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Wenn des Tages Last noch drückt, die Arbeit einfach zu viel war, dann suche ich gerne noch vor dem Zu-Bett-Gehen meinen Plattenschrank auf, und spiele “Ziehe mit geschlossenen Augen eine Platte“. Meist bringt dieses Spiel Überraschungen hervor, ich entdecke dann Platten, an die ich schon Jahre nicht mehr gedacht habe. So auch dieses Mal:

 
 
 

 
 
 

Die Wahl fällt auf das von Bill Laswell produzierte Pharoah-Sanders-Album „Message from home“, mit dabei Michael White, Bernie Worrell, Charnett Moffett, Hamid Drake und Aiyb Dieng. Koraspieler Foday Musa Suso ergänzt die Truppe, wir kennen ihn aus der Zusammenarbeit mit Jack DeJohnette, dem Kronos Quartett, Herbie Hancock, Philip Glass. Zusätzlich arbeitet Sanders auf dieser Platte mit der Unterstützung einiger Vocalisten. „Message from home“ erschien im Februar 1996. Drei Jahre später überraschte uns Pharoah Sanders mit der Album “Save The Children“. Aber auch „Message from home“ ist ein wunderbares Album, ich höre den Titelsong “Our Roots (Began in Africa)“ und bin begeistert, die Platte muss bald einmal mehr in Gänze gehört werden.

 
 
 

 
 
 

Mit dem zweiten Zufallstreffer erwische ich eine richtige Sommerplatte: Philip Catherine “Summer Night“. Diese Scheibe erreichte 2002 die Läden. Der heute 76jährige Gitarrist spielt hier mit Philippe Aerts (b), Joost van Schaik (dr) und Bert Joris (tp). Natürlich lege ich die Philip-Catherine-Komposition “Janet“ auf, bin allerdings etwas enttäuscht, vielleicht habe ich zu sehr die Janet-Version von der Platte im Ohr, die für mich immer noch eine herausragende Veröffentlichung Catherines darstellt: “End Of August“, aufgenommen mit Nicolas Fiszman und Trilok Gurtu. Die für mich beste Schallplattte des Gitarristen ist allerdings immer noch zweifellos “End Of August“ (1974). Remember? Das grandiose Eröffnungsstück “Nairam“, aus dem Robert Wyatt dann “Maryan“ zauberte? Nein? Dann unbedingt noch heute anhören: Robert Wyatt “Maryan“ aus dem Album „Shleep“, das war 1997 – auch schon wieder 21 Jahre her.

Am 29.Juni erscheint eine Platte, die wahrscheinlich meine Top 10 des Jahres 2018 nochmals richtig durchschütteln wird. Gerade habe ich über FIRST LISTEN auf npr.org Charles Lloyd & the Marvels + Lucinda Williams mit ihrer Platte Vanished Gardens gehört. Wer hätte das gedacht, Charles Lloyd mit Lucinda Williams? Auch Bill Frisell ist mit dabei. Unbedingt anhören, eine wunderbare Platte.

 
 
 

 
 
 
Und noch etwas:

Interessant und richtig gut auch Graham Nash, Over The Years …  kommt ebenfalls am 29.6. in die Läden. Man kann die Platte gerade auf npr.org anhören und kann sofort in die 60er Jahre eintauchen. Tom Moon schreibt u.a. „The collection of demos on Nash’s songwriting anthology Over The Years suggests something else: Despite the endlessly documented distractions of the period, Nash was remarkably disciplined when it came time to work. He crafted clear, tidy, neatly-stitched songs; some of them („Chicago“, „Immigration Man“) were about big ideas and some („Our House“) were small, soothingly domestic parlor songs. He heard them whole, as finished creations: A surprising number of these recordings contain specific ideas (about phrasing, emphasis, etc.) that carried over to (and became endearing traits of) the finished versions.“

 
 
 

 

Wenn ich mich am Ende eines Jahres nach meinen Lieblingsplatten frage, wird es für mich immer sehr schwierig, die wirklich besten und für mich bedeutendsten Schallplatten herauszusuchen. 1967 stellte ich meine erste Hitparade für mich zusammen. Auch das war damals schon nicht einfach, obwohl ich wöchentlich mit dem neben mir sitzenden Schulkameraden Hitlisten ausgetauscht habe, und somit einen guten Überblick hatte.

Damals waren die Top 5 des Jahres:

 
 

1. The Flower Pot Man: „Lets go to San Francisco“

2. Jimi Hendrix: „Hey Joe“

3. The Four Tops: „Bernadette“

4. The Turtles: „Happy Together“

5. The Kinks: „Susannah`s Still Alive“

 
 

Nun, dachte ich, vielleicht wird es einfacher, wenn ich einmal eine Halbjahresbilanz ziehe würde. Leider nicht, auch jetzt fiel die Auswahl schwer. Gerne hätte ich etwa Chantal Acad & Bill Frisell mit der Platte Live at Middelheim aufgenommen, aber welche Platte dafür entfernen? Und dann kommt auch noch am 29.6.18 von John Coltrane Both Directions At Once – The Lost Album heraus. Bisher wurde nur ein Titel dieser bisher vollkommen unbekannten Platte veröffentlicht und der hatte es schon in sich (siehe Süddeutsche Zeitung vom 16. Juni). Hilde Marie Holsen mit Lazuli ist natürlich die Überraschung überhaupt, ich schrieb darüber im Plattenschrank 164. Das Duo Gazzana war schon einmal in einer Jahres-Top-Twenty vertreten, auch die neue CD fasziniert, besonders natürlich Messiaen mit Thème et Variations. Eine letzte Bemerkung: Die Plätze 11 bis 20 sind in etwa gleichwertig, hier gibt es keine Rangordnung mehr. Nun also die Top Twenty des ersten Halbjahres 2018:

 
 
 

 
 
 

01. Brian Eno: Music for Installations

02. Hilde Marie Holsen: Lazuli

03. Jakob Bro: Returnings

04. Duo Gazzana: Ravel, Franck, Ligeti, Messiaen

05. Steve Tibbetts: The Life Of

06. Nils Frahm: All Melody

07. The National Jazz Trio Of Scotland: Standards Vol.4

08. Andy Sheppard Quartet: Romaria

09. Father John Misty: God´s Favorite Customer

10. Ray Davis Our Country: Americana Act 2

 
 
 

 
 
 

11. Marisa Anderson: Cloud Corner

12. Kristjan Randalu: Absence

13. Kit Downes: Obsidian

14. Ketil Björnstad & Anneli Drecker: A Suite Of Poems

15. Norma Winstone Trio: Descansado

16. Shinya Fukumori Trio: For 2 Akis

17. Sly and Robbie with Nils Petter Molvaer: Nordub

18. Venetian Snares & Daniel Lanois: Venetian Snares X Daniel Lanois

19. Frode Haltli: Avant Folk

20. Bobo Stenson Trio: Contra La Indecisión

 

Vor ein paar Monaten schrieb ich an dieser Stelle ein paar Zeilen über die Wenders-Filme Alice in den Städten und Im Laufe der Zeit. Einige Jahre bevor diese Filme entstanden, wollte Wenders, Chefarztsohn, nach abgebrochenem Medizinstudium noch Maler werden. 1966 hatte er das Theaterstück Publikumsbeschimpfung von Peter Handke in der Städtische Bühne in Oberhausen gesehen. Damals traf er zum ersten Mal Peter Handke. Man soll sich über das gerade gesehene Stück ziemlich gestritten haben, hieß es. Während Handkes Zeit in Düsseldorf begegneten sich die beiden zufällig erneut. Hier in Düsseldorf legten Handke und Wenders dann den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft. Für Wenders ist Handke der erste und beste Freund. Der Wunsch Maler zu werden, führte Wenders zunächst nach Paris, wo er allerdings weniger die Malerei als vielmehr für sich das Kino entdeckte. Er besuchte nun die Filmschule in München. Schon bald folgte die erste Zusammenarbeit der Freunde: Wenders drehte nach einem Buch von Peter Handke mit seinem Freund zusammen Drei amerikanische LPs, einen Fernsehkurzfilm für den Hessischen Rundfunk.

 
 
 

 
 
 

Zwei Jahre später folgte Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter. In beiden Filmen spielte die Musik eine zentrale Rolle, Im Wenders/Handkefilm Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter muss der Held des Films, Josef Bloch, wegen eines Fouls vom Platz, rote Karte, das wirft ihn vollkommen aus der Bahn. Gezeigt wird Bloch, wie er in Kneipen abhängt, die Musikboxen bedient, zuhause, im Hotel, überall Musik hört. Atmosphäre wird über lange Einstellungen erzeugt – gezeigt werden Tankstellen, Busse, ein Bahnhofskino, Musiktruhen, Kofferradios, Spielautomaten, Warteräume, Flipperautomaten und immer wieder Jukeboxen – und jede Menge Musik gibt es zu hören, von Van Morrison, den Kinks, den Troggs und anderen, gesprochen wird wenig.

 
 
 

 
 
 

Musik spielte in diesem Film eine so überragende Rolle, dass der Streifen Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter wegen ungeklärter Musikrechte über 40 Jahre lang nicht gezeigt werden durfte. Man kann ihn jetzt wieder sehen, aber was für eine Enttäuschung, nicht mit der Originalmusik.

Zuerst aber drehten die Freunde Drei amerikanische LPs, einen Fernsehkurzfilm, den ich bisher noch nicht anschauen konnte. Über viele Jahre war ich auf der Suche nach diesem frühen Roadmovie. Nun, jetzt bin ich von Freunden auf diese Adresse aufmerksam gemacht worden und gebe den Tipp hier natürlich gleich weiter. Dreizehn Minuten aus einer anderen Zeit, 1969 war das.

 
 
 

 
 
 

Und jetzt weiß ich auch, um welche drei amerikanischen LP es geht: Van Morrisons Astral Weeks; Green River von Creedence Clearwater Revival und Harvey Mandels Cristo Redentor.

Anderes Thema jetzt: die Firma Hubro Records ist für mich ja schon seit einigen Jahren eine Andresse für Überraschungen. Kürzlich bin ich auf Hilde Marie Holsen und ihr Album Lazuli gestoßen und war total begeistert. Miles spielt da aus dem Himmel. Man glaubt es nicht, was die junge norwegische Trompeterin da für eine Musik hervorzaubert. Das fast 17minütige Titelstück hat mich jedenfalls so umgehauen, dass die Platte mal auf jeden Fall unter die ersten zehn auf meiner Hitliste 2018 erscheinen wird. Übrigens ist es Hilde Marie Holsens zweite Arbeit, die bei Hubro veröffentlicht wird, Ask war ihr Erstlingswerk.

 
 
 

 

Die Liste seiner Literaturpreise ist lang, aber einer dieser Auszeichnungen hat mich denn doch überrascht. David Mitchell bekam 2015 den World Fantasy Award für seinen vorletzten Roman Die Knochenuhren. Wir erinnern uns: der Roman zerfällt, wie bei Mitchell üblich – wir lassen Der Dreizehnte Monat einmal außen vor – in mehrere Teile, mehrere Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, Bereits während der ersten vier Geschichten spürt der Leser, dass da etwas nicht stimmt, irgendwie fallen die Geschichten kaum merklich aus der Realität. Aber erst im fünften Teil lesen wir Fantasy pur. Mitchells Leser staunten nicht schlecht, das gab es bei ihm bisher nicht. Genau für diese Geschichte, Teil fünf der Knochenuhren, erhielt der Autor diesen Preis.

 
 
 

 
 
 

Am 15.Mai dieses Jahres erschien nun Slade House, der neue Roman von David Mitchell. Es sei gleich verraten, das ist nun ein ganzes Buch Fantasy pur. Das geheimnisvolle Slade House in der Slade Alley mit allem was drumherum passiert, alles Fantasy. Immerhin bleibt Mitchell sich und seinen bisherigen Büchern treu, wenn er auch diesen Roman in verschiedene Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, zerfallen lässt, freilich spannt er den Zeitrahmen dieses Mal recht kurz: es beginnt im Jahre 1979 und schreitet im Neun-Jahres-Rhythmus bis zum Jahr 2015 fort. Die fünf relativ kurzen Geschichten werden dem Leser jeweils aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven präsentiert: zunächst erzählt der Schüler Nathan Bishop, wie er und seine Mutter Lady Grayer und ihren vermeintlichen Sohn im Slade House besuchen. Die zweite Erzählung wird aus der Sicht eines Polizisten, die dritte aus der einer Studentin, die vierte aus der einer Journalistin und die fünfte von einem der Grayer-Zwillingen dargeboten. Die ersten vier Ich-Erzähler gelangen alle ins Slade House, aus dem es kein Zurück gibt, denn hier geht es darum, dass man ihnen die Seele nimmt. Thema ist also einmal mehr lebenswütige Menschen, die den eigenen Tod nicht akzeptieren wollen und auf Kosten des Lebens anderer ihr Dasein ins Unendliche ausweiten möchten.-

Von der Slade Alley führt ein nur alle neun Jahre im Oktober sichtbares Türchen in einen paradiesisch anmutenden Garten an dessen Ende das riesige, unheimliche Slade House aufragt. Hier leben die Grayer-Zwillinge, die alle neun Jahre Seelen-Nachschub brauchen. All das kommt der Mitchell-Leser-Gemeinde natürlich bekannt vor: genau um diese Thematik ging es in den Knochenuhren. Slade House könnte man ja auch durchaus als Fortsetzung dieses 816 Seiten Wälzers verstehen, wobei freilich, für Mitchell höchst ungewöhnlich, Slade House recht knapp ausgefallen ist: 233 Seiten kurz. Hier wie dort kämpfen die Horlogen für die Unantastbarkeit des Lebens und gegen die Gier nach Unsterblichkeit.

Obwohl ich gewiss kein Liebhaber von Fantasy-Literatur bin, gefällt mir auch dieser Roman Mitchells sehr gut. Die fünf Geschichten sind dermaßen gut erzählt, dass der Leser die Figuren und die Stories sehr schnell lieb gewinnt und sich nur schwerlich damit abfinden kann, dass die Erzählungen rasch abbrechen und er sich auf Neues einstellen muss, was allerdings wiederum im Handumdrehen gelingt. Wie immer legt Mitchell viel Wert auf die historische und kulturelle Situation der jeweiligen Zeit, in der eine Erzählung spielt: 2015 ist natürlich von iPhone als Kommunikationsmittel die Rede, 2006 vom Handy und den SMS, natürlich auch von Tony Blair, 1997 spielen die Eels ihr Novocaine for the Soul, Morrissey titt auf, Björk singt die Hyperballad und von Massive Attack gibt es Safe from Harm.

 
 
 

 
 
 

Auch freut den Mitchell-Leser, dass er Bekanntes aus früheren Romanen wiederfinden kann: So arbeitet die Jounalistin Freya im vierten Teil des Slade House für die Zeitschrift Spyglass Magazine, wir kennen es aus dem Wolkenatlas, dort arbeitete Luisa Rey für diese Illustrierte. Auch Dr. Marinus ist ein alter Bekannter, er spielt in den Knochenuhren eine wichtige Rolle. Ganz zu schweigen von Vyryan Ayrs, dem Robert Frobisher im Chateau Zedelheim dient (Wolkenatlas).

Nach Chaos, Der Wolkenatlas, Der dreizehnte Monat, number 9 Dream, Die tausend Herbste des Jacob de Zoet und Die Knochenuhren ist Slade House sicher nicht Mitchells stärkster Roman, aber der Freund der Bücher dieses Autors kommt auf seine Kosten und für den Entdecker von David Mitchells Bücher ist Slade House sicher ein guter Einstieg in seine Romanwelt.

 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt … – wenn ich jetzt hier davon erzählen würde, dass ich beinahe Schläge bezogen habe, nur weil ich eine bestimmte Platte in einer Jukebox drücken wollte, man würde mir nicht glauben. Allerdings, die Geschichte habe ich erlebt. Anyway, vielleicht glaubt man ja Michael Scholl, er schrieb folgenden Gastbeitrag:

 
 

Don’t Cry for Me Argentina

Wie man sich durch die Juke-Box selbst gefährden kann

 

Ort: Ardossan, Schottland, in einer Kneipe mit Spätlizenz

Zeit: Frühjahr 1982 an einem Abend nach 23.00 Uhr

 

Niemand wird glauben, dass es gefährlich sein kann, einen Song an einer Juke-Box auszuwählen.

Im Schuljahr 1981/1982 lebte ich in Schottland und unterrichtete Deutsch als Foreign Assistant Teacher an der Ardrossan Academy. Aber eigentlich war ich noch Student und eher am Ausgehen als am Unterrichten interessiert. Mit dem Sohn meiner Vermieterin und dessen Freunden gingen wir oft abends Bier trinken. Unsere Stammkneipe schloss immer um 23.00 Uhr und es gab nur eine Kneipe in der kleinen Ortschaft, die eine Spätlizenz hatte. Man kann sich vorstellen, welche Leute in welchem Zustand dort nach 23.00 Uhr dort verkehrten. Und natürlich auch wir und im selben Zustand.

In diesem Zustand mag man Musik, die ans Herz geht. Also wählte ich an der Juke-Box dieser Kneipe, nachdem wir uns alle ein weiteres Bier bestellt hatten, den Song „Don’t cry for me Argentina“ aus dem Musical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber. Ja, betrunken hat man nicht den besten Geschmack

Unmittelbar nachdem der Song angefangen hatte, zog der Barkeeper den Stecker und die Juke-Box war stumm. Natürlich – angesichts des Zustandes, in dem ich mich befand – ging ich sofort zur Bar und beschwerte mich, was ich besser unterlassen hätte. Ich sah mich plötzlich einer Front bedrohlich aussehender, betrunkener Schotten gegenüber, die mir verständlich machten, dass dieser Song nicht gespielt werde und ich mich besser zurückhalten solle, wenn ich mir weiteren Ärger ersparen wolle.

Wie kam das alles, was war an diesem Lied so schlimm? War es für schottische Ohren eine musikalische Zumutung, die sie nicht ertragen konnten, weil kein Dudelsack dabei war? Nein – es war Falkland-Krieg und solche Musik war schlicht non grata.

Letztendlich ist alles gut gegangen und ich konnte die Kneipe unversehrt verlassen. Was habe ich aus der Situation gelernt? Wenn der Barkeeper die Macht über die Juke-Box ausübt, dann sollte man das hinnehmen. Und die Schotten sind den Engländern mehr verbunden als sie zugeben.

 

Michael Scholl

 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …

 

Natürlich gibt es diese Platten, die einfach nie aus den Jukeboxen der Welt verschwinden. Und, wenn es dann eines Tages wirklich nur noch knistert und knastert, wird die Scheibe eben ausgetauscht. Irgendwoher wird der Jukebox-Man Ersatz beschaffen. Zu diesen Singles, die man sich wirklich kaum getraut, aus der Box zu nehmen, gehören zum Beispiel die Klassiker der Beatles und der Rolling Stones, aber das ist von Land zu Land durchaus unterschiedlich. In Frankreich käme zum Beispiel nie jemand auf die Idee, Jaques Brel mit seinem Song Ne me quitte pas aus der Box zu nehmen. Interessant wird es allerdings, wenn man nach Kuriositäten Ausschau hält, da hat jede Kneipe, in der eine Jukebox steht, seine eigenen Schwerpunkte. Wie ich im Dezember letzten Jahres schon schrieb: in Hörnum sind es die Platten von Robert Wyatt, die gerne gewählt werden, in Cuxhaven eher die Songs von Brian Eno, anderswo wird Daniel Lanois gewünscht. Aber überall schätzt man die Musik zwischen 1968 und 1973, aus dieser Zeit werden zu gerne „Oldies“ gedrückt. Auf Amrum/Wittdün dürfte ich etwa die Platten der Kinks nicht anrühren, käme allerdings auch niemals auf so eine Idee, diese Scheiben aus der Jukebox zu nehmen . Dort liebt man so außergewöhnliche Titel wie folgende vier Auskopplungen aus der LP Face To Face, nämlich: Party Line, Session Man, Rainy Day In June und Rosy Won´t You Please Come Home. In dieser Box befindet sich auch eine Scheibe von Gene Clark aus dem Jahre 1971 For a Spanish Guitar, eine Platte, zu hören bei offener Kneipentür, Blick zum Meer …

 

 

 

 

In Hörnum steckt auch eine kuriose Platte, sie ist nicht wegzudenken: J.B.Lenoir: Eisenhower Blues aus dem Jahr 1958. Hier wird auch sehr häufig John Cale gedrückt, z.B. mit seinem phantastischem Song Fear Is The Man´s Best Friend (1974). In Cuxhaven schwärmt man für Muddy Waters, besonders beliebt My Home Is In The Delta (1964), siehe auch die LP The FolkSinger, fantastisch!. Auch halten sich, was mich besonders freut, The Electric Prunes mit ihren beiden Singles I´ve Too Much to Dream last Night und Get Me To The World On Time in den Jukeboxen, das sind Sachen aus den Sechzigern, die hört man auf keinem Sender mehr, die Gruppe ist auch hierzulande damals nicht sehr erfolgreich gewesen, ich habe sie aber sehr gemocht und mir neben den Singles auch die LP Release On An Oath aus dem Jahr 1968 gekauft.

 

 

 

 

Eine unglaubliche Rarität steht freilich nur in meiner eigenen privaten Jukebox, eine EP von den Beatles. Diese Single sieht auf den ersten Blick aus wie eine Miniarturversion von der LP Rubber Soul, dann aber entdeckt der Kenner, dass unten in der Mitte des Covers zusätzlich Michelle aufgedruckt ist. Die EP enthält auf der S.A Michelle und Run For Your Life und auf der Seite B, Drive My Car und Girl. Diese Platte in einer Kneipenbox eingestellt, das wäre natürlich der Hammer, mit einem Drücken hätte man gleich zwei hervorragende Beatles-Songs.

In der letzten Woche war in der Süddeutschen-Zeitung eine Buchbesprechung von Thomas Steinfeld zu lesen. Es ging um ein Buch des Berliner Schriftstellers Friedrich Christian Delius. „Die Zukunft der Schönheit“. In diesem Buch wird von einer Begegnung mit Albert Ayler berichtet. Der Erzähler sei zu der Tagung der Gruppe 47 im Jahre 1966 nach Princeton eingeladen worden und anschließend wäre er nach New York gefahren und hätte dort in einen Jazzkeller in der Lower East Side Albert Ayler und seinen Free Jazz gehört …

Diese Rezension erinnerte mich an eine große schwarze Box, die seit vielen Jahren in meinem Plattenschrank steht und ständig vergeblich ruft, ich möge mich endlich mal wieder mit ihr beschäftigen. Nun, der Artikel hat mich dazu verführt, die Box aus dem Plattenschrank zu holen und abzustauben. 2004 hatte die englische Musikzeitschrift WIRE Albert Ayler Holy Ghost: Rare & Unreleased Recordings (1962-70) als Platte des Jahres ausgewählt (auf Platz 2 kam übrigens Sonic Youth: Sonic Nurse und auf Platz 3: Fennesz: Venice).

 
 
 

 
 
 

Ich dachte mir, okay, diese Box sollte in deinem Plattenschrank nicht fehlen und kaufte sie mir. Was für eine Überraschung: Man öffnet einen schön gestalteten schwarzen Kasten und erblickt zunächst ein in blaues Leinen gebundenes Buch, 208 Seiten, wunderschön gestaltet, bebildert, mit allen nur erdenklichen Informationen zu den neun CDs. Das hier abgebildete Foto des jungen Albert liegt ebenfalls in der Box, dann: eine gepresste Blüte, eine Notiz des Meisters auf Hotelbriefpapier geschrieben (Hotel Esplanaden / Kopenhagen), ein Werbeblatt des New Yorker Clubs “Slugs“ mit Hinweisen auf Konzerte im September und Oktober 1967, eine Schrift von Paul Haines: Ayler-Peacock-Murray- You And The Night And The Music, ein Auszug aus einem Heft The Cricket – Black Music in Evolution mit Aufsätzen zu Pharoah Sanders und Albert Ayler, eine CD, die sich in einer als Tonbandbox gestalteten Hülle befindet. Die CD enthält zwei Ayler-Titel: Tenderly und Leap Frog, aufgenommen am 14.September 1960. Ganz unten im schwarzen Kasten findet man dann endlich die neun CDs. Diese Musik zu hören, das erfordert schon Mut und Durchhalte-vermögen, wofür man dann letztlich aber belohnt wird: Free Jazz eben.

 
 

Folgende Musiker wirken auf den Aufnahmen mit: Albert Ayler (tenor saxophone), Herbert Katz (guitar), Teuvo Suojärvi (piano), Heikki Annala (bass), Martti Äijänen (drums), Cecil Taylor (piano), Jimmy Lyons (alto saxophone), Gary Peacock (bass), Sunny Murray (drums), Don Cherry (cornet),  Burton Greene (piano), Frank Smith (tenor saxophone), Steve Tintweiss (bass), Rashied Ali (drums), Don Ayler (trumpet), Michel Samson (violin), Mutawef Shaheed [Clyde Shy] (bass), Ronald Shannon Jackson (drums), Frank Wright (tenor saxophone), Bill Folwell (bass), Beaver Harris (drums), Milford Graves (drums), Pharoah Sanders (tenor saxophone), Chris Capers (trumpet), Dave Burrell (piano), Sirone (bass), Roger Blank (drums), Call Cobbs (piano, Rocksichord), Bernard Purdie (drums), Mary Parks (vocal, prob. tambourine), Vivian Bostic (vocal), Sam Rivers (tenor saxophone), Richard Johnson (piano), Richard Davis, Ibrahim Wahen (bass), Muhammad Ali (drums), Allen Blairman (drums) u.a. … Paul Bley fehlt in dieser erlauchten Liste, erstaunlich eigentlich.

 
 
 

 
 
 

Übrigens Thomas Steinfeld behauptet in seinem Artikel, Albert Ayler sei im Herbst 1970 im Alter von nur 34 Jahren gestorben, vermutlich habe er sich auf der Fähre zur Freiheitsstatue in den East River geworfen. Auf der website https://www.ayler.co.uk/ ist über seinen Tod folgendes zu lesen:

 

„Following his death, at the age of 34, there was the usual outpouring of conspiracy theories: that there was a bullethole in the back of his head; that he was tied to a jukebox; that the F.B.I. had killed him as part of their policy of assassinating all prominent Black figures; that the Black Power movement had killed him because he wouldn’t support the cause; that the Mafia had tied him to the jukebox because he refused to make any more rock`n`roll records for Impulse. But the simplest explanation is that it was suicide. Guilt over the treatment of his brother, and Don’s subsequent illness, the fact that his attempt to popularize his music had not only failed, but alienated the critics and fans who had supported him in the past, the cancellation of the Impulse contract, all could have combined to tip him over the edge. Albert Ayler was buried in Highland Park Cemetery, Beachwood, Cuyahoga County, Ohio on 4th December, 1970. The funeral was paid for by the US army (a benefit which every former serviceman is entitled to), and through some oversight, Albert Ayler’s gravestone implies that he died in Vietnam.“

 

HOLY GHOST rare & unissued recordings (1962 – 70) 9 CD Spirit Box

P.S. Cecil Taylor starb ab 5.April 2018. Er wurde 89 Jahre alt.

Diese interessante, hörenswerte Platte erscheint am 6.4.2018. Man kann sie auf npr.org schon jetzt hören.
 
 
 

 
 
 
Dazu Tom Huizenga:

 

Cellist Clarice Jensen says the music on her debut solo album solicits „meditation and disorientation“ — two words that, while not mutually exclusive, seem to suggest both a remedy for, and the reality of, a complicated world. On For this from that will be filled, Jensen extends the voice of the solo cello using loops, electronic effects and the thoughtful layering of textures and sounds. It might be labeled an ambient album, but the music isn’t always conventionally pretty. It’s not audio comfort food meant to induce a beatific smile or numb the mind. In its somber way, the album acknowledges an increasingly loud world while offering a safe harbor of drones topped with soaring, long-lined melodies. It actually does adhere to one of the tenets of ambient music, as spelled out by Brian Eno 40 years ago on his classic Music for Airports, in that it accommodates „many levels of listening attention without enforcing one in particular.“

Bunita Marcus

 

Am 11. Januar schrieb ich an dieser Stelle (Plattenschrank 154) unter anderem über eine Schallplatte, die für mich das Jahr 2018 eingeläutet hatte: Morton Feldman – For Bunita Marcus, am Piano: Marc-Andrè Hamelin. Hans-Dieter Klinger äußerte sich am 12.Januar ausführlich dazu. Von Bunita Marcus hatten wir beide nie gehört und wollten damals wissen, wer diese Künstlerin eigentlich ist. In seinem Artikel wies Hans-Dieter auf ihre Biographie hin, auf entsprechende Seiten im Internet und auf eines ihrer Werke: Bunita Marcus – Sugar Cubes. Unter diesem Titel erschien eine CD mit fünf Ersteinspielungen von Kammermusik- und Solowerken von Bunita Marcus, sowie eine 1983 von Morton Feldman verfertigte, bislang unveröffentlichte Orchestrierung des Klavierstücks Merry Christmas Mrs. Whiting. Das ganze brachte das für mich damals gänzlich unbekannten Label Testklang heraus. Das Label Testklang definiert seine Arbeit so: Testklang sei ein Label für klassische und zeitgenössische Musik. In aufwändigen Editionen präsentiere das in Berlin ansässige Label Konzeptalben von herausragender Qualität. Testklang verbinde Musik, Film, Dichtung und Gestaltung.

Neben Bunita Marcus – Sugar Cubes finden sich im Katalog noch: Jig for John, diese CD präsentiert die Klavierfassung von John Cages 16 Dances // Tracking Pierrot: beinhaltet Schönbergs Pierrot Lunaire. Dann: Pierrot Lunaire von Johannes Schöllhorn (1992), Palmström von Hanns Eisler und zwei Aufnahmen der Open Form Komposition Tracking Pierrot von Earle Brown // Palimpsesto enthält Aufnahmen von Werken der zeitgenössischen spanischen Komponisten Hèctor Parra, Elena Mendoza, Alberto Posadas und Juan María Cué. // Schließlich findet sich im Katalog noch Luc Ferraris Journal Intime // 

Die CD/DVD Sugar Cubes hat inzwischen ihren Platz in meinem Plattenschrank gefunden und ich möchte sie an dieser Stelle sehr empfehlen. Nicht nur ist die Musik für die Liebhaber von Klängen aus dem Umkreis von Morton Feldman sehr interessant, die ganze Aufmachung, die Gestaltung der CD hält, was Testklang verspricht. Am Klavier hören wir übrigens Marc Tritschler, ein Interview mit ihm, auch über das Label Testklang findet sich hier …

 
 
 

 
 

Auf den vom SWR veranstalteten Donaueschinger Musiktagen (2017) wurde eine Komposition von Bunita Marcus uraufgeführt: White Butterflies. Die Komponistin schreibt über das Stück:

 
 

White Butterflies wurde für die Flüchtlinge unseres Planeten geschrieben. Es ist ein Versuch, einen inneren sicheren Ort zu schaffen in einer Welt des Verlusts und der Hoffnungslosigkeit. Mit diesem Stück ziele ich auf die Chakren und die Aura der Hörer. Jeder Klang ist im „persönlichen Klangraum“ eines jeden Hörers verankert und hallt in ihm wider. … Unser ganzer Körper hört und spürt die Schwingungen der Musik; es ist nicht allein unser Ohr und unser Verstand, der dies tut. Lange Zeit habe ich die winzigsten Elemente der Musik untersucht, die die Art und Weise verändern, wie wir fühlen. Ich habe die Subtexte betrachtet, die inneren Gefühle, die durch Musik hervorgerufen werden. …“

 
 

Der vollständige Artikel findet sich auf der Seite des SWR; unter dem Stichwort Donaueschinger Musiktage 2017 kann man sich das Programmheft herunterladen und findet auf der Seite 188f den zitierten Aufsatz.


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