Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2020 12 Sep

And Now the Queen

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Mein Vater gab mir Klavierunterricht, als ich etwa drei Jahre alt war. Er war Organist in der Kirche, Musik war für mich wie eine beständig verfügbare Quelle. Und eines Tages fragte ich ihn, wer denn die Musik geschrieben hat, die er mir zum Spielen hinstellte. Ich wollte so was auch machen. Also gab er mir ein weißes Blatt Papier, ich nahm einen Stift und füllte die Zeilen mit kleinen schwarzen Punkten. Ich wusste nicht, dass John Cage auch solche Partituren herstellte, mit Zeichen, die er dort setze, wo Unebenheiten des Papiers auffielen. Mein Vater sagte: „Das sind zu viele Punkte!“ Also nahm ich einen Radiergummi und radierte die meisten Punkte wieder weg – wer mich heute Klavier spielen hört, weiß, dass ich alle überflüssigen Töne weglasse. Das war meine erste Komposition. Naja, das stimmt natürlich nicht ganz.

Meine erste Komposition schrieb ich viele Jahre später für diesen hübschen Bengel mit den verträumten dunklen Augen. Er spielte Klavier in dem verrauchten Jazzclub und ich verkaufte Zigaretten, um dieser verrückten freien Musik nahe zu sein – das Eintrittsgeld konnte ich mir nicht leisten.

 

 
 
Den Titel habe ich bedachtsam gewählt. Mit dieser Komposition machte ich dem aufregenden Pianisten klar, mit wem er es zu tun haben wird. Er hat es verstanden. Später heirateten wir.

 

Diese Geschichte enthält erfundene Wahrheiten. But there is no doubt: Carla is the Queen of Jazz Composers. Sie war die eine Frau unter den Musikern der New Yorker Jazz-Avantgarde, die schon mit ihren frühen Stücken – vertrackten Miniaturen voller raffinierten Esprits und Freiheit gewährender Offenheit – Paul Bley, Charlie Haden, Gary Peacock und (damals schon) Steve Swallow versorgte. Mir scheint, dass niemand ihre enigmatischen Kompositionen besser erblühen lassen kann wie Paul Bley.

 
 

 
 

Gestern habe ich Rosato überreden können, endlich die Vinyl-Edition von Gary Peacocks Album Tales of Another zu digitalisieren. Es ist eines meiner liebsten ECM-Alben und trotzdem sind sehr sehr viele Jahre vergangen, seit ich es zum letzten Mal angehört habe. Meine Ohren waren gestern weit offen und beim ersten Titel der B-Seite Trilogy I werde ich noch hellhöriger! Das kenn ich doch! Und vielleicht erkennen es aufmerksame Leser & Hörer dieses posts wieder:

 
 

 
 

Es ist wunderbar und verblüffend, wie sich verschiedene Fäden des Blogs treffen und verknüpfen und sogar meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen als Musikhörer streifen, angefangen von Ingos berührender Remineszenz an Gary Peacock, die Wiederentdeckung des Albums Tales of Another, in welchem ich Garys Verbeugung vor Carla höre – ein kleines Samenkorn. Die Übereinstimmung der Töne kann kein Zufall sein.

 
Und dann lese ich noch dies:

… die Story stammt aus der Zeit vor der Aufnahme seines Album „Tales of Another“. Ich weiss noch, wie er erzählte, und wahrschheinlich auch in jenem Gespräch, dass die Kompositionen nur aus einzelnen Samen oder Ideen bestanden. Kernzellen, welche vom Trio aufgegriffen wurden.

ich habe ein Faible für Primzahlen
es sind die Individualisten unter den Zahlen
sie entziehen sich dem Zugriff, sind unvorhersehbar
man kennt bis heutigentags keine Formel, sie zu berechnen
ob der von John Cage so geschätzte Zufall wohl eine Rolle spielt?

 
 

2 ist eine Primzahl

3 ist eine Primzahl

5 ist eine Primzahl

7 ist eine Primzahl

 
 

2357 ist die schönste Primzahl
 

 

 
 


recorded on August 22, 2020

 

2020 19 Jul

One Note Samba

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Das ist ein verwegener Titel, zweifellos! Ein Musikstück, das nur One Note, Einen Ton anbietet, kann nur … ähm, eintönig sein. Und der Komponist? Naja, dem fällt halt nichts ein. Es ist noch nicht lange her, dass Eintönigkeit und Einfallslosigkeit als enges Paar galten. Für Albert Lortzing (1801-1851) war es das gebotene Stilmittel, die begrenzte Kreativität eines dichtenden Bürgermeisters und eines komponierenden Kantors zu karikieren. Beider Huldigungskantate auf den russischen Zaren beginnt so: Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns er – elfmal derselbe Ton, von nur drei anderen gefolgt – schiehienen, dideldum, dideldum, das ist das Zwischenspiel …

 
 

Albert Lortzing – aus „Zar und Zimmermann“

 
 
This is just a little samba built upon a single note.
Other notes are bound to follow but the root is still that note.

Oha, nach 19 Sekunden ist es schon vorbei mit der One Note und es stellt sich heraus, dass es gar nicht um Töne geht.

Now this new note is the consequence of the one we’ve just been through.
As I’m bound to be the unavoidable consequence of you.

 
 

Stacey Kent – One Note Samba

 
 

Mir geht es aber um Töne und die Frage, ob es überhaupt One Note Musikstücke gibt, wenigstens eines. Ich kenne keines. Ich weiß, dass ein Komponist ganz nahe dran war. Er entwarf immerhin ein Two Note Piece. Die Composition 1960 #7 besteht nur aus den zwei notierten Tönen h und fis mit der Interpretationsanweisung »to be held for a long time«.

One Note Samba ist Pop. Deshalb kann ich verstehen, dass nach 19 Sekunden Schluss ist mit One Note. LaMonte Youngs Composition #7 ist nicht Pop. Hier geht es um etwas anderes. Wahrscheinlich ahnt man das erst, wenn man drei Stunden oder länger zuhört. Der Mix mit The Tamburas of Pandit Pran Nath ist von wunderbarer Wirkung.

 
 

LaMonte Young – Composition 1960 #7

 
 

Es kann ja sein, dass es nicht ein einziges One Note Piece gibt. Jedoch gibt es Musik, in der ein One Note Ton aus verschiedenen Gründen eine besondere Rolle spielt, zum Beispiel deswegen:

 

About this brief chanson an amusing story is recounted by the Swiss monk Glareanus in his compendious text book the Dodecachordon (1547).

Louis XII, the French King, is said to have a very inadequate voice. He once asked Josquin if there was anyone who would compose a song in several voices in which he could also sing some part. Josquin, wondering at the demand of the King, whom he knew to be entirely ignorant of music, hesitated and finally decided what he would answer. „My King“ he said „I shall compose a song in which your Majesty will also be given a place in the singing.“ The following day, after he had breakfast and was to be refreshed with songs, according to royal custum, Josquin produced his song in four voices, composed so that the exceedingly thin voice of the King should not be drowned out. He had given the King, in a range that would be suitable to the royal voice, a part consisting of just ONE NOTE … The King laughed merrily at the trick and gladly dismissed the composer with a present.

 

Josquin Desprez – Guillaume se va chaufer

 
 

Man sieht, King’s Singers gab es schon im 16. Jahrhundert. Die King’s Singers des 20./21. Jahrhunderts haben es Josquin nachgemacht. „Blackbird“ statteten sie aus mit einer „Regis Vox“, einer königlichen Stimme, verweilend auf dem Ton g. Ich stelle mir vor, der Ton war für Queen Elizabeth gedacht, falls ein noch lebender Beatle zum Ritter geschlagen und die Ehrung mit einem Gstanzl gefeiert wird.

 
 

The King’s Singers – Blackbird

 

Als Zugabe gibt es eine wahrhaft geniale Fassung von Brad Mehldau

 

Brad Mehldau solo – Blackbird

 
 

 
 

In den letzten Wochen habe ich Maurice Ravels „Gaspard de la Nuit“, eines meiner Lieblingswerke weltweit, sehr oft angehört. Es sind drei Poems nach Gedichten von Aloysius Bertrand (1807 – 1841) – Ondine, La Gibet, Scarbo. Das zweite ist eines der irrsinnigsten One Note Stücke.

 

DER GALGEN
 
Horch! ist’s eine nächtige Windsbraut, die winselt,
oder hat der Gehenkte am Galgen geächzt?

Ist es ein zirpendes Heimchen, das sich im Moos und im kargen Efeu verbirgt,
womit sich das Holzgerüst mitleidig den Fuß bekleidet?

Ist’s eine Schnake auf Jagd, die das Horn bläst um die Ohren,
die taub sind für das Halali der Jagd?

Ist es ein Schröter, der auf seinem schwankenden Flug
von diesem kahlen Schädel ein blutiges Haar zwackt?

Oder ist’s eine Spinne, die eine halbe Elle Musselin
als Tuch für diesen erdrosselten Hals wirkt?

Es ist die Glocke, die an die Mauern einer Stadt unterm Horizont schlägt,
und das Gerippe eines Gehenkten, das die untergehende Sonne rötet.

 

Maurice Ravel – Gaspard de la Nuit, Le Gibet

 
 

Nun gibt es doch ein One Note Piece, das so gut, so außergewöhnlich ist, dass es NICHT auf youtube verfügbar ist. Im besten Fall besitzt man das Album oder verfügt wenigsten über einen Spotify Account für den unmittelbaren Zugriff.

 

Keith Jarrett – Sun Bear Concerts, Encore from Sapporo

 

Die Zugabe trägt ständig den Ton C mit sich bis dieser gegen Ende etwa zwei Minuten lang in fast völliger Einsamkeit zurück bleibt und zu bestaunen ist als facettenreicher Einzelgänger. Man höre hinein. Er steckt voller Töne, die den schönen Namen harmonies tragen.

2020 2 Jun

The President’s Press Conference

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2020 31 Mai

heute

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2020 21 Mai

heute

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2020 23 Apr

mouvements

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2020 13 Apr

four colours

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Der erste Eindruck des Albums „Mixing Colours“ von Roger und Brian Eno wäre überraschend gewesen, hätte ich nicht die Vorab-Veröffentlichungen für die Klanghorizonte gekannt, denn kompositorisch-stilistisch ist das erstaunlich rückblickend, bezogen auf die Harmonik (du erinnerst dich bestimmt an deinen Musikunterricht: Tonika, Subdominante, Dominante, Funktionsharmonik, verminderter Septakkord usw.) („nein, nur sehr flüchtig“; M.E.)

 

Melodik und auch Form haben mich positiv überrascht, weil die Miniaturen nicht „amöbenhaft“ formlos gestaltet sind. Jedes der kurzen Stücke entwickelt sich aus charakteristischen Ingredienzien, hat klare Konturen.

 

18 kurze Stücke, zwar untereinander keine großen Kontraste aufweisend, aber doch jedes von eigenem Charakter. Nun gibt es (vor allem in der Klaviermusik des 19. Jhs.) den Typus des „Charakterstücks“. Der Einfachheit halber zitiere ich aus Wikipedia:

 

„Ein Charakterstück, lyrisches Stück oder Genrestück ist ein kürzeres Musikstück vor allem für das Klavier. Es soll eine Stimmung ausdrücken, die zumeist mit einem Titel umschrieben wird.“

 

Roger vergibt ebenfalls Titel, die wohl aus der englischen Farbwörter-Truhe stammen, jedoch offener sind als z.B. „Verrufene Stelle“ (Robert Schumann, in den „Waldszenen“ op. 82).

Er sagt im Interview:

 

I like the idea of having names of colours that you don’t have to associate a phrase like “the old road” or something like this with. You know, that you then focus on and that would be your mental vision. When you have the name of a colour, you have a kind of atmosphere, but it’s a non-specific atmosphere.

 

Ich habe einen Zyklus mit 24 Stücken assoziiert, nämlich F. Chopins Préludes op. 28, die ich dir wärmstens zum Anhören empfehle. Das sind Miniaturen vom Typus des „Charakterstücks“, wenngleich sie ganz neutral „Préludes“ heißen. Sie sind allerdings von höchstem Kontrastreichtum – ganz im Gegensatz zu Rogers schmaler Bandbreite an Stimmungen und kompositorisch von ganz anderem Kaliber.

 

Auf Komponisten der Romantik rekurrieren ja Víkingur und Roger, wobei Víkingur mit Schumann ziemlich  daneben liegt,  wie auch Roger korrigierend anmerkt: …  like definite harmonic influences, melodic like Schubert I’d say actually, more than Schumann … Von Chopin spricht Roger NICHT in Bezug auf stilistische Anleihen, sondern auf die magische Stunde der sprudelnden Kreativität: …  Put my equipment on and improvise, before you completely wake up it’s quite a good time for that. You know, you’re talking about Chopin, that’s his “opium hours”. That was quite a good time for me.   …  

 

Meine minimale Voreingenommenheit habe ich schnell abgelegt, zumal mir Benedicte Maurseth zuflog. Mit ihrer Musik und ihrem Buch „To Be Nothing“ beschäftige ich mich zur Zeit sehr intensiv. Dieser wunderbaren Musik aus Hardanger gegenüber bin ich überhaupt nicht voreingenommen, sie ergreift mich unmittelbar mit ihrer überwältigenden Schönheit. Dabei ist sie nüchtern betrachtet der Musik Roger Enos formal sehr ähnlich. Es sind Tänze & Hörstücke, die eine charakteristische, meist einheitliche Stimmung ausstrahlen, aus einem charakteristischen musikalischen Motiv  entwickelt werden, wobei variierte Wiederholung eine Rolle spielt.

 

Rogers Album ist stilistisch dem 19. Jahrhundert verpflichtet, natürlich auch der charmanten Simplizität Erik Saties, ABER die Sounds sind es NICHT. Deswegen ist mir die Anmerkung what is old is new, and what is new is old aus dem Booklet zu ihrem (und Knut Hamres) Album Anima eingefallen, diese Haltung, aus Tradition, aus Altem in Neuland vorzudringen, im Neuen die Bindung an Vergangenes zu bewahren. That’s Life.

 

Ich empfehle Benedictes bei ECM erschienenes Album Over Tones, auf dem Maurseth sowohl traditionelle Hardangermusik und Eigenkompositionen auf dem alterwürdigen Instrument Hardingfele spielt.

 

Ich habe mir zu jedem Stück Notizen gemacht, verzichte aber darauf, sie zu zitieren. Mir ist dabei aufgefallen, dass 3 Stücke über der gleichen Basslinie sich entfalten. Nach der Lesung des Interviews wurde bestätigt, dass es 3 Soundvarianten des gleichen MIDI-Files sind, also auch die Melodien identisch sind. OK, wäre mir nach weiteren Hör-Durchgängen sicher aufgefallen.

 

Brian So for instance, on the album there are three tracks that all use the same original MIDI performance.

Víkingur SPRING FROST, VERDIGRIS and CERULEAN BLUE

 

Auffällig ist, dass die meisten Stücke im 3/4- bzw 6/4-Takte stehen. Es gibt ein paar Stücke, die es mir besonders angetan haben:

 

04 – Wintergreen
05 – Obsidian / flächig fließend, Puls vermeidend
07 – Dark Sienna
09 – Snow / teilweise melodisch polyphon wirkend
10 – Rose Quartz
11 – Quicksilver / metrisch angenehm verwirrend
15 – Desert Sand / reizvolle Sound-Kontraste
16 – Deep Saffron

 

Lektüre nach 2-maligem Anhören des Albums

sehr interessante Passage:

 

Brian In fact, what’s interesting is when you are in both of those places, the past and the future. What has happened in the last 50 years of electronic music is that there’s been a huge emphasis – exploited almost entirely by pop music and hardly at all by classical music – on the new possibilities of instrument colour, timbre. If you think about classical music and you think that the clarinet represents this tiny little oasis of sound and the viola is another thing and the piano is another, but nonetheless there (ich ziehe das Wort THEY vor, es bezieht sich dann auf die Sounds herkömmlicher Instrumente) are little islands in the world of all the possible sounds that you could make. What’s happened with electronics is that all those spaces in between have been filled in with new sounds that never existed before, and lots of others that nobody even imagined. So suddenly there’s all of this huge palette of colours. It’s a little bit like if, from say the 1950s onwards, there had suddenly come into existence thousands and thousands of new paint colours. Can you imagine it that you go down to the paint shop and there’s a colour you’ve never seen before. Doesn’t have a name. It doesn’t look like anything else, sort of browny, pinky, greeny, bluey. There’s no name for it, you know. So, really, it’s only in pop music that that has been recognised, that the material of contemporary music more than anything else is timbre. It’s not really melody. It’s not really structures. It is beats.

 

Dem stimme ich im Großen und Ganzen zu. Aber schon vor dem Einzug der Elektronik in die Musik – beginnend in den 50er Jahren (Stockhausen, Studio für Elektronische Musik des WDR bzw. NWDR, aber auch andere in USA & Europa) – gab es in der Klassischen Musik die „Arbeit“ am Sound. Ich empfehle dazu:

 

Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia

Hector Berlioz, Symphonie fantastique
(übrigens das erste Stück Drogenrausch-Musik der Geschichte)

 


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