Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2022 10 Jan

Six Years

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2022 2 Jan

Phrasen 2021

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Auch dieses Jahr soll sie nicht fehlen, die Blütenlese der abgegriffensten Plattheiten und missglücktesten Modeerscheinungen in deutschen und anderen Medien:

zähes Ringen
ablachen
proaktiv
offene Baustelle
raushauen
Bauklötze staunen
glass ceiling
weiblicher werden
strukturelles Problem
kann Kanzler
tief gespalten
schon längst
immer mehr
an den Rollstuhl gefesselt
neu denken
radikal
heißer Scheiß
Aber hey
Frauenpower
Powerfrauen
wir müssen reden
Schalte
Koch und Kellner
breitbeinig auftreten
Meldeverzug
Alpha-Männer
Komfortzone
Erklärbär
think tank
Mekka des/der …
Vordenker
hart arbeitende Bevölkerung
Spagat
fieberhaft
Kampf gegen den Krebs verlieren
aufgleisen
safe spaces
Aktivist
auch Frauen und Kinder
changed music forever
in trockenen Tüchern
Pfründe
Schere zwischen X und Y

Nächstes Jahr wieder. Ohne safe space.

2021 21 Dez

Literarisches Wimmelbild

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Wimmelbilder kennt man: Zeichnungen, die umso mehr Details offenbaren, je länger man draufschaut. Wimmelbilder sind auch das Prinzip der meisten Film- oder TV-Serien: „Star Wars“, „Batman“ oder „Succession“ führen zu immer detaillierteren Blickwinkeln auf Charaktere oder Sachverhalte. In der Literatur kennt man das Wimmelbildprinzip von Fortsetzungsromanen, sei es Enid Blytons „Abenteuer“-Serie oder sei es der immer weiter ins Detail gehende Blick auf die Figuren im Tolkienschen Kosmos. Letzthin hat Christoph Dallach weitgehend kommentarlos alle möglichen — auch inkompatiblen oder einander widersprechenden — Musikerstatements unter dem Rubrum „Krautrock“ so zusammengefügt, dass sie doch eine kompakte Einheit bilden. Keine Meldung in den Fernsehnachrichten mehr, die nicht so gebaut ist, dass für morgen eine Fortsetzung möglich ist. Das Prinzip ist das der Selbstähnlichkeit des Apfelmännchens — der Versuch, die Ordnung im Chaos zu sehen. Man wird durch ständig neue Ausschnittvergrößerungen aus Ausschnittvergrößerungen im Rahmen einer ständigen Wiederkehr des Immergleichen geführt.

Seit inzwischen nun auch bereits einiger Zeit findet man dieses Bauprinzip um bestimmte Jahreszahlen herum, die irgendeine „Schlüsselbedeutung“ haben. Heinz Schilling schrieb über das Jahr 1517, Adam Zamoyski über 1815, Uwe Wittstock über den Januar 1933; Florian Illies hat das schon vor etlichen Jahren gemacht, als er die „Generation Golf“ erfand. 2012 schrieb er ein Buch über das Jahr 1913 — Tag für Tag, und auch das war ein Versuch, die diversen Ereignisse eines Jahres unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln. Und wenn man ein so exzellenter Schreiber ist wie Illies, dann wird aus einem solchen Flickenteppich wirklich eine lesenswerte Einheit. (Das Nachklappwerk „1913 — Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ von 2018 war dagegen eher von der Sorte „Man merkt die Absicht und ist verstimmt“.)

Und jetzt gibt es „Liebe in Zeiten des Hasses“. Hier geht es darum, in kurzen Abschnitten Schicksale, Lebenswege und Beziehungschaos etlicher durchweg bekannter Persönlichkeiten zwischen 1929 und 1939 thematisch zu vereinen, wobei das Buch im Prinzip nur eine Teilung kennt: Vor 1933 und nach 1933.

Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob das Buch eigentlich auch dann interessant wäre, wenn es darin nicht um wohlbekannte Größen wie Klaus und Erika Mann, Walter Benjamin, Gustaf Gründgens, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Bert Brecht samt Hofstaat, Hermann Hesse und viele, viele weitere ginge, sondern um Lieschen Müller und ihren kleinen, für die Weltgeschichte unbedeutenden Beziehungsstress. Könnte es sein, dass man hier einem wunderbar geschriebenen Namedropping auf den Leim geht? Ist das nicht die gehobene Variante der bunten Klatschblätter, die man beim Friseur liest? Zumal man sich beim Lesen zunehmend fragt, woher der werte Autor das alles eigentlich so genau wissen will und sich der Eindruck einstellt, dass da wohl oft nur zwei und zwei zusammengezählt worden ist. Dass eine unglaubliche Recherchearbeit in diesem Buch steckt, ist klar, die verwendete Literatur wird im Anhang auch genannt (und lädt in vielen Fällen zum Weiterlesen ein). Aber man weiß natürlich, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie in Autobiografien und Tagebüchern, jedenfalls, wenn letztere von vornherein im Hinblick auf ihr Publikwerden nach dem Ableben ihres Verfassers entstanden sind.

Ernster wird das Buch im zweiten Teil. Da nämlich geht es nicht mehr vorrangig um scheiternde oder glückende Liebesbeziehungen, sondern nun werden diese zunehmend in den Kontext von Verfolgung, Exil und den nicht seltenen tödlichen Konsequenzen gestellt, und das ist dann eine andere Dimension. Da steht man vor den Trümmern so mancher Existenz. Und es wird einem klar, was für ein riesiger Unterschied es ist, ob man ein Land freiwillig verlässt oder ob das Wissen um das sonst mögliche Kaltgestelltwerden, den Knastaufenthalt oder gar den Tod dahintersteht.

Ein kleines Manko: Gelegentlich wird in diesem Buch auf veraltete Quellen zurückgegriffen. Der Tod Kurt Tucholskys etwa wird hier noch immer ausführlich als Selbstmord dargestellt; tatsächlich ist sich die neuere Forschung da aber gar nicht mehr so sicher — wahrscheinlich war es doch eher der Unfallklassiker „Schlaftabletten und Alkohol“. Erich Kästners tägliche Postkarten an seine Frau Mutter werden hier als klassische „Muttersöhnchen“-Beziehung geschildert. Dass das eine enge Beziehung war, darf man wohl annehmen, aber der Kästner-Biograf Klaus Kordon hat schon vor einigen Jahren eine nicht weniger einleuchtende These aufgestellt: dass nämlich Kästners Postkarten vorrangig den Zweck hatten, sich die Mutter vom Hals zu halten, indem er sie mit Informationen überflutete. — Aber das sind Petitessen.

Und irgendwie ahnt man auch schon, welcher Zeitraum als nächstes Wimmelbild kommen könnte. Und man ahnt, dass man wieder kopfüber hineinfallen wird.

2021 5 Dez

Meine Tops 2021

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Albums:
 

 

 
 
1. Steely Dan: Northeast Corridor / Donald Fagen: The Nightfly Live
2. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club / Blue Banisters
3. Nick Cave & Warren Ellis: Carnage
4. Marc Johnson: Overpass
5. Mathias Eick: When We Leave
6. Can: Live in Stuttgart 1975
7. Floating Points, Pharoah Sanders & London Symphony Orchestra: Promises
8. Pittsburgh Symphony Orchestra, Ltg. Manfred Honeck: Brahms: Symphony No. 4; MacMillan: Larghetto for Orchestra
9. Asmus Tietchens (Hematic Sunsets): Aroma Club Adieu
10. Daniel Lanois: Heavy Sun
11. András Schiff, Orchestra of the Age of Enlightenment: Brahms: Piano Concertos 1 & 2
12. Konstantin Semilakovs: Scriabin: Couleurs Sonores
 
Potenzielle Kandidaten wären noch gewesen:
 
Balmorhea: The Wind
Bryan Ferry: Live At The Royal Albert Hall 2020
Moby: Reprise
Neil Young & Crazy Horse: Way Down In The Rust Bucket

 

Re-Issues:

 

 
 
1. Dave Pike Set: At Studio 2, March 11, 1971
2. Pet Shop Boys: Discovery — Live In Rio 1994
3. Klaus Doldinger: The First 50 Years Of Passport
4. Gentle Fire: Explorations (1970-1973)

(Ziemlich geringe Ausbeute, dieses Jahr. Dafür war es ein Jahr der Wiederentdeckungen:)
 
Wiederentdeckt:
 
Januar: 801 Live (1976)
Februar: Cat Mother & The All Night Newsboys: The Street Giveth … And The Street Taketh Away (1969)
März: Albert Mangelsdorff: Three Originals (The Wide Point, 1975; Trilogue, 1977; Montreux, 1980)
April: David Shea: Tower of Mirrors (1995)
Mai: Hans Zimmer: The British Years (My Beautiful Laundrette, A World Apart u.a.) (2005)
Juni: Miles Davis: Big Fun (1974)
Juli: Hot Tuna: Hoppkorv (1976)
August: Ketil Bjørnstad, Bjorn Kjellemyr, Jon Christensen, Per Hillestad, Terje Rypdal: Water Stories (1993)
September: Hanns Dieter Hüsch: Abendlieder (1976)
Oktober: Kraan: Live (1975)
November: Ougenweide: Herzsprung (2010)
Dezember: The United States Of America: s/t (1968)

2021 2 Dez

Zwischendurch …

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… vielleicht mal wieder ein wenig Klassik:

 

 

Das Pittsburgh Symphony Orchestra sollte mittlerweile zur Top-Riege amerikanischer Sinfonieorchester gezählt werden, es hat sich nur noch nicht überall herumgesprochen. Zu seinen früheren Chefdirigenten zählten André Previn, Lorin Maazel und Mariss Jansons, seit 2008/09 liegt die musikalische Leitung in den Händen des Österreichers Manfred Honeck. Orchester und Dirigent lieben sich offenkundig, gerade hat Honeck seinen Vertrag bis 2028/29 verlängert. Der Dirigent hat jahrelang in der Violasektion der Wiener Philharmoniker gespielt. Deren Klang hat er ebenso inhaliert wie den Interpretationsstil Carlos Kleibers, den er noch selbst erlebt hat. Und das hört man.

Brahms‘ Vierte ist die zwölfte Einspielung des PSO unter Honeck für das Reference-Label, das nicht aus Versehen so heißt. Nach Bruckners Neunter und Shostakowitschs Fünfter ist dies bereits die dritte Veröffentlichung, die mit einem Grammy bedacht worden ist.

Was kann man einem Schlachtross wie Brahms‘ Vierter noch abgewinnen? Sicherlich nichts sensationell Neues mehr, aber diese Liveaufnahme aus der Heinz Hall bietet eine energische Handschrift bei sehr großer instrumentaler Klarheit, insbesondere im Schlusssatz. Der dritte Satz heißt nicht nur „giocoso“, sondern hat tatsächlich eine wahrnehmbare Spur Humor. Die Tonqualität ist außerordentlich gut, man kann im Kopfhörer praktisch jedem einzelnen Instrument folgen, trotzdem ist der Orchesterklang kompakt und zupackend. Das Publikum übrigens ist mäuschenstill, ich höre keinen einzigen Huster, aber das mag auch der Kunst des Tonmeisters zu verdanken sein (ich erinnere das aus etlichen Konzerten anders).

Das Larghetto for Orchestra des schottischen Komponisten James MacMillan war ein Auftragswerk des PSO anlässlich von Honecks zehnjährigem Jubiläum. Die CD enthält die Uraufführung von 2017. Ein wenig filmmusikartig ist das knapp 15-minütige Stück manchmal geraten, aber wenn weitere Orchester es übernehmen würden, hätte es gute Chancen, Samuel Barbers Adagio abzulösen.

Eine schöne Platte zum Jahresende.

2021 23 Nov

Rock and Roll Explorer Guide

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Mike Katz und Crispin Kott haben bislang zwei Bände vorgelegt, ob eine Reihe daraus werden soll — wer weiß. Beide Bände im Paperbackformat sind der Versuch, die Musikszene einer Stadt so aufzudröseln, dass Besucher sich einen Plan besuchenswerter Orte zusammenstellen können. In beiden Bänden steckt eine bemerkenswerte Recherchearbeit; die Aufmachung ist identisch. Die Adressen nicht mehr existierender Gebäude sind meist mit einem durchgestrichenen Kreis gekennzeichnet, was aber nicht immer der Fall ist — in Amerika ist man im Abreißen ziemlich mitleidlos. Beide Bände besitzen Indexe, die leider nicht immer ganz korrekt sind. Die Bücher sind, wohl um den Umfang möglichst gering zu halten, aus einer kleinen, komprimierten serifenlosen Schrift gesetzt, was für einen alten weißen Mann das Lesen leider recht anstrengend macht.

 

 

Der erste Band, erschienen 2018, ist New York City gewidmet. Die Grundidee ist, die Stadt stadtteilweise nach Musikclubs, Kneipen, Konzerthallen, Plattenläden, Studios und gegebenenfalls auch früheren Wohnorten prominenter Rockmusiker abzugrasen, stets mit der genauen Adresse und vielfach mit Fotos dokumentiert. Dazwischen werden die Karrieren wichtiger Bands aus den jeweiligen Stadtteilen in Einzelkapiteln vorgestellt und aufgelistet, wo sie irgendwann mal aufgetreten sind, in welchen Studios sie welche Platten aufgenommen haben und was aus ihnen geworden ist.

So einleuchtend das klingt, der Haken dieser Vorgehensweise fällt schnell ins Auge: Es gibt eine Unzahl von Venues in New York, und fast alle Acts haben im Laufe ihrer Karriere in etlichen davon gespielt. Deswegen tauchen schon nach kurzer Zeit bei jeder Band immer wieder dieselben Veranstaltungsorte und dieselben Adressen auf. Das ermüdet ein wenig. Zum Durchlesen sind die Stadtteilkapitel deswegen eher nicht geeignet; sinnvoller ist es, anhand des Inhaltsverzeichnisses oder des Indexes bestimmten Bands oder Namen durch das Buch zu folgen. Dass die Auswahl der Namen angesichts der Unzahl von Bands begrenzt und subjektiv sein muss, versteht sich von selbst. Manchmal wundert man sich über die ungleiche Länge der Kapitel; die Velvet Underground etwa werden auf sechs Seiten bedient, wie auch die ur-New Yorker Talking Heads, die Beatles sogar nur auf fünf, Simon & Garfunkel erhalten immerhin neun — wobei zuzugeben ist, dass deren Karriere um einiges nicht nur länger, sondern auch kurvenreicher verlief. Literarische Ansprüche darf man nicht stellen, aber darum geht es auch nicht.

Wer sich mit Hilfe dieses Buches durch New York City bewegt, kann beispielsweise die Häuserzeile entdecken, die auf dem Cover von Led Zeppelins Physical Graffiti zu sehen ist (96-98 St. Marks Pl) und mit Erstaunen feststellen, dass die Häuser in Wahrheit ein Stockwerk mehr besitzen als auf dem Foto. Oder man steht vor dem handtuchschmalen Gebäude einer Bankfiliale (105 2nd Ave) und wird von der Erkenntnis getroffen, dass dies einmal das legendäre Fillmore East war.

 

 

San Francisco und die Bay Area sind der Gegenstand des zweiten Bandes, erschienen 2021. Aufmachung und Aufbau sind identisch mit dem New-York-Band, aber weil San Francisco deutlich kleiner als New York ist und die Club- und Kneipendichte sehr viel niedriger ist, wird hier weniger auf die Stadtteile geschaut, sondern auf Bands. Und klar, dass der Schwerpunkt hier auf den Grateful Dead, Janis Joplin und Big Brother & The Holding Company sowie Jefferson Airplane/Starship liegt, in zweiter Reihe stehen Santana, Creedence Clearwater Revival, Quicksilver Messenger Service. Paul Kantners zweites Wohnzimmer immerhin kann man noch besuchen (Caffe Trieste, 601 Vallejo St, aber diese Adresse wusste der Fan natürlich auch schon vorher). Auch der Veranstalter Bill Graham hat ein eigenes Kapitel. Da im Gegensatz zu New York der musikalische Ruhm San Franciscos heute ein wenig verwittert ist, hält sich das Buch stärker an die selige Hippievergangenheit, was zur Folge hat, dass viele der erwähnten Clubs und Konzerthallen nicht mehr existieren. Der Winterland Ballroom etwa ist längst abgerissen, wer sich also zur Adresse 2000 Post St begibt, findet dort heute nur ziemlich einfallslose Apartmenthäuser vor. Der Carousel Ballroom, aus dem das Fillmore West wurde (10 South Van Ness Ave), beherbergte später einen Autohändler, der immerhin wusste, dass er auf musikhistorischem Grund residierte und im Hinterzimmer eine Art Fillmore-Museum betrieb. Aber auch der ist weg, heute steht dort ein neutrales Geschäftsgebäude mit einem Café. Oh Nostalgia …

Wer also eine Musikreise plant (und sei es nur im Kopf oder per Streetview): Dies ist empfehlenswerte Lektüre.

2021 24 Okt

Treppauf, treppab

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Der Corona-Shutdown scheint so manchen zu erhöhter Aktivität veranlasst zu haben. So auch Lana Del Rey, die soeben mit leichter Verzögerung ihr zweites Album in diesem Jahr vorgestellt hat: Blue Banisters, blaue Treppengeländer — wie sinnbildlich man immer den Titel verstehen möchte.

Denn in der Tat: Lana nimmt den Hörer an die Hand und führt ihn durch eine sehr seltsame, völlig in sich geschlossene Landschaft. Blue trifft es recht gut, blau, dunkelblau ist die Stimmung des Albums. Moorlandschaft unter Vollmondlicht. Einerseits hätte Blue Banisters auch zusammen mit Chemtrails Over the Country Club als Doppelalbum erscheinen können, andererseits aber auch nicht. Bei genauerem Hinhören unterscheiden sich die Alben nämlich doch. Wenn man das Poetry-Album einmal mitrechnet, dann ist dies Lanas neunte Platte seit 2012, es ist also eine gewisse Routine eingetreten, und die zahlt sich aus. Lana Del Rey ist eine Kunstfigur und bleibt dem einmal gewählten Rollenbild auch hier wieder treu, arrangiert dessen Bauelemente aber immer wieder einmal um. Und sie weiß genau, in welchen Lagen ihre Stimme am eindrücklichsten wirkt.

Fünfzehn Songs, die meisten um die viereinhalb Minuten lang. Die Grundstimmung (ohne hier jetzt auf die teils expliziten Texte einzugehen, die ich noch nicht alle entschlüsselt habe) ist Drama, zeitbezogen, und doch irgendwie an Hollywoods Schwarze Serie erinnernd. Das Album basiert im wesentlichen auf dem Piano, dem Grand wie dem E-Piano. Dazu kommt sparsames Schlagzeug, das gelegentlich allerdings brachial zuschlägt, irgendwo ist auch ein Morricone-Sample eingebaut. Lana rollt ihre Stimme aus wie einen samtenen Teppichläufer, auch dieser allerdings unterbrochen von gelegentlichen Ausbrüchen, die fast ins Hysterische gehen, dann aber doch wieder abgebremst werden. Sie liebt bestimmte melodische Wendungen, die immer wieder in vergleichbarer Weise auftauchen, baut in die Songs aber auch seltsame Melodiesprünge ein, bei denen man nicht immer genau weiß, ob sie einen aus der Bahn werfen sollen oder ob sie einfach kompositorisch nicht ganz zu Ende gedacht sind. Auch greift sie gern mal die inzwischen etwas aus der Mode geratenen Mittel des Tempo- und/oder Rhythmuswechsels auf.

Was mich an diesem Album besonders fasziniert hat, ist die Art der Produktion. Man hat fast den Eindruck, das Album bestünde aus zwei Klangschichtungen, einer inneren und einer äußeren. Für den erwähnten Teppichläufer (das Bild ist mir nicht aus Versehen eingefallen) werden altertümliche Platten- und Federhall-Effekte eingesetzt, die dem Ganzen einen leichten Sechziger-Jahre-Touch geben — warm, aber nicht räumlich. Dazu kommen Einwürfe, die aus einer anderen, sehr heutigen Klangebene hinzugefügt werden und sozusagen von außen auf die innere Klangebene prallen — das ist sehr faszinierend. Man achte auch einmal darauf, wie viele Stimmen man eigentlich hört. Dass Lana ihre Stimme gern doppelt, ist nicht neu, das ist auch hier wieder so. Hier aber singt sie punktuell ganze Chöre, die streckenweise fast an Mahlersche Fernchöre erinnern. Es ist sehr reizvoll, im Kopfhörer einmal genau darauf zu achten, wie die diversen Stimmen sich akustisch unterscheiden und im Panorama verteilt sind — das ist alte Abba-Schule, handwerklich perfekt.

Einige Kritiker haben Blue Banisters bereits ziemlich verrissen. Mit gefällt das Album nach einmaligem Hören sehr gut. Lediglich scheint es mir ein wenig lang geraten zu sein. Ein oder zwei Stücke weniger wären auch in Ordnung gewesen. Auf jeden Fall ist dies eine Platte, nach der man nicht sofort andere Musik hören möchte.

 

2021 9 Okt

Zeitreise

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Stefan Aust nennt sich „so ’ne Art Journalist“, findet sich „überdurchschnittlich durchschnittlich“ und gehört damit spätestens seit den späten 1960er Jahren zu den wenigen deutschen Journalisten, die ich als wichtig bezeichnen würde. Seine Reise führte ihn von der Schülerzeitung Wir über die St.-Pauli-Nachrichten zu konkret, von dort zur „Panorama“-Redaktion des NDR, zur Spiegel-Chefredaktion, er brachte mit Alexander Kluge Spiegel-TV und dessen diverse dctp-Derivate zum Laufen, er gründete XXP und übernahm damit Vox TV, war Mitgründer von n-tv, und heute ist er Herausgeber der Welt. Dass er dort mal landen würde, hätte er zu Beginn seiner Karriere sicher nicht gedacht — obwohl: Damals war die Welt noch ein liberales Blatt. Freier Filmemacher und Buchautor ist er noch dazu. Und — nicht zu vergessen — Pferdenarr.

Dankenswerterweise verzichtet Aust auf lange persönliche Geschichten, er hält sich als Privatperson sympathisch zurück und nimmt uns statt dessen mit auf eine 650 Seiten lange Reise, die wahrlich den Namen „Zeitreise“ verdient. Austs kritische Begeisterung für die USA macht Lust, seine Reisen nachzureisen; er hat den richtigen Blick für das Wesentliche. Von Station zu Station fallen einem die Ereignisse wieder ein — die meisten davon hat man ja mitbekommen, nur hatte man längst vergessen, wer der Berichterstatter war: Der Besuch des Schah von Persien, der mit dem Tod Benno Ohnesorgs endete. Die Baader-Meinhof-Zeit, der Bestseller und der daraus resultierende Film (den er für sehr gelungen hält, ich bin da etwas weniger überzeugt). Die Anti-Atom-Bewegung. Die Hitler-Tagebücher. Tschernobyl. Der Mauerfall. Und, und, und; ich will es nicht alles aufzählen. Manches interessiert mehr, manches weniger. Die Story um den Agenten Mauss etwa hat mich schon damals nicht interessiert, und auch hier im Buch habe ich sie nur quergelesen. Um so interessanter aber Austs durch konkret entstandene Kontakte zu Ulrike Meinhof, bis hin zu der Geschichte, wie er ihre Kinder aus Italien nach Deutschland holte. Auch wenn Austs Erzählstil eher cool ist, so merkt man ihm doch an, dass manche Ereignisse nicht ganz so cool waren, als sie passierten. Und auch heute noch darf man pointierte, aber stets begründete Ansichten von ihm erwarten; etwa zu Fridays for Future und der heiligen Greta — und gerade aus der Perspektive über den Atlantik ist das interessant.

Ein bisschen verblüffend ist die scheinbare Geradlinigkeit von Austs Karriere. Jede Station scheint sich aus der davor zu ergeben; man hat das Gefühl, da gab es kaum mal Zweifel oder Entscheidungen, die im Nachhinein bedauert wurden. Aber das ist eine Eigenart vieler Autobiografien. Sie resultiert aus der Rückschau, vielleicht ist das nicht zu vermeiden. Lesenswert, alles in allem. Mit Fotostrecke und einem schönen roten Lesebändchen.
 
 

2021 27 Sep

Double Feature

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Is it really seven years ago already that I had the pleasure to see Steely Dan on stage? My review says so.

Now they released a live album. Northeast Corridor.

 
 

 
 
The line-up is more or less the same as seven years ago — only Walter Becker is missing, of course. The album is dedicated to his memory.

Recorded at four different venues, probably in 2019, the Steely Dan Band, as it’s called now, played a sort of Greatest Hits set, from „Black Cow“ to „Reelin‘ In The Years“, even „Rikki Don’t Loose That Number“ is on the setlist, a track they didn’t want to play formerly. One song from the Everything Must Go album is presented live for the first time, „Things I Miss The Most“, „A Man Ain’t Supposed To Cry“, an old Frankie Laine number, which appears as track 12 here, was the last encore.

The musicians and singers, without exception, are superb. Even when Donald Fagen gets a bit into fights with the higher notes (he’s 73 now, so I think he’s allowed to), the four back-up singers stand in perfectly, you hardly notice how well they do it.

As you would expect from Steely Dan, the sound is absolutely first-class, the audience is audible but not mixed into the foreground, you can follow the overall sound as well as every single instrument, especially when using headphones. What else could you wish for!

But there’s more!

There’s also this:
 
 

 
 
The Steely Dan Band plays Donald’s full solo album The Nightfly from 1982. The sleeves don’t tell the recording dates, but it’s same band and same venues, and the sound tells me that it’s probably been a part of some of their 2019 shows. The vocals in „Maxine“ are left completely to the back-up singers which works beautifully.

These two albums — I think they belong together — could easily be my records of the year. Just fantastic!

2021 24 Aug

The Nightfly

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Nicht wirklich neu, nun aber live: Donald Fagens The Nightfly von 1982 erscheint Ende September als Konzertmitschnitt. Es spielt die Steely Dan Band mit dem Meister selbst. Man darf gespannt sein.

 

Hier „I.G.Y.“ als Kostprobe.

 


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