Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Das Schreiben eines Blogbeitrags beginnt mit dem Erfinden einer Titelzeile. Ich hätte den Artikel sicher schon vor 4 oder 5 Wochen geschrieben, wäre mir eine bessere eingefallen. Ob Steven Wilson freundlich oder vornehm ist, weiß ich nicht. Für einen Giganten halte ich ihn schon.

Ich kenne zwar kaum seine Musik, aber ich habe vor Jahren bei einem Manafonistischen Preisausschreiben per Losglück ein Album gewonnen, nämlich King Crimson Three of a Perfect Pair. Das Titelstück gehört zu den 10 Number-One-Pieces des Prog-Rock. Ich bekam nicht das Original-Album, sondern den Remix von Steven Wilson mit exzellenten Stereo & Multichannel Abmischungen.

 
 

 
 

Eigentlich hätte mir Steven Wilson schon viel früher bekannt sein können, denn ich hatte einige Gentle-Giant-Vinyls nachgekauft, und zwar digitalisierte Versionen mit 4.0 bzw. 5.1 Abmischungen. Weil auf diesen Datenträgern das Kleingedruckte noch kleiner ist, fiel mir der Name Steven Wilson in den Druckbeilagen nicht auf. Im Frühjahr diesen Jahres wurde die Steven-Wilson-Edition des Albums Free Hand von Gentle Giant annonciert. Ich habe sofort bestellt und das Kunstwerk pünktlich am Tag des Erscheinens erhalten.

Nach Gentle Giant hat mich keine Band aus dem Bereich Pop-Rock-oder-wer-weiß-wie-das-heißt mehr interessiert. 1971 habe ich sie kennengelernt und das gleich live. Ich wusste damals gar nicht, dass eine Band diesen Namens überhaupt existiert. Am 6. April 1971 war Colosseum in der Meistersingerhalle zu Nürnberg zu Gast. Die Bühne betraten aber zunächst 4 Musiker mit Streichinstrumenten. In meiner Erinnerung wurde daraus ein Streichquartett. Das kann jedoch nicht stimmen, denn nur Ray Shulman und Kerry Minnear spielen Violine bzw. Violoncello. Die Überraschung war groß bei diesem Anblick, noch vor den ersten Tönen. Was machen die Nichtstreicher? Sie traktieren das Violoncello wie ein Perkussionsinstrument, während Kerry Minnear fiedelt. Artrockig wurde es auch noch. Als sie Platz machten für Colosseum war ich überwältigt. Mein Urteil beim Verlassen des Saals: die Vorband war das absolute Highlight dieses Abends. Ob eine Mehrheit dieser Ansicht war, ist ungewiss. Schließlich kam das Publikum Colosseums wegen. Gentle Giant versuchte gewiss als Warmup renommierter Bands in der Rockszene Fuß zu fassen. Ray Shulman erzählt:

 
 

 
 

Dass ich derart hingerissen war und es immer noch bin, liegt an meiner selbstgewählten musikalischen Sozialisation. Ich komme von der Klassik her, Kerry Minnear ebenfalls. Er ist aber keiner jener unsäglichen Klassikrocker, die es um die 70er Jahre zu Hauf gab und denen es prächtig gelang, Bach und Beethoven und Tschaikowsky und … zu versauen. Minnear beherrschte polyphone Satztechniken, mochte offensichtlich Musik der Renaissance und bediente sich nie bei den alten Meistern.

Wenn einer Band das Attribut Art Rock verliehen werden darf, dann Gentle Giant. Eines der brillantesten Stücke dieses Genres ist On Reflection. Es weist eine übersichtliche A1-B-A2 Form auf. Der A-Teil ist ein virtuoses, vertracktes Fugato. B erinnert an englische Vokalmusik der Zeit um John Dowland.

 

A1 vokal und vokal/instrumental colla parte
B
A2 instrumental, einen Halbton höher als A1

 
On Reflection Steven-Wilson-Remix 2021 – YouTube Video
 

In einem wunderbaren, berührenden Interview spricht John Weathers – Drummer von GG seit 1972 – über dieses bedeutende Album, über die Musiker, die alle virtuose Multiinstrumentalisten sind. John ist ein Perkussionist, der tief im Rock verwurzelt ist und der intellektuellen Dimension dieser Musik herrlich erdigen Groove schenkt.

 
 

 
 
Just the Same Steven-Wilson-Remix 2021 – YouTube Video

Free Hand ist das erste Album, welches in meiner Jahresliste 2021 erscheint. In comment#1 stehen weitere Links, u.a. zu den vollständigen Interviews mit Ray Shulman und John Weathers, zu einem Liveauftritt der Band 1974.

 
 

 
 
Riff – public domain

Mattering and Meaning ist ein Album, das erst im August erscheinen wird. Ich habe das komplette Album angehört ohne die Zukunft aufsuchen zu müssen. M.E. lässt mich an seinen Zeitreisen teilhaben, weil ich seine Mitbringsel für Sendungen des DLF aufbereite. Dan Nicholls heißt der Künstler, den ich nicht kannte. Es gibt eine Menge Musik, die M.E. gefällt, mir aber nicht. Es sind vor allem ereignisarme ambientige Klangflächen, gegen die mein von analytischem Hören geprägtes Immunsystem Antikörper entwickelt hat. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben heißt es, und ich weiß aus Erfahrung, dass man ein Album nicht vor dem Verklingen des letzten Tons in die Tonne werfen darf.

 
 

 
 

Mattering and Meaning startet mit dem Titel Papa und empfängt den Hörer mit low-fidelen Pianoklängen, spielerisch improvisierten Figuren, garniert von elektronisch erzeugten Klangpartikeln und Klangflächen. Unverkennbar auch die Neigung mit Loops zu gestalten. Nun denn, seit der Erfindung der Minimal Music gehört das zum Vokabular zeitgenössischer Musik wie die Kadenz zur Alpenländischen Volksmusik. Yeh Yeh, das zweite Stück, könnte ich genauso beschreiben wie No. 1. Die low-fidelen Pianoklänge, die Loops sind weiterhin präsent, ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Album. Ich fing schon an, kleine Ressentiments aufkeimen zu lassen. Aber im Verlauf von Fermentation gefiel mir das Aroma dieser Musik immer besser und ich legte den analytischen Kopf-Hörer beiseite. Die quirligen Pianofiguren von Breathe versinken in reizvollen elektronischen Klangwolken, aus denen Überreste eines Vortrags auftauchen. Spricht da Dan Nicholls zu mir?

Erstmals Text in einem instrumentalen Album! Das muss doch ein gewisses mattering oder meaning transportieren. Vielleicht hilft M.E. weiter und liefert eine kurze Zusammenfassung. Ich habe ein wenig über den Albumtitel nachgedacht. Nimmt man ein Wörterbuch zur Hand, dann wird für „to matter“ wie für „to mean“ die Übersetzung „bedeuten“ angeboten (natürlich nicht nur diese). Doch gibt es sicher einen feinen Unterschied. Wenn nicht, wären die Fragen „what is the meaning of mattering“ und „what is the mattering of meaning“ gleichbedeutend.

Der Verzicht auf brillanten Klavierklang scheint mir ein Stilmittel des Albums zu sein. Es lässt mich an home recording denken, zumal in Keep Doing Positive Things ein Kind – Nicholls‘ Tochter oder Sohn? – schreit und juchzt. Dan Nicholls ist ein fantasiereicher Klangbastler. Je später das Album, desto zahlreicher erklingen synthetische Klänge, besonders ansprechend im längsten Stück Lou (The Posthuman Reverberates). Heute habe ich das Album mit Genuss ein zweites Mal angehört und dadurch neugierig geworden mich nach mehr Wissenswertem über Dan Nicholls im Internet umgesehen.

 
 

 
 

Auf seiner Webseite sind Videos verlinkt – mit bis zu 2 Stunden Spieldauer – die nachdrücklich Einblick gewähren in seine Klangexperimente. Auf SOUNDCLOUD ist Einiges zu finden, auch 2 Vorabveröffentlichungen aus dem hier vorgestellten Album. Besonders angetan hat es mir ein Duo mit der Sängerin Lauren Kinsella, vor 7 Jahren live aufgenommen @BBC Proms Plus. Ein Seitenblick auf discogs, wo ersichtlich wird, mit welchen anderen Künstlern Dan Nicholls kooperierte, brachte Erstaunliches zu Tage für mich. Unter den mir wenigstens vom Hörensagen bekannten Namen fand ich vor:

 
– Shabaka Hutchings
– Frank Möbus, auf dem Umweg über …
– Oli Steidle & the killing Popes
diese Band hat zwei absolute Kracher-Alben veröffentlicht

Anlässlich des Ausbruchs der Rediscovery-Manademie, möchte ich einen Film von Mauricio Kagel, dem größten Schlitzohr der sogenannten Neuen Musik in Erinnerung rufen.

 
 
 

 
 

Höchstwahrscheinlich irre ich mich mit der Annahme, Erinnerungen wachzurufen. Die Wenigsten, wenn überhaupt jemand der hier Vorbeischauenden kennen vermutlich diesen funny look at Beethoven. Keine Angst! Der Film ist garantiert frei von Weihrauch. Wer auf das 3 Zentimeter entfernte Bild klickt, kann das Movie ansehen. Ich habe time stamps gesetzt zum schnellen Erreichen besonderer Stellen. Der Film ist auf DVD in meiner Sammlung. Wie man auf der amazon-Seite sieht, eignet sich die Edition als Kapitalanlage, bevor sie out of stock ist.

2021 12 Jul

Auszeit

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Vor zwei Tagen holte ich aus dem Postkasten ein Packerl, gefüllt mit feinen Überraschungen. Besonders angetan hat es mir ein Album mit dem Titel TIMEOUTTAKES. Robinson Crusoe hätte das bestimmt für ein seltsames Wort gehalten, diese Collage, diese Verklebung der Wörter ‚time out‘ und ‚outtake‘. Mit time out hätte Robinson sicher etwas anfangen können, hatte er doch auf einer namenlosen Insel eine Auszeit genommen – wenn auch unfreiwillig. Und outtake, Ausschuss, Gerümpel sammelt sich doch in jedem Haushalt an.

Man findet derzeit bestimmt Personen, denen TIMEOUTTAKES nichts sagt. Ach was, es gibt genug Leute, die an diesem Wort achtlos vorbeigehen würden, falls es ihnen überhaupt begegnet. Man muss schon Dave Brubeck und sein legendäres Quartett kennen, um den Hintergrund zu verstehen. Ich kenne das Dave Brubeck Quartet nicht nur, ich liebe es. Erroll Garner und Dave Brubeck waren die door opener zum Jazz als ich Teenager war. Die Alben jazz RED HOT AND COOL, Gone with the Wind und At Carnegie Hall waren meine ersten und jahrzehntelang einzigen Brubeck-Alben. Das wohl berühmteste Album des Dave Brubeck Quartets – Time Out – habe ich mir tatsächlich erst vor wenigen Jahren zugelegt. Im englischen Wikipedia-Artikel liest man darüber:

 

The album peaked at No. 2 on the Billboard pop albums chart, and was the first jazz album to sell a million copies. The album was selected, in 2005, for preservation in the National Recording Registry by the Library of Congress as being „culturally historically or aesthetically significant“.

 

Der Grund für den außerordentlichen Erfolg der Schallplatte war Take Five – ein Stück, das im Jahr 1961 im Bayerischen Rundfunk wochenlang auf Platz 1 der Schlager der Woche stand. Es werden damals nicht alle Schlagerfuzzies gemerkt haben, dass Take Five im 5/4-Takt daher kommt. Diesen Satz habe ich DeepL anheim gestellt und folgendes Resultat erhalten:

 

Not all Schlagerfuzzies will have noticed at the time that „Take Five“ is in 5/4 time.

 

Na also! „Time“ ist das englische Wort für „Takt“ und „Time Out“ bedeutet nicht „Auszeit“, sondern mit Verlaub frei übersetzt „Ausbruch aus den konventionellen Takt-Mustern“ des Jazz, als da sind 4/4-Takt wie in Blues March und 3/4-Takt wie in Jitterbug Waltz. So ist das Thema von Blue Rondo à la Turk im 9/8-Takt geschrieben, wobei die Binnenstruktur dieses Neuners (vorwiegend) 2 2 2 3 ist. Béla Bartók bezeichnet so etwas als ‚Bolgár Ritmus‘.

Time Out ist eines der rhythmisch innovativsten Alben der Jazzgeschichte. Aber heutzutage sind derartige rhythmische Strukturen nichts Ungewöhnliches mehr. Man möge sich nur umhören bei Nik Bärtsch, Jacky Terrasson, King Crimson, Gentle Giant, Don Ellis – meine heißesten Empfehlungen am 12. Juli 2021 …

 

 

 

 

 

 

Das Packerl vom 10. Juli 2021 hat für mich Dave ‚Dornröschen‘ Brubeck wieder erweckt. Das Quartet kommt auf dem Album TIMEOUTTAKES daher in blühender Schönheit, unverbrauchter Frische, auch aufnahmetechnisch vollendet. Kein Wunder! Der verantwortliche Toningenieur war der aus München stammende Fred Plaut, welcher auch für die brillante Aufnahmequalität von Miles Davis‘ Kind of Blue sorgte.

Die Musik des Dave Brubeck Quartet ist von wunderbarer Eingängigkeit und steckt doch voller raffinierter musikalischer Rätsel, die zu knacken mir ein Vergnügen ist, welches das Lösen von Kreuzworträtseln um das 1001-fache übersteigt. TIMEOUTTAKES ist ein Meisterwerk, das dem 1959 veröffentlichten Time Out in nichts nachsteht, es meiner Meinung nach sogar übertrifft. Das Showpiece Take Five gefällt mir in der Fassung des Outtake-Albums viel besser. Es ist zupackender wegen des deutlich schnelleren Tempos, es ist konsequenter im Featuring von Drummer Joe Morello. Sein Solo ist unbegleitet von Brubecks Piano Figur. Morello leitet das Stück ein mit einem Beckenrhythmus, der seine offensichtliche Simplizität in dem Moment verliert, wenn das berühmte 5/4-Lick im Klavier erscheint.

 

 

 

 

 

hier gibt es dies zu hören (falls man auf das weiße Dreieck links außen klickt):

 

– singing blackbird in front of my open window
– Beckenrhythmus (mittels copy/paste vervielfältigt)
– Beckenrhythmus (mit metronomischem beat unterlegt, 4 Zählzeiten !!!)
– Anfang Take Five (mit unterlegtem Zählen, leider teilweise unpräzise)
– Anfang Take Five (ohne Zutaten meinerseits)

 
 


 
 

Obwohl es alle Leser dieses Blogs längst schon wissen, sage ich es trotzdem: ECM ist das unvergleichlichste Label der Welt. Gibt es bei SONY Aufnahmen mit Benedicte Maurseth? Kennt jemand eine Plattenfirma, welche ein Album produziert hat, bei dem Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble zusammen wirken? Findet man im BLUE NOTE Katalog Aufnahmen von Brahms‘ Klavierkonzerten? Das alles gibt es bei ECM. Wir wissen, wer das zu verantworten hat. Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie diesen wunderbaren Film ansehen, dessen Qualität fast an die der ECM50 Series Ingo J. Biermanns heranreicht.

 
 
 

 
 
 

Von den beiden Klavierkonzerten Johannes Brahms‘ gibt es unzählige Einspielungen. ECM wäre nicht ECM, wenn diese Edition sich unauffällig in den Mainstream einreihen würde. Das tut sie nicht! András Schiff spielt einen Blüthner-Flügel Baujahr 1859 und hat als Partner das Orchestra of the Age of Enlightenment zur Seite. Man spielt ohne Dirigenten. Das setzt tiefes Verstehen voraus, das – ich kann es mir nicht anders vorstellen – angesichts der Komplexität der Musik nur nach intensiver Probenarbeit erreicht werden kann. Das CD booklet ist 24 Seiten stark, vollkommen untypisch für ECM.

Lieben Sie Brahms?

 

 

Zum Tod von Frederic Rzewski – Nachruf bei BR4 KLASSIK

 


 

Aufwind            Weitblick            Gipfeltor
 

Es ist schon sehr lange her – Micha saß eventuell in der Untertertia des Gymnasiums – ich saß in einem Schallplattenladen in der Sonnenstraße zu München. Der Laden verfügte über vier einigermaßen schalldichte Kabinen, ausgestattet mit Lautsprechern. Ob es solche Läden heute noch gibt? Es war mein Klassikladen in München. Klassik gab’s ja nicht in der Gleichmannstraße 10 bei jazz by post. Ich hörte mir Klaviersonaten von Prokofiev an, als die Tür aufging und zwei Schüler – vielleicht Obersekunda – eintraten mit einem dicken Packerl LPs unter dem Arm. Wir kamen ein wenig ins Gespräch. Die beiden wunderten sich, was ich für komisches Zeug anhöre und ich ließ mir zeigen, was sie aufzulegen vorhatten: klar, Rockscheiben, aber von mir völlig unbekannten Bands. Ich fragte nach, was sie veranlasst habe, diese Alben auszuwählen, ob sie die Bands kennen würden. „Nee, aber die Plattencovers sind geil“ sagte einer der beiden sinngemäß. Aha.

Vor 2 bis 3 Jahren kannte ich die Namen „RONIN“ und „Nik Bärtsch“ nicht. Sie tauchen ja nicht in den SPIEGEL-Bestseller-Listen auf. Ihre Musik ist mir auch im Radio nie begegnet und selbst im Manafonistas-Blog sind sie mir nicht aufgefallen. Es war Zufall, dass ich auf RONIN aufmerksam wurde. Beim Durchblättern des Qobuz-Streaming-Portals bin ich hängen geblieben. Da fielen mir Track-Titel auf, die aus MODUL und einer Zahl bestanden. „Geile Titel“ dachte ich – sinngemäß. Aha.

So ein MODUL hörte ich mir an, fand nicht nur den Titel witzig (i.e. verblüffend, ungewöhnlich, originell etc.), sondern auch die Musik. Bald kaufte ich das Album NIK BÄRTSCH’S RONIN LIVE und hatte den Wunsch, die Band live zu erleben. Der Wunsch ging am 22. November 2019 in Erfüllung. Nachfolgend hat mich Nik Bärtschs Musik brennend interessiert und beschäftigt. Irgendwann dachte ich daran, mich mit meinen Mutmaßungen unmittelbar an Nik zu wenden. Hier sind die Ergebnisse unseres Mail-Ping-Pongs. Niks Worte sind in manafonistasbrauner Schrift dargestellt, etwa so:

 

Danke für Deinen umfassenden Bericht und die Hintergründe. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Herzliche Güsse auch an Michael. Meine Comments, siehe unten.

 

Als Hörer kann man ja neugierig sein, was der Künstler sich gedacht hat – sag ich jetzt mal so nichtssagend flapsig. Vielleicht ist man als Künstler auch neugierig, was beim Hörer ausgelöst wird – oft sind ja nur die vibrations wahrnehmbar & natürlich der Beifall.

 
unbedingt, danke

 

MODUL

 

Ein Titel, der einigermaßen selten gewählt wird für Musikstücke. Nik Bärtsch & seine Bands RONIN, MOBILE etc. spielen reine Instrumentalmusik. Dass Instrumentalmusik und Vokalmusik als gleichrangig gelten, ist für uns eine fraglose Selbstverständlichkeit.

 

Musikhistorischer Exkurs

 

„Sonate, que me veux-tu?“
„Sonate, was willst du von mir?“
„Sonate, was willst du mir sagen?“

 

Diese Frage wird dem frz. Philosophen Bernard de Fontenelle (1657-1757) zugeschrieben. Er soll sie gestellt haben bei einem Konzert, das ausschließlich aus Instrumentalmusik bestand. Welche Bedeutung kann solche Musik ohne Worte haben?

 

Gute Frage, da gibt es ja eine ganze Debatte dazu im 19. Jahrhundert. Interessant ist wieder einmal Strawinsky dazu:
 

„Manchmal fühle ich mich wie jene alten Männer, denen Gulliver auf der Reise nach Laputa begegnet: Sie haben der Sprache entsagt und versuchen, sich mit Hilfe von Objekten zu verständigen. Ein Komponist befindet sich immer in dieser Lage, da er keine verbale Kontrolle über seine Musik hat. Der einzige wahre Kommentar zu einem Musikstück ist ein anderes Musikstück.“

 

Vokalmusik dominierte die Musik des europäischen Kulturraums bis ins ausgehende 16. Jahrhundert. Instrumentalmusik galt als zweitrangig nach der wortgebundenen Vokalmusik. Sie existierte in selbstständiger Form als Tanzmusik, Militärmusik, u.ä. Sie existierte als “Zutat” von Vokalwerken, als “Intrada”, “Sinfonia”, “Ritornello”. Das sind neutrale Bezeichnungen, so wie auch “Sonata”, “Klavierstück” (Karlheinz Stockhausen), “Study” (Conlon Nancarrow), “MODUL” …

 

Ganz genau!!! Keine inhaltlichen Vorgaben, der Hörer und die Spielerin dürfen in der Musik hören, was sie möchten.

 

Es dauerte etwa 200 Jahre, bis sich nach einem längeren Prozess ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. E.T.A. Hoffmann schreibt im Jahr 1810 in seiner berühmten Rezension von Beethovens 5. Sinfonie:

 

Wenn von der Musik als einer selbstständigen Kunst die Rede ist, sollte immer nur die Instrumental-Musik gemeint seyn, welche, jede Hülfe, jede Beymischung einer andern Kunst verschmähend, das eigenthümliche, nur in ihr zu erkennende Wesen der Kunst rein ausspricht. Sie ist die romantischste aller Künste, – fast möchte man sagen, allein rein romantisch.

 

Das ist genau die Debatte, die ich meinte.

 

Titel von Jazz-Stücken
 

Wenn es um Standards geht, sind es die Titel von Vokalnummern aus Musicals, Filmen usw. Es scheint zur Gewohnheit geworden zu sein, später auch Stücke die keinerlei Text-Bezug haben mit poetischen Titeln zu versehen – “Long as you know you’re living yours” / “Mortgage on my Soul” / “Follow the crooked Path” / “Human” …

 

Exakt

 

„MODUL, que me veux-tu?“
„MODUL, was willst du mir sagen?“

 

Ich weiß nicht, was Ísland bedeutet. Anders gesagt, ich habe keine Ahnung, was der Kosmos bedeutet. Ich finde Ísland & den Kosmos einfach toll. Ich finde Niks MODULE auch toll – toll, wie eine hinreißende Landschaft.

 

interessant, das meine ich genau, DU kannst entscheiden, DEINE Fantasie ist ebenso wichtig wie das Stück.

 

Geht es überhaupt um Ausdruck in Niks Musik? Oder ist Niks Musik nicht einfach ein kleiner Kosmos im großen Kosmos. You know: ich finde Ísland & den Kosmos & Niks MODULE einfach toll …

 

Finde ich eine adäquate Umschreibung. Natürlich gelten Regeln der Musik auch in meinem Kosmos, aber er hat schon eine eigene Logik und Grammatik.

 

Vielleicht wählt Nik den Titel MODUL, weil damit jeder Hinweis auf eine „Bedeutung“ oder einen „Ausdruck“ unterbleibt.

 
Genau
 

Was sagt Igor Stravinsky? Dies hier:

 

Ich bin der Ansicht, daß die Musik ihrem Wesen nach unfähig ist, irgend etwas ,auszudrücken‘, was es auch sein möge: ein Gefühl, eine Haltung, einen psychologischen Zustand, ein Naturphänomen oder was sonst. Der ,Ausdruck‘ ist nie eine immanente Eigenschaft der Musik gewesen, und auf keine Weise ist ihre Daseinsberechtigung vom ,Ausdruck‘ abhängig. Wenn, wie es fast immer der Fall ist, die Musik etwas auszudrücken scheint, so ist dies Illusion und nicht Wirklichkeit. Es ist nichts als eine äußere Zutat, eine Eigenschaft, die wir der Musik leihen gemäß altem stillschweigend übernommenem Herkommen, und mit der wir sie versehen wie mit einer Etikette, einer Formel — kurz, es ist ein Kleid, das wir aus Gewohnheit und mangelnder Einsicht allmählich mit dem Wesen verwechseln, dem wir es übergezogen haben.
All diese Mißverständnisse entstehen dadurch, daß diese Leute in der Musik immer etwas anderes als Musik finden wollen. Für sie ist es wichtig, zu wissen, was die Musik ausdrückt, was der Komponist wohl gedacht hat, als er sie schrieb. Sie können nicht begreifen, daß die Musik eine Sache ,für sich‘ ist und völlig unabhängig von den Gedanken, die sie in ihnen erweckt. Anders gesagt: die Musik interessiert sie nur, soweit sie an Dinge rührt, die zwar nicht in ihr enthalten sind, die aber bei ihnen gewohnte Gefühle erwecken.

 

Diese Äusserungen kenn ich auch und kann viel damit anfangen. Ich würde aber „den Leuten“ nicht zu nahe treten und jeder Mensch darf in der Musik hören, was er möchte. Toll ist es natürlich, wenn dabei etwas Neues in einem entsteht!

 

Hmm, was richtet Musik bei den Hörenden an? Vielleicht gibt es so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt und gab. Zunächst muss man sich überhaupt von den Klängen angesprochen fühlen, zur Resonanz angeregt werden, d.h. sie überhaupt anhören wollen. Bei mir geht sehr oft „emotionales“ und strukturelles Hören Hand in Hand. Außerdem kann das, was ich zur Zeit gerne und oft höre sich gehörig unterscheiden, etwa

 

– RONIN
– Ravel, Gaspard de la nuit
– Rachmaninoffs 3. Piano Concerto
– Shai Maestro
– Miles Davis, Cellar Door Sessions 1970

 

Am Freitag dürfte die CD Entendre bei mir eintreffen. Aber ich kenne das Album ja schon. Ich finde es ganz wunderbar:

 

klangsinnlich
intellektuell anspruchsvoll
MODUL 55 blickt in die Ferne mit kurzen Einsprengseln, die ich mir auf einer persischen Santur gespielt vorstellen könnte
pianistisch sehr beeindruckend
feine Balance von Strenge und Freiheit
abwechslungsreich

 

Danke für Deine Rückmeldung, wie immer sehr interessant und passend.

 

RHYTHMUS
 

Dass Nik & RONIN sowie weitere Formationen etwas ganz EIGENES erdacht haben, merkt man sofort beim allerersten Höreindruck. Oberflächlich/wenig tief hörend/vereinfacht hält man es für ein „Wesen“ aus dem (Be)Reich der repetitiven Musik, die ja seit den 60er/70er Jahren auch im westlichen Kulturkreis existiert. Nik Bärtschs Konzept beruht auf repetitiven Patterns von unterschiedlicher Länge, deren Überlagerung ein hörend kaum zu durchschauendes irisierendes Ganzes bilden. Ein einzelnes Pattern mag einfach sein. Im Zusammenwirken fordern sie von den Bandmitgliedern höchste Konzentration und Präzision. Erstaunlich finde ich, wie Nik es schafft, Piano Solo diese vertrackten Zeitstrukturen wie es scheint mühelos vorzutragen. Ich gehe davon aus, dass Nik wenigstens anfangs eine klassische Ausbildung am Klavier durchlief, also mit Bach, Beethoven etc.

 

Nicht am Anfang, ich spielte Boogie-Woogie, dann Blues, Jazz, Latin, Gershwin, Bartók, dann Klassik von Bach bis modernste abstrakte Komponisten. Op.27 von Anton Webern auswendig gelernt etc …

 

In der Klassischen Musik (17. bis 19.Jh.) wird man die komplexen Zeitstreckenkombinationen von Niks Kompositionen nie antreffen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein klassisch geschulter Pianist mit der Zeitorganisation von Niks MODULEN überfordert ist, vor allem dann, wenn er die eigentlich einprägsamen Patterns in ihrer irritierenden Verflechtung ohne ein Notenblatt vor Augen darbieten soll. Nik habe ich übrigens nie mit einem Notenblatt erwischt ( Live / YouTube / yourstage.life ).

 

Stimmt haargenau. Im Anhang Notenblätter von 5, 26, 42 (Vienna), 55, 13, 58 gibts nur als Band Versionen, 58 ist quasi eine Improvisation mit den Patterns in dem Modul.

 

MODUL 13
 

Anhand von MODUL 13 möchte ich ein wenig verdeutlichen, was es mit der erwähnten speziellen Zeitgestaltung auf sich hat. MODUL 13 erscheint auf dem neuen Album „Entendre“, liegt aber schon seit 2002 auf dem Album „Hishiryo“ vor. Auf diese ältere Version beziehe ich mich, und zwar auf Episode 2 (3:12 bis 4:03). Auf Vorzeichen habe ich in den Notentexten verzichtet. Es kommen folgende Töne vor: as / ces / es / f / ges

 

 

Dieses Pattern erklingt 8 mal. Es ist 8 + 9 (in summa 17) Zeiteinheiten lang. ’8‘ beginnt mit einer Achtelpause, ’9‘ besteht aus neun Achtelpausen.

 

 

Hier liegen 2 Patterns vor. Das einfache der beiden Patterns ist der orange gezeichnete Cymbal-Klang, der für sich genommen extrem simpel ist: gleichmäßige Impulse im Abstand von 4 Zeiteinheiten. Das zweite Pattern ist in zwei Schichten notiert. Im Notenbeispiel stehen in der oberen Zeile die akzentuierten Töne, darunter die Figuration, welche jeweils mit einem akzentuierten Ton beginnt. Es gibt darin 2 Zeitstrecken:

 

4+4+5 (13 Zeiteinheiten)
4+4+4+4+5 (21 Zeiteinheiten, vollständig sichtbar in Bild 3)

 

 

Im vorhergehenden Notenbeispiel (Bild 2) ist ein wichtiger Ton, ein rhythmischer Impuls ausgelassen. Hier in Bild 3 ist er als blauer Klecks zu sehen. Pattern 1 ist auch dabei. Die „blauen Pulse“ erklingen regelmäßig im Abstand von 2 Zeiteinheiten. Für sich allein genommen ist jedes Pattern alles andere als eine pianistische Herausforderung. Das Zusammenbringen durch einen Solospieler ist jedoch zum Verrücktwerden knifflig. Ob der Cymbalklang per Fußpedal eingebunden wird ???

 

Das Cymbal habe ich danach aufgenommen.

 

Die Patterns umfassen Zeitstrecken, welche der Klassischen Musik des 17./18./19. Jahrhunderts völlig fremd sind, in ihrer simultanen Überlagerung sowieso. Ich frage mich natürlich, ob es für Nik ein langer Weg war, diese herausfordernden Zeitstrukturen zu verinnerlichen. Schaut man ihm beim Spielen zu, dann sieht man souveräne Leichtigkeit. Hört man ihm beim Spielen zu, dann hört man souveräne Leichtigkeit

 

Sehr langes Training. Zyklen, Polyrhythmen und deren Überlagerung mit guter Klangkultur und Lockerheit zu spielen, braucht lange Jahre der Reifung und Vertiefung.

 
Hörbeispiele in comment #1

 
MUSIK und ZAHL

 

Die gesamte 2. Episode ist so strukturiert:


4 4 5
4 4 5
4 4 4 4 5
4 4 5
4 4 4 4 5
4 4 5
4 4 4 4 5
4 4 5
4 4

 

spekulativ

 

8 ( 4+4)
5 ist die Zahl, welche den „quadratischen“ 4er-Puls ins Wanken bringt

 

Die festgestellten Zeiteinheiten 5 / 8 / 13 / 21 repräsentieren Fibonacci-Zahlen. Der Quotient benachbarter Fibonacci-Zahlen nähert sich dem „Goldenen Schnitt“ je weiter fortgeschrittene Fibonacci-Zahlen man wählt (z.B. 89 / 144)

 

2021 26 Feb

Shai Maestro: Human

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Als ich “Human” zum ersten Mal anhörte, ist mir etwas widerfahren, das mir nicht mehr oft widerfährt. Ich war sofort gefangen von der verzaubernden Musik und das Album wurde gleichsam mein täglich Brot. Nicht mehr oft … Früher – ja, wann war das? – war es anders. Jetzt habe ich beschlossen, wieder wie einst lang und tief in ein Album zu tauchen von dem ich spüre, dass viele fortwirkende Kostbarkeiten zu entdecken sind. Danke Shai!


Noch bevor ich den ersten Ton hörte, sprach der Albumtitel zu mir mehr als sonst üblich. “Human” – genau das empfand ich als wir im November 2019 sein Trio in Nürnberg erlebten. Shai hatte noch keine Taste berührt, nur ein paar Worte an die Zuhörer gerichtet … Was für eine wunderbare Ausstrahlung, die dann zu Tönen und Klängen wurde. All das wird bei mir wieder wachgerufen mit dem jüngsten Album. Das Trio ist erweitert zum Quartett. Philip Dizack ist dabei, ein mir unbekannter trumpet player. Er spielt ein Instrument, das durch menschlichen Odem zum Klingen gebracht wird.

 

Dieses Album ist ein ganz besonderes für mich. Wir haben den unglaublichen Trompeter Philip Dizack in unsere Familie aufgenommen, und das hat uns unendlich viele neue Möglichkeiten eröffnet, sowohl auf der Kompositions- als auch auf der Performance-Seite. Philip, Jorge Roeder und Ofri Nehemya haben sich bei diesem Album wirklich selbst übertroffen und das Ergebnis ist etwas, auf das ich sehr stolz bin. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, wieder einmal mit Manfred Eicher zusammenzuarbeiten, dessen Einfluss nicht nur während der Aufnahmen, sondern auch während des Komponierens und Schreibens der neuen Songs zu spüren war, was mindestens ein Jahr dauerte.  

(Shai Maestro)


Mir gefallen alle Stücke des Albums. Mit “The Thief’s Dream” wird Kontinuität zum vorangegangenen Album “The Dream Thief” beschworen. “Mystery and Illusions” ist ein höchst abwechslungsreiches Stück aufgrund seiner formalen Freiheit. Zwei besondere Lieblinge habe ich. “GG” beginnt mit einer Ostinatofigur der sich eine verführerische Melodie zugesellt. Hier scheint kaum improvisiert zu werden, denn Philip und Shai spielen die Melodielinie im unisono, soon they
Follow a Crooked Path … bei Keith Jarrett steht in Klammer (Though It Be Longer) – ich würde hier (And You Will be Surprised) ergänzen. Herrlich die Hommage an Hank Jones und Charlie Haden “Hank and Jones” und an “Ima (For Talma Maestro)”, wohl für seine Mama.

 


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