Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Die Überschrift enthält ein Wortspiel, das eine andere Art, die Worte zu kombinieren, suggeriert. Wenn ich daran denke, wie aufregend der Tag war, als mir der Postbote „Music for Films“ überreichte, 1976, 77, 78 oder 79 – wer will schon Erinnerungen ständig googelnd datieren – nun, das wird im November nicht annähernd vergleichbar sein, wenn  „Film Music 1976 – 2020“ ins Haus steht. Ich werde einige Kompositionen gute kennen, andere nicht oder nur wenig, und endlich findet sich Enos wunderbare Lesart von „You don‘t miss the water“ in einer sorgsam kompilierten und rein instrumentaler Ungebung wieder. Aber bei allen kleinen Entdeckungen bleibt das Album ein Querschnitt durch vergangene Jahrzehnte, der manche vielleicht anmimieren wird, „Die Mafiosibraut“ oder „The Lovely Bones“ noch einmal anzuschauen. Als ich damals mitbekam, dass Eno ein, zwei Stücke für David Lynchs Sci-Fi-Epos „Der Wüstenplanet“ komponiert hatte, wartete ich ungeduldig, um im Kino grandios enttäuscht zu werden. Entgegen all meiner Erwartung fand ich dem Film unsagbar langweilig, und auch Brian konnte da auch nichts rausreissen. Kam mir da nicht auch sein Sphärengeraune etwas zu sakral vor?! Das Abenteuer seiner ersten Filmmusik wird der Nostalgie eines Rückblicks weichen, und trotzdem werde ich die eine und andere blaue Stunde anzetteln, in einen Raum voller Abendlicht.

 
 

Viele von uns, die dem  Jazz so manch erhebendes Erlebnis verdanken, haben bestimmt schon Verbindungen zwischen improvisierter Musik und indischer Klassik erlebt. Der sog. „spirituelle Jazz“ hat immer wieder mal einige Wurzeln  im fernen Asien freigelegt, und eine Sitar und eine Tabla gehören gern zum Trance induzierenden Ton solcher Veranstaltungen. Nun stolperte ich über ein Album, das im Oktober erscheinen wird, und dessen spiritueller Hintergrund rasch klar wird. Das Cover, die Titel, die Referenzen: Satori, Sutra, Erwachen, das volle Programm! In einer englischen Besprechung der CD lese ich dann noch folgende Sätze. „This music would  go down nice with a curry albeit more Rogan Joshi than Vindaloo.“ Und: „This the finest meeting of East and West since the legendary Indo-Jazz Fusions of the Joe Harriott – John Mayer Double Quintet in the late 1960s which is praise indeed“.  Unser Freund lehnt sich da weit aus dem Fenster heraus: einerseits scheint es sich um ein absolutes Meisterwerk zu handeln, andererseits lässt es sich gut als Hintergrundmusik zu einem Rogan Josh verwenden. Traditionell besteht das Rogan Josh aus Lammfleisch und Kaschmir Chilis. Vielen Kaschmir Chilies. Sehr vielen Kaschmir Chilis. Nun, liebe Leser, ich mag Rogan Josh sehr, und auch ein butterzartes „lamb vindaloo“. Was dieses Album von Josephine Davies angeht, habe ich da keine Präferenz. Und keinesfalls würde ich das Werk für den grössten Coup aus der Indo-Jazz-Ecke seit jenem Klassiker aus uralter Zeit halten. Tatsächlich aber ist es ein hochinteressantes Jazzalbum, mit subtilen (und weitreichenden) Einflüssen aus Raga und Yoga. Es biedert sich nicht welttrunken an, macht kein grosses Gewese um exotische Sounds, verbleibt im gut geerdeten Bühnenbild von Saxofon, Bass, und Schlagwerk. Man kann sich leicht in diese Musik fallen lassen. Mit Rogan Josh, oder ohne. Der Vorhang hebt sich von allein. 

 

2020 18 Sep

Hen Ogledd

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Als ich am Abend vom Baden im See zurückkam, und auf einmal, durch einen Fahrfehler, in der Gegend landete, in der mir einst die letzten Dampflokomotiven eine kleine Nachtmusik bescherten, war es sehr frisch geworden, und im Fenster tauchten bald darauf nurmehr meine neonbestrahlten Körperumrisse auf, alles grüne Gezweig hatte sich in Schattenrisse verwandelt. Ich legte mich aufs Bett, las zwei Kapitel in der auch leicht durchfinsterten Zeitreise in ein altes Berlin und ein altes Westdeutschland, und liess dann der neuen Musik von Hen Ogledd freien Lauf.

 

Es gibt diese Art von Alben, gross und opulent, die keinerlei Schranken fürs Fantastische akzeptieren, und in diesem Fall, in einer Urzeit landen, vor den Menschen, wie wir sie kennen, später auch in einer Welt, in der die eine und andere Apokalypse einen Restzustand aus Ruinösem und letztem Rattern von Maschinen freilegt. Die Inspirationen reichen von Hildegard von Bingen bis ABBA, und was sich sonst noch alles an paradoxen Paarbildungen anbietet – die Liste ist beträchtlich. Hen Ogledd sind ein britannisches Quartett: Dawn Bothwell, Rhodri Davies, Richard Dawson and Sally Pilkington.

 

„Free Humans“ heisst das Doppelalbum, für das sich der Begriff „psychedelisch“ wie selbstverständlich aufdrängt, und man sollte sich ernsthaft überlegen, zu Beginn der Reise einen klaren Kopf zu haben – wer die vier Seiten dieses opus magnum heil übersteht, wird genug verrückte Dinge erleben, in dieser Science- und Psycho-Fiction der Sonderklasse. Krass experimentell, wunderlich melodisch, und hinreissend rhythmisch, alles zu seiner Zeit. It’s an amalgamation of energies; a melee of bodies and spirits and colors,” sagt  Rhodri.

 


Lieben Sie Boeuf Bourgignon? Wir sollten hier mal unsere Lieblingsrezepte teilen, Freunde! Es gehört zu der Geschichte dieses Blogs, dass immer wieder mal Dinge in den Raum gestellt werden, die dann nie oder ganz anders stattfinden. Ideen sind fragile Geschöpfe. Ich bin derzeit in einem Hotel nahe des Hauptbahnhofes in Essen, und verbringe die Zeit in meinem Zimmer, einen möglichst konstanten flow sicherzustellen. So habe ich mir vom Hanser Verlag einen Roman schicken lassen, der eine Zeitreise anbietet: Westberlin, achtziger Jahre. Punk und Strassenschlachten, AIDS und Drogen, raue Kunst und wilde Theorien. Das Buch anzufangen, ist verführerisch. Aus meiner Lieblingsbäckerei in Düsseldorf (Ulrike und Lajla kennen sie gut!) habe ich mir „gedeckten Apfelkuchen“ besorgt. Meine HNO-Ärztin hatte mir hernach eine so witzige Story erzählt, zwischen Tür und Angel, dass ich mich wunderte, dass sie das halbe Wartezimmer mithören liess. Und auf YouTube sah ich mir  gerade zwei spannende Interviews mit David Rodigan an. Ich mag es zuzuschauen, wie  andere Menschen in ihrer Liebe zur Musik aufgehen, und dabei zu Geschichtenerzählern mutieren.

 

Und natürlich kam ich auf den Reggaemann, weil mich die Musik aus The Bakery, Stockport in den letzten Wochen so gefesselt hat. Dub und Reggae von den Herren Birchall & Breadwinner. Ich hatte Nat gestern eine Mail geschrieben, und wenn alles gut geht, bekomme ich bald seine Antworten für die Jazzfakten vom 1. Oktober. Ich servierte ihm meinen Überblick über die 55 Minuten, und finde es ziemlich gut, wenn ich in der Sendung eine Schallplatte in einen besonderen Fokus stelle, die es nur in Mono gibt. Und das war dann die Triebfeder für die Gestaltung der ganzen Show. Das Aufregende an neuen Tönen, die ganz und gar vom Echoraum alter Zeiten erfüllt sind. So sieht es aus, und natürlich kann alles letztlich ganz anders kommen.

 

text one / Birchall & Breadwinner: a track from Upright Living / text two / Terje Rypdal: Conspiracy / text three / Feature  1 – Karl Lippegaus on  Michel Benita‘s new album / text four / The discovery of a Thelonious Monk live recording / text five  / Ran Blake &  Andrew Rathburne: Northern Noir / text six  / Feature 2 – a  new little series about favourite albums of jazz musicians / text seven  / Makaya McCraven: E & F Sides  / text eight / Feature 3 – Thomas Loewner on Minu Cinelu with Nils Petter Molvaer / text nine / Josephine Davies: Satori

 

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster, und beschliesse, an den Baldeney-See zu fahren und eine Runde zu schwimmen. Die heissen Tage sind vorbei, und ich kenne eine kleine Ecke am See mit aufgeschüttetem Sand. Ich nehme die BOOM-Box mit, und John Cales „Paris 1919“ wird laufen. Vor etlichen Jahren erlebte ich den Waliser hier, ein paar hundert Meter entfernt, wie er in der Lichtburg das Album live spielte. Time fades away. 

 

Ich entdeckte Jon Hassell durch einen Raga- und Sitar-Kurs, den ich am College besuchte, wo mir „Vernal Equinox“ sehr empfohlen wurde. Als ein von Natur aus trotziger Mensch beschloss ich, diese Platte zu ignorieren und mich in eine andere, weniger gehypte Platte namens „Power Spot“ zu vertiefen. Der Titel klang muskulös und bedrohlich, und ich erwartete, dass die Musik nach Blut riechen würde. Doch während ich zuhörte, wurde mir klar, dass dies eine viel schlüpfrigere und seltsamere Art von Musik war.

 

Der krasseste und unmittelbarste Titel für mich war ‚Miracle Steps‘. Was ist das für ein Lied? Wenn es ein Geschmack wäre, wäre es eine überreife Mango. Ein Geschmack, der zwischen süß und schleimig schwankt. Wenn es ein visuelles Erlebnis wäre, dann wäre es die verzerrte, verführerische Silhouette von Jessica Rabbit, die sich aus einer Zwangsjacke herauswindet. Auch wenn mir die Liner Notes sagen, dass dieser Track eine bearbeitete Trompete und Trommeln enthält, sehe ich nicht, dass diese Objekte diese Geräusche erzeugen. Ich höre eine Mischung aus Lemuren, Elefanten und Zugpfeifen, die neben den Ästen der Bäume, die auf die Erde fallen, zirpen.

 

Die  Kargheit dieses Stücks fordert den Zuhörer auf, verwirrt zu sein. Ungebunden, versucht dein Gehirn schnell, Lücken zu füllen, und du wirst damit konfrontiert, wie seltsam du bist. Obwohl „Miracle Steps“ nicht gewalttätig oder bedrohlich ist, ist es herrlich unzivilisiert. In der Musik kann man sich nirgendwo hinsetzen. Keine Sicherheitsgurte in Sicht. Insgesamt ist diese Platte verwildert, frei, und ganz sicher aufsässig!

 

(Katie Gately über „Miracle Steps“ aus Jon Hassells Album „Power Spot; übersetzt von D.L. und M.E. – die einzige Produktion von Brian Eno und Daniel Lanois für ECM)

Of course some have
but surprising it is that
no writer is mentioning
the long long long silences
between each and every song

 

All the words though
Matter at night time
Not all the words a lot just
Turn to sound sound sound
Or the space in between

 

And I may have been wandering too long
In love with wandering, wandering, wandering love

Words of Bill I like following
His quietly stumbling flow the soft attacks
The painted clouds precison and loss

 

These songs you call lo-fi
But surprise sees them overflowing
On second listen carrying caring for
Tiny exlosives the words
Silent killers lifting off off off

 

 

(for whom it my concern)

2020 12 Sep

Diana Rigg

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Sie war, als Emma Peel, meine Heldin bei Mit Schirm, Charme und Melone, als ich blutjung war, sie brillierte auf der Bühne mit Shakespeare, sie war wunderbar in Game of Thrones, und sie war von früh an, im realen Leben, verdammt klug, mutig, witzig, und liess sich nie über den Tisch ziehen. Auch nicht in der Kultserie. Als sie herausfand, dass selbst die Kameramänner mehr verdienten als sie, stieg sie nach zwei Staffeln aus. Unsterblich war sie sowieso schon.

 

 

Er war eine Zeitlang in Paris, und an einem Tag traf er ein afroamerikanisches Paar. Man speiste zusammen, verstand sich blendend, und die Frau muss atemraubend gewesen sein. Jedenfalls kam es mit so vor, als ich das Interview im Jazz Magazine las, Mitte der Siebziger Jahre. Der Ehemann bot ihm fast beiläufig an, seine Frau zu lieben, denn einige Schwingungen im Raum waren durch und durch erotisch, und er gönnte ihr von Herzen aufregenden Sex mit dem Fremden. Als Jimmy Garrison, der Bassist des John Coltrane Quartetts, diese Geschichte erzählte, war er noch immer fasziniert von dem Erlebnis. Der Ehemann ging dieweil in die Stadt, wenn ich mich recht erinnere. Ein wenig fühlte ich mich an Milan Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins versetzt. Dort tauchte die Idee der erotischen Freundschaft auf, wenn man allem Besitzergreifenden abschwor, und gute Gespräche und erfüllter Sex nahezu eins waren.

 

Er war in Paris in einem Hotel und fertig. Ein Tiefpunkt, ein offenes Magengeschwür. Schmerzen. Was tun? So erinnere ich ein altes Interview aus dem Jazzpodium. Er machte sich Gedanken, die sich vielleicht ab und zu selbständig machten und sich aus dem gekippten Fenster, ins Freie hinein, verflüchtigten. Das ist natürlich eine Ausmalung meinerseits. Er war in einer Situation wie das lyrische Ich in Bertold Brechts Gedicht vom Radwechsel, das überaus schlicht einen Menschen ansiedelt zwischen Vergangenem und Zukünftigen. Der Bassist Gary Peacock fasste einen Entschluss und war bereit,  zu neuen Ufern aufzubrechen. Den Schalter umzulegen. Er hat es sicher anders erzählt, aber die Essenz dieser Erinnerung ist wahr. Die Ränder mögen noch so verschwommen sein. Was wohl dazu führt, dass manche Momente aus den Geschichten eines Anderen unvergesslich sind?

 

Ich glaube, die Story stammt aus der Zeit vor der Aufnahme  seines Album „Tales of Another“. Ich weiss noch, wie er erzählte, und wahrschheinlich auch in jenem Gespräch, dass die Kompositionen nur aus einzelnen Samen oder Ideen bestanden. Kernzellen, welche vom Trio aufgegriffen wurden. In den nächsten  Klanghorizonten am 17. Oktober spiele ich in der letzten Stunde Musik aus „Tales of Another“. So kann eine Nacht gut enden, mit Gary, Keith, und Jack – und schlussendlich mit Miles, Keith, Gary, Gary, Ndugu, Mtume, Michael und Don. Was könnten die Herren Eicher und Klinger alles zu dieser Gruppe von Miles erzählen!? Sie erlebten genau dieses Septet live auf ihrer einzigen Tour, an einem Herbsttag des Jahres 1971 in München. Und das zog einige interessante Dinge nach sich.

 

 

Ein Schwarzweissfilm, der immer noch zündet: The Lady Eve (1941), von Preston Sturges, wunderbar restauriert und angereichert mit gehaltvollen Extras, von Criterion / Blühender Blödsinn: Roland Pohls Abgesang auf den „elektrischen Miles“ der Jahre 1969 bis 1975 im „Jazzpodium“ / Netflix-Serien-Highlight: Extracurricular (Teenagerdrama aus Korea, grell, brutal, zärtlich und tief!) / Lieblingsthriller im Spätsommer: Robyn Harding – The Swap (eine Geschichte mit zwei Ehen, einer Aussenseiterin, und magic mushrooms – endlich wieder im Leserausch 😉) / Ein exzellenter Politthriller: Gavin Hoods Film Official Secrets (hochspannend inszeniert, zudem ein toller Soundtrack ohne einen einzigen Song, auch auf Netflix) / Wenn es so etwas gibt wie zeitgenössischen Retro-Kraut: Sankt Ottens Album Lieder für geometrische Stunden kommt aus Osnabrück und landet sicher in den Klanghorizonten / Ein Dub-Album für den späten Abend: Burning Spears Garvey‘s Ghost / Ein ECM-Album für diese Tage: Gary Peacocks Alben Tales of Another oder Paradigm

 

 

It is exciting to hear Jim Jupp’s hallucinogenic sci-fi storybook soundtracks taking root once again in the synthscape wonderland that he’s created for Belbury. With all its rusty strings and analogue hardware. And so far The Belbury Poly really did find some friends among Manafonistas and their readers, with the new album The Gone Away. Grounded in old fairy tales and  TV children shows from the wilder side of the 60‘s,  the album moves through its own parallel universe with distant echoes from Tolkien, Bo Hansson, and the  more surreals side-kicks of early British prog rock and far-out mood music. Here‘s the riddle: what‘s the band‘s name on the photo? Simple as that. Readers who wanna win an official download code of The Gone Away from the Ghost Box universe have to leave their real name in the comment section and one guess only!

 


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