Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2022 9 Jan

The Last Apple

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2022 8 Jan

Stefan Aust

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Video

 

 

 

2021 5 Dez

Favoriten 2021

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ANDREW CYRILLE QUARTET
THE NEWS
(ECM 2681)
 

Andrew Cyrille ist ein genialer Unbeachteter respektive ein unbeachtetes Genie. For sure Andrew is A DANCER OF THE NUANCES. Zur tiefen Wirkung des Albums tragen alle Bandmitglieder bei. Bill Frisell habe ich lange nicht mehr gehört. Herrlich sein GO HAPPY LUCKY – ein Blues, der Eberhard Webers Worte zum Blues aus einem Interview vom Dezember 2009 konterkariert. Dass beim Blues durchaus Kluges herauskommt demonstriert David Virelles. Selten habe ich in den letzten Jahren einen derart fantasievollen Pianeur gehört.

 
 
SHAI MAESTRO, JORGE ROEDER, OFRI NEHEMYA, PHILIP DIZACK
HUMAN
(ECM 2688)
 

Es gibt nur wenige Alben, die mich genauso beeindrucken können wie ein live erlebtes Konzert. Jarretts Bremen/Lausanne 1973 ist ein solches, und HUMAN reiht sich ein in diese Clique. „GG“ (Track 4) ist mein Liebling des Jahres 2021. Am 07.11.2021 spielten sie es Live at the Bimhuis, Amsterdam (VIDEO) – GG beginnt bei 11:14.

 
 
ALEXANDRE KANTOROW PLAYS BRAHMS (BIS-2600 SACD)

 
In 2019, when Alexandre Kantorow, at the age of 22, became the first French pianist to win the Gold Medal at the Tchaikovsky competition, his programme included no less than three works by Johannes Brahms. Alexandre Kantorow ist für mich neben Daniil Trifonov der faszinierendste Pianist des letzten Dezenniums. Am 15. Mai 2021 spielte er das Programm dieses Albums live bei der Moscow Philharmonic Society (VIDEO)

Wer ihn lieber kürzer und leichter – wenn überhaupt – hören möchte, kann es damit versuchen:
Saint-Saëns: Piano Concerto No 2 in g-Moll, op. 22 (VIDEO)

Tapiola Sinfonietta, conducted by Jean-Jacques Kantorow (Alexandres Papa)
 
 
CATEEN

 
CATEEN ist kein Album. Ich würde ihn als ‚Japanese Jewel‘ bezeichnen, dafür wahrscheinlich Widerspruch ernten. Er heißt Hayato Sumino und unterhält als CATEEN einen erfolgreichen YouTube Channel auf dem er seine Abonnenten und die Laufkundschaft unterhält. Ich würde ihn nicht kennen, hätte ich im Oktober 2021 nicht mit Ausdauer den auf YouTube präsentierten 18. Chopin Klavierwettbewerb Warschau verfolgt. Sumino wurde nicht mit einem Preis belohnt, schaffte es immerhin fast bis in die Final Round. Nun denn,

Morgen kommt der Weihnachtsmann
Ah ! vous dirai-je, maman
Twinkle Twinkle Little Star

VIDEO

2021 20 Sep

Linguistic Change

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Jazzfest Berlin 2016

 

Jacky Terrasson ist ein technisch brillanter Pianist, ein außerordentlich einfallsreicher Improvisateur. Ob er irgendwann einmal in der Galerie der Jazzpianisten in die Klasse von Oscar Peterson, Dave Brubeck, Bill Evans, Keith Jarrett, Chick Corea et alt. aufgenommen wird weiß ich natürlich nicht. Ich vermute, das wird eher nicht der Fall sein und zwar deswegen, weil er keine sensationellen Ausblicke öffnete wie Dave Brubeck mit seinen rhythmisch-metrischen Neuerungen (im Jazz), wie Keith Jarrett mit seinen atemberaubenden Solorecitals, weil er nicht Mitglied einer Miles Davis Band gewesen ist, weil er …

In meiner persönlichen Jazzpianisten-Galerie nimmt er einen Platz in der Ersten Klasse ein. Ich wurde auf ihn aufmerksam im Jahr 2006 oder 2007 durch eine Aufzeichnung des Auftritts des Ron Carter Trios bei der 37. Jazzwoche Burghausen, wo es eine grandiose Version von My Funny Valentine (Video) zu hören gab. Das komplette Konzert kann hier aufgerufen werden

Ron Carter – ich muss nicht betonen, dass er einer der größten Bassisten des Jazz ist – war Mitglied des legendären Zweiten Miles Davis Quintetts. Miles Davis war immer Avantgardist, und die Mitglieder seiner Bands waren es somit unvermeidlich ebenfalls. Ron Carter würde ich schon lange nicht mehr zu den Avantgardisten zählen, es sei denn, man erachtet die Rückkehr zur Interpretation der klassischen Standards als ‚Avantgardie‘. Keith Jarretts geradezu radikale Reminiszenzen wirkten durchaus avantgardistisch nach einer Phase der Weigerung, sich des Amerikanischen Songbooks zu bedienen. Ron Carter spielt gerne die alten Standards, auch Jacky Terrasson schätzt sie und gibt sie zurück als wunderbare Erscheinungen auf gleich hohem Niveau wie Keith Jarrett. Er spielt auch Eigenkompositionen oder bedient sich jüngerer Popsongs.

Nun denn, das mediale Erlebnis des Burghausener Konzerts veranlasste mich, mein erstes Jacky Terrasson Album zu erwerben.

 

 

Es gehört zu den meist gehörten Jazzpiano-Alben meiner Sammlung und enthält eine Fülle von Perlen, darunter die für mich schönste Version von NARDIS. Das Titelstück Smile verdient es, in die Hall of Fame des Jazzpianos aufgenommen zu werden. Es ist ein Meisterwerk. Den unscheinbar einfachen Song hat Charlie Chaplin komponiert, und wohl deswegen ist er noch am Leben. Terrasson versetzt ihn vom 4/4 in den 5/4 Takt, und zwar mit einer Feinheit und Leichtigkeit, dass man es selbst als ausgefuchster Hörer kaum spürt. Über ausgedehnte Räume rückt das Fünfer-Metrum kaum wahrnehmbar in weite Ferne, ist aber immer präsent. Wunderbar, und hier zu bestaunen.

Mit dem Hören von Jackys Alben habe ich mich nicht zufrieden gegeben. Ich wollte ihn auch live erleben. Er gastiert nicht sehr häufig in Deutschland. Im Jahr 2009 konnte ich ihn im Kleinen Saal der Laeiszhalle Hamburg hören. Unter den Stücken des Albums SMILE ist eine Version von Stevie Wonders Song Isn’t She Lovely?, die mir ein unfassbares pianistisches Rätsel blieb für lange Zeit, spielt Terrasson doch ausgedehnte Girlanden zweistimmig im Intervallabstand einer kleinen Sekunde – eigentlich unmöglich. Nach dem Auftritt seines Trios in der Laeiszhalle bat ich ihn um die Lösung des Rätsels. Davon berichte ich in comment #1

 

HERR OBER, BITTE ZAHLEN !!!

ja, gerne
in der letzten Woche ist in München niemand an COVID verstorben.
in der letzten Woche gab es auf den Städtischen Friedhöfen 98 Beerdigungen.

 

Eine ganze CD unbegleiteten Bass-Soli zu widmen, scheint ein großes Wagnis zu sein, aber einigen wenigen Virtuosen mit Vorstellungskraft und immensem Können ist dies gelungen. Ich nehme an, fast alle Leser*innen&außen finden wenigstens ein Piano Solo Album in ihrer Audiothek. Aber wer kann ein Double Bass Solo Album aus dem Plattenschrank ziehen? Gregor schaut hier nicht mehr vorbei, ihm würde ich das zutrauen. Die Tür zu den comments ist offen. Dort kann man Geständnisse – oder Bekenntnisse, wenn einem das lieber ist – ablegen.

Ich fange gleich mal selbst an: ich besitze ein Double Bass Solo Album – ein einziges. Nicht weil ich Kontrabass spiele ist es in meiner Sammlung, sondern weil mir der Bass Player dieser CD ans Herz gewachsen ist. Er hat für mich – und das ist objektiv nicht maßgeblich – den wunderschönsten Ton aller Jazzbassisten. Schließlich spielt er auf einem edlen Instrument, das um 1715 gefertigt wurde. Außerdem hat er ein Stück komponiert, das den Titel Kronach Waltz trägt. Dragonetti’s Dream heißt das Album. Das einzige nicht von ihm erfundene Stück ist die eindringliche Interpretation von Jade Visions, einem herrlichen Stück des tragisch früh verstorbenen Bassisten Scott LaFaro.

Nunmehr sind drei Bassisten eingeführt, darunter Scott LaFaro, der nie ein Double Bass Solo Album eingespielt hat, dessen überragende Bedeutung im Jazz zu würdigen ich lieber Dave Holland überlasse.

 

The bass has become something like the fourth melody voice in the quartet. Wasn’t Scott LaFaro the major reason for that?

Wer war es nun, der die ersten Kompositionen für Basso Solo geschrieben hat und als Solist mit seinem Instrument für Furore sorgte?

Es war Domenico Carlo Maria Dragonetti (1763 – 1846), genannt ‚Il Drago‘

 
 

 
 

Domenico Dragonetti war der Scott LaFaro des 18. und 19. Jahrhunderts, gut Freund mit großen Zeitgenossen, darunter Ludwig van Beethoven, den er persönlich getroffen hat. Ich nehme an, dass ohne Dragonettis Besessenheit die wilde Kontrabass-Partie im Trio des Scherzos von Beethovens Fünfter Sinfonie nicht in die Welt gekommen wäre.

 

 

Irgendwann muss jemand das erste Kontrabass Solo Album des Jazz gewagt haben. Ich weiß es leider nicht genau, lege mich aber fest auf Dave Hollands Emerald Tears. Sechs Jahre vorher hat er zusammen mit Barre Phillips diese eigenartigen tiefgründigen Klanglandschaften erkundet mit Music from Two Basses.

 
 

 
 

Nun ist mit Marc Johnson der Fünfte in den Kreis der Bass Soloists of September eingetreten. Und er bekennt, dass Dave Hollands legendäres Album nicht ganz schuldlos ist. Ich kenne seine Kunst vor allem von den beiden Bass Desires Alben und den späten Auftritten des Bill Evans Trios. Mit OverpassThe Album of September – ist Marc Johnson am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen. Meine Favoriten des Albums findet man in den Klanghorizonten des August 2021.

 
 
 

 
 

Wer den Click raus hat, findet in diesem Beitrag zwei hochinteressante Hörbeipiele.

Vorbemerkungen

 

Im Spiegelbild bleiben Oben und Unten oben und unten, Links und Rechts werden vertauscht. Ich habe meinen Aventho Wireless Kopfhörer eingepackt, dazu einen Bluetooth Transmitter. Das Verheddern in einem Kabel kann nicht passieren, ich kann mich also drehen und wenden. Und sogar beim Miktieren kann ich weiterlauschen.

Die mir verfügbaren Räume sind ein großes Zimmer mit Tischen, Stühlen und Bett, eine Toilette und weite Zeiträume. Nein, ich bin kein Querdenker, den man für ein paar Tage vergittert hat …

Fast wäre es mir gelungen – zum ersten Mal überhaupt – die Klanghorizonte real time von Anfang bis Ende anzuhören. Das bleibt wohl für immer Martina vorbehalten. Die ersten drei Stunden habe ich aufmerksam durchgehalten und bin nicht ein einziges Mal eingeschlummert. Dann aber musste ich aufgegeben.

Nach dem Wiedererwachen hörte ich die 4. und 5. Stunde an dank der vom DLF bereit gestellten Links. Die leeren Zeiträume gestatteten mir, die ersten beiden Stunden ein zweites Mal anzuhören, und zwar in der Weise, dass ich den Tracks Punkte zugewiesen habe, eine Skala von 0 bis 10 anwendend. In wenigen Fällen vergab ich das Attribut norepeat, womit ich Musik meine, die ich absichtsvoll kein zweites Mal anhören würde.

Um es vorweg zu nehmen: die Klanghorizonte August anno domini*ae 2021 enthielten nicht ein einziges Stück, das ich mit 0 Punkten bewerten würde! Und das, wo es unter den historischen Klanghorizonten die Fülle gibt an zero-points-pieces. Für mich war es eine von M.E.s besten fünfstündigen Kompilationen. Natürlich ist das nicht Ausdruck eines absolut objektiven Sachverhalts. Darin ruhen auch subjektive Geschmacksempfindungen. Ich mag zum Beispiel kein Kakaogetränk. Unvergessen: als ich im Kindergarten genötigt wurde, eine Tasse Kackau zu trinken, kotzte ich alles auf den Holzfußboden.

Ich meine – ohne dessen gewiss zu sein – dass Wolfgang Gottlieb Mozart hierzublogge schon mit 0 Punkten abgefertigt wurde. Maarten ’t Hart hätte das nicht getan!

 

In Heiligerlee konnte ich sachliche Musik auflegen, nicht Mozart, den auf keinen Fall, der hat das Patent auf echte Leidenschaft

So steht es geschrieben im Kapitel Furieade von DER NACHTSTIMMER. In meiner Kindheit löste Mozarts Musik ein Kribbeln und Schauern von Kopf bis Fuß, zurück und wieder zurück aus, sobald die ersten Töne erklangen. Ich habe schon sehr lange nichts mehr von Mozart fokussiert angehört. Vor wenigen Wochen jedoch brachte 3sat die Aufzeichnung des Konzerts der musicAeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis aus Salzburg. Ich habe aus Neugier hineingehört – schließlich sorgt Currentzis in der Klassik-Szene für Aufruhr. Ich konnte mich nicht mehr davon stehlen. Es war unglaublich fesselnd, zu hören, was das Ensemble aus den letzten Mozartschen Sinfonien in g-Moll KV 550 und in C-Dur KV 551 freilegte. Overwhelming like the Miles Davis Septet in Munich 1971. Wie man sieht: Äpfel und Birnen kann man vergleichen – ich wenigstens kann das. Ich vermute, nur wenige der hier Lesenden kennen Currentzis. Ich weiß, dass Brian Eno ihn kennt.

 
 

Stunde 1

 

track 1
8 Punkte
schönes elektronisches Ambiente für eine Singstimme mit interessanter Aura

track 2
5 Punkte
als Musique d’ameublement geeignet / Überlänge nach nettem Anfang / norepeat

track 3
9 Punkte
wow! toller Groove / listige Piano Harmonien / Text, der was taugt

track 4
9 Punkte
wunderbar free! / ein Percussionist mit endloser Fantasie
Rumpelstilzchen flüstert: merkste was?

ja schon, irgendwie. Hat der DLF seine zarte dynamic compression aktiviert? Ich werde das anhand der Originalaufnahme checken.

track 5
8 Punkte
vgl. track 3

track 6
3 Punkte
is net meins / norepeat

track 7
6 Punkte
Überlänge

track 8
9 Punkte
Marc Johnson, sehr sensible stimmungsvolle freie Improvisation
exzellente Intonation, blitzsaubere Quinten (ein hochempfindliches Intervall)
wunderbar humane Retrospektive zum Songtitel

 

Stunde 2

 

track 1
7 Punkte
schönes elektronisches Ambiente für eine Singstimme mit interessanter Aura

track 2
8 Punkte
siehe track 1
die Stücke dieser Band machen neugierig auf das gesamte Album

track 3
6 Punkte
das Stück passt gut in die Sequenz der zweiten Stunde, ist aber nicht mein Ding
Musique d’ameublement

track 4
9 Punkte
große Klasse, siehe Stunde 1 track 3

track 5
9 Punkte
eine prächtige rhythmische Savanne
skurrile Klangwesen durchstreifen zunehmend das Land
Schüsse von Wilderern, alles Fehlschüsse

track 6
9 Punkte
alles schon gesagt zu diesem Album

track 7
6 Punkte
Überlänge, noch mehr Fehlschüsse / vgl. track 3

track 8
0,5 Punkte
Eno Radio Station
schade kostenpflichtig, da mach ich nicht mit, deshalb fast zero points
ich habe noch gar nicht sämtliche Orgelwerke von J.S. Bach und Olivier Messiaen angehört
es gibt genug Brian Eno Alben bei Qobuz

 

Stunde 3

 

all tracks
9 – 10 Punkte
ich höre alte Bekannte mit zeitlosen Stücken und einen fabelhaften double bass player
Jacky Terrassons Album Smile ist eines der schönsten Piano Trio Alben des Jazz

 

Stunde 4

 

track 1
8 Punkte
interessante, dichte Percussion
ich musste an Glen Velez denken, eines der Instrumente klingt wie ein Bodhrán

track 2
10 Punkte
magisch
die Orgel klingt wie ein Harmonium
ein langes Stück ohne Überlänge, es könnte immer weiter tönen …

track 3
9 Punkte
für mich schwer geografisch einzuordnen, es wirkt nordafrikanisch bzw. süd-mediterran
es könnten ausschließlich akustische Instrumente sein, evtl. wirken auch Singstimmen mit
es wirkt völlig unbeleckt von westlichem Kulturimperialismus

track 4
10 Punkte
der Hammer der Nacht
musikalisch wird demonstriert, wie spannend repetitive Musik sein kann
allein den e-bass zu verfolgen ist ein Abenteuer
und dann noch das herrliche call-response-Spiel von Keyboard und Guitar (?)
ich habe seit Monaten nicht mehr an Miles Davis‘ Jack Johnson gedacht – aber jetzt!
und die Stimme! erotisch und intellektuell kühl zugleich
der Text muss brillant sein – ich möcht ihn lesen

tracks 5 bis 8
7 bis 8 Punkte
Stunde 4 ist ein Gebinde repetitiver Musik
welcher Abwechsungsreichtum, welche Spannung!

 

Stunde 5

 

part A
3 Punkte
wüsste ich nicht, dass ein Trompeter die erste Geige spielt (schiefes Bild),
dann würde ich nicht auf die Idee kommen, dass hier trompetet wird
ich weiß gar nicht, wie das Effektinstrument heißt, welches den Trompetenton
zu einem mehrstimmigen, synthetisch klingenden Chor vervielfacht
norepeat

part B
10 Punkte
Don Cherry und seine Family präsentieren den humansten Beitrag der 5 Horizontstunden
dieser Auftritt ist ein rares Beispiel für große „ungekünstelte“ Kunst

 

(reloaded: siehe catch, ahem, comment 22 …)
 

Das Schreiben eines Blogbeitrags beginnt mit dem Erfinden einer Titelzeile. Ich hätte den Artikel sicher schon vor 4 oder 5 Wochen geschrieben, wäre mir eine bessere eingefallen. Ob Steven Wilson freundlich oder vornehm ist, weiß ich nicht. Für einen Giganten halte ich ihn schon.

Ich kenne zwar kaum seine Musik, aber ich habe vor Jahren bei einem Manafonistischen Preisausschreiben per Losglück ein Album gewonnen, nämlich King Crimson Three of a Perfect Pair. Das Titelstück gehört zu den 10 Number-One-Pieces des Prog-Rock. Ich bekam nicht das Original-Album, sondern den Remix von Steven Wilson mit exzellenten Stereo & Multichannel Abmischungen.

 
 

 
 

Eigentlich hätte mir Steven Wilson schon viel früher bekannt sein können, denn ich hatte einige Gentle-Giant-Vinyls nachgekauft, und zwar digitalisierte Versionen mit 4.0 bzw. 5.1 Abmischungen. Weil auf diesen Datenträgern das Kleingedruckte noch kleiner ist, fiel mir der Name Steven Wilson in den Druckbeilagen nicht auf. Im Frühjahr diesen Jahres wurde die Steven-Wilson-Edition des Albums Free Hand von Gentle Giant annonciert. Ich habe sofort bestellt und das Kunstwerk pünktlich am Tag des Erscheinens erhalten.

Nach Gentle Giant hat mich keine Band aus dem Bereich Pop-Rock-oder-wer-weiß-wie-das-heißt mehr interessiert. 1971 habe ich sie kennengelernt und das gleich live. Ich wusste damals gar nicht, dass eine Band diesen Namens überhaupt existiert. Am 6. April 1971 war Colosseum in der Meistersingerhalle zu Nürnberg zu Gast. Die Bühne betraten aber zunächst 4 Musiker mit Streichinstrumenten. In meiner Erinnerung wurde daraus ein Streichquartett. Das kann jedoch nicht stimmen, denn nur Ray Shulman und Kerry Minnear spielen Violine bzw. Violoncello. Die Überraschung war groß bei diesem Anblick, noch vor den ersten Tönen. Was machen die Nichtstreicher? Sie traktieren das Violoncello wie ein Perkussionsinstrument, während Kerry Minnear fiedelt. Artrockig wurde es auch noch. Als sie Platz machten für Colosseum war ich überwältigt. Mein Urteil beim Verlassen des Saals: die Vorband war das absolute Highlight dieses Abends. Ob eine Mehrheit dieser Ansicht war, ist ungewiss. Schließlich kam das Publikum Colosseums wegen. Gentle Giant versuchte gewiss als Warmup renommierter Bands in der Rockszene Fuß zu fassen. Ray Shulman erzählt:

 

 

 

 

Dass ich derart hingerissen war und es immer noch bin, liegt an meiner selbstgewählten musikalischen Sozialisation. Ich komme von der Klassik her, Kerry Minnear ebenfalls. Er ist aber keiner jener unsäglichen Klassikrocker, die es um die 70er Jahre zu Hauf gab und denen es prächtig gelang, Bach und Beethoven und Tschaikowsky und … zu versauen. Minnear beherrschte polyphone Satztechniken, mochte offensichtlich Musik der Renaissance und bediente sich nie bei den alten Meistern.

Wenn einer Band das Attribut Art Rock verliehen werden darf, dann Gentle Giant. Eines der brillantesten Stücke dieses Genres ist On Reflection. Es weist eine übersichtliche A1-B-A2 Form auf. Der A-Teil ist ein virtuoses, vertracktes Fugato. B erinnert an englische Vokalmusik der Zeit um John Dowland.

 

A1 vokal und vokal/instrumental colla parte
B
A2 instrumental, einen Halbton höher als A1

 

On Reflection Steven-Wilson-Remix 2021 – YouTube Video

 

In einem wunderbaren, berührenden Interview spricht John Weathers – Drummer von GG seit 1972 – über dieses bedeutende Album, über die Musiker, die alle virtuose Multiinstrumentalisten sind. John ist ein Perkussionist, der tief im Rock verwurzelt ist und der intellektuellen Dimension dieser Musik herrlich erdigen Groove schenkt.

 

 

Zjkl

Just the Same

Steven-Wilson-Remix 2021 – YouTube Video

Free Hand ist das erste Album, welches in meiner Jahresliste 2021 erscheint. In comment#1 stehen weitere Links, u.a. zu den vollständigen Interviews mit Ray Shulman und John Weathers, zu einem Liveauftritt der Band 1974.

 

 

Riff – public domain


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