bestimmte Dynamik hinausgehen sollte, um idealerweise  in einer  besonderen Schwingungszone zu verweilen.   Das Stück „This Tune Your Ears Will Never Hear“ war das letzte Stück, das ich schrieb, aber es sollte den Anfang des Albums markieren. Ich sehe das Stück als eine Art Torweg,  fast wie eine Begleitung meines Vaters auf seiner nächsten Etappe. Zugleich spielte diese andere Empfindung hinein: wenn du ein Elternteil verlierst, kann es sich anfühlen, als wäre man ein kleines Kind, das in den Abgrund ruft… so there are some lines in the tune that represent that to me.“

M3 – This Tune Your Ears Will Never Hear 

OTON (2) – Sebastian Rochford – „Obwohl wir geplant hatten, das Album gemeinsam abzumischen, entwickelte es sich so, dass Manfred Eicher die Aufnahmen allein mischte, und im Grunde war es wohl genau das, was ich wollte. Ich war so nah dran an der Musik, und fühlte, dass er sich ihr auf eine Weise annehmen konnte, zu der ich nicht fähig war. Nicht nur technisch, auch aufgrund der fehlenden Aussenansicht. Und er besitzt ein tiefes  Verständnis dieser Musik… Als ich  mir seine Abmischungen anhörte, war es fast so, als würde ich das Album zum ersten Mal hören. Als  hätte ich bis dahin gar nicht realisiert, was ich wirklich gemacht hatte. Er brachte alles auf den Punkt und steigerte die Intensität vieler Details. Es erschien mir wie die stärkste Version der Musik. / Was die Raumcharakteristik des Klanges angeht, nun, wir hatten bei den Aufnahmen  auch einige Raummikrofone benutzt. Zum Beispiel platzierten wir ein altes ACR-Mikrofon im Kamin, um etwas von der  Resonanz des Steins hinter dem Feuerplatz einzufangen. Und das ist ein anderer Aspekt der nachträglichen Bearbeitung von Manfred, dass er dem Sound des Raumes treu blieb, ohne je darin gewesen zu sein. Und, ja, das Stück „Silver Light“ kam mir in den Sinn, als ich im Hausflur stand…  ich erinnere mich daran, wie ich nach meinem Phone greife, und die Treppe hinauf gehe Richtung Schlafzimmer…  ich singe in das Phone hinein, die ganze Zeit über, während ich die Treppe hinaufgehe, und die Melodie nimmt im Nu ihre fertige Gestalt an. Ich habe  die Aufnahme gespeichert, und wenn ich sie mir anhöre, klingt sie genauso wie auf dem Album. „Silver Light“ repräsentiert für mich den Moment, in dem ich mit meinem Vater zusammen war, als er starb.“

M4 – Silver Light 

Mod 3 – „This Tune Your Ears Will Never Hear“, und „Silver Light“, aus der Cd „A Short Diary (Of Loss)“, wie das Album von Sebastian Rochford und Kit Downes mit vollem Titel heisst. Beeindruckend-elementare Musik, welche man zwei anderen aussergewöhnlichen „home recordings“ des Labels ECM an die Seite stellen kann, den Solo-Piano-Werken „At Home“ von Misha Alperin, und „The Melody At Night With You“ von Keith Jarrett. Alle drei Werke belegen eine von jedem Überschwang befreite Innerlichkeit – und Klangspuren der Klassischen Musik. Solche Elemente Moderner Klassik finden sich auch  auf der Cd „Close Connection“ des ungarisch-amerikanischen Pianisten Laszlo Gárdony. Mein Kollege Niklas Wandt hat mit Laszlo Gardony gesprochen!   

BEITRAG EINS – NIKLAS WANDT  ÜBER CLOSE CONNECTION, DAS NEUE ALBUM DEs LASZLO GORDONY TRIOS (5’54)

Mod 4 – Niklas Wandt über Laszlo Gordonys jüngstes Album „Close Connection“. Es gibt wenige Schlagzeuger, die auf eine so immense  wie stilistisch verzweigte Diskographie verweisen können wie der Amerikaner Andrew Cyrille. Er war bei zahllosen Free Jazz-Alben dabei, wirkte auf einer der ersten ECM-Produktionen mit, Marion  Browns „Afternoon Of A Georgia Faun“, und sein letztes Album,  „The News“, tauchte 2021 in zahlreichen Jahresrückblicken auf, auch hier in den Jazz Facts.

Auf dem Züricher Label Intakt ist er mittlerweile auf einem Dutzend Alben zu hören, u.a. mit Irene Schweizer, Oliver Lake, und Anthony Braxton. Jetzt erscheint dort ein reines Soloabum: „Music Delivery / Percussion“. Hoch melodisch, reduziert auf die wesentlichen Bausteine seines Spiels: ein purer Perkussionstrip, der ihn einmal mehr als Meister elementarer Atmosphären ausweist. Selbst in alten Free Jazz-Zeiten war sein flirrendes, wohldefinierte Metren aushebelndes Spiel ein kontemplatives Pendant zu manchem Aufruhr ringsum. Kurz gesagt: Andrew Cyrille hatte schon immer die Ruhe weg. Das hört man auch, in jedem Moment dieses neuen Albums. „La Ibkey – Don’t Cry“ geht zurück auf eine Produktion  des Bassisten und Oud-Spielers Ahmed Abdoul-Malik, bei der Cyrille, blutjung, im Jahre 1961 mitwirkte. Folklore und Improvisation finden in dieser Stunde in immer neuen Facetten zueinander….

 

M5 – La Ibkey, aus: Andrew Cyrille: Music Delivery / Percussion

Mod 5 – „La Ibkey“,  aus der in Kürze beim Züricher Label Intakt Records erscheinenden  Cd „Music Delivery / Percussion“.  Im Jahre 1977, als Cyrille noch Teil des berühmten Trios des Pianisten Cecil Taylor war,   nahm er an der Seite des Geigers Leroy Jenkins die Komposition „He Died Too Early“ auf, eine Hommage an den tragisch und früh verstorbenen Saxofonisten Albert Ayler , der selbst in Free Jazz-Zirkeln als eine Art „enfant terrible“ galt. Beträchtlich der Kreis seiner Bewunderer, in Deutschland sah Peter Brötzmann in ihm einen Seelenverwandten und erinnerte  einst mit  seiner „Die Like A Dog“-Band an seine Musik. Ausgangspunkte von Aylers Stücken waren oft Kinder- und Zirkuslieder, einfache Spirituals und andere Gassenhauer, die er mit ekstatischer Lust in rohe Soundkaskaden  verwandelte. Karl Lippegaus erinnert an Albert Ayler und stellt eine neue, von Richard Koloda geschriebene Biografie des Amerikaners vor.

 

Mod 6 – Karl Lippegaus stellte Richard Kolodas Buch vor: „Holy Ghost – The Life and Death of Free Jazz Pioneer Albert Ayler“. Die junge norwegische Tenorsaxofonistin  Mette Henriette ignoriert auf sehr eigene, in ihrem Spielstil bestens erkennbare Art, den alten Wettstreit der Schulen zwischen freiem Jazz und lyrischen Klangidealen.   Auf ihrem zweiten Album mit dem trefflichen Titel „Drifting“ finden sich Geräusch, Rausch, Abstraktion und Melodie in luftigen Räumen vereint. Johan Lindvall spielt Piano und Judith Hamann Cello. Es ist nicht die Art von Jazz, die einen mit dem ersten Ton einfängt und gleich zu Beginn ein paar unwiderstehlich-groovende Register zieht: es ist die Art von Jazz, die sich langsam in die Hörgänge schleicht, mit markanten, fremdartigen, oft hingehauchten Tönen und Texturen. Eine wundersam gespenstische Musik.

OTON (3) – Mette Henriette – „Der Prozess der Entstehung von „Drifting“ war ziemlich intuitiv. Ich habe von Anfang an keine Ideen erzwungen. All die Stücke haben sich mit der Zeit herauskristallisiert, während ich immer mehr in das Material vordrang. Es fühlte sich so organisch an, das Potential des Trios tiefer und tiefer auszuloten. Eine Sache war mir dabei stets bewusst: die Musik sollte wachsen können und ausbaufähig sein mit der Zeit, sie könnte noch mehr Musiker vertragen, mehr Stimmen, erweiterte Arrangements. Das Repertoire von „Drifting“ ist für mich in ständiger Bewegung. Es hat eine Richtung.  Das inspiriert und  stimuliert mich auf   besondere Weise, als Spielerin, als Komponistin. Ich freu mich sehr auf Live-Konzerte, weil es sich für mich wie der Anfang  eines neuen Kapitels anfühlt.“

M6 – Mette Henriette: Rue du Renard

OTON (4) – Mette Henriette – „Dieser besondere Sound kommt tatsächlich vom Cello. Judith schleift über das Holz mit ihrem Bogen, eine Technik, die ich wirklich interessant finde. Es klingt so wunderschön auf ihrem Instrument. Ich weiss nicht genau, wie dieser britzelnde Sound auf einmal auftauchte auf dem Stück „Solsnu“. Ich denke, ich suchte nach einer Farbe, einer gewichtslosen, vakuumisierten Geste des Stillstands, bei der sich die Zeit langsamer anfühlt, wie wenn du Planeten beobachtest, ihre kreisenden Bewegungen im Sonnensystem.“

M7 – Mette Henriette: Solsnu 

Mod 7 – „Rue de Renard“, und „Solsnu“, zwei Kompositionen aus den „Kammerjazz-Intensitäten“ von Mette Henriettes Cd „Drifting“. Nun zur  dritten Veröffentlichung von ECM Records im Januar (neben Rochford  und Henriette): seit nahezu zwei Jahrzehnten arbeiten der schwedische Bassist Anders Jormin und die Sängerin, Violinistin und Cellistin Lena Willemark an eigenwilligen Verbindungen von Jazz und Folk.  Auf dem Album  „Tree Of Light“ von 2015 kam die in Süddeutschland lebende Karin Nakagawa dazu –  ihr Spiel auf der 25-saitigen japanischen Koto öffnete der Musik weitere Räume.

Erstmals dabei ist nun, auf der Cd „Pasado En Claro“,   der Schlagzeuger  Jon Fält, der auch in Bobo Stensons Trio an der Seite von Anders Jormin agiert. Hochspannung ist angesagt: immer wieder dringen  Bass, Schlagwerk und Stimme in  mal feinsinnige, mal raue, mal archaische Regionen vor.

Es ist eine besondere Qualität dieses schwedisch-japanischen Quartetts,  weit entfernte  Zeiträume zusammen zu führen – die Quellen der auf „Pasado En Claro“  verarbeiteten Gedichte reichen von Octavio Paz, über  ein uraltes China des elften Jahrhunderts,  bis hin zu moderner skandinavischer Lyrik. Alle Texte werden in schwedischer Sprache gesungen, die emotionale Tiefenwirkung von  Lena Willemarks Gesängen überwindet jede Sprachbarriere – hilfreich dennoch, dass die Texte auf Schwedisch,  und in englischer Übersetzung, beiliegen.

„Wo die Krankenhausblöcke schummrig leuchten / Und chinablaue Bildschirme in sterilen Investitionsobjekten flimmern /  Nichts erscheint so verschmäht und tödlich, dass du es nicht sehen könntest / Von einem Küchentisch aus,  unter einer blauen Lampe / Die aufstrebende Birke auf einem grünen Grünstreifen / Und eine Katze, die um die Ecke streicht.

Was hat nun Jörgen Linds Gedicht mit Petrarca oder Octavio Paz gemein, ganz zu schweigen von fernöstlichen Texten? Nun, beharrlich spiegeln sich Innenwelten in Räumen der Natur, und immer wieder werden  Spuren von unbeugsamem Lebenswillen  ausfindig gemacht in  unwirtlichen, abgelegenen Erdzonen. Gerade  da wird der Tanz des Lebens geprobt, wo Stillstand und Erstarrung drohen. Wie etwa  in  dem von Lena Willemark geschriebenen und getexteten  Song „The Woman Of The Long Ice“ …  „Ich bin die Frau des langen Eises / die tanzt (leicht wie ein Wirbelwind)“, heisst es da – und mit diesem Stück aus Anders Jormins Cd „Pasado En Claro“ klingen  die JazzFacts mit Neuem von der improvisierten Musik aus – am Mikrofon bedankt sich Michael Engelbrecht für ihre Aufmerksamkeit.

M8 – Anders Jormin: The Woman of The Long Ice 

                                            T H E   E N D

was noch zu sagen wäre …

 

Das sich nun zu seinem Ende neigende Jahr hat uns so viel wirklich gute Musik gebracht … und doch, es war so traurig, denn unglaublich viele herausragende Musiker, die uns über lange Zeit mit so guter Musik beschenkt haben, sind gestorben. Wenn ich nun an die für mich wichtigsten Musiker, Musikproduzenten und Tonmeister erinnere, möchte ich auch gleich jeweils ein hervorragendes Werk der Verstorbenen nennen.

 
 
 

 
 
 

03.01. Paul Bley: „Tears“ Eine wunderbare Soloplatte des Meisters, aufgenommen in Paris und veröffentlicht auf dem OWL-Label, produziert von Jean-Jacques Pussiau.

05.01. Pierre Boulez, er studierte Harmonielehre bei Olivier Messiaen, das nur nebenbei (!). 1981 wurde in Donaueschingen „Répons“ uraufgeführt, ein Werk für sechs Solisten, Ensemble und Live-Electronic.

10.01. David Bowie! Erinnern möchte ich an meine erste Bowie-Platte „Space Oddity“ von 1969.

08.03. George Martin: 1966 und 67 von Martin produziert und im Juni 1967 veröffentlicht: The Beatles „Sgt.Pepper´s Lonely Hearts Club Band“.

09.03. Nana Vasconcelos: Zwischen den Jahren 1978 und 1982 erschien „Codona“, mit Collin Walcott und Don Cherry.

Am 11.03. verstarb Keith Emerson und am 07.12. folgte ihm Greg Lake, letzterer, Sänger und Gitarrist, arbeitete bei King Crimson und war Mitbegründer von Emerson, Lake and Palmer. Keith Emerson, Keyboarder bei Nice, gründete 1970 ebendiese Band, von der ich das 1971 vorgestellte Live-Album „Pictures at an Exhibition“ auswähle.

02.04. Gato Barbieri. Der Tenorsaxophonist arbeitete oft mit Nana Vasconcelos, auch mit Dino Saluzzi und vielen anderen. Auf dem großartigem Album, das unter der Leitung von Carla Bley entstand, „Escalator Over The Hill“, wirkte er mit.

Am 15. August verstarb Bobby Hutcherson, ein Vibraphonist, den ich besonders verehrt habe, zahlreiche LPs von ihm finden sich in meinem Plattenschrank. 1994 veröffentlichte er zusammen mit McCoy Tyner „Manhattan Moods“.

Eine Woche später, am 22.08. verließ uns Toots Thielemans, der Mundharmonikaspieler. Er wirkte auf so vielen Platten mit, spielte mit NHOP, mit Joe Pass, Shirley Horn und eben auch mit Bill Evans, 1979 erschien das wunderbare Album „Affinity“.

1964 wurde „A Love Supreme“ von John Coltrane veröffentlicht, er hat es aufgenommen, viele andere legendäre Platten in seinem Tonstudio produziert; Rudy Van Gelder, er starb am 25. August.

Am 7. November dann verließ uns Leonard Cohen, „You Want It Darker“ ist inzwischen meine liebste Platte von ihm.

Pauline Oliveros folgte ihm am 24. November, sie war eine Komponistin und ganz außergewöhnliche Akkordeonistin. 2006 veröffentlichte sie „The Roots Of The Moment“.

 
 
 

 
 
 

Noch ein letztes: schade, manchmal entdecke ich im Dezember noch Schallplatten, die ich zu gerne mit in die Bestenliste des Jahres eingebracht hätte, aber leider, zu spät. Dieses Jahr geht es mir so mit zwei ganz wunderbaren Veröffentlichungen des Pianisten Stéphan Oliva, die eine zusammen mit Francois Raulin „Correspondances“ (hier kann man das Stück „Jimmy (á Paul Bley)“ hören oder eine besonders hörenswerte Version von „Sometime I Feel Like A Motherless Child“), die andere gemeinsam mit dem Klarinettisten Jean-Marc Foltz: „Gershwin“, eine Platte, die, hätte ich sie früher entdeckt, unter die ersten 10 Lieblingsplatten des Jahres 2016 gekommen wäre. Anyway!

2016 29 Dez

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2016 28 Dez

Weiter, wohin (2)

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Schon ganz früh, als ich mich in dem einen oder anderen Jahr für moderne Lyrik begeisterte, kreuzten schmale Bändchen von Jürgen Becker meinen Weg. Er kam aus einer anderen Zeit, Jahrgang 1932, und doch erlebte ich ihn wie einen vertrauten Begleiter, der die Geschichte der Bundesrepublik, und das sogenannte Alltägliche, immer neu sondierte, und  – bei aller Nüchternheit der Beobachtung (Felder, Eingezäuntes, Blicke durch Fenster) – einen Pfad ins Unsichtbare öffnen konnte, bar jeder Metaphysik. Das Gedicht „Weiter, wohin“ enhält alles, was ich an seiner Lyrik liebe.

Ich habe mich beispielsweise niemals für die Musik an Westfälischen Adelshöfen interessiert. Aber ich habe selten eine feinere Annäherung an das Verschwundene gelesen als diese, in den ersten drei Zeilen des Gedichts. Und dann landet die Stimme des Gedichts in einem Frühsommer, der diverse Anzeichen schneller Verflüchtigung bereithält. Die Vorstellung, noch einmal im alten Zelt zu schlafen, „together“ (wie ein Überbleibsel der Ära der Beatles, als uns das Englische leicht auf der Zunge lag), wird dann abgelöst durch eine nun nahezu rauschhaft-nüchterne Spurensichtung der Leere, abermals verschwindender Räume, voller Cembaloklänge, Vögel, und Wasserstrassen. Das ist unfassbar, und bringt etwas zum Klingen, das ich nicht in Noten fassen könnte.

2016 28 Dez

Baguette-Verkaufsautomat in Verdun

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2016 28 Dez

Phrasen 2016

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Die abgedroschensten Dauerphrasen und schiefsten Bilder des vergangenen Jahres in den Medien.

 

  • biodeutsch
  • Bestsellerautor
  • Alpha-Journalist
  • der ein oder andere
  • Wahldebakel
  • Kostenexplosion
  • unschuldige Frauen und Kinder
  • abstrafen
  • befüllen
  • Angriff auf die Lachmuskeln
  • unter den Teppich kehren
  • Der Wettergott zeigte sich gnädig
  • Fachexperten
  • konkrete Einzelfälle
  • am Ende des Tages
  • Hausaufgaben (nicht) gemacht haben
  • Urnengang
  • Wahlschlappe
  • sektorielle Bereiche
  • Da bin ich ganz bei Ihnen.
  • zeitnah
  • nachbessern
  • kein Einzelfall
  • steht unter Beschuss
  • mit Hochdruck
  • Nerven liegen blank
  • die Eliten
  • die Kuh vom Eis holen
  • erdrutschartiger Sieg
  • knallharte Dokumentation
  • freilich
  • selbsternannt
  • Thank you for being a valued customer
  • unsäglich
  • ein Stück weit
  • Wahl zwischen Pest und Cholera
  • Rock-Röhre
  • Star-Architekt
  • Blutbad
  • was das anbetrifft
  • lichtdurchflutet
  • wertig
  • ungekrönter König
  • fröhliche Urständ
  • die Märkte
  • Weltraumbahnhof
  • der Fisch stinkt vom Kopf her
  • Blaupause
  • einpreisen
  • Nebelkerze
  • wenn Sie mögen

 

Die nächsten Medienphrasen lesen Sie mit ziemlicher Sicherheit Ende 2017 wieder hier. Das können Sie schon mal einpreisen — wenn Sie mögen.

2016 27 Dez

Weiter wohin

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Was du nicht hören kannst, Musik
an Westfälischen Adelshöfen. Und geräumt die Vitrinen,
falls du fragst nach Neuigkeiten im Repertoire.

Anfang Sommer kam schon das Gelb, zuerst
die Kirschbaumblätter, dann Gurken und Tomaten;
wir wollten noch einmal schlafen, together, in
unserem alten Zelt.

Im Leeren segeln die Regenflächen, im Leeren zwischen
Glasfassaden, immer jüngeren Gesichtern, Heu,
in dieser Seltenheit der Leere.

Sprich alle an! Wie nachts der Kuckuck, den es
nachts nicht gibt. Es gibt mehr als einen
Sender rund um die Uhr, und gleich hinterm Schnee der Eifel,
ob nachmittags oder Oktober, rollt sie heran, die See.

Cembalo, Harfen, Wind in der Pappelallee; etwas
bringt dich irgendwann weiter, unter den Reihern her,
die unterwegs zu Wasserstraßen sind.

 

(Jürgen Becker)

Es ist mindestens 15 Jahre her, dass ich Fahrenheit 451 als Film gesehen habe. In diesem Science-Fiction Klassiker von Ray Bradbury aus dem Jahr 1953 fällt ein Satz, an den mich immer wieder erinnere. „Mir erzählte einmal jemand, früher hätte die Feuerwehr nicht Brände gelegt, sondern Brände gelöscht,“ sagt das Nachbarmädchen zu Guy Montag, einem Feuerwehrmann, dessen Aufgabe darin besteht, Häuser, in denen sich Bücher befinden, komplett abzubrennen – notfalls mitsamt der Menschen, die die Bücher dort versteckt haben, falls sie sich weigern, das Haus zu verlassen, um anschließend verhaftet zu werden. Fahrenheit 451, das ist die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt, zu brennen beginnt. In den Wohnungen und Häusern gibt es Großbildschirme, auf denen billige Alltagsunterhaltungssendungen laufen, Talkshows, Seifenopern, den ganzen Tag. Schöne neue Welt. Es sind nicht alle Bücher gefährlich. Wissenschaft ist erlaubt, auch Fachzeitschriften. Auf dem Index stehen Soziologie und Literatur, Romane, Gedichte. „Ein Nichts / waren wir, sind wir, werden / wir bleiben, blühend: / die Nichts-, die / Niemandsrose.“ Da kann man schon in Tränen ausbrechen, wenn sich Zusammenhänge zeigen.

Jetzt habe ich die Hörspielfassung aus dem Jahr 1994, die neulich unter der Rubrik „Mitternachtskrimi“ im Deutschlandunk lief, auf eine Reise mitgenommen und heute Abend gehört. Seltsam, wie leicht das Ende war.


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