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Daniil Trifonov spielt Rachmaninovs Klavierkonzert No. 3
 

Ich komme immer wieder zurück zu dieser phänomenalen Interpretation. Trifonov im Rausch, in Höchstform. Exzellentes Dirigat von Myung-Whun Chung! Es scheint eine telepathische Verbindung zwischen Dirigent und Solist zu geben, das Orchester spielt – besonders im 3. Satz – mit bissiger rhythmischer Wucht und Präzision und jedes noch so waghalsige rubato gelingt mit unglaublicher Sicherheit und Eleganz.

 
 
 

 
 
 

Alexandre Kantorow spielt Chopins Klavierkonzert No. 2
 

Alexandre, Frankreich, ist Erster Preisträger des letzten Tchaikovsky-Wettbewerbs (2019), ein Pianist vom Kaliber Sokolov oder Trifonov. Sein Papa Jean-Jaques ist Violinist & Dirigent. Über ihn soll Glenn Gould gesagt haben, er sei der originellste Geiger, den er je gehört habe.

Und hier ist die hinreißendste Interpretation von Chopins Erstem Klavierkonzert, die ich je gehört habe.
 
 
 

 
 

Es ist schon sehr lange her – Micha saß eventuell in der Untertertia des Gymnasiums – ich saß in einem Schallplattenladen in der Sonnenstraße zu München. Der Laden verfügte über vier einigermaßen schalldichte Kabinen, ausgestattet mit Lautsprechern. Ob es solche Läden heute noch gibt? Es war mein Klassikladen in München. Klassik gab’s ja nicht in der Gleichmannstraße 10 bei jazz by post. Ich hörte mir Klaviersonaten von Prokofiev an, als die Tür aufging und zwei Schüler – vielleicht Obersekunda – eintraten mit einem dicken Packerl LPs unter dem Arm. Wir kamen ein wenig ins Gespräch. Die beiden wunderten sich, was ich für komisches Zeug anhöre und ich ließ mir zeigen, was sie aufzulegen vorhatten: klar, Rockscheiben, aber von mir völlig unbekannten Bands. Ich fragte nach, was sie veranlasst habe, diese Alben auszuwählen, ob sie die Bands kennen würden. „Nee, aber die Plattencovers sind geil“ sagte einer der beiden sinngemäß. Aha.

Vor 2 bis 3 Jahren kannte ich die Namen „RONIN“ und „Nik Bärtsch“ nicht. Sie tauchen ja nicht in den SPIEGEL-Bestseller-Listen auf. Ihre Musik ist mir auch im Radio nie begegnet und selbst im Manafonistas-Blog sind sie mir nicht aufgefallen. Es war Zufall, dass ich auf RONIN aufmerksam wurde. Beim Durchblättern des Qobuz-Streaming-Portals bin ich hängen geblieben. Da fielen mir Track-Titel auf, die aus MODUL und einer Zahl bestanden. „Geile Titel“ dachte ich – sinngemäß. Aha.

So ein MODUL hörte ich mir an, fand nicht nur den Titel witzig (i.e. verblüffend, ungewöhnlich, originell etc.), sondern auch die Musik. Bald kaufte ich das Album NIK BÄRTSCH’S RONIN LIVE und hatte den Wunsch, die Band live zu erleben. Der Wunsch ging am 22. November 2019 in Erfüllung. Nachfolgend hat mich Nik Bärtschs Musik brennend interessiert und beschäftigt. Irgendwann dachte ich daran, mich mit meinen Mutmaßungen unmittelbar an Nik zu wenden. Hier sind die Ergebnisse unseres Mail-Ping-Pongs. Niks Worte sind in manafonistasbrauner Schrift dargestellt, etwa so:

 

Danke für Deinen umfassenden Bericht und die Hintergründe. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Herzliche Güsse auch an Michael. Meine Comments, siehe unten.

 

Als Hörer kann man ja neugierig sein, was der Künstler sich gedacht hat – sag ich jetzt mal so nichtssagend flapsig. Vielleicht ist man als Künstler auch neugierig, was beim Hörer ausgelöst wird – oft sind ja nur die vibrations wahrnehmbar & natürlich der Beifall.

 
unbedingt, danke

 

MODUL

 

Ein Titel, der einigermaßen selten gewählt wird für Musikstücke. Nik Bärtsch & seine Bands RONIN, MOBILE etc. spielen reine Instrumentalmusik. Dass Instrumentalmusik und Vokalmusik als gleichrangig gelten, ist für uns eine fraglose Selbstverständlichkeit.

 

Musikhistorischer Exkurs

 

„Sonate, que me veux-tu?“
„Sonate, was willst du von mir?“
„Sonate, was willst du mir sagen?“

 

Diese Frage wird dem frz. Philosophen Bernard de Fontenelle (1657-1757) zugeschrieben. Er soll sie gestellt haben bei einem Konzert, das ausschließlich aus Instrumentalmusik bestand. Welche Bedeutung kann solche Musik ohne Worte haben?

 

Gute Frage, da gibt es ja eine ganze Debatte dazu im 19. Jahrhundert. Interessant ist wieder einmal Strawinsky dazu:
 

„Manchmal fühle ich mich wie jene alten Männer, denen Gulliver auf der Reise nach Laputa begegnet: Sie haben der Sprache entsagt und versuchen, sich mit Hilfe von Objekten zu verständigen. Ein Komponist befindet sich immer in dieser Lage, da er keine verbale Kontrolle über seine Musik hat. Der einzige wahre Kommentar zu einem Musikstück ist ein anderes Musikstück.“

 

Vokalmusik dominierte die Musik des europäischen Kulturraums bis ins ausgehende 16. Jahrhundert. Instrumentalmusik galt als zweitrangig nach der wortgebundenen Vokalmusik. Sie existierte in selbstständiger Form als Tanzmusik, Militärmusik, u.ä. Sie existierte als “Zutat” von Vokalwerken, als “Intrada”, “Sinfonia”, “Ritornello”. Das sind neutrale Bezeichnungen, so wie auch “Sonata”, “Klavierstück” (Karlheinz Stockhausen), “Study” (Conlon Nancarrow), “MODUL” …

 

Ganz genau!!! Keine inhaltlichen Vorgaben, der Hörer und die Spielerin dürfen in der Musik hören, was sie möchten.

 

Es dauerte etwa 200 Jahre, bis sich nach einem längeren Prozess ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. E.T.A. Hoffmann schreibt im Jahr 1810 in seiner berühmten Rezension von Beethovens 5. Sinfonie:

 

Wenn von der Musik als einer selbstständigen Kunst die Rede ist, sollte immer nur die Instrumental-Musik gemeint seyn, welche, jede Hülfe, jede Beymischung einer andern Kunst verschmähend, das eigenthümliche, nur in ihr zu erkennende Wesen der Kunst rein ausspricht. Sie ist die romantischste aller Künste, – fast möchte man sagen, allein rein romantisch.

 

Das ist genau die Debatte, die ich meinte.

 

Titel von Jazz-Stücken
 

Wenn es um Standards geht, sind es die Titel von Vokalnummern aus Musicals, Filmen usw. Es scheint zur Gewohnheit geworden zu sein, später auch Stücke die keinerlei Text-Bezug haben mit poetischen Titeln zu versehen – “Long as you know you’re living yours” / “Mortgage on my Soul” / “Follow the crooked Path” / “Human” …

 

Exakt

 

„MODUL, que me veux-tu?“
„MODUL, was willst du mir sagen?“

 

Ich weiß nicht, was Ísland bedeutet. Anders gesagt, ich habe keine Ahnung, was der Kosmos bedeutet. Ich finde Ísland & den Kosmos einfach toll. Ich finde Niks MODULE auch toll – toll, wie eine hinreißende Landschaft.

 

interessant, das meine ich genau, DU kannst entscheiden, DEINE Fantasie ist ebenso wichtig wie das Stück.

 

Geht es überhaupt um Ausdruck in Niks Musik? Oder ist Niks Musik nicht einfach ein kleiner Kosmos im großen Kosmos. You know: ich finde Ísland & den Kosmos & Niks MODULE einfach toll …

 

Finde ich eine adäquate Umschreibung. Natürlich gelten Regeln der Musik auch in meinem Kosmos, aber er hat schon eine eigene Logik und Grammatik.

 

Vielleicht wählt Nik den Titel MODUL, weil damit jeder Hinweis auf eine „Bedeutung“ oder einen „Ausdruck“ unterbleibt.

 
Genau
 

Was sagt Igor Stravinsky? Dies hier:

 

Ich bin der Ansicht, daß die Musik ihrem Wesen nach unfähig ist, irgend etwas ,auszudrücken‘, was es auch sein möge: ein Gefühl, eine Haltung, einen psychologischen Zustand, ein Naturphänomen oder was sonst. Der ,Ausdruck‘ ist nie eine immanente Eigenschaft der Musik gewesen, und auf keine Weise ist ihre Daseinsberechtigung vom ,Ausdruck‘ abhängig. Wenn, wie es fast immer der Fall ist, die Musik etwas auszudrücken scheint, so ist dies Illusion und nicht Wirklichkeit. Es ist nichts als eine äußere Zutat, eine Eigenschaft, die wir der Musik leihen gemäß altem stillschweigend übernommenem Herkommen, und mit der wir sie versehen wie mit einer Etikette, einer Formel — kurz, es ist ein Kleid, das wir aus Gewohnheit und mangelnder Einsicht allmählich mit dem Wesen verwechseln, dem wir es übergezogen haben.
All diese Mißverständnisse entstehen dadurch, daß diese Leute in der Musik immer etwas anderes als Musik finden wollen. Für sie ist es wichtig, zu wissen, was die Musik ausdrückt, was der Komponist wohl gedacht hat, als er sie schrieb. Sie können nicht begreifen, daß die Musik eine Sache ,für sich‘ ist und völlig unabhängig von den Gedanken, die sie in ihnen erweckt. Anders gesagt: die Musik interessiert sie nur, soweit sie an Dinge rührt, die zwar nicht in ihr enthalten sind, die aber bei ihnen gewohnte Gefühle erwecken.

 

Diese Äusserungen kenn ich auch und kann viel damit anfangen. Ich würde aber „den Leuten“ nicht zu nahe treten und jeder Mensch darf in der Musik hören, was er möchte. Toll ist es natürlich, wenn dabei etwas Neues in einem entsteht!

 

Hmm, was richtet Musik bei den Hörenden an? Vielleicht gibt es so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt und gab. Zunächst muss man sich überhaupt von den Klängen angesprochen fühlen, zur Resonanz angeregt werden, d.h. sie überhaupt anhören wollen. Bei mir geht sehr oft „emotionales“ und strukturelles Hören Hand in Hand. Außerdem kann das, was ich zur Zeit gerne und oft höre sich gehörig unterscheiden, etwa

 

– RONIN
– Ravel, Gaspard de la nuit
– Rachmaninoffs 3. Piano Concerto
– Shai Maestro
– Miles Davis, Cellar Door Sessions 1970

 

Am Freitag dürfte die CD Entendre bei mir eintreffen. Aber ich kenne das Album ja schon. Ich finde es ganz wunderbar:

 

klangsinnlich
intellektuell anspruchsvoll
MODUL 55 blickt in die Ferne mit kurzen Einsprengseln, die ich mir auf einer persischen Santur gespielt vorstellen könnte
pianistisch sehr beeindruckend
feine Balance von Strenge und Freiheit
abwechslungsreich

 

Danke für Deine Rückmeldung, wie immer sehr interessant und passend.

 

RHYTHMUS
 

Dass Nik & RONIN sowie weitere Formationen etwas ganz EIGENES erdacht haben, merkt man sofort beim allerersten Höreindruck. Oberflächlich/wenig tief hörend/vereinfacht hält man es für ein „Wesen“ aus dem (Be)Reich der repetitiven Musik, die ja seit den 60er/70er Jahren auch im westlichen Kulturkreis existiert. Nik Bärtschs Konzept beruht auf repetitiven Patterns von unterschiedlicher Länge, deren Überlagerung ein hörend kaum zu durchschauendes irisierendes Ganzes bilden. Ein einzelnes Pattern mag einfach sein. Im Zusammenwirken fordern sie von den Bandmitgliedern höchste Konzentration und Präzision. Erstaunlich finde ich, wie Nik es schafft, Piano Solo diese vertrackten Zeitstrukturen wie es scheint mühelos vorzutragen. Ich gehe davon aus, dass Nik wenigstens anfangs eine klassische Ausbildung am Klavier durchlief, also mit Bach, Beethoven etc.

 

Nicht am Anfang, ich spielte Boogie-Woogie, dann Blues, Jazz, Latin, Gershwin, Bartók, dann Klassik von Bach bis modernste abstrakte Komponisten. Op.27 von Anton Webern auswendig gelernt etc …

 

In der Klassischen Musik (17. bis 19.Jh.) wird man die komplexen Zeitstreckenkombinationen von Niks Kompositionen nie antreffen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein klassisch geschulter Pianist mit der Zeitorganisation von Niks MODULEN überfordert ist, vor allem dann, wenn er die eigentlich einprägsamen Patterns in ihrer irritierenden Verflechtung ohne ein Notenblatt vor Augen darbieten soll. Nik habe ich übrigens nie mit einem Notenblatt erwischt ( Live / YouTube / yourstage.life ).

 

Stimmt haargenau. Im Anhang Notenblätter von 5, 26, 42 (Vienna), 55, 13, 58 gibts nur als Band Versionen, 58 ist quasi eine Improvisation mit den Patterns in dem Modul.

 

MODUL 13
 

Anhand von MODUL 13 möchte ich ein wenig verdeutlichen, was es mit der erwähnten speziellen Zeitgestaltung auf sich hat. MODUL 13 erscheint auf dem neuen Album „Entendre“, liegt aber schon seit 2002 auf dem Album „Hishiryo“ vor. Auf diese ältere Version beziehe ich mich, und zwar auf Episode 2 (3:12 bis 4:03). Auf Vorzeichen habe ich in den Notentexten verzichtet. Es kommen folgende Töne vor: as / ces / es / f / ges

 

 

Dieses Pattern erklingt 8 mal. Es ist 8 + 9 (in summa 17) Zeiteinheiten lang. ’8‘ beginnt mit einer Achtelpause, ’9‘ besteht aus neun Achtelpausen.

 

 

Hier liegen 2 Patterns vor. Das einfache der beiden Patterns ist der orange gezeichnete Cymbal-Klang, der für sich genommen extrem simpel ist: gleichmäßige Impulse im Abstand von 4 Zeiteinheiten. Das zweite Pattern ist in zwei Schichten notiert. Im Notenbeispiel stehen in der oberen Zeile die akzentuierten Töne, darunter die Figuration, welche jeweils mit einem akzentuierten Ton beginnt. Es gibt darin 2 Zeitstrecken:

 

4+4+5 (13 Zeiteinheiten)
4+4+4+4+5 (21 Zeiteinheiten, vollständig sichtbar in Bild 3)

 

 

Im vorhergehenden Notenbeispiel (Bild 2) ist ein wichtiger Ton, ein rhythmischer Impuls ausgelassen. Hier in Bild 3 ist er als blauer Klecks zu sehen. Pattern 1 ist auch dabei. Die „blauen Pulse“ erklingen regelmäßig im Abstand von 2 Zeiteinheiten. Für sich allein genommen ist jedes Pattern alles andere als eine pianistische Herausforderung. Das Zusammenbringen durch einen Solospieler ist jedoch zum Verrücktwerden knifflig. Ob der Cymbalklang per Fußpedal eingebunden wird ???

 

Das Cymbal habe ich danach aufgenommen.

 

Die Patterns umfassen Zeitstrecken, welche der Klassischen Musik des 17./18./19. Jahrhunderts völlig fremd sind, in ihrer simultanen Überlagerung sowieso. Ich frage mich natürlich, ob es für Nik ein langer Weg war, diese herausfordernden Zeitstrukturen zu verinnerlichen. Schaut man ihm beim Spielen zu, dann sieht man souveräne Leichtigkeit. Hört man ihm beim Spielen zu, dann hört man souveräne Leichtigkeit

 

Sehr langes Training. Zyklen, Polyrhythmen und deren Überlagerung mit guter Klangkultur und Lockerheit zu spielen, braucht lange Jahre der Reifung und Vertiefung.

 
Hörbeispiele in comment #1

 
MUSIK und ZAHL

 

Die gesamte 2. Episode ist so strukturiert:


4 4 5
4 4 5
4 4 4 4 5
4 4 5
4 4 4 4 5
4 4 5
4 4 4 4 5
4 4 5
4 4

 

spekulativ

 

8 ( 4+4)
5 ist die Zahl, welche den „quadratischen“ 4er-Puls ins Wanken bringt

 

Die festgestellten Zeiteinheiten 5 / 8 / 13 / 21 repräsentieren Fibonacci-Zahlen. Der Quotient benachbarter Fibonacci-Zahlen nähert sich dem „Goldenen Schnitt“ je weiter fortgeschrittene Fibonacci-Zahlen man wählt (z.B. 89 / 144)

 

2021 26 Feb

Shai Maestro: Human

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Als ich “Human” zum ersten Mal anhörte, ist mir etwas widerfahren, das mir nicht mehr oft widerfährt. Ich war sofort gefangen von der verzaubernden Musik und das Album wurde gleichsam mein täglich Brot. Nicht mehr oft … Früher – ja, wann war das? – war es anders. Jetzt habe ich beschlossen, wieder wie einst lang und tief in ein Album zu tauchen von dem ich spüre, dass viele fortwirkende Kostbarkeiten zu entdecken sind. Danke Shai!


Noch bevor ich den ersten Ton hörte, sprach der Albumtitel zu mir mehr als sonst üblich. “Human” – genau das empfand ich als wir im November 2019 sein Trio in Nürnberg erlebten. Shai hatte noch keine Taste berührt, nur ein paar Worte an die Zuhörer gerichtet … Was für eine wunderbare Ausstrahlung, die dann zu Tönen und Klängen wurde. All das wird bei mir wieder wachgerufen mit dem jüngsten Album. Das Trio ist erweitert zum Quartett. Philip Dizack ist dabei, ein mir unbekannter trumpet player. Er spielt ein Instrument, das durch menschlichen Odem zum Klingen gebracht wird.

 

Dieses Album ist ein ganz besonderes für mich. Wir haben den unglaublichen Trompeter Philip Dizack in unsere Familie aufgenommen, und das hat uns unendlich viele neue Möglichkeiten eröffnet, sowohl auf der Kompositions- als auch auf der Performance-Seite. Philip, Jorge Roeder und Ofri Nehemya haben sich bei diesem Album wirklich selbst übertroffen und das Ergebnis ist etwas, auf das ich sehr stolz bin. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, wieder einmal mit Manfred Eicher zusammenzuarbeiten, dessen Einfluss nicht nur während der Aufnahmen, sondern auch während des Komponierens und Schreibens der neuen Songs zu spüren war, was mindestens ein Jahr dauerte.  

(Shai Maestro)


Mir gefallen alle Stücke des Albums. Mit “The Thief’s Dream” wird Kontinuität zum vorangegangenen Album “The Dream Thief” beschworen. “Mystery and Illusions” ist ein höchst abwechslungsreiches Stück aufgrund seiner formalen Freiheit. Zwei besondere Lieblinge habe ich. “GG” beginnt mit einer Ostinatofigur der sich eine verführerische Melodie zugesellt. Hier scheint kaum improvisiert zu werden, denn Philip und Shai spielen die Melodielinie im unisono, soon they
Follow a Crooked Path … bei Keith Jarrett steht in Klammer (Though It Be Longer) – ich würde hier (And You Will be Surprised) ergänzen. Herrlich die Hommage an Hank Jones und Charlie Haden “Hank and Jones” und an “Ima (For Talma Maestro)”, wohl für seine Mama.

 

2021 20 Feb

mutante F20.2.21

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2021 14 Feb

geradlinigkeitstest

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weite schneefläche
 
 
 

 
 
 

geschlossene augen
 
 
 

 
 
 

einhundert schritte

 
 

2020 24 Dez

Weihnachtsbäume

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Neuerscheinungen des zu Ende gehenden Jahres spielen in meinen Rückblicken keine Rolle, ausgeschlossen sind sie natürlich nicht. In diesem Jahr fehlten mir weitgehend die Live-Eindrücke. Es gab nur zwei Gelegenheiten für mich, die gleichen Aerosole zu atmen, wie die Musiker auf der Bühne. Was ich schon längst weiß, wurde bestätigt. Es gibt nur extrem wenige Tonkonserven, die mir so unter die Haut gehen, wie das bei einem Live-Konzert passieren kann. Deshalb nehme ich The Lost Septet nicht in die Liste auf. Es ruft immerhin die Erinnerung wach an den Auftritt des Septets in München am 17. Oktober 1971.

Meine Liste wird kurz. Aufnahme finden Alben, die ich im vergangenen Jahr entdeckte, Alben, die beinahe die Wirkung eines Livekonzerts auslösen. Interessanterweise überwiegen dabei Editionen mit Klassischer Musik. Mich wundert das nicht. Ich vertrete seit Jahrzehnten die an diesem Ort eher singuläre Ansicht, dass man etwas versäumt, wenn man Klassische Musik links oder rechts, oben oder unten liegen lässt.

 
 
Lucas Debargue – Klavier

 

 

 

 

Scarlatti · Chopin · Liszt · Ravel

 

Unter den Live eingespielten Werken befindet sich Maurice Ravels wunderbar poetisches, düsteres und groteskes Meisterwerk Gaspard de la nuit und vier köstliche Pralinen aus Domenico Scarlattis riesiger Sammlung. 555 Sonaten sind überliefert. Lucas Debargue hat 52 davon auf einer 4-CD-Box im Jahr 2019 eingespielt. Davon nasche ich hin und wieder.

 

Miles Davis – Trompete & Bandleader

 

 

 

 

THE CELLAR DOOR SESSIONS 1970

 

 

Das 50th Anniversary Album existiert nur in meiner Phantasie. Zu gegebener Zeit wird an diesem Ort mehr davon erscheinen. Es ist jene Band von Miles Davis, die dem sog. LOST SEPTET vorausging. Das Album ist also verwachsen mit meinem Erlebnis vom 17. Oktober 1971. Vor Jahren kaufte ich in Form eines Downloads die veröffentlichten Sets jener vier denkwürdigen Abende kurz vor Weihnachten 1970 aus dem Club in Washington – eine amputierte Edition. Ich habe nachgeholt, was ich vor langer Zeit versäumt habe. Jetzt besitze ich die 6-CD-Box mit der großartigen Dokumentation, die nicht nur reich bebildert ist, sondern in der alle Musiker – der wortkarge Miles Davis selbstverständlich ausgenommen – sich an diese verrückten Tage erinnern. 35 Jahre später.

 

 

Daniil Trifonov – Klavier
 
 

 

 

SILVER AGE – Scriabin · Stravinsky · Prokofiev

 

 

Aufgrund glücklicher Umstände konnte ich Trifonov live in Bayreuth hören. So liegt auch hier eine Verknüpfung mit einer unmittelbaren Wahrnehmung vor, bei der sich zeigte, dass nicht nur Töne die Musik machen, sondern auch die Körpersprache, die Mimik, die Schweißtropfen. Ich werde nie vergessen, wie letztes Jahr im November Shai Maestro den Abend mit seinem Trio begann. Ein paar schlichte Quintklänge würden mich von CD abgehört recht unbewegt lassen. Aber zu sehen, wie Shai diesen einfachen Schwingungen nachlauscht, sie etwas ganz Besonderes für ihn sind in ihrem Reichtum an Obertönen, die aus einem Instrument strömen, das zu erobern er sich gerade anschickt, machte mir Gänsehaut und mehr.

Ich wollte ja von Daniil sprechen. Auf der Doppel-CD sind zwei Werke, die ich seit Teenager-Zeiten ganz besonders liebe. Sergei Prokofievs 8. Klaviersonate konnte ich schon im Jahr 2019 in einer atemberaubenden Live-Performance Trifonovs sehen und hören, allerdings nicht so, dass ich die gleiche Luft atmete wie der Pianist. Ich habe die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker gebucht. Das Album enthält auch Stravinskys Trois mouvements de Petrouchka in einer unübertrefflichen Interpretation. Hmm, BUDAPEST kann da nicht mithalten.

 

Da beginnt jemand im Alter von 3 Jahren mit dem Klavierspiel und wird zu einem der bedeutendsten Musiker, nicht nur der Gegenwart. 70 Jahre später ist es vorbei damit. Unvorstellbar, was es für ihn bedeutet, ohne seinen vielleicht wichtigsten Lebensinhalt weiterzuleben. Auftritte vor Publikum dürften wohl nicht mehr stattfinden, und man kann nur wünschen, dass ganz privat, im engsten Kreis, vielleicht nur in Zwiesprache mit sich selbst das Musik-Erschaffen möglich ist.

 

From July 2018 until this past May, he made sporadic use of its piano room, playing some right-handed counterpoint. “I was trying to pretend that I was Bach with one hand,” he said. “But that was just toying with something.” When he tried to play some familiar bebop tunes in his home studio recently, he discovered he had forgotten them.

New York Times

 

Als Anfang 2018 bei www.keithjarrett.org zu lesen war, dass die beiden Konzerte des Jahres 2018 (New York im Frühjahr, Venedig im Herbst) „due to recent health issues“ ausfallen & NICHT nachgeholt würden, fiel mir Oscar Peterson ein, der von einem Schlaganfall betroffen war, sich aber einigermaßen erholen konnte. ECM ließ nichts verlauten. Es gab nicht das geringste Gerücht zum Gesundheitszustand Keith Jarretts. Ich stellte mir vor, dass ihm das Gleiche widerfahren sein könnte wie Peterson. Am 21. Oktober hat Keith Jarrett in der NYT die gesundheitlichen Probleme offenbart. Es ist denkbar, dass dies angesichts der Veröffentlichung von BUDAPEST CONCERT am 30. Oktober geschah.

 

Im Jahr 2016 spielte Keith Jarrett bei seiner letzten Europa-Tournee 5 Solokonzerte. Das erste fand in Budapest statt, das letzte in München (veröffentlicht am 01. November 2019 – ECM 2667). München dürfte der vorletzte Live-Auftritt von Keith Jarrett gewesen sein.

 
 


 
 

MUNICH 2016 – ich war am 16. Juli im Gasteig live dabei. Zum ersten Mal hörte und sah ich Keith Jarrett am 17. Oktober 1971 in Miles‘ sog. LOST SEPTET Fender piano & organ traktieren. Schon 2 Jahre zuvor hat er mich verzaubert als Pianist des Charles-Lloyd-Quartets. Kein Musiker der Welt, weder Monteverdi, Bach, Beethoven, Brahms, Stravinsky ist mir näher gekommen als Jarrett. Am 18. Januar 1975 haben wir im Hotel Sonne zusammen gefrühstückt.

BUDAPEST 2016 – Thom Jureks Anmerkungen bei Roon enden mit diesem Satz:

 

Jarrett regards this as his current „gold standard“ for live improvisation, and given its reach and focus, it’s difficult to argue with him — especially now.

 

Wenn ein Künstler seine „Taten“veröffentlicht, dann gibt er sie in gewisser Weise aus der Hand. Sie gehören ihm nur noch teilweise. Auch wenn er darunter leidet, vielleicht sogar korrigierend einschreitet … er hat nicht mehr die Macht über das Schicksal seines Werks. Im schlimmsten Fall wird es gar nicht wahrgenommen, im schlimmen Fall wird es abgelehnt und vergessen. Das ist Jarrett nicht passiert und dazu wird es nicht kommen – unvorstellbar, auch wenn die eine oder andere Kritik an seinem Œuvre laut geworden ist. Wir kennen die Geschichte um das Köln Concert. Ich meine nicht die Umstände, die das Kölner Konzert beinahe verhindert hätten. Ich meine dies:

 

SPIEGEL (Klaus Umbach):
Mr. Jarrett, Ihr berühmtes „Köln Concert“ ist mittlerweile ein Super-Hit der Plattenbranche. Sind Sie darauf stolz?

JARRETT:
Nein, man sollte alle die Aufnahmen einstampfen.
 

Das Publikum hat das Köln Concert in Besitz genommen, Keith hat seine eigene Meinung dazu. Jarrett hat sicher immer eine Meinung zu seinen Auftritten. Viele dürften konträr zu den Empfindungen der Hörer sein. Als ich am 17. Januar 1975 im Hotel Sonne mit Keith die Treppe in den 1. Stock hoch ging, fragte ich, wie er sein Spiel fand. „It wasn’t good for me, but I think for the audience.“ Tja, manche Sätze merk ich mir bis zum Lebensende.

Es ist vollkommen unproblematisch, zu äußern, ob man von einem Eindruck bewegt ist oder nicht. Problematisch ist es eher, ein Opus zu bewerten – in diesem Fall BUDAPEST. Da gibt es gewisse Hürden, aber auch Gewohnheiten, von denen ich einige nennen möchte.

Jarrett ist pianistisch, spieltechnisch auf allerhöchstem Niveau. Er hat längst überbordende Kreativität bewiesen. Mir ist kein Pianist von vergleichbarer Weitläufigkeit bekannt. Jarrett ist Improvisator, kein „Schreibtischtäter“, der tüfteln, verwerfen, überlegen und verbessern kann. Er kann nichts zurücknehmen, jedenfalls nicht im Live Konzert. Er kann natürlich die Veröffentlichung auf Tonträger untersagen. Jarrett hat einen Ruhm erspielt, der ihm eine ergebene Hörergemeinde garantiert. Ich erwarte – jedenfalls in den Amazonrezensionen – vorwiegend hohe Bewertungen. Ist der Ruhm erst etabliert, huldigt man ganz ungeniert.

 

BUDAPEST ist ein Album, das ich nicht oft anhören werde. Es spricht mich nicht in derart umwerfendem Maße an wie die Alben aus den 60er und 70er Jahren, jenen Jahrzehnten, in denen Jarrett immer überraschen konnte. Ich erlaube mir dieses Urteil:

Seit den 80er Jahren hat sich Jarrett eingeschränkt auf Solokonzerte und das Standards-Trio. Das Komponieren so pfiffiger Themen wie „The Windup“, „Mortgage on My Soul“ und viele mehr hat er anscheinend eingestellt. Es ist ein gewisser Schematismus eingekehrt, der natürlich keine traumhaften Momente ausschließt, den ich in seinen späten Solokonzerten ebenfalls entdecke.

BUDAPEST und MUNICH sind sich recht ähnlich. Wie einige Vorgänger beginnen beide mit einem langatmigen, sperrigen Impromptu. Budapest Part I zugute halten kann ich eine gewisse Einheitlichkeit im Formalen (Harmonik, Figuration, Andeutung motivischer Arbeit), in der zweiten Hälfte durchsetzt mit neuen musikalischen Ideen. Es bewegt mich aber nicht, es sind viele Töne ohne Wirkung. Bei allem Respekt, for me this is strumming at the highest pianistic level.

Set 1 (Part I bis Part IV) ist harte Kost für die Hörer. Mit Jazz hat es nichts zu tun. Das muss auch nicht sein. Es ist näher an klassischer Klaviermusik des 20. Jahrhunderts. Dann doch lieber Prokofievs Klaviersonaten – vor allem Nos. 6, 7 und No. 8 – oder Messiaens Vingt Regards und György Ligetis Etüden. Das haut mich immer wieder vom Hocker.

Set 2 (Part V bis XII) ist im Wesentlichen konzilianter. So gesagt, heißt die melodisch ansprechendere zweite Hälfte auch Gelegenheitshörer willkommen. Wunderbar sind wieder die Encores. Nicht dass sie sensationell Neues bieten. Sie sind wie ein guter Wein, der großen Genuss bietet, jedesmal, wenn man ihn einschenkt.

2020 26 Okt

Musikwissenschaft

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Ich finde, dass jeder Politiker, insbesondere Söder, ein abgeschlossenes Musikwissenschaftsstudium nachweisen muss, bevor er Berufspolitiker wird.

Es treiben zu viele Juristen ihr Wesen in diesem Metier.
 
 

 
 
 Hier kann man dem Vortrag eines Musikwissenschaftlers zuhören
 


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