Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

2019 29 Jan

Olompen

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Ich schreibe hier selten über neu erschienene Alben. Meistens sind es Rückblicke auf Klassiker oder Konzerterlebnisse – längst stattgefundene oder frisch erlebte. Aus diesem Grunde sind meine Jahreslisten kurz und enthalten oft weit zurückblickende Reviews. Man gestatte diesen holprigen Pleonasmus. Manchmal mache ich mir Gedanken, warum das so ist. Ein paar persönliche, nur auf mich zutreffende Antworten habe ich. Diese zum Beispiel.

In meinen ganz jungen und den noch jungen Jahren war die Welt ein Buch mit unendlich vielen ungeöffneten Seiten. Das ist es auch heute noch, obgleich es weniger unendlich viele Seiten zu sein scheinen als vor sechs Jahrzehnten.

Ich erinnere mich an eine meiner ersten Geigenstunden. Ich war damals 9 Jahre alt. Nach dem Schrubben auf leeren Saiten und den ersten Griffübungen kam endlich eine vollständige Tonleiter zur Aufführung, G-Dur – grifftechnisch simpel und nur ein Saitenwechsel. Kantor Arthur Orth begleitete mit ein paar Harmonien und meine Knie wurden weich von diesem unerhörten Eindruck. Zu Hause erzählte ich – noch ganz ergriffen – meiner Mama von diesem Erlebnis. Die Wirkung heute? Sie wäre gleich Null …
 
 
 

Olompen
 
 
 

Die ersten Seiten im Buch der Welt machen einen ungeheuren Eindruck, wenn man sie zum ersten Mal aufschlägt. Seit 2 Jahren und 3 Monaten habe ich Julius, meinen ersten Enkel. Es ist ein Riesenvergnügen mit ihm. Zwar flippt er nicht aus bei einer G-Dur-Tonleiter , aber bei Blasmusik, bei „Uff da daaa“ schon. Bayerische Volksmusik und die Blaskapellen beim Helmbrechster Schützenfest waren ja auch meine ersten musikalischen Vorlieben. Meine banalsten Scherze und Blödeleien verlangt er „nochmaahl, nochmahhl“

Das Gedächtnis in den ersten Lebensjahren ist wahnsinnig leistungsfähig. Julius merkt sich in der Regel ein einmal gehörtes Wort. Und wenn eines schwer auszusprechen ist oder es ihm nicht gefällt – wer weiß das schon -, dann erfindet er ein neues. Beim Kinderarzt bekommt er nach der Untersuchung zur Belohnung *Gummigiechi*. Letzte Woche habe ich in der Wohnung mit ihm Fußball gespielt, nicht mit einem schweren Ball, sondern mit *Olompen*.

Julius gibt mir richtig Aufwind.

1979, wenige Wochen nach der Aufnahme von Fictitious Sports trat die Carla-Bley-Band bei den Berliner Jazztagen auf. Die Aufnahmen gibt es sicherlich noch im Archiv des SFB, nunmehr kulturradio rbb. Vielleicht muss man einfach wachsam sein, wenn man den kompletten Auftritt irgendwann hören möchte. Rundfunk rbb überträgt regelmäßig Konzerte der Berliner Jazztage aus alten Zeiten. Im Jahr 2015 hat eine italienische Bootleg Seite zugegriffen und das komplette Konzert – übertragen von rbb – mitgeschnitten. Das Download-Link ist leider vertrocknet. Michael Naura stellte die Band vor, und dann gab es diese Schmankerl zu hören:
 
 

Floater
Ida Lupino
Wrong Key Donkey
Dreams so real
Walking Batterie Woman
I’m a mineralist
Boo to you too
Musique Mecanique III

 
 

Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des JazzFests Berlin veröffentlichten die Berliner Festspiele in Kooperation mit SWR2 und kulturradio rbb eine LP in limitierter Auflage, von einer exzellenten Pressqualität, wie ich sie noch nie auf dem Plattenteller hatte. Weil dem Globe Unity Orchestra eine LP-Seite eingeräumt wurde, ist der Auftritt der Carla-Bley-Band nur zur Hälfte auf der Schallplatte vertreten. Hier eine kleine Galerie des Gatefold Covers:
 
 
 

     
 
 
 

Im zweiten Bild steht links an den Tubular Bells Thomas Stöwsand. Das möchte ich für die Freunde der Gleichmannstraße 10 anmerken. Was es mit dem Titel Boo To You Too auf sich hat, beschreibt Bert Noglik im Cover Text. Auf dem Image ist das schwer zu entziffern. Hier, bitteschön, der Text in voller Lesbarkeit:
 

Es erschien reizvoll, bei dieser LP-Edition der europäischen eine unkonventionelle amerikanische Großformation gegenüber zu stellen. Auch bei der zweiten hier dokumentierten Konzertaufzeichnung handelt es sich um eine Erstveröffentlichung, diesmal aus der langjährigen Ära von George Gruntz als künstlerischem Leiter des JazzFest Berlin. Die Carla Bley Band betrat 1979 die Bühne der Berliner Philharmonie. Carla Bley präsentierte Stücke aus eigener Feder, in denen sich zwar etwas von der Tradition amerikanischer Großformationen des Jazz, zugleich aber auch ein europäischer Einfluss spiegelt. „Walking Batterie Woman“ zählt zu den frühen Kompositionen von Carla Bley, erstmals 1966 eingespielt mit dem von ihr und ihrem damaligen Ehemann Mike Mantler gemeinsam geleiteten Quintett (mit Steve Lacy) für die Platte „Jazz Realities“. Der musikalische Gestus des Themas ist prägnant und erinnert in seiner Kantigkeit ein wenig an Thelonious Monk. Mit der Musik und dem vom Schlagzeuger D. Sharpe vorgetragenen Songtext „l’m A Mineralist“ bezieht sich Carla Bley klang- und wortspielerisch auf die Minimal Music. „Erik Satie gets my rocks off“ heißt es da, „Cage is a dream, Philip Glass is a mineralist to the extreme“. Das Stück entstand für die Platte „Fictitious Sports“, die im Monat zuvor in New York aufgenommen und später unter dem Namen des Pink Floyd-Schlagzeugers Nick Mason veröffentlicht wurde, obwohl alle Kompositionen von Carla Bley stammten. Auch „Boo To You Too“ findet sich auf „Fictitious Sports“. Inspiriert wurde das Stück von den berühmt-berüchtigten „Berlin Booers“, denen Carla Bley das Stück auch gewidmet hat. 1979 war das Berliner Publikum allerdings nicht mehr so buhfreudig wie noch in den Jahren zuvor. Die Buhs wurden von George Gruntz, Mitarbeitern und Presseleuten in den Saal gerufen und von den gesitteten Konzertbesuchern argwöhnisch wahrgenommen. Das abschließende „Musique Mecanique III“ hatte Carla Bley ein Jahr zuvor für ihr 1979 veröffentlichtes Album „Musique Mecanique“ aufgenommen. Schon als Kind, bekannte sie, habe sie der Besuch eines Museums mit mechanischen Musikinstrumenten und Spielautomaten in San Francisco außerordentlich fasziniert. Aber auch ein undogmatischer Umgang mit Ausdrucksmitteln der Minimal Music, Einflüsse von Kurt Weill, Hanns Eisler, Gil Evans, Charles lves und vielen anderen haben Spuren hinterlassen. Dabei ist Carla Bleys Musik unverkennbar eigenwillig. Sie trotzt der Kategorisierung und kreiert, anders als Alexander von Schlippenbach, aber im Nonkonformismus wesensverwandt, ihre eigene Welt.

 
Nick Mason’s Fictitious Sports
 
 

Innerhalb von Pink Floyd hat sich Mason immer tadellos verhalten. Bei allen seinen Kompositionen war er zugleich Experte und Erfinder und er verstand es vor allem, seinen Kumpeln gegenüber äußerst respektvoll zu sein. Daher kann er es sich gutschreiben, der einzige Musiker zu sein, der auf allen Alben der Gruppe vertreten ist. Er ist aber auch derjenige, über dessen Karriere außerhalb der Gruppe am wenigsten bekannt ist. Obwohl sein Name auf diesem Album steht, so ist dieses nicht als eine besondere Leistung seinerseits zu betrachten, sondern als ein Projekt, das er zusammen mit der wunderbaren Carla Bley und dem nicht weniger genialen Robert Wyatt realisiert hat.

 
 


 
 

Fictitious Sports wurde mitten in der Zeit der größten, persönlichen Auseinandersetzungen der Gruppe eingespielt und ist, ohne wirklich asketisch oder schwer verständlich zu sein, meilenweit von dem entfernt, was Pink Floyd je produziert haben, abgesehen von dem herrlichen Hot River mit einem Chris Spedding, der auf perfekte Weise David Gilmours Slidekunst imitiert. Was den Rest betrifft, so wandelt man eher durch die Welt des Experimental Jazz von Bley oder des hochkarätigen Progressive Rock, wie man es von Soft Machine, King Crimson, Frank Zappa, Adrian Belew oder Brian Eno her kennt… Dieses Album ist auch eine erste fruchtbare Zusammenarbeit mit Bleys treuem Komplizen, dem Trompeter Michael Mantler. Mit dieser sorgfältig erarbeiteten Neuausgabe erfährt also das Album eine gerechte Revanche, nachdem es nach seinem Erscheinen vor 37 Jahren zu Unrecht sofort in Vergessenheit geraten war. Mason liefert damit einen zusätzlichen Beweis, dass er vor allem zu den besten Schlagzeugern der Geschichte gehört und dass er sich weitab, sehr weitab von Floyd hätte perfekt entfalten können.

 
© Jean-Pierre Sabouret/Qobuz

2019 25 Jan

hearing aid

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

Ein Wort, ein Begriff ist leicht ausgesprochen. Die Bedeutungen, verpackt in Phonemen, sind vielfältig

 

Hilfen für das Hören gibt es hier im Blog reichlich
Aaron Parks – hätte ich ohne Brian nicht entdeckt
TRINNOVs Amethyst und Mangers Lautsprecher sind fantastische Hörhilfen
Walter Bachauer im RIAS, Micha im NDR und im DLF
Murray Schafer, Die Ordnung der Klänge – Eine Kulturgeschichte des Hörens

 
 

 
 

Seit dem 9. Januar trage ich ein Hörgerät

Jetzt, kurz vor dem 4. Advent, erinnere ich mich an den Wunsch von Anonymous – wer immer das sein mag.

 
Keith in Kronach, die ganze Geschichte, please …
Vor Weihnachten
 

Den Wunsch möchte ich jetzt erfüllen, zumal Micha nichts dagegen hat, eine spannende Ausgabe über Keith Jarretts KÖLN CONCERT zu lesen, besonders wenn Manfred Eicher und Keith Jarrett Erinnerungsarbeit leisten. Meine Erinnerungen sind natürlich provinziell, gemessen an den Erzählungen weltberühmter Personen. In typischen Urlaubsgesprächen werde ich gelegentlich gefragt, „where do you come from?“. Ich antworte dann kaltschnäuzig „I come from Kronach“. Meistens geht es dann so weiter: „Krounäck? Never heard.“ Dann ziehe ich eine Trumpfkarte. „Kronach is the native town of Lucas Cranach the Elder“. Mehr als 90% antworten dann „Never heard“. Werfen wir einen Blick auf älteres Kronacher Gemäuer.

 
 
 

 
 
 

Auf der Suche nach Bildern des Hotel Sonne – letztlich habe ich selbst eines geknipst – habe ich im Internet eine treffliche Kundenbesprechung entdeckt.

 

Das Hotel Sonne ist zentral gelegen, unweit des Bahnhofs in Mitten der Fußgängerzone. Schon beim Betreten spürt man den verblassenden Charme des ehemals ersten Hauses am Platz. Die alten Porträts vieler kleiner und großer Stars zeugen von einer großen Geschichte. Doch das Haus ist mit seinen Besitzern gealtert und bedarf nun dringend der Renovierung. Sein angestaubter Charme ist, dass es „wie aus der Zeit gefallen“ wirkt, die Gefahr ist, dass es bald selbst „aus der Zeit fällt“. Wer das Morbide liebt, der wird sich hier wohl fühlen, alle anderen sollten lieber auf die Renovierung warten …

 

Dieses Jahr wurde das Hotel geschlossen. Die Besitzer haben aus Altersgründen aufgegeben. Das Hotel wird nie mehr eröffnet werden, es ist Geschichte, es gehört zu meiner Weihnachtsgeschichte. Kurz nach Weihnachten, vom 17. auf den 18. Januar 1975 haben Keith Jarrett und Manfred Eicher im Hotel Sonne übernachtet.

 
 
 

 
 
 

Der 17. Januar 1975 war ein ziemlich aufregender Tag für mich. Ich musste mich ab 13 Uhr im Hotel bereit halten, so war es im Vertrag vereinbart. Erst gegen 17 Uhr trafen Jarrett und Eicher ein. Ich war nervös aufgrund des langen Wartens und unsicher wegen des Flügels. Im Kreiskulturraum stand ein betagter Bechstein. Meine ersten Worte an Keith: „I hope you’ll enjoy the piano“. Nach einer Stunde – einloggen in die Zimmer, erfrischen und nach einer leichten Mahlzeit – fuhren wir zum Konzertsaal. Der Hausmeister führte uns durch das Foyer zu einem seitlichen Treppenaufgang. Er öffnet die Tür, man blickt in ein schwarzes Loch. Wir mögen warten bis das Licht angemacht ist, es bestehe Stolpergefahr. Es dauert ein wenig, bis der Warden durch den Saal in den Bühnenbereich zur Beleuchtungstechnik gelangt. Es wird hell und man blickt über die Stuhlreihen hinunter auf die Bühne. Keith Jarrett steht sekundenlang, lässt den Blick schweifen, sieht die Reihen ansteigender Sitze, die dunkle edle Holzverkleidung der Wände – und sagt „Oh!“. In diesem Moment hatte ich des Klaviers wegen keine Bekümmernis mehr. Alte Bilder des Saales habe ich nicht. Er ist renoviert, sieht jetzt so aus.

Jarrett fand das Piano ganz ok, die Mechanik angenehm leichtgängig. Ganz besonders gefiel ihm, dass der Klang seines Spiels aus dem Saal zurück kommt auf die Bühne. Man liest ja oft, dass für Jarrett neben dem Instrument der Raum und das Publikum entscheidende Faktoren für das Gelingen seiner Solo-Recitals seien. Überliefert sind auch diese Sätze: Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Es fällt mir nicht schwer, all das für den 17. Januar 1975 zu bestätigen. Schon die ersten Töne waren so verführerisch! Im Publikum, dem Jarretts körperliches Spiel wohl befremdlich erschien, hörte man anfangs von hier – oder war es von dort? – leises Kichern. Es verstummte bald. Etwa zwei Drittel der Zuhörer waren Schüler des Gymnasiums. Möglicherweise war es im Altersdurchschnitt das jüngste Auditorium, vor dem Jarrett je gespielt hat.

 
 
 

 
 
 

Der Saal war ausverkauft, und vor den Türen standen noch viele Leute ohne Ticket. Ich hatte mächtig Werbung gemacht, weil ich nicht einschätzen konnte, wie die Nachfrage in Kronach ausfallen würde. Im Gymnasium hatte ich versucht, für Kaufdruck zu sorgen, indem ich über die Klassensprecher Subskriptionslisten in Auftrag gab, mit dem bedrohlichen Hinweis, das Konzert könne ausverkauft sein. Nur wer sich in eine Liste eingetragen habe, bekäme Eintrittskarten. Die bestellten Karten holte ich beim Kreisjugendring ab und verteilte sie. Zwei Tage nach Eröffnung des Vorverkaufs kamen zwei Klassensprecher in den Musiksaal. Sie bräuchten noch ca. 30 Stück, leider hätten sie keine Liste in ihren Klassen angefertigt. Beim Kreisjugendring anrufend erfuhr ich, dass nichts mehr zu bekommen sei.

Man sieht auf dem vorigen Bild ein Mikrophon. Es gehört nicht Martin Wieland. Es ist eines meiner beiden einfachen Sennheiser Kondensatormikrophone, die ich mit meiner Revox A77 in den Kreiskulturraum mitgebracht hatte. Wer nicht fragt, bekommt keine Antworten.

 
„Mr. Jarrett, would you please allow a recording of your concert?“

„No“

„You see, an important reason for organizing your performance was, to give my pupils the opportunity to experience your music live. Many of them didn’t get a ticket after the concert is sold out. I’d like to present them a recording in my music lessons“

„Ok, but just mono.“
 
Ich baute auf, glücklich. Da mischte sich Manfred Eicher ein.
 
„Hast du nur 1 Mike dabei?“

„Nein, ich habe 2, darf aber nur Mono aufnehmen“

„Pack das zweite aus, ich klär das mit Keith.“
 

Das Konzert erklang also auch im Musiksaal des Kronacher Gymnasiums und noch viel häufiger in meiner Wohnung, damals im Schloss Haig. Eine Zeit lang war am Freitag Abend bei mir die Bude voll mit jarrettsüchtigen Gymnasiasten, die mir den Kühlschrank leer aßen und das KRONACH CONCERT reinzogen. Irgendwann ruhte die Tonbandspule in meinem Archiv. Vor etwa 10 Jahren wollte ich eine digitale Kopie anfertigen. Da musste ich feststellen, dass die Beschichtung des Bandes sich völlig auflöste, wie Kleber an den Tonköpfen haften blieb – letalis …

Nach dem Konzert saßen wir zusammen im Hotel Sonne. Ich war viel zu befangen, um mit Keith Jarrett ausführlicher zu plaudern, außerdem vertraute ich meinem Schulenglisch nicht besonders, andere ihrem schon. Am nächsten Morgen ging ich mit meiner Freundin zum Frühstück ins Hotel. Ich wollte Manfred Eicher und Keith Jarrett voraus fahrend aus der Stadt lotsen. Bei einer Tasse Tee erzählte Mr. Jarrett von den enorm hohen Treppenstufen, die er als Dreijähriger zu erklimmen hatte, wenn er to his piano teacher gegangen ist. Er zeigte uns einen simplen Münzen-Trick, den his piano teacher zu seiner Verblüffung vorführte. Seitdem habe ich nicht mehr mit Mr. Jarrett sprechen können. Die Kritik in der Neuen Presse Coburg – man kann sie hier nachlesen – schrieb Reiner Nitschke, damals Volontär bei jener Zeitung. Er ist heute Verleger, u.a. FONO FORUM. Wenn ich die Artikelseite vom 20. Januar 1975 betrachte, muss ich immer an “A Day In The Life“ denken.

DER NORDEN
 

Edvard Grieg – Slåtter op.72 (Knut Buen, Hardingfele / Einar Steen-Nøkleberg, Piano)
Ingfrid Breie Nyhus – Slåttepiano
Knut Hamre / Steve Tibbetts – Å
Nils Økland Band – Lysning
Erlend Apneseth Trio – Åra
Agnes Buen Garnås / Jan Garbarek – Rosensfole
 
 

JAPANESE AND OTHER JEWELS
 

Midori Takada – Through The Looking Glass
MKWAJU ensemble – KI-Motion
MKWAJU ensemble – MKWAJU
Joey Baron / Robyn Schulkowski – Now You Hear Me
Erik Griswold – Yokohama Flowers
 
 

DIGITAL CONCERT HALLS
 

Ricardo Descalzo – contemporary piano video library
Ju-Ping Song – music in motion
 
 

ECM CORNER
 

Shai Maestro – The Dream Thief
Steve Tibbetts – Life Of
Nik Bärtsch’s Ronin – Awase
Trio Mediaeval / Arve Henriksen – Rimur
Keith Jarrett – Solo Concerts Bremen/Lausanne
 
 

PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA, MANFRED HONECK
 

Ludwig van Beethoven – Sinfonie No.3 „Eroica“, Op. 55
Antonin Dvořák – Sinfonie No. 8, Op. 88
 
 

AARON PARKS
 

Little Big
 
 

continued and richly supplemented in the following comment

 
eine generation verlässt uns
 
 
 
 


 
 

Über Facing You und Solo-Concerts Bremen Lausanne ist seit ihrem Erscheinen wahrlich viel gesagt und geschrieben worden, jedoch keine so denkwürdigen Geschichten, wie jene vom Köln Concert, das um ein Haar nicht stattgefunden hätte. Die wohl authentischste Version dieser *merckwürdigen* Anekdote kann man hier nachlesen.

 
 
 

      

 
 
 

Ich schreibe dieses Double Take aus zwei Gründen. Es gibt kaum ein Solokonzert von Keith Jarrett, das mich so bewegt, wie Lausanne Part II. Es gibt eine persönliche Geschichte, in der diese Aufnahmen eine gewisse Rolle spielen. Sie kann mit der, welche sich um das Köln Concert rankt, nicht konkurrieren. Beide Stories gibt es freilich nur deshalb, weil um das Jahr 1971 Manfred Eicher und Keith Jarrett zusammenfanden. 1970 war das Jahr, in dem ich Keith Jarrett für mich entdeckt habe, nicht aufgrund einer Empfehlung in einem Magazin oder einer Rundfunksendung, sondern eher zufällig – Details zu schildern, unterlasse ich. Nur so viel: das Charles-Lloyd-Quartet war das Initium.

 
 
 

 
 
 

Das ist ein Ausschnitt aus der Cover-Rückseite meiner ersten ECM Schallplatte. Die letzte Zeile ist bemerkenswert. Die Postadresse des Labels war identisch mit der Anschrift von Elektro Egger, München-Pasing Gleichmannstraße 10, wo es die legendäre Abteilung ‘jazz by post’ gab. Vielleicht ist manchem Leser das Label JAPO bekannt. Es ist leicht heraus zu finden, wie der Name zu deuten ist.

Bei dieser Adresse gab es Jazz nicht nur ‘by post’. Im obersten Stockwerk befand sich eine Schallplatten-Abteilung mit dem besten Jazz-Sortiment Deutschlands. Ich habe dort Nachmittage verbracht am Plattenspieler, umgeben von Regalen mit LPs. Man munkelt, dass mehrere 10.000 Vinyls vorrätig lagerten. Dort habe ich fast alle meine Charles-Lloyd-Scheiben gehört und gekauft, bevor ich durch die Lampenabteilung und an Waschmaschinen und Haartrocknern vorbei schlendernd den Laden von Elektro Egger verließ.

Jarrett war da noch weit weg, erreichbar nur auf Schallplatten, bald sogar auf solchen der Miles-Davis-Group. Im Oktober 1971 gastierte das Miles-Davis-Septet mit Keith Jarrett in München im Kongress-Saal des Deutschen Museums, mit dem Musiker, der mich damals wie kein anderer faszinierte – von den Beatles und Miles Davis einmal abgesehen. Es war das erste Mal, dass ich Jarrett live hörte.

Kurz darauf, im März 1972, kam Facing You zur Welt, im Hause ECM, in der GLEICHMANNSTRASSE 10. Es war ein wunderbarer Schock für mich. Diese Liaison! Unglaublich! Das Album wurde am 10. November 1971 in Oslo aufgenommen, einen Tag nach der Performance des Miles-Davis-Septet.

Piano Solo Alben waren damals im Jazz eher eine Rarität. Möglicherweise setzte ECM nachhaltige Impulse. Facing You und Chick Coreas Piano Improvisations Vol.2 erschienen am gleichen Tag.

In Front heißt das erste Stück. Ich habe seinerzeit die Titel nicht hinterfragt, ich habe sie einfach hingenommen. Jetzt, im Rückblick, hat in front, vorneweg, etwas Vorausschauendes. Es ist in nuce das erste Solo Concert Jarretts, ein Konzentrat von 10 Minuten Dauer, von einem Thema ausgehend frei vagabundierend und zu ihm zurück findend, und dennoch formvollendet. Starbright habe ich am 12. Juni 1972 im ARRI Kino München wiedergehört, als dort das Trio mit Haden und Motian auftrat. Es war die zweite Livebegegnung mit Jarrett.

Die dritte Begegnung ereignete sich am 27. März 1973. Jarrett spielte solo in Nürnberg im Saal des Heilig Geist Spitals. Den Flügel kannte ich von Proben her, die mein Freund Wolfgang Kelber für die Jugendgottesdienste in der Meistersingerhalle dort abhielt. Es war kein besonders gutes Instrument. Das Konzert – Eintrittspreis 2 DM – besuchten mehrere Oberstufenschüler des Kronacher Gymnasiums für die ich Tickets besorgt hatte. Im Musikunterricht hatten wir Facing You gehört und besprochen, auch die fantastischen Stücke des Charles-Lloyd-Quartetts. Jarrett spielte einen Set von fast einer Stunde Dauer, kam nach langem Beifall zurück auf das Podium mit einem Glas Wasser (Medizin?) in der Hand und erklärte, dass er leicht erkrankt und das Recital beendet sei. Eine Woche vorher, am 20. März 1973, spielte Jarrett das wunderbare Konzert in Lausanne.

Im Sommer 1973 hielt ich mich für ein paar Tage in München auf. jazz by post in der GLEICHMANNSTRASSE 10 besuchte ich natürlich. Ich hatte ein paar LPs ausgesucht und beim Bezahlen stellte ich 2 Fragen.

 

„Tät der Jarrett auch in der Provinz auftreten?“

Scho, wenn ses zoin.“

„Hat ECM was mit dem Elektro Egger zu tun? Is ja dieselbe Adresse.“

Net so recht. Die ham ihr Büro hindn im Rückgebäude. Schaugns halt amol dort vorbei.

 

Erst Jahre später habe ich erfahren, dass Manfred Eicher bei der Gründung des Labels ECM von Karl Egger unterstützt wurde. Ins Rückgebäude ging ich auf der Stelle. Im Büro war es sympathisch unaufgeräumt, auf einem Plattenspieler drehte sich eine Scheibe mit einem weißen unbedruckten Etikett. Ich hörte nicht genau hin, denn ich schwärmte von Jarretts Musik, erzählte, wie ich ihn für mich entdeckt habe und wiederholte meine Frage „tät der auch in der Provinz spielen?“. Die beiden freundlichen jungen Männer erklärten mir, ECM sei zwar keine Konzertagentur, aber sie vermitteln ihre Künstler gerne an Clubs und sonstige interessierte Veranstalter, ich möge einfach meine Adresse hinterlassen. Jetzt erst hörte ich genauer auf die Klänge aus den Lautsprechern. Kann es sein, dass ich Keith Jarrett zuhöre? So kam es mir vor. Ich wollte wissen, was da aufliegt. Es sei die Anpressung von Solokonzerten, gespielt in Bremen und Lausanne. Im Herbst würden sie in einer LP-Box erscheinen.

Von nun an bekam ich Post von ECM. Im August 1974 holte ich dieses Schreiben aus dem Briefkasten:

 
 
 

 
 
 

Man muss die Grafik anklicken, um zu sehen, was ECM 1974/1975 im Angebot hatte. Am 17. Januar 1975 kam es zur nächsten Begegnung. Es war die näheste.

 

Ich liebe vor allem sein Solospiel. Wenn ich Solo spiele, dann kann ich manchmal ein solches Level an Inspiration 5 Minuten halten, doch Keith Jarrett kann so etwas 40 Minuten lang tun. Er zapft da immer etwas an, etwas Göttliches, etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Er erstaunt mich.

Brad Mehldau

 

Ja so ist es. Gemeint ist das freie Solospiel, nicht Improvisation nach einem vorgebenen Song, der eine Melodie, chord progressions, und seine Form als Richtlinie bereit stellt. Jarretts Solokonzerte der 70er Jahre waren riskante Wege ins Ungewisse, ohne Umkehr, Revision ausgeschlossen. Beethoven hatte Skizzenbücher, die den oft langen Weg bis zur endgültigen Gestalt eines Themas verraten. Lausanne Part II ist gewachsen wie eine unberührte Landschaft, voller Gegensätze, vollendet, unfassbar. Kann es sein, dass auch Jarrett ins Staunen geriet über diesen *einmaligen* Vorgang?

 

I believe in Music to the extent that it was here before we were. ln that sense, perhaps l’m not a musician. [..] I don’t believe that I can create, but that I can be a channel for the Creative. I do believe in the Creator, and so in reality this is His album through me to you, with as little in between as possible on this media-conscious earth.

Keith Jarrett (aus den liner notes zu ECM 1035/37)

 

Wer will, kann Lausanne Part II *mehrmalig* hören. Das tat ich und werde es noch oft tun. Nach und nach hat sich mir offenbart, wie konsistent und formvollendet sein Spiel ist. Kaum vorstellbar, dass Jarrett, als er dem Wirbel seiner Hände und Füße zuhörte, dies alles bewusst war. Es muss ein besonderes Flow-Erlebnis gewesen sein.


Chris Jarrett hatte Glück. Denn ihren großen Ehrgeiz lebten seine Eltern beim ältesten Bruder aus. „Besonders Keith sollte etwas Besonderes werden. Bei mir war der Druck zum Glück dann schon etwas weg. Wenn Keith sich für Mathematik statt für Musik interessiert hätte, wäre er jetzt sicher einer der besten Mathematiker weltweit.“ So aber wurde Keith Jarrett eben einer der berühmtesten Jazzpianisten. Und spielen die Brüder manchmal zusammen? „Nein“, sagt Chris Jarrett nicht ohne Selbstironie, „dafür sind wir alle zu eigen und zu eitel.“

 

aus NEUE OZ (2011)

 
 
 

 
 
 

Seit 25 Jahren (Anm. inzwischen seit 32 Jahren) lebt der in den USA geborene Musiker und Komponist Chris Jarrett in Deutschland. In seinen Stücken lässt er Jazz, Klassik, Avantgarde und Weltmusik auf atemberaubende Art und Weise verschmelzen. Dafür wird er von Musikjournalisten auch schon mal als „Rebell“ gegen das Pianoestablishment bezeichnet.

„Ich bin in erster Linie Komponist, das würde ich schon sagen. Das hat sich eher aus Zufall ergeben, dass ich mich mit dem Klavier beschäftigt habe, was damit zu tun hat, dass Virtuosität anerkannt wird, eher vielleicht noch als kompositorisches Können.“

Vital und impulsiv ist sie, die Musik von Chris Jarrett, voller Brüche und Überraschungen und niemals so leicht einzuordnen in die üblichen Kategorien des Musikbetriebes. Frank Zappa etwa gilt ihm genauso als Vorbild wie die Meister des Barock oder der Moderne. Dementsprechend offen ist auch sein Repertoire, das von atonalen Miniaturen über Sonaten, Filmmusiken, Ballett bis hin zur Oper reicht. Stilistische oder gar geograische Grenzen lässt der gebürtige Amerikaner nicht gelten:

„Ein Stil, der irgendwie mit etwas Wahrhaftigem zu tun hat, der kommt aus einem selbst. Natürlich sind die Einlüsse da, denen kann man sich auch nicht verschließen. Wir haben ja Internetverbindungen zu Algerien, Ägypten und es gibt youtube. Man kann sich jetzt also viel einfacher reinhören. Da man aber in der westlichen Tradition eingebettet ist, bleibt es nicht aus, dass diese Elemente gemischt werden mit anderen. Ich meine jetzt nicht bewusst ‚Wir mischen jetzt etwas zusammen‘, sondern: Die Liebe zu der Musik, die man hört und dass irgendetwas funkt im Kopfe, diese Mischungen sind interessant.“

Es ist eine ungewöhnliche Künstlervita, auf die der Mittfünfziger mit jugendlicher Ausstrahlung zurückblickt. Die äußere Erscheinung – untersetzt und muskulös, ein Geradeaus-Typ mit kräftigem Händedruck – lässt ahnen, dass er sein Leben nicht nur auf dem Klavierhocker verbracht hat.

 
Lesen Sie bitte hier weiter …

Eigentlich wollte ich nur einen weiteren Kommentar zu Michas La-Fenice-Review beisteuern. Das Vorhaben ist aber aus dem Ruder gelaufen. Deshalb erscheint es als eigenständiges Posting. Ich stimme vollkommen überein mit den Kommentaren von Micha und Jan. So gibt es im Grunde eigentlich nichts, worüber zu schreiben sich lohnt.
 
 

 

Als Facing You erschien, habe ich mich gewundert, dass in HiFi-Stereophonie dem Album nicht die höchste Bewertung zuteil wurde – 9 von 10 Punkten wurden gegeben, nach meiner Erinnerung. Ich fand das unverständlich. Für mich war die Platte sensationell. Die Kritik näherte sich damals behutsam diesem neuen jungen Wilden. Ja, es gab schon längst „Wagnerianer“ in den frühen 70er Jahren, aber noch keine „Jarrettianer“. Die gibt es aber jetzt, sie nähern sich gar nicht behutsam Jarretts Opera, sie schaffen es kaum, unter die Höchstbewertung zu greifen, es sei denn der Unantastbare gibt den Ton an. Reinhard Köchl ist zweifellos einer der mustergültigsten. Gehorsam verdammt er das „Köln Concert“. Das „Köln Concert“ hoch zu schätzen, kann folgenreich sein. Wolfgang Sandner hat das erfahren.
 

Einem Biographen, sagt Wolfgang Sandner, könne eigentlich nichts Besseres widerfahren, als sich vor Abschluss des Manuskriptes mit dem zu Porträtierenden zu überwerfen – der Autor sei dann befreit von Rücksichtnahme.
Der frühere FAZ-Redakteur spricht über sich selbst. Und es war ein tiefer Fall, denn Sandner ist weiter als die meisten Journalisten zum Objekt seines Interesses vorgestoßen: vom Händedruck beim Kennenlernen Anfang der 70er (eine Seltenheit in Jarrett´s Verhalten, wie er […] erzählt) bis zu einer Einladung samt Übernachtung in Jarrett´s Haus in Oxford/New Jersey im Oktober 1987 […]
Sandner triumphiert nicht über diese Audienz, er spricht in verhaltenem Reportage-Ton, auch den Bruch mit Jarrett auf der dritten Textseite, den er dem Buch damit quasi voranstellt, schildert er mit Noblesse und einem gewissen Verständnis.
Keith Jarrett war informiert über die Biographie und habe Interesse & Wohlwollen gezeigt, „bis es bei einer öffentlichen Feier nach einem seiner Solokonzerte zu einem kuriosen Disput zwischen uns über das Köln Concert kam. Dass ich dieses Konzert als einen seiner großen Erfolge bezeichnete, löste sein ausgesprochenes Missfallen aus und brachte unseren Dialog zum Erliegen.“

Michael Rüsenberg in JAZZCITY

 

Ich mag das „Köln Concert“ und finde nicht, dass es ein derart missratenes Kind ist, dass man es verstoßen müsste. Mr. Jarrett hat sicher gute Gründe dafür. Kennt sie jemand? Ich würde sie gerne erfahren.
 
 
Reinhard Köchl – ein Jarrettianer
 

Wie der Jazzpianist Keith Jarrett gerade drauf ist, das weiß seit Jahrzehnten eigentlich jeder, der sich für ihn interessiert. Seine Musik, die Titel und Beigeschichten seiner Liveaufnahmen übermitteln zuverlässig den gerade aktuellen emotionalen Pegelstand. Wie ein Regenradar zeigen sie zurückliegende oder anstehende Hoch- und Tiefdruckgebiete an, warnen vor Hurrikans und geben manchmal sogar Erklärungen für vergangene Katastrophen. Natürlich ist das auch der Fall bei der neuesten Veröffentlichung La Fenice, aufgenommen im gleichnamigen Theater in Venedig am 19. Juli 2006, einem der heiligen Konzertsäle der klassischen Musik.

Reinhard Köchl – ZEIT Online

 

Das ist eine gewagte These, die kaum zu beweisen ist. Umgekehrt wird eher was draus. „Musik ist dazu da, bestimmte Emotionen zu wecken und deren Reflexion“ – Worte von Josef Bulva (in FONO FORUM April 2017). Wir alle sind Opfer der Babylonischen Sprachverwirrung, welche sich nicht nur in der Existenz Hunderter verschiedener Sprachen und Dialekte manifestiert. Die Verwirrung fängt schon bei einem Wort, bei einem Begriff an. Nehmen wir „Emotion“.

Musik – nicht jede – kann uns bewegen (lat. = movere). Mehr sagt das Wort auf der elementarsten Bedeutungsebene nicht: Bewegung, im übertragenen Sinn auch Gemütsbewegung. Wie sich eine emotio konkret äußert, ist mit diesem bedeutungsoffenen Worte freilich nicht gesagt.

Nach meiner persönlichen Erfahrung und Anschauung können es psychosomatische Bewegungen sein, Fußwippen, Herumhopsen, Lust auf Tanzen. Vor allem als Kind und Jugendlichem ist mir (damals vorwiegend bei Mozart) die Gänsehaut den Rücken rauf und runter gelaufen. Mir ist auch schon passiert, dass ich zu Heulen anfing, nicht weil ich traurig war! ich war nur bewegt, ich war high von der Musik. Es kann sich ein unmittelbar sinnliches Lustgefühl einstellen, wie beim Essen einer Brotsuppe.

Nach meiner persönlichen Erfahrung und Anschauung können es rationale, kognitive Bewegungen sein, Auslöser etwa Tom Johnsons Musik und Fragen oder Failing, A Very Difficult Piece for Solo String Bass.
 
 

 

Nach Köchl soll die Musik Auskunft geben über den emotionalen Zustand des Künstlers. Radiance (2002), The Carnegie Hall Concert (2005), La Fenice (2006) , Paris/London (2008), Rio (2011), München (2016). All diese Konzerte zeigen Jarretts von der Anlage der Solokonzerte bis 1996 abweichendes Konzept – „nicht mehr endlos ins Offene treibend, vielmehr fokussierter“ wie Michael es perfekt, weil fokussiert, beschreibt. Wenn ich sie höre (München 2016 hörte ich im Gasteig) und von Titeln und Beigeschichten nichts weiß, ja, selbst wenn mir diese Titel und Beigeschichten im Kopf herumspukten, höre ich dem Paris/London nicht an, in welch verletztem emotionalem Zustand Jarrett damals gewesen ist.
 

Then my wife left me (this was the third time in four years). […] These were the first solo events since my wife had left. I was in an incredibly vulnerable emotional state.

Nach Köchl sollen die Titel Auskunft geben über den emotionalen Zustand des Künstlers. Nun, die Titel der Solokonzerte Jarretts sind überwiegend neutral, neutraler geht es nicht. Es sind Ortsangaben. Gut, die 10-LP-Box des Jahres 1976 hieß Sun Bear Concerts. Der Titel blieb mir immer ein kleines Rätsel – „Sonnen Bär Konzerte“. Ich habe keine Vorstellung davon, was ein Sonnenbär ist. Kann mir jemand helfen? Packt man die LPs aus, hält man dennoch japanische Städte in Händen. Die Box hätte genausogut „The Japanese Concerts“ heißen können.

Mit Radiance änderte sich diese nüchterne Namensgebung. Glanz, Leuchten – meinetwegen, etwas Chuzpe, warum nicht. Paris/London hat aber einen schwerwiegenden Beititel: Testament. Ich weiß noch, wie der mich in Verwirrung stürzte, als ich ihn las. Welt ade, ich bin dein müde? Zieht Jarrett sich vom Podium zurück? Wird er nie mehr einen Ton spielen? Ist er todkrank? Ich habe erst vor wenigen Tagen das Booklet von Testament gelesen.

Nach Köchl sollen die Beigeschichten Auskunft geben über den emotionalen Zustand des Künstlers. Da möchte ich doch eine Beigeschichte aus alten Zeiten vorstellen, eine Beigeschichte aus dem Jahr 1802.
 

O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen,, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels das (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen.
[…]
aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück.

 

Das schrieb Beethoven im Oktober 1802. Es ist aus einem Brief an seine Brüder, den er nie abschickte, der, noch versiegelt, 1827 in seinem Nachlass gefunden wurde. Im Sommer des Jahres 1802 beendete er die Komposition der 2. Sinfonie. Es ist ein Stück von ausgelassener Heiterkeit, entstanden während einer Lebensphase voller Verzweiflung. Dieser Brief, das sog. Heiligenstädter Testament, ist eines der berühmtesten Dokumente der westlichen Musikgeschichte.

Erstmals gestern ist mir assoziativ eine Parallele aufgefallen, die als These formuliert die „küchenpsychologische“ These Köchls an Gewagtheit in den Schatten stellen würde. Bevor ich sie darlege, weise ich ausdrücklich darauf hin, dass es eine Schnapsidee ist. Das Linking Link heißt „Testament“:
 


I decided that if I backed down now, I would back down forever
(K. Jarrett)
 
frei übersetzt:
 
Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück
(L.v. Beethoven)

 
 

Mit der Annahme, ein Künstler würde in seiner Kunst sein Innerstes (immer) nach Außen kehren, ist Herr Köchl einer Anschauung verfallen, die historisch bedingt ist, die im 19. Jahrhundert wurzelt und auch nicht auf jeden Musiker des 19. Jahrhunderts zutrifft. Wenn ich könnte, würde ich Herrn Köchl fragen, ob er meint, dass der Küchenmeister des Grafen Esterhazy seinen Schmerz über den Tod seiner Gattin in den Speisen, die er zubereiten musste zum Ausdruck brachte.

Wir sollten uns klar machen, dass beispielsweise Johann Sebastian Bach – wenn er Hofkapellmeister war – zu den Bediensteten seines Fürsten zählte, wie der Stallmeister, der Küchenmeister und andere Meister. Da ging es nicht darum, sich selbst in der Musik, im Striegeln der Pferde und dem Kochen der Gerichte auszudrücken. Während der zweiten Reise nach Karlsbad, die J.S. Bach mit seinem Fürsten Leopold auf sich nehmen musste, ist er zum Witwer geworden.
 

Nachdem er mit […] seiner ersten Ehegattin 13 Jahre eine vergnügte Ehe geführet hatte, wiederfuhr ihm in Cöthen, im Jahre 1720 der empfindliche Schmerz, diesselbe, bey seiner Rückkunft von einer Reise, mit seinem Fürsten nach dem Carlsbade, todt und begraben zu finden; ohngeachtet er sie bey der Abreise gesund und frisch verlassen hatte. Die erste Nachricht, daß sie krank gewesen und gestorben wäre, erhielt er beym Eintritte in sein Hauß.

 

Seinen Kompositionen aus jener Zeit hört man nicht an, welcher Schicksalsschlag ihn getroffen hatte. Hiermit endet der Abschnitt über die Beigeschichten.

In Bachs Köthener Jahren sind die Suiten für Violoncello entstanden, die Kim Kashkashian so wunderbar auf der Viola interpretiert.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz