Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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long version

 

 

Oft wird gesagt, man könne Äpfel und Birnen nicht miteinander vergleichen. Das stimmt nicht. Ich kann es. In meinem Freundeskreis gibt es eine Person, die keine Äpfel isst wegen einer Allergie. Birnen lässt sie sich schmecken. Ich weiß von lieben Menschen, die einen anaphylaktischen Schock erleiden würden wenn sie in Messiaen beißen, die an der Bar drei Caipirinhas trinken müssen bevor sie einen Sakamoto schlürfen. Ich werde jetzt Ryuichi, Mike und Daniil vergleichen. Alle drei spielen Klavier. Äpfel und Birnen sind Obst.

 
 
Ryuichi Sakamoto
 

BTTB habe ich angehört, denn Gregors Rezensionen sind mir oft ein Anlass, dem Besprochenen nachzuhören. Ryuichi Sakamoto wäre eine verschwommene Erscheinung am Rande meines Klanghorizontes, würde nicht hie und da unter den Manafonistas über ihn gesprochen. Damals, kurz nach dem Erscheinen habe ich das Album X∞Multiplies des YELLOW MAGIC ORCHESTRA gekauft.

 

 

 

 

Ich fand die Musik zwar interessant, aber doch nicht hinreißend genug, um mich dauerhaft zu fesseln. Seit wenigen Jahren erst ist mein Interesse an Ryuichi Sakamoto erwacht, ausgelöst von der Musik zu The Revenant. Im Praeinternetikum ist es schier unmöglich gewesen, die vielen Facetten seiner Persönlichkeit zu entdecken. Jetzt schätze und bewundere ich seine Vielseitigkeit. Für ein piano wunderkind halte ich ihn nicht, genauso wenig das Album BTTB für ein Meisterwerk.

Haruki Murakami schrieb die Liner Notes, u.a. notiert er:

“Personal and intimate music – somebody (an anonymous somebody) sitting alone in front of the school piano early in the morning, weaving a melody, exploring harmonies.“

 

Sakamoto ein Musiklehrer? Ja, das auch. Es hat wohl bei NHK, dem japanischen TV, eine Reihe zur Musikgeschichte gegeben mit dem Teacher Sakamoto.

 
Commmons Schola: Live on Television Vol.1 Ryuichi Sakamoto Selections
 

In diesem Trailer spielt Ryuichi Sakamoto u.a. Maurice Ravels Menuet sur le nom de Haydn, eine kurze Sequenz aus J.S. Bachs Goldberg-Variationen und ein Duo mit dem japanischen Jazz-Pianisten Yosuke Yamashita.

 

BTTB

Die Assoziationen verschiedener Rezensenten – Satie, Debussy, Cage, Bach – verraten es schon: es ist eine rückwärts schauende Musik, zurück bis tief ins 19. Jahrhundert reichend, in wenigen Piècen fast an die damals verrufene Salonmusik erinnernd. Es gibt aber ein paar pfiffige Stücke. Murakamis Liner Notes evozieren zwar die Vorstellung eines entspannt improvisierenden *Somebody*. So ist es nicht. Das Album enthält überwiegend (vermutlich exakt notierte) Kompositionen. No. 6 choral no. 2 beginnt und endet als strenger Kanon zweier Akkordlinien und auch der Mittelteil ist ein vorwiegend kanonisch geführtes Bicinium. Das kann man nicht so leicht ad hoc aus dem Ärmel schütteln. No. 3 intermezzo klingt wie ein verschollenes und wiederentdecktes Intermezzo von Johannes Brahms. Es dauerte nicht lange und ich hörte das Album wie ein amüsantes musikalisches Rätsel. No. 2 sonatine erinnert an Prokofievs schalkhafte Symphonie classique. No. 7 do bacteria sleep? Maybe, Several Species of Small Furry Maultrommels Gathered Together in a Cave? Bei meinen Streifzügen durch Sakamotos Welten habe ich ganz andere Objekte angetroffen – faszinierende! Dieses zum Beispiel:

 

Alva Noto & Ryuichi Sakamoto with Ensemble Modern: Utp_

 
 
Mike Westbrook
 

Ob jemand Mike Westbrook kennt? Vielleicht ist er der erste Arrangeur gewesen, der ein komplettes Album der Beatles für Big Band einrichtete. Als die Platte 1989 erschien, habe ich sofort zugegriffen. Schließlich handelt es sich um das von mir am meisten bewunderte Album der Beatles. Die Scheibe der Mike-Westbrook-Band trägt den Namen Off Abbey Road. Mike Westbrook ist aus meinem Sichtfeld verschwunden, nachdem ich mich satt gehört hatte. Vor kurzem ist er mir wieder begegnet mit seiner Version eines der schönsten Songs der Beatles, mit John Lennons Because.

 

 

 

 

Mike Westbrook spielt ebenfalls gerne Klavier. Er schaut nie rückwärts, auch wenn er seine Lieblinge – etwa Duke Ellington – interpretiert. Er gehört zu einer Garde von Jazzpianisten, die ohne brillantes Laufwerk brillieren mit unverwechselbarem Ton und Gestus. Er ist spröde. Wer Paul Bley mag, könnte an ihm Gefallen finden.

 
 
Daniil Trifonov

obwohl es im leben groesseres gibt als klaviermusik
gibt es im leben momente
da gibt es nichts groesseres als klaviermusik

 

Einen solchen Moment habe ich am 21. Februar erfahren. Dieses Ereignis hat mich mit einer emotionalen Wucht getroffen, wie wenige andere. Ich war – im „übertragenen“ Sinn – live dabei, als Trifonov einen unglaublichen Klavierabend in der Berliner Philharmonie spielte, der über die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker zeitgleich vermittelt wurde. Schön, dass ich den Auftritt zusammen mit einem guten Freund erlebt habe. Da es sich nicht beschreiben lässt, breche ich jetzt ab. Das letzte Wort hat Uli.

 

Der fröhliche Diskurs entsteht ja, weil es eben nicht darum geht die Erfahrungen anderer zu bewerten, sondern neugierig Trittbrett zu fahren und etwas zu entdecken.

 

to short version

 
 


 
 

Love, deep love at first sound – these are very rare occurances in my life. I remember just a few, less than ten. At the moment I remember half an hour of roaring silence I listened to in Iceland many years ago, I remember Forest Flower, Sunrise-Sunset played by the Charles Lloyd Quartet at Monterey, I remember Stella by Starlight performed by the Miles Davis Quintet at Lincoln Center on February 12, 1964. Furthermore some Madrigals composed by Claudio Monteverdi and of course Keith Jarrett, Lausanne 1973 Part II.

Love at first sound came to pass when I listened to New Age Hand Jive the first time. This happened not only to me, but at the same time to my daughter, who entered my living room and said: „I want this piece of music, please“. When she was pregnant, she played it many times and my unborn grandson Julius became familiar with this beautiful music (but now he likes Bavarian Folk Brass Music – uff da daaa).

Larry Karush is the composer’s name. But who is Larry Karush? Damn! I don’t know how I got on Karush’s album PIANO CROSSROADS. Larry Karush was born October 6, 1946. He performed improvised music with roots in jazz, 20th and 21st century western classical music, African percussion, and the classical music of North India. This characterises exactly the above mentioned album. Together with Glen Moore and Glen Velez he formed the wonderful Trio Mokave.
 
 
 


 
 
 

In December 2015 I contacted Glen Moore to learn more about Larry. I wrote:
 

Today I write primarily because of Larry Karush and Mokave. I heard of Larry Karush when Steve Reich’s „Music For 18 Musicians“ was released in 1978. He was then a member of Reich’s Musicians. I didn’t forget his name, maybe because of the release of „May 24, 1976“ (JAPO Records) which I didn’t buy then. In those days I noticed quite carefully all the issues published by ECM.

It took me a very long time until I realized what an astonishing pianist and composer he has been. Now it’s only a few weeks ago when I listened by chance to „PIANO CROSSROADS“. I was unusually fascinated and looked out for some more records of Larry. There are not so many.

In my ears and in my opinion Larry was one of the best piano players of modern jazz and more, being at the same height of virtuosity, originality, deepness like many other well known piano players. And he has his own dialect.

I don’t understand, why he remained so unheeded.
– was he too unpretentious, too shy?
– didn’t he find a label, a promoter to bring him forward?
– did he prefer more to teach than to perform?

I read about him (wikipedia). It’s woeful that he has passed away already in 2013

 

Glen’s answer:
 

Dear Hans,

thank you very much for your kind letter.

I am happy for you that you could find Larrys recordings – he also plays a duet with me on the Oregon album FRIENDS.

Larry and I became friends in Portland, Oregon where he was a student at Reed College. Larry was a very talented player.

Your first assumption was correct – he was too unpretentious, too shy to be able to push himself out into the world. He loved music and was one of the greatest players I have known.

I will pass your letter to his wife and son who would be pleased to hear his praises sung by you.

All the best,

Glen

„In brief interviews, Mr. Frith recalls being inspired as a teenager by the rhythm guitar playing on the Beatles‘ records. He rejects self-expression as an artistic ideal and talks interestingly about performing for small audiences and waking them up to the possibilities of what music can be. Mr. Frith is also shown to be a musician whose esthetics, like Mr. Cage’s, are related to environmental concerns. In one scene, he is shown standing on a rocky coastline serenading flocks of seagulls that seem drawn to the birdlike sounds he is creating. Make no mistake: Mr. Frith is no dreamy, new-age nature boy. The black-and-white movie, which was filmed on three continents, also has extended sequences of decaying urban sprawl accompanied by appropriately abrasive sounds.“

(James Holden, NYT, 1992)

 

 
 

Step across the border   /   Das Porträt des englischen Musikers Fred Frith

ARD-alpha / 24.02.2019, 21:55 Uhr

 

2019 29 Jan

Olompen

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Ich schreibe hier selten über neu erschienene Alben. Meistens sind es Rückblicke auf Klassiker oder Konzerterlebnisse – längst stattgefundene oder frisch erlebte. Aus diesem Grunde sind meine Jahreslisten kurz und enthalten oft weit zurückblickende Reviews. Man gestatte diesen holprigen Pleonasmus. Manchmal mache ich mir Gedanken, warum das so ist. Ein paar persönliche, nur auf mich zutreffende Antworten habe ich. Diese zum Beispiel.

In meinen ganz jungen und den noch jungen Jahren war die Welt ein Buch mit unendlich vielen ungeöffneten Seiten. Das ist es auch heute noch, obgleich es weniger unendlich viele Seiten zu sein scheinen als vor sechs Jahrzehnten.

Ich erinnere mich an eine meiner ersten Geigenstunden. Ich war damals 9 Jahre alt. Nach dem Schrubben auf leeren Saiten und den ersten Griffübungen kam endlich eine vollständige Tonleiter zur Aufführung, G-Dur – grifftechnisch simpel und nur ein Saitenwechsel. Kantor Arthur Orth begleitete mit ein paar Harmonien und meine Knie wurden weich von diesem unerhörten Eindruck. Zu Hause erzählte ich – noch ganz ergriffen – meiner Mama von diesem Erlebnis. Die Wirkung heute? Sie wäre gleich Null …
 
 
 

Olompen
 
 
 

Die ersten Seiten im Buch der Welt machen einen ungeheuren Eindruck, wenn man sie zum ersten Mal aufschlägt. Seit 2 Jahren und 3 Monaten habe ich Julius, meinen ersten Enkel. Es ist ein Riesenvergnügen mit ihm. Zwar flippt er nicht aus bei einer G-Dur-Tonleiter , aber bei Blasmusik, bei „Uff da daaa“ schon. Bayerische Volksmusik und die Blaskapellen beim Helmbrechster Schützenfest waren ja auch meine ersten musikalischen Vorlieben. Meine banalsten Scherze und Blödeleien verlangt er „nochmaahl, nochmahhl“

Das Gedächtnis in den ersten Lebensjahren ist wahnsinnig leistungsfähig. Julius merkt sich in der Regel ein einmal gehörtes Wort. Und wenn eines schwer auszusprechen ist oder es ihm nicht gefällt – wer weiß das schon -, dann erfindet er ein neues. Beim Kinderarzt bekommt er nach der Untersuchung zur Belohnung *Gummigiechi*. Letzte Woche habe ich in der Wohnung mit ihm Fußball gespielt, nicht mit einem schweren Ball, sondern mit *Olompen*.

Julius gibt mir richtig Aufwind.

1979, wenige Wochen nach der Aufnahme von Fictitious Sports trat die Carla-Bley-Band bei den Berliner Jazztagen auf. Die Aufnahmen gibt es sicherlich noch im Archiv des SFB, nunmehr kulturradio rbb. Vielleicht muss man einfach wachsam sein, wenn man den kompletten Auftritt irgendwann hören möchte. Rundfunk rbb überträgt regelmäßig Konzerte der Berliner Jazztage aus alten Zeiten. Im Jahr 2015 hat eine italienische Bootleg Seite zugegriffen und das komplette Konzert – übertragen von rbb – mitgeschnitten. Das Download-Link ist leider vertrocknet. Michael Naura stellte die Band vor, und dann gab es diese Schmankerl zu hören:
 
 

Floater
Ida Lupino
Wrong Key Donkey
Dreams so real
Walking Batterie Woman
I’m a mineralist
Boo to you too
Musique Mecanique III

 
 

Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des JazzFests Berlin veröffentlichten die Berliner Festspiele in Kooperation mit SWR2 und kulturradio rbb eine LP in limitierter Auflage, von einer exzellenten Pressqualität, wie ich sie noch nie auf dem Plattenteller hatte. Weil dem Globe Unity Orchestra eine LP-Seite eingeräumt wurde, ist der Auftritt der Carla-Bley-Band nur zur Hälfte auf der Schallplatte vertreten. Hier eine kleine Galerie des Gatefold Covers:
 
 
 

     
 
 
 

Im zweiten Bild steht links an den Tubular Bells Thomas Stöwsand. Das möchte ich für die Freunde der Gleichmannstraße 10 anmerken. Was es mit dem Titel Boo To You Too auf sich hat, beschreibt Bert Noglik im Cover Text. Auf dem Image ist das schwer zu entziffern. Hier, bitteschön, der Text in voller Lesbarkeit:
 

Es erschien reizvoll, bei dieser LP-Edition der europäischen eine unkonventionelle amerikanische Großformation gegenüber zu stellen. Auch bei der zweiten hier dokumentierten Konzertaufzeichnung handelt es sich um eine Erstveröffentlichung, diesmal aus der langjährigen Ära von George Gruntz als künstlerischem Leiter des JazzFest Berlin. Die Carla Bley Band betrat 1979 die Bühne der Berliner Philharmonie. Carla Bley präsentierte Stücke aus eigener Feder, in denen sich zwar etwas von der Tradition amerikanischer Großformationen des Jazz, zugleich aber auch ein europäischer Einfluss spiegelt. „Walking Batterie Woman“ zählt zu den frühen Kompositionen von Carla Bley, erstmals 1966 eingespielt mit dem von ihr und ihrem damaligen Ehemann Mike Mantler gemeinsam geleiteten Quintett (mit Steve Lacy) für die Platte „Jazz Realities“. Der musikalische Gestus des Themas ist prägnant und erinnert in seiner Kantigkeit ein wenig an Thelonious Monk. Mit der Musik und dem vom Schlagzeuger D. Sharpe vorgetragenen Songtext „l’m A Mineralist“ bezieht sich Carla Bley klang- und wortspielerisch auf die Minimal Music. „Erik Satie gets my rocks off“ heißt es da, „Cage is a dream, Philip Glass is a mineralist to the extreme“. Das Stück entstand für die Platte „Fictitious Sports“, die im Monat zuvor in New York aufgenommen und später unter dem Namen des Pink Floyd-Schlagzeugers Nick Mason veröffentlicht wurde, obwohl alle Kompositionen von Carla Bley stammten. Auch „Boo To You Too“ findet sich auf „Fictitious Sports“. Inspiriert wurde das Stück von den berühmt-berüchtigten „Berlin Booers“, denen Carla Bley das Stück auch gewidmet hat. 1979 war das Berliner Publikum allerdings nicht mehr so buhfreudig wie noch in den Jahren zuvor. Die Buhs wurden von George Gruntz, Mitarbeitern und Presseleuten in den Saal gerufen und von den gesitteten Konzertbesuchern argwöhnisch wahrgenommen. Das abschließende „Musique Mecanique III“ hatte Carla Bley ein Jahr zuvor für ihr 1979 veröffentlichtes Album „Musique Mecanique“ aufgenommen. Schon als Kind, bekannte sie, habe sie der Besuch eines Museums mit mechanischen Musikinstrumenten und Spielautomaten in San Francisco außerordentlich fasziniert. Aber auch ein undogmatischer Umgang mit Ausdrucksmitteln der Minimal Music, Einflüsse von Kurt Weill, Hanns Eisler, Gil Evans, Charles lves und vielen anderen haben Spuren hinterlassen. Dabei ist Carla Bleys Musik unverkennbar eigenwillig. Sie trotzt der Kategorisierung und kreiert, anders als Alexander von Schlippenbach, aber im Nonkonformismus wesensverwandt, ihre eigene Welt.

 
Nick Mason’s Fictitious Sports
 
 

Innerhalb von Pink Floyd hat sich Mason immer tadellos verhalten. Bei allen seinen Kompositionen war er zugleich Experte und Erfinder und er verstand es vor allem, seinen Kumpeln gegenüber äußerst respektvoll zu sein. Daher kann er es sich gutschreiben, der einzige Musiker zu sein, der auf allen Alben der Gruppe vertreten ist. Er ist aber auch derjenige, über dessen Karriere außerhalb der Gruppe am wenigsten bekannt ist. Obwohl sein Name auf diesem Album steht, so ist dieses nicht als eine besondere Leistung seinerseits zu betrachten, sondern als ein Projekt, das er zusammen mit der wunderbaren Carla Bley und dem nicht weniger genialen Robert Wyatt realisiert hat.

 
 


 
 

Fictitious Sports wurde mitten in der Zeit der größten, persönlichen Auseinandersetzungen der Gruppe eingespielt und ist, ohne wirklich asketisch oder schwer verständlich zu sein, meilenweit von dem entfernt, was Pink Floyd je produziert haben, abgesehen von dem herrlichen Hot River mit einem Chris Spedding, der auf perfekte Weise David Gilmours Slidekunst imitiert. Was den Rest betrifft, so wandelt man eher durch die Welt des Experimental Jazz von Bley oder des hochkarätigen Progressive Rock, wie man es von Soft Machine, King Crimson, Frank Zappa, Adrian Belew oder Brian Eno her kennt… Dieses Album ist auch eine erste fruchtbare Zusammenarbeit mit Bleys treuem Komplizen, dem Trompeter Michael Mantler. Mit dieser sorgfältig erarbeiteten Neuausgabe erfährt also das Album eine gerechte Revanche, nachdem es nach seinem Erscheinen vor 37 Jahren zu Unrecht sofort in Vergessenheit geraten war. Mason liefert damit einen zusätzlichen Beweis, dass er vor allem zu den besten Schlagzeugern der Geschichte gehört und dass er sich weitab, sehr weitab von Floyd hätte perfekt entfalten können.

 
© Jean-Pierre Sabouret/Qobuz

2019 25 Jan

hearing aid

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Ein Wort, ein Begriff ist leicht ausgesprochen. Die Bedeutungen, verpackt in Phonemen, sind vielfältig

 

Hilfen für das Hören gibt es hier im Blog reichlich
Aaron Parks – hätte ich ohne Brian nicht entdeckt
TRINNOVs Amethyst und Mangers Lautsprecher sind fantastische Hörhilfen
Walter Bachauer im RIAS, Micha im NDR und im DLF
Murray Schafer, Die Ordnung der Klänge – Eine Kulturgeschichte des Hörens

 
 

 
 

Seit dem 9. Januar trage ich ein Hörgerät

Jetzt, kurz vor dem 4. Advent, erinnere ich mich an den Wunsch von Anonymous – wer immer das sein mag.

 
Keith in Kronach, die ganze Geschichte, please …
Vor Weihnachten
 

Den Wunsch möchte ich jetzt erfüllen, zumal Micha nichts dagegen hat, eine spannende Ausgabe über Keith Jarretts KÖLN CONCERT zu lesen, besonders wenn Manfred Eicher und Keith Jarrett Erinnerungsarbeit leisten. Meine Erinnerungen sind natürlich provinziell, gemessen an den Erzählungen weltberühmter Personen. In typischen Urlaubsgesprächen werde ich gelegentlich gefragt, „where do you come from?“. Ich antworte dann kaltschnäuzig „I come from Kronach“. Meistens geht es dann so weiter: „Krounäck? Never heard.“ Dann ziehe ich eine Trumpfkarte. „Kronach is the native town of Lucas Cranach the Elder“. Mehr als 90% antworten dann „Never heard“. Werfen wir einen Blick auf älteres Kronacher Gemäuer.

 
 
 

 
 
 

Auf der Suche nach Bildern des Hotel Sonne – letztlich habe ich selbst eines geknipst – habe ich im Internet eine treffliche Kundenbesprechung entdeckt.

 

Das Hotel Sonne ist zentral gelegen, unweit des Bahnhofs in Mitten der Fußgängerzone. Schon beim Betreten spürt man den verblassenden Charme des ehemals ersten Hauses am Platz. Die alten Porträts vieler kleiner und großer Stars zeugen von einer großen Geschichte. Doch das Haus ist mit seinen Besitzern gealtert und bedarf nun dringend der Renovierung. Sein angestaubter Charme ist, dass es „wie aus der Zeit gefallen“ wirkt, die Gefahr ist, dass es bald selbst „aus der Zeit fällt“. Wer das Morbide liebt, der wird sich hier wohl fühlen, alle anderen sollten lieber auf die Renovierung warten …

 

Dieses Jahr wurde das Hotel geschlossen. Die Besitzer haben aus Altersgründen aufgegeben. Das Hotel wird nie mehr eröffnet werden, es ist Geschichte, es gehört zu meiner Weihnachtsgeschichte. Kurz nach Weihnachten, vom 17. auf den 18. Januar 1975 haben Keith Jarrett und Manfred Eicher im Hotel Sonne übernachtet.

 
 
 

 
 
 

Der 17. Januar 1975 war ein ziemlich aufregender Tag für mich. Ich musste mich ab 13 Uhr im Hotel bereit halten, so war es im Vertrag vereinbart. Erst gegen 17 Uhr trafen Jarrett und Eicher ein. Ich war nervös aufgrund des langen Wartens und unsicher wegen des Flügels. Im Kreiskulturraum stand ein betagter Bechstein. Meine ersten Worte an Keith: „I hope you’ll enjoy the piano“. Nach einer Stunde – einloggen in die Zimmer, erfrischen und nach einer leichten Mahlzeit – fuhren wir zum Konzertsaal. Der Hausmeister führte uns durch das Foyer zu einem seitlichen Treppenaufgang. Er öffnet die Tür, man blickt in ein schwarzes Loch. Wir mögen warten bis das Licht angemacht ist, es bestehe Stolpergefahr. Es dauert ein wenig, bis der Warden durch den Saal in den Bühnenbereich zur Beleuchtungstechnik gelangt. Es wird hell und man blickt über die Stuhlreihen hinunter auf die Bühne. Keith Jarrett steht sekundenlang, lässt den Blick schweifen, sieht die Reihen ansteigender Sitze, die dunkle edle Holzverkleidung der Wände – und sagt „Oh!“. In diesem Moment hatte ich des Klaviers wegen keine Bekümmernis mehr. Alte Bilder des Saales habe ich nicht. Er ist renoviert, sieht jetzt so aus.

Jarrett fand das Piano ganz ok, die Mechanik angenehm leichtgängig. Ganz besonders gefiel ihm, dass der Klang seines Spiels aus dem Saal zurück kommt auf die Bühne. Man liest ja oft, dass für Jarrett neben dem Instrument der Raum und das Publikum entscheidende Faktoren für das Gelingen seiner Solo-Recitals seien. Überliefert sind auch diese Sätze: Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Es fällt mir nicht schwer, all das für den 17. Januar 1975 zu bestätigen. Schon die ersten Töne waren so verführerisch! Im Publikum, dem Jarretts körperliches Spiel wohl befremdlich erschien, hörte man anfangs von hier – oder war es von dort? – leises Kichern. Es verstummte bald. Etwa zwei Drittel der Zuhörer waren Schüler des Gymnasiums. Möglicherweise war es im Altersdurchschnitt das jüngste Auditorium, vor dem Jarrett je gespielt hat.

 
 
 

 
 
 

Der Saal war ausverkauft, und vor den Türen standen noch viele Leute ohne Ticket. Ich hatte mächtig Werbung gemacht, weil ich nicht einschätzen konnte, wie die Nachfrage in Kronach ausfallen würde. Im Gymnasium hatte ich versucht, für Kaufdruck zu sorgen, indem ich über die Klassensprecher Subskriptionslisten in Auftrag gab, mit dem bedrohlichen Hinweis, das Konzert könne ausverkauft sein. Nur wer sich in eine Liste eingetragen habe, bekäme Eintrittskarten. Die bestellten Karten holte ich beim Kreisjugendring ab und verteilte sie. Zwei Tage nach Eröffnung des Vorverkaufs kamen zwei Klassensprecher in den Musiksaal. Sie bräuchten noch ca. 30 Stück, leider hätten sie keine Liste in ihren Klassen angefertigt. Beim Kreisjugendring anrufend erfuhr ich, dass nichts mehr zu bekommen sei.

Man sieht auf dem vorigen Bild ein Mikrophon. Es gehört nicht Martin Wieland. Es ist eines meiner beiden einfachen Sennheiser Kondensatormikrophone, die ich mit meiner Revox A77 in den Kreiskulturraum mitgebracht hatte. Wer nicht fragt, bekommt keine Antworten.

 
„Mr. Jarrett, would you please allow a recording of your concert?“

„No“

„You see, an important reason for organizing your performance was, to give my pupils the opportunity to experience your music live. Many of them didn’t get a ticket after the concert is sold out. I’d like to present them a recording in my music lessons“

„Ok, but just mono.“
 
Ich baute auf, glücklich. Da mischte sich Manfred Eicher ein.
 
„Hast du nur 1 Mike dabei?“

„Nein, ich habe 2, darf aber nur Mono aufnehmen“

„Pack das zweite aus, ich klär das mit Keith.“
 

Das Konzert erklang also auch im Musiksaal des Kronacher Gymnasiums und noch viel häufiger in meiner Wohnung, damals im Schloss Haig. Eine Zeit lang war am Freitag Abend bei mir die Bude voll mit jarrettsüchtigen Gymnasiasten, die mir den Kühlschrank leer aßen und das KRONACH CONCERT reinzogen. Irgendwann ruhte die Tonbandspule in meinem Archiv. Vor etwa 10 Jahren wollte ich eine digitale Kopie anfertigen. Da musste ich feststellen, dass die Beschichtung des Bandes sich völlig auflöste, wie Kleber an den Tonköpfen haften blieb – letalis …

Nach dem Konzert saßen wir zusammen im Hotel Sonne. Ich war viel zu befangen, um mit Keith Jarrett ausführlicher zu plaudern, außerdem vertraute ich meinem Schulenglisch nicht besonders, andere ihrem schon. Am nächsten Morgen ging ich mit meiner Freundin zum Frühstück ins Hotel. Ich wollte Manfred Eicher und Keith Jarrett voraus fahrend aus der Stadt lotsen. Bei einer Tasse Tee erzählte Mr. Jarrett von den enorm hohen Treppenstufen, die er als Dreijähriger zu erklimmen hatte, wenn er to his piano teacher gegangen ist. Er zeigte uns einen simplen Münzen-Trick, den his piano teacher zu seiner Verblüffung vorführte. Seitdem habe ich nicht mehr mit Mr. Jarrett sprechen können. Die Kritik in der Neuen Presse Coburg – man kann sie hier nachlesen – schrieb Reiner Nitschke, damals Volontär bei jener Zeitung. Er ist heute Verleger, u.a. FONO FORUM. Wenn ich die Artikelseite vom 20. Januar 1975 betrachte, muss ich immer an “A Day In The Life“ denken.

DER NORDEN
 

Edvard Grieg – Slåtter op.72 (Knut Buen, Hardingfele / Einar Steen-Nøkleberg, Piano)
Ingfrid Breie Nyhus – Slåttepiano
Knut Hamre / Steve Tibbetts – Å
Nils Økland Band – Lysning
Erlend Apneseth Trio – Åra
Agnes Buen Garnås / Jan Garbarek – Rosensfole
 
 

JAPANESE AND OTHER JEWELS
 

Midori Takada – Through The Looking Glass
MKWAJU ensemble – KI-Motion
MKWAJU ensemble – MKWAJU
Joey Baron / Robyn Schulkowski – Now You Hear Me
Erik Griswold – Yokohama Flowers
 
 

DIGITAL CONCERT HALLS
 

Ricardo Descalzo – contemporary piano video library
Ju-Ping Song – music in motion
 
 

ECM CORNER
 

Shai Maestro – The Dream Thief
Steve Tibbetts – Life Of
Nik Bärtsch’s Ronin – Awase
Trio Mediaeval / Arve Henriksen – Rimur
Keith Jarrett – Solo Concerts Bremen/Lausanne
 
 

PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA, MANFRED HONECK
 

Ludwig van Beethoven – Sinfonie No.3 „Eroica“, Op. 55
Antonin Dvořák – Sinfonie No. 8, Op. 88
 
 

AARON PARKS
 

Little Big
 
 

continued and richly supplemented in the following comment


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