Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Alle, bei denen sich das Doppelalbum im Plattenschrank findet, sollten es heute herausnehmen, entstauben und genüsslich anhören, vier Plattenseiten, 24 Titel, 74 Minuten. Das Album wurde zwar erst am 23.Mai 1969 veröffentlicht und die Idee zu diesem Konzeptalbum reicht bis in das Jahr 1966 (Pete Townshend), aber die Arbeit in den IBC Studios in London begann exakt am 19.September 1968. Mit anderen Worten: es ist auf den Tag 50 Jahre her, als die Arbeit an diesem großartigem Werk ihren Anfang nahm. Grund genug, sich dieses Werkes angemessen zu erinnern: wir legen sie auf, die legendäre Platte: “Tommy“ von The Who, die Geschichte von einem Kind, das blind und taubstumm wird, als es ein schreckliches Verbrechen mitansehen muss, den Mord des aus dem Krieg heimgekehrten Vater an den Geliebten der Mutter. Später spielt er erfolgreich an Flipperautomaten usw … man kennt die Geschichte.

 
 
 

 
 
 

Ein geniales Album, wunderbare Musik, Ich hörte es gleich nach Veröffentlichung im Mai 1969 auf meinem Lieblingssender BFBS. Es gab da samstags eine Sendung von 10:00-12:00 Uhr, in der neue Platten vorstellt wurden. Da natürlich auch am Samstag Schule war, konnte ich die Sendung nur in den Ferien hören. Es sei denn, mein Sitznachbar Tom P. wurde von seinem Vater im Daimler gleich nach Schulschluss abgeholt, dann konnte ich mitfahren und der letzte halbe Stunde dieser Sendung lauschen. Solche Väter gab es eben auch, bei denen im Auto auf einem Becker-Auto-Radio BFBS eingeschaltet werden konnte. Genau so ein Samstag war es, als das komplette Doppelalbum vorgestellt wurde (im deutschen Rundfunk damals unvorstellbar!), wir konnten gerade noch die vierte Seite hören.

Vor 10 Tagen, am 1.September ist er in New York gestorben, er wurde 92 Jahre alt: Randy Weston. Er war ein begnadeter Jazzpianist. Auf seiner Website lesen wir:

 
 

WAKE
Sunday, September 9
Visitation 1-7 pm – Wake service 4-7 pm
FRANK BELL FUNERAL HOME
536 Sterling Place
Brooklyn, NY 11238

 

CELEBRATION OF LIFE
Monday, September 10
Public viewing 3PM-4PM
Service. 4PM-7PM
CATHEDRAL OF ST. JOHN THE DIVINE
1047 Amsterdam Avenue
New York NY

 

Randy Weston, born in Brooklyn, New York in 1926, didn’t have to travel far to hear the early jazz giants that were to influence him. Though Weston cites Count Basie, Nat King Cole, Art Tatum, and of course, Duke Ellington as his other piano heroes, it was Monk who had the greatest impact.  „He was the most original I ever heard,“ Weston remembers. „He  played like they must have played in Egypt 5000 years ago.“ … Randy Weston has never failed to make the connections between African and American music. His dedication is due in large part to his father, Frank Edward Weston, who told his son that he was, „an African born in America.“ „He told me I had to learn about myself and about him and about my grandparents,“ Weston said in an interview, „and the only way to do it was I’d have to go back to the motherland one day.“

 
 

 
 
 

Seine Discography weist 50 Schallplatten auf, das Album Uhuru Afrika aus dem Jahre 1960 wurde im Apartheids-Staat Südafrika sofort verboten. Zusammen mit dem Dichter Langston Hughes hatte er hier den Unabhängigkeitskampf der Schwarzen gefeiert. Später sollte Weston im Auftrag der UN und verschiedener Kulturstiftungen mehrfach Afrika bereisen. Von 1968 bis 1973 lebte er sogar auf dem afrikanischem Kontinent, in Marokko.

Ich gestalte mir einen Abschiedsabend mit Schallplatten von Randy Weston. Dabei ist natürlich besagte Platte Uhuru Afrika, ich höre das Stück “Fourth Movement: Kucheza Blues (feat Sahib Shihab)“. Dieser Blues findet sich auch auf seiner letzten Platte Randy Weston – Solo Piano, erschienen im Februar dieses Jahres. Der Titel der Scheibe “Sound“, fast ausschließlich live eingespielte Musikstücke wurden hier zusammengestellt, darunter eben auch der “Kucheza Blues“. Und wenn diese letzte Scheibe des großen Meistern schon aufliegt, höre ich noch “Porträt of Billy Holiday“ und den “Marrekach Blues“. Dann darf natürlich The Spirits of our Ancestors aus dem Jahre 1991 nicht fehlen, eine wunderbare Platte, ich lege “Blue Moses“ auf, ein Stück auf dem auch der von mir sehr verehrte Pharoah Sanders mitspielt. Eine Schallplatte mit dem Titel Blue Moses wurde nebenbei bemerkt auch veröffentlicht, im Jahre 1972, übrigens u.a. mit Ron Carter am Bass und Billy Cobham an den Drums, davon lege ich “Medina“ auf. Unter Orrin Keepnews und Rudy Van Gelder entstand 1955 die Platte GET HAPPY with the Randy Weston Trio , davon höre ich abschließend “Summer Time“.

 
 
 

 

 

Seine Großeltern überlebten auf einem ärmlichen Bauernhof, sein Vater unbekannt. John Williams, Jahrgang 1922, schlug sich nach der Schule als Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und als Radiosprecher durch, meldete sich dann als Freiwilliger bei der United States Army Air Forces. Nach dem Krieg: Studium im Fach Englische Literatur, Promotion, Karriereende als Assistenzprofessor an der University of Missouri (bis 1985). Bereits 1948 veröffentliche Williams sein Debüt Nichts als die Nacht. 1960 folgte Butchter`s Crossing, 1965 Stoner und schließlich 1973 Augustus. Auch wenn sein letzter Roman mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, konnte John Williams nicht mehr den Erfolg seiner Bücher erleben, er starb 1994.

Anfang des neuen Jahrtausends wird Williams endlich entdeckt, 2013, nach fast 50 Jahren erscheint Stoner in deutscher Sprache, zwei Jahre später Butcher´s Crossing, 2016 Augustus.

Meine John-Williams-Lektüre begann mit Stoner. Stoners Leben wird in einem großen Bogen, von Geburt an, über Kindheit und Jugend – er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf einem Bauernhof auf – Studium, akademische Karriere, Hochzeit, Ehe, Ehekrise, bis hin zu Krankheit und Tod erzählt. Diese Geschichte zu lesen, fasziniert von Anfang an. Der Leser kann so gut nachvollziehen, fast miterleben, wie Stoner versucht, ein gutes, ein wahrhaftiges Leben zu meistern. Ein ums andere Mal scheitert er, beruflich und privat: Auf Grund von Intrigen, hinterhältigen Machenschaften eines Professors bleibt er im akademischen Mittelbau stecken; er heiratet die falsche Frau, klammert sich an sein Kind, versucht immer und immer wieder das erfüllte Leben zu erlangen, vergeblich. Vielleicht ist es gerade das, dass hier jemand versucht, trotz aller Widrigkeiten, sich treu zu bleiben und die Frage „Was macht gutes Leben aus?“ nie aus dem Blick zu verlieren, was den Leser an diesem wahrhaftigen und auch sprachlich grandiosen Roman fesselt. Zitat:

 

Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war …

 

Nach Stoner habe ich, eigentlich war das so gar nicht geplant, einen ganz anderen Williams-Roman gelesen: Butcher`s Crossing. Die SZ nannte diesen Roman einen “Anti-Western“. Mir gefällt diese Bezeichnung nicht, für mich handelt es sich hier um einen ganz unglaublich guten Western, freilich um einen höchst ungewöhnlichen, und ich würde mir dringend wünschen, Wim Wenders würde dieses Buch verfilmen. In Butcher´s Crossing kommt der Held nicht vom Lande, nein,er kommt aus bürgerlichen Verhältnissen und möchte das wahre Leben in der Natur finden, sein Name: William Andrews. Nach seinem Harvard-Abschluss reizt ihn nicht die brügerliche Karriere, sondern die Suche nach einem ursprünglichen, wahrhaftigen Leben. Nachdem unser Held 1870 Boston verlassen hat, trifft er nach langer, beschwerlicher Reise in Butcher`s Crossing, Kansas, auf den Jäger Miller, einen Mann, der die Natur, die Büffeljagd, das ganze Leben kennt, dem man sich anvertrauen kann. Mit ihm und seinem Freund beginnt der Ritt ins große Abenteuer …

Die Witwe von John Williams antwortete im Dezember 2016 der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, weshalb ihr verstorbener Mann als Universitätsprofessors diesen Western geschrieben habe:

 

Nun, er lebte im Westen. Die Berge, die Flüsse waren für ihn greifbar. Als er an „Butcher’s Crossing“ schrieb, zog er einfach mit einem Zelt los in die Wälder. Ich glaube, er lag innerlich im Clinch mit Ralph Waldo Emerson, der die Natur für gütig hielt. Ich glaube nicht, dass der Roman autobiografisch ist, aber da steckt viel von seiner eigenen Erfahrung drin.

 

Die Natur wird in diesem Roman ganz und gar nicht als “gütig“ beschrieben, als grandios, das ja, aber eben auch als tödlich. Mich erinnert Sprache und Inhalt so sehr an Ernest Hemingway, an Tod am Nachmittag, Inseln im Strom, Der alte Mann und das Meer und an die Nick Adams Stories, dass ich zuweilen dachte, Hemingway habe einen Western geschrieben. Immerhin, auch ihm ging es letztlich um die Frage nach einem wahrem, einem sinnvollen Leben. Butcher`s Crossing, ein packendes Buch!

Auch wenn er schon einige Alben herausgebracht hat, für mich war bisher der 29-Jahre junge Gitarrist Daniel Bachman kaum Begriff. Bachman lebt und arbeitet in Fredericksburg, Virginia. Zum Kennenlernen schaue man sich auf YouTube “Daniel Bachman: NPR Music Tiny Desk Concert“ an. Bislang veröffentlichte er Platten, die durchaus an John Fahey, Peter Lang (z.B. die Platte The Thing At The Nursery Room Window) oder Glenn Jones erinnerten, aber bereits 2016 kündigte es sich an. Da kam Bachman mit einer Platte heraus: Daniel Bachman, so auch der Titel, auf der sich die Stücke Brightleaf Blues I und II befinden, besonders mit dem „Brightleaf Blues II“ bahnt sich etwas an, was auf seinem neuesten Werk im Zentrum steht: die Hinwendung zur experimentellen Musik.
 
 
 

 
 
 
Vor ein paar Tagen erschien sein verstörendes Werk The Morning Star, eine Doppel-LP. Gleich das erste Stück „Invocation“ beansprucht mit achtzehn Minuten eine ganze Plattenseite und der erstaunte Hörer vermisst sogleich die vertrauten Töne des Gitarristen. Konnte man sich zur „Orange County Serenade“ noch eine herrliche Autofahrt Richtung Atlantik (Südfrankreich) vorstellen, sollte man sich diese Musik besser Zuhause auf einer guten Anlage konzentriert anhören: eine Entdeckungsreise beginnt. Glocken, Natur-, Maschinengeräusche, Klangteppiche, man könnte meinen, man hätte sich vertan und eine neue Scheibe aus dem Hause HUBRO MUSIC aufgelegt. Mitnichten: Daniel Bachman – The Morning Star.

Das zweite Stück der Doppel-LP, „Sycamore City“, erinnert stark an Sings Reign Rebuilder vonder Gruppe Set Fire to Flames. Ich stelle mir vor, hier spielt jemand in seinem Wohnzimmer Gitarre, lässt die Fenster geöffnet, sodass die Uher-Vierspur-Bandmaschine alle Nebengeräusche aufnimmt. Immerhin spielt der Meister hier sein ureigenes Instrument. Stück 3: „Car“. Geräusche, eine Radioübertragung von irgendwas, ein Harmonium? Recht traditionell geht es dann bei Song For The Setting Sun III und VI zu, bis zum Ende der letzteren Aufnahme wieder Field-Recordings (aus dem tropischen Regenwald?) eingespielt werden. Ich liebe ja Musik, die in Feldaufnahmen eingebettet, eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlt, so ist es auch bei dieser wunderbaren Platte, bei der die Entdeckungsreise kein Ende nimmt. The Morning Star gehört sicherlich zu den Platten des Jahres 2018.

 

Also, Jochen sollte sich das Buch noch heute besorgen, das müsste ihn doch interessieren, es geht um Gitarren und um einen Musiker, Liebhaber von Vintage-Gitarren, der in einem Gitarrenladen aushilft, er braucht Geld, sein Name Thomas Dupré. Eines Tages darf er nach Schottland fahren, Ziel ist ein nobles Landhaus am Loch Ness, sein Chef hatte ihn beauftragt, dort die berühmte Goldtop, eine Les Paul von 1954, zu überbringen, ein reicher Kunde hatte sie gekauft. Dort angekommen, bleibt unserem Helden zunächst das Herz stehen, stand da nicht Jimmy Page vor ihm? Wie sich herausstellt: nein, aber es war ehemals das Haus von Jimmy Page, das schon. Ein gewisser Lord Charles Winsley begrüßt Thomas, bittet ihn herein und zeigt ihm später seine atemberaubende Gitarrensammlung:

 

… hier eine weiße Broadcaster, die bestimmt zu den ersten zählte, die Leo Fender gebaut hatte; da eine Stratocaster in dem wunderbaren Lake-Placid-Blau aus der Mitte der fünfziger Jahre; und dort der Traum von Sammlern auf der ganzen Welt: eine Les Paul Standard von 1959 mit der atemberaubenden geflammten Decke. Letztere mochte so um die 500 000 Dollar wert sein. Direkt darunter hing eine Gretsch White Penguin, weiß und goldfarben …

 

In einer geheimen Kabine bewahrt der Lord noch zwei besondere Gitarren auf, die Thomas später auch betrachten darf, eine Flying V und die Explorer. Das Herzstück der Sammlung fehle allerdings, so Lord Winsley, der Heilige Gral der Vintage-Gitarren, die Gibson-Moderne, sie wurde dem Besitzer gestohlen.

Thomas Dupré wird nun beauftragt, diese Gitarre zu suchen oder zumindest zu beweisen, dass es sie gab, damit die Versicherung zahlen würde. Ein Roadmovie beginnt; spannende 400 Seiten prallgefüllt mit Musik- und Musikergeschichten sowie Erzählungen von sagenumwobenen Gitarren.

Grègoire Hervier schrieb das Buch Vintage, erschienen 2017 im Diogenes Verlag.

 
 

 
 

Eine weitere Leseprobe: Thomas darf sich einige Stunden mit der Sammlung des Lords beschäftigen und dessen Gitarren und Verstärker ausprobieren:

 

Endlich traf ich eine Entscheidung und griff ganz vorsichtig nach der Gretsch, auf der ich zunächst nur schüchtern herumschrammelte. Sie war ein Gedicht, und als ich ein bisschen beherzter zugriff, vibrierte sie nur so vor Lebendigkeit. Es war an der Zeit, einen Verstärker anzuschließen. Ein Vox AC30 wollte unbedingt ausprobiert werden und fing an zu summen, kaum dass er Strom hatte. … Als erstes ertönten die Beatles mit dem guten alten Day Tripper … Das brachte mich zu While My Guitar Gently Weeps und I Want You. Weiter ging es mit dem Solo von Oh Sweet Nothin´von Velvet Underground, und dem Thank You von Jimmy Page während seines BBC-Konzerts. Dafür brauchte ich eine Les Paul´59, was sich ganz gut traf, und warum das Ganze nicht mit dem Marshall-Amp spielen, der sich zu langweilen schien, so ganz allein in der Ecke …

 

Später im Buch erfährt unser Held, Thomas, von einem sagenumwobenen Musiker, der auf einer Single-Platte das Stück Half Moon Blues auf einer Gibson-Moderne gespielt haben soll. Sein Name: “Li Grand Zombi“, mit bürgerlichem Namen hieß er Harold Clay. Ein Musikstück mit dem Titel “Li Grand Zombi“ findet sich auf der Platte Versus von Branner Griswell aus dem Jahre 2015 (aber hat das etwas mit unserem Blues-Musiker zu tun? Wohl eher nicht.). Den Half Moon Blues kann man sich auf YouTube anhören (original song by John Richards).

Ich habe ja schon einiges von dem am 21. Februar 1962 in Ithaca, New York geborenen David Foster Wallace († 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien) gelesen, selten aber hatte ich so viel Freude wie bei der Lektüre des kleinen Büchleins “Schrecklich Amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“. Bereits 1996 veröffentlichte Wallace diesen Bericht über eine siebentägige Karibik-Kreuzfahrt in Harper´s Magazine, 1997 dann als Buch unter dem Titel “Shipping Out“. In Deutschland konnte man das Buch erstmals 2002 in der marebibliothek lesen. Und nun, 2018, publiziert die Büchergilde das Werk wunderschön illustriert von Chrigel Farner.

 

 

 

 

 

Das Buch habe ich mir gekauft, weil ich dieses kleine Werk von Wallace noch nicht kannte und habe es gelesen, als sei es erst 2018 als Erstausgabe, quasi posthum, erschienen. Inzwischen gibt es ja, was Kreuzfahrten angeht, einen regelrechten Hype, für mich vollkommen unverständlich, nie würde ich mich auf derartiges einlassen. Anyway, die 1996 erstmals in einer Zeitschrift veröffentlichte Reportage liest sich jedenfalls wie ein aktuelle Bericht aus dieser Szene. Und da kommt man als Unwissender aus dem Staunen nicht heraus, man hält das, was man hier erfährt, für unfassbar, alles wird sehr realistisch beschrieben, aber eben in einer höchst originellen Sprache – vor allem sollte man die zahlreichen Fußnoten keinesfalls auslassen, man bringt sich um mindestens 50% des Lesevergnügens. Denn Wallace wäre nicht David Foster Wallace, wenn diese Geschichte nicht unglaublich unterhaltsam geschrieben wäre und dennoch bitterernst gemeint ist; seine Erzählungen enthalten nämlich auch beißende Kritik. Ein paar Zitate mögen den Leser dazu bewegen, sich das Buch noch heute zuzulegen.

D.F. Wallace befindet sich also im Frühjahr 1995 auf einem 47255-Tonnen-Schiff der Celebrity Cruises Inc. namens Zenith, wobei sich unser Autor nicht verkneifen kann, den Kahn in Zukunft Nadir zu nennen. 1,2 Crewmitglieder, die ständig strahlen müssen und die Wünsche ihrer Passagiere schon zu erfüllen haben, bevor sie überhaupt geäußert wurden, betreuen zwei Passagiere.

Eine Fußnote sei zitiert: „In unbeobachteten Momenten hatten die Service-Mitarbeiter diesen geschundenen, übermüdeten Ausdruck im Gesicht, wie man ihn auch aus anderen Niedriglohnjobs kennt. Dazu die ständige Angst, wie mir schien, schon für die kleinste Nachlässigkeit gefeuert zu werden, was nicht nur einen hochglanzpolierten griechischen Offiziersfußtritt beinhalten mochte, sondern auch die Gelegenheit, in karibischen Gewässern den Fahrtenschwimmer nachzuholen.“

Eine weitere Fußnote beschäftigt sich mit dem geschäftsmäßigem Dauerlächeln von Mitarbeitern nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen: „Bin ich eigentlich der Einzige, der diesen Dauerbeschuss der guten Laune allmählich in die Verzweiflung treibt? Ist außer mir noch nie jemand auf die Idee gekommen, dass die zunehmende Zahl von vorher völlig unauffälligen Leuten, die in Shoppingmalls, Versicherungsbüros, Medizinzentren und McDonald`s-Filialen mit automatischen Waffen plötzlich um sich ballern, irgendwie mit der Tatsache zusammenhängt, dass dies die Hochburgen des Service-Lächelns sind?“

Einmal erzählt Wallace von einem Vortrag “Hinter den Kulissen: Lassen Sie sich von Cruise Director Scott Peterson auf den Arbeitsplatz Kreuzfahrtschiff entführen!“ und schreibt: „Scott Peterson, ein 39-jähriger Dauerlächler mit spröde abstehenden Haaren, kleinem Schnurrbart und dicker Rolex, Scott Peterson zählt zu jenen Menschen, für die weiße Turnschuhe (ohne Socken) und mintgrüne Lacoste-Shirts einst erfunden wurden. Für mich zählt er zu den unsympathischsten Nadir-Mitarbeitern überhaupt. … Ich schwöre, ich übertreibe nicht. Ein Sultan der Selbstdarstellung und so oberpeinlich, dass man schreiend hinauslaufen möchte.“

In den Werbetexten für diese Kreuzfahrt wird damit geworben endlich einmal DIE SEELE BAUMELN ZU LASSEN oder versprochen ENTSPANNUNG WIRD IHNEN ZUR ZWEITEN NATUR. Wenn man in die Suchmaschine seines Vertrauens diesen Satz, der in mir maßloses Grauen verursacht, eingibt, nämlich „Die Seele baumeln lassen“ plus das Stichwort „Kreuzfahrt“ nimmt man staunend zur Kenntnis, dass noch heute, vielleicht auch heute noch viel mehr als früher mit diesem furchtbaren Satz geworben wird. Die Zusammenhänge, in die dieser Satz gestellt wird, sind dann noch ganz speziell. Mit einem guten Glas Whisky lassen sich die Ergebnisse dieser Suchanfrage aber durchaus lesen.

Abschließend noch ein Zitat aus dieser köstlichen Wallace-Reportage, unser Autor beschreibt eine Toilette der Luxusklasse: „Sie haben übrigens richtig gehört: ein Unterdruck-Lokus. Aber wie schon bei der Lüftungsanlage in der Decke handelt es sich nicht um irgendwelchen Kinderkram, sondern sozusagen um die Vollversion, die große Lösung. Schon die Spülung verursacht ein kurzes, aber traumatisierendes Geräusch, ein Gurgeln in Höhe des dreigestrichenen C, wie ein gastrischer Tumult im kosmischen Maßstab, begleitend von knatternden Sauglauten, die angsteinflößend und tröstlich zugleich sind. Die eigenen Rückstände werden, so wird einem vermittelt, nicht nur einfach entfernt, sondern geradezu hinweg katapultiert, und das so vehement, dass sie buchstäblich wesenlos werden … Schon beinahe eine existenzielle Entsorgungsmethode.“

Wenn des Tages Last noch drückt, die Arbeit einfach zu viel war, dann suche ich gerne noch vor dem Zu-Bett-Gehen meinen Plattenschrank auf, und spiele “Ziehe mit geschlossenen Augen eine Platte“. Meist bringt dieses Spiel Überraschungen hervor, ich entdecke dann Platten, an die ich schon Jahre nicht mehr gedacht habe. So auch dieses Mal:

 
 
 

 
 
 

Die Wahl fällt auf das von Bill Laswell produzierte Pharoah-Sanders-Album „Message from home“, mit dabei Michael White, Bernie Worrell, Charnett Moffett, Hamid Drake und Aiyb Dieng. Koraspieler Foday Musa Suso ergänzt die Truppe, wir kennen ihn aus der Zusammenarbeit mit Jack DeJohnette, dem Kronos Quartett, Herbie Hancock, Philip Glass. Zusätzlich arbeitet Sanders auf dieser Platte mit der Unterstützung einiger Vocalisten. „Message from home“ erschien im Februar 1996. Drei Jahre später überraschte uns Pharoah Sanders mit der Album “Save The Children“. Aber auch „Message from home“ ist ein wunderbares Album, ich höre den Titelsong “Our Roots (Began in Africa)“ und bin begeistert, die Platte muss bald einmal mehr in Gänze gehört werden.

 
 
 

 
 
 

Mit dem zweiten Zufallstreffer erwische ich eine richtige Sommerplatte: Philip Catherine “Summer Night“. Diese Scheibe erreichte 2002 die Läden. Der heute 76jährige Gitarrist spielt hier mit Philippe Aerts (b), Joost van Schaik (dr) und Bert Joris (tp). Natürlich lege ich die Philip-Catherine-Komposition “Janet“ auf, bin allerdings etwas enttäuscht, vielleicht habe ich zu sehr die Janet-Version von der Platte im Ohr, die für mich immer noch eine herausragende Veröffentlichung Catherines darstellt: “End Of August“, aufgenommen mit Nicolas Fiszman und Trilok Gurtu. Die für mich beste Schallplattte des Gitarristen ist allerdings immer noch zweifellos “End Of August“ (1974). Remember? Das grandiose Eröffnungsstück “Nairam“, aus dem Robert Wyatt dann “Maryan“ zauberte? Nein? Dann unbedingt noch heute anhören: Robert Wyatt “Maryan“ aus dem Album „Shleep“, das war 1997 – auch schon wieder 21 Jahre her.

Am 29.Juni erscheint eine Platte, die wahrscheinlich meine Top 10 des Jahres 2018 nochmals richtig durchschütteln wird. Gerade habe ich über FIRST LISTEN auf npr.org Charles Lloyd & the Marvels + Lucinda Williams mit ihrer Platte Vanished Gardens gehört. Wer hätte das gedacht, Charles Lloyd mit Lucinda Williams? Auch Bill Frisell ist mit dabei. Unbedingt anhören, eine wunderbare Platte.

 
 
 

 
 
 
Und noch etwas:

Interessant und richtig gut auch Graham Nash, Over The Years …  kommt ebenfalls am 29.6. in die Läden. Man kann die Platte gerade auf npr.org anhören und kann sofort in die 60er Jahre eintauchen. Tom Moon schreibt u.a. „The collection of demos on Nash’s songwriting anthology Over The Years suggests something else: Despite the endlessly documented distractions of the period, Nash was remarkably disciplined when it came time to work. He crafted clear, tidy, neatly-stitched songs; some of them („Chicago“, „Immigration Man“) were about big ideas and some („Our House“) were small, soothingly domestic parlor songs. He heard them whole, as finished creations: A surprising number of these recordings contain specific ideas (about phrasing, emphasis, etc.) that carried over to (and became endearing traits of) the finished versions.“

 
 
 

 

Wenn ich mich am Ende eines Jahres nach meinen Lieblingsplatten frage, wird es für mich immer sehr schwierig, die wirklich besten und für mich bedeutendsten Schallplatten herauszusuchen. 1967 stellte ich meine erste Hitparade für mich zusammen. Auch das war damals schon nicht einfach, obwohl ich wöchentlich mit dem neben mir sitzenden Schulkameraden Hitlisten ausgetauscht habe, und somit einen guten Überblick hatte.

Damals waren die Top 5 des Jahres:

 
 

1. The Flower Pot Man: „Lets go to San Francisco“

2. Jimi Hendrix: „Hey Joe“

3. The Four Tops: „Bernadette“

4. The Turtles: „Happy Together“

5. The Kinks: „Susannah`s Still Alive“

 
 

Nun, dachte ich, vielleicht wird es einfacher, wenn ich einmal eine Halbjahresbilanz ziehe würde. Leider nicht, auch jetzt fiel die Auswahl schwer. Gerne hätte ich etwa Chantal Acad & Bill Frisell mit der Platte Live at Middelheim aufgenommen, aber welche Platte dafür entfernen? Und dann kommt auch noch am 29.6.18 von John Coltrane Both Directions At Once – The Lost Album heraus. Bisher wurde nur ein Titel dieser bisher vollkommen unbekannten Platte veröffentlicht und der hatte es schon in sich (siehe Süddeutsche Zeitung vom 16. Juni). Hilde Marie Holsen mit Lazuli ist natürlich die Überraschung überhaupt, ich schrieb darüber im Plattenschrank 164. Das Duo Gazzana war schon einmal in einer Jahres-Top-Twenty vertreten, auch die neue CD fasziniert, besonders natürlich Messiaen mit Thème et Variations. Eine letzte Bemerkung: Die Plätze 11 bis 20 sind in etwa gleichwertig, hier gibt es keine Rangordnung mehr. Nun also die Top Twenty des ersten Halbjahres 2018:

 
 
 

 
 
 

01. Brian Eno: Music for Installations

02. Hilde Marie Holsen: Lazuli

03. Jakob Bro: Returnings

04. Duo Gazzana: Ravel, Franck, Ligeti, Messiaen

05. Steve Tibbetts: The Life Of

06. Nils Frahm: All Melody

07. The National Jazz Trio Of Scotland: Standards Vol.4

08. Andy Sheppard Quartet: Romaria

09. Father John Misty: God´s Favorite Customer

10. Ray Davis Our Country: Americana Act 2

 
 
 

 
 
 

11. Marisa Anderson: Cloud Corner

12. Kristjan Randalu: Absence

13. Kit Downes: Obsidian

14. Ketil Björnstad & Anneli Drecker: A Suite Of Poems

15. Norma Winstone Trio: Descansado

16. Shinya Fukumori Trio: For 2 Akis

17. Sly and Robbie with Nils Petter Molvaer: Nordub

18. Venetian Snares & Daniel Lanois: Venetian Snares X Daniel Lanois

19. Frode Haltli: Avant Folk

20. Bobo Stenson Trio: Contra La Indecisión

 

Vor ein paar Monaten schrieb ich an dieser Stelle ein paar Zeilen über die Wenders-Filme Alice in den Städten und Im Laufe der Zeit. Einige Jahre bevor diese Filme entstanden, wollte Wenders, Chefarztsohn, nach abgebrochenem Medizinstudium noch Maler werden. 1966 hatte er das Theaterstück Publikumsbeschimpfung von Peter Handke in der Städtische Bühne in Oberhausen gesehen. Damals traf er zum ersten Mal Peter Handke. Man soll sich über das gerade gesehene Stück ziemlich gestritten haben, hieß es. Während Handkes Zeit in Düsseldorf begegneten sich die beiden zufällig erneut. Hier in Düsseldorf legten Handke und Wenders dann den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft. Für Wenders ist Handke der erste und beste Freund. Der Wunsch Maler zu werden, führte Wenders zunächst nach Paris, wo er allerdings weniger die Malerei als vielmehr für sich das Kino entdeckte. Er besuchte nun die Filmschule in München. Schon bald folgte die erste Zusammenarbeit der Freunde: Wenders drehte nach einem Buch von Peter Handke mit seinem Freund zusammen Drei amerikanische LPs, einen Fernsehkurzfilm für den Hessischen Rundfunk.

 
 
 

 
 
 

Zwei Jahre später folgte Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter. In beiden Filmen spielte die Musik eine zentrale Rolle, Im Wenders/Handkefilm Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter muss der Held des Films, Josef Bloch, wegen eines Fouls vom Platz, rote Karte, das wirft ihn vollkommen aus der Bahn. Gezeigt wird Bloch, wie er in Kneipen abhängt, die Musikboxen bedient, zuhause, im Hotel, überall Musik hört. Atmosphäre wird über lange Einstellungen erzeugt – gezeigt werden Tankstellen, Busse, ein Bahnhofskino, Musiktruhen, Kofferradios, Spielautomaten, Warteräume, Flipperautomaten und immer wieder Jukeboxen – und jede Menge Musik gibt es zu hören, von Van Morrison, den Kinks, den Troggs und anderen, gesprochen wird wenig.

 
 
 

 
 
 

Musik spielte in diesem Film eine so überragende Rolle, dass der Streifen Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter wegen ungeklärter Musikrechte über 40 Jahre lang nicht gezeigt werden durfte. Man kann ihn jetzt wieder sehen, aber was für eine Enttäuschung, nicht mit der Originalmusik.

Zuerst aber drehten die Freunde Drei amerikanische LPs, einen Fernsehkurzfilm, den ich bisher noch nicht anschauen konnte. Über viele Jahre war ich auf der Suche nach diesem frühen Roadmovie. Nun, jetzt bin ich von Freunden auf diese Adresse aufmerksam gemacht worden und gebe den Tipp hier natürlich gleich weiter. Dreizehn Minuten aus einer anderen Zeit, 1969 war das.

 
 
 

 
 
 

Und jetzt weiß ich auch, um welche drei amerikanischen LP es geht: Van Morrisons Astral Weeks; Green River von Creedence Clearwater Revival und Harvey Mandels Cristo Redentor.

Anderes Thema jetzt: die Firma Hubro Records ist für mich ja schon seit einigen Jahren eine Andresse für Überraschungen. Kürzlich bin ich auf Hilde Marie Holsen und ihr Album Lazuli gestoßen und war total begeistert. Miles spielt da aus dem Himmel. Man glaubt es nicht, was die junge norwegische Trompeterin da für eine Musik hervorzaubert. Das fast 17minütige Titelstück hat mich jedenfalls so umgehauen, dass die Platte mal auf jeden Fall unter die ersten zehn auf meiner Hitliste 2018 erscheinen wird. Übrigens ist es Hilde Marie Holsens zweite Arbeit, die bei Hubro veröffentlicht wird, Ask war ihr Erstlingswerk.

 
 
 

 


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