Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Gregors Rückblick auf Musik des Jahres 2019 hat mir deswegen außerordentlich gut gefallen, weil mein Musikgeschmack großvolumige Übereinstimmung mit seinem aufweist. Ich konnte die Sendung nicht anhören als sie on Air lief. Ich musste mitschneiden, konnte deswegen mich umso intensiver auf das Gehörte einlassen, ich konnte stoppen, mir Gedanken und Notizen machen und mich zum Recherchieren auf den Weg begeben. Es liegt also nahe, die Eindrücke in ein Hörprotokoll zu verpacken.

 

Es ist genau 19 Uhr, Sie hören das Freie Radio für Stuttgart mit der Sendung Jazz funkt, am Mikrophon begrüßt Sie herzlich Gregor Mundt“.

Das kommt ein wenig hastig aus Gregors Mund. Naja, ich kenne das. Man ist aufgeregt, und schon spielt man das Klavierstück vor Publikum schneller denn je, wie aufgezogen eben.

Es geht sofort los mit Klavier, mit The Windup, was von Google als „Das Aufziehen“ übersetzt wird. Die Tonqualität ist nicht high fidel, es klingt nach einem klanglich ordentlichen Bootleg – hä? doch nicht etwa eine bisher unveröffentlichte Perle des European Quartets von Jarrett? Welcher andere Pianeur als Keith würde sich an diesen affenschweren Fingerbrecher wagen? Aber der Verdacht fällt in sich zusammen, sobald der Drummer loslegt. Der ist mir doch etwas zu aufgedreht, zu hyperaktiv, und zwar das ganze Stück hindurch. Das hat Jon Christensen wesentlich geschmackvoller und raffinierter hinbekommen. Aber der Pianist macht es fantastisch – er heißt Joey, das bürgt für Qualität. Joey Calderazzo (einst Schüler von Richie Beirach) spielt ein fulminantes Solo. Der Saxophonist, der Bandleader ist Branford Marsalis, ebenfalls ein großer Virtuose mit herrlichen Einfällen. Joey und Branford gelingt eine verschmitzte Rückkehr ins Thema, wie mir scheint mit ein paar kleinen Zitaten bzw. bekannten Licks garniert, dem Hörer zum Rätselraten vorgesetzt. Beim Thema angekommen fühlt man sich wieder im Jarrett-Kosmos zu Hause, man kehrt zurück aus einer Bebop-Postbop-Welt, die das Jarrett-Garbarek-Quartet in ihrem aufgedrehten „Windup“ von 1974 nie betreten hat.

 

Branford Marsalis Quartet
The Windup
Album The Secret Between The Shadow And The Soul

 

Das erste Stück des Radioabends ist eine Jarrett-Komposition, gespielt vom Branford-Marsalis-Quartet. Nur noch einer hat es gewagt, The Windup auf ein Album zu bringen: der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius. Die Komposition ist entstanden, als der große Klavierimprovisator auf dem Hochplateau seiner Kreativität weilte. Schade. Jarrett, der Komponist – diese Quelle hat Keith still gelegt seit er mit anderen Musikern nur noch Standards interpretierte.

 

Das Label Hubro

 

Das Label Hubro kenne ich noch nicht lange. Es mögen Klanghorizonte des Jahres 2018 gewesen sein, da widmete Michael Engelbrecht eine Stunde einem ungewöhnlichen norwegischen Instrument, der Hardingfele (Hardanger Fiedel).

Dadurch kam es zur Bekanntschaft mit Musikern wie Nils Økland, Erlend Apneseth, mit ihren Bands, mit ihrer Musik. Das war doch eine Entdeckung! Unglaublich, wie auf Basis tief respektierter Traditioneller Nordischer Musik ein neuer regionaler Tonfall entstanden ist durch die offene Aufnahme von Elementen aus der Ferne, aus Jazz, Rock, Ambient und and et …

Der Block begann mit Inngang aus dem Album Umbra von Lumen Drones. ’Drones‘ ist die englische Bezeichnung für ‘Bordun‘, was so viel heißt wie ’Brummbass‘. Ein Drone, ein Bordun ist ein meist tiefer Halteton zur Begleitung einer Melodie. Diese Technik, eine Melodie klanglich einzukleiden mit einem Ton oder einem Quintklang ist uralt und weltweit verbreitet. Vielen Instrumenten ist der ’Drone‘ einverleibt, dem Dudelsack als fest eingestimmte Bordunpfeifen, der Hardingfele als ungegriffen mitschwingende, „leere“ Aliquot-Saiten. Bei Lumen Drones wimmelt es vor betörenden Haltetönen und natürlich auch bei den folgenden gut gewählten Stücken.

 

Lumen Drones, Umbra – Inngang
Frode Haltli, Border Woods – Taneli`s Lament (Sorrow Comes To All)
Stein Urheim, Simple Pieces & Paper Cut-Outs – Blavals
Mats Eilertsen, Reveries And Revelations – Appreciate
Mats Eilertsen, And Then Comes The Night – After The Rain

 

Olivier Messiaen
Album Catalogue d’Oiseaux

 

Gut 40 Minuten sind vergangen, da erklingt wieder ein Klavier. Was für ein hinreißender Sound im Vergleich zum bootlägigen Klang des Pianos von Joey. Aber viel bedeutender ist die erklingende Musik. Was man von diesem Stück wissen sollte, hat Gregor in seinem Kommentar dargelegt. Ich mag Messiaen sehr, vor allem, man kann sagen fast ausschließlich seine Klavierwerke, die Préludes (ein Frühwerk), die Vingt régards sur l’enfant-Jésus und den Catalogue d’Oiseaux aus dem ein Stück vorgestellt wurde.

 

Daniele Di Bonaventura
Album Garofani Rossi

 

Lieder des Widerstands und der Revolution sind ja, vorzugsweise von großen Menschenmassen, „auf den Straßen zu singen“ (Hanns Eisler). Entsprechend schlicht und eingängig sind sie gehalten. Interessieren sich Jazzmusiker dafür, solche Lieder zu spielen? Nicht nur Peter Brötzmann oder Das Kapital haben es getan („Einheitsfrontlied“), auch Feingeister wie Charlie Haden (mit seinem Liberation Music Orches­tra) oder Jan Garbarek („Hasta Siempre“).

Jetzt nimmt der italienische Bandoneonist Daniele di Bonaventura sich ihrer an. Ihn kennt man etwa als Duopartner von Paolo Fresu, auf dessen feinem Label Tûk er nun erscheint.
Wie der wortspielerische Bandname „Band’Union“ sein Instrument mit der Vorstellung eines Kollektivs verknüpft, hat Witz. „Garofani rossi“ („Rote Nelken“), der Titel des Albums, und die Wandmalerei auf dem Cover weisen auf die „Nelkenrevolution“ von 1974 in Portugal, das Ende der Militärdiktatur. Ausgelöst wurde sie durch ein Lied: „Grândola, vila morena“, das 2013 gegen die Sparpolitik von Regierung und Troika erneut aktiviert wurde.
Dieses stellt Bonaventura ins Zentrum seines Albums, umgeben von „Hasta siempre“, „Bella ciao“, „Die Internationale“, „El pueblo unido …“ und anderen Klassikern des Genres. Mit seinem Quartett unterstreicht er ihren kantablen Gestus, reichert sie harmonisch an und schafft Raum für einfühlsame Improvisationen. Der Klang des Bandoneons verleiht dem Ganzen einen Hauch von modernem Tango, sein Zusammenspiel mit einer zehnsaitigen Gitarre ist von kammermusikalischer Finesse. Kampflieder als filigran-mediterraner Jazz, ohne ihr widerständiges Potenzial glattzubügeln.

 

Quelle: Berthold Klostermann in FONO FORUM

 

Rabbia, Petrella, Aarset
Night Sea Journey
Album Lost River

ECM 2609

 

Umwerfend, was für eine Klangwelt!

 

Lorenzo Feliciati, Michele Rabbia
Parapegma
Album Antikythera

Rarenoise

 

Was für seltsame Namen! Nicht die der Musiker! Antikythera? Nie gehört, da muss ich nachgoogeln.

 

Es war die wohl erste Unterwasser-Archäologieexpedition aller Zeiten, doch das wichtigste Fundstück blieb fast unbeachtet. Rund ein Jahr, nachdem der griechische Schwammtaucher Elias Stadiatis im Frühjahr 1900 nahe der kleinen Insel Antikythera ein versunkenes römisches Schiffswrack entdeckt hatte, durfte er auch bei der Hebung der vermuteten Schätze mitarbeiten. Aus rund 40 Metern Tiefe bargen Stadiatis und seine Kollegen Statuen aus Marmor und Bronze sowie andere Kunstschätze aus dem 300-Tonnen-Handelsschiff. Auch Alltagsgegenstände wie Amphoren und Münzen kamen ans Tageslicht – und ein schuhkartongroßer Klumpen, der unter der Archivnummer 15087 katalogisiert und anschließend vergessen wurde.
Während vor allem die Statuen die Wissenschaftler faszinierten, kümmerte sich kaum jemand um den deformierten Klumpen. Im Mai 1902 bemerkte der griechische Archäologe Valerios Stais dann, dass das Artefakt aufgesprungen und in mehrere Teile zerbröselt war. Das Gerät, das später als Mechanismus von Antikythera bekannt werden sollte, war zerstört – und Forscher versuchen seitdem mühevoll, den Überbleibseln ihre Geheimnisse zu entlocken.
Erst seit einigen Jahren ist klar, dass der mysteriöse Mechanismus unter anderem ein Kalender zur Vorhersage von Mond- und Sonnenfinsternissen war – und, wie man seit vergangenem Sommer weiß, auch eine Art Terminplaner für die Wettbewerbe in den Zeiten zwischen den Olympischen Spielen. Doch längst sind noch nicht alle Fragen geklärt. Der antike Computer, dessen Präzision mehr als tausend Jahre lang unerreicht blieb, gibt den Forschern noch immer Rätsel auf.

Quelle Spiegel 2009

Wikipedia verrät: Ein Parapegma (griechisch παράπηγμα „Tafel“, „Kalender“) ist ein antiker Steckkalender, der von den Griechen auf Grundlage der babylonischen Astronomie mit Wettervorhersagen verbunden wurde.

 

Rolf Kühn
Both Sides Now
Album Yellow & Blue

MPS

 

Eine minutenlanges betörendes Solo des Pianisten Frank Chastanier leitet hin zu Rolf Kühns warmem Klarinettenton für Joni Mitchells wunderbare Ballade Both Sides Now. Das ist Musik, die keine Worte braucht.

 

Liederbuch

 

Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich bin ein Anhänger von Instrumentalmusik. Ich habe schon sehr lange keine Schubert-Lieder mehr gehört und Popsongs gehe ich aus dem Weg. Bestimmt versäume ich etwas dabei, aber das stört mich nicht. Alles habe ich nicht versäumt. Immerhin habe ich viel Frank Zappa – was ich nicht zur Popmusik rechne – gehört. Da gibt es auch eine Menge Text, aber nix Gefühlsduseliges. Die Beatles sind musikalisch so gut, da kann der Text nichts vermasseln. Die Beatles Texte entpuppten sich ohnehin schon längst als literarische Preziosen. Pink Floyd waren am besten auf dem Studioalbum von Ummagumma. Da gebrauchten sie nicht viel Worte. Aber das lieben die pinken Musiker nicht, sondern mögen eher den Schmalz und Bombast ihrer anderen Alben. Ok, das gehört nicht daher. Aber wortlos möchte ich nicht am Liederbuch vorbeigehen.

 

Nick Cave & The Bad Seeds, Ghosteen – Waiting For You
Wilco, Ode to Joy – Love is everywhere (Beware)
James Yorkston, The Route to the Harmonium – Like Bees to Foxglove

 

mute records – STUMM433

 

Gregors Ansage und sein Kommentar kamen erst nach dem Vortrag dieses Stücks zu Gehör. Deshalb verschiebe ich meine Ansage und meinen Kommentar hinter das Bekenntnis meiner Eindrücke.

Man hört ein sich gering wandelndes Rauschen, gelegentliche Tierlaute. Ab und zu erinnert ein rollendes Grummeln an fernen Donner, weshalb ich die Ursache des Geräuschs leichtem Regen zuschreibe. Aha, dachte ich, ein klassisches Ambient-Stück. Wenn es also eine Aufnahme im Freien ist, mag sie eine gewisse Bedeutung für den Aufnehmenden haben. Ich habe schon einmal Regengeräusche erlebt, Regen, der ununterbrochen fiel von 2 Uhr morgens bis 24 Uhr abends. Sicher habe ich nicht alle Tropfen gehört, denn ich bin in meinem Zelt wohl ab und zu eingeschlummert wenn der Wind das Zelttuch nicht zu laut knattern ließ. Es war eine Übung in geduldigem Zuhören, damals in Island unterhalb des Hellnafjalls. Ich kenne noch das Datum des Tages. Es war der 22. Juli 2011. Als ich am nächsten Tag meinen Freund in Reykjavík anrief und nach der Wetterlage fragte, erzählte er von den Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya. Ich hatte schon einmal die Idee, bei meinen Islandreisen keine Kamera, sondern meinen SONY Digital-Recorder mitzunehmen und statt eines Fotoalbums ein Klangalbum anzulegen.

Die Idee des Labels ist natürlich pfiffig. „mute records“ heißt ja „Plattenfirma Stumm“. Da muss man wissen, was mit 433 gemeint ist: die Auflage des Albums umfasst 433 Exemplare. Und dann muss man wissen, dass 4’33 (4 Minuten 33 Sekunden) eine Komposition von John Cage ist. Und dann muss man wissen, dass diese Komposition von John Cage auf dieser Edition von Mute Records enthalten ist, leider nicht 433, sondern nur 58 Mal. Und dann muss man das Geheimnis von John Cages Stück kennen.

Gregor lüftete das Geheimnis in weniger als viereinhalb Minuten. Der Inhalt seiner Rede war nicht unähnlich Worten, die ich im Spiegel gefunden habe:

 

Am 29. August 1952 führte der Pianist David Tudor zum ersten Mal John Cages Stück 4’33“ auf. Das Konzert in der Maverick Concert Hall nahe Woodstock erzeugte im Publikum einen mittelschweren Aufruhr. Nicht so tumulthaft wie etwa nach Stravinskys „Le sacre du printemps“-Uraufführung, aber doch so heftig, dass er in die Musikgeschichte einging. Cage hatte verfügt, dass der ausführende Musiker sein Instrument nicht bedient – viereinhalb Minuten lang.
Hörbar wurden durch 4’33“ mit einem Mal die Geräusche des Raumes, das Räuspern im Publikum, der sich steigernde Unmut. Tudor selbst sah in dem Stück „eine der intensivsten Hörerfahrungen, die man haben kann“. Anders gesagt: 4’33“ ist eine mit einfachsten Mitteln hergestellte Erweiterung des Begriffes davon, was Musik ist und sein kann.

Quelle: Spiegel

 

Was Musik ist und sein kann, wird nicht – zumindest nicht im Sinne von John Cage – durch den Vertrieb dieser Vinyl-Box hinterfragt. Das liefert nur die altbekannte Antwort, dass Alles im kapitalistischen Wirtschaftssystem eine Ware ist. Hier ein kleiner Beleg für diese These, einer von vielen möglichen, gefunden bei Facebook:

 

#STUMM433 ist die neueste Version der MUTE 4.0 – Reihe:
Ein Box-Set, das eine beispiellose Auswahl vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Mute-Künstler auf Vinyl zusammenstellt (5Vinyl Box-Set), als sehr limitierte Box-Set-Edition mit einer Auflage von 433 Stück, die auch von Daniel Miller signiert wurden, auch als 5CD (Ltd Deluxe Box Set) sowie zum Herunterladen und Streamen.
#STUMM433 bietet eine riesige Auswahl von über 50 Mute-Künstlern.

 

Was Musik ist und sein kann, ist eine Frage, die ich für unlösbar halte. Es soll Sprachen geben, die kein Wort für Musik kennen. Schon bei Vogelgesängen scheiden sich die Geister. Ist das Gezwitscher Musik? Oder ist es erst dann Musik, wenn Olivier Messiaen die Vogellaute als Klaviermusik katalogisiert? Nun geht es John Cage um wesentlich mehr als diese Frage. Wer mehr über Cage wissen möchte, möge sich den wunderbaren Film The Revenge of the Dead Indians von Henning Lohner besorgen bevor er vergriffen ist.

John Cage interessierte die Stille auf vielfältige Weise. So besuchte er einmal einen schalltoten Raum, um Stille zu erfahren. Ich hatte ein einziges Mal in meinem Leben eine schalltote Gegend in freier Wildbahn erleben dürfen.

Unserer Umwelt wird nicht nur Licht, Feinstaub, Mikroplastik und zeeeOzwei im Übermaß zugeführt, sondern auch Schall. Die Welt war vor ein paar hundert Jahren leiser. Fernab der Zivilisation lebende indigene Völker hören besser.

 

Hörverlust im Alter scheint zumindest zum Teil zivilisationsbedingt zu sein. Bei Hörmessungen an den Ureinwohnern Australiens stellte man fest, dass ältere Aborigines noch fast so gut hören konnten wie jüngere. Daraus zog man den Schluss, dass das menschliche Gehör in Industrieländern wesentlich stärker dem Verschleiß ausgesetzt ist als in weniger entwickelten Regionen.

Quelle KIND Hörgeräte (Ex-Präsident Hannover 96)

 

Im Mittelalter waren Schmiede wegen der täglichen wuchtigen Hammerschläge von Schwerhörigkeit und Tinnitus bedroht. Aber zurück zur STUMM433 Vinyl-Box. Es handelt sich um ein originelles Gimmick, aber John Cages Idee wird verfehlt, wenn 4’33 auf Tonträger verbannt wird. Wahrscheinlich liefern alle 58 mute records Artisten irgendein Gedudel ab. 4’33 sollte vor Publikum erklingen. Die verrückteste Version ist hier zu finden. Unbedingt anschauen und bis zum Ende durchhalten! Ich verstehe, warum Keith Jarrett so gern und so oft in Japan aufgetreten ist. Wo sonst findet man so höfliche, stille, fast hustenfreie Zuhörer? Übrigens spendet mute records einen Teil des Verkaufserlöses der British Tinnitus Association. Angesichts der Auflage von 433 Exemplaren dürfte die Spende von überschaubarem Umfang sein.

 

Rachmaninoff / Trifonov: Vocalise op. 34 Nr. 14 für Klavier

 

Daniil Trifonov (*1991) gehört jetzt schon zu den bedeutendsten Pianisten der Gegenwart. Er steht in meiner Favoritenliste 2019. Vocalise ist ein recht bekanntes Werk Rachmaninoffs, eine anrührende Miniatur, die in Livekonzerten eher als Encore zu hören ist. Die Hauptwerke des hier vorliegenden Albums sind Rachmaninoffs Klavierkonzerte No. 1 und No. 3. Wer eine Aufnahme von „Rach 3“ sein eigen nennt, möge sich einen Liveauftritt Trifonovs (Paris 2015) zu Gemüte führen. Natürlich ist es eine Empfehlung für alle. Aber man muss schon ca. 40’33 aufbringen …

 

Rachmaninoff, Klavierkonzert No. 3 in d-Moll
Vocalise (arr. Daniil Trifonov)

 

Louis Sclavis
La dame de Martigues
Album Characters On A Wall

ECM 2645

 

Vier herrliche Stücke, von denen drei auf ECM-Alben zu finden sind bilden den Ausklang. Ohne den gesamten ECM-Kosmos zu repräsentieren wird erneut demonstriert, was ohnehin bekannt ist: ECM ist das außergewöhnlichste Label in der bisherigen Geschichte der Tonträger.

 

Marco Ambrosini & Ensemble Supersonus
Rosary Sonata No. 1
Album Resonances

ECM 2497

 

Dass die Titel und die Besetzung der Stücke erst angesagt wurden, nachdem sie verklungen sind, ließ Freiraum beim Zuhören. Bei diesem Stück habe ich mir viele Notizen gemacht:


da ist Maultrommel dabei – Obertonspiel / Nyckelharpa? oder Gambe / Cembalo / hohe Flöte mit unangenehmem Ton oder singende Säge? nee das ist Obertongesang a la Tuva / Psalterium (Hackbrett) ? / interessante Instrumentierung / Zeit: Renaissance Frühbarock / Variationsform

Und hier ist die Besetzung:
Marco Ambrosini – Nyckelharpa / Anna-Liisa Eller – Kannel / Anna-Maria Hefele – Polyphonic Overtone Singing, Harp / Wolf Janscha – Jew’s Harp / Eva-Maria Rusche – Harpsichord, Square Piano

Was für eine Klangwelt und was für ein inspirierter Umgang mit Alter Musik! Der Titel brachte mich auf die richtige Spur. „Rosary Sonata“ – es konnte sich nur um eine der Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber handeln. Ich kenne sie nicht gut. Es ist lange her, dass ich sie gehört habe und dann bestimmt nur einmal. Aber sie sind berühmt. Im Jahr 2017 gab es eine wunderbare Sendung bei WDR3, die 2019 wiederholt wurde und deshalb noch bis zum 29. Mai 2020 nachgehört und heruntergeladen werden kann

 

Das Mysterium der Zeitlosigkeit
Bibers „Rosenkranz-Sonaten“ und das radikal Moderne
Von Janko Hanushevsky

Aufnahme des WDR 2017

Der Komponist Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) hat seine fünfzehn
Mysterien Sonaten den Geheimnissen des Rosenkranzes gewidmet. Sein Zyklus für Violine und Generalbass galt damals als radikal modern und zählt noch heute zum Schwierigsten, was das Repertoire des Frühbarock zu bieten hat.
„Heinrich Ignaz Franz Biber war ein Experimentierer“, sagt die Barockgeigerin Maya Homburger. Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit seinem Werk. Sie hat eine Gesamteinspielung der Mysterien Sonaten auf Originalinstumenten vorgelegt, hat aber auch Werke Bibers in unkonventioneller Duobesetzung mit ihrem Mann, dem Komponisten und Kontrabassisten Barry Guy, aufgenommen. Das Duo bewegt sich im Grenzgebiet zwischen alter und neuer Musik, verbindet Barock mit zeitgenössische Klangsprache, Komposition mit Improvisation. Dabei fühlen sich die beiden Musiker dem Experiment verpflichtet. So hat Guy Interventionen zu einer Mysterien Sonate komponiert und neue Musik für Barockgeige, die Referenzen auf Biber enthält.

Quelle WDR

 

Sylvie Courvoisier, Mark Feldman
Homesick for Another World
Album Time Gone Out

intakt CD 326 http://www.intaktrec.ch/326-a.htm

 

Meine Notizen:


Streichinstrument, leicht verfremdet klingende Geige – sehr interessantes Intro / Piano, inneren Saitenglissandi, Anschlag handgedämpfter Saiten / extrem interessant

 

Seit bald zwanzig Jahren definieren Sylvie Courvoisier und Mark Feldman den Dialog zwischen westlicher und amerikanischer Musik, Improvisation und Komposition, Tradition und Moderne kontinuierlich neu. Die verschiedensten Spielhaltungen und atmosphärischen Valeurs vernetzen sich in den hellwachen Reaktionen der beiden Spieler – Tanz, Weltschmerz, befreiende Energie, Bekenntnis zu schlichter Schönheit, schrille Sprungkaskaden.

Quelle: INTACT RECORDS

 

G. Trovesi & G. Coscia
Gragnola
Album La Misteriosa Musica Della Regina Loana

ECM 2652

 

Dieses äußerst unterhaltsame und höchst erfindungsreiche Album ist dem verstorbenen Umberto Eco gewidmet, einem lebenslangen Freund des Akkordeonisten Gianni Coscia und leidenschaftlichen Unterstützer dieses besonderen Duos. Ecos „The Mysterious Flame of Queen Loana“, eine Meditation über die Natur der Erinnerung, inspiriert Trovesi und Coscia auf ihrer eigenen nostalgischen musikalischen Forschungsreise, die auf die im Roman erwähnte Musik verweist und sich frei auf seine philosophischen Themen bezieht.

Quelle: ECM Records

 

Keith Jarrett
Somewhere Over The Rainbow
Album Munich 2016

ECM 2667

 

Mit Keith Jarrett als Komponist wurde die Sendung eröffnet, geschlossen wird sie mit Keith Jarrett als Interpret einer Fremdkomposition, mit seiner Lieblingszugabe in einer unglaublich komplexen Version, vielleicht seiner besten dieses hübschen Standards.

Dieses Solokonzert von Keith Jarrett – aufgenommen in der Münchner Philharmonie am 16. Juli 2016, am letzten Abend einer Europatournee – zeigt den großen Klavierimprovisator auf dem Höhepunkt seiner Kreativität.

Quelle: ECM

Ich bin nicht dieser Meinung. Ich halte – wie Michael Engelbrecht auch – die 60er und 70er Jahre für seine kreativste Zeit. Beim Münchner Konzert 2016 war ich glücklicherweise im Publikum. Dazu existiert ein Blogbeitrag, den ich für meine jüngste Amazon-Rezension verwendet habe.

Oben rechts steht es: wer sich auf diese Seiten einlässt, findet sich beyond mainstream wieder. Wer aber glaubt, bei den Manafonistas endlich einem mainstream entronnen zu sein, irrt vielleicht.

 


 
 
 

Ein snowflake – passend zum Vorweihnachtsabend. Es zeigt, wie es sich mit Mainstreams verhalten kann. Die Struktur des Großen kommt im Kleinen erneut zum Vorschein. Nach meiner Wahrnehmung hat ECM einen gehörigen Anteil am musical mainstream des manafonistischen Blogs. Die abgebildete Schneeflocke ist ein sog. Koch Snowflake. Es ist also an der Zeit, in Richtung Uli Kochs Beitrag abzubiegen.

Ich empfehle den Lesenden bei Ulis Beiträgen die Augen zu spitzen, denn nicht selten führen sie in Gefilde beyond the manafonistic mainstream, derart, dass ein Leser einst die Frage stellte „lieber Uli, wie kommst du nur zu solchen Platten?“ Ohne Ulis Seitenblicke hätte ich folgende Perlen – um nur einige zu nennen – nicht wahrgenommen:

 

Salyu

Midori Takada

Japanese Jewels

Erik Truffaz

 

Jetzt darf ich Sven Kacirek und Olith Ratego hinzufügen, zwei Namen, die mir erst am 20. Dezember bekannt geworden sind. Zum Album ODD OKODDO hat Uli das Wesentliche gesagt. Kacireks Anteil an diesem Album ist bemerkenswert. Die Sounds sind nicht elektronisch generiert. Es handelt sich um Samples, die oft zu Loops werden. Die rhythmischen Patterns sind von elegant groovender Leichtigkeit, nichts Maschinenhaftes merkt man ihnen an – erstaunlich. Dass Sven Kacirek der Musik Olith Rategos mit hohem Respekt begegnet, spürt man bei jedem Stück des Albums. Die Klanggewänder, die er um die Gesänge Oliths webt, sind voller afrikanischer Muster.

 

Sven Kacirek entwickelt seine Musik immer mit den Trommelstöcken in der Hand. In Kacireks Stücken hören wir jedoch kaum noch das klassische Drumset, stattdessen trommelt, schlägt und reibt er auf kleinen, leisen Dingen wie Papier, Holz und Glas. Sein Sound besteht dabei aus mehr als nur präsenten Beats: Sämtliche Elemente eines Stücks bis hin zur Melodie sind aus kleinen perkussiven Mustern zusammengesetzt, die lässig geschichtet werden. Obwohl er dabei keinerlei Synthesizer verwendet, klingt das bisweilen so elektronisch, dass man für Sven Kacirek den eigentlich widersinnigen Stilbegriff Akustische Elektronika erfinden könnte. Viele seiner Ideen entstehen aus Live Konzerten, in denen er sich selbst mit Samplern multipliziert, voller Ruhe improvisiert und sehr elaborierte Patterns generiert. Bei solch einer Liebe zur Perkussion ist es nur nachvollziehbar, dass er mehrfach nach Kenia reist, um dort mit lokalen Musikern und deren Instrumenten zusammen zu arbeiten.

Quelle: www.pingipung.de

 

Dieses Jahr hatte ich zwei weitere beeindruckende Begegnungen mit Musik aus Afrika. Am 23. Oktober hörte ich Habib Koité live bei den Kulturwelten. Die Besetzung: Gesang, Banjo, Gitarre, African Percussion, Keyboard (vorzugsweise als Balafon-Ersatz). Koité spielte Musik, die sich Einflüssen westlicher Popmusik weitgehend verweigerte.

Just am 19. Dezember, einen Tag bevor Ulis Beitrag erschienen ist, lernte ich den Banjo-Spieler Béla Fleck kennen. Nein, nicht persönlich, sondern auf Grund einer mir zufällig über den Weg laufenden Rezension. Dem Banjo, besser gesagt der Musik, die sein bevorzugter Lebensraum ist, konnte ich nie viel abgewinnen. Vielleicht kann Lajla etwas beitragen, vielleicht ist ihr Béla Fleck kein Unbekannter.

 
 


 

 

I like Bela Fleck’s music, originality and eclecticism very much, but this one stretched me just too far. Whilst I don’t doubt the authenticity of the pieces on this CD, they clash too much with my west European ears.

Quelle: Kundenrezension Amazon

 

So ergeht es sog. Weltmusik, wenn sie sich nicht dem westlichen Geschmack unterwirft. Was diesen einen Hörer abschreckt, zieht mich magisch an. Nach kurzem Anhören bei Spotify habe ich das CD-Album bestellt und einen Tag später bereits erhalten. Obwohl es schon im Jahr 2009 veröffentlicht wurde, ist es mein Album des Jahres 2019. Aber seit Astrid Nischkauers Rehabiltitierung des „Rückblicks“ habe ich meine spärlichen Bedenken vollends abgelegt. Mit der CD – nicht über Streaming Dienste! – erhält man ein umfangreiches Booklet, welches den Wert der Edition erheblich steigert.

 

First, I’d like to welcome you all to this, the most ambitiuos and complex project I have attempted to date.

The idea has been residing in my subconscious for so long. I don’t even know exactly when it started. Perhaps it was when I discovered where the banjo originally came from, and from hearing field recordings throughout the years – of tantalizingly beautiful music from Africa.

I developed the suspicion that some of the greatest acoustic music on earth is hidden in the small villages in Africa. Somehow it didn’t seem to be making it out into my world, and even when amazing field recordings were made, how could I find out about them?

Quelle: Béla Fleck, aus Booklet Album Throw Down Your Heart

 

Man hat inzwischen sicherlich erkannt, was Sven Kacirek und Béla Fleck verbindet. Beide bereisten Afrika, beide zollen der Musik, die sie dort kennenlernten höchste Bewunderung, beiden gelingt es, nicht wenig von der Seele und den Strukturen dieser Musiken zu begreifen. Béla Flecks Banjo klingt, als hätte er nie etwas anderes als afrikanische Musik gemacht.

Flecks Reise nach Ost- und Westafrika ist dokumentiert in einem auf DVD erschienenen Film. Die DVD ist vergriffen und nur noch sündhaft teuer erhältlich. Mag sein, dass die Tonqualität der CD eine bessere ist. Ein besonderes Erlebnis ist es jedoch, den Musikern bei ihrer Arbeit zuzusehen.

„Abbey Road“ wird dieses Jahr bestimmt nicht das letzte Mal in einer „Neuausgabe“ erschienen sein. In 50 Jahren legt uns die Musikindustrie vermutlich eine weitere Jubiläums-Ausgabe auf den Ladentisch. Ob da noch jemand „Throw Down Your Heart“ gedenkt?

 

BEYOND beyond mainstream MAINSTREAM

 
Addenda in comment#1

 
 

      piano lesson

 
 
 

singing lesson      

 

Ein Leser hat vor kurzem die vollkommene Leere der rechts oben platzierten Rubriken beklagt. Als bald darauf unter den „Albums of December“ Jacky Terrasson versteckt lag, wurde dies nicht goutiert.

Hier ist mein Geständnis:

 

Terrasson 53 ist von mir. Es war eine kleine Übung in Sachen „Album of December“. Die Rubrik oben rechts hatte ich immer links liegen lassen.

Die Frage „Konnte das nur M.E.?“ hat meinen Ehrgeiz angestachelt, Alter forscht …

Ich lösch das sofort wieder. Es handelt sich aber um ein schönes Album.

 

Ja, es ist ein schönes Album, und nicht nur eines für December. Vermutlich ist Jacky Terrasson den Autorinnen und treuen Lesern des Manafonistas-Blogs gar nicht bekannt, denn er tritt selten in Deutschland auf, ist obendrein kein ECM-Artist und nimmt vorwiegend bei BLUE NOTE auf, wo dieser sog. Art-Blakey-Bullshit zu Hause ist.

Aber langsam! Es gibt auch Gemeinsamkeiten beider Labels. Dieses Jahr sind sie Jubilare. BLUE NOTE ist 80, ECM 50 Jahre alt geworden. Die ihnen verbundenen Artisten gehören zur Crème de la Crème der improvisierten Musik, und nur bei wenigen anderen Labels dürften Toningenieure derart legendären Ruhm erworben haben wie Rudy van Gelder (BLUE NOTE) und Jan Erik Kongshaug (ECM).

 

 

 

 

Jacky Terrasson wurde 1965 als Sohn einer Afro-Amerikanerin und eines Franzosen in Berlin geboren und wuchs in Paris auf. Noch während seiner Schulzeit studiert er Klassische Klaviermusik, wendet sich aber bald dem Jazz zu. 1986 verlässt er Paris, um am Berklee College of Music zu studieren.

Ich habe ihn zum ersten Mal in einer TV-Aufzeichnung des Ron-Carter-Trios bei der Jazzwoche Burghausen 2006 gesehen. Dieser Auftritt enthielt eine beeindruckende Version von My Funny Valentine.

Terrasson ist ein technisch brillanter Pianist. Das kann Bewunderung auslösen, aber Faszination stellt sich erst dann ein, wenn Originalität und Einfallsreichtum im Überfluss sprudeln. Darauf kann ich mich bei Jacky verlassen. Deswegen befinden sich mehrere seiner Alben in meiner Sammlung. In gewisser Weise folgte er den Spuren Keith Jarretts, nicht stilistisch, sondern auf den Pfaden der Standards, unter denen sich ja auch harmlose, geradezu banale Früchtchen befinden. Wenn ich höre, wie er zusammen mit Cassandra Wilson Tea For Two in einen raffinierten Mantel kleidet, dann allerdings leuchten meine Ohren.

Das Album 53 enthält Eigenkompositionen, bis auf eine Ausnahme: eine melancholische Ballade von Mozart. Auf seiner Homepage schreibt Terrasson über das neue Album.

 

Why 53? – Simply because I conceived of and recorded this music during my 53rd year and on this occasion I wanted to make a record that really reflected me. At the age of 53, a man begins to feel he has reached a form of maturity, is at his peak, and so can look at life with a certain distance and see things more clearly. With this record I wanted to give everything of myself, to take risks, while assuming my career, my artistic choices, my life … and my age!

 

In diesen musikalischen Spiegelbildern verbergen sich auch Reverenzen vor Künstlern, die ihm viel bedeuten. Diese sind nicht leicht zu erkennen. Soweit es mir gelungen ist, habe ich es hier angedeutet.

 

FULL LIVE

Carla Bley Trio
16. Mai – München, Unterfahrt

Habib Koité
23. Oktober – Helmbrechts, Kulturwelten

Nik Bärtsch’s RONIN
22. November – Jena, Kulturbahnhof

Shai Maestro Trio
30. November – Nürnberg, Kulturwerkstatt auf AEG

 

HALF LIVE

Klavierabend Daniil Trifonov – Beethoven, Schumann, Prokofiev
21. Februar – Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker

Peter Tschaikowsky, Sinfonie No. 5 in e-Moll
9. März – Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker
Berliner Philharmoniker, Dirigent Kirill Petrenko

 

RONIN RHYTHM RECORDS

Nach dem Konzert von RONIN in Jena besuchte ich im virtuellen Raum Nik Bärtsch’s Welt und machte erstaunliche Entdeckungen

IKARUS – Chronosome
Ronin Rhythm Records – RON 016

Ingrid Lukas – We Need to Repeat
Ronin Rhythm Records – RON 008

Sha’s Banryu – Chessboxing Volume One
Ronin Rhythm Records – RON 007

 

CRAZY

zeitkratzer Performs Songs from the Albums „Kraftwerk“ and „Kraftwerk 2“
zeitkratzer Records – zkr0021

zeitkratzer – Neue Volksmusik
zeitkratzer Records – zkr0014

 

DER ORT
 

Ich wohne ungefähr 1 Meile entfernt von der bayrisch-thüringischen Grenze. Es ist nicht weit bis nach Sonneberg, dem nächstgelegenen Ort an der Jazzmeile Thüringen. An dieser langgestreckten Meile liegen die Städte Erfurt, Weimar, Jena und noch ein paar mehr.

Der 22. November, ein Freitag, war ein sonniger Tag, ein guter Tag für einen Ausflug, selbst wenn man sich kein besonderes Ziel vorgenommen hatte. Wir hatten ein Ziel, fuhren bei Sonnenhöchststand los und erreichten es gegen 3 Uhr nachmittags.

 
 


     
 
 
 

Das Gebäude, vor dem wir stehen – es ist das ehemalige Empfangsgebäude des Saalbahnhofs und heißt jetzt Kulturbahnhof – gehört zu den Kulturdenkmalen Jenas. Kaum zu glauben. Das hat der Palast der Republik nicht geschafft (2004 fand nach dem Beschluss des Berliner Senates zum Abriss des Palastes der Republik ein Konzert der Band Einstürzende Neubauten statt). Wie konnte der SaalKulturBahnhof zum Denkmal avancieren? Vermutlich liegt es an seinen inneren Werten. Betritt man die Eingangshalle des 1965 eingeweihten, nach einer Bauhaus-Konzeption errichteten Gebäudes, fällt rechter Hand ein aus Aluminiumbändern gefertigtes Wandbild auf. Erstaunt bin ich, dass es nicht den Arbeiter- und Bauernstaat zelebriert, sondern Jena würdigt als Universitätsstadt, als Ort in dem schon im 19. Jahrhundert technische Produkte von Weltruf entwickelt wurden: Carl Zeiss’ Nah- und Fernrohre (Mikroskope und Teleskope) und das hitzebeständige Glas Otto Schotts, später bekannt geworden als Jenaer Glas.

Mein Mädel und ich haben den Kulturbahnhof gesucht, weil er ein Knotenpunkt der thüringer Jazzmeile ist. Bis zum Beginn der Ritual Groove Music waren es noch ein paar Stunden und da es nicht weit ist bis zur Innenstadt, schlenderten wir die Sophienstraße entlang, in welcher schöne alte Gebäude offenbar bewohnt sind. Die Sophienstraße ist nicht zur Shopping Promenade mutiert. Auf dem Weg zurück zum Kulturbahnhof kehren wir ein im Sophienstübl, wo man zu günstigen Preisen köstliche einfache Mahlzeiten und frisches Bier aus der regionalen Rosenbrauerei serviert bekommt.

 
 


 
 
 

Im Kulturbahnhof ist über dem Eingang ein Lichtspiel, das den Weg weist, das Magisches verspricht – alles aus einem Hut … Treten wir ein. Ein Ambiente nach meinem Geschmack. Eine ganz spezielle Clubatmosphäre, an der Rückwand ein Tresen wo Getränke angeboten werden, eine Fläche, die den halben Zuschauerraum einnimmt für Stehende oder Tanzende. Vor der kleinen Bühne gibt es fünf oder sechs Stuhlreihen mit rund 50 Sitzplätzen für frühzeitig Kommende. Aber lassen wir zwei Bilder sprechen, zu deren Verwendung für den Manafonistas-Blog die Fotografin Tina Peißker mir die Erlaubnis erteilt hat (die komplette Bilderserie kann man hier betrachten). Vielen Dank!

 
 


     
 
 
 

Der Raum wirkt einladend. Er strahlt nicht die exklusive elitäre Kühle der Elbphilharmonie aus. Den Kulturbahnhof besuchen bestimmt keine „Saaltouristen“ sondern Menschen, die neugierig sind auf etwas Neues, und Leute welche die auftretende Band kennen und live hören wollen.

 
DIE MUSIK
 

Jede Musik braucht den zu ihr passenden Raum, und zwar aus verschiedenen Gründen, unter denen raumakustische Aspekte für mich die wichtigsten sind. Wir saßen in der ersten Reihe. Von den Instrumenten, besonders von den Reeds und vom Drum Set nimmt man viel Direktschall wahr – die reine Freude! Becken und Cymbals klingen fein und gar nicht schrill. Die Sounds der Trommeln kommen trocken und wuchtig ans Ohr, die Töne von Saxophon und Bassklarinette ertönen natürlich.

Als ich RONIN zum ersten Mal von CD hörte, war ich sofort fasziniert von der einzigartigen Mixtur. Die Musik ist verführerisch klangsinnlich, vor allem durch Nik Bärtschs Klavierspiel. Durch allerei Manipulationen im Inneren des Flügels zaubert er magische Klänge „aus dem Hut“. Die Musik kann animalisch grooven, man kann dann den Körper kaum ruhig halten. Die Musik führt mich oft freundlich in die Irre: hat man sich einem Puls aus dem repetitiven Rhythmusgeflecht ergeben, kann es passieren, dass man bald auf dem falschen Fuß erwischt wird. Und dann fängt – jedenfalls bei mir – der Verstand an zu forschen: wo verflixt nochmal steckt die Raffinesse in diesen subtilen, manchmal drastischen Verschiebungen?

NEW CONCEPTS OF ARTISTRY IN RHYTHM

RONIN hat ein ganz spezielles rhythmisches Konzept erfunden, das ich gerne einer Reihe anderer bzw. andersartiger Konzeptionen anfügen möchte:

 
– Igor Stravinsky, Sacre du Printemps
– Conlon Nancarrow, Studies for Player Piano
– Steve Reich, Methode des phase shiftings in Come Out, Piano Phase, Drumming etc.
– Jazz, das Prinzip des swings
 

Auf einem Tisch, wo CDs der Band feil geboten wurden, lag ein Exemplar der Score des Albums Llyrìa. Die Partitur habe ich erworben, denn selbst intensives Belauschen enthüllt nicht die Geheimnisse dieser Rhythmik. Wer neugierig darauf ist, möge bitte hier weiterlesen.

NEW CONCEPTS OF BAND LIFE

Mir scheint, RONIN befolgt nicht nur ein spezifisches Rhythmuskonzept, sondern auch ein besonderes Konzept des Band Life’s. Am Ende des Recitals erfährt man, dass RONIN (fast) jeden Montag in Zürich im Club EXIL spielt. Details findet man hier. Bestimmt dienen diese Auftritte der Verinnerlichung des Repertoires, das ja irgendwann im nicht-öffentlichen Rahmen erarbeitet und geübt werden musste.

Würde ich in der Nähe Zürichs wohnen, besuchte ich bestimmt einige der Montagskonzerte. Nun habe ich das 782. Montagskonzert vom 25. November 2019 tatsächlich live erlebt. Wie das? Es liegt daran, dass ich meine Ausflüge gerne noch einmal nachreise im virtuellen Raum, wo man große Abstecher bis in entlegene Nischen machen kann. Auf diese Weise habe ich von einem kostenpflichtigen Schweizer Streamingportal erfahren, das diese Montagskonzerte anbietet und recht lange Zeit im Archiv behält. Auch RONINS Auftritt in der Elbphilharmonie ist dort aufbewahrt. Ich habe ein Probeabo gebucht. Kein Wunder, denn das KuBa-Konzert ist eines der am stärksten nachwirkenden, die ich je erlebt habe.

2019 3 Nov

Fred Rauch

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Fred Rauch war lange Zeit Hörfunkmoderator beim Bayerischen Rundfunk. Er hatte eine wunderbare Stimme, der ich als Kind gerne zuhörte. Sie war warm, auch wenn es kalt im Zimmer war. Ich hatte immer das Gefühl, der Klang streichelt meinen Rücken wie eine sanfte Hand. Was er sagte war nebensächlich und ebenso nebensächlich war die Musik, die er vorstellte in seiner Sendung Sie wünschen, wir spielen Ihre Lieblingsmelodien. Diese Sendung gab es bis in das Jahr 1978. Aber da hatte ich mich schon längst von ihr abgewandt.

An Fred Rauch wurde ich heute am 2. November erinnert. Die Post brachte ein Packerl mit einem Album, das am 1. November erschienen ist, ein Album das am Samstag den 16. Juli 2016 im Gasteig zu München aufgenommen wurde. Nein, da ist nicht Fred Rauch aufgetreten.

Das Album enthält den bis heute vorletzten Liveauftritt Keith Jarretts – und ich fürchte er wird es bleiben. Dem Applaus hört man an, dass die Zugaben das Publikum am stärksten bewegten. Auch für mich waren sie die Höhepunkte eines fabelhaften Recitals. Ich befand mich auf Grund glücklicher Umstände damals im Publikum. Die Melodie des ersten Encores kannte ich gut, den Titel aber nicht. Der Text – wenigstens der Anfang – hätte mir einfallen können nach den ersten Melodietönen. Das hat nicht geklappt, weil mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen ist, seit ich ihn zuletzt vernommen habe.

Im Booklet des Albums steht Answer Me, My Love (Gerhard Winkler/Fred Rauch). Na sowas! MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON verrät nichts über den Song und seine Autoren. Ich musste also andere Quellen zu Rate ziehen. Klar, Fred Rauch hat nicht in englischer Sprache getextet.

 

Mütterlein, Mütterlein
Könnt‘ es nochmal so wie früher sein
Als du mich mit deiner lieben Hand
Geführt durchs Kinderland

 

Keith Jarrett spielt eine unglaublich feine Interpretation und seine Lieblingszugabe Somewhere Over The Rainbow ist so inspiriert und komplex wie selten. Die Trivialität der Vorlagen ist weggezaubert. Das Wie ist in der Kunst entscheidend, nicht das Was.

Als ich noch Fred Rauch zuhörte, konnte ich nicht ahnen, dass Keith Jarrett die Erinnerung an diesen Rundfunkmann wachrufen würde. Ja, das ist ein alberner Satz.

In den 90er Jahren habe ich eine Rundfunksendung von Michael Engelbrecht über Steve Reich mitgeschnitten und Auszüge daraus oft im Unterricht vorgestellt. Damals habe ich auch nicht geahnt, dass Micha und ich uns als Autoren bei den Manafonistas nahe kommen würden.

 
 
 

 

2019 18 Okt

Tankred

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Mein ältester Sohn heißt Philip. Der humanistisch gebildete Kollege von der Fachschaft Musik vermisste das Fehlen eines p am Ende des Namens. Ich habe es mit Absicht weggelassen. Das p sieht aus wie ein Rucksack. Zwei Rucksäcke wollte ich meinem Sohn nicht anhängen.

Als Lehrer – ganz besonders als Musiklehrer – hatte ich einen vorzüglichen Überblick über die beliebtesten Vornamen im Landkreis Kronach. Mitte der 80er Jahre gab es unter meinen Schülern nur zwei mit dem Namen Philipp. Einer von ihnen trug am Ende nur ein p. Der Name Philip gefiel mir schon immer und weil er damals nur spärlich auftrat, umwehte ihn ein leichter Hauch von Exklusivität, jedenfalls in den Ländereien um Kronach. Am liebsten hätte ich meinen Sohn Carl Philip Emanuel genannt, habe davon aber abgesehen.

Dieser Beitrag scheint von Namen zu handeln. Das stimmt nicht – er handelt tatsächlich von Namen, ebenso wie jener von der Linder Ebene. Auch darin spielten Namen eine Rolle, Namen von Orten – Oberlind, Sonneberg, Steinach, Muppberg … Ich bin viele Jahre zu Fuß und per Fahrrad in dieser Gegend unterwegs gewesen, aber erst seit 2 Monaten versuche ich, mehr über diese Region zu erfahren. Stichwort Sonneberg: mein altes MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON gibt wenig Auskunft über diese Stadt am Südhang des Thüringer Waldes. Dass es Mittelpunkt der thüringisch-fränkischen Spielzeugindustrie ist – besser gesagt gewesen ist – war mir bekannt aus Erzählungen meiner Schwiegereltern. Die Großmutter meiner Ehefrau bemalte in Heimarbeit Puppenköpfe aus Porzellan für Verleger in Sonneberg.

Seit 1989 ist Sonneberg wieder zugänglich von Bayern aus. Der Nachfolger meines humanistisch gebildeten Fachkollegen kommt aus Sonneberg. Mit ihm habe ich erstmals die Sonneberger Jazztage besucht. Das Festival war damals extrem am Oldtime Jazz ausgerichtet.

 

Aus der Taufe gehoben wurde das Festival anlässlich des 15. Bühnenjubiläums der Sonneberger Jazzband „Jazz Optimisten“ am 29. November 1986. Zum 15. Geburtstag der „Jazz Optimisten“ ermöglichte der Generaldirektor des damaligen VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg als Trägerbetrieb die Ausrichtung einer Jazz-Nacht mit namhaften Gästen in Sonneberg. Auf Grund des Erfolgs dieser Veranstaltung wurde beschlossen, alljährlich im November die „Sonneberger Jazz-Nacht“ mit mehreren Formationen zu wiederholen. Mit dem „Jazz Day Orchestra“ aus Polen trat 1987 erstmals eine internationale Gruppe bei dem Festival auf.

Quelle: Wikipedia

 

Inzwischen ist man in Sonneberg offen für zeitgenössischen Jazz. Großen Anteil daran hat ein befreundeter Arzt, der nach einem erfolglosen Versuch, eine Jazzreihe in Kronach zu etablieren, sich der Sonneberger Szene zuwandte. Vor allem skandinavische Künstler wie Helge Lien, Iiro Rantala, Dan Berglund treten nunmehr in nächster Nähe meines Heimatdorfes auf.

 

 

 

 

Das Bild zeigt Conny Bauer. Dass er viele Jahre in Sonneberg lebte, verrät nicht einmal Martin Kunzlers Jazz-Lexikon, wohl aber Wikipedia.

 

Konrad Bauer wuchs in Halle (Saale) und im thüringischen Sonneberg auf. Als Schüler wurde er im Privatunterricht in die Posaunenmusik eingeführt und spielte dieses Instrument im Posaunenchor der evangelischen Kirche in Steinbach. Besonders interessierte er sich aber für moderne Tanzmusik. Während der Oberschulzeit spielte er zunächst in verschiedenen Amateurbands als Sänger und Gitarrist. Nach dem Abitur absolvierte eine Ausbildung zum Keramikfacharbeiter. Auch während der Lehrzeit war er als Freizeitmusiker unterwegs und spielte außer Gitarre auch Klavier. Mit den Erfahrungen aus der Tanzmusik entschloss er sich, nach der Berufsausbildung ein Musikstudium aufzunehmen. […]

Mit seinen musikalischen Ambitionen beeinflusste Conny Bauer u. a. die Entwicklung seiner jüngeren Geschwister außerordentlich. Hannes als Posaunist und Matthias am Kontrabass wurden ebenfalls international anerkannte Jazz-Musiker. Seine Schwester spielte Saxophon in der Band des Bassgitarristen „Smut“, mit dem Conny als Jugendlicher in Sonneberg musiziert hatte, und der trotz vieler Verbote über 20 Jahre lang die mit Conny begonnene Bandtradition in Sonneberg aufrecht erhielt.

 

Mit Conny Bauer begegnet man DDR-Jazz von Weltrang. Folgt man seinen Fährten trifft man auf Namen wie Günter „Baby“ Sommer, Ulrich Gumpert, Barre Phillips (oha!), Peter Brötzmann, Alexander von Schlippenbach, Han Bennink, Globe Unity Orchestra …

Conny Bauer habe ich in Nürnberg bei Jazz-Ost-West im Quartett Doppelmoppel gehört, zusammen mit seinem Bruder Johannes und den beiden Gitarristen Uwe Kropinski und Helmut „Joe“ Sachse. Demnächst schließt sich ein verbogener Kreis: Joe Sachse spielt am 15. November ein Privatkonzert bei meinem Freund Achim Goettert.

Wenige Jahre nach der Geburt meines Sohnes Philip nahm die Anzahl von Schülern namens Philipp deutlich zu. Vorbei war es mit der Exklusivität. Ich hätte ihm den Namen Tankred geben und meine Tochter konsequenterweise Clorinda nennen sollen. Nie sind mir Schüler mit diesen Namen begegnet.

In Oberlind ist Tankred Dorst geboren, von dem ich nur den Namen kenne, von dem ich nur weiß, dass er ein viel gespielter Dramatiker war. Tankred Dorst verwendet in seinem Theaterstück Auf dem Chimborazo für den Muppberg symbolisch den Namen eines fernen südamerikanischen Berges – wegen der innerdeutschen Grenze und wegen der handelnden Personen. Das waren richtige Überraschungen bei meinem Wikipedia-Streifzug durch die Linder Ebene.

Ich habe oft mein Packerl Jazz-Schallplatten an seinen Schreibtisch bei jazz by post in der Pasinger Gleichmannstraße getragen und die Rechnung beglichen. Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob Jarrett auch in der Provinz auftreten würde.

 

 

 


Quellen:


– Süddeutsche Zeitung
– Fono Forum Heft 11/2019


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