Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

2021 20 Sep

Linguistic Change

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | No Comments

 


Jazzfest Berlin 2016

 

Jacky Terrasson ist ein technisch brillanter Pianist, ein außerordentlich einfallsreicher Improvisateur. Ob er irgendwann einmal in der Galerie der Jazzpianisten in die Klasse von Oscar Peterson, Dave Brubeck, Bill Evans, Keith Jarrett, Chick Corea et alt. aufgenommen wird weiß ich natürlich nicht. Ich vermute, das wird eher nicht der Fall sein und zwar deswegen, weil er keine sensationellen Ausblicke öffnete wie Dave Brubeck mit seinen rhythmisch-metrischen Neuerungen (im Jazz), wie Keith Jarrett mit seinen atemberaubenden Solorecitals, weil er nicht Mitglied einer Miles Davis Band gewesen ist, weil er …

In meiner persönlichen Jazzpianisten-Galerie nimmt er einen Platz in der Ersten Klasse ein. Ich wurde auf ihn aufmerksam im Jahr 2006 oder 2007 durch eine Aufzeichnung des Auftritts des Ron Carter Trios bei der 37. Jazzwoche Burghausen, wo es eine grandiose Version von My Funny Valentine (Video) zu hören gab. Das komplette Konzert kann hier aufgerufen werden

Ron Carter – ich muss nicht betonen, dass er einer der größten Bassisten des Jazz ist – war Mitglied des legendären Zweiten Miles Davis Quintetts. Miles Davis war immer Avantgardist, und die Mitglieder seiner Bands waren es somit unvermeidlich ebenfalls. Ron Carter würde ich schon lange nicht mehr zu den Avantgardisten zählen, es sei denn, man erachtet die Rückkehr zur Interpretation der klassischen Standards als ‚Avantgardie‘. Keith Jarretts geradezu radikale Reminiszenzen wirkten durchaus avantgardistisch nach einer Phase der Weigerung, sich des Amerikanischen Songbooks zu bedienen. Ron Carter spielt gerne die alten Standards, auch Jacky Terrasson schätzt sie und gibt sie zurück als wunderbare Erscheinungen auf gleich hohem Niveau wie Keith Jarrett. Er spielt auch Eigenkompositionen oder bedient sich jüngerer Popsongs.

Nun denn, das mediale Erlebnis des Burghausener Konzerts veranlasste mich, mein erstes Jacky Terrasson Album zu erwerben.

 

 

Es gehört zu den meist gehörten Jazzpiano-Alben meiner Sammlung und enthält eine Fülle von Perlen, darunter die für mich schönste Version von NARDIS. Das Titelstück Smile verdient es, in die Hall of Fame des Jazzpianos aufgenommen zu werden. Es ist ein Meisterwerk. Den unscheinbar einfachen Song hat Charlie Chaplin komponiert, und wohl deswegen ist er noch am Leben. Terrasson versetzt ihn vom 4/4 in den 5/4 Takt, und zwar mit einer Feinheit und Leichtigkeit, dass man es selbst als ausgefuchster Hörer kaum spürt. Über ausgedehnte Räume rückt das Fünfer-Metrum kaum wahrnehmbar in weite Ferne, ist aber immer präsent. Wunderbar, und hier zu bestaunen.

Mit dem Hören von Jackys Alben habe ich mich nicht zufrieden gegeben. Ich wollte ihn auch live erleben. Er gastiert nicht sehr häufig in Deutschland. Im Jahr 2009 konnte ich ihn im Kleinen Saal der Laeiszhalle Hamburg hören. Unter den Stücken des Albums SMILE ist eine Version von Stevie Wonders Song Isn’t She Lovely?, die mir ein unfassbares pianistisches Rätsel blieb für lange Zeit, spielt Terrasson doch ausgedehnte Girlanden zweistimmig im Intervallabstand einer kleinen Sekunde – eigentlich unmöglich. Nach dem Auftritt seines Trios in der Laeiszhalle bat ich ihn um die Lösung des Rätsels. Davon berichte ich in comment #1

 

HERR OBER, BITTE ZAHLEN !!!

ja, gerne
in der letzten Woche ist in München niemand an COVID verstorben.
in der letzten Woche gab es auf den Städtischen Friedhöfen 98 Beerdigungen.

 

Eine ganze CD unbegleiteten Bass-Soli zu widmen, scheint ein großes Wagnis zu sein, aber einigen wenigen Virtuosen mit Vorstellungskraft und immensem Können ist dies gelungen. Ich nehme an, fast alle Leser*innen&außen finden wenigstens ein Piano Solo Album in ihrer Audiothek. Aber wer kann ein Double Bass Solo Album aus dem Plattenschrank ziehen? Gregor schaut hier nicht mehr vorbei, ihm würde ich das zutrauen. Die Tür zu den comments ist offen. Dort kann man Geständnisse – oder Bekenntnisse, wenn einem das lieber ist – ablegen.

Ich fange gleich mal selbst an: ich besitze ein Double Bass Solo Album – ein einziges. Nicht weil ich Kontrabass spiele ist es in meiner Sammlung, sondern weil mir der Bass Player dieser CD ans Herz gewachsen ist. Er hat für mich – und das ist objektiv nicht maßgeblich – den wunderschönsten Ton aller Jazzbassisten. Schließlich spielt er auf einem edlen Instrument, das um 1715 gefertigt wurde. Außerdem hat er ein Stück komponiert, das den Titel Kronach Waltz trägt. Dragonetti’s Dream heißt das Album. Das einzige nicht von ihm erfundene Stück ist die eindringliche Interpretation von Jade Visions, einem herrlichen Stück des tragisch früh verstorbenen Bassisten Scott LaFaro.

Nunmehr sind drei Bassisten eingeführt, darunter Scott LaFaro, der nie ein Double Bass Solo Album eingespielt hat, dessen überragende Bedeutung im Jazz zu würdigen ich lieber Dave Holland überlasse.

 

The bass has become something like the fourth melody voice in the quartet. Wasn’t Scott LaFaro the major reason for that?

Wer war es nun, der die ersten Kompositionen für Basso Solo geschrieben hat und als Solist mit seinem Instrument für Furore sorgte?

Es war Domenico Carlo Maria Dragonetti (1763 – 1846), genannt ‚Il Drago‘

 
 

 
 

Domenico Dragonetti war der Scott LaFaro des 18. und 19. Jahrhunderts, gut Freund mit großen Zeitgenossen, darunter Ludwig van Beethoven, den er persönlich getroffen hat. Ich nehme an, dass ohne Dragonettis Besessenheit die wilde Kontrabass-Partie im Trio des Scherzos von Beethovens Fünfter Sinfonie nicht in die Welt gekommen wäre.

 

 

Irgendwann muss jemand das erste Kontrabass Solo Album des Jazz gewagt haben. Ich weiß es leider nicht genau, lege mich aber fest auf Dave Hollands Emerald Tears. Sechs Jahre vorher hat er zusammen mit Barre Phillips diese eigenartigen tiefgründigen Klanglandschaften erkundet mit Music from Two Basses.

 
 

 
 

Nun ist mit Marc Johnson der Fünfte in den Kreis der Bass Soloists of September eingetreten. Und er bekennt, dass Dave Hollands legendäres Album nicht ganz schuldlos ist. Ich kenne seine Kunst vor allem von den beiden Bass Desires Alben und den späten Auftritten des Bill Evans Trios. Mit OverpassThe Album of September – ist Marc Johnson am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen. Meine Favoriten des Albums findet man in den Klanghorizonten des August 2021.

 
 
 

 
 

Wer den Click raus hat, findet in diesem Beitrag zwei hochinteressante Hörbeipiele.

Vorbemerkungen

 

Im Spiegelbild bleiben Oben und Unten oben und unten, Links und Rechts werden vertauscht. Ich habe meinen Aventho Wireless Kopfhörer eingepackt, dazu einen Bluetooth Transmitter. Das Verheddern in einem Kabel kann nicht passieren, ich kann mich also drehen und wenden. Und sogar beim Miktieren kann ich weiterlauschen.

Die mir verfügbaren Räume sind ein großes Zimmer mit Tischen, Stühlen und Bett, eine Toilette und weite Zeiträume. Nein, ich bin kein Querdenker, den man für ein paar Tage vergittert hat …

Fast wäre es mir gelungen – zum ersten Mal überhaupt – die Klanghorizonte real time von Anfang bis Ende anzuhören. Das bleibt wohl für immer Martina vorbehalten. Die ersten drei Stunden habe ich aufmerksam durchgehalten und bin nicht ein einziges Mal eingeschlummert. Dann aber musste ich aufgegeben.

Nach dem Wiedererwachen hörte ich die 4. und 5. Stunde an dank der vom DLF bereit gestellten Links. Die leeren Zeiträume gestatteten mir, die ersten beiden Stunden ein zweites Mal anzuhören, und zwar in der Weise, dass ich den Tracks Punkte zugewiesen habe, eine Skala von 0 bis 10 anwendend. In wenigen Fällen vergab ich das Attribut norepeat, womit ich Musik meine, die ich absichtsvoll kein zweites Mal anhören würde.

Um es vorweg zu nehmen: die Klanghorizonte August anno domini*ae 2021 enthielten nicht ein einziges Stück, das ich mit 0 Punkten bewerten würde! Und das, wo es unter den historischen Klanghorizonten die Fülle gibt an zero-points-pieces. Für mich war es eine von M.E.s besten fünfstündigen Kompilationen. Natürlich ist das nicht Ausdruck eines absolut objektiven Sachverhalts. Darin ruhen auch subjektive Geschmacksempfindungen. Ich mag zum Beispiel kein Kakaogetränk. Unvergessen: als ich im Kindergarten genötigt wurde, eine Tasse Kackau zu trinken, kotzte ich alles auf den Holzfußboden.

Ich meine – ohne dessen gewiss zu sein – dass Wolfgang Gottlieb Mozart hierzublogge schon mit 0 Punkten abgefertigt wurde. Maarten ’t Hart hätte das nicht getan!

 

In Heiligerlee konnte ich sachliche Musik auflegen, nicht Mozart, den auf keinen Fall, der hat das Patent auf echte Leidenschaft

So steht es geschrieben im Kapitel Furieade von DER NACHTSTIMMER. In meiner Kindheit löste Mozarts Musik ein Kribbeln und Schauern von Kopf bis Fuß, zurück und wieder zurück aus, sobald die ersten Töne erklangen. Ich habe schon sehr lange nichts mehr von Mozart fokussiert angehört. Vor wenigen Wochen jedoch brachte 3sat die Aufzeichnung des Konzerts der musicAeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis aus Salzburg. Ich habe aus Neugier hineingehört – schließlich sorgt Currentzis in der Klassik-Szene für Aufruhr. Ich konnte mich nicht mehr davon stehlen. Es war unglaublich fesselnd, zu hören, was das Ensemble aus den letzten Mozartschen Sinfonien in g-Moll KV 550 und in C-Dur KV 551 freilegte. Overwhelming like the Miles Davis Septet in Munich 1971. Wie man sieht: Äpfel und Birnen kann man vergleichen – ich wenigstens kann das. Ich vermute, nur wenige der hier Lesenden kennen Currentzis. Ich weiß, dass Brian Eno ihn kennt.

 
 

Stunde 1

 

track 1
8 Punkte
schönes elektronisches Ambiente für eine Singstimme mit interessanter Aura

track 2
5 Punkte
als Musique d’ameublement geeignet / Überlänge nach nettem Anfang / norepeat

track 3
9 Punkte
wow! toller Groove / listige Piano Harmonien / Text, der was taugt

track 4
9 Punkte
wunderbar free! / ein Percussionist mit endloser Fantasie
Rumpelstilzchen flüstert: merkste was?

ja schon, irgendwie. Hat der DLF seine zarte dynamic compression aktiviert? Ich werde das anhand der Originalaufnahme checken.

track 5
8 Punkte
vgl. track 3

track 6
3 Punkte
is net meins / norepeat

track 7
6 Punkte
Überlänge

track 8
9 Punkte
Marc Johnson, sehr sensible stimmungsvolle freie Improvisation
exzellente Intonation, blitzsaubere Quinten (ein hochempfindliches Intervall)
wunderbar humane Retrospektive zum Songtitel

 

Stunde 2

 

track 1
7 Punkte
schönes elektronisches Ambiente für eine Singstimme mit interessanter Aura

track 2
8 Punkte
siehe track 1
die Stücke dieser Band machen neugierig auf das gesamte Album

track 3
6 Punkte
das Stück passt gut in die Sequenz der zweiten Stunde, ist aber nicht mein Ding
Musique d’ameublement

track 4
9 Punkte
große Klasse, siehe Stunde 1 track 3

track 5
9 Punkte
eine prächtige rhythmische Savanne
skurrile Klangwesen durchstreifen zunehmend das Land
Schüsse von Wilderern, alles Fehlschüsse

track 6
9 Punkte
alles schon gesagt zu diesem Album

track 7
6 Punkte
Überlänge, noch mehr Fehlschüsse / vgl. track 3

track 8
0,5 Punkte
Eno Radio Station
schade kostenpflichtig, da mach ich nicht mit, deshalb fast zero points
ich habe noch gar nicht sämtliche Orgelwerke von J.S. Bach und Olivier Messiaen angehört
es gibt genug Brian Eno Alben bei Qobuz

 

Stunde 3

 

all tracks
9 – 10 Punkte
ich höre alte Bekannte mit zeitlosen Stücken und einen fabelhaften double bass player
Jacky Terrassons Album Smile ist eines der schönsten Piano Trio Alben des Jazz

 

Stunde 4

 

track 1
8 Punkte
interessante, dichte Percussion
ich musste an Glen Velez denken, eines der Instrumente klingt wie ein Bodhrán

track 2
10 Punkte
magisch
die Orgel klingt wie ein Harmonium
ein langes Stück ohne Überlänge, es könnte immer weiter tönen …

track 3
9 Punkte
für mich schwer geografisch einzuordnen, es wirkt nordafrikanisch bzw. süd-mediterran
es könnten ausschließlich akustische Instrumente sein, evtl. wirken auch Singstimmen mit
es wirkt völlig unbeleckt von westlichem Kulturimperialismus

track 4
10 Punkte
der Hammer der Nacht
musikalisch wird demonstriert, wie spannend repetitive Musik sein kann
allein den e-bass zu verfolgen ist ein Abenteuer
und dann noch das herrliche call-response-Spiel von Keyboard und Guitar (?)
ich habe seit Monaten nicht mehr an Miles Davis‘ Jack Johnson gedacht – aber jetzt!
und die Stimme! erotisch und intellektuell kühl zugleich
der Text muss brillant sein – ich möcht ihn lesen

tracks 5 bis 8
7 bis 8 Punkte
Stunde 4 ist ein Gebinde repetitiver Musik
welcher Abwechsungsreichtum, welche Spannung!

 

Stunde 5

 

part A
3 Punkte
wüsste ich nicht, dass ein Trompeter die erste Geige spielt (schiefes Bild),
dann würde ich nicht auf die Idee kommen, dass hier trompetet wird
ich weiß gar nicht, wie das Effektinstrument heißt, welches den Trompetenton
zu einem mehrstimmigen, synthetisch klingenden Chor vervielfacht
norepeat

part B
10 Punkte
Don Cherry und seine Family präsentieren den humansten Beitrag der 5 Horizontstunden
dieser Auftritt ist ein rares Beispiel für große „ungekünstelte“ Kunst

 

(reloaded: siehe catch, ahem, comment 22 …)
 

Das Schreiben eines Blogbeitrags beginnt mit dem Erfinden einer Titelzeile. Ich hätte den Artikel sicher schon vor 4 oder 5 Wochen geschrieben, wäre mir eine bessere eingefallen. Ob Steven Wilson freundlich oder vornehm ist, weiß ich nicht. Für einen Giganten halte ich ihn schon.

Ich kenne zwar kaum seine Musik, aber ich habe vor Jahren bei einem Manafonistischen Preisausschreiben per Losglück ein Album gewonnen, nämlich King Crimson Three of a Perfect Pair. Das Titelstück gehört zu den 10 Number-One-Pieces des Prog-Rock. Ich bekam nicht das Original-Album, sondern den Remix von Steven Wilson mit exzellenten Stereo & Multichannel Abmischungen.

 
 

 
 

Eigentlich hätte mir Steven Wilson schon viel früher bekannt sein können, denn ich hatte einige Gentle-Giant-Vinyls nachgekauft, und zwar digitalisierte Versionen mit 4.0 bzw. 5.1 Abmischungen. Weil auf diesen Datenträgern das Kleingedruckte noch kleiner ist, fiel mir der Name Steven Wilson in den Druckbeilagen nicht auf. Im Frühjahr diesen Jahres wurde die Steven-Wilson-Edition des Albums Free Hand von Gentle Giant annonciert. Ich habe sofort bestellt und das Kunstwerk pünktlich am Tag des Erscheinens erhalten.

Nach Gentle Giant hat mich keine Band aus dem Bereich Pop-Rock-oder-wer-weiß-wie-das-heißt mehr interessiert. 1971 habe ich sie kennengelernt und das gleich live. Ich wusste damals gar nicht, dass eine Band diesen Namens überhaupt existiert. Am 6. April 1971 war Colosseum in der Meistersingerhalle zu Nürnberg zu Gast. Die Bühne betraten aber zunächst 4 Musiker mit Streichinstrumenten. In meiner Erinnerung wurde daraus ein Streichquartett. Das kann jedoch nicht stimmen, denn nur Ray Shulman und Kerry Minnear spielen Violine bzw. Violoncello. Die Überraschung war groß bei diesem Anblick, noch vor den ersten Tönen. Was machen die Nichtstreicher? Sie traktieren das Violoncello wie ein Perkussionsinstrument, während Kerry Minnear fiedelt. Artrockig wurde es auch noch. Als sie Platz machten für Colosseum war ich überwältigt. Mein Urteil beim Verlassen des Saals: die Vorband war das absolute Highlight dieses Abends. Ob eine Mehrheit dieser Ansicht war, ist ungewiss. Schließlich kam das Publikum Colosseums wegen. Gentle Giant versuchte gewiss als Warmup renommierter Bands in der Rockszene Fuß zu fassen. Ray Shulman erzählt:

 

 

 

 

Dass ich derart hingerissen war und es immer noch bin, liegt an meiner selbstgewählten musikalischen Sozialisation. Ich komme von der Klassik her, Kerry Minnear ebenfalls. Er ist aber keiner jener unsäglichen Klassikrocker, die es um die 70er Jahre zu Hauf gab und denen es prächtig gelang, Bach und Beethoven und Tschaikowsky und … zu versauen. Minnear beherrschte polyphone Satztechniken, mochte offensichtlich Musik der Renaissance und bediente sich nie bei den alten Meistern.

Wenn einer Band das Attribut Art Rock verliehen werden darf, dann Gentle Giant. Eines der brillantesten Stücke dieses Genres ist On Reflection. Es weist eine übersichtliche A1-B-A2 Form auf. Der A-Teil ist ein virtuoses, vertracktes Fugato. B erinnert an englische Vokalmusik der Zeit um John Dowland.

 

A1 vokal und vokal/instrumental colla parte
B
A2 instrumental, einen Halbton höher als A1

 

On Reflection Steven-Wilson-Remix 2021 – YouTube Video

 

In einem wunderbaren, berührenden Interview spricht John Weathers – Drummer von GG seit 1972 – über dieses bedeutende Album, über die Musiker, die alle virtuose Multiinstrumentalisten sind. John ist ein Perkussionist, der tief im Rock verwurzelt ist und der intellektuellen Dimension dieser Musik herrlich erdigen Groove schenkt.

 

 

Zjkl

Just the Same

Steven-Wilson-Remix 2021 – YouTube Video

Free Hand ist das erste Album, welches in meiner Jahresliste 2021 erscheint. In comment#1 stehen weitere Links, u.a. zu den vollständigen Interviews mit Ray Shulman und John Weathers, zu einem Liveauftritt der Band 1974.

 

 

Riff – public domain

2021 6 Aug

NARDIS

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 8 Comments

Vielleicht haben Herr Klinger oder Mr. Whistler oder sonst jemand eine Lieblingsversion dieser berühmten Jazzkomposition (Michael Engelbrecht)

 

Das stärkste, erhebendste und reinste Wohlgefallen ist – dies ist meine Überzeugung – in der Betrachtung des Schönen zu finden. Sprechen nun die Menschen von Schönheit, so meinen sie streng genommen nicht, wie zu erwarten wäre, eine Eigenschaft, sondern eine Wirkung: sie beziehen sich, kurz gesagt, auf jene starke und reine Erhebung der Seele – nicht des Verstandes oder des Herzens – die in der Betrachtung des „Schönen“ erfahren wird. Daher bezeichne ich Schönheit als die Domäne der Poesie.

Wenn ich also die Schönheit als mein Gebiet betrachte, so bezieht sich meine nächste Frage auf ihre höchste Ausprägung – und alle Erfahrung hat gezeigt, dass dies ein Ton von Wehmut ist. Die Schönheit, gleich welcher Art, erregt in ihrer höchsten Entfaltung die empfindsame Seele stets zu Tränen. Die Melancholie ist also der legitimste aller poetischen Töne.

nach Edgar Allan Poe – The Philosophy of Composition (1846)

 

NARDIS ist einer der schönsten Jazzsongs überhaupt, eine Erfindung von Miles Davis. Er hat seine Komposition wohl nie selbst eingespielt. Bill Evans erschuf das umfassendste Kompendium dieses wunderbaren Stückes – eine Welt für sich. Niemand hat die tiefe Melancholie dieser Melodie so freigelegt wie Bill Evans in fast balladesken Versionen, in verzweifelt ruppigen up-tempo Variationen wie jener aus Paris vom 26. November 1979 mit seinen Partnern Marc Johnson und Joe LaBarbera 10 Monate vor seinem Tod.

 
 
 

 
 
 

Außerhalb der Bill-Evans-Nardis-Welt finde ich auch Lieblingsversionen. Mich sprechen die luziden langsameren Versionen an, etwa die des John Abercrombie Quartet mit Marc Copland, einem meiner höchst geschätzten Jazzpianisten (ECM 2528).

Mein Favorit ist jedoch Jacky Terrassons Darbietung, nicht weil es die langsamste ist, die ich kenne. Sie trifft mich immer in der Seele. Sie findet sich auf dem von mir meist gehörten Piano Trio Album meiner Sammlung. Dafür muss es Gründe geben. Terrasson sounds like nobody else, and this CD ist full of surprise and delight.

 

Maurice Ravel bekannte, dass „mein Lehrer in Komposition Edgar Allan Poe war, wegen der Analyse seines wunderbaren Gedichts ‚Der Rabe‘. Poe lehrte mich, dass wahre Kunst auf einem perfekten Gleichgewicht zwischen reinem Intellekt und Emotion beruht.‘

Mattering and Meaning ist ein Album, das erst im August erscheinen wird. Ich habe das komplette Album angehört ohne die Zukunft aufsuchen zu müssen. M.E. lässt mich an seinen Zeitreisen teilhaben, weil ich seine Mitbringsel für Sendungen des DLF aufbereite. Dan Nicholls heißt der Künstler, den ich nicht kannte. Es gibt eine Menge Musik, die M.E. gefällt, mir aber nicht. Es sind vor allem ereignisarme ambientige Klangflächen, gegen die mein von analytischem Hören geprägtes Immunsystem Antikörper entwickelt hat. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben heißt es, und ich weiß aus Erfahrung, dass man ein Album nicht vor dem Verklingen des letzten Tons in die Tonne werfen darf.

 
 

 
 

Mattering and Meaning startet mit dem Titel Papa und empfängt den Hörer mit low-fidelen Pianoklängen, spielerisch improvisierten Figuren, garniert von elektronisch erzeugten Klangpartikeln und Klangflächen. Unverkennbar auch die Neigung mit Loops zu gestalten. Nun denn, seit der Erfindung der Minimal Music gehört das zum Vokabular zeitgenössischer Musik wie die Kadenz zur Alpenländischen Volksmusik. Yeh Yeh, das zweite Stück, könnte ich genauso beschreiben wie No. 1. Die low-fidelen Pianoklänge, die Loops sind weiterhin präsent, ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Album. Ich fing schon an, kleine Ressentiments aufkeimen zu lassen. Aber im Verlauf von Fermentation gefiel mir das Aroma dieser Musik immer besser und ich legte den analytischen Kopf-Hörer beiseite. Die quirligen Pianofiguren von Breathe versinken in reizvollen elektronischen Klangwolken, aus denen Überreste eines Vortrags auftauchen. Spricht da Dan Nicholls zu mir?

Erstmals Text in einem instrumentalen Album! Das muss doch ein gewisses mattering oder meaning transportieren. Vielleicht hilft M.E. weiter und liefert eine kurze Zusammenfassung. Ich habe ein wenig über den Albumtitel nachgedacht. Nimmt man ein Wörterbuch zur Hand, dann wird für „to matter“ wie für „to mean“ die Übersetzung „bedeuten“ angeboten (natürlich nicht nur diese). Doch gibt es sicher einen feinen Unterschied. Wenn nicht, wären die Fragen „what is the meaning of mattering“ und „what is the mattering of meaning“ gleichbedeutend.

Der Verzicht auf brillanten Klavierklang scheint mir ein Stilmittel des Albums zu sein. Es lässt mich an home recording denken, zumal in Keep Doing Positive Things ein Kind – Nicholls‘ Tochter oder Sohn? – schreit und juchzt. Dan Nicholls ist ein fantasiereicher Klangbastler. Je später das Album, desto zahlreicher erklingen synthetische Klänge, besonders ansprechend im längsten Stück Lou (The Posthuman Reverberates). Heute habe ich das Album mit Genuss ein zweites Mal angehört und dadurch neugierig geworden mich nach mehr Wissenswertem über Dan Nicholls im Internet umgesehen.

 
 

 
 

Auf seiner Webseite sind Videos verlinkt – mit bis zu 2 Stunden Spieldauer – die nachdrücklich Einblick gewähren in seine Klangexperimente. Auf SOUNDCLOUD ist Einiges zu finden, auch 2 Vorabveröffentlichungen aus dem hier vorgestellten Album. Besonders angetan hat es mir ein Duo mit der Sängerin Lauren Kinsella, vor 7 Jahren live aufgenommen @BBC Proms Plus. Ein Seitenblick auf discogs, wo ersichtlich wird, mit welchen anderen Künstlern Dan Nicholls kooperierte, brachte Erstaunliches zu Tage für mich. Unter den mir wenigstens vom Hörensagen bekannten Namen fand ich vor:

 
– Shabaka Hutchings
– Frank Möbus, auf dem Umweg über …
– Oli Steidle & the killing Popes
diese Band hat zwei absolute Kracher-Alben veröffentlicht

Anlässlich des Ausbruchs der Rediscovery-Manademie, möchte ich einen Film von Mauricio Kagel, dem größten Schlitzohr der sogenannten Neuen Musik in Erinnerung rufen.

 
 
 

 
 

Höchstwahrscheinlich irre ich mich mit der Annahme, Erinnerungen wachzurufen. Die Wenigsten, wenn überhaupt jemand der hier Vorbeischauenden kennen vermutlich diesen funny look at Beethoven. Keine Angst! Der Film ist garantiert frei von Weihrauch. Wer auf das 3 Zentimeter entfernte Bild klickt, kann das Movie ansehen. Ich habe time stamps gesetzt zum schnellen Erreichen besonderer Stellen. Der Film ist auf DVD in meiner Sammlung. Wie man auf der amazon-Seite sieht, eignet sich die Edition als Kapitalanlage, bevor sie out of stock ist.

2021 12 Jul

Auszeit

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  7 Comments

Vor zwei Tagen holte ich aus dem Postkasten ein Packerl, gefüllt mit feinen Überraschungen. Besonders angetan hat es mir ein Album mit dem Titel TIMEOUTTAKES. Robinson Crusoe hätte das bestimmt für ein seltsames Wort gehalten, diese Collage, diese Verklebung der Wörter ‚time out‘ und ‚outtake‘. Mit time out hätte Robinson sicher etwas anfangen können, hatte er doch auf einer namenlosen Insel eine Auszeit genommen – wenn auch unfreiwillig. Und outtake, Ausschuss, Gerümpel sammelt sich doch in jedem Haushalt an.

Man findet derzeit bestimmt Personen, denen TIMEOUTTAKES nichts sagt. Ach was, es gibt genug Leute, die an diesem Wort achtlos vorbeigehen würden, falls es ihnen überhaupt begegnet. Man muss schon Dave Brubeck und sein legendäres Quartett kennen, um den Hintergrund zu verstehen. Ich kenne das Dave Brubeck Quartet nicht nur, ich liebe es. Erroll Garner und Dave Brubeck waren die door opener zum Jazz als ich Teenager war. Die Alben jazz RED HOT AND COOL, Gone with the Wind und At Carnegie Hall waren meine ersten und jahrzehntelang einzigen Brubeck-Alben. Das wohl berühmteste Album des Dave Brubeck Quartets – Time Out – habe ich mir tatsächlich erst vor wenigen Jahren zugelegt. Im englischen Wikipedia-Artikel liest man darüber:

 

The album peaked at No. 2 on the Billboard pop albums chart, and was the first jazz album to sell a million copies. The album was selected, in 2005, for preservation in the National Recording Registry by the Library of Congress as being „culturally historically or aesthetically significant“.

 

Der Grund für den außerordentlichen Erfolg der Schallplatte war Take Five – ein Stück, das im Jahr 1961 im Bayerischen Rundfunk wochenlang auf Platz 1 der Schlager der Woche stand. Es werden damals nicht alle Schlagerfuzzies gemerkt haben, dass Take Five im 5/4-Takt daher kommt. Diesen Satz habe ich DeepL anheim gestellt und folgendes Resultat erhalten:

 

Not all Schlagerfuzzies will have noticed at the time that „Take Five“ is in 5/4 time.

 

Na also! „Time“ ist das englische Wort für „Takt“ und „Time Out“ bedeutet nicht „Auszeit“, sondern mit Verlaub frei übersetzt „Ausbruch aus den konventionellen Takt-Mustern“ des Jazz, als da sind 4/4-Takt wie in Blues March und 3/4-Takt wie in Jitterbug Waltz. So ist das Thema von Blue Rondo à la Turk im 9/8-Takt geschrieben, wobei die Binnenstruktur dieses Neuners (vorwiegend) 2 2 2 3 ist. Béla Bartók bezeichnet so etwas als ‚Bolgár Ritmus‘.

Time Out ist eines der rhythmisch innovativsten Alben der Jazzgeschichte. Aber heutzutage sind derartige rhythmische Strukturen nichts Ungewöhnliches mehr. Man möge sich nur umhören bei Nik Bärtsch, Jacky Terrasson, King Crimson, Gentle Giant, Don Ellis – meine heißesten Empfehlungen am 12. Juli 2021 …

 

 

 

 

 

 

Das Packerl vom 10. Juli 2021 hat für mich Dave ‚Dornröschen‘ Brubeck wieder erweckt. Das Quartet kommt auf dem Album TIMEOUTTAKES daher in blühender Schönheit, unverbrauchter Frische, auch aufnahmetechnisch vollendet. Kein Wunder! Der verantwortliche Toningenieur war der aus München stammende Fred Plaut, welcher auch für die brillante Aufnahmequalität von Miles Davis‘ Kind of Blue sorgte.

Die Musik des Dave Brubeck Quartet ist von wunderbarer Eingängigkeit und steckt doch voller raffinierter musikalischer Rätsel, die zu knacken mir ein Vergnügen ist, welches das Lösen von Kreuzworträtseln um das 1001-fache übersteigt. TIMEOUTTAKES ist ein Meisterwerk, das dem 1959 veröffentlichten Time Out in nichts nachsteht, es meiner Meinung nach sogar übertrifft. Das Showpiece Take Five gefällt mir in der Fassung des Outtake-Albums viel besser. Es ist zupackender wegen des deutlich schnelleren Tempos, es ist konsequenter im Featuring von Drummer Joe Morello. Sein Solo ist unbegleitet von Brubecks Piano Figur. Morello leitet das Stück ein mit einem Beckenrhythmus, der seine offensichtliche Simplizität in dem Moment verliert, wenn das berühmte 5/4-Lick im Klavier erscheint.

 

 

 

 

 

hier gibt es dies zu hören (falls man auf das weiße Dreieck links außen klickt):

 

– singing blackbird in front of my open window
– Beckenrhythmus (mittels copy/paste vervielfältigt)
– Beckenrhythmus (mit metronomischem beat unterlegt, 4 Zählzeiten !!!)
– Anfang Take Five (mit unterlegtem Zählen, leider teilweise unpräzise)
– Anfang Take Five (ohne Zutaten meinerseits)


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz