Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Ich habe die 124 Seiten dieses englischsprachigen Uncut-Sonderheftes nicht von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen. Ich kenne die Band seit ihrem ersten Album von 1970, und es gibt ganz sicher nicht mehr viel, das mich an ihrer Geschichte noch überraschen könnte. Der Hypesticker „50 Jahren!“ gleich auf der Titelseite ist natürlich zum Schmunzeln. Ärgerlicher wären aber Fehler inhaltlicher Art, und solche sind mir im Heft nicht aufgefallen. Die Beiträge sind von diversen Autorinnen und Autoren geschrieben und durchweg sauber recherchiert, die Dokumentation bei Uncut scheint besser zu funktionieren als Google-Translate. Schade ansonsten, dass das Corona-Virus die US-Tour zum 50-jährigen Jubiläum der Band verhindert hat (ich hatte mich schon auf New York gefreut).

Es wird in diesem Heft die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Kraftwerk-Albums geschildert, auch jene der ersten drei, die Ralf Hütter heute nicht mehr für präsentationswürdig hält, ebenso auch jene des pre-Kraftwerk-Albums Tone Float, als die Band noch Organisation hieß. Das war noch wirklicher Krautrock, schon damals allerdings exzellent produziert von Conny Plank, der es auch irgendwie schaffte, das Album an die englische RCA zu verkaufen. In Deutschland war es nur als Import zu haben, aber das fiel nicht weiter auf, weil es eh niemand haben wollte. Erst als Kraftwerk weltbekannt war, verkaufte es sich als Bootleg ganz ordentlich.

Die Gesamtperspektive ist britisch. Die Darstellungen der Alben beziehen sich zunächst immer auf die englischen Ausgaben mit den entsprechenden Covern, Kritiken geben den englischen, gelegentlich auch den amerikanischen Standpunkt wieder. Jeder Albumtrack wird mit einer Fünf-Sternchen-Wertung beurteilt, wobei weniger als drei anscheinend nicht vorkommen. Auch die Singles werden aufgelistet und vorgestellt, desgleichen wird auf die verschiedenen Bühnenpräsentationen eingegangen. Für Sammler interessant sind sicherlich auch die aufgeführten Bootlegs, deren Nennung allerdings nicht annähernd vollständig ist, und für mein Gefühl sind es auch nicht die besten. Florian Schneiders Hinschied konnte nicht mehr berücksichtigt werden. Im übrigen ehrt es die Redaktion, das letzte Wort dem frühen Kraftwerker Eberhard Kranemann überlassen zu haben.

Was man nicht erwarten sollte: eine ernsthaft kritische Auseinandersetzung mit dem Werk der Band oder eine wirklich systematische Einordnung ihrer Musik in den popmusikalischen Kanon. Kraftwerk hat ein etabliertes Image, und bis in die Auswahl der Hütter-Zitate hinein wird an diesem Lack nicht gekratzt. Wunde Punkte — wie etwa das unglückliche Ende der Ära Conny Plank — werden nicht angetastet. Auch die gelegentlich konfuse Veröffentlichungspolitik der Band wird nie in Frage gestellt.

Wen diese Einschränkungen nicht stören und wer die Geschichte von Kraftwerk noch nicht oder nur bruchstückhaft kennt, kann die 8.99 Pfund für dieses Heft unbesorgt investieren. Als Übersicht ist es sein Geld wert. Wer die offizielle Kraftwerk-Geschichtsschreibung allerdings schon kennt, erfährt hier nichts Neues.

2020 6 Jul

Diversity Checklist

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Wer bei der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein (FFHSH) Fördermittel für einen Spielfilm beantragen will, muss jetzt eine Diversity Checklist ausfüllen — hier zum Download — und mit dem Antrag einreichen.

Was für ein Meisterwerk deutscher Beamtenseligkeit! Da lacht der politisch korrekte Amtsschimmel, bis es kracht. Demnächst werden die FFHSH und ihre Komplizen uns auch noch die Handlung der anzufertigenden Filmwerke vorgeben — rein fürsorglich natürlich, damit wir es leichter haben.

Schafft diese Filmverhinderungsanstalten endlich ab. Vielleicht wird’s dann auch wieder etwas mit dem deutschen Film.

 

 
 
Downtown Pittsburgh, irgendwann 2018. Eine Straße war so hergerichtet, als sei sie in New York, mit einem Fake-U-Bahn-Eingang und Hinweisschildern, die durchaus einige örtliche Autofahrer in Verwirrung gestürzt haben könnten.

Der Grund für die Dekoration war der Film A Beautiful Day in the Neighborhood, der zwar zum Teil in New York spielt, der aber vollständig in Pittsburgh gedreht wurde.
 
 

 
 
Es geht darin um Pittsburghs Nationalheiligtum Mr. Rogers, eine Legende des amerikanischen Kinderfernsehens. Wer den Namen nicht mehr unterbringen kann: Hier hatte ich vor zwei Jahren mal einen Beitrag über ihn geschrieben, damals anlässlich eines Portraitfilms über ihn und seine Sendereihe Mr. Rogers‘ Neighborhood, die von 1968 bis 2003 in fast allen PBS-Sendern der USA ausgestrahlt wurde, und wann immer der Pittsburgher PBS-Sender WQED eine Studiobesichtigung anbietet, bilden sich lange Schlangen vor dem Gebäude — wobei ich ja immer den Verdacht habe, dass die Eltern mehr daran interessiert sind als deren Kinder. Aber auch die wissen noch, wer Mr. Rogers war.

Damals waren die Dreharbeiten im Gespräch, inzwischen ist der Film da (Trailer), nach der Kinoauswertung jetzt als DVD, wohl auch in Deutschland. Tom Hanks spielt Fred Rogers, Matthew Rhys den Reporter Tom Junod, der im Film Lloyd Vogel heißt. Ich hatte zunächst eine Art Biopic erwartet, aber das ist es nicht, auch wenn der Film auf einer wahren Episode basiert. Tatsächlich hat man diese Episode aufgeblasen und eine Handlung darum herumgestrickt. Eigentlich also ist das, was der Film zeigt, so nicht passiert, aber immerhin handelt es sich auch nicht um völlig freie Erfindung. Lloyd Vogel, „Esquire“-Reporter vom Schlage hart und zynisch, erhält von seiner Chefredakteurin den Auftrag, nach Pittsburgh zu reisen und ein Portrait dieses Mr. Rogers zu schreiben — nicht viel, ungefähr 400 Wörter. Dieser Job ist ihm eher peinlich, er hält den Auftrag für unter seiner Würde.

Die weitere Handlung ist vorhersehbar. Bei einem ersten Treffen kann Vogel mit Rogers nichts anfangen, während Rogers ihn mit der ihm eigenen alles niederwalzenden Freundlichkeit ins Leere laufen lässt. Aber es bleibt nicht bei diesem einen Treffen, und es wird immer deutlicher, dass nicht Vogel Rogers portraitiert, sondern Rogers immer mehr den Reporter durchschaut. Der nämlich hat heftige Probleme mit seinem Vater, weiß das eigentlich selbst, weiß auch, dass er das ändern müsste, bringt es aber nicht über sich, den Anfang zu machen. Ich glaube, man verrät hier nicht zuviel, wenn man sagt, dass am Ende des Films sich Vogel mit seinem Vater an dessen Sterbebett aussöhnt. Und aus der 400-Wort-Story wird eine Titelgeschichte. (Die wiederum gab es wirklich, sie erschien 1998 in „Esquire“ unter dem Titel „Can You Say … Hero?“.)

Der Film spielt teils an Originalschauplätzen, es gibt auch sehr schön gestaltete Übergänge vom Realen zu Modell-Landschaften, die Dekoration von Rogers‘ Sendung existiert zum Teil noch, der Rest konnte mit Hilfe des Heinz History Centers nachgebaut werden, auch die Modelle für Rogers‘ Puppenspiel wurden realisiert. Teils ist der Film realistisch, teils aber arbeitet er mit fast surrealistisch anmutenden Verfremdungseffekten; in einigen Momenten enthält der Film wie im Spiegel seine eigene Geschichte. Brecht hätte seine Freude daran gehabt. Rhys bringt gut über die Bühne, wie der harte Kerl, der er sein will, immer mehr aufweicht. Tom Hanks legt seinen Fred Rogers für mein Gefühl ein bisschen zu sehr als eine Art zerstreuten Professor an, der ein wenig weltfremd durch die Gegend schlurft — dabei allerdings in bester Columbo-Tradition sein Gegenüber schon viel tiefer durchschaut hat, als der es ahnt. Und dann, im Abspann, stellt sich der Film fast selbst ein Bein: Da nämlich ist für einen kurzen Moment der wirkliche Fred Rogers zu sehen und zu hören. Diese paar Sekunden reichen aus, um klarzumachen, dass Tom Hanks nicht das Original ist.

Als jemand, der Mr. Rogers‘ Neighborhood nie im Original gesehen hat, bin ich — gerade auch nach Ansicht des erwähnten Dokumentarfilms — mit recht spitzen Fingern an diesen Film herangegangen. Aber ich bedauere nicht, ihn gesehen zu haben.

Dies hier ist die wohl stärkste Szene des Films: One Minute of Silence. Stellt euch die bitte auf der Kinoleinwand vor. Und dann wisst ihr, wer Mr. Rogers war.

2020 15 Jun

Curbside Delivery

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Eigentlich sehr praktisch: Man ruft im Laden oder im Restaurant an und bestellt, was man möchte. Zum vereinbarten Zeitpunkt geht man hin oder fährt dort vor, hupt, ruft oder gibt kurz per Smartphone durch, dass man da ist, und flugs kommt jemand aus dem Laden und bringt dir die bestellten Waren heraus.

Ich finde, so sollten es auch die Museen machen. Man ruft an, sagt, welche Kunstwerke man sich ansehen möchte, und die Kuratoren bringen einem dann die Objekte ans Auto. Das wär’s doch.

 

2020 26 Mai

Have a Good Trip

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Es muss etwa 40 Jahre her sein. Ich erinnere, wie ich ein paar Leute auf den wunderschönen Sonnenaufgang hinwies, dann aber von denen gesagt bekam, es sei 2 Uhr nachts.

Von ungefähr dieser Qualität ist die Netflix-Doku Have A Good Trip — Adventures In Psychedelics, die im US-Netflix zu sehen ist. Wer ernsthaft den Nerv hat, dem sich auf dem Sofa räkelnden Sting dabei zuzuhören, wie er sich daran erinnert, einmal nach dem Genuss einiger Magic Mushrooms einer Kuh beim Kalben geholfen zu haben, der ist sicherlich auch reif für den Rest: die durchweg kichernd dargereichten Drogenerlebnisse einiger prominenter und vieler nicht ganz so prominenter Künstler. Optisch ist das manchmal ganz hübsch gemacht, mit Zeichentricksequenzen und kurzen Parodien „wissenschaftlicher“ Warnungen, wie sie in den 1960er Jahren als After-School-Specials im US-TV gesendet wurden („This is your brain on drugs“), unterbrochen von kurzen Reportagebeiträgen der Marke „das versteht nur, wer dabei war“. Star Wars-Prinzessin Leias Erlebnisse führen ebenso ins Nichts wie die Bekenntnisse irgendeines Rappers. Das Ganze läuft knapp 90 Minuten; nach 30 spätestens hat man das Gefühl, einer Washmaschine beim Rotieren zuzuschauen.

„Getretner Quark wird breit, nicht stark“, schrieb, glaube ich, schon Goethe im Westöstlichen Divan. Hier ist der Trailer. Die Substanz des ganzen Films in zwei Minuten.

 

 
 
Dies ist die nunmehr sechste Janis-Joplin-Biographie in meinem Bücherregal, erschienen im Oktober letzten Jahres. Da inzwischen nun wirklich keine Neuigkeiten mehr aus dem Leben der Sängerin herauszupressen sind, schon gar keine sensationellen, hat die Autorin Holly George-Warren in erster Linie die allseits bekannten Stationen aus Janis‘ Leben nachgearbeitet und sie dabei neu gewichtet.

So unoriginell wie der Titel ist die Vorgehensweise der Autorin. Vielleicht gerade deshalb gelingen ihr gelegentlich Perspektiven, die so noch nicht beschrieben worden sind. Ein Schwerpunkt liegt auf Janis‘ Kindheit und Jugend und ihrem Verhältnis zu Geschwistern, Eltern und Mitschülern. Dass sie zeitlebens versucht hat, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie mit ihrer Entscheidung, nach San Francisco und zu BBHC zu gehen, den richtigen Schritt getan hatte, zieht sich durch viele Briefe, aus denen die Autorin zitiert. Dass dabei ihre objektive Situation nicht immer dem entsprach, was sie ihren Eltern erzählte, wird hier sehr deutlich. Janis‘ Talent, andere vor den Kopf zu stoßen, ihr ständiger Alkohol-, Pillen- und Heroinkonsum, ihre dauernden Versuche, damit aufzuhören und es doch nicht zu schaffen, ebenso ihr ständiger Fight mit diversen Sex- und Liebesabenteuern: das alles wird in diesem Buch nicht anekdotisch am Rande abgehandelt, sondern in zum Teil epischer Breite als die lebensbestimmenden Faktoren, die sie wohl waren. Gleichwohl bin ich nicht davon überzeugt, dass alle, die heute behaupten, mit Janis geschlafen zu haben, das wirklich getan haben. Es ist nun mal nicht mehr überprüfbar.

Es ist dies die erste Joplin-Bio, in der wirklich detailliert auf die Geschichte ihrer verschiedenen Bands eingegangen wird. Dass Janis‘ Ausnahmetalent die Jungs von Big Brother & The Holding Company überforderte, kann jeder hören, der Ohren hat. Das wusste Janis auch selbst. Gleichzeitig aber war die Band für sie so etwas wie ein sicherer Hafen. Die Band hielt zusammen wie Pech und Schwefel, und Janis sah sie als eine Art Familie an. Um sie endlich dazu zu bringen, BBHC zu verlassen und eine eigene Band zu gründen, brauchte es eine starke Vaterfigur, in diesem Fall ihren Manager Albert Grossman. Und selbst das tat sie nicht, ohne Sam Andrew aus BBHC mitzunehmen. Das führte wiederum zu Schwierigkeiten mit den erstklassigen Musikern ihrer Kozmic Blues Band, mit deren Fähigkeiten Sam nicht mithalten konnte. Und Janis selbst stellte schon bald fest, dass es ihr nicht lag, eine Band zu führen. Genau das aber hätte sie tun müssen; die Kozmic-Blues-Leute konnten zwar alles spielen, was man von ihnen verlangte, aber man musste ihnen genau sagen, was sie spielen sollten. Auch das Publikum akzeptierte die neue Band und den souligen Sound nicht so ohne weiteres. Und so erfahren wir dann auch, wie Janis an ihre dritte und beste Band kam, die dann den Namen Full Tilt Boogie Band annahm.

Nebenher wird beschrieben, wie BBHC einen sehr dummen Knebelvertrag mit dem Jazzlabel Mainstream Records abschloss, aus dem sie schließlich von Columbia Records mit 200.000 Dollars herausgekauft wurden — damals eine ungeheure Summe, die ahnen lässt, welche Hoffnungen Labelboss Clive Davis in Janis gesetzt haben muss. Aber auch ihm war klar, dass Janis das nicht mit BBHC schaffen würde, und so wirkte er hinter den Kulissen auf Grossman ein. Gelegentlich tauchen dabei auch Widersprüche zu früheren Biografien auf; etwa über die Story des Songs „Mercedes Benz“ oder das Zustandekommen des namens „Pearl“ — ich kenne da inzwischen drei Varianten. Das Buch erweckt auch den Eindruck, dass Janis kaum jemals allein gewesen ist; immer waren irgendwelche Leute, Lover oder Musiker um sie herum, immer sollen auch Southern Comfort oder sonstwelche Mittelchen im Spiel gewesen sein; gleichzeitig aber wird geschildert, dass sie ständig mit einem großen Stapel Bücher reiste und viel und konzentriert gelesen haben soll. Das geht schlecht zusammen; es verträgt sich auch nicht mit Janis‘ überlieferter Klage, „On stage, I make love to 25,000 different people, then I go home alone„. Und wie war das nun mit ihrem Tod — hat da noch jemand etwas aus ihrem Hotelzimmer entfernt oder nicht? Auch hier gilt: Es ist nicht mehr überprüfbar.

Es sind die kleinen Randgeschichten und Anekdoten, die das Buch interessant machen auch für Leute, die schon andere Janis-Biografien kennen. Pflichtlektüre ist es nicht, aber sauber recherchiert ist es, und im Zusammenhang mit anderen Janis-Biografien ergibt sich ein insgesamt stimmiges Bild einer einmaligen, aber hochgradig zerrissenen Persönlichkeit, die wohl immer auf der Suche war, aber selbst nicht wussste, wonach.

 

Holly George-Warren
Janis — Her Life And Music
Simon & Schuster 2019,
ISBN 9-781476-793108

2020 12 Mai

7 1/2 x Kraftwerk

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Ich habe Kraftwerk siebeneinhalbmal auf der Bühne gesehen:
 
 

  • 1971 in der Fabrik in Hamburg;
  • im Sommer 1972 im Weserbergland;
  • Ostern 1974 in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg als Headliner eines Deutschrock-Festivals;
  • für den Oktober 1975 hatte ich Karten für die erste Reihe in der Musikhalle Hamburg, aber das Konzert wurde wegen zu schlechten Vorverkaufs abgesagt;
  • 1981 in der Musikhalle;
  • im November 1991 sah ich sie im Docks an der Reeperbahn;
  • im März 2004 im CCH (Hamburg);
  • im April 2012 bei der Eröffnung ihrer Videopräsentation im MoMA PS1 in New York (das war das halbe Mal);
  • und im März 2014 im Riviera in Chicago, IL.

 
 
Ich könnte nicht sagen, welches Konzert „das beste“ war. In gewisser Weise war jedes davon speziell.

1971 war ich 15 und hatte die Band noch relativ frisch entdeckt. Ich erinnere nur noch wenig. Ich meine, sie waren zu zweit. Hätte ich damals gewusst, dass ich fünf Jahrzehnte später darüber schreiben würde, hätte ich mir Notizen gemacht, und Digitalkameras hatten wir auch noch nicht. Damals war die Band noch eine von vielen Krautrockbands auf der Suche nach einer gewissen Bekanntheit, aber es war nicht absehbar, was aus denen mal werden würde.

1972 habe ich die Band während unseres Familienurlaubs in einem Jugendzentrum irgendwo im Weserbergland gesehen. Es könnte in Höxter gewesen sein, Michael Rother hat bestätigt, dass sie da mal gespielt haben. Es kann aber auch in Karlshafen gewesen sein; ich bin ziemlich sicher, dass heute niemand mehr genau weiß, wo man damals überall aufgetreten ist. Das Weserbergland war mir wohlvertraut aus diversen Familienurlauben in einem Nest namens Wahmbeck, ich habe diese wunderschöne Gegend aber auch mal drei Wochen lang mit meiner Pfadfindergruppe durchwandert. Auch das müsste 1972 gewesen sein. Ich erinnere noch das außerordentlich geschmacklose Konzertplakat, das überall klebte (ich bilde es hier nicht ab). Ich meine mich zu erinnern, dass Kraftwerk zu dritt auf der Bühne waren, Ralf, Florian und ein Bassgitarrist, sicher bin ich mir da aber nicht. Dazu gab es Diaprojektionen, aber keine Fotos, sondern einfach nur Farbflächen.

Bei diesen beiden frühen Konzerten war Kraftwerk noch eine komplett andere Band als später. Aber sie war seltsam, arbeitete irgendwie mit Elektronik und Klangeffekten, und die meisten Leute verstanden nicht, was das alles überhaupt sollte – Grund genug für mich, die Band zu lieben.
 
 

 
 
Das Osterfestival 1974 in der Hamburger Ernst-Merck-Halle, einem Bruchschuppen, in dem sonst Boxkämpfe stattfanden, war denkwürdig. Autobahn war noch nicht erschienen, Ralf & Florian war das noch aktuelle Album. Kraftwerk war der Headliner des ersten Tages, weil aber alle anderen Bands ihre Zeit überzogen und die noch unerfahrenen Veranstalter die Zugaben und Umbaupausen unterschätzt hatten, konnte Kraftwerk überhaupt erst gegen halb elf beginnen. Ralf und Florian hatten nicht mal einen Roadie, sie bauten ihre Anlage selbst auf und fingen dann ohne weitere Umstände an. Nach einer Weile gesellte sich ein dritter Mann hinzu und klöppelte mit an Stricknadeln gemahnenden Sticks auf einem seltsam aussehehenden Pult, dem er damit elektronische Drumsounds entlockte. Er wurde nicht vorgestellt, aber es kann nur Wolfgang Flür gewesen sein. Die drei hatten gerade mal 30 Minuten gespielt (ständig unterbrochen von „Ruckzuck!“-Rufen einiger betrunkener Typen, die die Musik ohnehin zum Kotzen fanden), als plötzlich das Saallicht eingeschaltet wurde. Ich erinnere noch Ralf Hütters schüchterne Bitte, man möge es doch bitte wieder löschen. Es blieb an, und dann begannen die Ordner, das Publikum hinauszuwerfen: Die Halle hatte um 11 Uhr leer zu sein. Kraftwerk spielte weiter, für’s Reinigungspersonal (ich vermute, hätten sie es nicht getan, sie wären nicht bezahlt worden). Wir standen vor einem Seiteneingang und hörten durch die offene Tür noch eine Weile zu.

Es muss nichts mit diesem Auftritt zu tun gehabt haben, aber Kraftwerk ist danach jahrelang nicht mehr in Deutschland aufgetreten.

Für das Konzert, das im Oktober 1975, nach dem großen Autobahn-Erfolg in der Musikhalle stattfinden sollte, hatte ich Karten — erste Reihe! Das Konzert wurde wegen mangelnden Vorverkaufs abgesagt, wie überhaupt große Teile der Tournee in Deutschland. Das Konzertplakat habe ich mal irgendwann später auf einem Flohmarkt gefunden, es ziert heute gerahmt unser Wohnzimmer.
 
 

 
 
1981, mit der Veröffentlichung des Computerwelt-Albums, standen die Kraftwerker im Zenit ihrer Kreativität und Begeisterung. Wiederum hatte ich Karten für die erste Reihe in der ehrwürdigen Musikhalle. Die Bühne sah nun aus wie die Kommandokanzel des schnellen Raumkreuzers Orion; es ist zu sehen im Video zu „Das Model“ — die Konzertszenen stammen aus dem Hamburger Auftritt, ich sehe Emil Schult noch mit der Kamera auf der Schulter herumlaufen. Das gesamte Bühnenbild und der dramaturgische Ablauf waren auf Überwältigung getrimmt, und das hat funktioniert. Erstmals gab es auch Videoprojektionen. Der Sound in der Musikhalle war großartig, und die Band hinterließ ein glückliches Publikum. Eines der Konzerte, die ich nie vergessen werde.
 
 

 
 
Zehn Jahre lang traten Kraftwerk dann nicht mehr auf. Im November 1991 waren sie wieder da. Aus irgendwelchen Gründen war an diesem Abend Hamburgs Goth-Gemeinde vollzählig im Docks angetreten. Karl Bartos und Wolfgang Flür hatten die Band inzwischen verlassen, waren durch mir unbekannte neue Leute ersetzt worden, und überhaupt schien sich Kraftwerk in einer Art Übergangsphase zu befinden. Zwar war die Show nicht viel anders als schon zehn Jahre zuvor, allerdings fiel die Tendenz auf, Ideen bis zum Gehtnichtmehr auszuwalzen. Zudem war offenkundig, dass die vier nicht auf bestem Fuß mit ihrem Equipment standen, das zu diesem Zeitpunkt um ein Synclavier herumgestrickt war.
 
 

 
 
Als ich Kraftwerk 2004 wiedersah, hatten sie die Zeit zur kompletten Neugestaltung der Bühne genutzt. Die Herren traten jetzt im dunklen Anzug auf wie ein Streichquartett, die Keyboards waren ersetzt durch Laptops, die Show basierte jetzt hauptsächlich auf Videoprojektionen. Die Tendenz, die Ideen zu lange auszuwalzen, war zwar immer noch vorhanden, aber der Sound hatte jetzt einige Quadro-Effekte und gehörte zum besten, was ich je gehört hatte — und in der akustisch schauderhaften Beton-Umgebung des CCH-Saales 3 will das etwas heißen. Das Konzert war nicht ausverkauft, ein anscheinend vorgesehenes Mitternachtskonzert fand nicht statt. Einen Tag später hörte ich Hilary Hahn in der Musikhalle – umgekehrt wäre wohl besser gewesen.
 
 

 
 

2012, inzwischen hatte ich Deutschland verlassen und lebe seither in den USA. Die Präsentation der Katalog-3D-Konzertreihe im Museum of Modern Art in New York musste leider ohne meine Anwesenheit stattfinden — jeder Kraftwerk-Fan wird sich an das Vorverkaufschaos erinnern. Immerhin war ich aber in der Lage, der Eröffnung der Video-Show im MoMA-Ableger PS1 beizuwohnen. Die entpuppte sich allerdings als eine latent enttäuschende Angelegenheit — eine Art Iglu im Hinterhof, darin acht im Kreis um ein großes Sitzkissen herumarrangierte Videoschirme, die dieselben Videos zeigten, die auf der Bühne liefen. Die Tonqualität war unbefriedigend mulmig, die Videos waren nicht einmal 3D-Projektionen.
 
 

 


 
 
 

 
 
Sehr viel spannender war eine Installation in einem anderen Raum des PS1: Thomas Tallis‘ vermutlich um 1543 herum entstandene Motette Spem in Alium für acht Chorgruppen zu je fünf Stimmen, die im Kreis um das Publikum herum angeordnet werden sollen. 40 Lautsprecher standen hier nun kreisförmig im Raum, jeder einzelnen Stimme war ein Lautsprecher zugeordnet. Man konnte von Lautsprecher zu Lautsprecher gehen und jeder einzelnen Stimme zuhören. Faszinierend.

Für mich war die Show 2014 im Riviera (einem ehemaligen Kino) in Chicago die erste Gelegenheit, Kraftwerks 3D-Show in Augenschein zu nehmen.
 
 


 
 
 

 
 
Es war immer noch alles da, was man von Kraftwerk erwartet — die kristallklaren Visuals, der Retrofuturismus, die kühle Präsentation; eher Performance-Art als Konzert. Am Anfang packt einen der 3D-Effekt, manchmal ist er wirklich verblüffend, beispielsweise, wenn Nummern durch die Luft schießen oder das Spacelab zur Landung in der Halle anzusetzen scheint. Im Laufe des Abends allerdings nutzt sich der Effekt ab — man kann ein Publikum nicht zwei Stunden lang mit 3D-Effekten in ständiges Erstaunen versetzen. Einige der neuen Videos sind leider schlicht langweilig (insbesondere einfallslos sind jetzt Trans Europe Express und Neon Lights, früher zwei ihrer magischsten Tracks). Der Sound war verblüffend unbefriedigend — unbalanciert, zu viel Bass, streckenweise war der Gesang kaum zu hören, es gab einige Quadro-Effekte, aber irgendwie gingen sie verloren.

Es ist ziemlich witzlos, über eine Kategorie wie „live“ zu philosophieren, wenn die Hauptinstrumente Computer sind. Dies war keine „Playback-Show“, mit Sicherheit nicht. Die Künstler tun irgendetwas auf der Bühne. Nach meinem Eindruck ist das Ganze eine Art Halbplayback, das ihnen die Möglichkeit zum Mitspielen gibt, und mit dem sie interagieren können, etwa, indem sie Echo- oder Filtereffekte hinzufügen. Einige böse Fehler fielen auf; so kam etwa der Gesang in The Man Machine durch das ganze Stück hindurch eine Viertelnote zu früh, gelegentlich erschienen kurz auch falsche Videoausschnitte.
 
 

 
 
Von der Bühne aus gesehen muss es seltsam sein, in hunderte von Gesichtern mit der 3D-Pappbrille auf der Nase zu schauen. Das Konzert war routiniert. Wie auch immer, das Publikum war happy, wir sahen erstklassige Unterhaltung. Alle Begeisterung allerdings kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kraftwerk, so wie sich die Band heute präsentiert, im wesentlichen Ralf Hütters Nostalgiezirkus ist. Aber das ist immer noch eine Menge.

Was man im Laufe eines Lebens so mit einer Band verbindet … Karten für das Juli-Konzert in der Radio City Music Hall New York sind bereits gekauft, aber wer kann sagen, ob und wann der Auftritt stattfinden wird … Das Wichtigste ist allerdings dies: Auf der (inzwischen längst eingeschlafenen, damals aber sehr aktiven) E-Mail-Liste über Kraftwerk, auf der sich Fans über Konzerte und sonstigen Kraftwerk-Klatsch austauschen konnten, habe ich meine Frau (Amerikanerin) kennengelernt. Und ohne sie wäre ich heute nicht in Pittsburgh.

Danke, Kraftwerk, danke, Florian.

 

I discovered Kraftwerk in 1970 when I spotted their first album in a shop window. The cover hooked me. I thought: If this record sounds as it looks, it must be great.

It was. For many years, Kraftwerk became one of the leading melodies of my life. I always thought: If I had to find a sound that represents now, then it should be like this. And then, when Kraftwerk came out with a new album, it sounded exactly like this. This worked until the 1990s. I lost a bit the plot about Kraftwerk then, but the band was still there and still unique.

And they are the only band I saw seven times on stage, between 1971 and 2014.

Bye bye, Florian!

 

2020 12 Mai

Incomplete

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Ryuichi Sakamoto on his feelings about troubled times:

 

Jiko (時光) by lenzan kudo + ryuichi sakamoto
video by Zakkubalan series

 

incomplete

In these times when things are not “normal,” I wanted to document the sensations I’ve been feeling. I invited a few of my musician friends to do this with me. I wanted to share the results with you all.

Ryuichi Sakamoto

 

2020 20 Apr

Rams

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Der Braun SK-61 von 1956, eine Radio- und Phonokombination, volkstümlich damals auch „Schneewittchensarg“ genannt.

 

Der Braun T-1000 von 1963, der Kurzwellenempfänger, der in keiner Botschaft und bei keinem Top-Spion fehlen durfte.

Zwei Beispiele für Designs von Dieter Rams. Geboren 1932 in Wiesbaden, wollte er zunächst Architekt werden, landete aber dann eher zufällig im Industriedesign. 1955 trat er in die Produktgestaltung der Firma Braun ein, 1961 übernahm er deren Leitung. Jeder hat Designs von Dieter Rams schon gesehen. Seine Formensprache beruht auf radikaler Reduktion auf das Wesentliche, auf Langlebigkeit, und auf einem ausgeprägten Sinn für praktische Benutzbarkeit, vom Rasierer über die Saftpresse bis zum Regalsystem — „gutes Design ist so wenig Design wie möglich“ lautete eine seiner Maximen, die heute an jeder Kunsthochschule gelehrt werden.

Das Braun-Design wurde auch im Ausland so bekannt, dass Rams dort irgendwann als „Mr. Braun“ durchging. Es funktionierte, weil die Gebrüder Braun voll hinter ihm und seinem Team standen (das übrigens rein männlich war — damals war das normal und wurde von niemandem hinterfragt). Das ging gut, bis 1967 die Firma Braun von der Gillette Company übernommen wurde. Ab da hatte Rams immer weniger Rückhalt für seine Designphilosophie. Die Designs sollten saisonweise gewechselt werden, auch das Braun-Logo sollte in Riesenklotzbuchstaben auf den Produkten erscheinen. Klar, dass besonders Letzteres jemandem wie Rams nicht gefallen konnte („Wenn Sie sich einer Person vorstellen, schreien Sie dann?“), und so verstärkte er seinen Nebenjob als Möbeldesigner für die Firma Vitsoe. Dieser Name war mir neu, wenngleich Möbel dieser Firma auch wieder jeder bereits gesehen hat. Auch Rams‘ Türklinken der Firma FSB dürfte jeder schon in der Hand gehabt haben. Zwischen 1981 und 1997 lehrte Rams Industriedesign an der HfbK in Hamburg. Insbesondere Apple dürfte einiges von ihm gelernt haben.

 

 

Nun gibt es einen 75-minütigen Portraitfilm über Rams, hergestellt von dem Dokumentarfilmer Gary Hustwit, der Designfreaks spätestens seit seinem Film über die Schriftart Helvetica (2007) bekannt sein dürfte. Der Film ist ein Crowdfunding-Projekt von 2019 und begleitet Rams durch einige Stationen seines Lebens, zeigt Produkte, Weggefährten, aber lässt ihn vorrangig selbst zu Wort kommen, sowohl über seine eigene Arbeit wie auch über die Arbeiten einiger seiner Kollegen — etwa Ettore Sottsass, dessen knallrote Valentine noch heute Rams‘ Schreibgerät ist. Einen Computer sieht man nicht bei ihm, obwohl ich sicher bin, dass er auch damit umgehen kann. Wichtigster Drehort ist das Arbeitszimmer in Rams‘ Haus im hessischen Kronberg. Haus und Garten sind Teil einer Werkssiedlung von Braun, an deren Gestaltung er selbst beteiligt war — auch wenn er damit nicht ganz zufrieden gewesen zu sein scheint.

 

 

Relativ früh bereits hat Rams über Umweltaspekte seiner Produktgestaltung nachgedacht, und oft merkt man das den Produkten auch an. Nicht immer ganz einverstanden bin ich mit Rams‘ Ansichten über die heutige Zeit. Für einen hellen Geist wie ihn kommen mir manche seiner Einwände recht eng gedacht vor; etwa seine Auffassung zu Leuten, die permanent auf ihr Handy starrend durch die Straßen laufen und dabei Bilder wahrnehmen, die in deren Köpfen nicht mal hängenbleiben. Nicht, dass ich solche Leute nicht auch ein bisschen albern fände — aber sollte einem Designer von seinem Format nicht selbst klar sein, dass diese Leute eine bestenfalls temporäre Erscheinung sein werden? Ich jedenfalls bin sicher, dass die heutigen Handys in fünf oder zehn Jahren (man nagele mich bitte nicht auf eine Zahl fest) aus dem Stadtbild verschwunden sein werden. Dann nämlich werden sie zum integralen Bestandteil unserer Kleidung geworden sein.

Die optische Gestaltung des Films ist sympathisch an Rams‘ ästhetische Auffassungen angepasst, kein Grafikelement ist überflüssig. Die DVD- oder Blu-ray-Version kommt als Teil eines 80-seitigen Buches im Format 16 x 17 cm daher. Der Regionalcode ist 0, der Film sollte also überall laufen. Der Film ist auch online abrufbar, dann allerdings ohne die 30 Minuten Bonusmaterial, das die DVD bietet und das teilweise nicht weniger interessant ist als der Film selbst. Die Sprache ist durchweg deutsch, einige Aussagen sind englisch. Durchgehend sind alle nicht-englischen Passagen untertitelt.

Die Originalmusik des Films ist von Brian Eno. Zum Record-Store-Day wird der Soundtrack als Vinylalbum erscheinen. Die Musik hat gewohnte Eno-Qualität, ohne in irgendeiner Weise besonders auffällig zu sein. Auch für Eno gilt bekanntlich Rams‘ Motto: Less but better.

Der Film ist ausschließlich hier zu beziehen. Dort kann man ihn auch streamen. Billig ist der Spaß in beiden Fällen nicht, aber wer sich für Design interessiert, wird seine Freude daran haben.

 


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