Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Der Pool war abgesperrt, das Meer sowieso, da bekam ich die Nachricht, die nächsten Klanghorizonte müssten flugs vorproduziert werden. Da herrschte schon Ausnahmezustand auf Lanzarote, und es gab kaum eine Chance, die Hotelanlage zu verlassen, ausser zum Supermarkt zu gehen. Die Insel hatte zu dem Zeitpunkt anders als Tenneriffa nur fünf Meldungen von Infizierten, und doch machte sich eine unheimliche Stimmung breit. Ständig ging ein frischer Wind, und wenn die Sonne mal ein Loch in die Wolken brannte, knallte es von oben. Gespenstische Stimmung wurde mit small talk überbrückt. Aber alle Regeln der Distanz brachen am Flughafen, und es war eine Leistung, einen halbwegs sicheren Abstand herzustellen. Riesenschlangen, Tunnelblicke, und einige Idioten, die das mit dem Husten in die Armbeuge nicht mitbekommen hatten. Zwischendurch Notizen für die Klanghorizonte vom 18. April, und kurz vorm Abflug meinte der Nachbar, da würde sich hinter uns wohl wieder ein Sandsturm zusammenbrauen. Seltsam sandfarben sah das schon in Wolkenhöhe aus. Nichts wie weg.

 

Daheim dann gleich in den nächsten Ausnahmezustand. Es ist einfach gut, sich möglichst wenig von Panik anstecken zu lassen –  gute Schutzmasken waren immerhin da (vor zwei Jahren besorgt, als von dem nahen belgischen Atomkraftwerk nur Unerfreuliches zu hören war). Schnell lag eine Bescheingung der „Unabkömmlichkeit“ im Briefkasten, um meine Anfahrten zum Kölner Sender zu sichern.  Und so entstanden vorgestern und vorvorgestern die Vorproduktionen von fünf Stunden für die Radionacht am 18. April. Maske auf, Maske ab, Maske auf, das leere „Ministerium für Genauigkeit und Seele“ im siebzehnten Stock, Desinfektionsmittel, zwei sehr gute Tontechniker – und so nahm eine Nacht Gestalt an aus einer ungewissen Zukunft, von der nur zu hoffen ist, dass der „peak“ der Infektionen bald erreicht sein wird, eine Art von „Normalisierung“ stattfindet, „Geisterspiele“ im Fussball „social life“ simulieren, keine Freunde an Atmungsmaschinen hängen oder sterben, und man selber auch davonkommt, aber wer weiss das schon!?

 

Da hatte die Abteilung der Zeitreisen in den „Klanghorizonten“ schon etwas Nostalgisches, allem Abschiednehmen zum Trotz. Jon Christensen, McCoy Tyner –  Erinnerungen auch an Arthur Russell und daran, dass es schon bald fünfzig Jahre her ist, dass ich an einem Samstagmorgen den Toast röstete, die Marmelade und den Honig mit in mein Zimmer schleppte, und eine Platte wieder und wieder auflegte, die mein junges Herz verzauberte, und ein Leben lang nur einen Handgriff entfernt war, Bo Hanssons „Lord of the Rings“. Zuletzt hatte mich die Musik des Schweden in ihren Bann gezogen, als ich in der Woche nach dem Tod von David Bowie mit einem Land Rover durch die North Western Highlands fuhr. Nach grossen Überschwemmungen alles menschenleer. Einmal stellte ich den Wagen an einer Klippe ab, liess die Wagentür offen, und blickte endlos lang zu den Orkney-Inseln herüber. Aus dem Auto ertönte diese andere schwebende Welt, und ich hatte keine Ahnung  ob ich nicht ziemlich genau in der Gegend war, in der Mr. Tolkien seine Hobbits auf Abenteuerreise geschickt hatte. Eingepackt in einen dicken Mantel, ging der Blick übers Wasser, und ich rührte mich, zum Heulen schön war das alles, lange nicht vom Fleck.

Kitty and Michael write a poem about a double sound-painting, and keep looking out for words …

 

It‘s  bit like „Walter and Conny“*
(laughter)
*distant TV memory mode

 

… looking out for words
in the ether
in charming pictures
in empty light house theatres
in hanging gardens – 


with a hush-hush, with the thing that‘s golden (ah, they don‘t say the word).

 

Kitty and Michael go on. There‘s desert sand, there‘s snow, there‘s an intimate conversation. The joy to return to a  collection of fleeting delights. The unforgettable  kind of fleeting (hasty, hasty, perfunctory).

 

Sketches by Roger on the keyboard at the beginning.
Good old piano. All baggage lifted. Dissolved.
Never talkative, nearly falling into (they don‘t say the word).
Brian then works on them, preferably on trains, on long distant train rides.

 

It feels like an analog record, each note having a furry


furry
furry
aura.

 

Furry, no.
A breathing to the margins.

 

The eerie „Obsidian“ takes a familiar church organ and repurposes it creepily. (Sounds like a matter of fact, where‘s the poetry, hon?)

 

Look, Michael, Kitty adds (she‘s in description mode now),  „Wintergreen“ builds gradually to a peak that recalls Brian‘s old collaborators, Harmonia – minus the German band’s regular motorik beat, of course.

 

Mhmm, says Michael. But, Kitty, this is not really a poem. More a conversational thing – 

 

in the ether
in charming pictures
in empty light house theatres
in hanging gardens.

 

They don‘t say the word.

 

(„Mixing Colours“, by Roger and Brian Eno is out now. The title of these lines is a (not really hidden) homage to the unforgettable delights of listening to the one irresistible F.R. David song on air, time and time again, in 1982)

 
 

Einmal am Tag die Nachrichtenlage, kurz, prägnant. Alles andere wäre für mich „overload“. Und wichtig, den Sinnverwaltern aus dem Weg zu gehen! Einmal hörte ich, was Herr Precht, der Philosoph, zur Lage der Dinge sagte, wie er gleich mal eloquent von „der Menschheit“ sprach, und was sie gerade so treibt. Er wusste es natürlich, als würde er täglich mit Hegels Weltgeist eine Tasse grünen Tee trinken. Selbstgefällig. Auf einer Ebene mit dem Fussballbundestrainer Joachim Löw: wer gleich so ins Fundamentale hinein salbadert und quatscht, als wäre Moralinsaures nun Programm (Löw) oder Gruseln derzeit die Lieblingsbeschäftigung (Precht), nimmt ja wie ein Prediger auf der Kanzel gleich mal das Grosse und Ganze in den Blick, wo doch der Schrecken, die Angst, der Horror, stets auf zahllose Einzelne niedergehen. Da, wo das Unglück kollektiv Einzug hält, hilft, neben klugen Rückzugsgefechten, das reflektierte, mutige Handeln, der Blick, die Geste, der „emotionale support“. All those little things that won‘t build up stories. Und schon droht man selber in die Falle zu tappen der Ratgeberei. Schluss damit. Als ich in behüteter Jugend „Die Pest“ von Albert Camus las, war etwas angelegt, ein Fundament, das heute noch nachwirkt. Und hier dann doch, in Erinnerung an Ror Wolf, eine letzte Weisheit: gehen Sie davon aus, dass das derzeitige Ruhen des Fussballs universale Bedeutung hat.

 
 

Als ich gestern in Ruhe das „Uncut Magazine“ in die Hände nahm, das ein sehr intessantes Interview mit den „Elderly Brothers“ Roger und Brian Eno enthält, entdeckte ich auch Richard Williams‘ Besprechung der 50th anniversary edition von Roberta Flacks erstem Album First Take. Tatsächlich ist mir dieses Album komplett entgangen, ich kenne nur ihren einen, so berühmten Song. Ich besorgte mir den Download, warf im Bad die kleine UE-Boom-Box an, und hörte das Album wie gebannt, von vorne bis hinten, umgeben von Schaumkronen und Salzkristallen. Purer Eskapismus, von wegen! Richard beschrieb in der Online-Ausgabe der Zeitschrift das kulturelle Klima, in dem dieses Album 1969 landete, ohne sich den expressiven Gesangsstilen anzupassen, für die Aretha Franklin oder Mavis Staples standen. Zwar kommt auch ein Gospel vor, aber aller Innbrunst beraubt, so in-sich-gekehrt, nah an der Selbstauflösung, dass „I Told Jesus“ kaum wiederzuerkennen ist. Und dann erst der Saloon-Song am Ende, ich staune. Und begegne dieser Musik sicher nicht als Soul-Experte. Roberta Flack changierte hier eh von Genre zu Genre – dabei ging es ihr nicht darum, in solcher Melange neue Räume für afro-amerikanische Sängerinnen aufzuschliessen – ausschlaggebend für ihre Auswahl war einzig und allein, das sie diese ausgewählten Lieder auf ganz besondere Weise berührten. Und am gleichen Tag lag, schöne Synchronizität, das lang erwartete, neue Buch von Richard Williams in der Post: „A Race with Love and Death – The Story of Britain‘s First Great Grand Prix Driver, Richard Seaman“.

 

Music can be a remedy in these times of danger and darkness, in its own peculiar ways. It can offer calm, consolation, and open new gates of perception. Readers of this interview with composer and drummer Sebastian Rochford may know well some albums of artists who did record in vast spaces, from the likes of Paul Horn, or Jan Garbarek moving into the monastery of St. Gerold.  Thinking of albums that have been made outside the comfort zones of modern recording studios, clubs and concert halls, Pauline Oliveros‘ classic „Deep Listening“ may also come to mind, a quite thrilling exploration of natural reverb in a meditative state of mind. „Rose Golden Doorways“ by „Pulled By Magnets“ is somehow a wilder affair, and if anyone would ever write a book about wonderful albums, recorded in caves, churches, pyramids, and other  power spots, the writer should make sure this album will be part of the journey.

 
 

 
 

FEELING THE SPACE, FILLING THE SPACE

 

Michael:  If you are still living in London, what would be a great place for this interview if we would do it face to face. You have a favourite cafe there, or another place with a good vibe?

 

Sebastian: Would probably be the Colombian indoor market in Tottenham, I love that place and has great food and coffee, sadly it’s been sold off to make apartments so don’t know how long it’s going to be there.

 

Michael: My favourite Polar Bear album, „Same As You“,  was inspired, in parts, by your visit at the Mojave Desert. Now, with the new trio in mind, what did you trigger to move into another vast space, The „Old Church“  in Stoke Newington?

 

Sebastian: This album was inspired by energy and creation, what it is that makes us and how our perception of that changes our lives. The  church was for how I could further represent that sonically,  I wanted us to have a place we could fill our sound into in an active way, where Pete could let his saxophone soar and somewhere that would answer back to the sound we were making.

 

Michael: The bigger the reverb, the less you have to play, or was it a challenge to approach the zone of falling apart, soundwise, meaning „conventionally“ soundwise?

 

Sebastian: I wanted to use the church in different ways, sometimes to feel the space and sometimes to fill that space with more volume and density, using the reverb almost as a sheet noise when needed.

 

Michael: If everybody in the band uses electronics to,  at least from one perspective, alter the sound of the instruments, was the intention, to minimalize the expections associated with „nomal“ saxophone or electric bass sounds? Was the adding of electronics a device to further move into the unknown?

 

Sebastian: When we started rehearsing I asked Neil and Pete to have effects all the time and then we go from there, I wanted them to feel that extreme as a seed to grow from.

 

Michael: Did you record at nighttime? Apart from probably being in the zone while playing, how did the atmosphere of the church affect your mood? Was it more dark and brooding, or more on the peace of mind side of things? I‘m asking cause you can easily associate this music with archaic rituals, miles beyond the history of the place. 

 

Sebastian: There’s a certain silence and acoustic in a church that for me, definitely has an influence on your mood, every sound is very much amplified, quieter sounds have such impact, so making lots of noise in there almost felt confrontational to what is perceived as the „right“ thing to do, this is in part of what the album is about, feeling energy as a whole and there being a balance in different elements. There was a passage I read in the Upanishads that said about human beings being a collection of armies that sometimes collide and sometimes work in harmony, this really made a connection with me and was an inspiration. Because of all the stained glass windows, the atmosphere changed during the day into night and I loved it’s presence and influence.

 
 
THE RIGHT TIME FOR A CHURCH BELL TO RING

 

Michael:  Now there are, apart from drone elements, no playful allusions to Classical Indian music. The connection seems to come alive in a different way.

 

Sebastian: My Indian roots are always a part of my creativity as they are a part of who I am, but I did go back to India before making this album to connect again and see family. While I was there I didn’t listen to any recorded music, instead just listening to all the sounds around me, I felt I needed a sonic cleanse. As I write from singing inside me, I wanted to expand my internal sound and this was part of my process. I also studied singing while I was there though none of the Pulled by Magnets music uses any of the raags I learnt there. The Indian influence on this album was more my experience of going back there, my connection and the relationship I have with myself every day around it. My family there are all Catholic and I was brought up Catholic but I’m also descended from Hindus and in recent years was the first time I allowed myself to explore these religious traditions for myself, which I found great inspiration in and allowed me to think differently about who I am on a day to day basis, which in turn helped me to write and play this music.

 

Michael: Did you go into the church with some compositional sketches, and in the mood to see what happens when sound moves its special ways , or was it a  more improvisational approach?

 

Sebastian: We went into the recording with written pieces and arrangements that contain passages of improvisation, the harmony in this music is very particular too, sometimes using 9 and 10 note scales that for me are integral to the sound of the music but as always I want to the musicians to take the music in their way when the ground has been set. I gave myself time before writing the music to daydream about form and sound in different ways.

 
 

 
 

Michael: The last piece of the album is building up to a climax, the sax, the noisy grid, but, in the end, a warm enveloping sound…

 

Sebastian: That’s me playing the church organ at the end and then the church bell which never chimed during a piece the whole time we were there, but went off ten minutes after we finished recording and I asked Sonny to record it. It felt like a natural way to rest the album.

 

Michael: Has there been a book that inspired the new album. Some discoveries you made by reading that opened you up for some of the „reasearch fields“ of this music?

 

Sebastian: I was reading alot The Upanishads, The Isvara Gita and The Mirror of Simple Souls which is essentially a book about Divine Love written by a French Bedhouin named Marguerite Porete who was burned at the Stake for refusing to keep her writings private, I discovered it through a great Dutch band called Turia. All these books greatly inspired me and enabled me to write this music as they gave me different ways to perceive the world and energies around us.

 
 
SYMBOLS, MAGNETS, AND FOOD

 

Michael: Opening the inner sleeve, you see an extension of the cover, a rather enigmatic drawing playing with symbols. Can you offer some information for those who might think they’ve found a treasure map?

 

Sebastian: From all the reading I was doing, I noticed there was an element of my intuitive understanding of these texts, so for the album I created symbolic and written text forms of the music that I hope people can feel and interpret using their intuition while listening to the music, every track has it’s own symbol that is personal to what it’s meaning is for me.

 

Michael: Why calling the trio „Pulled By Magnets“? There surely is a great alchemy between the three players, Pete Wareham  again playing essentials, never entering the light talkative mood, and Neil Charles at the electric bass and electronics adding something wild, too?

 

Sebastian: I was describing the music to someone and they mentioned the feeling of being pulled by magnets, it stayed with me so I asked if I could use it which they said were happy for me to.

 

Michael: Have there been albums recently you have experienced as really immersive experiences?

 

Sebastian: For that experience I love the bands Solar Temple, Hexeth and Entheogen who I discovered after writing the music for Pulled by Magnets.

 

Michael: Did you do another ECM recording waiting for release?

 

Sebastian: No not as yet but I hope maybe in the future, Manfred Eicher is another great inspiration to me.

 

Michael: What are your plans for today or the day you have finshed to answer these questions? I do have some favourite rituals there, like traveling to the north by underground and strolling through Hampsread Heath. I always get into a very special mood there.

 

Sebastian: I started today with my own ritual and also watching two magpies gather twigs and mud for a nest.

 

Michael: What comes to your mind when you think of  the late Jon Christensen on drums?

 

Sebastian: I saw Jon Christensen playing with Jakob Bro a few years ago, I loved watching him play, was at the same time like a master and curious child.

 

Michael: What has been recently, or way back, a TV series that put a spell on you in a good way, on Netflix or wherever, or did the „new  revolution“ on TV did not cross your ways….

 

Sebastian: I love watching Netflix, so many good series, documentaries and food shows! I love watching programmes about food also because it is so connected to culture, history and community so you learn about all these things, one of my favourite ones is Ugly Delicious.

2020 16 Mrz

Menschen im Hotel

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„I am“… I said
To no one there
And no one heard at all
Not even the chair

(Neil Diamond)


Am 21. Januar 2013 schrieb ich auf dem Blog über das erstmalige Hören von „The Girl from Ipanema“, und dabei fiel mir eine Reise als Fünfzehnjähriger nach Mallorca ein, mit meinen Eltern. Ein klassischer Sommerurlaub aus der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Zu dem Hotel kam man nur über eine lange Autofahrt, auf reichlich verschlungenen Wegen, ein nahezu versteckter Ort – ich las damals, was für eine Verschmelzung von behüteter Kindheit, wilden Träumen, und Urängsten, Albert Camus‘ „Die Pest“ (ein Rowohlt-Taschenbuch, tief gesättigtes Rot auf dem Cover), trank Schokolade mit besonders fluffigem Schaum, an den ich mich heute noch erinnere, sass auf kleinen Felsvorsprüngen am Meer, mit Camus, sah anderntags – und fotografierte -, wie sich Mario Adorf und Lex Barker (Old Shatterhand!) ihren Salat in den Mund schoben, und hörte, immer wieder, aus kleinen Boxen, Astrud Gilbertos traumverlorenen Gesang, und andere Musik, die elterntauglich war. Und auch mich Beatles- und Kinksfan nicht völlig unberührt liess.

Frank Sinatra begegnete fortlaufend Fremden in der Nacht. Neil Diamond war genauso Teil der Barmusik wie von James Last flachgelegte Oldies, der Soundtrack endloser Diaprojektor-Abende. Meine Mutter zeigte mir auch einen englischen Schauspieler, einen aus dem Charakterfach, der nur wenige Jahre später Selbstmord beging. Und im Pool des Hotels schwamm der angehende Superminister Karl Schiller mit seiner Geliebten gar nicht so einsame Bahnen, aber damals gab es eine Übereinkunft mit der Presse, solche Privatangelegenheiten privat zu belassen.

 

 

 

Die Sicherheitskontrollen sollen streng sein, und das Militär sei angefordert. Stille Post oder nicht, die Pools, die Strände in Puerto del Carmen, sind abgesperrt, und bei täglich wechselnder Nachrichtenlage ist die Frage berechtigt, ob wir Menschen im Hotel überhaupt noch zeitnah ausgeflogen werden, oder Zeuge eines allgemeinen  „shutdowns“ auf Lanzarote werden. Ein Quantum Unheimlichkeit liegt über allem, man rückt, gesprächsweise, nicht was die Körperdistanz betrifft, näher an andere Gäste heran, weicht beim Gang zum Buffet fast tänzerisch, jedem nah auftauchenden Körper, jedem Husten, aus,  beredet jüngste Meldungen, und hofft nebenbei, dass man sich keinen dummen bzw. gefährlichen, Infekt einfängt – beides wäre, ein Unwort des Jahres, ein „Stresstest“. Das Hotel leert sich, gute Bücher im Gepäck, immerhin. „Miracle Creek“ etwa, von Angie Kim. Oder „Die Schopenhauer-Kur“, von Irwin D. Yalom. Und das Mädchen von Ipanema ist lange schon abgereist.

 

  • Shabaka and the Ancestors: We Are Sent Here By History
  • Roger Eno and Brian Eno: Mixing Colours
  • Alabaster DePlume: To Cy & Lee: Instrumentals No. 1
  • Carla Bley Trio: Life Goes On
  • Pulled by Magnets: Rose Golden Doorways
  • Baxter Dury: The Night Chancers
  • Rustin Man: Clockdust
  • Thomas Köner: Motus
  • Eivind Aarset & Jan Bang: Snow Catches on Her Eyelashes
  • Samuel Rohrer: Continual Decentering
  • The Necks: Three
  • Gil Scott-Heron / Makaya McCraven: We‘re New Again
  • Wire: Mind Hive

 

Man verbindet den Namen Lanzarote mit schwarzem Sand, Vulkangestein, Lavahöhlen, kleinen Buchten, sonnenbrandgeschädigten Briten, Fischrestaurants in El Golfo, ungewöhnlichen Weinanbaugebieten. Weniger mit Reggae. Und es ist auch ein Riesenzufall gewesen, dass ich vor ein paar Jahren, hier, bei einem Konzert von Nils Petter Molvaer in Jameos del Agua, Steve kennenlernte, einen ausgewiesenen Reggaeliebhaber und Reggaeforscher. Da er ein kleines Häuschen besitzt nahe Haria, gehört ein Treffen mit Steve im „Restaurant der fünf Brüder“ zu meinen beständigen Ritualen bei einem Besuch auf der Insel. Als wir gestern auf den „Fisch des Tages“ warteten, erzählte er mir von der allerletzten Produktion Lee Perrys in dessen legendärem Black Ark Studio.

 
 

 

 
 

Manchmal glaube ich, das Steve seine Stories von Reggae und Dub aus „goldenen Zeiten“ mit einem Schuss magischen Realismus garniert. Zum kräftigen warmen Wind, der von Marokko her herüberwehte, runzelte ich die Stirn und bezweifelte, dass Lee Perry so sauber Buch geführt habe in seinem mythenumwobenen Low-Tech-Paradies, welches Musikgeschichte schrieb, bis der Meister selbst alles abfackelte, dass dieses „letzte Mal“ wirklich diesseits von Gerüchten und jamaikanischen Blaubartgeschichten existieren würde. – No kidding, sagte Steve, und erzählte mir folgendes. Ich habe es aus der Erinnerung aufgeschrieben, und gestehe, dass ich immer skeptischer wurde, je länger er davon erzählte.

 

Okay, der Anfang dürfte vielen bekannt sein. Zumindest den Lesern, die mehr als fünfzig Reggaealben besitzen. Als die Siebziger Jahre allmählich ausklangen, verlor Lee Perry mehr und mehr seine Geduld. Auf der einen Seite hingen zu viele dubiose Gestalten im Studio herum, es gab Ärger und schlechte „vibes“ – Lee Perry krakelte die Wände voll mit unentzifferbaren Wörtern. Auf der anderen Seite verschlechterten sich seine Beziehungen zu Island Records zunehmend. Obwohl er mit John Martyn, Robert Palmer, Linda McCartney und The Clash gearbeitet hatte, fehlte es dem Innovator an Anerkennung – vorwiegend wurde seine frühe Zusammenarbeit mit Bob Marley ins Spiel gebracht, und die Herren von „Island“ schienen einzig an kommerzfähigen Sounds interessiert zu sein. Als er ihnen einen verblüffenden Remix von „Heart of The Congos“ anbot (und wir reden hier von einem Klassiker des „roots reggae“), schien Perry nur noch auf „taube Ohren“ zu stossen. „Unacceptable“, hiess es. Was Lee Perry nicht davon abhielt, und nun wird es ominös, eine letzte Produktion in Angriff zu nehmen, bevor das Studio in Flammen aufgehen sollte, mit ganz realen Figuren der kongolesischen Musikszene. Ich notiere das Gespräch mit Steve aus der Erinnerung.

 

  • Und diese Musiker hatten eine Einladung, nach Jamaika zu reisen?
  • Ja, gleich zweimal. Lee Perry war von der Idee eines Afro Jazz-Reggae-Fusion-Albums angetan, und hatte mit Molenga und Kawongolo ja schon im Jahr 1978 gearbeitet, aber das verlief irgendwie im Sande. Dann befeuerte Perry die Idee von neuem, und die Sessions wurden fortgesetzt. Sein Lockruf war klar und deutlich zu vernehmen: „Congo is the root.“ Er hatte seine Bläser ins Studio geholt, und seine bewährten Trommler.
  • Und warum hat man davon kaum je vernommen?
  • Nun, die Story ist etwas konfus: Molenga lieferte eine Fassung im Hauptquartier von „Island“ ab, aber das war seinen Worten zufolge nicht der „final mix“, den er im „Black Ark“ gehört hatte. Nun klang es angeblich muffig – exzessives „delay“, vollkommen verdröhnter Hall. Molenga vermutet, dass Lee Perry sauer war auf die Londoner Zentrale, und die Musik wohl absichtlich sabotiert habe.
  • Klingt wirklich verrückt.
  • Ja, Molenga behauptet, er habe die Musik zu einem kleinen Label gebracht, ein bisschen an ihr gearbeitet, und sie dann in kleiner Stückzahl auf den Markt bringen lassen. Das ist umstritten. Denn die „multitrack“-Fassung muss bei Perry geblieben sein, und die Neuausgabe 2020 basiert auf einer unangetasteten Vinyl-Platte. Die ganze Sache bleibt ein wenig mysteriös.
  • Und was sagt der Experte?
  • Du wirst es hören. Man singt Lingala, Yangi, und Englisch, der Überschwang dieser magischen Begegnung der Kulturen ist unüberhörbar, und alles erschallt in diesem besonderen Gebräu des Black Ark-Sounds. Man traut da manchmal seinen Ohren nicht.
  • Hört sich märchenhaft an. Ich spendiere eine Flasche vino rosado, Steve, vom spanischen Festland, mein Lieblingsrosé, wenn ich hier auf der Insel bin.

 

The title could be from a movie, or a poem, or a thriller. But it comes from sounds. Ambiguity is a point on the second album of Eivind Aarset and Jan Bang. Always a delight if a certain sound is not linked to a clearly defined emotion. It all moves in between, in moderate tempi, and different modes of slow, slow motion. Daring and adventurous, the duo‘s musics doesn’t serve at all some listeners‘ needs for recognizable grooves or old school ambience. There‘s a free spirit wailing, and chances are good all these strangely constructed, floating pieces of pure imagination put a soft spell on you. Call „Snow Catches on her Eyelashes“ modern mood music if you want – and if you don‘t mind goose skin, a recurring sense of wonder, and moments of pure excitement. The album will be released on March 13 (vinyl, cd, dl). 

 

 


Michael: This second duo album has a different feel compared to
Dream Logic. How would you describe its overall mood, or subtlely changing atmospheres? The title of the album suggests a cinematic flair, though it‘s certainly not related to a certain movie.

 

Jan Bang: The album was recorded in the Punkt Studio in Kristiansand over a long period of time. Some of the first sketches (i.e. Asphalt Lake) started already in 2012. Others came during the main recording period between 2017 -2019. With the „Dream Logic“ album (ECM), the working process was shorter in span, but that was where we gained a good work flow together in the studio. A lot of the same techniques were repeated on „Snow Collected On Her Eyelashes“, but with different outcome. I like to think of the album and its title as a travelogue. The title refers if you will to a modern traveler in a Northern hemisphere, but can have different meaning to others.

 

It seems to me that most of the music grew out of improvisations, and post-production has been big deal here. How would you describe the process of these pieces finally finding its shape within a well-chosen sequence?

 

Not entirely true. Some of the pieces (i.e. Monochrome), and the two „Sphere“ pieces started with both of us in the same room. Serenade, Purplebright and Asphalt lake started with programming which was later carefully shaped with Eivind onboard. The pianist Hilde Norbakken and myself had done a few live performances of Before the wedding, before we decided it would be a possible candidate for the album with a guitar overdub by Eivind. A couple of compositions were more or less his, like „Nightspell“ and „Two days in June“, the latter being, at least in my book, the centerpiece of the album.

 

Can you describe the process of working on one track of your choice, to make clear how sometimes things fall into place organically, or, on the other side, need some treatments in the details to fulfil the expectations of the two of you?

 

The above mentioned Two days in June is based on a live performance Eivind did with dancer Christine Brunel who sadly passed away during the making of the album. I added cello and small treated sounds to give it more focus. In the coda I added some programming that I had originally done for the German theremin player Barbara Buchholtz, who sadly passed away far too young. The piece is a celebration in memory of them both. The two „Sphere“ pieces and Monochrome were done pretty fast.

 

Of course, you shy away from labeling such an album, because every branding narrows the perspective. But can you name some of the inspirations while working on an album that looks through a territory of sounds beyond standard experimentalism.

 

I guess the material comes together with inspirations from different angles: the baselines you can so often find in music from the past, from the 50´s when bass parts often played single notes without the virtuosity that with exceptions came came later. The other sound ideal comes from modern composition and the way both of us have incorporated a more European contemporary sound world that is an amalgam of the acoustic and electronic world of sounds. Working with the Ensemble Modern, different free improvisers like Sidsel Endresen, Hamid Drake and recently now in London with a recording session with David Toop and Confront label owner Mark Wastell – has given me inspiration to step into the unknown with curiosity. To trust that music is pure and that in art truth exist.

 

 
 

Vor Jahren war ich mal auf dem Weg zu jener Kirche im Norden Londons, in dem dieses beeindruckende Werk aufgenommen wurde. Oder verwechsle ich da zwei Räume der Andacht und des Rückzugs? Es war der Abend des Tages, an dem ich Scott Walker besucht hatte, es regnete unaufhörlich, und irgendwann war klar, ich würde es nie zeitig dorthin schaffen: ich schaffte sonst alles mögliche in jenen drei Londoner Tagen, ging unfotografiert über den berühmten Zebrastreifen von Abbey Road, stöberte in einem Plattenladen nach alten Vinylschätzen, und sah abends vorm Einschlafen die eine und andere Folge von „Longmire“.

 

In der Kirche im Londoner Norden liess Scott Walker seine Zusammenarbeit mit Sunno))), „Soused“, laufen, als „release party“, über mächtige Lautsprecher. Ich stellte mir das wundervoll vor, dieses dunkle dröhnige Werk mit Donnerhall in mich aufzunehmen, aber es sollte nicht sein. Ich verirrte mich auf halbem Weg. 

 

Nun also lausche ich Musik, die tatsächlich in dem Gemäuer in Stoke Newington entstanden ist. Und das, auf alten Fotos, jeder Gespenstergeschichte gutgetan hätte. Wenn der Drummer Sebastian Rochford ein neues Projekt auf die Beine stellt, bin ich immerzu gespannt, und werde seit den Zeiten der Bands „Acoustic Ladyland“ und  „Polar Bear“ nicht enttäuscht. „Same As You“ ist eines meiner Lieblingsalben vom „Polarbären“, und entführt tief in die Mojave Wüste. Nicht viele können behaupten, mit Brian Eno in Notting Hill und  Manfred Eicher in Lugano Musik aufgenommen zu haben. Aber das ist nur eine witzige Randnote. 

 

Der Schlagzeuger suchte jedenfalls mit Energie nach einem „power spot“ für sein Trio „Pulled By Magnets“, in dem die drei Akteure Schlagwerk, Saxofon und E-Bass spielen, zudem ihre Klänge mit allerlei Elektronik  verwandeln, verbiegen, verrauschen – es gibt keine Gewissheit für den reinen Instrumenenklang. Und er fand seinen „Ort der Kraft“. 

 

Werfen wir mal einige Wörter in die Luft, die bei solcher Wucht die Runde machen: Grime, Drone, Free, Far Out, Improv, Gothic, Hypnos, Raga. In manchen Passagen klingt es wie eine radikalisierte Version von Bohren & Der Club of Gore, in anderen, als träume Brian Eno von einer expressionistischen Variante von Ambient Music, und würde nur deshalb nicht am Mixing Board sitzen, weil die Musiker und das Kirchenschiff alles selbst regeln.

 

Ähnlich wie bei seinem einstigem Mitstreiter  Shabaka Hutchings, spielen auch bei „Pulled By Magnets“ die „ancestors“, die Vorfahren eine Rolle, und so, wie Shabaka und seine südafrikanischen Freunde bis in die Karibik, bis nach Jamaika blicken, um einigen „nyabhingi“-Wurzeln und anderes Groovekraut anzuzapfen, nimmt Sebastian auf sehr, sehr sublime Weise Klangspuren Klassischer Indischer Musik auf (er hat einen Familienstammbaum, der eben auch ins ferne Asien reicht).

 

Da wird keine Ragamusik imitiert, eher schon ein ferne, verblasste Erinnerung an das  Schnurren der Tamboura in ein archaisches Soundgeschehen made in London transportiert. Die Einflüsse sind weit gestreut, ich erfahre, dass Mr. Rochford im Vorfeld der Produktion auch alte Beduinentexte studiert hat. Ist der Jazz, wenn das mal Jazz ist, nicht auch, irgendwie, Geheimwissenschaft?

 

Die Musik des Trios ist ungemein wandlungsfähig, auch Pete Wareham am Saxofon schreit und wildert nicht in Free Jazz-Arealen, wie man ahnen mag, wenn es, wie hier, keine Kompromisse gibt. Eher ist sein Spiel gebündelt, er lässt Sounds ins verwinkelte Rund schallen, folgt dem Echo, als gebe es kein gestern, kein morgen. Alle Drei, auch Neil Charles, der kundige Dritte, der Mann am E-Bass, fühlen sich sauwohl in diesem Szenario, in dem jeder Sound seine eigene Strahlkraft besitzt, und doch, von einer Sekunde zur andern, verloren gehen kann. Und was hat es mit den Pforten, Schwellen, Durchgängen auf sich, die im Titel anklingen: „Rose Golden Doorways“?  Hat man so etwas schon mal gehört?!


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