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Auf den Spuren der Obstdiebin – Eine herbstliche Reise in die Picardie
 
 

 

Und noch eins: für Zwischenzeiten sorgen, möglichst viele. Wie habe ich jedesmal aufgeatmet, und ruhiger geatmet, sooft eine dramatische Geschichte unterbrochen wurde mit einem „in der Zwischenzeit“. Die Zwischenzeiten, sie stehen in deiner Macht. Daß du sie dir nicht nehmen läßt! In den Zwischenzeiten, auf den Zwischenstrecken, da geschieht´s, da ereignet es sich, da wird’s, da ist´s. Suchen, innehalten, rufen, rennen, die Wälder, die kleinsten, vor allem die, durchstöbern, die Hauptstraßen, die Städte, die Weiler, vor allem die, peinlich in Augenschein nehmen, ja. Aber in der Zwischenzeit den Weg hinter den Gärten zu nehmen, das kann nicht schaden.

 

 

Das war an der Regionalbahnstation Saint-Christophe von Cergy, gedacht wohl als Zentrum der Zentren der Neuen Stadt, als Name jener der längst verschwundenen Kirche da, gewidmet dem einstigen Ortsheiligen, dem Christophorus, dem Fährmann, der einst auf seinem Rücken das Kind Christus, das dabei schwer und schwerer wurde, nachts über einen Fluß getragen hatte, über alle Flüsse, und so auch hier über den Fluß Oise. An der Stelle der Kirche Saint-Christophe steht nun, was das Wahrzeichen der Neuen Stadt sein soll, ein Stahlgerüst in Gestalt einer mindestens kirchturmhohen Arkade, unter die eine monumentale (Durchmesser zwölf? Sechszehn Meter – nachzuschauen im Internet) stählerne, im Raum zwischen den Speichen allerdings den Blick hinauf in den freien Himmel durchlassende Uhr angebracht ist, mit römischen Ziffern, von I bis XII.

 

 

Die Abteile hatten sich zwar nicht geleert, aber viele Plätze waren frei, und man konnte, weg von der engen Treppe, für sich sitzen, im Abstand zu den spärlich gewordenen anderen. Wir saßen? Wir lasen? Wir schauten aus den Zugfenstern? Wir seufzten? Nichts von gleichwelchem „wir“. Kein „wir“ mehr heute. “No Milk today, my love has gone away“? …

Hell war es zusehens geworden in den Abteilen, die offen ineinander übergingen, bis zum ersten Wagen vorn an der Lokomotive, wo ich saß mit dem Rücken zur Fahrt, bis zum letzten hinten, wo sich hinter der Glastür die Gleise wegspulten; hell von der nach Pontoise, und spürbarer noch, nach Osny und Bossy I´Aillerie, von Mal zu Mal weniger besiedelten, da und dort, wie auf Restflächen, kultivierten, mehr und mehr aber wie verwilderten Landschaft – die Strecke führte flußauf durch das Auental der Viosne _; hell von den, Halt für Halt, sich vergrößernden Leerräumen im Zug, die mich an weiße Stellen auf – nur den alten? – Landkarten denken ließen; …

 

 

Und gleich wieder ausgestiegen, an der in jeder Hinsicht unvergleichlichen Haltestelle von Lavilletertre, fern vom weder sicht- noch hörbaren Dorf. … Als einziger ausgestiegen, glaubte ich mich an der Station allein. Ein tiefes Ein- und Ausatmen, mehrmals. Da stand es wieder, das ehemalige Bahnhäuschen, längst geschlossen, und verrammelt. Immerhin war es frisch gestrichen, und würde vielleicht eines Tages neu geöffnet, nur: für wen? Keinen Schalter gab es mehr. Hatte es vielleicht nie einen gegeben? Aber auch kein Fahrkartenautomat irgendwo – eine der Unvergleichlichkeiten des Zughalts von Lavilletertre.

 

 

Weg von der Tierwelt. Heim in die Zivilisation, brav den regulierten Fluß entlang in die Stadt. Wie hieß doch das Lied aus dem anderen Jahrhundert, gesungen von Petula Clark für Amerika und darüber hinaus in die Welt “Downtown“. Ob freillich Chaumont-en-Vexin etwas wie eine Downtown hatte? Außerdem war sie, als Obstdiebin, in einer “Downtown“ nicht am Platz, war da nie am Platz gewesen, hatte sich, vor allem, da nie erwünscht gefühlt. Und wie tat es ihr not, wie bedürftig war sie, wie sehnte sie sich danach, sich endlich wo erwünscht zu finden. Wie im übrigen “downtown“ übersetzen? Mit “Innenstadt“? Nein. Downtown war unübersetzbar. (Noch so eine Unübersetzbarkeit.)

 

 

Es ist noch früh, lang vor dem Abend. Trotzdem sollten die Obstdiebin und ihr Begleiter allmählich aufbrechen. Sie sind aber immer noch in Chars, und zwar wieder in einem Lokal, dem Kebab-vis-à-vis dem “Cafe de l´Univers“. Wie das? Aus Entdeckerlust. Aus Forschungsgeist. Erforschen und entdecken in einer Bude an der Durchfahrtsstraße?

 

 

Zwar war das die Straße, die nach Dieppe an den Atlantik führte und auch so hieß, „Route de Dieppe“. Aber erst einmal war es zum Meer noch weit, gut hundert Kilometer nordwestwärts. Und außerdem: jetzt nur kein Meer, nur von hier nicht weg ans Meer. Hier ist es. Da spielt es sich ab, hier und jetzt im Landesinnern. Wahr: die „Route de Dieppe“, die Departementalstraße 915, nachdem sie die Ile-de-France verlassen hat, auf ihrem Teilstück quer durch den westlichen Zipfel der Picardie bis zum Übergang in die Normandie, Dieppe als Endpunkt, hat dazu den Beinamen „Route du Blues“, und beginnt gleich oben auf dem Vexinplateau, kurz nach der Ortsausfahrt von Chars, eine amerikanische Meile und soundso viele russische Werst vor dem Dorf Bouconvillers, wo vor dem Wirtshaus “Cheval Blanc“, am Rand der „Route du Blues“, zur Mittagszeit, ungefähr auf halben Weg zwischen Paris und dem Meer, ein Laster hinter dem anderen parkt.

Und zuletzt blieben wir stehen und äugten in dem einzelnen, anscheinend leeren Quittenbaum an einem der Vexindorfränder nach der einen Frucht, und da war sie, da wölbte sich aus der Laubfläche ein Körper, ein Fruchtkörper, ein einzelner, der einzige.
 
 
 
 

 
 
Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis.

Alle Zitate aus: Peter Handke – Die Obstdiebin, Berlin 2017.

Vor einer Woche, am letzten Mittwoch, verstarb Giya Kancheli 84-jährig in Tiflis, seiner georgischen Heimatstadt. The Guardian schrieb: „Leading Georgian composer whose music combined stillness and beauty with expressive outbursts.“ Treffender kann man seine Musik kaum beschreiben. Mir sind nur seine zwölf bei ECM New Series erschienenen Platten bekannt, sie nehmen einen besonderen Platz in meinem Plattenschrank ein. Giya Kancheli veröffentlichte aber auch auf anderen Plattenlabel von 1965 an seine Musik. Demnächst möchte ich ausführlicher auf das faszinierende Werk dieses Komponisten eingehen. ECM veröffentlichte gerade einen interessanten Rückblick auf sein Werk (www.ecmrecords.com/news)

 

 

 

 

Heute höre ich von Giya Kancheli „Silent Prayer for violin, violoncello, string orchestra and tape“ (2007) aus der CD: Kremer, Gidon & Kremerata Baltica – Hymns and Prayers.

Die Beiträge zu dem fünfzigsten, hundertsten und dem einhundertfünfzigsten Plattenschrank waren für mich stets Anlass, über eine ganz besondere Musik oder ein außergewöhnliches Buch zu schreiben. Im fünfzigsten Plattenschrank war das Buch Abendland von Michael Köhlmeier  und die liebevoll gestalteten 10CD-Box Lady Day: The Complete Billy Holiday on Columbia 1933-1944 das Thema; der hundertste Plattenschrank beschäftigte sich mit der Orgelmusik von Olivier Messiaen und am Rande auch mit dem Orchesterwerk Quatuor pour la Fin du Temps. Diese Komposition stand dann im Mittelpunkt der einhundertfünfzigsten Ausgabe des Plattenschrankes.

Olivier Messiaen ist nun auch das Thema, wenn zum zweihundertsten Mal der Plattenschrank geöffnet wird. Und es geht um Vögel. Messiaen zeichnete auf seinen Weltreisen Vogelgesänge auf, ungefähr 700 Vogelrufe konnte er unterscheiden. Sein Zyklus Catalogue d’Oiseaux, 13 Stücke für Klavier, soll heute der Plattensammlung entnommen werden. Dieser Zyklus ist häufig aufgenommen worden: Pianistin Yvonne Loriod, die Messiaen am 1. Juli 1961 geheiratet hat, spielte ihn am 15. April 1954 in der Pariser Salle Gaveau zum ersten Mal (auf Schallplatte 1959 erschienen), sie ist auch Widmungsträgerin dieser Werke . In den vergangenen Jahren erschienen Einspielungen von Pierre-Laurent Aimard, Anato Ugorski, Martin Zehn und anderen. In diesem Jahr nun (15.3.2019) veröffentlichte der italienische Pianist Ciro Longobardi seine Einspielung des Catalogue d’Oiseaux. Großartig!

 
 


 
 
 
Anlässlich der Uraufführung des Stückes führte Messiaen ausführlich in sein Werk ein:
 
 
„Vor inzwischen rund 30 Jahren begann ich damit, Vogelgesang zu notieren. Meine ersten Trans-kriptionen finden sich verstreut in meinen frühesten Werken. Leider hatte ich damals keine Erfahrung und wusste nicht immer, welchem Vogel ich dies oder jenes Lied zuordnen sollte. Später holte ich mir Rat bei Spezialisten auf diesem Gebiet und lerne sehr viel auf geführten Wanderungen … Nachdem ich das getan hatte, war ich in der Lage, mit meinen eigenen Flügeln zu fliegen (nicht in übertragener Bedeutung oder als Wortspiel gemeint). Und so ziehe ich jedes Jahr im Frühling mit Bleistiften, Radiergummis, Notenpapier, Zeichenblock und einem riesigen Feldstecher bewaffnet los und reise in verschiedene Regionen Frankreichs auf der Suche nach meinen Lehrern. So entstand mein Catalogue d’oiseaux für Soloklavier … Alles stimmt genau: Die Melodien und Rhythmen des Solisten und die seiner Nachbarn, der Kontrapunkt zwischen den beiden, die Antworten, Ensembles und Augenblicke der Stille sowie die Übereinstimmung des Lieds mit der jeweiligen Tageszeit.

Besonders schwierig war es, die Klangfarben zu übertragen, vor allem auf dem Klavier: Wir alle wissen, dass die Klangfarbe sich aus der größeren oder geringeren Anzahl an Obertönen ergibt. Deshalb musste ich ungewöhnliche Tonverbindungen ausprobieren. Andererseits war das Klavier aufgrund seines Tonumfangs und der Unmittelbarkeit der Ansprache das einzige Instrument, das mit so großer Geschwindigkeit und in diesen sehr hohen Lagen sprechen kann, die für einige der virtuoseren Vögel erforderlich sind – wie zum Beispiel die Nachtigall, die Singdrossel, den Schilfrohrsänger und den Teichrohrsänger. Das Klavier ist auch das einzige Instrument, das die rauen, krächzenden und durchdringenden Rufe des Raben und des Drosselrohrsängers imitieren kann, das Scheppern des Wachtelkönigs, das Kreischen des Wasserralle, das Bellen der Silbermöwe, den trockenen und gebieterischen Klang – wie Klopfen auf Stein – des Mittelmeerschmätzers und den sonnigen Liebreiz der Blaumerle oder des Trauersteinschmätzers.

All dies grub sich mit solch poetischer Macht in mein Gehirn ein, dass ich nicht in der Lage war, es ohne Emotion in Musik umzusetzen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen! Die Vögel alleine sind große Künstler. Sie sind die eigentlichen Komponisten dieser Stücke! Wenn manchmal die musikalische Qualität nachlässt, liegt das daran, dass der Komponist sich draußen in der Natur ungeschickt verhalten oder ein störendes Geräusch gemacht hat, also mit dem Fuß gegen einen Stein gestoßen ist, eine Seite umgeblättert oder einen trockenen Ast abgeknickt hat.“

 

„Hören Sie den Vögeln zu, das sind große Meister“, soll der Kompositionslehrer Messiaens, Paul Dukas, zu seinem Schüler gesagt haben. Und dieser sollte später äußern: „Natur, Vogelgesang! Das sind meine Leidenschaften. Sie sind auch meine Zuflucht.“

Jedes der dreizehn Klavierstücke des Catalogue d’Oiseaux wird von Messiaen genau beschrieben. So zum Beispiel  „Die Blaumerle“ (Le Merle bleu) – das Stück Nummer drei:

 

Im Monat Juni. Roussillon, Côte Vermeille. in der Nähe von Banyuls: Kap I’Abeille, Kap Rederis. Ein Felsüberhang, Kliff über dem Meer, das daliegt in Preußischblau und Saphirblau. Schreie von Mauerseglern, Plätschern von Wasser. Die kleinen Landzungen erstrecken sich ins Meer wie Krokodile. ln einer Felsspalte die Blaumerle, deren Gesang darin nachhallt. Ihr Blau ist ein anderes als das des Meers: Veilchenblau, Schiefergrau, Seidenblau, Schwarzblau. Ihr fast schon exotischer Gesang, der an balinesische Musik erinnert, mischt sich in das Rauschen der Wellen. Auch die Theklalerche ist zu hören, die im Himmel hoch über dem Wein und dem Rosmarin flattert. Die Silbermöwen johlen von weither über dem Meer. Die Felswände sind furchterregend. Ihnen zu Füßen ersterben die Wellen in Gedanken an die Blaumerle.“

 

Messiaen wurde am 10. Dezember 1908 in Avignon geboren, er starb am 27. April 1992 in Clichy, Hauts-de-Seine). Er war Professor für Komposition am Pariser Conservatoire (1941–1978) und übte das Amt des Titularorganisten an der Kirche Sainte Trinité (Paris) mit einer Orgel von Cavaillé-Coll (1868), mehr 60 Jahre lang aus.

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 7)

 

Schuld hat einmal mehr Jochen. Sein kürzlich hier geäußerter, großartiger Tipp, den 3Sat-Film Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei von Stephan Lamby anzuschauen, animierte mich dazu, die Serie um das Plattenlabel MPS um weitere zwei Folgen zu erweitern: eine, die heutige, beschäftigt sich mit dem älteren der Brüder, Rolf Kühn, die nächste mit dem sehr viel jüngeren Bruder Joachim Kühn (bei beiden geht es natürlich ausschließlich um deren MPS-Zeit).

Erinnert sei an ein Ereignis, das nun auch schon wieder ein gutes Jahr zurückliegt: zum 50-jährigem Bestehen des Villinger Labels MPS traten die Brüder am 8. September letzten Jahres im Franziskaner Konzerthaus auf. In Lambys Film sieht man einen kurzen Ausschnitt, aber auch eine Filmsequenz, in der die Brüder anlässlich des Jubiläums das legendäre SABA/MPS-Studio besuchen.

Was die Zusammenarbeit Kühn-Hans Georg Brunner-Schwer angeht, begann alles im September 1965, als Rolf Kühn mit Friedrich Gulda, Sahib Shihab, Freddie Hubbard, Jay Jay Johnson, Stan Roderick, Robert Politzer, Kenny Wheeler, Erich Kleinschuster, Harry Roche, Rudolf Josi, Alfie Reece, Herb Geller, Tubby Hayes, Pierre Cavalli, Ron Carter und Mel Lewis Music For 4 Soloists And Band No.1 einspielte. Es folgte ein dem Free-Jazz doch sehr nahe kommendes Album Transfiguration mit dem Rolf & Joachim Kühn Quintet und Karl Berger 1967 (als CD 2009).

Rolf Kühn veröffentlichte 1970 Going To The Rainbow. Auf Seite 1 der Platte findet man das 18:21 minütige Titelstück “Going To The Rainbow“ – hier geht aber richtig die Post ab. 1971 brachte Rolf Kühn mit seiner Jazzgroup Devil In Paradise heraus, zu der Eberhard Weber, Tony Oxley, Wolfgang Dauner, Joachim Kühn, Alan Skidmore und Albert Mangelsdorff gehörte – auch eine eher dem Free-Jazz zuzuordnende Platte, auf der es ordentlich zur Sache geht.

“The Day After“ erscheint bei MPS 1972, mit dabei, neben Rolf Kühn, Phil Woods, Peter Warren, Oliver Johnson, Nana Vasconcelos auch Joachim Kühn. The Rolf Kühn Group spielt 1975 dann das Jazzrock-Album Total Space ein, auch hier lohnt ein Blick auf die Besetzung; Bo Stief, Daniel Humair, Kasper Winding, Joachim Kühn, Philip Catherine, Gerd Dudek.

Musik ganz anderer Art begegnet uns auf der 1978 erschienen Platte Symhonic Swampfire des Rolf-Kühn-Orchestras, hier geht es eher gefällig zu, trotzdem, eine schöne Platte (allerdings, für meinen Geschmack wirklich der Streicher zu viel). Auch diese Scheibe wurde 2009 wiederveröffentlicht. Jazzrock hören wir dann auf der 1973 produzierten Platte Connection 74, es gibt allerdings eine Ausnahme, das wunderschöne Stück “Music For Two Brothers“, ein achtminütiges Duospiel der Kühn-Brothers. (Wiederveröffentlicht 2017)

 

 

 

 

1980 kam dann Cucu Ear heraus, feiner Jazzrock, besonders das Titelstück “Cucu Ear“ und der Titel “Sultans of Jazz“ haben es mir angetan. Manches erinnert mich an Klaus Doldingers Jazzrock-Zeit und in der Tat, mit ihm nahm Kühn Rolf Kühn feat. Klaus Doldinger auf. Allerdings hat diese LP nun überhaupt nichts mit dem späteren Rock-Jazzer Doldinger zu tun, hier spielt er 1962 feinsten Jazz, mit dabei der Organist Ingfried Hoffmann. Tenor Sax, Klarinette und nun noch die Hammond B3, eine ungewöhnliche und richtig gute Soundkombination. Das Brunswick-Label zeichnet allerdings für diese Aufnahme verantwortlich, nicht MPS.

 

 

 

 

Aber zurück zur Plattenfirma des Hans Georg Brunner-Schwer MPS und damit zu einer Riesenüberraschung. Rolf Kühn feiert in vier Tagen, am 29.9. seinen 90. Geburtstag. In Zusammenarbeit mit dem Jubilar bringt MPS eine auf 1000 Exemplare limitierte 9-LP-Vinyl-Box heraus. Hier finden wir drei der oben erwähnten Platten: Total Space, Symphonic Swampfire und Cucu Ear. Gespannt bin ich auf zwei hier erstmals veröffentlichte Live-Mitschnitte, einmal auf den des “Rolf & Joachim Kühn Quartett“ von den Berliner Jazztagen 1966 und dann auf die Aufnahme vom Newport Festival 1967. Hinzu kommen noch die Alben Stereo (2015), Spotlights (2016) und Yellow & Blue (2018). Ein 12-seitiges Booklet vollendet die Box.

„Ein Termin mit Herrn Rihm“, so überschrieb Jochen seinen Beitrag vom 2. Juni über Wolfgang Rihm. Er empfahl damals einen Filmbeitrag des SWR über Wolfgang Rihm, der Titel: “Über die Linien – Grenzgänger des Klangs“. Ich habe den Tipp von Jochen befolgt und mir die Sendung angesehen, nicht nur das, in der Mediathek musste ich die Dokumentation nochmals sehen. Selten hat mich ein Musiker und Komponist so beeindruckt, so überzeugt wie Wolfgang Rihm. Der Film entstand kurz nach einer langen, schweren Erkrankung des Meisters. Rihm, Jahrgang 1952, wirkt ruhig, lebendig, lebensbejahend. Er komponiert und komponiert und hat noch so viel mitzuteilen. Einmal sagt er, es sei ihm, als hätte er in seinem Inneren noch einen dicken Block, da müsse und möchte er noch viele Blätter abreißen. Im Grunde habe er das Gefühl, als schreibe er sein ganzes Leben lang ein einziges Stück. Die Werke, die er schreibe, würden das Frage- und Aktionspotential für das Ins-Werk-Setzen des nächsten Stückes hervorbringen. Man solle sich den Vorgang des Komponierens aber nicht so vorstellen, als würde man einer Glanzstraße bis zum Ziel folgen, es sei eher ein Stochern im Nebel, es gebe keine Sicherheit im Moment des Entstehens eines Stückes, eher Hilflosigkeit.

Wolfgang Rihm ist seit 1985 Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, sein Unterrichtsstil: fragend, – produktive Verunsicherung.

In der Dokumentation kommen neben seiner Biographin, Elenore Büning, auch unter anderen Anne-Sophie Mutter, für die Rihm “Gesungene Zeit“ geschrieben hat, und Jörg Widmann zu Wort. Für letzteren hat Rihm “Über die Linie II“ komponiert. Der Komponist, Klarinettist und Dirigent Jörg Widmann erzählt ausführlich über die Entstehung dieses Stückes. “Über die Linie II“, dieses Werk faszinierte mich dermaßen, ich musste mir die Platte sofort kaufen.

 

 

 

 

Die Aufnahmen zu dieser Scheibe entstanden im Konzerthaus Freiburg zwischen 2009 und 2010, es spielt das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, an der Klarinette natürlich Jörg Widmann. Über das Stück schreibt Widmann. „Als die Partitur der Musik für Klarinette und Orchester – Über die Linie II in meinen Briefkasten geflattert kam, war ich zunächst schockiert: ein über 40 Minuten fast ununterbrochener Gesang durch alle, auch die höchsten stratosphärischen Register. So hatte noch niemand für Klarinette geschrieben. Aber, wie sollte ich das jemals spielen können?“

 

The Guardian: „[Uber die Linie II ] must be one of the most substantial, an exacting test of any clarinettist’s control and stamina. The soloist plays almost continuously throughout the 37-minute work that the orchestra sometimes supports and accompanies, sometimes contradicts. The music is full of allusions to past styles, and its effect is fragile and haunting.“

 

Zu dem Werk Requiem-Strophen, 2017 uraufgeführt, sagte Jörg Widmann: „Was ich bei all den geistlichen Werken von Rihm spüre, dass es da etwas Anderes geben muss. Warum kann ich daran glauben – ich, der das höre? Weil es diese Musik gibt. So könnte ich gläubig werden.“

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 6)

 

Die Platte erschien bei MPS-Records in Villingen, Michael Naura, Wolfgang Schlüter, Eberhard Weber und Joe Nay mussten aber nicht den langen Weg nach Süddeutschland auf sich nehmen, aufgenommen wurde diese wunderbare Scheibe 1971 im Windrose Studio in Hamburg. Alle Stücke dieser Platte, die sieben Jahre nach Nauras schwerer Krankheit und acht Jahre nach der letzten LP-Veröffentlichung European Jazz Sounds aufgenommen wurden, entstammen Nauras Feder. Michael Naura wurde 1934 in Memel geboren, verbrachte seine Schulzeit in Ostberlin, nach dem Abitur studierte er Soziologie und Philosophie an der FU Berlin, besuchte aber auch die Meisterschule für Grafik und Buchgewerbe. Das Klavierspiel erlernte er autodidaktisch. Mit seinem engen Freund Peter Rühmkorf wurde er mit Jazz & Lyrik bekannt (siehe auch die ECM-Platten Phönix Voran und Kein Apolloprogramm Für Lyrik).

 
 

 
 

Bis zu seiner Krankheit im Jahr 1964 war Naura jahrelang in Jazzkellern und Konzertsälen unterwegs, dann spielte er nur noch regelmäßig im Hamburger Jazzhaus und übernahm schließlich 1971 die NDR-Jazzredaktion, die er bis 1999 leitete. Im Februar 2017 starb Naura im Alter von 82 Jahren.

Letztes Jahr erschien nun die Michael-Naura-Platte Call endlich wieder, das Remastering ist unfasslich gut, die Platte hört sich an, als sei sie gerade in einem modernen Studio aufgenommen worden. Siegfried Schmidt-Joos stellt in seinen Liner-Notes alle acht Naura-Werke ausführlich vor: Soledad De Murcia, M.O.C., Forgotten Garden, Take Us Down To The River, Why Is Mary So Nervous, Don´t Stop, Miriam, und schließlich Call.

 

„Früher haben wir die berühmten Jazzthemen der Vergangenheit nachgespielt. Aber je länger Wolfgang Schlüter und ich zusammen sind, desto mehr spüren wir, daß wir uns in eigenen Stücken besser entfalten können.“ Und Schmidt-Joos ergänzt: „ … es sind Themen, für die es Skizzen, aber keine ausgearbeiteten Arrangements mehr gibt. Stimmungen, dazu einige musikalische Versatzstücke, sind festgelegt. Alles andere ergibt sich im spontanen Zusammenspiel. An die Stelle von Chorusabfolgen tritt ein fortwährendes Interplay.“

(Michael Naura)

 

Auch Kriegel arbeitete mit Eberhard Weber und Joe Nay in der 1973 gegründeten Band Spectrum zusammen, mit der er 1974 bei MPS Mild Maniac veröffentlichte. Damals war auch Peter Giger und Rainer Brüninghaus dabei. Diese Platte wurde im Januar dieses Jahres wieder veröffentlicht.

 
 

 
 

Eine weitere berühmte MPS-Einspielung, die auch 1971 entstand, sei hier noch dringend empfohlen. Hans-Georg Brunner-Schwer nahm im MPS-Studio in Villingen mit Volker Kriegel, John Taylor, Peter Trunk, Cees See und Peter Baumeister Spectrum auf. Auch diese Platte wurde wieder neu aufgelegt.

 
 

 

Peter Hamm ist heute im Alter von 82 Jahren gestorben.

 

Tage

nur aus Nebel –

wie nah

seid ihr mir!

Sogar ich selbst

mir unsichtbar,

so betrete ich

gern

mein Gelobtes Land!

 

Ein Gedicht aus der Sammlung “Die verschwindende Welt“ von Peter Hamm.

 

Minnesotan guitarist Steve Tibbetts has been recording for ECM for almost 40 years. For the first edition of our streaming playlist “Artist’s Choice”, he lists some personal ECM favourites and gives an insight into his long relationship with the label.

 

Das ist ja mal interessant, dachte ich, als ich diese Nachricht auf der ECM-Seite las und dann, bei der Durchsicht der von ihm genannten Titel, die Überraschung: Steve Tibbetts nennt fünf Werke von Paul Bley als seine personal ECM favourites (nebenbei, bei ECM erschienen elf Platten von Bley)…..und so kann man sich täuschen, ich habe die Liste von Steve Tibbetts mit der von Ethan Iverson verwechselt. Das sei hier noch angemerkt. Steve hat Paul Bley leider nicht genannt.

Nun hat ja Paul Bley nicht nur bei ECM veröffentlicht, sondern bei den verschiedensten Plattenfirmen, ja, er gründete sogar ein eigenes Label, Improvising Artists. Mein Lieblingsplatte meines Lieblingspianisten erschien allerdings bei OWL-Records in Paris, dort nahm Bley unter der Regie des wunderbaren Produzenten Jean-Jacques Pussiau 1983 die Soloplatte „Tears“ auf .

1989 folgten dann “The Life of a Trio: Saturday“ und “The Life of a Trio Sunday“ (beide mit Jimmy Guiffre und Steve Swallow. Mit Gary Peacock spielte Paul Bley die Duo-Platte “Partners“ ein. „Fly Away, Little Bird“ wurde wieder im Trio aufgenommen: Paul Bley, Jimmy Giuffre & Steve Swallow. 1992 erschien dann schließlich noch “Homage to Carla – Solo Piano“ auf dem OWL-Label.
 
 

 
 
Über das OWL-Label und den Produzenten Jean-Jacques Pussiau stieß ich dann zufällig auf den Namen des Pianisten Ran Blake. Was für eine Entdeckung und was für eine musikalische Verwandtschaft mit Paul Bley. Meine erste Langspielplatte mit Ran Blake war “Vertigo (Live At The Brattle Theatre)“ mit Musik von Bernard Herrmann (1985), dann “Wende“ aus dem Jahre 1976, gefolgt von “Realization Of A Dream“ (1978) und “Third Stream Recompositions“ (1979).

Dann entdeckte ich, was mich eigentlich nicht erstaunen sollte, dass Ran Blake auch schon eine Platte, nämlich “Breakthru“ auf dem Paul Bley-Label Improvising Artists Inc. veröffentlicht hat (1976).

Ran Blake wurde am 20.April 1935 in Springfield, Massachusetts, geboren. Inzwischen 84jährig, ist Blake nicht minder aktiv, erst jetzt, im Februar dieses Jahres erschien: “Eclipse Orange“, eine Platte die Ran Blake und Claire Ritter anlässlich des hunderten Geburtstages von Thelonious Monk aufgenommen haben.

Der Überraschungen nicht genug, es gab eine wunderbare Zusammenarbeit zwischen Ran Blake und der fantastischen Sängerin Jeanne Lee (* 1939 in New York, † im Jahr 2000 in Tijuana, Mexiko) . Alles begann 1962 mit der Platte “The Newest Sound Around“, gefolgt von Ran Blake & Jeanne Lee – In Stockholm 1966 „Free Standards“ und Ran Blake / Jeanne Lee ‎“You Stepped Out Of A Cloud“ (1989).

Und mit wem Jeanne Lee gearbeitet hat, man glaubt es nicht, hier ein paar Namen: Rahsaan Roland Kirk, Sunny Murray, Marion Brown, sie war bei Carla Bleys “Escalator over the Hill“ dabei, dann gab es Aufführungen mit John Cage, mit dem Orchestre National de Jazz, Zusammenarbeit mit Gunter Hampel (mit dem sie verheiratet war), mit Archie Shepp, Marilyn Mazur, Peter Kowald, Bob Moses, Andrew Cyrille und vielen anderen.

Eine ganz besondere CD bescherte uns Jeanne Lee mit Natural Affinities. Auf dieser wunderbaren OWL-Platte wirken mit: Amina Claudine Myers, Wadada Leo Smith, Jerome Harris, Newman Baker, Mark Whitecage,Paul Broadnax, Gunter Hampel und Dave Holland.

Und mit wem Ran Blake, außer Jeanne Lee, zusammen musiziert hat, das ist eine ganz andere Geschichte.
 
 

 

Max, Mischa & Die TET-Offensive (Teil 2)

 

Im ersten Teil meiner Überlegungen zu dem Roman wurde der Onkel von Max, Owen, nur kurz erwähnt. Mit ihm erzählt Johan Harstad eigentlich eine zweite Auswanderungs-geschichte. Geschildert wird sein Leben zeitversetzt, immer wieder verschränkt mit der Erzählung von Max, Mischa und Mordecai.

Übrigens, alle vier Personen sind Künstler, Max arbeitet als Theater-Regisseur, Mordecai als Schauspieler, Mischa als Malerin und Owen als Musiker.

Es ist ja schon erstaunlich, wie viel in diesem Roman von Musik die Rede ist. Während für Max, Mischa und Mordecai Musik eher als Soundtrack zum Leben dazu gehört, geht es bei dem Onkel von Max – Owen – um einen Lebenstraum, er ist einst wegen der Jazz-Szene nach New York ausgewandert, freiwillig, von sich aus, anders als Max, dessen Eltern beschlossen hatten, in die USA auszuwandern, und er sich eben fügen musste.-

Die ersten norwegischen Immigranten aus Stavanger kamen im Jahre 1825 nach drei Monaten auf hoher See in New York City an, es waren zweiundfünfzig Menschen, die hier ihr Glück suchten. Rund einhundertvierzig Jahre später versucht Max‘ Onkel, der eigentlich Ove heißt, eine neue Heimat in den USA zu finden. Owen sagt es einmal ganz klar: „Ich bin wegen des Jazz nach Amerika gekommen. Das war das Wichtigste für mich: die Musik.“ Natürlich klappt das nicht, nichts als Träume, er schlägt sich zunächst als Lehrer durch, würde auch andere Arbeiten annehmen. Viele Abende verbringt er in der Jazz-Szene. Aber mit seinem befristeten Visum kann er keine Arbeit, keine feste Anstellung finden, die Lage ist hoffnungslos. Bis Ove eines Tages erfährt, dass Immigranten mit einem befristeten Visum nach sechs Monaten Dienst in Vietnam die amerikanische Staatsbürgerschaft bekämen. Ihm ist natürlich klar, dass ein Dienst in der amerikanischen Armee in Vietnam den Bruch mit seiner Familie bedeuten würde, aber er verpflichtet sich zu diesem Dienst und wird nach sechs Monaten Vietnam tatsächlich amerikanischer Staatsbürger und darf sich einen neuen Namen aussuchen, aus Ove Hansen wird Owen Larsen. Natürlich entsteht dadurch kein neuer Mensch, im Gegenteil, der Vietnam-Rückkehrer hat Dinge gesehen, die er hätte besser nicht sehen sollen und ist an Orten gewesen, die er hätte lieber nicht kennenlernen sollen. Nach der Rückkehr aus Vietnam verliert er nach seiner Heimat Norwegen nun auch noch das Sehnsuchtsland Amerika: „(Owen) weiß nicht mehr, wo er hingehört. Er ist kein Amerikaner, er ist eine Fälschung, ein Betrüger. Er sehnt sich danach, an einen Ort zu gehören.“

Die siebziger Jahre vergehen ganz anders als sich Owen als Amerikaner und Vietnam-Veteran das vorgestellt hat: er arbeitet als Asphaltierer im Straßenbau in Kalifornien. Zurück in New York findet er ab 1978 eine Beschäftigung in einer Klavierfabrik, später wird er Pianist im Showroom eines Klavierhändlers und dann vermittelt ihm im Herbst 1985 ein Förderer einen Job bei der Firma KPM Music-Recorded Library (diese Firma gibt es wirklich, sie stellt `Gebrauchsmusik´ her: KPM is a huge, diverse, and growing library of recordings, specifically produced for use in films, television, radio and new media. Currently KPM consists of over 30,000 recorded tracks and 800 CDs. Music styles vary from symphonic to cutting-edge, through dramatic, ethnic, historic, and more.) Johan Harstad bringt es übrigens fertig, fast eine komplette Buchseite mit Musiktiteln aus dem Katalog von KPM zu füllen. Die Arbeit bei dieser Firma ist sicher nicht das, was Owen sich vorgestellt hat, aber immerhin, er kann Musik aufnehmen und er macht bei KPM auch durchaus Karriere. Inzwischen wohnt Owen längst im berühmten Apthorp-Gebäude, wo er dann auch auf Max und Mischa treffen sollte.

Hier nun noch einige bemerkenswerte Sätze aus dem Roman:

 

  • Der Zweifel ist immer wichtiger gewesen, er war der eigentliche Ausgangspunkt und das wichtigste Instrument. Wir haben uns gemeinsam vorangezweifelt.
  • Das Gedächtnis ist ein Archiv mit unzuverlässigen Mitarbeitern.
  • Wenn die Leute auch nur die Hälfte der Energie, die sie dafür vergeuden, passende Strümpfe zu finden, auf ihre Mitmenschen verwenden würden, wäre die Welt ein viel angenehmerer Ort.
  • Nach Anschlag auf das WTC: „Es war, als wäre ich noch einmal heimatlos geworden.“
  • Wie Beckett sagte: Ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen. Man stürzt sich mit der Hoffnung in die Arbeit, einen Teil von sich selbst zu erkunden und zu bewahren, von dem Wunsch erfüllt, mehr über sich zu erfahren. Aber es ist immer dasselbe: Wenn man auf der anderen Seite wieder herauskommt, begreift man weniger als zuvor…
  • Deshalb schreibe ich dies. Weil wir einander abhandenkommen und uns in Menschen verwandeln, die wir noch nie waren, ohne die Fäden, die uns einmal zusammenhielten. Ich glaube, Owen schrieb aus demselben Grund. Nicht aus Sentimentalität, sondern um zu überleben, und dies ist die Hand, die ich über euch halte, beschützend, ein Versuch, uns ein für alle Mal, ein allerletztes Mal, in die Arme zu schließen.
  • Du solltest alt genug sein, um zu wissen, dass die romantische Vorstellung, für immer mit deinem besten Freunde verbunden zu sein, bis weit in die unüberschaubare Zukunft hinein,…, genau das war, eine romantische, schwärmerische Vorstellung, über die du eigentlich lächeln müsstest.
  • Es ist ein merkwürdiges Erlebnis, Zeuge dessen zu sein, wie alles weitergeht, während man selbst auf das Ende zusteuert.
  • Mitunter wird er vollständig von dem Gedanken gelähmt, nicht mehr da zu sein und wie unmöglich es ist, sich vorzustellen, dass man nicht weiter existiert, nie wieder; alles, was er je getan und gesagt hat, all die Erfahrung, jeder Witz, über den er herzlich gelacht hat, all die Musik, alles, was er gesehen und gelernt hat, alle, mit denen er gesprochen hat, die Einkäufe, die er getätigt hat, all seine Sachen, all die Freude und all das Leid, absolut alles wird seine Bedeutung verlieren, alles wird zurückbleiben.
  • Zuhause – das schönste Wort meiner Muttersprache.

 

Bezüglich des Soundtracks zum Buch seien nun noch weitere im Buch erwähnte Musiker, Komponisten, Schallplatten und Musik-Titel genannt:

 

Blind Melon: No Rain

Björk: Debut; Violently Happy, The Anchor Song

 

 

 

 

Lemonheads: Come on Feel

Pearl Jam: Vs.

Steve Martin: Let´s Get Small; A Wild And Crazy Guy; Comedy Is Not Pretty

Peter, Paul & Mary: Leaving On A Jetplane

Pink Floyd: Meddle

Leonard Cohen: Ten New Songs; Dear Heather

T.Rex: I Love To Boogie; Come To Me

Bill Evans: Autumn Leaves

Jan Johansson: Visa från Utanmyra; Emigrantvisa

Wilhelm Peterson-Berger: Damernas album; Vest i fjellom og; När jag för mig själv i mörka

skogen går

Fartein Valen (Musiker und Komponist aus Stavanger)

Agathe Backer Grøndahl

Louis Armstrong: St. James Infirmary

Frank Sinatra: The House I live in

Charlie Parker: Mood

Hüsker Dü: New Day Rising; The Girl who lives on heaven hill; Zen Arcad

John Cage 4:33

J.S.Bach: Wohltemperiertes Klavier; Goldberg-Variationen

Joan Baez: Sweet Sir Galahad

Neil Young: Live Rust

und: Bob Mould; Lovin´ Spoonful; Fairport Convention; Byrds; The Band; Love; Mose Allison; Ornette Coleman; Lester Young; Eric Dolphy; Grateful Dead; Jimmy Hendrix; Arne Nordheim; Nat King Cole; Joni Mitchell; Byrds; Buffalo Springfield; Frank Zappa; Jim Morrison; Townes Van Zandt; Sly and the Family Stone; Lee Morgan; Freddie Hubbard; Dexter Gordon; McCoy Tyner; Oscar Peterson; Erroll Garner; Richie Havens; Charles Mingus; Kim Gordon

und Glenn Gould; Frédéric Chopin; Friedrich Liszt; Josef Haydn; Edvard Grieg

Max, Mischa & Die TET-Offensive (Teil 1)

 

Von Stavanger habe ich bisher wenig gehört; die Hafenstadt war zusammen mit Liverpool europäische Kulturhauptstadt 2008; wunderschön gelegen zwischen Fjorden und Bergen ist die Stadt mit ihren 134000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Norwegens. Hier wächst Max Hansen in den 80er Jahren auf, der Vater SAS-Pilot, die Mutter betreibt einen eigenen Handarbeitsladen. Die Eltern waren in jungen Jahren engagiert im Kampf gegen den Vietnam-Krieg, nicht nur das, sie zählten sich auch zehn Jahre lang zu den Mitgliedern der norwegischen Kommunistischen Arbeiterpartei. Sie träumten von einer ganz anderen Welt. Sohn Max wird mit fünfunddreißig Jahren einmal sagen: „Ich denke oft, dass sie die letzte Generation waren, die glaubte, sie könnte etwas verändern: ich gehöre der ersten Generation an, die verstand, dass wir es nicht konnten.“

Im Alter von acht Jahren findet Max eines Tages eine Kiste mit Erinnerungsstücken aus dieser Zeit: FNL-Abzeichen, eine rote Flagge, die Mao-Bibel uvm. Er befragt seine Eltern zu den Funden, die allerdings haben ihre einstigen Parolen und Ideale längst vergessen. Immerhin erfährt Max zum ersten Mal etwas über den Vietnamkrieg. Ein paar Jahre später wird er zusammen mit Freunden den Film Apocalypse Now sehen, ein sein ganzes Leben prägendes Ereignis. Im Sommer 1988 spielen Max und seine Freunde Krieg – Vietnamkrieg. Zwei Jahre später emigriert die Familie in die USA, die Arbeitsbedingungen seien für den Vater hier in den USA ungleich besser als in Norwegen. Für Max bedeutet die Auswanderung eine Katastrophe, den Verlust der Heimat. Der Umzug nach New York stellt sich für den Jungen als eine totale Entwurzelung dar, er fühlt sich allein, einsam, entortet und schreibt: „Zuhause. Das schönste Wort in meiner Muttersprache. Ich will nachhause und weiß nicht mehr, wo das ist. Das ist die Essenz des Ganzen, eine tiefsitzende Angst davor, kein zuhause mehr zu haben. Ich kenne niemand. Ich habe niemand. Niemand!“ Für Max wird dieser Verlust zum Lebensthema, in der Mitte seines Lebens wird er sagen: „Ich war dabei, mich zu verändern, von jemanden, der sich wünschte nach Hause zurückzukehren, in jemanden, der wünschte, er würde sich wünschen, nach Hause zurückzukehren.“

So beginnt die Lebensgeschichte von Max Hansen, erzählt von dem norwegischen Autor Johan Harstad in dem Roman mit dem Titel Max, Mischa & Die TET-Offensive (VÖ April 2019). Harstad, Jahrgang 1979, kam wie sein Held im Buch in Stavanger zur Welt. Dieser Roman hat, ich sage es besser gleich, 1242 Seiten, aber es lohnt sich sehr, dieses großartige Werk zu lesen.

 

 

Der Roman gliedert sich in vier Teile, der erste beginnt und der vierte endet im Jahr 2012, beide erzählt aus der Sicht von Max, der es inzwischen zu einem erfolgreichen Theaterregisseur gebracht hat und gerade mit einer Theatergruppe durch die USA tourt; aufgeführt wird das Stück Better worlds Through Weyland-Yutani. Die beiden zentralen Buchteile zwei (S.131-660) und drei (S.663-1151) erzählen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven das Leben von Max – von den ersten, zunächst sehr schwierigen Jahren im neuen Land, in der Schule, von der Begegnung mit dem jüdischen Mitschüler Mordecai, der sein bester Freund werden sollte und dem Kennenlernen der sieben Jahre älteren Künstlerin Mischa, die über sechzehn Jahre seine Lebensgefährtin werden sollte – und schließlich von seinem Onkel Owen, dem Bruder seines Vaters, der schon in jungen Jahren Norwegen verlassen hat und, weil er keinen anderen Weg gesehen hatte, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, am Vietnam-Krieg teilnahm, weshalb es zum Bruch mit seiner Familie gekommen war.

Und das sind die wesentlichen Themen, die in diesem Roman verhandelt werden: Auswanderung, das Böse, Gier, Krieg, Heimat, Zeit-Sterben-Tod, Erinnerung, Freundschaft, Homosexualität, Scheidung, Zufall, Musik (das ist ein ganz wichtiges Thema, Musik als Lebensbegleiter, als Soundtrack zum Leben) Kapitalismus, Entmietung (das Apthorp, ein riesiges Gebäude, in dem preiswertes Wohnen wegen der Mitpreisbremse möglich war, wird verkauft, es war über viele Jahre Heimat für Owen, Max und Mischa), Zukunft und vor allem die Frage: Hat Samuel Beckett recht, wenn er sagt: NICHTS ZU MACHEN? Das Thema „Kann der Mensch etwas machen“ zieht sich durch das ganze Buch, und Max scheint in seinem Leben immer wieder erfahren zu haben, dass man nichts machen könne: gegen Auswanderung, gegen Heimatverlust, gegen Krieg und Tod, gegen den Verlust geliebter Menschen usw. Endet das Buch in Resignation oder doch mit der Möglichkeit des Aufstehens, des Aufbruchs?

 

Bezüglich des Soundtracks zum Buch seien für heute zunächst folgende im Buch erwähnte Titel genannt:

 

The Doors: „I Can´t See Your Face in My Mind“ / „Summer’s Almost Gone“ / „When the Music’s Over“ / „The End“

Miles Davis: „Bitches Brew“

Ry Cooder: „Paris, Texas“

Crosby, Still, Nash & Young: „Ohio“

Neil Diamond: „Coming to America“

Thelonious Monk Quartet with John Coltrane at Carnegie Hall

Bruce Springsteen: „Born to Run“

Harald Sœverud: „Kjempeviseslåtten (Ballad of Revolt)“

Percey Sledge: „When a Man Loves a Woman“

Duke Ellington: „Take The A-Train“

Simon and Garfunkel: „The Only Living Boy in New York“

Maurice Ravel: „Gaspard de la Nuit“

Sonic Youth: „Hyperstation“

Jane’s Addiction: „No One´s Leaving“

Miles Davis, Hank Jones, Sam Jones & Art Blakey Cannonball Adderley: „Somethin‘ Else“

 


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