Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Trio Tapestry‘s sense of melody, space and  letting-go  is immaculate. I will always remember their first record, one of the jazz miracles of 2019. For me, it was the best album Joe Lovano ever made, with Manfred Eicher’s perfect sequencing of the tracks. Listen to the vinyl: suspense, sound and silence in perfect union. It is quite natural that this follow-up lives up to the high standard of the first meeting in New York. Now with a deeper touch of Provence pastel and colours at dusk. You can think of every jazz writing cliche of praise, from „filigree“ to „elemental“, and be sure that Lovano, Crispell and Castaldi are breathing new life into it. After the first three pieces of pure baladry (written by soul, not by the book), the appearances of sound take more and more adventurous side steps, from moments of pianistic unrest and upheaval, to an exploration of metal and sound in Castaldi‘s drum figures. A zen-like purity‘s bold pairing with an adventurous spirit. The record delivers everything with grace, selflessness and the most nuanced sense of  tempo, time standing still and a flow of undercurrents. If this sounds slightly over the top, let the music take over, dim the lights and follow the tapestries!

 

2021 25 Jan

Lust und Schauder

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Als ich mich auf den Weg  machte, vom Parkplatz aus, etwa einen Kilometer von der Uwe-Düne entfernt, mit 52 Metern die höchste Erhebung von Sylt, sah der Himmel so faszinierend wie unheimlich aus, und da ich mich auf eine tiefdunkle Wolkenfront zulaufen sah, nicht unähnlich der, die vor Tagen über Mallorca zu sehen war, wandte ich mich an einen offensichtlich einheimischen Wanderer, mit der Frage, ob ich besser umkehren sollte. Er meinte, das wäre wirklich ein irrer Himmel, aber das meiste würde überm Meer abregnen. Ich ging also, halbwegs beruhigt (obwohl das nicht nur nach Regen aussah), weiter, den Pfad überm roten Kliff entlang, und dann, hinunter ans Meer. Von früh an fühlte ich mich von unheimlichen Wetterlagen angezogen, und kann Tornadojäger gut verstehen. Dann ging bald alles ganz rasch, und die letzten vierhundert Meter raste ich zum Auto, klatschnass von oben bis unten. Soviel zum guten Wetteronkel. Als ich einmal mit sieben, acht Jahren im Schwarzwald war, liebte ich es, mit oder ohne Revolvergürtel, in die Natur zu marschieren und mir wilde Abenteuer auszudenken. An einem Tag voller Regengüsse sprang ich in eine Pfütze nach der andern, kam in seltsam-sumpfiges Gelände und muss irgendwann vollkommen verdreckt ausgesehen haben. Auf dem Rückweg kam ich an meinem Lieblingsladen vorbei, und der Ladeninhaber schlug die Hände überm Kopf zusammen und wies mich an, bloss nicht mit meinen Klamotten an die Zeitschriften zu kommen. Ich versprach mich ganz vorsichtig zu bewegen, kaufte ein Rätselheft und einen Jerry Cotton aus der Bastei-Reihe. Und jetzt, nach dieser kleinen Wanderung, die mir  Freude und Schauder zugleich bereitet hat (einen alten Schauder), mache ich es mir bequem auf dem Bett mit einem guten alten Medoc, und James Crumleys Kriminalroman der Sorte „hard-boiled“, Der letzte echte Kuss.

 
 

2021 (33 albums)

1. Trio Tapestry: Garden of Expression /  2. Marianne Faithfull with Warren Ellis: She Walks in Beauty / 3. James Yorkston and The Second Hand Orchestra: The Wide, Wide River / 4. Nik Bärtsch: Entendre / 5. Mapstation: My Frequencies, When We / 6. Tindersticks: Distractions / 7. Sleaford Mods: Spare Ribs

 
 
Ancient (15 albums)

1. Tiziano Popoli‘s  Burn The Night / Bruciare la Notte: Original Recordings, 1983 – 1989 / 2. Brian Eno: Rams (it‘s „ancient“, this one, kind of, first release on RSD, August 2020, re-released now)

 

„Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ (Ernst Bloch)

„Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden.“ (Ernst Bloch)

 

Armin Laschet gleicht einer Schlaftablette, die kein Mensch braucht. Schon gar nicht als Kanzler. Er mag ja einiges von Angela M. kopieren, Niveau kann man sich leider nicht abgucken. Ein Beispiel von vielen: im letzten Jahr, als man bereits wusste vom Schutz der FFP2-Masken (das war kein Geheimwissen), schusterte er seinem Sohn einen millionenschweren Auftrag für Masken zu, die sogar weniger Schutz als die billigen blauen Masken bieten. Laschet Jr.‘s Masken gehen gerade  rum im Land – da ist nichts eingestampft worden. Armin hat es immer noch nicht verstanden. Er wird es wohl auch nicht verstehen, wenn er den (aus meiner Sicht) punktgenauen und voll die 12 treffenden Kommentar von Sebastian Fischer („Spiegel-Online“) liest. Wir brauchen weder Biedermänner noch Brandstifter. Eher schon kluge Köpfe, und „common sense“. Gut, dass es jetzt in Schleswig-Holstein (Neumünster) das erste Gefängnis für Quarantäne-Brecher gibt. Kein Witz. Wer asozial agiert: 14 Tage einfahren. Glückwunsch.

 

Gestern riss auf Sylt der Himmel auf, nach 10 Uhr morgens. Ich sah es aus den Augenwinkeln, als ich noch mit Rosato im Rosenhaus telefonierte. Im Sturm, eine halbe Stunde später, konnte ich mich fast gegen den Wind legen. Wellentosen und eine gleissende leere Flaniermeile wie ein Bild von Chirico. Es folgt der zweite Teil meines Privatfestivals aus der elektrischen Höhle, das mit John Coltranes „Blue World“ begann (s. Part 1). Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Bobo Stenson in den Neunziger Jahren. So wie Jan Garbarek seine kleine Offenbarung erlebte, als er in einem Schaufenster Coltranes „Giant Steps“ erblickte, hatte Stenson eine Geschichte mit einem anderen Album des Quartetts, „Ballads“. Meine Erinnerung an seine Erinnerung ist sicher lückenhaft: eines Tages, am Meer (ich nehme mal an, an einem Fjord), veranstalteten Bobo und seine Freunde eine Party. Es gab einen Anleger, Boote, Hochsommer, und ein kleines rotes Lagerhaus, in dem Bierkästen standen, es gab auch einen Plattenspieler. Jemand hatte die Platte „Ballads“ mitgebracht. Die Nadel senkte sich aufs Vinyl, die erste Ballade begann, und Bobo traute seinen Ohren nicht, und dann traute er seinen Ohren doch. Die Platte lief wieder und wieder. Und danach war das Leben etwas anders für Herrn Stenson.

 
 

 
 

Vierzehnter Januar. Und weiter ging es in meiner Sechs-Tage-Tour im home office: abseits journalistischer Gründlichkeit nur Musik hören, auf die ich grosse Lust habe. Trio Tapestry macht den Anfang des Tages perfekt. Und ich prüfte den Eindruck, den ich beim ersten Hören hatte: wie sich nach ruhiger Einstimmung das Feld der Töne auffächerte, ins Abenteuerliche hinein. Ich erweiterte den Text meiner englischen Besprechung: After the first three pieces of pure baladry (written by soul, not by the book, …)“ Phänomenales Album. Nachmittags dann Darjeeling First Flush, 0,5 l, die volle Dröhnung, und Joan Armatradings „Joan Armatrading“ aus dem Jahre 1976. In den Wochen, seit ich dieses überragend klingende Vinyl-Remaster bekam, habe ich das Album mir dem fein ausklappbaren Cover (und allen Lyrics dann gross vor Augen) etliche Male von vorne bis hinten gehört. Und nun wieder mit grosser Freude. Eine tolle Band, und eine „vocal performance“ ohnegleichen, in dieser nie angestrengt wirkenden Mischung aus Soul, Funk, Folk, Pop. Was so wie ein Gemischtwarenladen wirkt, ist aus dem berühmtem einen Guss.

 

Fünfzehnter Januar. Das darf man wohl eine „neue Lieblingsplatte“ nennen. Gab es mal in den Achtzigern (in Italien) zu kaufen. Verschwand dann. Zuletzt „reissue“ auf kleinem Label, dann wieder Sammlerstück. Kam nun morgens mit der Post aus Dänemark (hatte bei Discogs bestellt), und landete direkt auf dem Plattenteller. Gelbes Vinyl. „Scorie“, von Tiziano Popoli and Marco Dalpane. Anno 1985. Pop-Flair und Pop-Art treffen auf Experiment. Musik aus Zwischenzonen. Wahrscheinlich wurde Tiziano Popoli damals mal als „italienischer Eno“ bezeichnet. Auf jeden Fall gestaltet das Duo ein herrlich verspieltes und konzentriertes Stück avancierter und gesangsbefreiter Trancemusik ab. Absorbiert mich komplett. Tiziano Popoli widme ich eine ganze Stunde in den Klanghorizonten am 20. Februar, zwischen 5.05 und 6.00 Uhr. Das zweite Vinyl des Tages Don Cherry: Don Cherry, aka „Brown Rice“. Produced by Corrado Bachelli. Das Album erschien 1975 in Italien und wurde etwas später bei Horizon Records und mit neuem Cover nochmals aufgelegt. Charlie Haden und Frank Lowe sind mit dabei. Es ist für mich eines der besten Don Cherry-Alben, ein Meisterstück der „fusion music“, wilder als die nicht minder fantastischen, nachfolgenden drei Codona-Alben bei ECM. „Cherry’s hypnotic vocal whisper floating over squealing toy trumpet spirals and oily electric bass…“ Wo sind meine Space Cookies?

 
 

 
 

Sechzehnter Januar. Endlich traf auch Mats Eilertsens neue Arbeit aus Oslo ein. Neues Label. Und gleich mal ein Solo-Bass-Album. Der Titel: „Solitude Central“. Reduzierter noch als sein Auftritt beim letzten Punktfestival im Herbst 2020. Wann ist ein Solobassalbum als geglückt zu bezeichnen? Wenn man zwischendurch die Zeit vergisst. Habe ich. Und kurz vor Ende der solitären Performance lässt der Norweger die Stille explodieren. Kudos! Dann wusste ich genau, was folgen sollte: „The Esher Demos“. Das waren die Beatles unplugged, wie sie zuhause bei George Harrison die Songs des „Weissen Albums“ probten. Im Rahmen der aufwändigen Neuveröffentlichung des Doppelalbums erschienen diese „Demos“ erstmals, und mit hervorragendem Sound. Und es waren nicht einfach „Demos“. The most intimate home recordings ever. Und genau diese CD hatte sich in meinem Archiv versteckt. Doof. So kam es, dass mir „Power To Believe“ in die Hände fiel, ich legte die Surround-Fassung in der „Lossless“-Version auf, und bestieg mein kleines Raumschiff. 2003 kam das Teil erstmals raus, gemischte Kritiken. Die Surroundfassung zeigt, welch überragende Klasse das Werk des Doppel-Duos Fripp/Belew/Gunn/Mastoletto hat. Auch wenn Belew schon bessere Texte verfasst hat. Auch wenn die Ohrwürmer fehlen. Wer „Thrakk“ und „Discipline“ liebt, kann es hier krachen lassen – und staunen. 

 

Nachklang: „Bengt Berger paints a picture of Cherry as one who functioned on a level completely beyond most other musicians; he carried a pocket-sized transistor radio with him wherever he went, listening to music from the world over, practicing tunes from Turkish folk music to the Beatles constantly and incorporating them into his suites. Often, Cherry would show up to concerts and rehearsals playing his wood flutes and with a slew of newly-found songs committed to memory, leading the affably game ensemble through an hour-long suite, the themes of which may or may not have been known beforehand.“ (Clifford Allan) 

 
 

„Geschichte einer Nachtwanderung“ (ein Essay mit Musik für eine „Nahaufnahme“ der Radionacht Klanghorizonte)

“Einführung ins Birding für Ahnungslose“ (mit einer „birdwatcherin“ unterwegs auf Sylt) – für einen Artikel in einer bekannten deutschen Zeitschrift; wird hier auf dem Blog nicht weiter erwähnt, könnte aber den Rahmen bilden der „Nahaufnahme“ im DLF)

Interviews vor- und aufbereiten mit James Yorkston, Cory Hanson, Nik Bärtsch, und Stefan Schneider („Mapstation“)

Flaschenpost aus der Sansibar („doing some red wine testing and writing“)

 

 
 

1

 

Bevor vor vielen Jahren das Manafonisten-Treffen auf Sylt stattfand, kontaktete ich ein norwegisches Duo aus der free improv-Szene, das sich „The Sheriffs of Nothingness“ nannte. Sie bekundeten grosses Interesse an meiner Idee, vor den Manafonisten aufzutreten, direkt am Meer, an einem Strand in Rantum. Als es konkret wurde, kamen sie mir beim Preis entgegen, und es deutete vieles darauf hin, dass Sylt ein ziemlich wildes Konzert erleben sollte, fernab gediegener kultureller Übereinkünfte. Das Duo machte seinem Namen nämlich alle Ehre. Natürlich wäre ein kleiner Artikel in der Inselgazette erschienen, und hätte den kleinen Kreis der Zuhörer um einiges vergrössert. Dass es letztlich nicht stattfand, lag einfach darin, dass sich einfach zu wenige Manas für ihre Musik erwärmen konnten. Ich mochte die Vorstellung, wie die Sounds von Wind und Wellen sich mit den Violinen- und Violatönen vermischt hätten. Aber nur bei wenigen wäre wohl der Funke übergesprungen, und etwas Berauschendes entstanden. Andererseits – wer weiss?!

 


Ich liebte Diana Ross und „The Supremes“. Wenn die Anfangsakkorde von „Stoned Love“ einsetzen, ist das so sinnlich. Es ist wie ein Orgasmus. Man kann die Wellen der Emotionen spüren, die aus dem Song kommen. Es ist, als ob du da stehst und das Meer über dich kommt … you’re getting embraced by an electronic sea of vibes … Ich kaufte früher die Motown-Compilations, vielleicht habe ich ihn auf einer davon gehört. Du lagst im Bett, hattest die Kopfhörer auf und dachtest, das ist einfach unglaublich. Es war einfach eine erstaunliche, gefühlvolle Erfahrung. „Stoned Love“ ist wie eine Verführung.

(Steve Diggle, once upon a time member of punk pioneers  Buzzocks)

 

 
 

Zwei im Lockdown entstandene Solowerke („Mapstation“ & Mats Eilertsen) bilden den Rahmen der  ersten Stunde voller Neuerscheinungen. Passagen aus meinen aktuellen Gespräch mit James Yorkston werden zu hören sein. Es geht um Trauer, Beerdigung, Suizid. „You chose the happy songs“, sagt Yorkston mit einem Schmunzeln. An einer Stelle bringt er in einem Satz die Musik von „Neu!“ und „Veedon Fleece“ unter. Es ist gar  nicht verkehrt, im Vorfeld der Radionacht das erste Album von Rother / Dinger hervorzuholen, gerne auch das zweite, sowie die Arbeit von Van Morrison, dessen Cover eine irische Landpartie mit Hunden suggeriert (immer einer meiner Favoriten von Mr. Morrison.) Zwei Gedichtbände ganz unterschiedlicher Art von Martina Weber und Dana Ranga spielen ebenfalls eine Rolle, in passendem Umfeld von „Sternzeit“ und aktuellen Veröffentlichungen von Ecm und Eno („Rams“). Ein Finne spielt Kandinsky, ein Australier singt in Wellen. Zwei Filmempfehlungen, „Lovers Rock“ und Red, White and Blue“, beide von Steve McQueen, bilden den Rahmen einer besonderen Zeitreise in der diesmal nur vierstündigen Ausgabe der Klanghorizonte am 20. Februar. Nichts Ausführliches, alles en passant, und doch, im besten Falle, unvergesslich. Peter Bradshaw ist leider verhindert. Augustus Pablo und Al Green werden zu hören sein, in einem „akustischen Mandala“ (Olaf Westfeld) für den Cellisten David Darling, der am 8. Januar in Connecticut starb. In einer weiteren Zeitreise werden einige Hörer Tiziano Popoli entdecken und sich fragen: warum erst jetzt? Für genug Überraschungen wird gesorgt sein. Wie die Welt am 20. Februar aussehen wird, kann ich nicht vorhersehen. 

 

Vor Sylt erreichen mich Fotos von überfüllten Pendlerzügen und wg. steigender Covidzahlen abgesagter Gemeindesitzungen in Wenningstedt. Die Insel ist also kein so sicherer Ort mehr, aber ich werde eh nur pendeln zwischen den einsamsten Stränden, meinem Rosenhaus, und der Futterstelle Rantum-Süd. Von Claudia K. Lasse ich mich in Sachen Nachtwanderung briefen. Meine Kontakte treffe ich ohnehin maskiert im Freien, und wie schön, dass ich auch eine Einführung ins „birding“ erhalte. „Herr Engelbrecht, das war doch schon ein Anfang: sie nahmen das Konzert der morgendlichen Schreihälse auf.“ Genau, Madame. Und legte später dazu im Funkhaus David Hollands Ohrwurm „Conference of the Birds“ auf. Die Anreise mit dem schwarzen Flitzer am 20. Januar. Bis dahin ist noch etwas Zeit. Ich schaue auf die webcam der Strandpromenade. Huch, so leer – ich dachte heute morgen wäre Kurkonzert.

 
 

 
 

Elfter Januar. Wieder daheim, von meinem Krankenhausaufenthalt in Essen, der eine recht entspannte Woche für mich bereithielt, hatte ich, als es dunkel wurde, John Coltranes „Blue World“ aufgelegt, das einzige Album des berühmten Quartetts, das ein Soundtrack sein sollte. Diese „blaue Welt“ wurde erst vor wenigen Jahren ans Licht befördert, und fordert kein einziges bewegtes Bild, um Wirkung zu erzielen. Nach den Tagen in gewisser Abgeschiedenheit war ich endlich wieder in meiner elektrischen Höhle, und suchte mir sehr, sehr, sehr gut aus, was ich an Alben ganz und gar bewusst, mit Ohren gross wie Scheunentore, in mich aufnehmen wollte.

 

Zwölfter Januar. Was hörst du jetzt, was tut dir in dieser Stunde saugut? Ganz sicher, wenn dich Sleaford Mods aus dem Abgrund angucken, während du gerade in ihn hineinblickst. Hier gibt es keinen Trost, ausser an ihrer gnadenlos harten Sprache teilzuhaben, ihrem runtergebrochenen knochentrockenen Sound. Let’s call it furious absurdismHeute morgen folgte ich dem Gebell ihres Albums „Eton Alive“. Ziemlich grossartig. How kraut can you get? Die Brüder Diaz und Diaz aus Tucson, Arizona, haben sich mit ihrer Band Trees Speak nicht gerade zu verschwindend kleinen Teilen dem teutonischen Krautrock verschrieben. Ihre Kunst auf „Shadows Form“ besteht allerdings darin, mit jedem Track eine komplett andere Szenerie zu inszenieren. Sie arbeiten dabei nie die alten Gebrauchsanweisungen ab, betreiben interessante Geräuschforschungen, und lassen so manche Hörererwartung dezent ins Leere laufen. Diese Epigonen sind erfinderisch.  Toll produziert auch, die Veröffentlichung von Soul Jazz Records.

 
 

 
 

Dreizehnter Januar. Weiter geht es mit meinem ganz privaten Seelenfuttterfestival. Aus Australien kam mit der Post Unerwartetes. Das Pianosoloalbum „Appearance“ von The Necks-mastermind Chris Abrahams. Zwei lange Stücke, die sich Zeit nehmen, von Wellenkamm zu Wellenkamm. Grosse Ruhe, feine Spannung. Nachmittags war Billies Stunde. Hatte mich M. Wards Homage an „Lady in Satin“ (1958) ein ums andere Mal fasziniert, war nun Zeit für das Original, das ja auch Robert Wyatt in sein Herz geschlossen hat. Ich bin überrascht, wie gut dieser alten Produktion das Remastering getan hat. Am Abend hatte ich einen Deal mit Augustus Pablos „Rising Sun“. Ein warmer Sound vom Allerfeinsten. (Wäre  Bo Hanson Rastafari gewesen, er hätte vielleicht so geklungen – ein reichhaltiges Reggae-Instrumentalalbum – es findet sich auf der Doppel-Cd „Ancient Harmonies“, mit weiteren drei Produktionen des Augustus Pablo, aus den Achtziger Jahren, als moderne Sounds  bei ihm freundlich um Einlass baten.) 

 

Nachklang (Was Mr. Suggs von Madness zu Augustus Pablos berühmestem Album King Tubby meets Rockers Uptown erzählte): „Es ist einfach zeitlose Space-Age-Musik. Musik, die mit so wenig Technologie aufgenommen wurde, und doch klingt sie so technologisch. Sie ist spontan aufgenommen und spontan abgemischt, und doch klingt sie, als wäre sie arrangiert worden, von viertausend Produzenten, vier Millionen Trevor Horns. Aber es waren nur zwei Kerle, die Fader hoch und runter schoben, mit ein paar Raumechos. Es ist ein erstaunlicher Sound, und es ist erstaunlich, was sie in Jamaika gemacht haben, besonders Leute wie Lee Perry und King Tubby. Klanglich haben sie die Musik verändert. Damals war es ziemlich schwierig, an sie heranzukommen: Es gab einen Laden in Finsbury Park, der ein ziemlich bedrohlicher Ort war, wenn man ein junges, pickeliges, hautkrankes Kind war. Ich erinnere mich, dass Johnny Rotten dort hinging, aber ich glaube, er war ein bisschen furchtloser! Aber es gab Hauspartys, auf denen man ein bisschen davon hörte, und es verbreitete sich in Läden wie Rough Trade und im Rock On in Camden Town, und am Ende lieh man sich eine Menge Platten, die man nie zurückgab …“

 
 

Stefan Schneider ist ja, glaube ich, Altdüsseldorfer, und kennt die Stadt und ihre Musikgeschichte bestens, auch als Teil von Kreidler und To Rococo Rot. Als ich vor wenigen Tagen in der Online-März-Ausgabe von Uncut eine feine Besprechung seiner neuen, Ende Februar erscheinenden „Mapstation“-LP/CD las, spürte ich Vorfreude. Kreidler und To Rococo Rot betrieben stets eine ruhige, im besten Sinne eigensinnige, Variante post-(kraut)rockiger Soundforschung, in der eine angenehme Sachlichkeit der Fantasie auf  die Sprünge half, kein wildes trance-jamming. Sollte  Jan (Reetze) seinem tollen Buch „Times & Sounds – Germany‘s Journey from Jazz and Pop to Krautrock and Beyond“ je einen Nachfolger angedeihen lassen, über die Nachfahren der Pioniere des Klangkrauts made in Germany – Stefan Schneider könnte ein grösseres Kapitel gewidmet werden! Mit Roedelius hat er ja schon vor Jahren zwei überzeugende Alben aufgenommen, und 2015 erschien bei Bureau B „Shadow Documents“, seine Zusammenarbeit mit dem Perkussionisten Sven Kacirek, eine spezielle Bearbeitung und Verwandlung vornehmlich kenianischer Grooves. Zudem ein Album mit überragendem Sound. Dass da auf einem Stück ein Musiker mitwirkte, der noch den Achtziger Jahren an der Seite Fela Kutis auf der Bühne stand, war zusätzliches Aufhorchen wert. Viele seiner Alben fanden in meinen Klanghorizonten ihren Platz, und seinem Mapstation-Projekt „My Frequencies, When We“ wird es am 20. Februar kaum anders ergehen, wenn die Klanghorizonte ausnahmsweise erst um 2.05 Uhr beginnen, und dann, wie gewohnt, bis 6.oo Uhr gehen (Mapstation und Mats Eilertsen werden die erste „Nachtwache“ eröffnen und beschliessen, zwei Lockdown-Soloalben). Jon Dale merkt an: „These patient miniatures are often suggestive, working carefully (but not without risk and improvisation) to explore a series of juxtapositions. A song like “Flute Channels” is compelling in its understated, inquisitive energy; “The City In”, featuring a rare appearance of Schneider’s vocals, is a gorgeous sepia-toned pop sketch.“ Da ich selber öfter in Düsseldorf bin, wäre es mal an der Zeit, Stefan Schneider zu treffen, vielleicht, wenn das Schlimmste überstanden ist, und wir draussen auf den Sitzplätzen des „Curry House“ wieder entspannt zu den schiefen Häusern hochschauen können.

 


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