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Archiv: Kunst

2019 21 Jul

„NF“ – in memoriam

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Norbert kam aus Hamburg. In der Grundklasse des Studiengangs Freie Malerei in Hannover Anfang der Achtziger gehörte er mit Ende Zwanzig schon zu den älteren Semestern und er brachte einiges an Lebenserfahrung mit („die harte Schule“). Auch in der Malerei selbst war er schon weit fortgeschritten, nahezu ausgebildet und gehörte eindeutig in die Kategorie „Malschwein“, wie wir jene nannten, die ihr Augenmerk weniger auf Konzeptkunst und Kopfspiele setzten, sondern auf das action painting – im explosiven, exponierten Gestus der Neuen Wilden, der ihm lag und damals auch en vogue war, sodass die Farbe nur so tropfte und am Bildrand zerlaufend ihr Eigenleben führte. Schnell fand er dann sein Grundthema, dem er bis zu seinem letzten Lebensjahr, im Alter von zweiundsechzig Jahren, immer noch treu geblieben war: der Verbindung von Schrift- und Zeichenfragmenten mit bildnerischen oder zeichnerischen Form- und Farbgebungen. So ging auch das Figürliche mit dem Abstrakten stets Hand in Hand. Norbert trug sein Herz in der Hose. Zuweilen war er unwirsch, missmutig, konnte klare Kante zeigen. Doch im Kern war er ein netter Kerl und als Freund fehlt er vor allem als Gesprächspartner. Oftmals des Nachts stundenlang durch die Stadt stromernd, teils am Fluss entlang (damals noch mit Tiger, seinem Hund), fühlten wir dem Gewicht der Welt, dem Lebenssinn, den kreativen Prozessen und unseren Zeitgenossen beim Gehen plaudernd auf den Zahn (ja, wir kannten unsere „Pappenheimer“). Seine Kunst hatte stets und hat bis heute viele Freunde. Trotz aller melancholischen Anklänge und provokativen Elemente, aus vielen Bildern sprühten Lebenslust und Mutterwitz wie Funken.

 

 
 
 

Guten Abend,

mein Name ist Ingo Biermann, und falls Sie jetzt eine kunsttheoretische Einführung erwarten, muss ich Sie enttäuschen: Ich bin kein Kunstwissenschaftler oder Galerist, sondern Filmemacher, in den letzten Jahren vorrangig im Dokumentarfilm; in dieser Tätigkeit habe ich eine ganze Reihe von Filmen und Videos für Ausstellungen und über Künstlerinnen und zeitgenössische Kunst gemacht – weshalb man vielleicht sagen kann, dass ich als Fachfremder dennoch etwas zu diesem [hier gezeigten] Werk bzw. diesen den hier zu sehenden Werken sagen kann.

Nun begleite ich die Arbeit von Frau Scharp schon seit einigen Jahren, seit ihrer Studienzeit an der [Universität der Künste], um genau zu sein, und ich konnte somit einige Entwicklungen und Veränderungen unmittelbar mitbekommen. Nachdem die Arbeiten aus dem früheren Multimedialen und deutlich Gegenständlicherem nun über die Jahre hinweg sehr viel minimalistischer und grafischer geworden sind, sind sie auf der anderen Seite eigentlich sogar noch erzählerischer, erzählender geworden.

Auf den ersten Blick denkt man womöglich, da sei nicht viel zu sehen. … Schaut man schnell hin und hat’s erfasst und begriffen. Aber wie das Beobachten der Betrachter zeigt (wie gesagt, ich bin Dokumentarfilmer, das heißt ich bestreite meine Berufstätigkeit im Beobachten von Leuten – und darin, das Beobachtete in eine Erzählung zu transformieren), sieht man – also ich – doch, dass jene, die sich nicht mit dem schnellen Blick begnügen, eben auch mehr sehen, mehr erleben. Wir sehen nicht nur Grafik und Muster und Raster und Form … reduzierte Form … minimalistische Bilder… sondern wir sehen Erzählungen in den Bildern.

 
 
 


 
 
 

Und wenn ich „Bilder“ sage, dann meine ich natürlich nicht nur diese [→Punktezeichnungen] zweidimensionalen, diese Zeichnungen und Grafiken, sondern auch das Objekthafte; das sind Bilder im Raum, die weit mehr erzählen, als eine flächige, grafische Zeichnung es tut. Einer der wesentlichen Reize dieser Arbeiten liegt darin, dass sie sich den Raum nehmen, also hier [→Schnittzeichnungen] z.B. ganz offensichtlich: Die einst zweidimensionale Papierfläche wird durch Bearbeitung, d.h. das feine Ausschneiden aus Papier, und natürlich auch durch die Präsentation [hier in Holzrahmen] zu einem Zeichnungsobjekt, zu einer Zeichnung im Raum, – diese Zeichnungen gibt es, nebenbei bemerkt, in leichter Abwandlung auch ohne den Holzrahmen, da wird das noch deutlicher – zu einer Zeichnung, die den Raum ergreift und sich so ihre Umgebung aneignet, sich selbst zu mehr erweitert, als das eine (gerahmte) Zeichnung könnte.

Und wenn ich eingangs gesagt habe, dass die früheren Arbeiten – die der Studienjahre, die schon damals in Ausstellungen sehr positiv aufgenommen wurden, eben weil sie – etwa als Videos oder Objekte… da gab es z.B. eine Zitrone, aus der Haare zu wachsen schienen, oder ein Stück Butter mit herauswachsenden Haaren… – offenkundig, also multimedial, erzählten, dann sehen Sie, dass diese Multimedialität heute noch immer Teil der Arbeiten ist, nur eben souveräner und feinsinniger, auf andere Weise überraschender als früher.

Stellen Sie sich vor diese Arbeiten versuchen Sie, hinzuschauen: Das sind keine abstrakten Grafiken, die reine Formspielerei betreiben, sondern jede für sich kleine Erzählungen. Und wenn sie zusammengeführt werden zu einem größeren, mehrteiligen Werk wie hier [→ 7-teilige Punktezeichnungen] oder dort [→ 6er Reihe aus Schnittzeichnungen], dann entsteht auch eine größere und entsprechend vielgestaltigere Erzählung.

Diese Arbeiten erzählen zwar von Materialität, die sich zusammensetzt aus „Cuts“ und „Pieces“, aber zugleich erzählen sie uns über diese Fragmentierung und Neuzusammensetzung auch etwas über uns selbst, die wir davorstehen und unsere eigene Erfahrung darin widergespiegelt sehen, erleben. Das Material wird also sowohl als solches offenkundig – und ohne Umwege thematisiert, aber nichts hier erschöpft sich in rein abstrakter Materialspielerei. Denn die Arbeiten streben an, das „kaum Wahrnehmbare erfahrbar zu machen“:

Schauen Sie hier [→ Graphitschnitte]: Die Grafik geht in den Raum über; das nehmen wir wahr. Die Grafik ist aber selbst schon dreidimensional, genau genommen in dreifacher Hinsicht und im doppelbödigen Sinne:

Das Papier wurde [erstens] ganz geometrisch seiner Flächigkeit entledigt, indem diese Kästchen sorgfältig mit dem Skalpell entlang der gedruckten Linien herausgeschnitten wurden. Das passierte auf eine mühsame Art und Weise, die nicht mechanisch, sondern organisch die Geometrien nutzt (eben weil sie von Hand ausgeführt wurde und auf diese Weise ausschließlich Einzelstücke entstehen), erzählt also durch diesen Prozess von der Künstlerin selbst, nicht zuletzt schon dadurch, dass der Entstehungsprozess sichtbar bleibt, die strengen Geometrien der gedruckten Linien nie rein erhalten bleiben, sondern bspw. Leerstellen und Brüche entstehen, wenn etwas abbricht oder nicht 100% perfekt herausgeschnitten wurde. Oder hier bei den Punktezeichungen, wo die verschiedenen Zeiträume, über die hinweg diese großen Arbeiten entstehen, sichtbar bleiben.

Dann [zweitens] wurde das subtil dreidimensionale Bild mit Hilfe von Graphit weiter ins Objekthafte geführt und noch individualisierter (→ jedes einzelne wird also zu einem für sich stehenden Objekt). Ganz besonders spannend finde ich hier, dass durch die Wahl des Materials ein unmittelbarer Bezug zur Zeichnung hergestellt wird (mit Graphit wird nicht auf das Papier gezeichnet, wie wir das an sich von Zeichnungen kennen, sondern mit Hilfe von Graphitstaub wird das komplette Papier vom Material Graphit vereinnahmt, es gibt sozusagen mehr Graphit als Papier – was wir auf ähnliche und verwandte Weise auch hier nebendran sehen können [→bei solchen Arbeiten, die sich aus unzähligen Graphitminen zusammensetzen, welche zu zu Strukturen und Reliefs angeordnet und auf den Untergrund aufgetragen werden] und dort drüben, wo ganze Graphitblöcke, ebenfalls in klaren Strukturen auf dem Untergrund angeordnet wurden, aber die Geometrie sich in Auflösung befindet, weil es eben nie um ein mechanisch perfektes Ergebnis geht, sondern die Irritiationen und organische Unperfektion wichtiger Teil der Arbeit sind; in beiden Fällen bleibt der Vorgang der Zeichnung gewissermaßen erhalten.

Nun hängt [die Grafik] hier und wird auf der dritten Ebene raumgreifend, verhält sich zur Oberfläche und der Materialität der Wand, der Tapete und des Raums, reagiert auf die Lichtverhältnisse [sie sehen hier ganz klar den Schattenwurf, der Teil der Arbeit ist], bei Tag den Verlauf des Sonnenlichts oder den Schatten der Betrachter, die davorstehen…

 
 
 


 
 
 

Also es geht nicht nur um die Materialität, nicht nur um die raffinierte, ungewöhnliche Räumlichkeit der Zeichnung selbst, nicht nur um die reine Attraktivität dieser ansprechenden Bilder, und um ihre metaphorische Ebene (Stichwort: Graphit auf Papier, Stichwort: antiquarisches Papier) und die damit verbundenen Assoziationen, sondern es spielt auch die Zeit eine wesentliche Rolle, und das sehen wir, das erleben wir, das macht die Arbeiten zu kleinen Erzählungen, die in diesem Raum (bzw. welchem Raum auch immer sie hängen) – und natürlich auch im Gesamtwerk und im größeren Kontext – Teil von größeren Erzählungen sind – und die zudem miteinander kommunizieren, wie sie hier klar an den sich [im Raum] gegenüberliegenden Arbeiten – hier die Schnittzeichungen, dort die Graphitbilder – erleben können.

Und die Frage: Kommunizieren sie auch mit Ihnen? Ich meine: Ja. Aber zuhören müssen sie natürlich selbst.

 

[Galerie Kuckei+Kuckei // bei der Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt erwerbliche Unikate // Ausstellungskatalog Rasterfahndung, Kunstmuseum Stuttgart // Dokumentarfilm „Neun Frauen“ (2011)]

 

            

 
 

            

 

2018 11 Nov

Rauchzeichen

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Immer wieder die Frage: Kann ich schreiben? Darf ich schreiben?Habe ich Wesentliches mitzuteilen? Auch hinsichtlich einer inneren Verpflichtung, nicht schönzumalen, vielmehr das Kritische und Dunkle hervorzuheben. So will es die Melancholie. Findet sich der tragende Faden, beginnt es Spass zu machen und spinnt sich wie von selbst fort. Es öffnet sich der Raum der Erinnerung, ein Flow entsteht und der Text entfaltet Eigendynamik. Vor einigen Tagen zeigte Arte eine Reihe von Filmen und Porträts mit Künstlern. Ein ganz reizender Spielfilm über Vincent van Gogh und dann ein intimes, sehr gelungenes Porträt mit dem in Leipzig lebenden und schaffenden Maler Neo Rauch. Mich wies ein Freund desöfteren hin auf jenen Leipziger Maler und er erzählte, dass auch seine Frau mit Namen Rosa Loy eine Malerin sei. Doch mir gefielen diese Bilder auf den ersten, flüchtigen Eindruck nicht – irgendwie kalt und wie der Philosoph sagt: „kontingent“. Also beliebig und auch eklektizistisch, manieriert. Wie man sich wieder einmal täuschte! Das gezeigte Filmporträt war wunderbar, zog mittenmang hinein in die Faszination von Malerei und ihre schöpferischen Prozesse und Entfaltungen. Die Leipziger Schule kenne ich noch aus Studienzeiten, Maler wie Bernard Heisig und Werner Tübke flössten Respekt ein mit ihrer virtuos altmeisterlichen Strenge. Es zeigte sich beim Schauen des Rauch-Porträts, also wenn der Maler am Schaffen war, warum mir die Malerei generell immer ein wenig fremd bleib, nie wirklich mein Ding war: Auf die Frage, ob er denn auch mal Pause machen wolle. „Ach, das wäre schön, aber die anderen malen ja weiter. In all den Künstlerateliers brennt Licht und meines bleibt dunkel? Das geht doch auch nicht!“ sagt Rauch mit sanfter Stimme. Überhaupt, diese Sanftheit fällt auf und eine gewisse Melancholie, das fehlen jeglicher Aggressivität. Liegt es daran, dass er seine Eltern früh verlor, bei liebevollen und fürsorglichen Großeltern im Südharz aufwuchs? Liegt es daran, dass jemandem das Gezerre und Gezetere im ödipalen Dreieck erspart blieb? Auch Peter Sloterdijk („Saufgelage mit Neo Rauch“) ist ja ein Vaterloser und dass da von Freundschaft die Rede ist, wundert kaum, kreuzen sich doch bei beiden geschichtlicher Bezug, hervorragendes stilistisches Handwerk mit zeitgenössischer Diagnostik und dem Witz der spielerischen und manchmal eben manieristischen Eigenschöpfungen. Mir wurde jedenfalls klar, warum ich einst vor Malerei die Flucht ergriff und dennoch in höchster Wertschätzung damit verbunden blieb. Es ist auch eine Gefangennahme im Sehsinn, sowie es ja auch eine Gefangennahme im Hörsinn geben kann. Hier bot die Philosophie den ausgleichenden Kontrapunkt. Doch manchmal hat man Lust auf Kunst, als ob einen der Hafer sticht. Dann schaut man, was Daniel und Gerhard Richter machen. Ersterer beispielsweise schätzt die Reflektion als etwas, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Hier stimme ich ihm zu und auch die neuen Bilder gefallen mir, allein schon weil nur er sie malt.

 


 

 
 
 

Buchstäblich in letzter Stunde vor Schließung bin ich gestern nach Solingen ins Zentrum für verfolgte Künste gefahren, um die außergewöhnlich gute Malerei von Ringelnatz (1883-1934) anzusehen. Da er schon über 70 Jahre tot ist, wird hier niemand etwas über meine gezeigten Fotos beanstanden können. Leider ist die Qualität der aufgenommenen Bilder nicht überragend, aber da die Gemälde von Ringelnatz selten gezeigt werden und der Katalog sofort vergriffen war und nicht wieder auferlegt wird, versuche ich zu retten, was zu retten ist. „WAR EINMAL EIN BUMERANG“, wir kennen ihn alle als Dichter, aber als Maler? Er malt vom Herzen aus. Seine Orte sind keine Abbilder der Natur. Sie sind bescheiden gemalt, aber mit sicherem Können. Sehr authentisch denkt man, weil man ihn von den Gedichten, Kindertexten her kennt …

2016 6 Jul

Planet Janssen

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Ich sende meine Sonde in den Orbit von Horst Janssen. Ich versuche herauszufinden, was sich unter der Gewaltdecke von diesem genialen Zeichner verbarg. Er hat seine Partnerinnen verprügelt, doch keine hat Vergeltung geuebt. Die Philosophin Svenja Flasspoehler sagt: „Verzeihen heißt Verzicht auf Vergeltung.“ Nicht nur seine beiden Hauptfrauen bleiben ein Leben lang seine Freundinnen.

Warum halten sie ihn aus und zu ihm? Ist es die Kunst des Gebens? Ist es der Stolz, dabei sein zu können, wenn seine Eingebungen in Kunst umgesetzt werden? Ihr mütterliches Verständnis fuer ein ungeliebtes Kind? Horst Jannsen weiß um seine Dämonen. Wenn die zerstörerischen Tiefflieger vorübergeflogen sind, wirbt er um die Geflohenen, die Malträtierten mit allem, was er kann: mit zeichnen.

Er gewinnt sie mit liebenswerten Worten, Kunstwerkchen und Spielereien zurück. Die klugen Zurückeroberten strecken ihre Fühler aus, um rechtzeitig vor seinen Attacken fliehen zu können. Der Künstler und Alkoholiker ist einerseits ein r/echter Kotzbrocken und andrerseits ein Faszinosum der Kunst.

In den 70er Jahren hingen in den WGs Poster von Frank Zappa im Badezimmer und Kalender von Horst Janssen überm Studischreibtisch. Der Tausendstrichzeichner wurde bewundert, obwohl er keine riesigen Ölgemälde schuf. Man musste schon genau auf die Linie achten, die er talentiert wie kaum ein anderer in dieser Zeit auf’s Büttpapier brachte. Horst Janssen arbeitete immer. Aus Geld machte er sich wenig.

Einmal zerriss er vor den Augen einer Käuferin einen Druck im Wert von 100 000 DM. Der Dame war der finanzielle Wert höher als der künstlerische. Mich begeisterte er schon früh. Mir gefiel sein gesunder, mutiger Menschen- und Kunstverstand neben seinen hervorragenden Drucken natuerlich. Er erkannte und prangerte an, dass der Kunstmarkt zum Kapitalmarkt mutierte. In honorigen Gesellschaften trank er sehr viel, um deren Heucheleien aushalten zu können. Oft zerschlug er deren Mobiliar und beschimpfte sie auf Erniedrigendste.

Als ich mir vor ein paar Jahren in Oldenburg (daher kam H.J.) im Horst-Janssen Museum, eine Ausstellung von Luepertz ansah, dachte ich, dass der „Fürst“ der würdigste Nachfolger von Janssen sei. Dass Hamburg sich mit ihm so schwertut, liegt sicherlich daran, dass sie sich nicht von diesem genialen Zeichner und Graphiker den Spiegel vorhalten lassen wollten und ihre Lieblinge, z.B. Anselm Kiefer, entlarvt sehen wollten.

„Der Motor fuer den Kunstzirkus – den Preisauftrieb, die immer neuen Moden, die Verkäuflichkeit von jedem betrügerischem Schwachsinn als „Original‘ – sei die „Blähung“ und „Verdummung“ der Mittelschicht gewesen, sowie deren „satte Angst, etwas nicht zu haben, was alle haben“: das Wohlstandwachstum der Nachkriegsepoche. Jetzt seien „die Blinden“ zahlreich und die „Blindenparties, eingepeitscht von einer tollgewordenen Händlerliga.“
 
 
Sehr empfehlenswert zu lesen: Horst Janssen – Ein Leben.

Von Henning Albrecht, Rowohlt 2016.
 

2015 15 Okt

Bright Eyes ***Art funkelt

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Romantiker haben sicher ihren Vorrat an Kerzen für die dunkle Jahreszeit gehortet. Zweifler glauben immer noch nicht, dass Goebel nicht der Erfinder der Glühlampe war. Und Lampenfetischisten suchen in Outletstores für Möbeldesign nach ihrem Traumobjekt.

Ich schlenderte im Gelderland durch solch eine Kippenberger Adaption und wurde den Verdacht beim Betrachten der zur Schau ausgestellten Stücke nicht los, dass hier ordentlich das Stahlrohr und die Swinglinie vom Bauhaus kopiert worden waren. Die schönen Objekte wurden unter dem Designernamen GISPEN verkauft.

In einem kleinen Museum, dem Gispen Museum, fand ich später heraus, wer Gispen war. Er lebte zu Bauhauszeiten in Rotterdam und gewann mit seiner GISO Lampe alle Designerpreise. Das war 1926. Bereits ein Jahr später erfand er die Pianolampe, die endlich für Licht über dem Notenblatt sorgte. Gispen war ein Avantgardist in der Serienproduktion von technisch hochqualfizierten Lampen. Ich sah in diesem Museum in Culemborg Lampen, die durch ihre Formen und ihre Farben, nicht durch ihr Licht, sofort positive Effekte bei mir auslösten. Im Showroom lag ein Katalog, der den Showdown dann offenlegte. GISPEN verlor vor Gericht gegen Mies van der Rohe. Er durfte die steel tube furniture erst einmal nicht in Serie geben. Einen Breuer Stuhl würde ich sofort für eine Gisolampe einwechseln.

Auf dem Bild steht sie links und strahlt in ihrer klaren Schönheit.

2015 31 Aug

From a bowneyed girl

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a birthday icecream
 

2015 24 Aug

Daily sounds all around

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Im Weltkunstzimmer in Duesseldorf gibt es eine spannende Ausstellung zu Spuren akustischer Welten. Kuenstler haben sich auf den Weg gemacht und mit grossem Aufwand Klaenge, Toene, Sounds, Whispers eingefangen.

Sehr weit ist einer gefahren, um das EISFLUESTERN in Jakutien aufzunehmen. Bei Nebel und 54 Grad minus fangen die Ohren an zu schallen. Man hoert die Luft knistern. Was fuer eine fast unheimliche Soundinstallation.

Ihre unterschiedlichsten Fieldtrips haben die Kuenstler jeweils in ihre Kunst eingebaut. Da steht ein Plattenspieler und ein rechter Winkel im grossen leeren Raum und es ist nur der Sound, der die beiden Dinge zusammenhaelt. In einem Soundappartment steht eine Arbeit von einem Kuenstler, der den ganzen Raum klanglich regelrecht zusammengepappt hat. Eine wirklich humorvolle Installation. Dieser Kuenstler hat bei Oswald Wiener, Georg Herold, Johannes Fritsch, Clarance Barlow, Paulo Alvares und David Larcher studiert. Warum bei so vielen? Weil ihn das Studium der Kunst, Musik, Psychologie zum Klangbildhauer und freien Komponisten hat werden lassen. Er nennt sich KETONGE.

Hier zeigen Schueler von Juergen Klauke/Koeln, meinem Lieblingsfotograf, was sie bei ihm gelernt haben.

Der Klang der Dinge ist beeindruckend, die Klangkuenstler von hoechstem Koennen.

 
 
 

 
 
 

Ich empfehle diese Ausstellung sehr. Mal wieder Avantgarde in Duesseldorf.

Mehr unter www.WELTKUNSTZIMMER.de

2012 13 Aug

Kraft des Innehaltens

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Viel ist die Rede dieser Tage vom Ungemach der Leistungsgesellschaft, von Überforderung und Desintegration (Farewell To Multikulti) und von den Gefahren der digitalen Demenz. Passend zur Urlaubszeit im Folgenden ein Zitat zur Bekräftigung des Innehaltens – einer Potenz, die der Vita Activa das Vermögen zur Kontemplation entgegensetzt. Gemeint ist die Fähigkeit zur Abstandnahme und Abschlusshandlung – angesichts des Übermasses an Möglichkeiten und Beliebigkeiten. Die Sufis nannten das „Retreat“:

Ohne jene „abschließenden Instinkte“ zerstreut sich das Handeln zu einem ruhelosen, hyperaktiven Reagieren und Abreagieren. Die pure Aktivität verlängert nur das bereits Vorhandene. Eine wirkliche Wendung zum Anderen setzt die Negativität der Unterbrechung voraus. Nur vermittels der Negativität des Innehaltens kann das Handlungssubjekt den ganzen Raum der Kontingenz durchmessen, der sich einer bloßen Aktivität entzieht. (Byung-Chul Han, Die Müdigkeitsgesellschaft)

Besser also wäre es, nicht immer gleich dem nächstbesten Projekt hinterherzujagen, in das unsere Wünsche und Pläne uns verstricken. „Wie´s frömmt, so´s kömmt!“ – so die kritische Bemerkung eines Kunstprofessors zum erstbesten zu Papier gebrachten Einfall eines von sich selbst überzeugten Studenten. „Wer sich schon anschickt, Pinsel und Leinwand zu kaufen …“ – gerne auch gedachten wir dieser Mahnworte des Joseph Beuys und seiner Honigpumpe am Arbeitsplatz, als wir jüngst die dOCUMENTA (13) in Kassel besuchten.


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