Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Weiter in der Asmus-Tietchens-Chronologie: Irgendwann 1982, zwischen den Sky-LPs Spät-Europa und In die Nacht, erschien auf dem amerikanischen Cassettenlabel Aeon die Musik im Schatten. Die Auflage ist nicht bekannt; mein Tipp: nicht mehr als zehn. Mit etwas gutem Willen kann man das Produkt mit Musik aus der Grauzone (1981) und Musik an der Grenze (1982), beide ebenfalls Cassettenproduktionen, als Teil einer Werkgruppe auffassen.

Die fünf Tracks sind harte elektronische Kost, hervorgebracht auf dem Moog Sonic Six, gelegentlich mit kurzen, durchweg durch den Synthesizer und den Filteraltar gedrehten Sprachsamples erweitert. Verständlich ist dabei nur das Wort „selbst“, zu hören in dem Stück „Du darfst“, das wohl nach der gleichnamigen Margarinemarke benannt ist und ähnlich glitschig klingt. Alle fünf Stücke sind akustisch bewusst aufdringlich und schrill gehalten, es gibt kaum Pads, kaum Ruhepunkte und nur wenige angedeutete Melodien. In „Nosferatu“ hören wir elektronisch imitierte Mickymaus-Stimmen, die ein wenig an „Stressmen“ vom Biotop-Album erinnern. Tietchens-typisch ist aber auch auf dieser Einspielung der ökonomische Umgang mit dem Material — nie sind es mehr als vier Schallquellen gleichzeitig, die man hört. Deswegen konnte Tietchens auch immer auf die Möglichkeiten des programmierbaren Mischpultes verzichten, das in Okko Bekkers Audiplex-Studio vorhanden war.

Es ist kein Vergnügen, sich diese Cassette anzuhören; auf mich wirkt die Einspielung „zusammengehauen“ und nicht wirklich interessant. Im Gesamtwerk Tietchens‘ wird man die Musik im Schatten wohl als entbehrlich ansehen dürfen.
 
Musik im Schatten
Aeon AE 001, USA 1982
Wiederveröffentlicht auf Auricle Music AMC 34, GB 1988.
 
 

2020 29 Dez

Medienphrasen 2020

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Auch dieses Jahr bleiben sie uns nicht erspart, die abgegriffensten und sinnbefreitesten Redewendungen in den (vorrangig deutschen) Medien:

 

geht gar nicht
Männerfreundschaft
ein Zeichen setzen
Brücken bauen
Unternehmensphilosophie
Duell
Erdrutschsieg
Zerschlagung
gerät zunehmend unter Druck
Signal auf Grün / Rot
Da bin ich ganz bei Ihnen
Think Tank / Denkfabrik
Großwetterlage
postkolonial
zum Anfassen
hochfahren / runterfahren
abgehängt
Schalte
vorpreschen
Brummi
schonungslos
Zerreißprobe
an den Rollstuhl gefesselt
Kult
Bärendienst
Satire darf alles
Wglssn dr Vkl
raunen
Ein Gespenst geht um
Legende
active shooter
Beziehungsdrama
Bestsellerautor
Die Menschen dort abholen, wo sie stehen
Wir müssen reden
Dystopie
Reich der Mitte
Weißwurstäquator
Donaumetropole
Vierbeiner
gefiederte Freunde
tief gespaltenes Land
Narrativ
Narrativ
Narrativ
Unruhestand
Wertschätzung
Ruder herumreißen
Kasse klingelt
Herausforderung
*
eingepreist
breit aufgestellt
steile These
systemrelevant
durchimpfen
Urteil gekippt
herunterbrechen
immer mehr
noch nie
Spaghettiwestern
Punkt. Hinter. Jedem. Wort.
wird nichts mehr so sein wie früher
es braucht Mut

 

Somit durchgeimpft gegen kommende Narrative bis 2021.

2020 8 Dez

Harold Budd 1936 – 2020

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Nun hat auch Harold Budd seine kosmische Adresse gewechselt.

Mehr hier.

 
 

Es ist Nikolaus. Das heißt: Zeit für meine Jahresbestenliste 2020. Alsdann:
 
 

 
 
Top 15:
 

  1. Anja Lechner & Francois Couturier: Lontano
  2. Nick Cave: Idiot Prayer — Alone At Alexandra Palace
  3. Terje Rypdal: Conspiracy
  4. Nick Cave & Nicholas Lens: L.I.T.A.N.I.E.S.
  5. Jon Hassell: Seeing Through Sound (Pentimento Vol. 2)
  6. J. Peter Schwalm & Arve Henriksen: Neuzeit
  7. Die Wilde Jagd: Haut
  8. Carla Bley, Steve Swallow, Andy Sheppard: Life Goes On
  9. Yello: Point
  10. Kraan: Sandglass
  11. Irmin Schmidt: Nocturne
  12. Brian Eno: Film Music 1976 – 2020
  13. Jean-Louis Matinier & Kevin Seddiki: Rivage
  14. Michel Benita: Looking At Sounds
  15. Pet Shop Boys: Hotspot (Special Edition)

 

Auch gut:
 

  • Burt Bacharach: The Great Divide (single)
  • Burt Bacharach & Daniel Tashian: Blue Umbrella (EP)
  • Einstürzende Neubauten: Alles in allem
  • John Fogerty: Fogerty’s Factory (Expanded)
  • Pat Metheny: From This Place
  • Soft Works (Elton Dean, Allan Holdsworth, Hugh Hopper, John Marshall): Abracadabra in Osaka

 

Needs some more listening:
 

  • Bob Dylan: Rough And Rowdy Ways
  • Roedelius: Wahre Liebe
  • Michael Rother: Dreaming
  • Ryuichi Sakamoto: The Staggering Girl (Soundtrack)
  • Bruce Springsteen: Letter To You
  • Asmus Tietchens: Bleiche Brunnen

 

Reissues:
 

  • Ryuichi Sakamoto: Hidari Ude No Yumi (Left-Handed Dream + Bonus-CD) (1981)
  • Tangerine Dream: Pilots of the Purple Twilight (Box Set mit allerlei Bonus)

 

Rediscovered:
 

  • Khaled, Rachid Taha, Faudel: 1, 2, 3 Soleils en concert (2-CD-Version, 1998)
  • Ketil Bjornstad, Bjorn Kjellemyr, Jon Christensen, Per Hillestad, Terje Rypdal: Water Stories (1993)
  • David Byrne & Brian Eno: Everything That Happens Will Happen Today (2008)
  • Madredeus: Lisboa (1992)
  • Max Raabe & Palastorchester: Heute nacht oder nie (Live in New York, 2008)
  • Paul Simon: Graceland (1986)

 

2020 5 Dez

Beatstudio Berlin

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This memorial plaque was unveiled on December 4, 2020, on the school building in Berlin-Wilmersdorf, Pfalzdorfer Straße 30.
The plaque says:

 

From 1968 to 1984, in the basement of this building the

Electronic Beat Studio

was located.

The Electronic Beat Studio was the creative nucleus for the 
„Berlin School of Electronic Music“.

 

This studio was founded by Konrad Latte, director of the Berlin Baroque Orchestra, and built and managed by Swiss avant-garde composer Thomas Kessler.

Bands like Agitation Free, Tangerine Dream and Ash Ra Tempel as well as solo artists like Manuel Göttsching, Klaus Schulze und Michael Hoenig have made this music known all over the world.

Donated in 2020 by Hans Zimmer and Bernd Kistenmacher

Here’s a short TV report.

Photo: OTFW, Berlin – CC BY-SA 3.0

 

2020 7 Nov

Pittsburgh, just now

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Man nimmt dieses Buch zur Hand, schaut sich die Bilder auf der Vorder- und Rückseite an, und man weiß: Dies wird wohl ein Coming-of-Age-Roman sein.

Stimmt. Und er spielt im Jahr 1974, in einem Provinznest namens Lippfeld, irgendwo „zwischen Ruhrgebiet und Münsterland“, wo der Autor Andreas Heidtmann großgeworden worden ist. Er hat Klavier studiert — wie es sein Romanheld Ben Schneider tun wird, der allerdings nicht viel Heldenhaftes an sich hat. Die Parallele mag Zufall sein, vielleicht auch nicht. Ich will da nicht spekulieren.

Auf der Kirmes im Autoscooter beginnt die Geschichte von Ben und Susanna. In insgesamt 36 durchweg kurzen Kapiteln nehmen wir an der Teenagerliebe der beiden teil, mit den Höhen und Tiefen, die dieses Alter so mit sich bringt. Wir lernen die Klassenkameraden kennen, die Konfirmandengruppe, Eltern, Lehrer, den engeren Freundeskreis, die Clique, wir lernen die Treffpunkte kennen, erste tastende Kussversuche und etwas mehr, aber nie die volle Dosis. Dazwischen gibt es soziale Realität, gelegentlich sogar ziemlich harte — den Tod eines Mitschülers, den Suizid eines Vaters, einen ziemlich ärmlichen Einbruch in einen Kiosk, viel billiges Bier, Jägermeister und Kellergeister, zarte Drogenversuche und dörfliche Langeweile. Heidtmann ist ein guter Beobachter und ein ebenso guter Erzähler, der es aber auch versteht, Distanz zu halten, wo es nötig ist. Der Leser erhält die Informationen, die er braucht, aber nicht mehr.

Der dramaturgische Dreh des Buches ist die zunächst scheinbar etwas zusammenhanglose Erzählung von einzelnen, immer kurz gehaltenen Episoden. Wer da an die Skizzen zu einem potenziellen Drehbuch denkt, liegt wahrscheinlich gar nicht so falsch. Erst nach und nach merkt man als Leser, dass diese Episoden zunehmend enger um die Protagonisten kreisen und ein immer klareres Gesamtbild ergeben — mit dem Ergebnis, dass einem die Figuren des Romans immer mehr ans Herz wachsen.

Alle Kapitel haben Überschriften, die an Pop- oder Rockmusik der frühen 1970er Jahre angelehnt sind. Diese Musik spielt eine große Rolle im Ablauf der Geschichte. Sie definiert die Charaktere. Real existiert habende Radiomoderatoren kommen vor, etwa Mal Sondock, das WDR-Programm. Aber auch Klassik. Dass Ben ein guter Pianist ist, erschließt sich erst nach und nach. Gelegentlich ein bisschen übertrieben wird die Spielerei mit Produkten jener Jahre. Der Autor setzt deren Kenntnis voraus, und klar, auch ich kenne die noch alle, aber genau das gibt mir das Gefühl, dass mit ihrer Nennung eine Art „Ja, genauso isses gewesen“-Assoziation ausgelöst werden soll.

Der Schluss der Geschichte bleibt auf eine seltsame Weise offen. Aber so ist das ja wirklich, wenn man 16 oder 17 ist. Man ahnt, dass die Geschichte von Ben und Susanna nicht für die Ewigkeit ist, man spürt, dass Rebecca und Ben, als sie sich an der Folkwang-Akademie kennenlernen, nie ernsthaft zusammenkommen werden, weil sie aus zwei inkompatiblen sozialen Schichten stammen, man sieht, wie einige der Freunde wegrutschen und andere zu braven, anständigen Bürgern werden wie ihre Eltern.

Keine Helden, keine großen Abenteuer. Aber Mick, der Luftgitarrenweltmeister, gibt uns allen ein Glücksversprechen.

2020 29 Okt

Streetlight Harmonies

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Die Doo-Wop-Ära reichte von den späten 1940ern bis in die frühen 1960er Jahre der USA. Entstanden aus Gospelgesang, ein paar Spuren Rhythm’n’Blues und Barbershop, war sie eine absolut originäre Erscheinung, die es in dieser Form wirklich nur hier gab — abends in den Straßen, im Licht der Streetlights, just for fun. Im landläufigen Sinne „erfunden“ hat das niemand, aber wenn man „Just Sittin‘ And A Rockin‘“ von den Delta Rhythm Boys (1945) als Urvater des Doo-wop ansieht, liegt man wohl nicht falsch. Der Gruppenharmoniegesang mit den typischen Nonsense-Silben entstand, weil keine Instrumente vorhanden waren und sie deshalb imitiert werden mussten. „Doo doo doo wop“ wurde meist vom Bass gesungen und diente als Schlagzeugersatz. Die Harmoniesänger imitierten andere Instrumente. Immer basierten sie auf dem Gehör, musikalische Bildung hatte da kaum jemand. Dazu kam dann ein Solosänger, meist ein Tenor, der einfache Lyrics sang. Die Vokalensembles kamen durchweg aus den etwas ungemütlicheren Schwarzenvierteln, aber nach kurzer Zeit bildeten sich auch Gruppen italo-amerikanischer Herkunft. Die brachten Kirchenchor-Erfahrung und den Barbershop-Stil ein. Im Laufe der Zeit fanden sich dann auch weibliche und schwarz-weiß gemischte Ensembles.

Das Frappierende am Doo-wop ist, dass er nur funktioniert, wenn der Gesang wirklich beherrscht wird. Das änderte sich auch nicht dadurch, dass dieser Stil in den 1950ern von Radio-DJs entdeckt und von Plattenfirmen verbreitet wurde. Streetlight Harmonies (Trailer) zeigt diese Geschichte relativ chronologisch. Der Film des Regisseurs Brent Wilson stammt von 2017 und ist seit Mai nun auch gestreamt zu sehen. Der Film folgt dem üblichen Schema solcher Dokus: Viele der noch lebenden Künstler, Songwriter und Musiker wurden vor die Kamera geholt und geben kurze Statements ab, dazu alternierend sind Ausschnitte aus den Songs zu sehen. Sie haben einiges zu sagen. So erfährt man (wieder einmal), wie schwarze Künstler damals besonders in den Südstaaten der USA behandelt wurden — es gab getrennte Eingänge, sie wurden in „weißen“ Diners nicht bedient, sie wurden in unsäglichen Absteigen untergebracht, sie wurden von anständigen Bürgern mit Waffengewalt am Betreten bestimmter Straßen oder Geschäfte gehindert. Und sie wurden von Produzenten und Plattenfirmen über den Tisch gezogen. It’s a crying shame. Nur singen durften sie. Zum Schmunzeln aber auch, wie eine der interviewten Sängerinnen eine kleine persönliche Rache durchspielte: Sie erteilte Weißen, die nach den Auftritten mit Autogrammwünschen an sie herantraten, eine Abfuhr.

Man kennt die Songs, die Gruppen kennt man oft nicht mehr: Frankie Lymon & The Teenagers, Dion & The Belmonts, The Del-Vikings, The Moonglows, The Spaniels, The Platters, The Drifters, The Crests, The Capris, The Earls, Sha-Na-Na, Randy & The Rainbows — die Liste ist endlos, One Hit Wonders die meisten. Frankie Lymon war zarte 13, als er die Solostimme in „Why Do Fools Fall In Love?“ übernahm — der eigentlich vorgesehene Sänger der Teenagers, Herman Santiago, war nicht erschienen. Der Song war ein Riesenerfolg und wurde tausendmal gecovert, sogar von Joni Mitchell. Leider kam dann ein Produzent auf die Idee, dass man doch auf die Gruppe verzichten und Frankie zum Solostar aufbauen könne. Es ging schief. Die Teenagers scheiterten ohne ihre Leadstimme, Frankie Lymon selbst fiel dem Heroin zum Opfer. Hier in Pittsburgh entstanden die Del-Vikings, ein gemischtes Ensemble, das den Riesenhit „Come Go With Me“ hatte. Noch heute ist der Gruppe eine Vitrine im Heinz History Center gewidmet. Interessant auch, dass einer ihrer Sänger ein gewisser Gus Backus war, der später als GI in Deutschland mit zumeist albernen Schlagern zu Charterfolgen kam (bis er Alkoholiker war). Wenn man weiß, dass er zur Gruppe gehörte, hört man seine Stimme leicht heraus. Einige der wichtigsten Acts fehlen im Film, vermutlich waren die Rechte zu teuer oder nicht zu bekommen, oder es gab keine Überlebenden mehr. „Only You“ mit den Platters, geradezu die Krönung des Genres, fehlt ebenso wie „Sixteen Candles“ mit den Crests oder „Cryin‘ In The Chapel“ mit den Orioles. Schade, aber man hat trotzdem noch eine Menge zu entdecken.

„Sixteen Candles“ zeigt in geradezu idealtypischer Weise, wie die Doo-wop-Gruppen einen Markt etablierten, den es in den USA bis dahin schlicht nicht gegeben hatte: Sie entdeckten die Teenager als Plattenkäufer, und das war dann auch sehr schnell das Muster, nach dem die Texte gestrickt waren. Der Film zeigt auch, wie es nach dem Ende der eigentlichen Doo-wop-Ära weiterging: Der Gesangsstil wurde übernommen und mit anderen Genres, etwa dem Beat, gemischt, allen voran die Beach Boys. Aber auch im frühen Motown-Soul findet sich der Doo-wop-Stil wieder, und nicht zu vergessen Phil Spector und seine Girl Groups.

Tempi passati. Allerdings, und da sind wir wieder in Pittsburgh, gibt es hier einen Sender namens WQED, der jahrelang (und ich glaube, noch heute — soweit es derzeit überhaupt möglich ist) viele dieser Gruppen wieder auf die Bühne holt. Und es ist immer wieder erstaunlich: Sie haben nichts verlernt. Via PBS laufen diese Shows in ganz Amerika. Und es gibt noch immer so wunderbare Filme wie American Graffiti, die von diesem Soundtrack leben.

Darauf einen Milkshake.

 
 
Nach viel zu langer Pause möchte ich nun endlich meine angefangene Asmus-Tietchens-Werkschau fortsetzen.

In die Nacht ist das dritte Album, das Tietchens für Sky Records eingespielt hat. Erschienen ist es 1982 in einer Auflage von 1000 Stück. Das Instrumentarium ist dasselbe wie auf den Vorgängern, auch die Akustik des Albums ist wieder seltsam verhangen und künstlich, was am verwendeten Hallgerät liegt. Auch das aus Anagrammen des Namens seines geistigen Vaters bestehende Zeitzeichenorchester war wieder mit von der Partie, das Cover lag in der bewährten Hand von „Tina Tuschemess“. Ein Foto im Innencover der Platte zeigt, dass im Audiplex-Studio von „Rokko Ekbek“, wo die Scheibe eingespielt wurde, bereits ein Fairlight vorhanden war, aber der kam hier noch nicht zum Einsatz. Tietchens wollte offenkundig den Seriencharakter nicht durch allzu abweichende Klänge zerstören.

Das Album ist noch auf Wunsch des damaligen Sky-Inhabers Günter Körber entstanden und setzte Tietchens unter Zeitdruck — „aus vertriebspolitischen Gründen“. Tietchens lief daraufhin nach eigener Aussage in eine ästhetische Falle, denn die von den beiden Vorgängern gewohnten kurzen Stücke hätte er nicht innerhalb des gegebenen Zeitrahmens anfertigen können, und so entschied er sich dafür, eine kleinere Anzahl längerer Stücke einzuspielen, ergänzt um einige kurze Stücke, die von den vorigen Alben noch übriggeblieben waren.

Nicht allen Stücken ist das gut bekommen, das Album weist einige Längen auf. Langweilig wird es trotzdem nicht; Tietchens scheinen sie mehr zu stören als mich. Deutlich wird aber durch die längeren Teile das Konstruktionsprinzip: Die Stücke, davon bin ich überzeugt, sind zunächst in grafischer Form entstanden, um dann der Skizze folgend abschnittsweise aufgenommen werden zu können. Und die Stücke sind auskomponiert, Tietchens hat sich bewusst Rhythmen, Melodien und Harmonien einfallen lassen. Das ist hervorzuheben, denn das blieb nicht immer so. In die Nacht ist ein unterhaltsames Album geworden, poppig, angenehm schräg, manchmal schroff, einige Melodiefetzen haben dennoch Ohrwurmcharakter. Und rechtzeitig fertig geworden ist es auch.

Tietchens hat aus dem Album die Konsequenz gezogen, sich künftig nicht mehr unter Zeitdruck setzen lassen zu wollen.
 
 

 
 
Die Original-LP ist natürlich längst verschollen. Das Bremer Label Die Stadt hat das Album 2004 als CD wiederveröffentlicht, ergänzt um insgesamt fünf Bonsutracks. „Aus dem Tag“, das ursprünglich die LP eröffnen sollte, aber dann weggelassen wurde, eröffnet jetzt wie vorgesehen die Reise, am Ende stehen drei weitere (kurze) Stücke, die Körber seinerzeit als „zu experimentell“ ansah. Darüber ließe sich streiten; ich finde sie durchaus passend — das letzte der drei, „Lebende Regler“ schließt den Kreis zu „Aus dem Tag“ mit unverständlichem Gemurmel. Bureau B wiederveröffentlichte das Album 2013 als CD und LP, jedoch ohne Bonustracks.
 
 
Asmus Tietchens: In die Nacht
– Sky Records 077 (LP)
– Die Stadt DS 72 (CD)
– Bureau B BB 143 (LP und CD)
 

 
 
Sicher wird niemand widersprechen, wenn ich sage, dass die Talking Heads eine der prägenden Bands der 1970er/80er Jahre gewesen sind. Noch heute haben ihre Platten kaum Staub angesetzt. Da sollte man annehmen, dass die Autobiographie eines ihrer Mitglieder eine interessante Lektüre sein müsste. Aber dieses Buch hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

Gut geschrieben ist das Buch. Entweder, Chris Frantz kann es tatsächlich, oder es war ein guter Editor am Werk. Wir erfahren allerlei aus Frantz‘ Jugend — das in Autobiographien Übliche. Schon dabei erweckt Frantz den latenten Eindruck, ein Dampfplauderer zu sein, aber darüber kann man zunächst noch hinwegsehen. Liest man, was er mit 15 bereits alles getan haben will, kann man das schmunzelnd glauben oder nicht. Liest man, wie er später zur Rhode Island School of Design (RISD) empfohlen wurde, könnte man meinen, hier sei der Welt ein neuer Warhol erschienen. Gut, dieses Institut gilt als Harvard des Kunststudiums. Was genau er dort gemacht hat, bleibt aber im Dunkeln. Statt dessen erfährt man alles über die Einrichtung seiner Studentenbude, wird mit den Namen von Kommilitonen zugenagelt und darf allerlei Histörchen über sich ergehen lassen, die wohl jedem vertraut sein dürften, der selbst mal eine Uni von innen gesehen hat. Und auch hier gilt wieder: Was man glauben möchte oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Immerhin lernt er Tina Weymouth kennen, und das ist eine bis heute andauernde Lovestory.

Das New York der 1970er Jahre, in dem die beiden dann landen, war ein hartes Pflaster, jedenfalls in den Gegenden, die für noch ziemlich mittellose Artschool-Absolventen in Frage kamen. In diesen Schilderungen ist das Buch wirklich interessant. In Hell’s Kitchen oder in Bowerynähe konnte man für 150 Dollar im Monat eine Fabriketage mieten. Die hatte üblicherweise weder Dusche noch Küche, dafür musste man sie mit Kakerlaken und anderen unwillkommenen Mitbewohnern teilen. Und am Abend stellte sich die Straße als belebter Straßenstrich heraus und die Zuhälter grüßten sich von einer Straßenseite zur anderen. Es dauerte eine Weile, bis sowohl sie als auch die Frauen begriffen hatten, dass Tina keine neue Konkurrenz war, sondern dort wohnte.

Dafür aber — und dafür beneide ich die beiden schon ein bisschen — waren dann das CBGB’s, Max’s Kansas City und Warhols Factory um die Ecke, Debbie Harry, Chris Stein und die Ramones wohnten in der Nachbarschaft, man konnte beim Krämer William S. Burroughs, Lou Reed, Patti Smith oder John Giorno über den Weg laufen. Wer New York auch nur ein bisschen kennt, weiß, wie diese Stadt jeden, der sich dort aufhält, unter Strom setzt. Alle diese Leute lernten sich schnell untereinander kennen und halfen sich mit Duschgelegenheiten und bei anderen Problemen aus. Geld hatten sie alle nicht viel, aber unglaubliche Mengen an Phantasie und Improvisationsvermögen. Das führte fast zwangsläufig dazu, dass neue Bands, Auftrittsmöglichkeiten, kleine Labels, einfache Studios und alle möglichen künstlerischen Projekte entstanden, wie sie nur hier entstehen konnten. Manche Leute, wie etwa Lou Reed, wurden dabei auch ziemlich tricky. Auch Patti Smith oder Mitglieder der Ramones kommen bei Frantz nicht besonders gut weg. In diesem Chaos jedenfalls hoben Chris, Tina und der inzwischen mit ihnen zusammenlebende David Byrne die Talking Heads aus der Taufe; lange Zeit als Trio, später gesellte sich ihnen Jerry Harrison von den Modern Lovers hinzu.

Dass sich Chris stets als quietschmunteres Rehlein darstellt, das unbeschwert durch die Welt hüpft, mag in Ordnung sein. Vielleicht ist er das ja wirklich. Dass er zwischendurch ein Koksproblem entwickelt, wird immerhin nicht verschwiegen. Zunehmend ärgerlich wird aber seine Masche, sich selbst und Tina als Unschuldsengel zu stilisieren, die immer alles richtig machen und die Verantwortung tragen, während alle anderen Beteiligten ständige Störfaktoren sind oder — wie Jerry Harrison — überhaupt nur am Rande vorkommen. Statt dessen hat Frantz die Namedropping-Krankheit. Und dabei geht es nicht um die an der Karriere der Band Beteiligten, sondern jeder Kneipenwirt, jeder Tourbusfahrer und jedes Zimmermädchen in jedem Hotel werden genannt. Bei der Hochzeit von Tina und Chris wird uns buchstäblich jeder Verwandte, jeder Freund und jeder sonstwie Beteiligte vorgestellt (und es sind große Familien!). Das Buch entwickelt sich von Kapitel zu Kapitel mehr zu einer nichtendenwollenden Aufzählung von Tourneestationen, Studiosessions und Partys, und was es dort zu essen gab. Typisch auch ein Kapitel, das in den Compass Point Studios auf den Bahamas spielt. Es trägt die Überschrift „James Brown“. An dessen Ende haben wir erfahren, dass er da war. Das ist alles.

Das zieht sich durch das Buch. Auf der einen Seite wird man mit banalen Details erschlagen, auf der anderen Seite werden ganze Jahre in der Karriere der Talking Heads auf einer halben Seite abgefeiert oder ganz übersprungen. Das Zustandekommen ihrer wichtigsten Alben (Fear of Music, Remain in Light, Speaking in Tongues) wird zu kurz abgehandelten Nebensachen.

Insbesondere hat sich Frantz auf David Byrne eingeschossen. Dem spricht er zwar sein Können nicht ab (das wäre lächerlich, das ist ihm klar), aber dessen Anteil am Erfolg und Auftreten der Band wird ständig heruntergespielt. An Byrnes Persönlichkeit lässt Frantz von der ersten bis zur letzten Seite kein gutes Haar. Mit Sicherheit hatte Byrne seine Macken. So hatte sich die Band etwa darauf geeinigt, alle Namen in alphabetischer Reihenfolge als Autoren der Songs auf der Platte zu nennen. Byrne hintertrieb das dadurch, dass er kurz vor Drucklegung des Covers die Credits in „David Byrne and Talking Heads“ ändern ließ. Das ist fraglos eine Frechheit, auch wenn sie finanziell niemanden benachteiligte. Die Beteiligung Brian Enos als Produzent und sein kreativer Input werden einerseits sehr positiv hervorgehoben (auch hier wäre alles andere lächerlich), gleichzeitig wird Eno aber dargestellt als jemand, der sich ständig in den Vordergrund zu stellen und im Bündnis mit David als Co-Komponist in die Credits zu schmuggeln versuchte. Unter gleichberechtigten Bandmitgliedern gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, man klärt solche Unstimmigkeiten sofort an Ort und Stelle und macht klar, wo die rote Linie ist — oder man nimmt die Vorkommnisse hin, genießt das resultierende Bankkonto und hält den Mund. Sich aber 40 Jahre später hinzustellen und in einem Buch zu lamentieren, der Betreffende sei aber ein Arsch gewesen — das ist schlechter Stil.

Anderes Beispiel: Chris berichtet, wie Tina und er in irgendeinem Provinzkino Davids Film True Stories (an dem sie immerhin als Mitwirkende beteiligt waren) sahen. Er schreibt, wie angeblich die Zuschauer reihenweise gelangweilt den Saal verließen und am Ende er mit Tina allein im Kino saß. Auch hier gilt wieder: Man mag es glauben oder nicht. Aber man merkt die Absicht und ist verstimmt. In einem anderen Fall, den ich hier nicht ausführen will, wird David auf eine fast schon infame Weise ein unsägliches Verhalten dem Hotelpersonal gegenüber unterstellt und dann im Nachhinein gesagt, man wisse gar nicht, ob der Vorfall überhaupt von ihm ausgegangen sei oder von einem der Roadies. Und weil das noch nicht reicht, wird dem Leser an anderer Stelle zugetratscht, auf wie schäbige Weise sich David angeblich von seiner Frau getrennt habe. Selbst wenn es wirklich so gewesen sein sollte, wäre das eine Privatangelegenheit zwischen David und seiner Frau, und es steht Frantz nicht zu, sie in einem Buch in die Welt zu blasen.

Wie immer in solchen Fällen erfährt man mindestens so viel über den Kläger wie über den Beklagten.

Konsequenz: Schauen wir mal wieder, was David Byrne als Solokünstler gemacht hat, und vergleichen es mit dem, was man von Chris und Tina gehört hat. Da steht dann My Life in the Bush of Ghosts als eine der wichtigsten Platten der 1980er Jahre gegen den Tom Tom Club, der zwar zugegebenermaßen unterhaltsam ist, aber mehr wohl nicht. Klar, eine gute Band ist immer mehr als die Summe ihrer Mitglieder. Aber der Film Stop Making Sense zeigt noch immer unabweisbar, wer das Image der Talking Heads geprägt hat. Einem Menschen mit einigem Verstand — und das ist Chris Frantz — sollte es möglich sein, das zuzugeben.
 
 


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