Manafonistas

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„Ein Termin mit Herrn Rihm“, so überschrieb Jochen seinen Beitrag vom 2. Juni über Wolfgang Rihm. Er empfahl damals einen Filmbeitrag des SWR über Wolfgang Rihm, der Titel: “Über die Linien – Grenzgänger des Klangs“. Ich habe den Tipp von Jochen befolgt und mir die Sendung angesehen, nicht nur das, in der Mediathek musste ich die Dokumentation nochmals sehen. Selten hat mich ein Musiker und Komponist so beeindruckt, so überzeugt wie Wolfgang Rihm. Der Film entstand kurz nach einer langen, schweren Erkrankung des Meisters. Rihm, Jahrgang 1952, wirkt ruhig, lebendig, lebensbejahend. Er komponiert und komponiert und hat noch so viel mitzuteilen. Einmal sagt er, es sei ihm, als hätte er in seinem Inneren noch einen dicken Block, da müsse und möchte er noch viele Blätter abreißen. Im Grunde habe er das Gefühl, als schreibe er sein ganzes Leben lang ein einziges Stück. Die Werke, die er schreibe, würden das Frage- und Aktionspotential für das Ins-Werk-Setzen des nächsten Stückes hervorbringen. Man solle sich den Vorgang des Komponierens aber nicht so vorstellen, als würde man einer Glanzstraße bis zum Ziel folgen, es sei eher ein Stochern im Nebel, es gebe keine Sicherheit im Moment des Entstehens eines Stückes, eher Hilflosigkeit.

Wolfgang Rihm ist seit 1985 Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, sein Unterrichtsstil: fragend, – produktive Verunsicherung.

In der Dokumentation kommen neben seiner Biographin, Elenore Büning, auch unter anderen Anne-Sophie Mutter, für die Rihm “Gesungene Zeit“ geschrieben hat, und Jörg Widmann zu Wort. Für letzteren hat Rihm “Über die Linie II“ komponiert. Der Komponist, Klarinettist und Dirigent Jörg Widmann erzählt ausführlich über die Entstehung dieses Stückes. “Über die Linie II“, dieses Werk faszinierte mich dermaßen, ich musste mir die Platte sofort kaufen.

 

 

 

 

Die Aufnahmen zu dieser Scheibe entstanden im Konzerthaus Freiburg zwischen 2009 und 2010, es spielt das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, an der Klarinette natürlich Jörg Widmann. Über das Stück schreibt Widmann. „Als die Partitur der Musik für Klarinette und Orchester – Über die Linie II in meinen Briefkasten geflattert kam, war ich zunächst schockiert: ein über 40 Minuten fast ununterbrochener Gesang durch alle, auch die höchsten stratosphärischen Register. So hatte noch niemand für Klarinette geschrieben. Aber, wie sollte ich das jemals spielen können?“

 

The Guardian: „[Uber die Linie II ] must be one of the most substantial, an exacting test of any clarinettist’s control and stamina. The soloist plays almost continuously throughout the 37-minute work that the orchestra sometimes supports and accompanies, sometimes contradicts. The music is full of allusions to past styles, and its effect is fragile and haunting.“

 

Zu dem Werk Requiem-Strophen, 2017 uraufgeführt, sagte Jörg Widmann: „Was ich bei all den geistlichen Werken von Rihm spüre, dass es da etwas Anderes geben muss. Warum kann ich daran glauben – ich, der das höre? Weil es diese Musik gibt. So könnte ich gläubig werden.“

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 6)

 

Die Platte erschien bei MPS-Records in Villingen, Michael Naura, Wolfgang Schlüter, Eberhard Weber und Joe Nay mussten aber nicht den langen Weg nach Süddeutschland auf sich nehmen, aufgenommen wurde diese wunderbare Scheibe 1971 im Windrose Studio in Hamburg. Alle Stücke dieser Platte, die sieben Jahre nach Nauras schwerer Krankheit und acht Jahre nach der letzten LP-Veröffentlichung European Jazz Sounds aufgenommen wurden, entstammen Nauras Feder. Michael Naura wurde 1934 in Memel geboren, verbrachte seine Schulzeit in Ostberlin, nach dem Abitur studierte er Soziologie und Philosophie an der FU Berlin, besuchte aber auch die Meisterschule für Grafik und Buchgewerbe. Das Klavierspiel erlernte er autodidaktisch. Mit seinem engen Freund Peter Rühmkorf wurde er mit Jazz & Lyrik bekannt (siehe auch die ECM-Platten Phönix Voran und Kein Apolloprogramm Für Lyrik).

 
 

 
 

Bis zu seiner Krankheit im Jahr 1964 war Naura jahrelang in Jazzkellern und Konzertsälen unterwegs, dann spielte er nur noch regelmäßig im Hamburger Jazzhaus und übernahm schließlich 1971 die NDR-Jazzredaktion, die er bis 1999 leitete. Im Februar 2017 starb Naura im Alter von 82 Jahren.

Letztes Jahr erschien nun die Michael-Naura-Platte Call endlich wieder, das Remastering ist unfasslich gut, die Platte hört sich an, als sei sie gerade in einem modernen Studio aufgenommen worden. Siegfried Schmidt-Joos stellt in seinen Liner-Notes alle acht Naura-Werke ausführlich vor: Soledad De Murcia, M.O.C., Forgotten Garden, Take Us Down To The River, Why Is Mary So Nervous, Don´t Stop, Miriam, und schließlich Call.

 

„Früher haben wir die berühmten Jazzthemen der Vergangenheit nachgespielt. Aber je länger Wolfgang Schlüter und ich zusammen sind, desto mehr spüren wir, daß wir uns in eigenen Stücken besser entfalten können.“ Und Schmidt-Joos ergänzt: „ … es sind Themen, für die es Skizzen, aber keine ausgearbeiteten Arrangements mehr gibt. Stimmungen, dazu einige musikalische Versatzstücke, sind festgelegt. Alles andere ergibt sich im spontanen Zusammenspiel. An die Stelle von Chorusabfolgen tritt ein fortwährendes Interplay.“

(Michael Naura)

 

Auch Kriegel arbeitete mit Eberhard Weber und Joe Nay in der 1973 gegründeten Band Spectrum zusammen, mit der er 1974 bei MPS Mild Maniac veröffentlichte. Damals war auch Peter Giger und Rainer Brüninghaus dabei. Diese Platte wurde im Januar dieses Jahres wieder veröffentlicht.

 
 

 
 

Eine weitere berühmte MPS-Einspielung, die auch 1971 entstand, sei hier noch dringend empfohlen. Hans-Georg Brunner-Schwer nahm im MPS-Studio in Villingen mit Volker Kriegel, John Taylor, Peter Trunk, Cees See und Peter Baumeister Spectrum auf. Auch diese Platte wurde wieder neu aufgelegt.

 
 

 

Peter Hamm ist heute im Alter von 82 Jahren gestorben.

 

Tage

nur aus Nebel –

wie nah

seid ihr mir!

Sogar ich selbst

mir unsichtbar,

so betrete ich

gern

mein Gelobtes Land!

 

Ein Gedicht aus der Sammlung “Die verschwindende Welt“ von Peter Hamm.

 

Minnesotan guitarist Steve Tibbetts has been recording for ECM for almost 40 years. For the first edition of our streaming playlist “Artist’s Choice”, he lists some personal ECM favourites and gives an insight into his long relationship with the label.

 

Das ist ja mal interessant, dachte ich, als ich diese Nachricht auf der ECM-Seite las und dann, bei der Durchsicht der von ihm genannten Titel, die Überraschung: Steve Tibbetts nennt fünf Werke von Paul Bley als seine personal ECM favourites (nebenbei, bei ECM erschienen elf Platten von Bley)…..und so kann man sich täuschen, ich habe die Liste von Steve Tibbetts mit der von Ethan Iverson verwechselt. Das sei hier noch angemerkt. Steve hat Paul Bley leider nicht genannt.

Nun hat ja Paul Bley nicht nur bei ECM veröffentlicht, sondern bei den verschiedensten Plattenfirmen, ja, er gründete sogar ein eigenes Label, Improvising Artists. Mein Lieblingsplatte meines Lieblingspianisten erschien allerdings bei OWL-Records in Paris, dort nahm Bley unter der Regie des wunderbaren Produzenten Jean-Jacques Pussiau 1983 die Soloplatte „Tears“ auf .

1989 folgten dann “The Life of a Trio: Saturday“ und “The Life of a Trio Sunday“ (beide mit Jimmy Guiffre und Steve Swallow. Mit Gary Peacock spielte Paul Bley die Duo-Platte “Partners“ ein. „Fly Away, Little Bird“ wurde wieder im Trio aufgenommen: Paul Bley, Jimmy Giuffre & Steve Swallow. 1992 erschien dann schließlich noch “Homage to Carla – Solo Piano“ auf dem OWL-Label.
 
 

 
 
Über das OWL-Label und den Produzenten Jean-Jacques Pussiau stieß ich dann zufällig auf den Namen des Pianisten Ran Blake. Was für eine Entdeckung und was für eine musikalische Verwandtschaft mit Paul Bley. Meine erste Langspielplatte mit Ran Blake war “Vertigo (Live At The Brattle Theatre)“ mit Musik von Bernard Herrmann (1985), dann “Wende“ aus dem Jahre 1976, gefolgt von “Realization Of A Dream“ (1978) und “Third Stream Recompositions“ (1979).

Dann entdeckte ich, was mich eigentlich nicht erstaunen sollte, dass Ran Blake auch schon eine Platte, nämlich “Breakthru“ auf dem Paul Bley-Label Improvising Artists Inc. veröffentlicht hat (1976).

Ran Blake wurde am 20.April 1935 in Springfield, Massachusetts, geboren. Inzwischen 84jährig, ist Blake nicht minder aktiv, erst jetzt, im Februar dieses Jahres erschien: “Eclipse Orange“, eine Platte die Ran Blake und Claire Ritter anlässlich des hunderten Geburtstages von Thelonious Monk aufgenommen haben.

Der Überraschungen nicht genug, es gab eine wunderbare Zusammenarbeit zwischen Ran Blake und der fantastischen Sängerin Jeanne Lee (* 1939 in New York, † im Jahr 2000 in Tijuana, Mexiko) . Alles begann 1962 mit der Platte “The Newest Sound Around“, gefolgt von Ran Blake & Jeanne Lee – In Stockholm 1966 „Free Standards“ und Ran Blake / Jeanne Lee ‎“You Stepped Out Of A Cloud“ (1989).

Und mit wem Jeanne Lee gearbeitet hat, man glaubt es nicht, hier ein paar Namen: Rahsaan Roland Kirk, Sunny Murray, Marion Brown, sie war bei Carla Bleys “Escalator over the Hill“ dabei, dann gab es Aufführungen mit John Cage, mit dem Orchestre National de Jazz, Zusammenarbeit mit Gunter Hampel (mit dem sie verheiratet war), mit Archie Shepp, Marilyn Mazur, Peter Kowald, Bob Moses, Andrew Cyrille und vielen anderen.

Eine ganz besondere CD bescherte uns Jeanne Lee mit Natural Affinities. Auf dieser wunderbaren OWL-Platte wirken mit: Amina Claudine Myers, Wadada Leo Smith, Jerome Harris, Newman Baker, Mark Whitecage,Paul Broadnax, Gunter Hampel und Dave Holland.

Und mit wem Ran Blake, außer Jeanne Lee, zusammen musiziert hat, das ist eine ganz andere Geschichte.
 
 

 

Max, Mischa & Die TET-Offensive (Teil 2)

 

Im ersten Teil meiner Überlegungen zu dem Roman wurde der Onkel von Max, Owen, nur kurz erwähnt. Mit ihm erzählt Johan Harstad eigentlich eine zweite Auswanderungs-geschichte. Geschildert wird sein Leben zeitversetzt, immer wieder verschränkt mit der Erzählung von Max, Mischa und Mordecai.

Übrigens, alle vier Personen sind Künstler, Max arbeitet als Theater-Regisseur, Mordecai als Schauspieler, Mischa als Malerin und Owen als Musiker.

Es ist ja schon erstaunlich, wie viel in diesem Roman von Musik die Rede ist. Während für Max, Mischa und Mordecai Musik eher als Soundtrack zum Leben dazu gehört, geht es bei dem Onkel von Max – Owen – um einen Lebenstraum, er ist einst wegen der Jazz-Szene nach New York ausgewandert, freiwillig, von sich aus, anders als Max, dessen Eltern beschlossen hatten, in die USA auszuwandern, und er sich eben fügen musste.-

Die ersten norwegischen Immigranten aus Stavanger kamen im Jahre 1825 nach drei Monaten auf hoher See in New York City an, es waren zweiundfünfzig Menschen, die hier ihr Glück suchten. Rund einhundertvierzig Jahre später versucht Max‘ Onkel, der eigentlich Ove heißt, eine neue Heimat in den USA zu finden. Owen sagt es einmal ganz klar: „Ich bin wegen des Jazz nach Amerika gekommen. Das war das Wichtigste für mich: die Musik.“ Natürlich klappt das nicht, nichts als Träume, er schlägt sich zunächst als Lehrer durch, würde auch andere Arbeiten annehmen. Viele Abende verbringt er in der Jazz-Szene. Aber mit seinem befristeten Visum kann er keine Arbeit, keine feste Anstellung finden, die Lage ist hoffnungslos. Bis Ove eines Tages erfährt, dass Immigranten mit einem befristeten Visum nach sechs Monaten Dienst in Vietnam die amerikanische Staatsbürgerschaft bekämen. Ihm ist natürlich klar, dass ein Dienst in der amerikanischen Armee in Vietnam den Bruch mit seiner Familie bedeuten würde, aber er verpflichtet sich zu diesem Dienst und wird nach sechs Monaten Vietnam tatsächlich amerikanischer Staatsbürger und darf sich einen neuen Namen aussuchen, aus Ove Hansen wird Owen Larsen. Natürlich entsteht dadurch kein neuer Mensch, im Gegenteil, der Vietnam-Rückkehrer hat Dinge gesehen, die er hätte besser nicht sehen sollen und ist an Orten gewesen, die er hätte lieber nicht kennenlernen sollen. Nach der Rückkehr aus Vietnam verliert er nach seiner Heimat Norwegen nun auch noch das Sehnsuchtsland Amerika: „(Owen) weiß nicht mehr, wo er hingehört. Er ist kein Amerikaner, er ist eine Fälschung, ein Betrüger. Er sehnt sich danach, an einen Ort zu gehören.“

Die siebziger Jahre vergehen ganz anders als sich Owen als Amerikaner und Vietnam-Veteran das vorgestellt hat: er arbeitet als Asphaltierer im Straßenbau in Kalifornien. Zurück in New York findet er ab 1978 eine Beschäftigung in einer Klavierfabrik, später wird er Pianist im Showroom eines Klavierhändlers und dann vermittelt ihm im Herbst 1985 ein Förderer einen Job bei der Firma KPM Music-Recorded Library (diese Firma gibt es wirklich, sie stellt `Gebrauchsmusik´ her: KPM is a huge, diverse, and growing library of recordings, specifically produced for use in films, television, radio and new media. Currently KPM consists of over 30,000 recorded tracks and 800 CDs. Music styles vary from symphonic to cutting-edge, through dramatic, ethnic, historic, and more.) Johan Harstad bringt es übrigens fertig, fast eine komplette Buchseite mit Musiktiteln aus dem Katalog von KPM zu füllen. Die Arbeit bei dieser Firma ist sicher nicht das, was Owen sich vorgestellt hat, aber immerhin, er kann Musik aufnehmen und er macht bei KPM auch durchaus Karriere. Inzwischen wohnt Owen längst im berühmten Apthorp-Gebäude, wo er dann auch auf Max und Mischa treffen sollte.

Hier nun noch einige bemerkenswerte Sätze aus dem Roman:

 

  • Der Zweifel ist immer wichtiger gewesen, er war der eigentliche Ausgangspunkt und das wichtigste Instrument. Wir haben uns gemeinsam vorangezweifelt.
  • Das Gedächtnis ist ein Archiv mit unzuverlässigen Mitarbeitern.
  • Wenn die Leute auch nur die Hälfte der Energie, die sie dafür vergeuden, passende Strümpfe zu finden, auf ihre Mitmenschen verwenden würden, wäre die Welt ein viel angenehmerer Ort.
  • Nach Anschlag auf das WTC: „Es war, als wäre ich noch einmal heimatlos geworden.“
  • Wie Beckett sagte: Ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen. Man stürzt sich mit der Hoffnung in die Arbeit, einen Teil von sich selbst zu erkunden und zu bewahren, von dem Wunsch erfüllt, mehr über sich zu erfahren. Aber es ist immer dasselbe: Wenn man auf der anderen Seite wieder herauskommt, begreift man weniger als zuvor…
  • Deshalb schreibe ich dies. Weil wir einander abhandenkommen und uns in Menschen verwandeln, die wir noch nie waren, ohne die Fäden, die uns einmal zusammenhielten. Ich glaube, Owen schrieb aus demselben Grund. Nicht aus Sentimentalität, sondern um zu überleben, und dies ist die Hand, die ich über euch halte, beschützend, ein Versuch, uns ein für alle Mal, ein allerletztes Mal, in die Arme zu schließen.
  • Du solltest alt genug sein, um zu wissen, dass die romantische Vorstellung, für immer mit deinem besten Freunde verbunden zu sein, bis weit in die unüberschaubare Zukunft hinein,…, genau das war, eine romantische, schwärmerische Vorstellung, über die du eigentlich lächeln müsstest.
  • Es ist ein merkwürdiges Erlebnis, Zeuge dessen zu sein, wie alles weitergeht, während man selbst auf das Ende zusteuert.
  • Mitunter wird er vollständig von dem Gedanken gelähmt, nicht mehr da zu sein und wie unmöglich es ist, sich vorzustellen, dass man nicht weiter existiert, nie wieder; alles, was er je getan und gesagt hat, all die Erfahrung, jeder Witz, über den er herzlich gelacht hat, all die Musik, alles, was er gesehen und gelernt hat, alle, mit denen er gesprochen hat, die Einkäufe, die er getätigt hat, all seine Sachen, all die Freude und all das Leid, absolut alles wird seine Bedeutung verlieren, alles wird zurückbleiben.
  • Zuhause – das schönste Wort meiner Muttersprache.

 

Bezüglich des Soundtracks zum Buch seien nun noch weitere im Buch erwähnte Musiker, Komponisten, Schallplatten und Musik-Titel genannt:

 

Blind Melon: No Rain

Björk: Debut; Violently Happy, The Anchor Song

 

 

 

 

Lemonheads: Come on Feel

Pearl Jam: Vs.

Steve Martin: Let´s Get Small; A Wild And Crazy Guy; Comedy Is Not Pretty

Peter, Paul & Mary: Leaving On A Jetplane

Pink Floyd: Meddle

Leonard Cohen: Ten New Songs; Dear Heather

T.Rex: I Love To Boogie; Come To Me

Bill Evans: Autumn Leaves

Jan Johansson: Visa från Utanmyra; Emigrantvisa

Wilhelm Peterson-Berger: Damernas album; Vest i fjellom og; När jag för mig själv i mörka

skogen går

Fartein Valen (Musiker und Komponist aus Stavanger)

Agathe Backer Grøndahl

Louis Armstrong: St. James Infirmary

Frank Sinatra: The House I live in

Charlie Parker: Mood

Hüsker Dü: New Day Rising; The Girl who lives on heaven hill; Zen Arcad

John Cage 4:33

J.S.Bach: Wohltemperiertes Klavier; Goldberg-Variationen

Joan Baez: Sweet Sir Galahad

Neil Young: Live Rust

und: Bob Mould; Lovin´ Spoonful; Fairport Convention; Byrds; The Band; Love; Mose Allison; Ornette Coleman; Lester Young; Eric Dolphy; Grateful Dead; Jimmy Hendrix; Arne Nordheim; Nat King Cole; Joni Mitchell; Byrds; Buffalo Springfield; Frank Zappa; Jim Morrison; Townes Van Zandt; Sly and the Family Stone; Lee Morgan; Freddie Hubbard; Dexter Gordon; McCoy Tyner; Oscar Peterson; Erroll Garner; Richie Havens; Charles Mingus; Kim Gordon

und Glenn Gould; Frédéric Chopin; Friedrich Liszt; Josef Haydn; Edvard Grieg

Max, Mischa & Die TET-Offensive (Teil 1)

 

Von Stavanger habe ich bisher wenig gehört; die Hafenstadt war zusammen mit Liverpool europäische Kulturhauptstadt 2008; wunderschön gelegen zwischen Fjorden und Bergen ist die Stadt mit ihren 134000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Norwegens. Hier wächst Max Hansen in den 80er Jahren auf, der Vater SAS-Pilot, die Mutter betreibt einen eigenen Handarbeitsladen. Die Eltern waren in jungen Jahren engagiert im Kampf gegen den Vietnam-Krieg, nicht nur das, sie zählten sich auch zehn Jahre lang zu den Mitgliedern der norwegischen Kommunistischen Arbeiterpartei. Sie träumten von einer ganz anderen Welt. Sohn Max wird mit fünfunddreißig Jahren einmal sagen: „Ich denke oft, dass sie die letzte Generation waren, die glaubte, sie könnte etwas verändern: ich gehöre der ersten Generation an, die verstand, dass wir es nicht konnten.“

Im Alter von acht Jahren findet Max eines Tages eine Kiste mit Erinnerungsstücken aus dieser Zeit: FNL-Abzeichen, eine rote Flagge, die Mao-Bibel uvm. Er befragt seine Eltern zu den Funden, die allerdings haben ihre einstigen Parolen und Ideale längst vergessen. Immerhin erfährt Max zum ersten Mal etwas über den Vietnamkrieg. Ein paar Jahre später wird er zusammen mit Freunden den Film Apocalypse Now sehen, ein sein ganzes Leben prägendes Ereignis. Im Sommer 1988 spielen Max und seine Freunde Krieg – Vietnamkrieg. Zwei Jahre später emigriert die Familie in die USA, die Arbeitsbedingungen seien für den Vater hier in den USA ungleich besser als in Norwegen. Für Max bedeutet die Auswanderung eine Katastrophe, den Verlust der Heimat. Der Umzug nach New York stellt sich für den Jungen als eine totale Entwurzelung dar, er fühlt sich allein, einsam, entortet und schreibt: „Zuhause. Das schönste Wort in meiner Muttersprache. Ich will nachhause und weiß nicht mehr, wo das ist. Das ist die Essenz des Ganzen, eine tiefsitzende Angst davor, kein zuhause mehr zu haben. Ich kenne niemand. Ich habe niemand. Niemand!“ Für Max wird dieser Verlust zum Lebensthema, in der Mitte seines Lebens wird er sagen: „Ich war dabei, mich zu verändern, von jemanden, der sich wünschte nach Hause zurückzukehren, in jemanden, der wünschte, er würde sich wünschen, nach Hause zurückzukehren.“

So beginnt die Lebensgeschichte von Max Hansen, erzählt von dem norwegischen Autor Johan Harstad in dem Roman mit dem Titel Max, Mischa & Die TET-Offensive (VÖ April 2019). Harstad, Jahrgang 1979, kam wie sein Held im Buch in Stavanger zur Welt. Dieser Roman hat, ich sage es besser gleich, 1242 Seiten, aber es lohnt sich sehr, dieses großartige Werk zu lesen.

 

 

Der Roman gliedert sich in vier Teile, der erste beginnt und der vierte endet im Jahr 2012, beide erzählt aus der Sicht von Max, der es inzwischen zu einem erfolgreichen Theaterregisseur gebracht hat und gerade mit einer Theatergruppe durch die USA tourt; aufgeführt wird das Stück Better worlds Through Weyland-Yutani. Die beiden zentralen Buchteile zwei (S.131-660) und drei (S.663-1151) erzählen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven das Leben von Max – von den ersten, zunächst sehr schwierigen Jahren im neuen Land, in der Schule, von der Begegnung mit dem jüdischen Mitschüler Mordecai, der sein bester Freund werden sollte und dem Kennenlernen der sieben Jahre älteren Künstlerin Mischa, die über sechzehn Jahre seine Lebensgefährtin werden sollte – und schließlich von seinem Onkel Owen, dem Bruder seines Vaters, der schon in jungen Jahren Norwegen verlassen hat und, weil er keinen anderen Weg gesehen hatte, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, am Vietnam-Krieg teilnahm, weshalb es zum Bruch mit seiner Familie gekommen war.

Und das sind die wesentlichen Themen, die in diesem Roman verhandelt werden: Auswanderung, das Böse, Gier, Krieg, Heimat, Zeit-Sterben-Tod, Erinnerung, Freundschaft, Homosexualität, Scheidung, Zufall, Musik (das ist ein ganz wichtiges Thema, Musik als Lebensbegleiter, als Soundtrack zum Leben) Kapitalismus, Entmietung (das Apthorp, ein riesiges Gebäude, in dem preiswertes Wohnen wegen der Mitpreisbremse möglich war, wird verkauft, es war über viele Jahre Heimat für Owen, Max und Mischa), Zukunft und vor allem die Frage: Hat Samuel Beckett recht, wenn er sagt: NICHTS ZU MACHEN? Das Thema „Kann der Mensch etwas machen“ zieht sich durch das ganze Buch, und Max scheint in seinem Leben immer wieder erfahren zu haben, dass man nichts machen könne: gegen Auswanderung, gegen Heimatverlust, gegen Krieg und Tod, gegen den Verlust geliebter Menschen usw. Endet das Buch in Resignation oder doch mit der Möglichkeit des Aufstehens, des Aufbruchs?

 

Bezüglich des Soundtracks zum Buch seien für heute zunächst folgende im Buch erwähnte Titel genannt:

 

The Doors: „I Can´t See Your Face in My Mind“ / „Summer’s Almost Gone“ / „When the Music’s Over“ / „The End“

Miles Davis: „Bitches Brew“

Ry Cooder: „Paris, Texas“

Crosby, Still, Nash & Young: „Ohio“

Neil Diamond: „Coming to America“

Thelonious Monk Quartet with John Coltrane at Carnegie Hall

Bruce Springsteen: „Born to Run“

Harald Sœverud: „Kjempeviseslåtten (Ballad of Revolt)“

Percey Sledge: „When a Man Loves a Woman“

Duke Ellington: „Take The A-Train“

Simon and Garfunkel: „The Only Living Boy in New York“

Maurice Ravel: „Gaspard de la Nuit“

Sonic Youth: „Hyperstation“

Jane’s Addiction: „No One´s Leaving“

Miles Davis, Hank Jones, Sam Jones & Art Blakey Cannonball Adderley: „Somethin‘ Else“

 

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 5)

 

Im September letzten Jahres wurde in Villingen richtig groß gefeiert, das MPS-Studio wurde 50 Jahre alt. Der Techník-Chef von SABA, Hans Georg Brunner-Schwer, hatte 1968 den Schritt gewagt vom Privat-Studio in seinem Wohnhaus hin zu einem großen professionellen Studio.

Zum Jubel-Fest am 7. September 2018 wurde eine fette Doppel-Langspielplatte herausgebracht: Junges Forum 65, Unreleased Tapes From The MPS Studio, mit dabei: Benny Baily, Rolf Kühn, Hans Koller, Stuff Smith, Jimmy Woode, Tubby Hayes, Roger Guérin, George Gruntz, Leo Wright, Erich Kleinschuster, Michael Hausser and others. Es handelt sich um Aufnahmen, die während des 40. NDR-Jazzworkshops am 1. und 2.Juli 1965 in der Vestlandhalle in Recklinghausen gemacht und bisher nicht veröffentlicht wurden (warum nicht? – das ist auch Michael Laages, der die Liner-Notes schrieb, ein Rätsel).

 
 

 
 

Angefangen hatte alles 1961 mit der Entwicklung des SABAmobils (siehe Foto), das 1963 als bahnbrechende Sensation auf dem Markt kam. Das SABAmobil war ein Vorläufer eines Kassettenrecorders, eigentlich eine Kombination aus Kassettengerät und Autoradio.

 
 

 
 

Für die speziell entwickelten Kassetten nahm H.G. Brunner-Schwer die Musik selbst auf. Das war streng genommen der Beginn der SABA-Musikproduktion. Von Beginn an mit dabei Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorf, Hans Koller, Horst Jankowski und bald auch – 1963 – Oscar Peterson. Aber erst 1968 kam es zur Gründung des MPS-Labels. Immerhin umfasste der SABA-Jazz-Katalog zu diesem Zeitpunkt bereits 80 Titel.

Dem Familienunternehmen SABA allerdings ging es damals gar nicht gut, nur große Firmen, wie etwa der Konkurrent GRUNDIG, hatten noch Chancen auf Selbstständigkeit. SABA war auf den Einstieg des amerikanischen GTE – Konzerns angewiesen, die Musikproduktion wurde allerdings ausgegliedert, sie war für GTE nicht von Interesse.

Wer sich für die wunderbaren SABA-Geräte aus dieser Zeit interessiert, der mag das Franziskaner-Museum in Villingen aufsuchen – hier findet man eine kleine Auswahl sehr schöner SABA-Geräte – oder besser gleich ins nahe Villingen gelegene St. Georgen reisen und das Deutsche Phono-Museum aufsuchen. Hier findet man nicht nur alles über die Erfindung und Ursprünge der mechanischen Schallaufzeichnung – man kann etwa ein Modell des mechanisch zu betätigenden Edison-Phonographen (1880) bewundern, sondern kann auch die Blütezeit des Grammophons in all seinen Ausprägungen nachvollziehen, die Geburt des Radios und des Plattenspielers erleben (Perpetuum Ebner / DUAL), die Entwicklung der ersten Tonbandgeräte verfolgen –  von SABA bis REVOX – hin zu High-Fidelity und HIGH END.

 
 

 
 

Es gilt die ersten „Disco-Lichtspiele“ über Grammophon (1920!) zu bewundern, man kann Jukeboxen, SABA-Geräte, die ganze DUAL- und PE-Entwicklung bestaunen, bis hin zur Gegenwart und dem erfreulichen Neustart der Plattenspielerproduktion von PE und THORENS in St.Georgen.

 

Zurück in Villingen:

 

2010 erhielt das MPS-Studio vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg den Titel „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“. Der Förderverein MPS-Studio Villingen e.V. bemüht sich um die Erhaltung des Studios und führt auch wieder Tonaufnahmen durch. Das sind doch mal gute Nachrichten!

Und hier kann man die Lichtmaschine aus dem Jahre 1920 in Aktion erleben:  DSCN7905

Er wurde 1911 in Mississippi geboren, seine Mutter zog mit ihm von Plantage zu Plantage, er begann Maultrommel zu spielen, dann Mundharmonika, erst dann entdeckte er sein Instrument: die Gitarre. Nach dem Tod seiner jungen Ehefrau verschrieb er sich dem Blues. 29 Songs nahm er auf, das war in den Jahren 1936 und 1937. Mit 27 Jahren starb er, an einer Vergiftung? An den Folgen einer Schlägerei? Der Ich-Erzähler einer Geschichte mit dem Titel “Dark Was The Night“ gibt es eines Tages auf, über das Leben von Robert Johnson zu forschen, zu viele Anekdoten, zu wenig ist über sein Leben bekannt, also hält er sich an seine Musik und versucht das ganz große Rätsel zu lösen: Robert Johnson hatte nur 29 Titel eingespielt, dreizehn davon ein zweites Mal, es gab also 42 Aufnahmen, aber seit unser Erzähler1966 zum ersten Mal davon gehört hatte, dass es von Johnson einen dreißigsten Song geben müsste, hatte er sein Lebensthema gefunden: die Suche nach dem dreißigsten Song von Robert Johnson.

Am 2. August habe ich hier das Buch Vintage von Grègoire Hervier zu lesen empfohlen. Für den Sammelband “Soundcheck – Geschichten für Musikfans“, ausgewählt von Christine Stemmermann, steuerte Grègoire Hervier die Erzählung “Dark Was The Night“ bei, die letzte von neunzehn Erzählungen dieses Buches aus dem Diogenes-Verlag, zehn von ihnen wurden anderen Erzähl-Sammlungen entnommen, bei neun handelt es sich um Ausschnitte aus Romanen (was übrigens erstaunlich gut funktioniert).

 
 

 
 

Die Reihe hochinteressanter Musikgeschichten beginnt mit einer Erzählung von T.C. Boyle: ein gerade Verstorbener ist auf der verzweifelten Suche nach dem Hardrock-Himmel.

Rachel Joyce erzählt in “Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ von dem Besitzer eines Plattenladens, Frank, der für jeden die Musik vorrätig hat, die er gerade braucht, verkauft freilich ausschließlich VINYL. Eines Tages kommt ein Mann in den Laden, der eine bestimmte Musik sucht, aber er mag nur Chopin hören mag, doch Frank überrascht ihn mit ganz anderer Musik.

In “Becks letzter Sommer“, einer Erzählung von Benedict Wells, geht es um einen Lehrer, der die Fächer Deutsch und Musik am Georg-Büchner-Gymnasium unterrichtet. Gerade eben noch musste er in der chaotischen 11b eine Musikstunde halten, als ihm ein Schüler einfach seine geliebte Fender Stratocaster entwendet und ein atemberaubendes Solo hinlegt.

Nick Hornby schreibt in “I´m Like a Bird“ über ein Phänomen, das auch ich seit meinem zehnten Lebensjahr nur zu gut kenne: da hört man einen Song im Radio und muss das Musikstück immer und immer wieder hören, was bedeutet, dass man es entweder mit dem Tonband aufnehmen oder sich die Platte kaufen muss (wir befinden uns in einer Zeit, in der es noch keine Streaming-Dienste gab). “Speedy Gonzales“ von Pat Boone war für mich so eine Single, die ich nicht genug hören konnte. Die Vorstellung, den Song einmal nicht mehr hören zu wollen, war vollkommen abseitig. Und dennoch geschieht es natürlich immer wieder, es passiert eben doch, dass man eines Tages diese Musik nicht mehr hören kann. Nick Hornby zitiert den großen Erzähler Dave Eggers, der die Theorie vertritt, dass Menschen, die sich Songs wieder und wieder anhören müssten, das nur täten, weil sie die Musik „knacken“ müssten, bis sie sie eines Tages nicht mehr hören könnten. Hornby beschreibt das am Beispiel von „I´m Like a Bird“, einem Lied von Nelly Furtado. Dieser Song habe in ihm, Nick, die Sucht geweckt, dieses Stück immer und immer wieder zu hören. Ich habe mir diesen Song angehört und … nichts, er gefällt mir überhaupt nicht, spricht mich nicht an. Auch das ein interessantes Phänomen.

Der Erzählband “Soundcheck“ hat mich allerdings nicht nur angesprochen, er hat mich begeistert: Neben den eben genannten Autoren, finden sich hier auch Erzählungen von Julio Cortàzar, Haruki Murakami, Rob Sheffield und vielen anderen.

Mir persönlich am liebsten ist allerdings doch die Geschichte von Grègoire Hervier “Dark Was The Night“. Zur Lektüre empfehle ich natürlich die Originalsongs von Robert Johnson aufzulegen.

 
 

Denn das Haus ist unser Winkel der Welt.“

Das Haus beschützt die Träumerei, das Haus umhegt den Träumer, das Haus erlaubt uns, in Frieden zu träumen.“

Das Haus (ist) für die Gedanken, Erinnerungen und Träume des Menschen eine der großen Integrationsmächte…“

Wenn man vom Elternhaus träumt, in der tiefsten Tiefe der Träumerei, dann hat man an dieser ersten Wärme teil, an dieser wohltemperierten Materie des materiellen Paradieses.“

Wohlgemerkt, dem Haus ist es zu danken, daß eine große Zahl unserer Erinnerungen `unterge-bracht´ sind.“

Alle Zitate aus: BACHELARD, Gaston: Poetik des Raumes, München 1960

 

Es war ja schon einigermaßen ungewöhnlich, dass der Autor einen Roman geschrieben hat – Gegen die Welt -, in dem es bis zur Unlesbarkeit verblasste Schrift und leere Seiten zu bewundern gibt, ebenso zweigeteilte Seiten, zwei Handlungsstränge laufen 155 Seiten parallel, jeweils auf den Buchseiten oben und unten. Und nun das „Wendebuch“. Hält man das Buch so in der Hand, dass das orangene Lesebändchen nach unter fällt, hat man es mit dem Buch “Ein Haus auf dem Land“ zu tun, dreht man das Buch, das Lesebändchen ist nun unten befestigt und ist nach oben zu legen, kann man jetzt mit dem Buch “Eine Wohnung in der Stadt“ zu lesen beginnen. Dieser Buchteil hat 232, jener 189 Seiten.

Die Rede ist von Jan Brandt (*1974 in Leer/Ostfriesland) und seinem neuen, großartigem Buch Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen (VÖ Mai 2019). Kennengelernt habe ich das Werk von Jan Brandt über den außergewöhnlichen, fabelhaften Roman Gegen die Welt (VÖ Nov.2011; siehe auch “Gregor öffnet seinen Bücherschrank vom 03.01.2012“). Es folgten die Bücher Tod in Turin (März 2016), Stadt ohne Engel: Wahre Geschichten aus Los Angeles (Sept.2016) und Der magische Adventskalender (Nov.2018; siehe auch “Gregor öffnet seinen Bücherschrank vom 05.12.2018“).

 

 

 

 

 

 

Meine Lektüre habe ich mit dem Buch “Ein Haus auf dem Land – Von einem der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden“ begonnen. Jan Brandt erzählt die Geschichte zweier Brüder, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ihr Glück in den USA suchten, der eine, Arend, fand es tatsächlich, sein Glück, und blieb, der andere Jan Brandt, der Urgroßvater des Autors, kehrte nach sechs Jahren zurück in die Heimat. Auf einer USA-Reise im Jahre 2013 versuchte der Autor Spuren seiner Vorfahren zu entdecken, er berichtet davon in diesem Buch.

Drei Jahre später – Jan Brandt bemüht sich verzweifelt eine bezahlbare Bleibe in Berlin zu finden – erfährt er, dass in Ihrhove – ein Ort, der in der alten Heimat des Autors zu finden ist – das urgroßväterlich Haus, ein Gulfhof, erbaut 1863, zum Verkauf stehe. Der Urgroßvater hatte hier einen blühenden Kolonialwarenladen betrieben und in dem Haus bis zu seinem Tod 1931 auch gelebt. Der Großvater bot das Haus dann 1951 zum Verkauf an. Ein Drogist kaufte schließlich das Anwesen, das nun nicht mehr nicht in Familienbesitz war. Dieser Drogist, Jürgen Thurau, war der letzte Drogist des Dorfes. Das Haus sollte später Vorbild für die Drogerie Kuper in Brandts Roman Gegen die Welt werden. Brandt schreibt über die Geschichte dieses Hauses, in dem er ja nicht aufgewachsen ist, das aber dennoch in diesem Buch für eine gewisse Verwurzelung, Verortung, für einen Sehnsuchtsort steht, in einer Zeit, in der – siehe eben nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern nun auch hier in Ihrhove – alles Alte nutzlos geworden ist, weil es nicht genügend Geld einbringt und deshalb abgerissen wird. Besonders anschaulich wird das dem Leser vor Augen geführt in einer Aufzählung geschichtlicher und kultureller Ereignisse. Was ist in der Zeit, in diesen 150 Jahren, in der dieses Haus in Ihrhove steht, in der Welt passiert, beginnend mit dem Sezessionskrieg in den USA, der Ermordung Abraham Lincolns und endend mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA und den Demonstationen der Frauen für Frauenrechte, für Menschenrechte, für Respekt, Tolerenz und Demokratie, das zählt Jan Brandt auf 34 Seiten in einem einzigen Satz auf. „Und die Zeit wurde hier zum Raum“ (S.103).

Mich erinnert diese Passage an das jüngste Buch von Richard Powers Die Wurzeln des Lebens, in dem der Autor schildert, was die jahrhundertealten Bäume alles “gesehen hätten“ und nun einfach aus Profitgier gefällt würden …

Brandt schildert nun, wie er sich bemüht, das urgroßväterliche Haus zurückzukaufen, um es vor dem Abriss zu bewahren. Anschaulich und sehr detailgenau werden diese Versuche erzählt, angereichert mit Fotos und Ansichtskarten und immer wieder mit Überlegungen zum Thema “Heimat“: wie wollen wir leben, welche Rolle spielt das Haus, die Wohnung, die Kontinuität. Was bedeutet es auf dem Land, im Dorf zu wohnen, in dem es keinen Ortskern mehr gibt, nur noch den Lidl oder den Aldi am Ortsrand, sonst nur noch leerstehende Geschäfte, was heißt es in der Großstadt zu leben, in der, wie der Immobilienmarkt Berlins verdeutlicht, Wohnen vollends zur Ware geworden ist?

 

 

 

 

 

 

Diese Frage führt zur Lektüre des Zweiten Buches (übrigens auch das reich bebildert).

“Eine Wohnung in der Stadt – Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“ beginnt mit der Erzählung vom Ende des Aufenthaltes in London und der Suche nach einer neuen Heimat in Berlin (1998/1999): „Die Sehnsucht nach Freiheit und die Sehnsucht nach Sicherheit sind die Fliehkräfte meines Lebens“ (S.47) Jan Brandt wohnt zunächst in WGs, die Mieten sind in dieser Zeit durchaus noch zu bezahlen, das Leben interessant, abwechslungsreich, viele neue Bekannte und Freunde, man beginnt sich heimatlich zu fühlen. Es folgen zwei Jahre in München, auch hier wohnt Jan Brandt in einer WG. Zurück in Berlin wächst der Wunsch nach einer eigenen Wohnung, nach Ruhe, um schreiben zu können.

Erzählt wird nun die Geschichte eines Hauses am Landwehrkanal in Kreuzberg, in dem der Autor eine 100 Quadratmeter-Wohnung im Hinterhaus für 625 Euro beziehen kann. Allerdings stellt sich alsbald heraus: es gibt Probleme, Ratten, der Keller, die Treppen, überhaupt das ganze Haus ist in einem betrüblichen Zustand, der Vermieter sollte wirklich etwas tun. Da kaum etwas geschieht, sieht sich unser Autor gezwungen, die Wohnung zu verlassen und in eine wenige Straßen entfernte Unterkunft zu ziehen (2005-2007).

Kaum fühlt sich unser Autor einigermaßen heimatlich, folgt die Kündigung dieser Wohnung aus Gründen des Eigenbedarfs. Die nun folgenden Kapitel beschäftigen sich abwechselnd mit der Wohnungssuche, bzw. den Besichtigungen von Wohnungen, die man dann ohnehin nicht bekommt und der Detektivarbeit des Autors, die Eigenbedarfskündigung zu entkräften.

Dargestellt wird in diesem Buch, wie innerhalb von nur 20 Jahren die Anzahl bezahlbarer Wohnungen in Berlin gegen Null tendiert und Wohnen vollends zur Ware in den Händen von Investoren und Spekulanten wird. „Berlin war keine Heimat, sondern ein Provisorium geworden, ein Ort des Übergangs“, schreibt der Autor.

„Während ich mit meinen zwei Koffern durch die Straßen zog, von einem Provisorium zum anderen, sehnte ich mich nach Beständigkeit, danach, endlich irgendwo anzukommen, in der Zukunft oder in der Vergangenheit.“

 

Zur Musik, die in diesem außergewöhnlichem Buch erwähnt wird, Jan Brandt nennt vier Titel.

 

Herr Nilsson: “Hartes Brot“ auf Liebesleid und Fischigkeit, Berlin 1998

Herr Nilsson: “Unser Dorf“ auf Herr Nilsson ist ausgezogen, Berlin 1999

Knarf Rellöm: “Ihr Seid Immer Nur Dagegen, Macht Doch Mal Bessere Vorschläge“, auf: Bitte vor R.E.M. Einordnen, Hamburg 1997

Ton, Steine, Scherben: “Rauch-Haus-Song“, auf Keine Macht für Niemand, Berlin 1972

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 4)

 

Übrigens arbeiteten nicht nur SABA / MPS und J.E. Berendt eng zusammen, sondern auch MPS und Achim Hebgen (geb. 1943 in Berlin, 2012 in Freiburg gestorben). Berendt und Hebgen waren damals gemeinsam in der SWF-Jazzredaktion (heute SWR) tätig, machten sich um die Musiktage von Donaueschingen verdient und produzierten eben auch Schallplatten. Während des Berlin Jazz Festivals im November 1971 nahmen die beiden zum Beispiel Don „Sugar Cane“ Harris ‎auf: die unfassbar gute Platte mit dem Titel Sugar Cane’s Got The Blues. Mit dabei Volker Kriegel, Robert Wyatt, Neville Whitehead und Terje Rypdal (siehe auch Plattenschrank 156 und 185). Gemeinsam produzierten Hebgen und Berendt auch Schallplatten für Association P.C. – etwa die Platte Rock Around The Cock, ein Album aus dem Jahre 1973, mit Toto Blanke, Sigi Busch, Pierre Courbois, Joachim Kühn und Karl-Heinz Wiberny. Aufgenommen wurde diese MPS-Platte – Überraschung! – von Conny Plank (er ist auch bei mehreren anderen MPS-Produktionen als Tonmeister mit dabei).

Aus der Fülle wunderbarer Platten aus dem Hause SABA/MPS möchte ich an dieser Stelle noch fünf weitere herausragende Produktionen nennen:

 
 

 
 

Tony Scott and Indonesian All Stars: Djanger Bali (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) – Leider wird die Platte sehr teuer gehandelt, sie ist kaum unter 150,00 Euro zu haben, immerhin kann man sich das eine oder andere Stück auf youtube anhören.

Dewan Motihar Trio, Irene Schweizer Trio, Manfred Schoof, Barney Wilen: Jazz Meets India (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt /H.G.Brunner-Schwer) – Als LP ist die Scheibe ziemlich teuer, aber als CD wurde sie 2012 wieder veröffentlicht und ist zum Normalpreis käuflich zu erwerben.

Hampton Hawes: Hamp’s Piano (mit Eberhard Weber und Claus Weiss – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt) 2011 wurde diese wunderbare Platte wieder veröffentlicht.

Baden Powell: Poema On Guitar (mit Eberhard Weber und Charlie Antolini – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) Wer diese großartige Platte sucht, wird sie unter dem Titel “Tristeza – Poema – Canto – Images On Guitar – The Legendary MPS Records“ finden. 2008 veröffentlichte MPS-Records (Universal Music) eine Doppel-CD mit ebendiesen vier Baden-Powell-Platten (Original Recording Remastered).

 
 

 
 

Albert Mangelsdorf and Friends – Don Cherry, Karl Berger, Wolfgang Dauner, Lee Konitz, Attila Zoller (SABA-Tonstudio 1969, J.E.Berendt). Die Schallplatte wurde 1990 wieder veröffentlicht und ist zu einem vernünftigen Preis zu haben.

 
 

Am 13.4.19 gab Jan Reetze in einem Kommentar zu meinen Text „Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)“ drei weitere Plattentipps, die ich hier, damit sie nicht übersehen werden, weitergeben möchte (ich gebe es zu, ich habe diese Platten inzwischen gekauft).

Jan schrieb: „Vielleicht noch der Hinweis auf drei sehr schön kompilierte Sampler: 1999 bzw. 2000 sind veröffentlicht worden zwei CDs namens Before and Beyond the Black Forest, eine andere erschien ebenfalls 1999 mit dem Titel Supercool. Bei allen drei besteht die akute Gefahr, dass man sich sofort die Originalalben zulegen möchte“.


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