Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Ich habe oft mein Packerl Jazz-Schallplatten an seinen Schreibtisch bei jazz by post in der Pasinger Gleichmannstraße getragen und die Rechnung beglichen. Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob Jarrett auch in der Provinz auftreten würde.

 

 

 


Quellen:


– Süddeutsche Zeitung
– Fono Forum Heft 11/2019

Ich habe noch mehr Titel für diesen Beitrag in petto. Er könnte auch lauten Aus dem Magischen Jahrzehnt des K.J. Ich verwende ihn nicht, denn die Rechte liegen bei M.E. und bei ihm habe ich nicht angefragt. Auch NDR Jazzworkshop No. 100 wäre ein passender Titel.

Die Rundfunkanstalten der ARD gestalten ein oder zwei Mal im Jahr ein Radiofestival. Es wird mit diesen (und noch mehr) Worten angepriesen:

 

Die Kulturradios der ARD sorgen auch in diesem Jahr wieder für glanzvolle Abende und Festival-Stimmung aus ganz Europa. Acht Wochen lang – vom 20. Juli bis 14. September – können die Hörerinnen und Hörer jeweils von 20 bis 24 Uhr wunderbare Sommerabende genießen. […] Das ARD Radiofestival macht jeden Abend Station bei einem bedeutenden europäischen Festival und sendet Konzert-Highlights von den Salzburger Festspielen, den Bregenzer Festspielen, vom Festival D’Aix-en-Provence, vom Granada Festival, dem Rheingau Musik Festival, der Proms in London, vom Kunstfest Weimar, dem Beethovenfest Bonn, den Schumann Festwochen Leipzig und vielen anderen.

 

Dabei darf der Jazz nicht fehlen. Die Jazzreihe überrascht montags bis freitags ab 23.30 Uhr mit einem facettenreichen Programm. Klingt gut! Aber Vorsicht! Man gönnt diesem bedeutenden Musikgenre nur kümmerliche 30 Minuten Sendezeit. Das ist lächerlich. Trotzdem war ich vorgestern dabei, um endlich in guter Klangqualität einen der fulminantesten Liveauftritte der Jazz History zu genießen. Naja, den kompletten Jazzworkshop No. 100 hat man nicht gesendet. Der dauert 96 Minuten.

Was ich gehört habe, hat mir Gänsehaut beschert. Wie geht es euch dabei?

 
 

 
 

Was ich gehört habe, kenne ich schon seit 1982, als der NDR am 23. Oktober Jarretts Solo Recital aus der Staatsoper Hamburg live sendete. Weil der Beginn des Konzerts sich bis Mitternacht verzögerte, gab es als Lückenfüller Ausschnitte aus eben dem 100. Jazzworkshop, wegen eines Geisterfahrers unterbrochen von einer Verkehrsdurchsage, und ergänzt durch einen Wortbeitrag Michael Nauras, aus dem ich hier vor Kurzem zitiert habe.

Heute (kalendarisch gestern) habe ich ein wenig in den Kalendern geblättert, die Olivier Bruchez auf seiner wunderbaren Webseite und Discogs zur Verfügung stellen. Es kam für mich durchaus Interessantes und Verblüffendes zum Vorschein. Nach der Quellenlage kam es am 18. April 1974 in Hannover zum ersten öffentlichen Auftritt von Jarretts European Quartet (mit Garbarek, Danielsson, Christensen). Da war das erste Album dieser Gruppe BELONGING noch gar nicht auf dem Masterband. ECM 1050 wurde erst am April 24 and 25, 1974 at Arne Bendiksen Studio, Oslo recorded.

Jarretts European Quartet lebte 5 Jahre. Das letzte Album NUDE ANTS dokumentiert den bzw. die Auftritte vom Mai 1979 im Village Vanguard, New York, NY, USA. Am Montag dieser Woche hörte ich im Radio eine unglaublich ekstatische Version von Spiral Dance und das lyrische Blossom. Eine Verkehrsdurchsage kam nicht zur Aufführung – aber der Moderator bequasselte den Übergang zwischen beiden Stücken.

2019 4 Sep

Die Linder Ebene

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Die Linder Ebene kennt hier niemand – da bin ich mir sicher. Aber die Po Ebene kennt man bestimmt, und die Norddeutsche Tiefebene auch.

Die Linder Ebene ist etwas Besonderes, nicht absolut, aber in Relation zu ihrer Umgebung. Meine fränkische Heimat ist reich an Hügeln, Bergen und sogar Gebirgen. Hoch oben – in Presseck etwa – hat man einen weiten Blick auf eine wellige Hochebene. Man sieht die tiefen, manchmal klammen Täler nicht, die von den Schmelzwassern des Frühlings hineingefräst wurden. Wo die vielen nach Süden abfließenden Bäche des Frankenwaldes und des Thüringer Waldes von größeren Flüssen wie dem Main geschluckt werden, sind die Täler begleitet von steilen Bergen.
 
 




 
 

Die Linder Ebene ist etwas Besonderes, weil sie im engräumigen fränkisch-thüringischen Bergland nicht ihresgleichen hat. Dieser weite, flache, von Bergen gesäumte Kessel fasziniert mich durch seine Offenheit und den rätselhaften Muppberg, der von allen Seiten wie ein Sarg aussieht. Lange konnte ich – unwissend – mir vorstellen, mich in einer Caldera zu befinden. Der Muppberg ein alter Vulkanschlot? Falsch.

Der Muppberg ist ein sog. Zeugenberg. Er erhebt sich aus der Ebene, weil er ein harter Brocken ist, welcher der Erosion widerstanden hat. Er scheint im Wesentlichen aus Sandstein zu bestehen. Das Umland wurde in langer Zeit von Wind, Wetter und Wasser zugerichtet, weggespült und aufgebaut.
 
 




 
 

Das ist die Steinach, kurz hinter dem Dorf Mupperg. Dieses Bächlein und ein paar andere haben die Linder Ebene hergestellt mit Sedimenten, die seit Hunderttausenden von Jahren aus dem Thüringischen Schiefergebirge angeschwemmt werden. Der Flussname drückt es aus: Stein-Ache bedeutet Steinfluss. Wegen der Trockenheit dieses Sommers ist es ein harmloses Rinnsal. Aber wenn die Schneemassen des Thüringer Waldes im Frühling dahin schmelzen und starker Regen mithilft, wird der Bach zum Ungeheuer. Besonders in früheren Zeiten, als die Winter strenger und die Flüsse noch kaum reguliert waren, geschah dies häufig. Eine Chronik von 1763 aus Oberlind berichtet:
 
 

Neujahr sind wir mit großer Mühe bis an die Kirche gekommen, haben zum Turm hinausgesehen und sind sehr erschrocken. Bei vielen Häusern lief das Wasser zum Fenster hinein, so daß viel Morast mit hineingebrauset. Drei Tage lang konnte kein Nachbar dem andern Hilfe leisten.

 
 

In meinen ersten Jahren in der Drei-Flüsse-Stadt Kronach habe ich ein solches Frühlingshochwasser gesehen. Da stand das Wasser an der Schwelle des Hotels Sonne.
 
 




 
 

Bevor der Mensch hier eine Kulturlandschaft schuf, war es ein nordisch anmutendes Feuchtgebiet. Sümpfe (Müß, wie sie in der Gegend heißen), Torfmoore und ein Artenreichtum an Wasservögeln und des Fluges nicht mächtigem Getier gaben der Gegend ihren früheren Charakter. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Trockenlegung des Areals. Diesen Teich hat man wohl vergessen.

Die Linder Ebene ist etwas Besonderes. Es ist mein Fahrradparadies, flach, die Wege mit gutem Belag und extrem wenig Autoverkehr, mit zwei zu Radwegen mutierten alten Bahnlinien. Doch wenn man Lust hat, kann man auch in die Gebirge hochfahren, welche die Ebene einkesseln. 500 Höhenmeter liegen zwischen Heubisch und Neuhaus am Rennweg. Immerhin 180 Meter Höhendifferenz sind es von Heubisch hinauf auf den Muppberg.

Um die Ebene zu überblicken, segelt man am besten mit dem Gleitschirm darüber hinweg. Zu fotografieren in der Totalen fällt nicht leicht. Man müsste in einem Haus am Südhang des Thüringer Waldes wohnen. Dort ist die beste Wohnlage Sonnebergs – gemessen an der Aussicht …
 
 




 
 

Jedoch am unmittelbarsten erlebt man das Gebiet mit den Füßen oder den Reifen auf dem Boden. Heute war ich zum zweiten Mal in meinem Leben auf dem Muppberg, dieses Mal mit dem Fahrrad. Bewegt man sich in der Linder Ebene, sind fotografisch nur kleine Teilbereiche erfassbar.
 
 


          

 
 

Der Fahrweg hinauf zum Muppberg beginnt an seiner Nordseite in Neustadt / Coburg an der Straße nach Ebersdorf. Für Kfz ist der geschotterte Weg gesperrt. Nur zur Versorgung der Arnoldhütte und anderer Einrichtungen dürfen Autos hochfahren. An einer Stelle – bei einer Haarnadelkurve – zweigt ein breiter Weg ab. Hier musste ich rasten. In der Kurve geht es ein paar Meter in Direttissima-Linie aufwärts. Auf dem Schotter drehte mein Hinterrad durch. Ich habe leider kein Allradrad. Ein E-Bike habe ich auch nicht, denn ich radle beyond mainstream. Deshalb musste ich ein paar Steilstücke schieben. Oben gibt es einen Aussichtsturm, von dem ein Blick in die Linder Ebene möglich sein sollte. Leider war die Türe verschlossen. Aber ein Bild des Muppbergs von oben, wie ein Gleitschirmflieger ihn sieht, kann ich am Ende doch noch anbieten.
 
 


          

 
 

Zum Schluss zeige ich den letzten Berg, den ich an diesem Tag in Angriff genommen habe. Trotz der Höhen kann ich mir vorstellen, dass Norddeutsche-Tiefebene-Radler Gefallen finden an der Linder Ebene.
 
 




 

 

Die Zutaten für den Mix sind alphabetisch geordnet. Den Impuls zum Mixen gab Shai Maestro, dessen surname ich nicht übersetzen möchte – ein paar wenige Leser verstehen eventuell, warum. Ordne ich in zeitlicher Reihenfolge, dann muss ich mit Richie Beirach anfangen.
 

Neue Musik, die wichtig ist, muss eine Grenze berühren. Sie muss an einen Ort geraten, hinter dem etwas Unbekanntes liegt. Ob es die Grenze überschreitet, das ist nicht immer möglich. Aber dieser Punkt muss erreicht werden, wo man spürt, hier geht es nicht weiter – vorerst, ja. Aber die Musik zeigt diese Grenze auf. Warum ist es wichtig, dass wir einen neuen Ort erreichen oder an eine Grenze kommen? Es lief etwas, was noch nicht dagewesen ist.
 
(Björn GottsteinAUDIO 1)

 

Richie Beirach habe ich am Freitag, den 16. August 2019, im Quartett live gehört mit einem Auftritt beim Jazzfest Passau. Beirach war vor Wochen Thema hier im Blog mit dem tief berührenden Interview-Film von Ingo J. Biermann und der davon inspirierten Milestones-Sendung Michaels im DLF. Es ist nicht schwer zu erraten, was mich veranlasste, Richie zu hören und persönlich zu treffen. Es war ein schönes Konzert, es war ein solides Konzert sehr versierter Musiker, aber es war kein Erlebnis, das eine Grenze berührt hätte. Man hörte handfesten Post Bop, den ich inzwischen zum Old Time Jazz zähle.
 
 
 
 


 
 

Shai Maestros erstes ECM Album The Dream Thief stand auf meiner Favoritenliste des Jahres 2018 und vorgestern begegnete ich erstmals 2 Grenzen überschreitenden Alben, die schon seit Langem vorliegen, aber fest gebucht sind für meine 2019-Liste. Sie haben mich in extremer Weise berührt und gehören zu den wenigen Alben, deren Tiefenwirkung jener eines Live-Erlebnisses gleicht. Zu naheliegenden Beispielen zählen dafür Jarretts Facing You und Solo Concerts Bremen/Lausanne oder Miles Davis’ Kind of Blue (wenn ich mich auf Jazz beschränke).

Shai Maestros Musik amalgamiert zwei Eigenschaften, die nur von wahren Meistern überzeugend verbunden werden können: Wohlklang, Eingängigkeit, betörende Melodik einerseits und subtile Raffinesse gepaart mit Wildheit andererseits. Er erfindet Harmonien, die unter den Chord Symbolen des REAL BOOK so gut wie gar nicht zu finden sind – was sind das schöne Überraschungen!
 

Eigentlich hätte ich meine Sendung überschreiben müssen ‘Plädoyer für Toleranz am Beispiel von Keith Jarrett’, denn Erfolg – und mag er noch so groß sein – schließt ja nicht aus, dass auch Kritik laut wird. Im Fall von Jarrett erregen sich einige Leute bei gewissen Passagen seiner Soloklavier-Auftritte. Diese Passagen hören sich an wie Zitate aus der Klassischen Klavierliteratur, und genau bei so einer Stelle flüsterte mir in einem Jarrett Konzert ein eher mäßig begabter Klarinettist zu “Scheiß Heile Welt”. Was war daran so heil? Die nachvollziehbaren Melodien, der köstliche Anschlag, die durchschaubare Harmonik? Kurz danach wechselte Jarrett die Stimmung und spielte wie rasend Cluster über Cluster. Wieso konnte der Kollege von der Free-Jazz-Fraktion nicht 5 Minuten Wohlklang ertragen? Warum war es ihm unmöglich, Tonalität als etwas nicht Bedrohendes zu empfinden?

Michael Naura – AUDIO 2

 

Ähnliches ist mir 1976 in Nürnberg bei Jazz-Ost-West passiert, als ein guter Freund von mir – ebenfalls Mitglied der Free-Jazz-Fraktion – meine Begeisterung für den Auftritt des Keith-Jarrett-Quartetts mit der Bemerkung “zu viel Schönklang” nicht schmälern konnte. In diesen Post-68er-Jahren geriet jegliche ästhetischen Genuss bereitende Musik allzuoft in den Verdacht, System stärkend zu sein, von politischen Missständen abzulenken. Nun ist es ohnehin fraglich, wie weit die semantische Deutlichkeit von Instrumentalmusik reicht. Spontan könnte ich nur 2 Beispiele nennen für Instrumentalmusik, deren politische Dimension einst ruchbar war. Beethoven ist eines der beiden Exempel. In seiner Epoche, und vor allem durch ihn, emanzipierte sich Musik aus funktionalen Bindungen. Das 19. Jahrhundert wird dafür den Terminus “Absolute Musik” erfinden. Beethovens Zeitgenosse J. N. Dolezalek berichtet: Kaiser Franz I. wollte von Beethovens Musik nichts wissen: ‘Es steckt etwas Revolutionäres in der Musik!’ Was Michael Naura beschreibt findet eine ungefähre Analogie im Zusammenhang mit Wolfgang Rihm.
 

Rihm ist da ausgeschert. Er war derjenige, der von Anfang an […] tonal komponiert und die Klassische Formenwelt bedient [hat]. […] Es war der große Skandal, dass ein zeitgenössischer Komponist, ein junger Komponist, so verständlich, so sinnlich, so wuchtig, so haptisch, so, dass es den Menschen sofort erreicht, komponieren kann und sich über alle Regeln hinwegsetzt!
 
 
Eleonore Büning AUDIO 3
 
ich empfehle ergänzend
 
AUDIO 4 und
 
AUDIO 5 anzuhören.

 
 
 


 
 
 

Ein Musiker, der sich dem ästhetisch Schönen verschrieben hat ist freilich per se kein unpolitischer Mensch, wie man im letzten Titel von Shai Maestros Album The Dream Thief hören kann. In What Else Needs To Happen? lässt Shai Maestro an 2 Stellen Barack Obamas Stimme während einer Rede hören, in der er sich für die Waffenkontrolle einsetzt.
 
 


We all change as human beings … we will probably never stop changing.
in learning to take time, fearing less, daring more and accepting
the occasional stumbling – the music changes with us.
We are slowly learning to let the music be a representation of
who we are as people. For good or bad.

 
 
Shai Maestro, Nov. 14

 

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don’t

know
 
 

 
 
what

love

is

2019 28 Jun

50.52943 / 11.38203

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In diesem Jahr wimmelt es vor 50-Jahre-Jubiläen. Ich kann eines hinzufügen, das weltweit so viel Beachtung findet, wie die 50. Geburtstage aller Helmbrechtser. Es interessiert nur jene, die dabei gewesen sind. Vor 50 Jahren – während meines Studiums – leitete ich die Kurrende der ESG München. Vor 50 Jahren waren wir auf Tournee im Frankenwald, mit Auftritten in Presseck, Kronach und Helmbrechts. Letzte Woche trafen sich viele Überlebende dieses seit langem nicht mehr existierenden Chores in Presseck. Es wurde gesungen, wir wanderten den schönsten Weg des Frankenwaldes und besuchten Probstzella, eine Ortschaft, von der ich immerhin weiß, dass man durchfahren kann. Vom Haus des Volkes hatte ich bis vor wenigen Tagen nie gehört.

 
 
 

 
 
 

Das Haus des Volkes in Probstzella (Thüringen) wurde 1925 bis 1927 im Auftrag des Industriellen Franz Itting von Alfred Arndt und Ernst Gebhardt als Hotel und kulturelles Zentrum erbaut. Die Inneneinrichtung wurde vollständig von Künstlern des Bauhauses Dessau gestaltet, es handelt sich um das größte in Thüringen realisierte Bauhaus-Ensemble.

 
 
 


 
 

 
 

 

Links am Flügel nimmt Carla Bley Platz, in der Mitte sieht man Steve Swallow in seiner typischen Haltung leicht vorgebeugt Carlas intrikate Partituren lesend, rechts bläst Andy Sheppard mal Tenor, dann wieder Sopran. Das ist kein Trio. Das ist Dreieinigkeit.

 
 

 
 

Die Unterfahrt ist noch fast leer, es sind noch 90 Minuten bis zu den ersten Tönen, aber es wird schließlich sehr, sehr eng im Club, der Andrang ist gewaltig, unter den Zuhörern entdecke ich Manfred Eicher.

Pünktlich um 21 Uhr wird die Band vorgestellt, man werde Stücke ihres letzten Albums Andando el Tiempo hören. Altersgemäß vorsichtig betreten Carla und Steve nach Andy die Bühne. Steve Swallow begrüßt die Zuhörer und korrigiert die Ansage. Man werde fast nur neue Stücke hören, die Carla in den vergangenen Jahren geschrieben habe, Stücke, die auf dem nächsten Album bei ECM erscheinen werden. Wunderbar. Aber eine Studioaufnahme wird die Magie dieses Abends nicht erreichen.

Die beiden letzten Stücke waren gute Bekannte, nämlich Three Banana aus dem fabelhaften Album The Lost Chords Find Paolo Fresu – ein Stück für Beatles Kenner – und Carlas meisterhafte Paraphrase von Monks Misterioso. Als ich mein Abendessen und den Rotwein beglichen hatte, war der Saal fast so leer wie am Anfang. Steve kam noch einmal auf die Bühne, um seinen Bass und diverse Notenblätter einzusammeln. Ich bedankte mich für den tief bewegenden Abend und Steve meinte, es sei für das erste der Tournee ein ganz gutes Konzert gewesen.

 
 

 
 

16. Mai – München, Unterfahrt
17. Mai – Zürich, Moods
20. Mai – Wien, Porgy & Bess
24. Mai – Köln, Stadtgarten
25. Mai – Köln, Stadtgarten
16. Okt.- Utrecht, Tivoli Vredenburg

 

 


 
 

 
 
 

 
 

 


long version

 

 

Oft wird gesagt, man könne Äpfel und Birnen nicht miteinander vergleichen. Das stimmt nicht. Ich kann es. In meinem Freundeskreis gibt es eine Person, die keine Äpfel isst wegen einer Allergie. Birnen lässt sie sich schmecken. Ich weiß von lieben Menschen, die einen anaphylaktischen Schock erleiden würden wenn sie in Messiaen beißen, die an der Bar drei Caipirinhas trinken müssen bevor sie einen Sakamoto schlürfen. Ich werde jetzt Ryuichi, Mike und Daniil vergleichen. Alle drei spielen Klavier. Äpfel und Birnen sind Obst.

 
 
Ryuichi Sakamoto
 

BTTB habe ich angehört, denn Gregors Rezensionen sind mir oft ein Anlass, dem Besprochenen nachzuhören. Ryuichi Sakamoto wäre eine verschwommene Erscheinung am Rande meines Klanghorizontes, würde nicht hie und da unter den Manafonistas über ihn gesprochen. Damals, kurz nach dem Erscheinen habe ich das Album X∞Multiplies des YELLOW MAGIC ORCHESTRA gekauft.

 

 

 

 

Ich fand die Musik zwar interessant, aber doch nicht hinreißend genug, um mich dauerhaft zu fesseln. Seit wenigen Jahren erst ist mein Interesse an Ryuichi Sakamoto erwacht, ausgelöst von der Musik zu The Revenant. Im Praeinternetikum ist es schier unmöglich gewesen, die vielen Facetten seiner Persönlichkeit zu entdecken. Jetzt schätze und bewundere ich seine Vielseitigkeit. Für ein piano wunderkind halte ich ihn nicht, genauso wenig das Album BTTB für ein Meisterwerk.

Haruki Murakami schrieb die Liner Notes, u.a. notiert er:

“Personal and intimate music – somebody (an anonymous somebody) sitting alone in front of the school piano early in the morning, weaving a melody, exploring harmonies.“

 

Sakamoto ein Musiklehrer? Ja, das auch. Es hat wohl bei NHK, dem japanischen TV, eine Reihe zur Musikgeschichte gegeben mit dem Teacher Sakamoto.

 
Commmons Schola: Live on Television Vol.1 Ryuichi Sakamoto Selections
 

In diesem Trailer spielt Ryuichi Sakamoto u.a. Maurice Ravels Menuet sur le nom de Haydn, eine kurze Sequenz aus J.S. Bachs Goldberg-Variationen und ein Duo mit dem japanischen Jazz-Pianisten Yosuke Yamashita.

 

BTTB

Die Assoziationen verschiedener Rezensenten – Satie, Debussy, Cage, Bach – verraten es schon: es ist eine rückwärts schauende Musik, zurück bis tief ins 19. Jahrhundert reichend, in wenigen Piècen fast an die damals verrufene Salonmusik erinnernd. Es gibt aber ein paar pfiffige Stücke. Murakamis Liner Notes evozieren zwar die Vorstellung eines entspannt improvisierenden *Somebody*. So ist es nicht. Das Album enthält überwiegend (vermutlich exakt notierte) Kompositionen. No. 6 choral no. 2 beginnt und endet als strenger Kanon zweier Akkordlinien und auch der Mittelteil ist ein vorwiegend kanonisch geführtes Bicinium. Das kann man nicht so leicht ad hoc aus dem Ärmel schütteln. No. 3 intermezzo klingt wie ein verschollenes und wiederentdecktes Intermezzo von Johannes Brahms. Es dauerte nicht lange und ich hörte das Album wie ein amüsantes musikalisches Rätsel. No. 2 sonatine erinnert an Prokofievs schalkhafte Symphonie classique. No. 7 do bacteria sleep? Maybe, Several Species of Small Furry Maultrommels Gathered Together in a Cave? Bei meinen Streifzügen durch Sakamotos Welten habe ich ganz andere Objekte angetroffen – faszinierende! Dieses zum Beispiel:

 

Alva Noto & Ryuichi Sakamoto with Ensemble Modern: Utp_

 
 
Mike Westbrook
 

Ob jemand Mike Westbrook kennt? Vielleicht ist er der erste Arrangeur gewesen, der ein komplettes Album der Beatles für Big Band einrichtete. Als die Platte 1989 erschien, habe ich sofort zugegriffen. Schließlich handelt es sich um das von mir am meisten bewunderte Album der Beatles. Die Scheibe der Mike-Westbrook-Band trägt den Namen Off Abbey Road. Mike Westbrook ist aus meinem Sichtfeld verschwunden, nachdem ich mich satt gehört hatte. Vor kurzem ist er mir wieder begegnet mit seiner Version eines der schönsten Songs der Beatles, mit John Lennons Because.

 

 

 

 

Mike Westbrook spielt ebenfalls gerne Klavier. Er schaut nie rückwärts, auch wenn er seine Lieblinge – etwa Duke Ellington – interpretiert. Er gehört zu einer Garde von Jazzpianisten, die ohne brillantes Laufwerk brillieren mit unverwechselbarem Ton und Gestus. Er ist spröde. Wer Paul Bley mag, könnte an ihm Gefallen finden.

 
 
Daniil Trifonov

obwohl es im leben groesseres gibt als klaviermusik
gibt es im leben momente
da gibt es nichts groesseres als klaviermusik

 

Einen solchen Moment habe ich am 21. Februar erfahren. Dieses Ereignis hat mich mit einer emotionalen Wucht getroffen, wie wenige andere. Ich war – im „übertragenen“ Sinn – live dabei, als Trifonov einen unglaublichen Klavierabend in der Berliner Philharmonie spielte, der über die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker zeitgleich vermittelt wurde. Schön, dass ich den Auftritt zusammen mit einem guten Freund erlebt habe. Da es sich nicht beschreiben lässt, breche ich jetzt ab. Das letzte Wort hat Uli.

 

Der fröhliche Diskurs entsteht ja, weil es eben nicht darum geht die Erfahrungen anderer zu bewerten, sondern neugierig Trittbrett zu fahren und etwas zu entdecken.

 

to short version

 
 


 
 


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