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on life, music etc beyond mainstream

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2018 4 Jul

Won’t you be my Neighbor?

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Mit diesem Lied auf den Lippen kam zwischen 1968 und 2001 im amerikanischen Fernsehen Mister Rogers von der Arbeit nach Hause (wir erfahren nie, welchen Job er hatte, aber seinem Aufzug nach wird es wohl ein white-collar job gewesen sein), hängte sein Jackett in den Schrank, zog einen farbigen Freizeitsweater über und nahm Platz, um die Business-Schuhe gegen bequeme Sportschuhe zu wechseln. Diese Geste des Schuhwechsels ist so typisch und so bekannt, dass sowohl das Heinz History Center in Pittsburgh ihn so in der Originaldekoration zeigt …
 
 
 

 
 
 
… wie auch die Mister-Rogers-Statue, die in Pittsburgh vom südlichen Ufer des Allegheny Rivers auf den Point Park blickt, dort, wo der Allegheny und der Monongahela zusammenfließen und den Ohio River bilden:
 
 
 

 
 
 
Won’t you be my Neighbor? ist auch der Titel eines Dokumentarfilms, der zur Zeit aus Anlass des 90. Geburtstages von Mr. Rogers durch die amerikanischen Kinos läuft. Im Normalfall reicht bereits die Erwähnung des Titels oder des Namens, um Amerikaner, soweit sie mit dieser seiner Show
 
 
 

 
 
 
aufgewachsen sind, zu Tränen zu rühren. Und das ist nicht übertrieben.

Fred McFeely Rogers (1928-2003), studierter Komponist, Pianist und geweihter presbyterianischer Priester (der allerdings nie eine Messe las), fand das, was das amerikanische kommerzielle Fernsehen Vorschulkindern vorsetzte, einfach schrecklich. In den frühen 1960er Jahren entwickelte er deshalb eine 15-minütige Kindersendung namens Misterogers, die eine Zeitlang im kanadischen CBC zu sehen war, dann aber eingestellt wurde. Er setzte seine Arbeit fort in seinem Geburtsort Pittsburgh beim Public-TV-Sender WQED. In einfachster Kulisse, mit Handpuppen und einer kleinen Schar ständiger Darsteller, entstand so Mister Rogers‘ Neighborhood. Schon nach kurzer Zeit übernahmen alle Public-TV-Sender der USA die Show in ihr Programm, wo sie dann von 1968 bis 2001 blieb.
 
 
 

 
 
 

Fred Rogers setzte dabei bewusst auf einen Gegenpol zur Sesame Street, die in schneller Schnitt- und Wiederholungsfrequenz das von Kindern heißgeliebte Werbefernsehen kopierte — mit Erfolg, wie man weiß. Rogers war der Meinung, man müsse, um einen Draht zu Kindern zu entwickeln, keine albernen Hüte aufsetzen, nicht betont „kindlich“ reden, nicht permanent schreien oder Witze reißen und auch keine Supergestalt sein. Kennzeichen seiner Show waren relative Gemächlichkeit, Ruhe, unbedingte Aufrichtigkeit, eine Reihe von Ritualen (wie dem eingangs geschilderten), vor allem aber die völlige Freiheit von Werbung und Product Placement.

Mister Rogers verstand es stets, eine gewisse Distanz zu halten: er zog zwar Freizeitkleidung an, aber die Krawatte blieb. Nie wurde er „Uncle Fred“ oder etwas dergleichen, er blieb immer „Mister Rogers“ — im deutschen Fernsehen würde das bedeuten: Er ließ sich siezen. Zwischen der „realen“ Kulissenwelt und der Welt der Puppen verkehrte ein Straßenbahnwagen. Dort traf man dann auf Gestalten wie King Friday XIII und seine Frau, Daniel Tiger oder X the Owl — zehn Charaktere insgesamt sprach Rogers selbst. Mit ihnen konnte er Emotionen aufbauen. Dazwischen gab es kurze Sach-Einspieler über etwa die Herstellung von Himbeereis, oder wie man einen Kran aufbaut, wo Zeitungen herkommen, und so weiter. Im Normalfall wurde die Sendung relativ kurz vor der Ausstrahlung produziert, so dass aktuelle Vorkommnisse einbezogen werden konnten.

Man muss es sehen und hören, wie dieser Mann mit Kindern sprach, mit ihnen umging, ihnen Dinge erklärte, wie er sie ernst nahm, ohne sie zu überfordern. Man muss es sehen (und die Dokumentation zeigt es), wie er — zum Beispiel — erklärt, was der Begriff assassination meint (das Attentat auf Robert Kennedy war gerade passiert und der Begriff ging durch alle Medien), wie er (live im Studio!) vor Kindern auf die Challenger-Katastrophe reagiert oder was 9/11 zu bedeuten hatte. Wer im deutschen Kinderfernsehen hätte das hinbekommen? Ich weiß keinen.

Man muss sich klarmachen, dass noch in den Spätsechzigern manche Hotelbesitzer ihren Swimmingpool desinfizierten, wenn Schwarze darin gebadet hatten. Erst dann kann man verstehen, welchen explosiven Hintergrund eine scheinbar ganz harmlose Szene wie diese hatte:
 
 
 

 
 
 
Der Polizistendarsteller übrigens hatte irgendwann sein reales Coming-Out. Das führte zur Scheidung seiner Ehe, was natürlich Futter für die Klatschpresse war. Mister Rogers konnte auch das in seiner Sendung kindgerecht auffangen, und der Schauspieler blieb im Team.

Und es gibt jenen legendären Auftritt Rogers‘ vor dem United States Subcommittee on Communications, das 1969 über die Vergabe von 20 Millionen Dollar an das öffentliche Fernsehsystem PBS zu entscheiden hatte. Nachdem etliche Fachleute ihren Standpunkt dargelegt hatten und das Komitee nicht zu überzeugen vermochten, rezitierte Fred Rogers schlicht einen Text aus seiner Sendung — eigentlich einen Liedtext, den er aber sprach. Was den bis dahin äußerst widerständigen Chairman schließlich zu der Bemerkung brachte: „I think it’s wonderful. Looks like you just earned the $20 million.“ — So zu sehen in der Doku.

Mister Rogers‘ Neighborhood ist in Deutschland völlig unbekannt. Auch mir als Mediensoziologe war die Sendung nie begegnet. Da sie mit der Person Fred Rogers stand und fiel, wäre es wahrscheinlich unmöglich gewesen, sie in einer sinnvollen Weise einzudeutschen (wie es mit der Sesamstraße ja durchaus gelungen ist). Ich wüsste auch keine Person, die Rogers‘ Stelle hätte einnehmen können — am ehesten vielleicht noch Siebenstein, aber auch das war eigentlich etwas anderes. Das Team der Sendung mit der Maus allerdings (die wiederum hier kein Mensch kennt) hat Mister Rogers mit Sicherheit sehr genau studiert, auch wenn atmosphärisch etwas anderes dabei herausgekommen ist.
 
 
 

 
 
 
Fred Rogers starb 2003 an Magenkrebs. Noch während der Trauerfeier protestierten auf der Straße religiöse Betonköpfe gegen sein teuflisches Wirken.

Ja, ich wäre gern sein Nachbar gewesen. Sollte es die Doku wundersamerweise einmal nach Deutschland schaffen: Anschauen lohnt sich. Bitte dann vorsichtshalber ein Paket Taschentücher nicht vergessen.

 

 
 
 

Ten years ago today around midnight I arrived in the United States. Without return ticket.

Yay!

 

2018 12 Jun

Klaus Schulze: Silhouettes

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Von Klaus Schulze hat man lange nichts mehr gehört; irgendwann habe ich es allerdings auch aufgegeben, seinen Veröffentlichungen bewusst zu folgen. Seine letzte mir bekannte Soloplatte war Kontinuum von 2007, Shadowlands von 2013 ist mir anscheinend entgangen, seine Experimentierereien mit Lisa Gerrard fand ich eher nicht sehr geglückt. Aus gesundheitlichen Gründen wird es auch keine Konzerte von Schulze mehr geben.

Da freut man sich dann doch über ein Lebenszeichen. Und man erkennt ihn wieder. Silhouettes ist offenkundig ohne jeden Produktionsdruck und mit recht einfacher Ausrüstung entstanden, hat keine Gastmusiker, hängt sich an keine Trends an, kommt nicht mit aufgeblasenen Synthie-Effekten daher, sondern ist Ambient im besten Sinne. Eine über Strecken fast unauffällige Klanglandschaft, auf die man sich einlassen kann, die aber auch nicht stört, wenn sie einfach nur im Hintergrund läuft. Die Basis der vier Stücke sind Reihungen an- und abschwellender Akkorde, in denen gelegentlich die charakteristischen echogeladenen Schulze-Sequenzen aufblitzen, manchmal um simple Percussion ergänzt. Wirkliche Melodien gibt es nicht, aber die waren ohnehin nie Schulzes Stärke. Die Titel — etwa „Der lange Blick zurück“ oder „Châteaux faits de vent“ — lassen einen leichten Grad von Melancholie erahnen, der sich beim Anhören mehr und mehr bestätigt. Wer den Schulze von Mirage mochte, wird sich auf Silhouettes sofort zu Hause fühlen.

Silhouettes gibt es in allen handelsüblichen Formaten, unter anderem auch in einer 2-LP-Version in weißem bzw. graumarmoriertem Vinyl und als als limitierte Superduper-2-LP-Luxus-Version in rotem Vinyl mit beigelegter CD im Digipack und einem Print, um den Schulze wahrscheinlich in einer Vollmondnacht herumgetanzt ist. Ob man das braucht, muss jeder selbst wissen. Mir genügt die einfache CD. Aber die finde ich auch nach wiederholtem Hören erfreulich.

2018 20 Apr

Definierter

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Wir nehmen Künstler und künstlerische Freiheit ernst, und wir sagen unseren Künstlern nicht, was ihre Texte enthalten sollten und was nicht. Zweifellos haben einige Songtexte auf JBG3 viele Menschen zutiefst verletzt. Andererseits waren viele Menschen ganz klar nicht so sehr verletzt, insofern, dass es zu einem der meistverkauften Alben des vergangenen Jahres in Deutschland wurde.

(BMG-Statement)

 

Heißt im Klartext: Wir finden die Angelegenheit auch irgendwie geschmacklos, aber nicht so geschmacklos, dass wir auf das Marktsegment verzichten möchten.

Das Album hat soeben die 4-Millionen-Euro-Umsatzgrenze überschritten, dreieinhalb davon mit einem prachtvollen Boxset. Für ihr jüngst aufgelegtes Antisemitismusprogramm hat die Firma Bertelsmann 100.000 Euro eingeplant. Insgesamt.

2018 13 Apr

Burt Bacharach

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I’m always careful with labels like „icon“, „living legend“ or „genius“. But if they don’t go with Burt Bacharach, with whom would they? Besides him, Antonio Carlos Jobim comes to mind, Duke Ellington, and well, Lennon/McCartney. You can put this guy easily next to Gershwin. Besides this, he was a longtime arranger and pianist for Marlene Dietrich, which alone is enough to make him a legend.

But mainly it is his elegant composing style that sticks in mind. The wide-ranging melodies, the complex arrangements which usually prefer the flugelhorn to the trumpet, the sometimes strange usage of chord progressions, rhythm changes, jazz chords or odd numbers of bars that pop music would hardly think about, and of course the lyrics by the congenial Hal David: all this is unmatched. I have no idea why people still try to downgrade this as „Lounge“ or „Easy Listening“ — it’s anything but easy.

A couple of years ago, Bacharach was announced to play Pittsburgh already, but the concert had to be canceled because he had to undergo a back surgery. This time it worked out. Next month, at May 12, he will turn 90. A small, fragile man, white-haired, hanging a bit contorted on his piano bench, sometimes popping a cough pill, and you always fear he might slide down to the floor. But he doesn’t, and his piano playing is still fine.

Bacharach, in his career, had 73 hits in the Billboard Hot 100. To play them all would have taken around four hours. The only possible compromize is to bundle many of them into medleys — anything but ideal because you permanently get hooked but aren’t served the full meal. But what can you do? The setlist, however, was pretty impressive:

  • What the World Needs Now is Love
  • Medley: Don’t Make Me Over / Walk on By / This Guy’s in Love with You / I Say a Little Prayer / Trains and Boats and Planes / Wishin‘ & Hopin‘ / (There’s) Always Something There to Remind Me
  • Do You Know the Way to San Jose
  • Anyone Who Had a Heart
  • This House is Empty Now
  • Falling Out of Love
  • Make It Easy on Yourself
  • On My Own
  • Be Aware
  • (They Long to Be) Close to You
  • Medley: The Look of Love (BB sang) / Arthur’s Theme / What’s New Pussycat / The World Is a Circle / April Fools / Raindrops Keep Fallin‘ on My Head (BB sang) / The Man Who Shot Liberty Valance / Making Love / Wives and Lovers (BB sang) / Alfie (BB sang) / A House is Not a Home (BB sang)
  • Encore: That’s What Friends Are For

It’s a little bit a pity that none of his instrumentals was played: Casino Royale, Come Touch the Sun, Nikki, Little French Boy, Once in a Blue Moon (yes, that’s written by Bacharach!) — there would have been many.

The vocal trio probably had the most unthankful job. Not only they need to master a huge pitch range, they have to deal with the fact that inevitably most people in the audience will compare them to the voices they remember from the hit version: Dionne Warwick, Aretha Franklin, B.J. Thomas, The Walker Brothers, Karen Carpenter, Stevie Wonder, Bobbie Gentry, Tom Jones, Dusty Springfield, Shirley Bassey, Cilla Black, Sandy Shaw, Helen Shapiro, The Drifters, Neil Diamond and so many more. Well, the three of them did it, and they did it well. All three had a solo: Josie James sang „Anyone Who Had a Heart“, Donna Taylor sang „On My Own“, John Pagano had a great performance of „This House is Empty Now“, co-written by Elvis Costello (from Bacharach’s and Costello’s Grammy-awarded album Painted from Memory).

A couple of songs were performed by the Master himself — which was a double-edged sword. Burt Bacharach has never been known to be a great singer anyway, but these days, at his age, his voice has turned into a raspy croaking more than anything else. This would be touching in one or two songs, like in „Alfie“, but singing whole suites — sometimes, I think, less would be more.

The whole concert was backed by the Pittsburgh Symphony Orchestra. Playing „back-up“ for an orchestra like this (I think it should be seen as part of the Top League now) might be a bit underchallenging, and so they played — let’s say: cultivated, but without much dedication. Probably it would have been a good idea to have them play Bacharach’s orchestral piece „For the Children“. But it didn’t happen. Unfortunately it was this orchestra that ended the evening with a sort of „sudden death“. The PSO was obviously hired to play exactly ninety minutes, and it did this to the minute. I’m sure the evening was planned to have the same big finale Bacharach’s concerts always use to have (see his Glastonbury appearence in 2015 or his wonderful concert recording from the Sydney Opera House 2008 [if you’re interested: get the 2-CD version!]). This finale would have been a thing of a few minutes, but no: The orchestra is strictly unionized, and while on the one hand I can understand this, I have to say on the other: Folks, you are artists, you are very well-paid musicians, and you owe something to your audience. If you want a nine-to-five job, get one at Giant Eagle.

Another drawback was the sound. I know it’s a hard job to balance a whole orchestra, a band with electric instruments, an acoustic grand piano and three singers, but seriously: It is possible. Tonight the sound was unbalanced, in parts too loud, and a couple of times the singers started singing into dead mics. This shouldn’t happen.

However: Thank you for the music. It was a great evening.

2018 4 Apr

Spotify

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In einem anderen Forum, in dem ich mich gelegentlich herumtreibe, wurde auf diesen Artikel aus der Berliner Zeitung hingewiesen. Es geht darin um Spotify und die damit verbundene „ästhetische Verarmung“ der Musik — die jedenfalls behauptet der Artikel. Die daraufhin in dem Forum geposteten Kommentare veranlassten mich zu dem folgenden Kommentar, den ich jetzt einfach mal hier hineinkopiere:
 
 

Ein bisschen ist der Artikel wieder mal die alte „früher, als alles noch aus Holz war“-Nummer. Dabei steht der Schlüsselsatz eigentlich schon im ersten Absatz: „Hörgewohnheiten“ ist das Stichwort. Ganz genau: Neue Technologien verändern Gewohnheiten.

Das war nun aber noch nie anders und hat einfach damit zu tun, mit welchen Medien man aufwächst. Und dadurch verändert sich der Maßstab dessen, was man für „normal“ oder „richtig“ hält. Ich hatte hier an der Uni zeitweilig einen Lehrauftrag für Media History. Daraus habe ich z.B. die Erkenntnis mitgenommen, dass die Kids ihre Geräte zwar voller Musik haben, dass sie davon aber mindestens die Hälfte nie gehört haben und auch nie hören werden. Und das, was sie hören, das hören sie sich nicht mal vollständig an, sondern nach dem ersten Refrain springen sie ins nächste Stück. Die Popmusik, die heute produziert wird, ist so standardisiert, dass die sich das auch gar nicht mehr anhören müssen — die wissen schon aus ihrer Hör-Erfahrung, wie das Stück weitergeht. Was sie nicht mehr wissen, ist, dass die Musik der Schwarzen mal der Jazz gewesen ist, sondern die glauben, dass das schon immer Hip-Hop war. So, wie für die auch Andy Warhol schon immer tot war. Und das ist doch auch ganz normal so. Hab ich mich, als ich 18 war, vielleicht ernsthaft mit der Musik beschäftigt, die meine Eltern gehört haben, als sie 18 waren?

Und unsere Generation sollte sich vielleicht immer mal wieder klarmachen, dass das, was wir hören (und wie wir hören), auch kein Naturzustand ist. Prog z.B. mit ellenlangen Stücken entstand nicht deshalb, weil irgendein Musiker mal das Gefühl hatte, lange Stücke machen zu wollen, sondern weil sich im US-Radio Ende der 60er Jahre zusätzlich zur Top-40-Mittelwelle auch UKW ausgebreitet hat, und damit war es plötzlich möglich, akustisch anspruchsvollere Musik im Radio zu spielen. Die fand man aber nicht auf Singles, sondern auf LPs. Und nachdem es mal möglich war, ganze LP-Seiten im Radio zu spielen, kamen dann auch Produzenten und Musiker auf die Idee, die Dreiminutengrenze zu verlassen und ganze LP-Seiten vollzuspielen, die dann auch tatsächlich gesendet werden konnten. Daraus haben sich ganz neue musikalische Strukturen entwickelt, die es vorher überhaupt nicht gab. Deswegen glaube ich, dass die neuen Technologien nicht nur alte Entwicklungen zerstören (das kann passieren), sondern auch neue hervorbringen. Die sind vielleicht dann ungewohnt und zunächst mal unbequem, wenn man geistig auf die Struktur von LPs geeicht ist, aber vielleicht lohnt es sich ja doch.

Auch auf Spotify übrigens bleibt es nach wie vor jedem selbst überlassen, sich ein Album komplett anzuhören, in der Tracksequenz, die der Künstler vorgesehen hat. Er muss das Album dann aber auch so gestalten, dass es den Hörer packt. Das in dem Artikel genannte Beispiel Netflix zeigt das sehr schön. Niemand sieht sich einen Film oder eine Serie an, weil sie auf Netflix läuft, sondern vor allem mal deshalb, weil sie gut ist, weil sie die Zuschauer packt. Dass heutige Serien dramaturgisch horizontal (die Serie erzählt eine durchgehende Story) funktionieren und nicht mehr vertikal (jede Folge eine in sich abgeschlossene Episode), hat wieder damit zu tun, dass wir sie heute dann abrufen können, wann wir wollen und nicht nur eine Folge pro Woche läuft.

Also bitte mal nicht ganz so pessimistisch. Ein echtes Problem ist allerdings die Verteilung der Tantiemen. Dass die beteiligten Künstler mit Centbeträgen abgespeist werden, ist nicht in Ordnung und muss sich ändern. Dann hat allerdings Spotify ein Problem: Dann ist es nämlich zu billig. Drei Viertel ihrer Einnahmen gehen jetzt schon an die Rechteinhaber. Wenn man deren Anteil weiter erhöhen will, gleichzeitig aber die Teilnehmerzahlen gesteigert werden sollen (was teurere Technik erfordert), dann landet man genau da, wo die jetzt eingestiegen sind: an der Börse. Und das kann noch ganz schön nach hinten losgehen.

Was mich übrigens viel mehr beunruhigt, das sind so Firmenkonstrukte wie Live Nation und Ticketmaster, die die Musikbranche inzwischen viel stärker beherrschen als es die Plattenfirmen jemals getan haben. Dazu habe ich vor ein paar Tagen einen Artikel in der New York Times gefunden …

Ist ein neues Thema, aber vielleicht auch mal eine Diskussion wert.

 

2018 1 Apr

Hit Hit Flop Flop

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Das ist es dann also, Holger Czukays Boxset Cinema — fünf LPs bzw. CDs, eine DVD und — in der Vinylversion — eine „Videosingle“ im 17-cm-Format, ein RCA-Patent, das sich nie durchgesetzt hat und das heute sicher nur noch ein Computermuseum abspielen könnte.

Wer nichts von Holger Czukay besitzt und mit einem Querschnitt zufrieden ist, mag bedenkenlos zugreifen. Die CD-Box ist sehr preiswert. Die LP-Box nicht, aber wer’s denn braucht … bitte. Es besteht dann allerdings die Gefahr, auf den Geschmack zu kommen und auf Vollständigkeit zu beharren. Vollständig enthalten sind die Alben Canaxis 5 (1969, heimlich nachts mit Rolf Dammers im Elektronischen Studio des WDR aufgenommen) und Czukays Meisterwerk Movies (1979), dazu Ausschnitte aus On the Way to the Peak of Normal (1981), Full Circle (1982), Der Osten ist rot (1984), Rome remains Rome (1987), Radio Wave Surfer (1991) und aus 21st Century (2007) mit U-She, Holgers inzwischen leider ebenfalls verstorbener Frau. Plus ein paar verstreute Dinge wie „Breath Taking“, das auf einem Sample des „Huuuu“-ausatmenden Karlheinz Stockhausen beruht, die Single „Biomutanten“/“Menetekel“, die Czukay mit Conny Plank unter dem Projektnamen Les Vampyrettes veröffentlichte, ein Song der japanischen Sängerin Phew, ein Ausschnitt aus Cluster & Eno und den Titel „Mandy“ des mir völlig unbekannten Projekts Bison.

Die hypnotische „Ode to Perfume“ vom Peak-Album wurde aus unerfindlichen Gründen von 18 auf 13 Minuten gekürzt, in anderen Fällen ist es schade um die weggelassenen Stücke (etwa „Blessed Easter“ vom Rome-Album). Der als „previously unreleased“ bezeichnete Titel „Konfigurationen“ des Holger-Schüring-Quintetts von 1960 ist keineswegs unveröffentlicht, sondern war bereits als Bonustrack auf der Spoon-CD Canaxis 5 enthalten, dort allerdings unter dem Titel „Mellow Out“ — eine etwas schlappe Jazznummer, aufgenommen wohl beim WDR für die Sendung „Jazz für jeden“, wahrscheinlich hier:

 
 
 

 
 
 

Eine Rarität ganz sicher. Und keineswegs zu vergessen die DVD: Sie enthält den einstündigen Film Krieg der Töne, 1988 unter der Regie von Michael Meert gedreht; wenn ich nicht irre, wurde er damals im „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF ausgestrahlt und wurde seither nie wieder gezeigt. Holger Czukay spielt darin einen (natürlich ziemlich verschrobenen) Musiklehrer. Ein echtes Schätzchen.

Das Booklet ist mit Informationen sehr sparsam. Die Liner Notes sind eher freundlich als informativ; wer die Originalalben nicht kennt oder besitzt, wird vor allem Angaben zu den mitwirkenden Musikern vermissen — etwa, wer eigentlich das Holger-Schüring-Quintett war (oder war es ein sogar nur ein Quartett?).

Wer die Originalalben besitzt und auf den Film verzichten kann, braucht dieses Boxset nicht. Ich weiß auch nicht, ob es mir nur allein so geht oder ob auch andere manchmal das Gefühl haben, dass Boxsets etwas Sargartiges an sich haben — wie schon der legendäre Professor Bur-Malottke in Bölls wunderbarer Mediensatire Dr. Murkes gesammeltes Schweigen feststellte: Ein seltsames Gefühl, ein Lebenswerk in ein paar Bänden … Dünndruck … — Nun ja. Kein Zufall wohl, dass Boxsets wie dieses, ebenso wie „Greatest Hits“-Kompilationen, bei Plattenfirmen hausintern gern als „Goldener Schuss“ bezeichnet werden. Man hört so etwas einmal durch, vielleicht zweimal, um die Box dann ins Regal zu stellen und sie nie wieder hervorzuholen. Und das wäre sehr schade. Denn was diese Box ganz deutlich macht, ist, dass Holger Czukay eine der wenigen wirklich originellen Erscheinungen in der deutschen Musikszene war. Und dass er bei aller zur Schau getragenen Skurrilität (siehe „Hit Hit Flop Flop“ vom Rome-Album, das fast eine Single sein könnte) ein hochsensibles Ohr besaß (oder zwei, möglicherweise sogar ein drittes). Das kommt immer dann zur Geltung, wenn er vergisst, komisch sein zu wollen. Stücke wie „Träum mal wieder“, „Full Circle (R.P.S. N0. 7)“, das hier nicht enthaltene Ambient-Album La Luna und natürlich das unvergessliche „Persian Love“, das sogar Czukays großer Meister Karlheinz Stockhausen gefiel, künden davon. Und die sollen unvergessen bleiben.

 
 
 

 
 
 

Man hätte Holger Czukay ein besseres Ende gewünscht. Obwohl: In seinem Studio zu sterben könnte ihm sogar gefallen haben. Am Ende konnte er kaum noch die Treppe erklimmen, und in einem letzten Radiointerview ist deutlich zu hören, dass er kaum noch sprechen konnte. Inzwischen sind seine Habseligkeiten in genau jenem alten Can-Studio in Weilerswist, in dem Holger und Uschi auch wohnten, per Flohmarkt verramscht worden.

 
 
 

 
 
 

In diesem Sinne: Bye bye, Holger. Auf Wiederhören.

 
 
 

 

2018 28 Mrz

Die DNA der USA

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Für einen Zugezogenen wie mich ist es natürlich immer interessant, die Eindrücke anderer mit den eigenen zu vergleichen. Und obwohl die hier präsentierten Texte schon von 1970 stammen und ich noch nie in den Südstaaten der USA gewesen bin, klingt vieles sehr vertraut.

„From a Notebook“ heißt dieses Buch im Untertitel. Tatsächlich enthält der schmale Band nur Notizen von einer Reise durch die Südstaaten und ein paar Bemerkungen (13 Seiten!) über Kalifornien und San Francisco, gesammelt 1970. Das Ganze sollten Reportagen für den „Rolling Stone“ werden, aus irgendwelchen Gründen wurde daraus aber nichts, und nun hat die Autorin die Notizen von damals mit kurzen Einleitungskommentaren als eigenständiges Buch veröffentlicht.

Der Schreibstil versetzt einen unmittelbar in die Landschaft und das Klima Louisianas, Mississippis und Alabamas im Sommer. Fast bleibt einem beim Lesen das Hemd am Körper kleben, man meint im Hintergrund Songs wie „Born on the Bayou“ aus dem Autoradio zu hören, man sieht die Lethargie der Kleinstadt- und Dorfbewohner vor sich, man meint ihre Sprechweise fast zu hören. Ob es ein Bürgermeister ist, der betont, der KKK spiele nicht mehr die große Rolle wie früher, oder der weiße Besitzer einer Radiostation, die Musik vorrangig für Schwarze spielt, der selbst aber Schwarze nicht zu seinen Freunden zählt, ob es die stumpfsinnig dreinschauende Friseurin ist, die einfach nur geheiratet werden möchte, der Typ, der die Autorin fragt, ob ihr Mann ihr diese Reise überhaupt erlaubt habe: Man meint sie zu kennen und vor sich zu sehen. „The time warp: the Civil War was yesterday, but 1960 is spoken of as if it were about three hundred years ago“, schreibt die Autorin an einer Stelle. Keiner möchte weggehen, wer weggeht, kommt irgendwann wieder. Jeden Tag aufs Neue ist alles, wie es immer war und wie es zu sein hat. True Stories hieß das bei David Byrne.

Die Frage ist, ob das alles wirklich „typisch Südstaaten“ ist. Ich glaube ja, man würde vergleichbare Typen auch in der Provinz von Ohio oder Pennsylvania finden. Und wohl auch in den Tiefen Niedersachsens oder Thüringens. Und 1970 ist wirklich schon lange her. Städte wie Atlanta oder Birmingham dürften sich seitdem verändert haben, auch die von der Autorin besuchte  „Ole Missi“, die Universität von Mississippi, wird nicht mehr die von damals sein.

Niemand würde auf die Idee kommen, die Zeitstimmung, die in deutschen Heinz-Erhardt-Komödien eingefangen ist, als typisch für das heutige Deutschland anzusehen. Sie zeigen aber die DNA deutschen Denkens. Und auf diese Weise zeigt Joan Didions Buch die DNA der USA.
 
 

Joan Didion:
South and West — From a Notebook
ISBN 978-0-525-43419-1
2018

 
 

 
 

Ich wundere mich ja schon seit einiger Zeit, dass zu dieser Neuerscheinung noch nichts auf diesem Blog zu lesen war. Dabei ist das ein so wunderbares Werk! Ich werde mich hüten zu sagen: „Laurie Andersons bestes Album seit langem“ — das relativiert sich erfahrungsgemäß nach einer Weile, aber es ist erstklassig, und das wird es bleiben.

Dass sich die Märchenfee Laurie Anderson und das fabelhafte Kronos Quartet irgendwann finden würden, war mir eigentlich immer klar. Warum es so lange gedauert hat? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich haben beide Seiten gewartet, bis es passt. Und nun hat es gepasst. Der Auslöser war der Hurrikan „Sandy“, der 2012 Zerstörungen historischen Ausmaßes in New York und Umgebung hinterlassen hat. Das ist kein heiteres Sujet. Laurie Anderson macht daraus eine dunkle, aber nie in Depression verfallende Suite über Verlust, Trauer und Weiterleben. Und sie wäre nicht Laurie Anderson, würde sie das Thema nicht in scheinbar abgelegene Randbereiche und persönliche Reflektion über dieses und jenes ausweiten. Aber irgendwie passt es immer. Irgendwo im Hintergrund spukt da auch wieder Lou Reed herum, nicht als Sample, aber spürbar.

Landfall besteht zu weiten Teilen aus Instrumentalmusik. In der Live-Aufführung werden dazu Texte projiziert, die man in der CD-Version im Booklet mitlesen kann. Teile der Erstauflage enthalten im übrigen — wie auch schon ihr letztes Album — einen von Laurie signierten Druck.
 
 
 

Brooklyn Academy of Music presents Landfall, a new piece by Laurie Anderson for Kronos Quartet at the BAM Harvey Theater on September 23, 2014.
Kronos Quartet (L To R)
David Harrington, violin
John Sherba, violin
Hank Dutt, viola
Sunny Yang, cello
Photo Credit: Stephanie Berger


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