Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2021 7 Apr

Käsebier

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In den 1920er Jahren gab es im Norden Berlins „Carows Lachbühne“. „Und lassen ein infernalisch-langes Programm über uns ergehen: Steptänzer; eine sehr gute Akrobatengruppe; ein unsägliches Melodram, in der umfangreichen Hauptrolle die ebensolche Frau Direktor; ein Kritiker, über den das Publikum jucheit … Das Publikum freut sich überhaupt über alles, am meisten die Frauen, bei denen der Analhumor jeden anderen hinreichend vertritt,“ schrieb Tucholsky über diese Bühne. Nun kenne ich mich in den 1920ern ganz gut aus, und immer wusste ich irgendwoher, dass Erich Carow wohl das Vorbild für eine Romanfigur gewesen ist, habe aber nie herausfinden können, für wen und was für ein Roman das gewesen sein soll. Ich weiß es jetzt, und ich weiß nun auch, dass die Autorin Carow nicht als Vorbild beabsichtigt hatte. Die Presse klebte dem Roman aus Reklamegründen das Etikett „Schlüsselroman“ an, und Carow wurde den Käsebier nie mehr los.

Um dieses Buch nämlich geht es: Käsebier erobert den Kurfürstendamm, geschrieben 1931 von Gabriele Tergit. Die Geschichte beginnt im Winter 1929. Ein Reporter der „Berliner Rundschau“ sieht in einem Berliner Vorstadtkabarett in der Hasenheide den nicht unbegabten, aber durchaus mittelklassigen Volkssänger Georg Käsebier, und weil er sich in seiner Redaktion hocharbeiten möchte, schreibt er Käsebier zum Megatalent hoch. Damit tritt er eine Lawine los, die gesamte Presse steigt darauf ein und schießt Käsebier in die Umlaufbahn. Seine Auftritte sind ausverkauft, Karten werden schwarz gehandelt, eine Tournee startet, die Märkte werden geflutet mit Käsebier-Biografien, Fotobänden, Zigaretten, Puppen, Schallplatten, Ufa-Filmen. Das Ganze gipfelt darin, dass ihm ein eigenes Theater am Kurfürstendamm gebaut wird, mit Garagen, Läden und Wohnungen.

Die sich allerdings als völlig verbaut, am Bedarf vorbei entworfen und deshalb unvermietbar herausstellen. Und nach einem Jahr ist Käsebiers Höhenflug ohnehin beendet, er ist so schnell aus der Mode geraten, wie er Mode wurde. Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass das Theater am Ende abgerissen wird, Käsebier unerkannt in Kneipen auftritt, Handwerker pleite sind, die „Berliner Rundschau“ zu einem Krawallblatt modernisiert worden ist, das eingestellt wird — während der Geschäftsmann, der das angerichtet hat, schon wieder mit gutem Gehalt woanders im Trockenen sitzt. Man kennt diese Mechanismen, sie unterscheiden sich nicht sehr von den heutigen.

Aber das alles ist nur der rote Faden, der Witz des Romas liegt anderswo. Gabriele Tergit war Gerichtsreporterin des „Berliner Tageblatts“, damals eine der großen Berliner Tageszeitungen mit einer Viertelmillion Auflage, zweimal täglich erscheinend. Sie hat in diesem Buch das Kunststück fertiggebracht, alle möglichen Typen geradezu glashart und trotzdem mit großer Sensibilität zu portraitieren — die berühmten „Schöneberger Witwen“, die in ihren 12- bis 14-Zimmer-Wohnungen leben, von denen sie allerdings aus finanziellen Gründen schon zehn untervermietet haben, die Redaktionskollegen (zwei davon sind unmittelbare Denkmäler von Kollegen Tergits), das gesamte Geschwerl, das immer dort ist, wo die politische Stimmung und die Gewinnerwartung hintendiert, der kleine Unternehmer, der durch die Fehler anderer so verschuldet ist, dass ihm nur noch die Pistole bleibt, die großspurigen Mini-Goebbels, die ganz klein werden, wenn es gilt, Farbe zu bekennen, die fast schon zynischen gebildeten und gelangweilten Mittdreißigerinnen mit Doktortitel, die auch mit Körpereinsatz arbeiten, um geheiratet zu werden. Aber nicht immer ist das Zynismus. In der Person Käte spiegelt Tergit eine enge Freundin, und man versteht, wie jemand so wird. Der zunehmende, schleichende Antisemitismus, die dunklen Wolken am Horizont, die sich ausbreitenden Nazis, sie sind da. Nicht als Hauptthema, sondern als Bestandteil des Alltags und des Berufs. Und wer will, lernt in diesem Buch präzise, wie damals eine Zeitung gemacht wurde, von der Redaktionshierarchie bis zum Metteur (weiß noch jemand, was ein Metteur war?).

Das Faszinierende dabei ist, dass Tergit durchgehend über die fast 380 Seiten fast ausschließlich Dialoge einsetzt. Dabei trifft sie das Vokabular und die Sprechweise der diversen Typen und Charaktere punktgenau — das lernt man wohl bei Gerichtsverhandlungen, aber man muss auch ein Ohr dafür haben, und das hatte sie. Dass es bei diesem Endlosgerede manchmal zu Längen kommt, ist klar, macht aber nichts. Es dauert ein bisschen, bis man die Fäden beieinander hat, aber ab dann läuft man die Strecke mit und genießt, wie genau man fast die Stimmen hört. Die Trauerrede für die an Tuberkolose gestorbene zwölfjährige Tochter einer Kollegin wird in voller Länge wiedergegeben, man weint am Ende fast mit — merkt aber dann zunehmend, dass der Redner, der kurz zuvor im Zuge der Modernisierung der „Rundschau“ gefeuerte altgediente Redakteur Miermann (einer der beiden Redaktionskollegen, denen Tergit ein Denkmal gesetzt hat) hier gleichzeitig sein eigenes Testament verliest. Denn kurz darauf fällt er auf der Straße tot um, und obwohl er nie aktiv religiös war, fallen ihm als letzte Worte ein: „Schmah isroel, adonoi elohenu adonoi echod.“ Und man möchte die Figuren, die sich dann auf seiner Beerdigung in seinem Licht sonnen, mit dem Waschlappen erschlagen. — Tergit selbst hatte wohl ein wenig Skrupel wegen der Häufung jüdisch klingender Namen in dem Roman, aber die Lektorin überzeugte sie davon, daran nichts zu ändern, und ich denke, sie hatte recht. Tergit dürfte ohnehin gewusst haben, wovon sie sprach. Ihr wirklicher Name war Elise Hirschmann, sie schrieb auch für die „Vossische Zeitung“ und die „Weltbühne“ und landete nach einem ihrer Prozessberichte auf der Gegnerliste der Nazis. 1933 überfiel die SA ihre Wohnung. Sie ging mit Mann und Sohn dann zunächst ins Versteck, später ins Exil.

Verblüffend ist die Radikalität, mit der Tergit gegen Ende des Romans alles, aber wirklich alles, zu Bruch gehen lässt. Und das alles ist (fast) immer logisch und der Wirklichkeit abgelauscht. Meine Top-Bücher, die diese Zeit wiedergeben, waren und sind bis jetzt Erich Kästners „Fabian“ (ich empfehle die rekonstruierte Originalfassung, die vor ein oder zwei Jahren unter dem von Kästner ursprünglich vorgesehenen Titel „Der Gang vor die Hunde“ erschienen ist), und Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“. Zukünftig wird Gabriele Tergits Roman bei mir in derselben Reihe stehen, und ich werde ihn nicht zum letzten Mal gelesen haben.
 
 

 

2021 19 Mrz

Chemtrails

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Seit ungefähr zehn Jahren rätselt die Popwelt, was sie ist: eine Kunstfigur oder ein real existierendes Wesen. Wenn jemand sein Pseudonym aus einem amerikanischen Autoklassiker (Ford Del Rey) ableitet und von einer Schauspielerin (Lana Turner), von der niemand so genau sagen könnte, ob sie mehr Schauspielerin oder mehr Pin-Up-Model war — kann so jemand real sein? Um so schwieriger wird die Angelegenheit, wenn man liest, dass dieses halb irreale Wesen sehr konkrete Meinungen hat und — noch schlimmer — sie auch vertritt.

Sicher ist, dass dieses Wesen Tonträger besingt. Und wer sich einen Albumtitel wie Chemtrails Over the Country Club einfallen lässt, hat meine Sympathie sicher. Das Album ist erstaunlich zurückgenommen — kaum Schlagzeug, sparsame Instrumentierung, knarzende Gitarrensaiten, schwere Klavierakkorde, einige seltsame Klangeffekte, dazu empfängt einen gleich im ersten Stück ein eigenwillig gequetschter Kopfstimmengesang. Ich habe die Platte erstmals gestern spätnachts im Kopfhörer gehört, und ich war sofort drin. Lana Del Rey ist in dem, was sie macht, sicherer als jemals vorher, ihre Melodien haben eine sofort erkennbare Handschrift, und selbst, wenn sie einen Song covert — hier Joni Mitchells „For Free“ vom Album Ladies Of the Canyon –, macht sie ihn sofort zu ihrem eigenen. Als würde sie selbst im Laurel Canyon wohnen.

Yosemite“ ist mein Favorit, aber alles auf diesem Album ist relativ.

Was also nun, Kunst oder real? Das Rätsel bleibt ungelöst. Gut so.

2021 12 Mrz

Let Me Tell You What I Mean

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Vor fast auf den Tag genau drei Jahren habe ich auf Joan Didions „South and West“ hingewiesen. Das Buch ist heute noch so empfehlenswert wie damals.

Nun liegt ein neues Werk von ihr vor, ein Essayband, der zwölf durchweg bereits veröffentlichte Beiträge aus den Jahren zwischen 1968 und 2000 versammelt. An Werke wie das erwähnte „South and West“, in dem es um die Südstaaten geht, oder „Slouching Towards Bethlehem“, das auf eine desillusionierende Weise die Hippiekultur San Franciscos zerlegt, kommt „Let Me Tell You What I Mean“ leider nicht heran. Dem Buch fehlt der rote Faden, manche der Essays sind für mein Gefühl schlicht langweilig, ließen mich mit der Frage „Warum erzählt sie mir das?“ zurück, und ich glaube, dass sie das manchmal auch selbst nicht weiß. Didions Schreibstil ist nicht einfach, ihre in Teilen sehr langfädige und zerfahrene Erzählweise macht den Einstieg nicht leichter, man muss schon einige Konzentration aufbringen, um nicht aus dem Text zu fallen. Mir ist manches auch zu selbstreflektierend, etwa „Why I Write“ — ja mein Gott, täte sie’s nicht, würden wir halt etwas anderes lesen, und die Welt würde sich noch genau so drehen.

Interessant wird die Lektüre aber dann, wenn sie einen Anknüpfungspunkt an eigene Interessen bietet oder satirisch, ironisch oder einfach witzig ist. Letzteres ist eindeutig nicht Didions Stärke, es kommt aber vor. Ihre Story über Nancy Reagen ist so eine, oder „Some Women“ über die Frauenfotos von Robert Mapplethorpe. Auch der Text über das Gefühl, das sich einstellt, wenn einen das College seiner Wahl ablehnt, ist leicht nachvollziehbar. Alles in allem aber ist mir das aber für ein Buch ein wenig zu dünn.

„Let Me Tell You What I Mean“ schleppt ein 35 Seiten langes Vorwort mit sich herum, das so tun möchte, als sei dies ein unglaublich wichtiges Buch. Zudem steht am Ende des Buches der Hinweis, man habe das Buch in einer alten, wiederausgegrabenen Schrifttype namens „Didot“ gesetzt (zwischen den Zeilen soll man wohl lesen: zu Ehren der Autorin). Die Schrift gehört offensichtlich zur klassischen Bodoni-Familie — eigentlich eine schöne Buchschrift, aber sie darf nicht zu klein sein und braucht viel Luft um sich herum. Dafür hat dieses kleinformatige Büchlein aber zu wenig Platz, und so flimmern einem nach einer Weile die Augen.

Joan Didion bleibt aber, das sei klar gesagt, eine wichtige Stimme, wenn es um Entwicklung und Zustand der USA geht. Sie hat da einen sehr scharfen, sezierenden Blick. Zeit, einmal wieder in „Slouching Towards Bethlehem“, „South and West“ oder „The White Album“ hineinzuschauen.

2021 27 Feb

Album

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Nick Cave ist nun eindeutig bei seinem Alterswerk angekommen. Da wird sich nichts Wesentliches mehr ändern. An “Idiot Prayer” kommt “Carnage” nicht ganz heran (ich prophezeie, dass ihm das mit keinem Album mehr gelingen wird), aber wenn er dieses Level hält, dann werden wir noch so manches gute Album von ihm hören dürfen.

 

 

official trailer

 
 
 
Manchmal lohnt sich Netflix ja doch. Ohne wäre mir beispielsweise Fran Lebowitz entgangen, und das wäre schade gewesen. Dabei liegt seit Monaten ein Buch von ihr aus dem Bestand meiner Liebsten auf dem „Noch-zu-lesen“-Stapel.

Wer sie nicht kennt: Fran Lebowitz ist eine jüdisch-lesbische New Yorker Essayistin und Romanautorin, gelegentlich trat sie auch als Richterin in TV-Courtshows in Erscheinung. Ihre Karriere begann sie als Mitarbeiterin von Andy Warhols Magazin Interview. Mit Warhol selbst kam sie nicht klar, doch das hat ihrer weiteren Karriere nicht geschadet. Diese Frau lebt nicht nur in New York, sie ist New York. Und genau das zeigt diese Netflix-Serie, die von Martin Scorsese aufs Gleis gesetzt wurde. Teils vor Publikum, teils im Gespräch mit jeweils nur einem Gegenüber, auf großer Bühne, in einem Club, in einer Bibliothek, ergänzt um diverse Ausschnitte aus verschiedenen Talkshows, erzählt Fran Lebowitz von ihrem New York. Immer redet sie klare Kante, immer schlagfertig, und nie verfehlt sie eine Pointe. Die sieben jeweils 30-minütigen Teile behandeln
 
 

  • New York
  • Cultural Affairs
  • Metropolitan Transit (über die New Yorker Subway)
  • Board of Estimate
  • Department of Sports & Health
  • Hall of Records
  • Library Services

 
 
Dazwischen wandert Fran Lebowitz durch Manhattan. Da packt einen die Sehnsucht, die Pest möge endlich von uns genommen werden — Pretend It’s a City wurde noch vor Covid gedreht. Nach einer Weile merkt man, dass es weitgehend immer dieselben Bilder sind, aber das schadet nichts. Außerdem spaziert sie in einem riesigen Modell-New York umher. Das alles ist hoch unterhaltsam, manchmal allerdings schwer zu verfolgen, denn Fran spricht in einem Höllentempo. Schlicht nervtötend nach einer Weile ist Scorsese, der sich deutlich zu oft selbst ins Bild setzt und vor allem jeden, aber auch wirklich jeden, Satz von Fran ausgiebig belacht, idealerweise schon, bevor sie ihn zu Ende gesprochen hat. Irgendwas ist ja immer.

Um auf die gute alte Würfelbewertung aus dem Gong zurückzugreifen:
 
 

 
 
Und jetzt werde ich mich um das Buch kümmern.
 
 

2021 2 Feb

Umpf

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Als Kinder hatten wir ein Spiel, gern in der großen Pause auf dem Schulhof gespielt, aber auch anderswo, und manchmal auch allein: irgendein beliebiges Wort so lange laut zu wiederholen, bis es jeden Sinn verloren hatte und nur noch ein einziger albern klingender Buchstabensalat war.

Inzwischen geht es mir schon so, wenn ich ein Wort höre, das mit „impf-“ beginnt.

Impf, impf, impf … Was für ein blödsinniges Wort.

Umpf.

 

März

 

Albums (12):

7. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (März)
9. Nick Cave & Warren Ellis: Carnage (Februar)
10. Konstantin Semilakovs: Alexander Scriabin — Couleurs Sonores (Januar)

 

Re-Issues (12):

3. Dave Pike Set: At Studio 2, March 11, 1971 (Februar)
5. Gentle Fire: Explorations (1970-1973) (Januar)
0. (März)

 

Wiederentdeckt:

801 Live (1976) (Januar)
Cat Mother & The All Night Newsboys: The Street Giveth … And The Street Taketh Away (1969) (Februar)
Albert Mangelsdorff: Three Originals (The Wide Point, 1975; Trilogue, 1977; Montreux, 1980) (März)

 

2021 23 Jan

Rams 2

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Der Braun SK-61 von 1956, eine Radio- und Phonokombination, volkstümlich damals auch „Schneewittchensarg“ genannt.

 

Der Braun T-1000 von 1963, der Kurzwellenempfänger, der in keiner Botschaft und bei keinem Top-Spion fehlen durfte.

Zwei Beispiele für Designs von Dieter Rams. Geboren 1932 in Wiesbaden, wollte er zunächst Architekt werden, landete aber dann eher zufällig im Industriedesign. 1955 trat er in die Produktgestaltung der Firma Braun ein, 1961 übernahm er deren Leitung. Jeder hat Designs von Dieter Rams schon gesehen. Seine Formensprache beruht auf radikaler Reduktion auf das Wesentliche, auf Langlebigkeit, und auf einem ausgeprägten Sinn für praktische Benutzbarkeit, vom Rasierer über die Saftpresse bis zum Regalsystem — „gutes Design ist so wenig Design wie möglich“ lautete eine seiner Maximen, die heute an jeder Kunsthochschule gelehrt werden.

Das Braun-Design wurde auch im Ausland so bekannt, dass Rams dort irgendwann als „Mr. Braun“ durchging. Es funktionierte, weil die Gebrüder Braun voll hinter ihm und seinem Team standen (das übrigens rein männlich war — damals war das normal und wurde von niemandem hinterfragt). Das ging gut, bis 1967 die Firma Braun von der Gillette Company übernommen wurde. Ab da hatte Rams immer weniger Rückhalt für seine Designphilosophie. Die Designs sollten saisonweise gewechselt werden, auch das Braun-Logo sollte in Riesenklotzbuchstaben auf den Produkten erscheinen. Klar, dass besonders Letzteres jemandem wie Rams nicht gefallen konnte („Wenn Sie sich einer Person vorstellen, schreien Sie dann?“), und so verstärkte er seinen Nebenjob als Möbeldesigner für die Firma Vitsoe. Dieser Name war mir neu, wenngleich Möbel dieser Firma auch wieder jeder bereits gesehen hat. Auch Rams‘ Türklinken der Firma FSB dürfte jeder schon in der Hand gehabt haben. Zwischen 1981 und 1997 lehrte Rams Industriedesign an der HfbK in Hamburg. Insbesondere Apple dürfte einiges von ihm gelernt haben.

 

 

Nun gibt es einen 75-minütigen Portraitfilm über Rams, hergestellt von dem Dokumentarfilmer Gary Hustwit, der Designfreaks spätestens seit seinem Film über die Schriftart Helvetica (2007) bekannt sein dürfte. Der Film ist ein Crowdfunding-Projekt von 2019 und begleitet Rams durch einige Stationen seines Lebens, zeigt Produkte, Weggefährten, aber lässt ihn vorrangig selbst zu Wort kommen, sowohl über seine eigene Arbeit wie auch über die Arbeiten einiger seiner Kollegen — etwa Ettore Sottsass, dessen knallrote Valentine noch heute Rams‘ Schreibgerät ist. Einen Computer sieht man nicht bei ihm, obwohl ich sicher bin, dass er auch damit umgehen kann. Wichtigster Drehort ist das Arbeitszimmer in Rams‘ Haus im hessischen Kronberg. Haus und Garten sind Teil einer Werkssiedlung von Braun, an deren Gestaltung er selbst beteiligt war — auch wenn er damit nicht ganz zufrieden gewesen zu sein scheint.

 

 

Relativ früh bereits hat Rams über Umweltaspekte seiner Produktgestaltung nachgedacht, und oft merkt man das den Produkten auch an. Nicht immer ganz einverstanden bin ich mit Rams‘ Ansichten über die heutige Zeit. Für einen hellen Geist wie ihn kommen mir manche seiner Einwände recht eng gedacht vor; etwa seine Auffassung zu Leuten, die permanent auf ihr Handy starrend durch die Straßen laufen und dabei Bilder wahrnehmen, die in deren Köpfen nicht mal hängenbleiben. Nicht, dass ich solche Leute nicht auch ein bisschen albern fände — aber sollte einem Designer von seinem Format nicht selbst klar sein, dass diese Leute eine bestenfalls temporäre Erscheinung sein werden? Ich jedenfalls bin sicher, dass die heutigen Handys in fünf oder zehn Jahren (man nagele mich bitte nicht auf eine Zahl fest) aus dem Stadtbild verschwunden sein werden. Dann nämlich werden sie zum integralen Bestandteil unserer Kleidung geworden sein.

Die optische Gestaltung des Films ist sympathisch an Rams‘ ästhetische Auffassungen angepasst, kein Grafikelement ist überflüssig. Die DVD- oder Blu-ray-Version kommt als Teil eines 80-seitigen Buches im Format 16 x 17 cm daher. Der Regionalcode ist 0, der Film sollte also überall laufen. Der Film ist auch online abrufbar, dann allerdings ohne die 30 Minuten Bonusmaterial, das die DVD bietet und das teilweise nicht weniger interessant ist als der Film selbst. Die Sprache ist durchweg deutsch, einige Aussagen sind englisch. Durchgehend sind alle nicht-englischen Passagen untertitelt.

Die Originalmusik des Films ist von Brian Eno. Zum Record-Store-Day wird der Soundtrack als Vinylalbum erscheinen. Die Musik hat gewohnte Eno-Qualität, ohne in irgendeiner Weise besonders auffällig zu sein. Auch für Eno gilt bekanntlich Rams‘ Motto: Less but better.

 
 
Weiter in der Asmus-Tietchens-Chronologie: Irgendwann 1982, zwischen den Sky-LPs Spät-Europa und In die Nacht, erschien auf dem amerikanischen Cassettenlabel Aeon die Musik im Schatten. Die Auflage ist nicht bekannt; mein Tipp: nicht mehr als zehn. Mit etwas gutem Willen kann man das Produkt mit Musik aus der Grauzone (1981) und Musik an der Grenze (1982), beide ebenfalls Cassettenproduktionen, als Teil einer Werkgruppe auffassen.

Die fünf Tracks sind harte elektronische Kost, hervorgebracht auf dem Moog Sonic Six, gelegentlich mit kurzen, durchweg durch den Synthesizer und den Filteraltar gedrehten Sprachsamples erweitert. Verständlich ist dabei nur das Wort „selbst“, zu hören in dem Stück „Du darfst“, das wohl nach der gleichnamigen Margarinemarke benannt ist und ähnlich glitschig klingt. Alle fünf Stücke sind akustisch bewusst aufdringlich und schrill gehalten, es gibt kaum Pads, kaum Ruhepunkte und nur wenige angedeutete Melodien. In „Nosferatu“ hören wir elektronisch imitierte Mickymaus-Stimmen, die ein wenig an „Stressmen“ vom Biotop-Album erinnern. Tietchens-typisch ist aber auch auf dieser Einspielung der ökonomische Umgang mit dem Material — nie sind es mehr als vier Schallquellen gleichzeitig, die man hört. Deswegen konnte Tietchens auch immer auf die Möglichkeiten des programmierbaren Mischpultes verzichten, das in Okko Bekkers Audiplex-Studio vorhanden war.

Es ist kein Vergnügen, sich diese Cassette anzuhören; auf mich wirkt die Einspielung „zusammengehauen“ und nicht wirklich interessant. Im Gesamtwerk Tietchens‘ wird man die Musik im Schatten wohl als entbehrlich ansehen dürfen.
 
Musik im Schatten
Aeon AE 001, USA 1982
Wiederveröffentlicht auf Auricle Music AMC 34, GB 1988.
 
 

2020 29 Dez

Medienphrasen 2020

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Auch dieses Jahr bleiben sie uns nicht erspart, die abgegriffensten und sinnbefreitesten Redewendungen in den (vorrangig deutschen) Medien:

 

geht gar nicht
Männerfreundschaft
ein Zeichen setzen
Brücken bauen
Unternehmensphilosophie
Duell
Erdrutschsieg
Zerschlagung
gerät zunehmend unter Druck
Signal auf Grün / Rot
Da bin ich ganz bei Ihnen
Think Tank / Denkfabrik
Großwetterlage
postkolonial
zum Anfassen
hochfahren / runterfahren
abgehängt
Schalte
vorpreschen
Brummi
schonungslos
Zerreißprobe
an den Rollstuhl gefesselt
Kult
Bärendienst
Satire darf alles
Wglssn dr Vkl
raunen
Ein Gespenst geht um
Legende
active shooter
Beziehungsdrama
Bestsellerautor
Die Menschen dort abholen, wo sie stehen
Wir müssen reden
Dystopie
Reich der Mitte
Weißwurstäquator
Donaumetropole
Vierbeiner
gefiederte Freunde
tief gespaltenes Land
Narrativ
Narrativ
Narrativ
Unruhestand
Wertschätzung
Ruder herumreißen
Kasse klingelt
Herausforderung
*
eingepreist
breit aufgestellt
steile These
systemrelevant
durchimpfen
Urteil gekippt
herunterbrechen
immer mehr
noch nie
Spaghettiwestern
Punkt. Hinter. Jedem. Wort.
wird nichts mehr so sein wie früher
es braucht Mut

 

Somit durchgeimpft gegen kommende Narrative bis 2021.


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