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Musik Produktion Schwarzwald (Teil 4)

 

Übrigens arbeiteten nicht nur SABA / MPS und J.E. Berendt eng zusammen, sondern auch MPS und Achim Hebgen (geb. 1943 in Berlin, 2012 in Freiburg gestorben). Berendt und Hebgen waren damals gemeinsam in der SWF-Jazzredaktion (heute SWR) tätig, machten sich um die Musiktage von Donaueschingen verdient und produzierten eben auch Schallplatten. Während des Berlin Jazz Festivals im November 1971 nahmen die beiden zum Beispiel Don „Sugar Cane“ Harris ‎auf: die unfassbar gute Platte mit dem Titel Sugar Cane’s Got The Blues. Mit dabei Volker Kriegel, Robert Wyatt, Neville Whitehead und Terje Rypdal (siehe auch Plattenschrank 156 und 185). Gemeinsam produzierten Hebgen und Berendt auch Schallplatten für Association P.C. – etwa die Platte Rock Around The Cock, ein Album aus dem Jahre 1973, mit Toto Blanke, Sigi Busch, Pierre Courbois, Joachim Kühn und Karl-Heinz Wiberny. Aufgenommen wurde diese MPS-Platte – Überraschung! – von Conny Plank (er ist auch bei mehreren anderen MPS-Produktionen als Tonmeister mit dabei).

Aus der Fülle wunderbarer Platten aus dem Hause SABA/MPS möchte ich an dieser Stelle noch fünf weitere herausragende Produktionen nennen:

 
 

 
 

Tony Scott and Indonesian All Stars: Djanger Bali (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) – Leider wird die Platte sehr teuer gehandelt, sie ist kaum unter 150,00 Euro zu haben, immerhin kann man sich das eine oder andere Stück auf youtube anhören.

Dewan Motihar Trio, Irene Schweizer Trio, Manfred Schoof, Barney Wilen: Jazz Meets India (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt /H.G.Brunner-Schwer) – Als LP ist die Scheibe ziemlich teuer, aber als CD wurde sie 2012 wieder veröffentlicht und ist zum Normalpreis käuflich zu erwerben.

Hampton Hawes: Hamp’s Piano (mit Eberhard Weber und Claus Weiss – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt) 2011 wurde diese wunderbare Platte wieder veröffentlicht.

Baden Powell: Poema On Guitar (mit Eberhard Weber und Charlie Antolini – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) Wer diese großartige Platte sucht, wird sie unter dem Titel “Tristeza – Poema – Canto – Images On Guitar – The Legendary MPS Records“ finden. 2008 veröffentlichte MPS-Records (Universal Music) eine Doppel-CD mit ebendiesen vier Baden-Powell-Platten (Original Recording Remastered).

 
 

 
 

Albert Mangelsdorf and Friends – Don Cherry, Karl Berger, Wolfgang Dauner, Lee Konitz, Attila Zoller (SABA-Tonstudio 1969, J.E.Berendt). Die Schallplatte wurde 1990 wieder veröffentlicht und ist zu einem vernünftigen Preis zu haben.

 
 

Am 13.4.19 gab Jan Reetze in einem Kommentar zu meinen Text „Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)“ drei weitere Plattentipps, die ich hier, damit sie nicht übersehen werden, weitergeben möchte (ich gebe es zu, ich habe diese Platten inzwischen gekauft).

Jan schrieb: „Vielleicht noch der Hinweis auf drei sehr schön kompilierte Sampler: 1999 bzw. 2000 sind veröffentlicht worden zwei CDs namens Before and Beyond the Black Forest, eine andere erschien ebenfalls 1999 mit dem Titel Supercool. Bei allen drei besteht die akute Gefahr, dass man sich sofort die Originalalben zulegen möchte“.

Auch eine schöne Vorstellung: Einmal unerreichbar sein, ganz für sich. Nur der Turm und das Meer. Leichtturmwärter, das wär´s doch!

 

Natürlich bot die Laterne einen großartigen Blick aufs Meer, den jene Wärter genossen, deren Sinn für die Schönheit des Ozeans noch nicht abgestumpft war. Isolation ist das augenfälligste Merkmal von Leuchttürmen. So wurde etwa der mehr als 30 Kilometer vom Land entfernte Leuchtturm Stannard Rock (1883) im Lake Superior als  „einsamster Ort der Welt“ bezeichnet. (S.124).

 

Diesen Hinweis auf einen radikalen Rückzugsort entnahm ich dem kürzlich im DuMont-Verlag erschienenem Buch “WÄCHTER der SEE“, ein herrliches, ein wunderbares Buch, das mir viele ganz spezielle Abende beschert hat. “WÄCHTER der SEE“ ist ein Buch von R.G.Grant, es geht um die “Geschichte der Leuchttürme“. Dieses großformatige, ungeheuer liebevoll gestaltete Buch, in dem nicht nur Fotos und Baupläne der wichtigsten Leuchttürme der Welt und deren Geschichte zu finden sind, sondern auch Querschnitte der Türme, Zeichnungen, die Geschichte der Leuchtmittel, Leuchtturm-Zubehör und vieles mehr.

 
 
 

 
 
 

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, sowie einen Prolog und einen Epilog. Im Prolog erfährt der Leser alles über den abenteuerlichen Bau des EDDYSTONE-TURMS – die Arbeiten begannen 1696 . Im Epilog, wer hätte es anders erwartet, geht es um DAS ENDE EINER ÄRA; ein eher trauriges Kapitel.

Im ersten Kapitel wird uns die Geschichte des Leuchtturms erzählt, “WUNDER DER TECHNIK“, im zweiten das gefährliche Metier des Leuchtturmbaus “IM KAMPF MIT DEN ELEMENTEN “, im dritten die Entwicklung von Lampen und Linsen “EIN LICHT IN DER DUNKELHEIT“, und im vierten, menschlich sehr bewegenden Kapitel, die Höhen und Tiefen im Leben der Leuchtturmwärter, „DIE HÜTER DES LICHTS“.

Ein Buch mit 160 Seiten, 250 farbige Abbildungen, 100 s/w Abbildungen, erschienen im Originalverlag: Thames & Hudson Ltd, London 2018, Originaltitel: Sentinels of the Sea. A Miscellany of Lighthouses Past.

Das Buch ist dermaßen schön gestaltet, dass es eigentlich mit Preisen überhäuft werden müsste, aber, wer liest schon ein Buch über Leuchttürme?!

Der Verlag schreibt u.a.: „Wächter der See erzählt von den Anstrengungen und technischen Meisterleistungen, die es möglich machten, selbst auf den kleinsten Felsvorsprüngen und sogar mitten im Meer Bauwerke von enormer Größe und Stabilität zu errichten. Es beschreibt das wichtigste Element der Türme – das Licht – und seine Entwicklung vom schwachen Kerzenschein hin zu weitreichenden gebündelten Strahlen. Es berichtet von Schiffbrüchen und heldenhaften Seenotrettungen und nicht zuletzt von der großen Verantwortung und dem isolierten Leben der Leuchtfeuerwärter.“

 
 
 

 
 
 

Und natürlich braucht es die richtige Musik, die den Leser begleitet. Ich habe mich für die Musik von James Yorkston entschieden. Yorkston, ein schottische Singer/Songwriter lebt am Meer, in einem kleinem Fischernest nördlich von Edinburgh. Meine Lieblingsplatte von ihm begleitete mich durch das Buch: Moving Up Country. Übrigens soll Philip Selway über den Musiker gesagt haben:

 

„James Yorkstons Musik zu hören, ist für mich in etwa so, als wenn man am Rand einer Party auf eine interessant aussehende Person trifft. Bevor man sich versieht, hat man den ganzen Abend damit verbracht, sich von ihren Geschichten fesseln zu lassen.“

Am 16. April wurden die diesjährigen Preisträger des Pulitzer Prize bekannt gegeben. Mit großer Freude konnte ich lesen, dass Richard Powers für seinen Roman “The Overstory“ (“Die Wurzeln des Lebens“) den Preis in der Kategorie Belletristik gewonnen hat. Kürzlich erst habe ich dieses Buch gelesen und ihm viele Leser gewünscht. Wieder einmal hat Powers einen großartigen Roman geschrieben, der nicht nur der Unterhaltung dient, sondern aufrütteln soll, es ist ein Plädoyer für Bäume. Und man lernt sehr viel über Bäume in diesem Buch. Powers hat sich einmal mehr in ein weiteres Thema gründlich eingearbeitet. Stellenweise erinnert der Roman an ein Sachbuch über Bäume, was durchaus positiv gemeint ist. Im Oktober 2015 habe ich im Zusammenhang mit Olivier Messiaen seinen Roman Orfeo (Frankfurt 2014) empfohlen, auch ein ganz großer Roman, in dessen Mittelpunkt die Musik steht. Erinnert sei auch an seine Werke „Das Echo der Erinnerung“ und „Der Klang der Zeit“. Nun erschien Ende letzten Jahres “Die Wurzeln des Lebens“. Powers, geboren am 18. Juni 1957 in Evanston, Illinois, möchte in diesem Buch zeigen, dass der Mensch, der sich doch so gerne für die Krone der Schöpfung hält, gerade dabei ist, seine eigenen Existenzgrundlagen zu zerstören. Seine Profitgier macht ihn blind, sodass er den Zusammenhang von Mensch und Natur nicht mehr sieht. Er nimmt nicht mehr wahr, dass alles miteinander verwurzelt ist und wir – die Natur und der Mensch voneinander abhängig sind. Obwohl – streng genommen braucht uns die Natur nicht, aber wir sie, um atmen und leben zu können.

 
 
 

 
 
 

Wenn man den 624 Seiten umfassenden Roman aufschlägt und zu lesen beginnt, meint man zunächst einen Band mit Erzählungen vor sich zu haben oder einen zweiten “Wolkenatlas“ (David Mitchell). Powers hat seinen Roman in vier Großkapitel unterteilt, die zusammen genommen einen Baum darstellen: Beginnend mit den Wurzeln, dann der Stamm, gefolgt von der Krone und schließlich die Samen. Im Großkapitel “Wurzeln“ werden uns zunächst ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie alle irgendwie Bäume thematisieren. Da lesen wir etwa von Nicholas Hoel, Urururenkel von John, dessen Vater einst Norwegen verlassen hat, um in Iowa ein neues Leben zu beginnen. Auf dem Gebiet seiner Farm pflanzte er einen Kastanienbaum, der für seine Familie eine besondere Bedeutung haben sollte. Er begann die Tradition mit seiner Kamera von einem bestimmten Standpunkt aus jeden Monat ein Foto von diesem Kastanienbaum zu fotografieren. Dieses Ritual wurde von seinen Kindern und Kindeskindern fortgeführt, bis schließlich 900 Baum-Fotografien das Leben dieses einen Baumes zeigen. Nicholas Hoel wird dieses 900-Fotografie starke Daumenkino in seinen Händen halten, als er die am Ende heruntergekommene Farm seiner Vorfahren ausräumen muss. Eine andere Geschichte handelt von Neelay Mehta, der gelähmt im Rollstuhl sitzt, weil er als Junge vom Baum gefallen ist. Jetzt arbeitet er als Entwickler von Computerspielen, in denen die Natur eine wichtige Rolle spielt, die Geographie, das Klima, die Rohstoffe. Die Gegenspieler: Konquistadore, Immobilienhaie, Technokraten usw. Oder die Erzählung von Patricia Westerford, einer Biologin. Sie entwickelt eine Theorie vom Wald als einem sozial interagierenden System. Natürlich macht sich alle Welt über sie lustig, viel später allerdings sollten ihre Texte zumindest unter Umweltschutzaktivisten Anerkennung finden. Fünf weitere Geschichten werden uns in diesem ersten Teil des Romans erzählt, bevor sie sich alle im Großkapitel “Stamm“ miteinander verbinden, um sich in der Krone wieder voneinander entfernen.

Richard Powers hat in seinem Buch durchaus reale Ereignisse aus den Neunzigerjahren verarbeitet, damals gab es in den USA tatsächlich hartnäckige Baumbesetzungen, großangelegte Aktionen gegen Kahlschläge, gegen Holzfirmen und riesige Demonstrationen. Mich erinnert all das an ein Ereignis, das erst vor ein paar Monaten die Nation bewegte: Der Kampf um den Hambacher Wald. Und, vor ein paar Jahren gab es mitten in Stuttgart eine Menge Menschen die um den Erhalt Bäumen kämpfte, es ging im Zusammenhang von Stuttgart 21 um mehr als 280 alte Bäume, mit bis zu fünf Metern Stammumfang, die gefällt werden sollten und nun auch längst umgehauen worden sind. Johannes Kaiser besprach für DeutschlandRadio-Kultur das Buch und kam zu dem Schluss: „Powers ist erneut das Kunststück gelungen, Forschungsergebnisse in aufregende und faszinierende Literatur zu verwandeln. Und er stellt dabei die grundsätzliche Fragen nach unserer Verantwortung für die Natur, nach Solidarität, Opferbereitschaft, Freundschaft und Empathie. „Wurzeln des Lebens“ ist ein poetischer Roman, der berührt, fasziniert, erschreckt und staunen macht.“

Musik spielt in diesem Roman übrigens keine Rolle, jedenfalls nicht Musik im engeren Sinne verstanden, John Cage würde natürlich überall Musik entdecken: im Rauschen des Waldes, im Klang der Kettensäge, im Pfeifen des Windes und im Trommeln des Regens. Mich erinnert all das an eine Sendung von Michael, als er vor zwölf Jahren, am 8.Januar 2007, in seinen Klanghorizonten eine geniale Zusammenstellung zweier Platten präsentierte, diese Komposition ist für mich der Soundtrack zum Buch Zunächst wurde von “Chris Watson – BJ Nilsen“ aus der CD “Storm“ das über fünfzehnminütige Stück “Austrvegr“ gespielt und im Anschluss daran legte Michael die damals gerade erschienene Platte “Fly High Brave Dreamer“ von Chris und Carla auf.

 
 
 

 
 
 

Ein Zitat aus dem Buch zum Schluss:

„ … ich schlage eine Faustregel vor: Wenn Sie einen Baum fällen, dann muss das, was Sie daraus machen, mindestens so großartig sein wie das, was Sie zerstören“ (S.559)

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)
 

Wenn man sich näher mit dem Thema `MPS´ beschäftigen möchte, kommt man an einem Buch nicht vorbei: Klaus-Gotthard Fischer: „Jazzin‘ The Black Forest“, The Complete Guide to SABA / MPS – Jazz Records, SABA/MPS – Geschichte eines Jazzlabels (German / English). Hier findet man die MPS-Story mit dem kompletten Verzeichnis aller 700 LPs, inklusive Cover-Abbildungen, sowie zwei ausführlichen Interviews mit Hans Georg Brunner-Schwer und Joachim Ernst Berendt.

 
 
 


 
 

 

Das Buch erschien 1999 zum Preis von DM 99,90, heute ist das Werk leider längst nicht mehr zu haben, nur noch antiquarisch, der Preis liegt zwischen 180,00 Euro und 500,00 Euro. Es gibt Grenzen. Und es gibt Bibliotheken, so habe ich mir das Buch über Fernleihe in einer Stadtbibliothek ausgeliehen. Es hat sich mehr als gelohnt, das Werk ist eine Goldgrube. Klaus-Gotthard Fischer, der mit Ilse Storb 1990 das Buch“ Dave Brubeck. Improvisationen und Kompositionen. Die Idee der kulturellen Wechselbeziehung. Mit einer Diskographie“ herausgegeben hat, leistete hier ganz Arbeit. Fischer ist eben auch ein passionierter Sammler, er verfügt über eine vollständige Sammlung der Jazzplatten von SABA / MPS. Die 78 Seiten genauester diskographischer Daten begeistern den Plattensammler. Genannt werden Datum, Musiker- bzw. Formationsname, Aufnahmeort, Aufnahmelokalität, Toningenieur, beteiligte Musiker mit Instrumentenangabe, Musikstücke, Komponisten, Laufzeit; Titel, Produzent und Jahr der Veröffentlichung der Originalschallplatte; Verfasser der Erläuterungen (Liner Notes) auf der Plattenhülle; Ausgaben, Bestellnummern Originalausgaben bzw. Äquivalentausgaben (In- und Ausland); Compliation- Sampler-Ausgaben und schließlich Bemerkungen zur Aufnahmesitzung und zu den Plattenveröffentlichungen, abweichende Titel von Äquivalentausgaben, Auszeichnungen, Preisverleihungen usw. Hinzu kommen noch das voll-ständige Register aller 700 LPs inklusive Cover-Abbildungen, alphabetische Register der LP / CD Titel, der Musiker und Formationmen. Eine unglaubliche Fundgrube. Ein Beispiel: J.E.Berendt erzählt in einem Interview, das der Autor des Buches mit ihm geführt hat, von einer Aufnahme-session mit Ben Webster und Don Byas: „Der eine ist wohl der größte Tenorsaxophonist, der je bei Duke Ellington gespielt hat, der andere war eng mit Count Basie verbunden – beide von ihren leaders gefeuert, weil sie zu viel tranken. … Wenn ich Don und Ben ihre unbegleiteten Soli spielen höre, kommen mir die Tränen, sie erzählen die ganze Tragödie, den ganzen Schmerz ihres Lebens. Was ich damals über Ben´s Solo schrieb, gilt weiter: `Dieses Solo ist der ganze Ben Webster – es ist in jedem Takt, in jeder Note, in jedem Sound und Atemholen voller Emotion, voller Liebe und Einsamkeit, voller Sehnsucht und Verzweiflung, voll Heimatlosigkeit und Nirgendwohin-Gehören. Ben hatte auf der Fahrt nach Villingen immer wieder gefragt: Where should I Live? In Amerika seien seine Mutter und Großmutter kurz hintereinander gestorben – Everybody is dying now – und er habe niemanden mehr, auch Zuhause in Kansas City nicht; in Europa habe er Paris, Skandinavien, Amsterdam, London ausprobiert. Wohin soll ich noch gehen? All das schwingt in jedem Takt. Der Titel “When Ash Meets Henry“ ist so irreal wie die Musik. Ash ist einer der alten Jazzleute aus dem frühen Kansas City, Henry ist `a great Jazzfan in London´. Die beiden können niemals zusammenkommen – und dieses “Niemals und Nirgendwo“ fühlte Ben, als er sein Solo spielte. Nach der Aufnahme gingen Don und Ben mit Messern aufeinander los. Willi Furth und Hans Georg Brunner-Schwer hatten Angst, als sie die Messer sahen: „Solche Musiker bringen Sie mir aber nicht mehr ins Haus.“ Ich ging rüber ins Studio, drückte auf den Knopf, damit die beiden hören konnten, was sie gerade gespielt hatten. Da sahen sie sich an, umarmten sich und weinten – und dann lachten sie schallend. Ich wußte, daß ihr Zorn keine Wut aufeinander war, sondern auf die Welt, von der sie doch ein Leben lang erfahren haben: Sie ist nicht in Ordnung.“

 
 
 


 
 

 

Natürlich wollte ich die Platte unbedingt hören, als gebrauchte LP oder CD ist sie durchaus noch zu haben und ich möchte sie hier sehr empfehlen, eine wunderbare Platte! Die diskographischen Angaben in dem Buch „Jazzin‘ The Black Forest“ verraten folgendes: Die Aufnahmen fanden am 1.und 2.Februar 1968 im SABA-Tonstudio in Villingen statt, der Toningenieur war Rolf Donner, neben Webster und Byas spielten Tete Montoliu (p), Peter Trunk (b), Al `Tootie´Heath (dr) folgende Titel ein: Blues For Dottie Mae (Byas/Webster), Lullaby to Dottie Mae (Byas/Webster), Sundae (Cann-Miller-Krueger-Styne), Perdido (Duke Ellington- J.Tizol), When Ash Meets Henry (Webster), Caravan (Duke Ellington-J.Tizol). Der Produzent war Joachim Ernst Berendt, die Scheibe erschien 1968 bei SABA-Records, später noch bei MPS, MPS/BASF, PRESTIGE mit den Liner Notes von J.E.Berendt, in den Niederladen mit Erläuterungen von Mike Hennessy. Noch Fragen?

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 2)

Im letzten Jahr feierte man in Villingen das 50jährige Bestehen des legendären MPS-Studios. 1968 hatte Hans Georg Müller-Schwer seine Geschäftsführertätigkeit bei SABA beendet und konzentrierte sich nun ganz auf die Musikproduktion. Allerdings hatte er schon 1960 in seiner Villa (siehe Foto) ein Aufnahmestudio eingerichtet, in dem er im privaten Rahmen Musik aufnahm, sie wurde unter dem Namen SABA veröffentlicht. Bis zum Verkauf des Labels MPS im Jahre 1982 wurden hier über 600 Schallplatten aufgenommen. Der MPS-Katalog ging zunächst an Philips, dann an Universal Music, heute kümmert sich die Hamburger Edel AG um den MPS-Platten-Schatz.

 

 

Kleine Hausaufgabe, man schaue einmal seine persönliche Plattensammlung auf MPS-Produktionen durch, ich zumindest war erstaunt, wie viele Schallplatten aus der Brunner-Schwer-Produktion ich besitze, fünf Highlights (eine kleine MPS-Hitparade) seien genannt:

 

5. Red Garland: Auf Wiedersehen (mit Sam Jones und Roy Brooks. Im Mai 1971 ist Red Garland in den Schwarzwald gereist, um diese herrlichen Aufnahmen zu machen, eine typische Red-Garland-Platte, wunderbar!)

4. Oscar Peterson: Great Connection (mit Niels Henning Orsted-Pedersen und Louis Hayes, aufgenommen im MPS-Studio in Villingen im Oktober 1971)

3. Bill Evans: Some Other Time – The Lost Session From The Black Forest (mit Eddie Gomez und Jack DeJohnette – siehe Plattenschrank 184, Musik Produktion Schwarzwald Teil 1)

2. Volker Kriegel: Missing Link (für mich die beste Kriegel-Platte, ein Meisterwerk, mit Volker Kriegel, John Taylor, Cees See, Alan Skidmore, Heinz Sauer, Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, John Marshall und Peter Baumeister, aufgenommen im März 1972)

1. Don Sugar Cane Harris: Sugar Cane’s Got the Blues (eine Live-Aufnahme eines Konzerts von den Berliner-Jazztagen im November 1971, neben dem Meister an der Violine: Volker Kriegel, Wolfgang Dauner, Nevil Whitehead und Robert Wyatt)

 

Neben Jazzplatten nahm Brunner-Schwer auch klassische Musik auf, von Friedrich Gulda war hier schon die Rede, im Klassikkatalog von MPS konnte ich aber sogar eine LP mit Orgelmusik von Olivier Messiaen finden.

Und da MPS auch Geld verdienen musste, nahm man auch Tanz- und Unterhaltungsmusik auf.

 

 

Wie ich es im ersten Teil der MPS-Story schon erwähnte, hatte ich kürzlich die Gelegenheit das MPS-Studio zu besuchen. Das Studio sollte man auf dem ehemaligen SABA-Gelände an der Richthofenstraße finden. Zweimal umrundete ich das SABA-Grundstück, auf dem man sich streckenweise vorkommt, als wäre man auf dem alten CONTI-Fabrik-Gelände in Hannover: wunderschöne Ruinen, Zeugen einer besseren Zeit. Ich brachte mein Fotoapparat zum Glühen, bis mich jemand von einem Wachdienst fragte, was ich hier zu suchen hätte, klare Antwort: “Das MPS-Studio!“ Der Wachmann: “Wie jetzt MPS-Studio, nie gehört!“ In der Richthofenstraße 1/1, im Hinterhof einer Autolackiererei wurde ich fündig, ganz unspektakulär steht es da, das alte Haus, das derzeit renoviert wird, in dessen ersten Stockwerk das Studio untergebracht ist. Hier allerdings kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

 

 

Übrigens, Hans Georg Müller-Schwer starb 77-jährig nach einem Verkehrsunfall auf einem Zebrastreifen, keine 200m von seinem Haus entfernt, sein Mitstreiter und Weggefährte, Joachim Ernst Berendt, wurde beim Überqueren einer Straße in der Hamburger Innenstadt im Februar 2000 angefahren und tödlich verletzt, er starb 78-jährig.

 

 

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 1)

 

Vorgestern war es soweit, endlich, ich hatte die Gelegenheit das legendäre MPS-Studio in Villingen (Schwarzwald) zu besichtigen. Schon im Flur begrüßte mich Robert Wyatt, ein frühes Bild aus Softmachine-Zeiten. Aber dann das Studio, unfasslich, wahrscheinlich eines der ganz wenigen bestens erhaltenen Analog-Studios in Deutschland. Inzwischen stehen Studio und Inventar zum Glück unter Denkmalschutz. Eigentlich fing alles mit meiner Liebe zu alten Röhrenradios an. SABA hat in den fünfziger Jahren unglaublich gute Geräte hergestellt, hatte damals schon jahrelange Erfahrung mit dem automatischen Sendersuchlauf, hatte das magische Auge erfunden, das erste tragbare Tonbandgerät im Programm und vieles mehr. Geführt wurde die Traditionsfirma in den 60 und 70er Jahren von Hermann Brunner-Schwer (kaufmännisch) und Hans Georg Brunner-Schwer (technisch) unter dem wunderschön klingendem Namen SABA (die Abkürzung, für die SABA steht, weckt allerdings weniger romantische Assoziationen: Schwarzwälder Apparate Bau Anstalt August Schwer und Söhne). SABA baute damals auch hochwertige Aufnahmegeräte. Erinnert sei nur an das legendäre SABA 600 SH von 1965. Hans Georg Brunner-Schwer richtete sich Ende der fünfziger Jahre sogar ein Tonstudio in seiner Villa ein, in die er gerne Jazzmusiker einlud, mit ihnen tafelte und eben auch deren Musik aufnahm. Wenig später errichtete er in unmittelbarer Nähe zu seinem Haus ein Studio, so groß, dass sogar Duke Ellington mit seinem Orchester dort Platz fand. Ein Ampex-Bandmaschine mit 24 Spuren und entsprechende Mischpulte wurden eingebaut, ein riesiger Bösendorfer Imperial Flügel eingeflogen und dann fing man an, zunächst noch unter der Flagge von SABA, dann aber unter dem eigenen Label MPS, Music Production Schwarzwald, unvergessliche Aufnahmen zu produzieren. Recht früh mit dabei: Joachim Ernst Berendt, der hier auch erste Weltmusik-Experimente durchführte.

 

 

 

 

Eine Zusammenarbeit von Hans Georg Brunner-Schwer und Joachim Ernst Berendt wurde erst 2016 von dem Label Resonance veröffentlicht: Bill Evans, Eddie Gomez und Jack DeJohnette: “Some Other Time – The Lost Session From The Black Forest“, aufgenommwn am 20.Juni 1968 im MPS-Studio in Villingen. Die Doppel-CD ist fantastisch und nur sehr zu empfehlen.

Die Liste der Musiker, die in Villingen im damals hochmodernem Studio aufgenommen haben oder Konzerte durch MPS haben aufnehmen lassen, ist lang, hier einige Namen: Dexter Gordon, Slide Hampton, Ack von Rooyen, Red Garland, Jimmy Heath, Egberto Gismonti, George Gruntz, Dave Holland, Daniel Humair, Kenny Drew, Bill Evans (gemeint ist der Pianist), Eddie Thompson, Oscar Peterson, Ray Brown, Friedrich Gulda, Joachim Kühn, Volker Kriegel, Toto Blanke, Palle Danielsson, Randy Brecker, Rolf Kühn, Pierre Favre, Phil Woods, Nana Vasconcelos, Peter Warren, Monty Alexander, Woody Shaw, Nathan Davis, Eugen Cicero, Charlie Antolini, Art van Damme, Joe Pass, Eberhard Weber, Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorf, Heinz Sauer, Ralf Hübner, Attila Zoller, Niels Henning Orsted Pedersen, Kenny Clarke, Hans Koller, Siegfried Schwab, Gunter Hampel, Manfred Schoof, Peter Brötzmann, Jackie Liebezeit, Peter Kowald, Tony Scott, Irene Schweizer, Fritz Pauer, Steve Kuhn, Joe Turner, Jan Hammer, Billy Taylor, Joe Nay, Jim Hall, Lee Konitz, Jimmy Knepper, Freddie Hubbard, Baden Powell, Michael Naura, Wolfgang Schlüter, Peter Trunk, George Russell, Don Cherry, Lester Bowie, Karin Krog, John Surman, John Taylor, Tony Levin, Jaspet van’t Hof, Charlie Mariano, Tomasz Stanko, SUN RA, Zoot Sims und viele andere. Diese außergewöhnlich lange Aufzählung zeigt die enorme Bedeutung, die dem MPS-Label damals zukam. Schließlich gab es in den sechziger Jahren kaum auf Jazz spezialisierte Plattenfirmen. ECM wurde erst 1969 gegründet, MPS wurde zwar nur ein Jahre früher,1968, ins Leben gerufen, davor wurden aber schon viele Aufnahmen unter dem Namen SABA gemacht und auch veröffentlicht.

Alles fing damit an, dass SABA-Firmenmitinhaber Hans Georg Brunner-Schwer Oscar Peterson 1963 in sein Privathaus lockte und dort im familiären Rahmen Petersons Spiel aufnahm. Aber wie? Vollkommen neuartig und ungewöhnlich, mit Neumann-Mikrophonen ganz nahe an den Klaviersaiten montiert. So entstand ein ungeheuer dichter, intensiver Sound. Oscar Peterson war begeistert und kam von nun an jedes Jahr zu Privataufnahmen in die Villa des SABA Technikchefs HGBS, wie man ihn gerne nannte. Peterson war bis 1968 noch bei Verve vertraglich gebunden und so konnten die im Zeitraum 1964 bis 1968 entstandenen Aufnahmen erst 1968 erscheinen und wurden kürzlich in einer 4CD-Box unter dem Titel “Exclusively for my friends“ wiederveröffentlicht.

 

 

 

 

Eine letzte dringende Empfehlung aus dem Hause MPS: Eine Box, compiled by Hans Georg Brunner-Schwer “MPS Piano Highlights“. Hier sind Aufnahmen zu finden von Red Garland, Hank Jones, Cecil Taylor und vielen anderen.

 

Als ich kürzlich die neue Platte von Eleni Karaindrou Tous des Oiseaux hörte, interessierte mich, auf was sich “Alles Vögel“ beziehen könnte. Die Antwort gibt Eleni Karaindrou in den Linernotes zur Schallplatte:

 
 
 

 
 

Sure, we should all be as the birds, free, without borders defining our existence and dictating our way of thinking. I feel deep gratitude for my encouter with such a haunting play as “Tous des oiseaux“. It unlocked me, it opened new horizons, it broadened myy preception, it created within me images and feelings unknown, it deeply moved me. This production and my collaboration with Wajdi Mouawad ist a great chapter in my life.

 

Ich besorgte mir das Buch von Wajdi Mouawad “Vögel“, erschienen in der Theaterbibliothek-Im Verlag der Autoren:

Eitan, Student der Genetik, möchte den Eltern seine neue Freundin Wahida vorstellen, allerdings gibt es ein Problem, Wahida ist Araberin, Eitans Eltern Juden. Der Vater, David, rasend vor Wut, kann das nicht akzeptieren, die Mutter, in ihrer Jugend in der DDR aufgewachsen, kann beide verstehen, Vater und Sohn: „Gruppenidentität ist das Elend der Menschheit“. Der Großvater Eitans, Etgar, KZ-Überlebender, versucht zu vermitteln.

Natürlich wollen Wahida und Eitan diesem Elend entfliehen, es gelingt ihnen aber nicht. Während einer gemeinsamen Israelreise wird Eitan bei einem Terroranschlag schwer verletzt. Die Familie, Großeltern und Eltern besuchen den Schwerverletzten. Und irgendwann wird klar, dass beim Erbgut von Vater und Großvater etwas nicht stimmt.

Der Autor des Theaterstückes Tous des Oiseaux (Alles Vögel), Wajdi Mouawad, wurde im Libanon geboren und lebte in Kanada, er übernahm 2016 die Leitung des Pariser Théâtre National de la Colline. Die Uraufführung von Tous des Oiseaux fand 2017 statt. Das vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts sich abspielende Familiendrama wird mehrsprachig aufgeführt, was in der Logik des Stückes begründet ist, es wird Englisch, Hebräisch, Arabisch und Deutsch gesprochen. Die deutsche Erstaufführung wurde im November 2018 im Schauspiel Stuttgart gezeigt. Kürzlich konnte ich die Stuttgarter Inszenierung sehen und war begeistert. Mich hat das Stück an Lessings Nathan der Weise erinnert, obwohl in dem Stück weniger die Religion thematisiert wird als vielmehr Vergangenheitsbindung und Identität. Angesichts der verfahrenen Situation im Nahen Osten das richtige Stück zur richtigen Zeit.

Und, keine Frage, die Musik von Eleni Karaindrou zu Tous des Oiseaux ist großartig.

Eigentlich sollte die Scheibe ja schon Ende letzten Jahres in die Läden kommen, anyway, nun ist es soweit, heute wird nach zwanzig Jahren ein Meisterwerk wiederveröffentlicht. Beim Hören dieses wundervollen Remasters hätte ich abheben können. Zu haben ist dieses Album als Doppel-LP oder als CD. Die Rede ist von Ryuichi Sakamoto und seiner am 24. Februar 1999 erstmals erschienenen Platte BTTB (»Back To The Basics«).

 
 

 
 

Haruki Murakami schrieb die Liner Notes, u.a. notiert er: “Personal and intimate music – somebody (an anonymous somebody) sitting alone in front of the school piano early in the morning, weaving a melody, exploring harmonies. Music that gradually fills a space with high ceilings that contains the wafting presence of rain.”
 
 
 

 

Mitte Januar las ich in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über die britische Komponistin Rebecca Saunders, die 51-Jährige werde im Juni in München den hochdotierten internationalen Ernst von Siemens Musikpreis 2019 erhalten. Dieser Preis sei so etwas wie der “Nobelpreis für Musik“. Ich hatte noch nie etwas von Rebecca Saunders gehört, neugierig geworden, las ich weiter. Ihre Kompositionen seien komplex, kämen zumeist ohne Melodie aus, seien aber Werke von hoher Intensität. Und dann ließen mich zwei Bemerkungen hellwach werden:

 

Molly’s Song 3 für Alt-Flöte, Bratsche und Gitarre etwa, bei dem plötzlich das mechanische Rauschen von vier Radios in das Stück hereinbricht, nur um von einer zarten Spieldose abgelöst zu werden. Der Schlussmonolog der Molly Bloom in James Joyce‘ Ulysses hat die drei „Songs“ inspiriert.“… „Yes“ bezieht sich ebenfalls auf den Schlussmonolog in Ulysses, auf die letzten Worte von Molly Bloom, bei Joyce ein nicht endender Gedankenstrom. Saunders lässt eine Sopranistin Textschnipsel singen, …“

 

Die andere Bemerkung bezieht sich auf die Stille in der Musik:

 

„Klang zum obersten Prinzip zu erklären und Stille zum Werkzeug zu machen, sind natürlich keine neuen Ideen. Sie durchziehen die „Neue Musik“ des 20. Jahrhunderts nicht erst seit John Cage und „4’33“. Bei Saunders aber trägt die Stille die Musik, „sie rahmt den Klang“, schreibt die Komponistin. Jede Pause bekommt durch die Musik vor und nach ihr eine Bedeutung.“

 

Nun war für mich klar, über diese Komponistin gilt es mehr zu erfahren: 1967 in London geboren, die Eltern und Großeltern Pianisten, bzw. Organisten, Studium der Komposition in Edinburgh und Karlsruhe (Wolfgang Rihm), Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern, viel Preise, inzwischen mehr als 60 Werke geschrieben, seit 2011 Professorin für Musik in Hannover. In Stuttgart war sie vor 14 Tagen während des Eclat-Festivals mit der Uraufführung von „Unbreathed“ für Streich-quartett (Quatuor Diotima) zu erleben.

Die Stuttgarter Zeitung fragte Rebecca Saunders nach den vielen stillen Momente in ihrer Musik, ihre Antwort:

 

„Der Moment des Wartens interessiert mich ungeheuer. Was passiert, wenn die Musik angehalten wird, sodass die Ohren sich neu fokussieren müssen? Die Stille ist ein Ideal, sie existiert eigentlich nicht, birgt aber ein enormes Potenzial, und damit zu arbeiten, indem man etwa unter der Oberfläche der Stille einen Klang herauszieht und dann langsam wieder zurückgehen lässt, das finde ich allein schon faszinierend. Was für eine Spur hinterlässt so ein Klang, den die Stille einrahmt? Stille ist wie eine Leinwand, sie steht immer hinter dem Klang.“

 

Mich erinnern diese Aussagen natürlich auch an Paul Bley, auch so ein Meister der Stille.

 
 
 

 
 
 

Gefragt, welches nun mein Lieblingmusikstück von der neu entdeckten Komponistin sei, ist die Antwort klar, das zwanzigminütige … Of Waters making Moan für Akkordeon. Ja, und das wäre auch überhaupt meine derzeitige Lieblingsplatte.

Im letzten Schuljahr 2017/18 habe ich meinen Schülern im Literaturkurs ein besonders dickes Buch zugemutet, 1259 Seiten, unfassbar, aber so lohnend, es zu lesen!!! Das Buch wurde von Paul Auster geschrieben und sein Titel lautet 4 3 2 1. Kurz erwähnte ich dieses Werk in einem Beitrag über den dänischen Jazztrompeter Allan Botschinsky und den Bassisten Niels-Henning Ørsted Pedersen (Plattenschrank 172).

Und einmal mehr musste ich an Paul Austers jüngstes Buch 4 3 2 1 denken, denn vorgestern war auf ARTE ein Film über Paul Auster zu sehen, in dem vor allem 4 3 2 1 thematisiert wird. Auster erzählt viel aus seinem Leben, spricht über die sein letztes Werk vorbereitenden Bücher, Winterjournal (2015) und Bericht aus dem Inneren (2016); ausführlich kommt Austers Frau Siri Hustvedt zu Wort und, eine besondere Überraschung, Wim Wenders bekennt, wie sehr er Paul Auster als Person schätzt und seine Bücher liebt, vor allem 4 3 2 1.

Das Buch handelt von Archibald Ferguson und viermal wird nun seine Lebensgeschichte erzählt.

 

„… vier Jungen mit denselben Eltern, demselben Körper und demselben genetischen Material, aber jeder mit seinem je eigenen Gefüge von Umständen in einem anderen Haus in einer anderen Stadt lebend. Von den Auswirkungen dieser Umstände hierhin und dahin gedreht, würden die Jungen sich im Fortgang des Buches auseinanderentwickeln, würden als immer unterschiedlichere Charaktere durch Kindheit, Jugend und Mannesalter krabbeln, gehen, galoppieren, jeder aus seinem eigenen, separaten Weg, und doch alle immer noch derselbe Mensch, drei imaginäre Versionen seiner selbst.“

 

Und der Leser erkennt, wie sehr unser Leben durch Zufälle bestimmt ist und wie wenig wir eigentlich selber in der Hand haben. Ein großartiges Buch, das ich hier erwähne, nicht nur, weil ich es zu lesen sehr empfehlen möchte, sondern auch, weil man das Porträt über Paul Auster in der ARTE-Mediathek noch anschauen kann.

Im Anschluss an diese Dokumentation wurde dann noch Austers Film SMOKE gezeigt, ein wunderbarer Film, ein großes Vergnügen, den Streifen mit dem großartigen Harvey Keitel noch einmal zu sehen. Auch hier werden ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, deren Auslöser stets die Zufälle des Lebens sind.

Und dann noch die Musik, die im Film nicht zu kurz kommt, wir hören unter anderem von Tom Waits „Downtown Train“ und „You Dream“; The Jerry Garcia Band mit „Cigarettes and Coffee“ und „Smoke Gets In Your Eyes“; von Louis Prima „Brooklyn Boogie“ sowie von Rachel Portman „Augie´s Photos“, „Snow Story“ und andere mehr.


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