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Archiv: Kunst

2018 11 Nov

Rauchzeichen

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Immer wieder die Frage: Kann ich schreiben? Darf ich schreiben?Habe ich Wesentliches mitzuteilen? Auch hinsichtlich einer inneren Verpflichtung, nicht schönzumalen, vielmehr das Kritische und Dunkle hervorzuheben. So will es die Melancholie. Findet sich der tragende Faden, beginnt es Spass zu machen und spinnt sich wie von selbst fort. Es öffnet sich der Raum der Erinnerung, ein Flow entsteht und der Text entfaltet Eigendynamik. Vor einigen Tagen zeigte Arte eine Reihe von Filmen und Porträts mit Künstlern. Ein ganz reizender Spielfilm über Vincent van Gogh und dann ein intimes, sehr gelungenes Porträt mit dem in Leipzig lebenden und schaffenden Maler Neo Rauch. Mich wies ein Freund desöfteren hin auf jenen Leipziger Maler und er erzählte, dass auch seine Frau mit Namen Rosa Loy eine Malerin sei. Doch mir gefielen diese Bilder auf den ersten, flüchtigen Eindruck nicht – irgendwie kalt und wie der Philosoph sagt: „kontingent“. Also beliebig und auch eklektizistisch, manieriert. Wie man sich wieder einmal täuschte! Das gezeigte Filmporträt war wunderbar, zog mittenmang hinein in die Faszination von Malerei und ihre schöpferischen Prozesse und Entfaltungen. Die Leipziger Schule kenne ich noch aus Studienzeiten, Maler wie Bernard Heisig und Werner Tübke flössten Respekt ein mit ihrer virtuos altmeisterlichen Strenge. Es zeigte sich beim Schauen des Rauch-Porträts, also wenn der Maler am Schaffen war, warum mir die Malerei generell immer ein wenig fremd bleib, nie wirklich mein Ding war: Auf die Frage, ob er denn auch mal Pause machen wolle. „Ach, das wäre schön, aber die anderen malen ja weiter. In all den Künstlerateliers brennt Licht und meines bleibt dunkel? Das geht doch auch nicht!“ sagt Rauch mit sanfter Stimme. Überhaupt, diese Sanftheit fällt auf und eine gewisse Melancholie, das fehlen jeglicher Aggressivität. Liegt es daran, dass er seine Eltern früh verlor, bei liebevollen und fürsorglichen Großeltern im Südharz aufwuchs? Liegt es daran, dass jemandem das Gezerre und Gezetere im ödipalen Dreieck erspart blieb? Auch Peter Sloterdijk („Saufgelage mit Neo Rauch“) ist ja ein Vaterloser und dass da von Freundschaft die Rede ist, wundert kaum, kreuzen sich doch bei beiden geschichtlicher Bezug, hervorragendes stilistisches Handwerk mit zeitgenössischer Diagnostik und dem Witz der spielerischen und manchmal eben manieristischen Eigenschöpfungen. Mir wurde jedenfalls klar, warum ich einst vor Malerei die Flucht ergriff und dennoch in höchster Wertschätzung damit verbunden blieb. Es ist auch eine Gefangennahme im Sehsinn, sowie es ja auch eine Gefangennahme im Hörsinn geben kann. Hier bot die Philosophie den ausgleichenden Kontrapunkt. Doch manchmal hat man Lust auf Kunst, als ob einen der Hafer sticht. Dann schaut man, was Daniel und Gerhard Richter machen. Ersterer beispielsweise schätzt die Reflektion als etwas, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Hier stimme ich ihm zu und auch die neuen Bilder gefallen mir, allein schon weil nur er sie malt.

 


 

 
 
 

Buchstäblich in letzter Stunde vor Schließung bin ich gestern nach Solingen ins Zentrum für verfolgte Künste gefahren, um die außergewöhnlich gute Malerei von Ringelnatz (1883-1934) anzusehen. Da er schon über 70 Jahre tot ist, wird hier niemand etwas über meine gezeigten Fotos beanstanden können. Leider ist die Qualität der aufgenommenen Bilder nicht überragend, aber da die Gemälde von Ringelnatz selten gezeigt werden und der Katalog sofort vergriffen war und nicht wieder auferlegt wird, versuche ich zu retten, was zu retten ist. „WAR EINMAL EIN BUMERANG“, wir kennen ihn alle als Dichter, aber als Maler? Er malt vom Herzen aus. Seine Orte sind keine Abbilder der Natur. Sie sind bescheiden gemalt, aber mit sicherem Können. Sehr authentisch denkt man, weil man ihn von den Gedichten, Kindertexten her kennt …

2016 6 Jul

Planet Janssen

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Ich sende meine Sonde in den Orbit von Horst Janssen. Ich versuche herauszufinden, was sich unter der Gewaltdecke von diesem genialen Zeichner verbarg. Er hat seine Partnerinnen verprügelt, doch keine hat Vergeltung geuebt. Die Philosophin Svenja Flasspoehler sagt: „Verzeihen heißt Verzicht auf Vergeltung.“ Nicht nur seine beiden Hauptfrauen bleiben ein Leben lang seine Freundinnen.

Warum halten sie ihn aus und zu ihm? Ist es die Kunst des Gebens? Ist es der Stolz, dabei sein zu können, wenn seine Eingebungen in Kunst umgesetzt werden? Ihr mütterliches Verständnis fuer ein ungeliebtes Kind? Horst Jannsen weiß um seine Dämonen. Wenn die zerstörerischen Tiefflieger vorübergeflogen sind, wirbt er um die Geflohenen, die Malträtierten mit allem, was er kann: mit zeichnen.

Er gewinnt sie mit liebenswerten Worten, Kunstwerkchen und Spielereien zurück. Die klugen Zurückeroberten strecken ihre Fühler aus, um rechtzeitig vor seinen Attacken fliehen zu können. Der Künstler und Alkoholiker ist einerseits ein r/echter Kotzbrocken und andrerseits ein Faszinosum der Kunst.

In den 70er Jahren hingen in den WGs Poster von Frank Zappa im Badezimmer und Kalender von Horst Janssen überm Studischreibtisch. Der Tausendstrichzeichner wurde bewundert, obwohl er keine riesigen Ölgemälde schuf. Man musste schon genau auf die Linie achten, die er talentiert wie kaum ein anderer in dieser Zeit auf’s Büttpapier brachte. Horst Janssen arbeitete immer. Aus Geld machte er sich wenig.

Einmal zerriss er vor den Augen einer Käuferin einen Druck im Wert von 100 000 DM. Der Dame war der finanzielle Wert höher als der künstlerische. Mich begeisterte er schon früh. Mir gefiel sein gesunder, mutiger Menschen- und Kunstverstand neben seinen hervorragenden Drucken natuerlich. Er erkannte und prangerte an, dass der Kunstmarkt zum Kapitalmarkt mutierte. In honorigen Gesellschaften trank er sehr viel, um deren Heucheleien aushalten zu können. Oft zerschlug er deren Mobiliar und beschimpfte sie auf Erniedrigendste.

Als ich mir vor ein paar Jahren in Oldenburg (daher kam H.J.) im Horst-Janssen Museum, eine Ausstellung von Luepertz ansah, dachte ich, dass der „Fürst“ der würdigste Nachfolger von Janssen sei. Dass Hamburg sich mit ihm so schwertut, liegt sicherlich daran, dass sie sich nicht von diesem genialen Zeichner und Graphiker den Spiegel vorhalten lassen wollten und ihre Lieblinge, z.B. Anselm Kiefer, entlarvt sehen wollten.

„Der Motor fuer den Kunstzirkus – den Preisauftrieb, die immer neuen Moden, die Verkäuflichkeit von jedem betrügerischem Schwachsinn als „Original‘ – sei die „Blähung“ und „Verdummung“ der Mittelschicht gewesen, sowie deren „satte Angst, etwas nicht zu haben, was alle haben“: das Wohlstandwachstum der Nachkriegsepoche. Jetzt seien „die Blinden“ zahlreich und die „Blindenparties, eingepeitscht von einer tollgewordenen Händlerliga.“
 
 
Sehr empfehlenswert zu lesen: Horst Janssen – Ein Leben.

Von Henning Albrecht, Rowohlt 2016.
 

2015 15 Okt

Bright Eyes ***Art funkelt

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Romantiker haben sicher ihren Vorrat an Kerzen für die dunkle Jahreszeit gehortet. Zweifler glauben immer noch nicht, dass Goebel nicht der Erfinder der Glühlampe war. Und Lampenfetischisten suchen in Outletstores für Möbeldesign nach ihrem Traumobjekt.

Ich schlenderte im Gelderland durch solch eine Kippenberger Adaption und wurde den Verdacht beim Betrachten der zur Schau ausgestellten Stücke nicht los, dass hier ordentlich das Stahlrohr und die Swinglinie vom Bauhaus kopiert worden waren. Die schönen Objekte wurden unter dem Designernamen GISPEN verkauft.

In einem kleinen Museum, dem Gispen Museum, fand ich später heraus, wer Gispen war. Er lebte zu Bauhauszeiten in Rotterdam und gewann mit seiner GISO Lampe alle Designerpreise. Das war 1926. Bereits ein Jahr später erfand er die Pianolampe, die endlich für Licht über dem Notenblatt sorgte. Gispen war ein Avantgardist in der Serienproduktion von technisch hochqualfizierten Lampen. Ich sah in diesem Museum in Culemborg Lampen, die durch ihre Formen und ihre Farben, nicht durch ihr Licht, sofort positive Effekte bei mir auslösten. Im Showroom lag ein Katalog, der den Showdown dann offenlegte. GISPEN verlor vor Gericht gegen Mies van der Rohe. Er durfte die steel tube furniture erst einmal nicht in Serie geben. Einen Breuer Stuhl würde ich sofort für eine Gisolampe einwechseln.

Auf dem Bild steht sie links und strahlt in ihrer klaren Schönheit.

2015 31 Aug

From a bowneyed girl

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a birthday icecream
 

2015 24 Aug

Daily sounds all around

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Im Weltkunstzimmer in Duesseldorf gibt es eine spannende Ausstellung zu Spuren akustischer Welten. Kuenstler haben sich auf den Weg gemacht und mit grossem Aufwand Klaenge, Toene, Sounds, Whispers eingefangen.

Sehr weit ist einer gefahren, um das EISFLUESTERN in Jakutien aufzunehmen. Bei Nebel und 54 Grad minus fangen die Ohren an zu schallen. Man hoert die Luft knistern. Was fuer eine fast unheimliche Soundinstallation.

Ihre unterschiedlichsten Fieldtrips haben die Kuenstler jeweils in ihre Kunst eingebaut. Da steht ein Plattenspieler und ein rechter Winkel im grossen leeren Raum und es ist nur der Sound, der die beiden Dinge zusammenhaelt. In einem Soundappartment steht eine Arbeit von einem Kuenstler, der den ganzen Raum klanglich regelrecht zusammengepappt hat. Eine wirklich humorvolle Installation. Dieser Kuenstler hat bei Oswald Wiener, Georg Herold, Johannes Fritsch, Clarance Barlow, Paulo Alvares und David Larcher studiert. Warum bei so vielen? Weil ihn das Studium der Kunst, Musik, Psychologie zum Klangbildhauer und freien Komponisten hat werden lassen. Er nennt sich KETONGE.

Hier zeigen Schueler von Juergen Klauke/Koeln, meinem Lieblingsfotograf, was sie bei ihm gelernt haben.

Der Klang der Dinge ist beeindruckend, die Klangkuenstler von hoechstem Koennen.

 
 
 

 
 
 

Ich empfehle diese Ausstellung sehr. Mal wieder Avantgarde in Duesseldorf.

Mehr unter www.WELTKUNSTZIMMER.de

2012 13 Aug

Kraft des Innehaltens

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Viel ist die Rede dieser Tage vom Ungemach der Leistungsgesellschaft, von Überforderung und Desintegration (Farewell To Multikulti) und von den Gefahren der digitalen Demenz. Passend zur Urlaubszeit im Folgenden ein Zitat zur Bekräftigung des Innehaltens – einer Potenz, die der Vita Activa das Vermögen zur Kontemplation entgegensetzt. Gemeint ist die Fähigkeit zur Abstandnahme und Abschlusshandlung – angesichts des Übermasses an Möglichkeiten und Beliebigkeiten. Die Sufis nannten das „Retreat“:

Ohne jene „abschließenden Instinkte“ zerstreut sich das Handeln zu einem ruhelosen, hyperaktiven Reagieren und Abreagieren. Die pure Aktivität verlängert nur das bereits Vorhandene. Eine wirkliche Wendung zum Anderen setzt die Negativität der Unterbrechung voraus. Nur vermittels der Negativität des Innehaltens kann das Handlungssubjekt den ganzen Raum der Kontingenz durchmessen, der sich einer bloßen Aktivität entzieht. (Byung-Chul Han, Die Müdigkeitsgesellschaft)

Besser also wäre es, nicht immer gleich dem nächstbesten Projekt hinterherzujagen, in das unsere Wünsche und Pläne uns verstricken. „Wie´s frömmt, so´s kömmt!“ – so die kritische Bemerkung eines Kunstprofessors zum erstbesten zu Papier gebrachten Einfall eines von sich selbst überzeugten Studenten. „Wer sich schon anschickt, Pinsel und Leinwand zu kaufen …“ – gerne auch gedachten wir dieser Mahnworte des Joseph Beuys und seiner Honigpumpe am Arbeitsplatz, als wir jüngst die dOCUMENTA (13) in Kassel besuchten.

2011 12 Dez

TV-Tipp: Piet Mondrian

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Im Atelier von Piet Mondrian

Es war ein erstaunliches Fernsehporträt, das der Sender Arte ausstrahlte : es zeigte einen etwas verschrobenen Mondrian, den man so nicht kannte.  In seinem als  Bild- und Wohnplastik gebauten Atelier entwickelte er seine Ideen und lebte so – wortwörtlich – ganz in seiner Kunst. Mondrian, der Natur und Bäume hasste, hörte gerne Jazzmusik und tanzte dann dazu – und man meint nun, auch in seinen strengen Bildern rhythmische Strukturen zu erkennen. Gerne und regelmäßig stürzte er sich ins Pariser Nachtleben. So war sein Leben trotz seiner sperrigen, einzelgängerischen Intellektualität zwar viel, doch keine pure Einsiedelei.

Den Ausblick aus seiner Wohnung über die verwinkelten, verspielten, unaufgeräumten Dächer und Hinterhöfe von Paris hätten die meisten wohl als romantisch empfunden – er hingegen verabscheute solcherlei Szenerie. Als er später dann, bedingt durch den zweiten Weltkrieg, nach New York übersiedelte, traf er in der dort existierenden kühlen, rechteckigen und durchstrukturierten Stadtarchitektur verblüffenderweise auf die Verwirklichung seiner Ideen und formellen Ideale. Und so war sein Exil nicht unvertraute, unerwünschte Fremde – sondern Zuflucht und Heimkommen in eine vertraute geistige Heimat und eine Form des späten Glücks. 

2011 20 Nov

O´o – how beautiful!

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Diese schöne Grafik ziert das Cover der CD „O´o“ von John Zorn, dessen immens kreativer Output ja stets in künstlerisch ansprechendem, bisweilen verstörendem Outfit dargeboten wird und an die Zeit der guten alten Schallplatte als Gesamtkunstwerk und Sammlerobjekt zurückdenken lässt. Die Geschichte der O´o: diese Paradiesvögel sind leider ausgestorben. In einigen Stücken der CD erklingt tatsächlich nachrufendes Vogelgezwitscher. Das obige Bild wie auch die vielen anderen kunstvollen Cover-Inszenierungen der Zorn-Cds und des Tzadik-Labels sind natürlich nicht von den Musikern selbst, sondern von Künstlern und Grafikern (oder Laien) gefertigt. In diesem Fall ist es eine Chippy-Grafik – und dahinter steht der Name dieser Rose: Hueng-Hueng Chin.

2011 10 Nov

Daniel Richter – 10001 Nacht (3)

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Da der Besuch der Austellung „Daniel Richter – 10001 Nacht“, die am 6. November in der Kestnergesellschaft Hannover zu Ende ging, noch nachwirkt, hier mein kurzes Resümee: Bilder wie die dort gezeigten suchen sich ihr Publikum und sie brauchen es – ähnlich wie Performance, Bühnenstück und Musikkonzerte dies tun.

Die Mona Lisa konnte man sich noch in permanentem, stillem Zwiegespräch mit ihrem Schöpfer da Vinci vorstellen – doch diese großformatigen, explosiven Farbekstasen wirken nur auf großer Bühne und im Zusammenspiel. Es sind aufeinander bezogene, im narrativen Kontext stehende Sound-Emanationen – die Nähe zur Musik wird deutlich, auch wenn der Künstler selbst dem widersprechen würde.

Diese expressive Malerei ist auch eine Wiederspiegelung und Explikation von Traumwelten und des Unterbewußten. (DR sprach im Podiumsgespräch vom „freudianischen Fluxus“) Vielleicht ist der Reiz dieser Art Kunst auch, dass sie uns an unsere eigentliche Heimat erinnert: als ewig Traumgeborene nie ganz von dieser Welt zu sein – uns dafür aber stets neu erfinden zu können und zu dürfen.


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