Manafonistas

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2024 29 Mai

Das Leben ist neu

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Voller Erwartung lege ich die für zweihundert Euro günstig erworbene Edelvinylscheibe eines bekannten Jazzpianisten auf meinen Plattenteller, öffne dazu einen Jahrzehnte alten Vino Tintoretto und „fresse dazu Marzipan“ (Wilhelm Genazino). Okay, ganz so stilvoll ist es nicht und der Pianoplayer kommt per Streaming rüber: willkommen in den Niederungen der Alltagsbanalitäten. Erstaunlicherweise stelle ich da fest, dass das virtuose Spieluhrgeklimpere mir ein Gefühl von Langeweile und Gefangensein vermittelt. Ich suche nach frischen Impulsen, die aufmunternd sind. Bei der Gelegenheit ein Loblied auf das Streaming generell: Der Pilgergeist vergangener Tage beim Durchstöbern der Plattenläden hatte seinen Reiz, doch diese technisch-digitale Möglichkeit unmittelbarer Verfügbarkeit bietet neue Muster der Rezeption, die sich durch Rituale zudem gut strukturieren lassen. Beispielsweise kann man den Werdegang eines Künstlers sich stückweise erschliessen. Sind es beim Wandern die Ortskenntnisse, so sind hier Namenskenntnisse erforderlich. Was will ich hören, welche Spur verfolgen? Gebe ich etwa „Tyshawn Sorey“ in die Suchleiste ein, werde ich eigentlich immer fündig. Solche Musiker haben mein Urvertrauen: wo sie dabei sind, ist es gut. Erstmals auffällig wurde mir der Schlagzeuger und Pianist auf einem Album von Steve Coleman, wo er im Zusammenspiel mit dem Bassisten Thomas Morgan einen enorm kraftvollen Grundbeat hinzauberte. Auf dem Album Archaisms II nun findet sich eine wunderbare Melange aus Jazz, Weltmusikschnipseln, Zen-Geist, Perkussion (Reminiszenzen an Nana Vasconcelos), Neuer Musik, die in ihrem eruptiven Gestus an Wolfgang Rihm erinnert, ohne jenes elitäre Milieu der Klassik zu evozieren, das mir gehörig auf den Geist geht (hab’s nicht so mit Wagner, Bruckner läuft auch eher nebenher). Eine Entdeckung auch: die italienische Pianistin Simona Premazzi. Sparsam lyrische und liedhafte Elemente verweben sich mit einer gehörigen Portion aus kinetischem, freiem Spiel. Die tonnenschwere Wucht des Flügels, man darf sie spüren. Deshalb mag ich auch den Pianisten Vijay Iyer. „Jetzt bloss nicht lyrisch werden!“ mag man rufen. Bleib dabei und sei das freie Ei. „Jetzt bloss nicht albern werden!“ ermahne ich mich selbst und kriege knapp die Kurve, das Themenfeld nicht zu verlassen. Von Melissa Aldana wollte ich nämlich noch erzählen: ich hörte nun alle ihre Alben in den letzten Tagen. Wäre es nur ihre aparte Erscheinung, die mich an eine grosse Jugendliebe erinnert, käme erneut das Vergangenheitsselige ins Spiel. Nein, ihre teilweise sehr zurückgenommenen Töne werden sanft ins Hier und Jetzt geflüstert. Sie täuschen, denn hinter diesem Understatement verbirgt sich Wunderkindcharakter. It runs in the family: Die chilenische Musikerin spielt das Tenorsaxophon ihres Grossvaters und im Alter von sechs Jahren bat sie ihren Vater, ebenfalls ein Saxofonist, ihr ein Charlie Parker Solo zu transkribieren. Das sind so die Stories am Rande, sie garnieren ein Interesse, das zentral bleibt: die Lust am Hören von neuer Musik.

 

2024 28 Mai

Die Rückkehr der Namen

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Ein Eintauchen in einen dunklen Hohlraum ist immer ein Erlebnis von Regression, begleitet von wahlweise Geborgenheit oder Beklemmung und Unheimlichkeit. Die Wände weisen eine seltsame Textur auf, eine Art Landschaft, wie Städte auf Hügeln oder Dünen. Bei näherem Besehen sind es Ahnentafeln, Stammbäume, Namen – untereinander verbunden, ein Netz gegenseitiger Bezogenheit, das den Eindringling umspannt und umzingelt, plötzlich scheinen die Tafeln ihn anzublicken. Es ist ein Raum der Toten, den wir betreten – was haben wir hier zu suchen?

Es sind die Namen von Tausenden von Aborigines – in jahrelanger Kleinarbeit vom indigenen Künstler Archie Moore – mit dem eigenen Stammbaum beginnend – den Archiven entnommen und an die Wand gemalt. Nun umgeben sie den Zuschauer wie ein aufgespanntes Netz, schauen ihn ihrerseits an, ziehen sich über die Decke wie ein Sternenhimmel. In der Mitte ein Teich, stehendes Wasser, der Betrachter spiegelt sich darin, wird Teil des Systems. In der Mitte des Teichs ein Tisch mit Gerichtsurteilen, Behördenvorgängen, Dokumenten, Todesurteilen an Indigenen, systematische Ausmerzung einer 60 000 Jahre alten Kultur.

Auch wenn anhand der Fülle der Namen der Verdacht entsteht, dass der Künstler hier einiges gefaked hat (schliesslich wird’s kaum einer nachzählen), wirkt die Installation – man fühlt sich wie auf einer Anklagebank, von Tausenden von Augen beobachtet, ähnlich wie beim Herumirren zwischen den Stelen der Berliner Holocaust-Gedenkstätte. „Totemisch“ nannte es ein Rezensent – ein Wort das auf magische Praktiken und Symbolisierungen zurückweist, trotzdem seltsam fremd bleibt, so wie der Betrachter fremd bleibt in diesem Netz von Zugehörigkeiten, das für ihn nicht begehbar ist. Eine reizvolle Umkehrung des Biennale-Themas „Foreigners everywhere“.

Ein kurzer Anflug von Paranoia, dem Gefühl von Bedrohtsein durch rächende Untote, in den Stein gebannte Seelen. Man verlässt den Raum wieder, er ist schwer zu ertragen. Opfer müssen Gesichter bekommen – oder zumindest Namen – wie bei der Kundgebung „Die Rückkehr der Namen“ in München.

 

 

 

 

Ein Lehrer, der in der Schule einem Amokschützen gegenüberstand, sagte zu ihm: Erschiess mich, aber sieh mir dabei in die Augen! Er hat überlebt.

 

Quelle: Kith and Kin von Archie Moore, Biennale Venedig 2024.

 

 

 

 

 
 

… und ein ikonischer Blick …

 

2024 21 Mai

Der Sprung in den anderen

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Wer oder was blickt uns hier an?

Ein Ziegenbock? Der Teufel? Ein Hybridwesen – weder der einen noch der anderen Welt so ganz angehörig? Und wie wirkt der Blick auf uns? Wie der Blick eines Menschen, der sich noch an einen Vorsprung klammert, während die Beine schon den Halt über dem Abgrund verloren haben. Der noch nicht weiss, ob er sich festhalten will oder lieber loslässt, aber mit den Augen eine letzte Botschaft hinterlassen will. Eine kaum erträgliche Intensität, die fast schmerzt. Was würde er als letztes noch sagen wollen? Soll der Blick festhalten, wenn die Hände schon losgelassen haben? Er scheint sich in die Augen des anderen bohren zu wollen. Erst wenn ich gesehen werde, weiss ich dass ich bin. Erst wenn ich in einem anderen lebendig werde, weiss ich dass ich lebendig bin. Ein Fluch, den anderen so sehr zu brauchen.

Ein Blick wie ein Sprung in den anderen.

 

 

 

Quelle: Anonymer Maler, um 1926. Prinzhorn Sammlung „Bildnerei der Geisteskranken“, Heidelberg

 

2024 19 Mai

Opus

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Stille. Der schwarze Yamaha-Flügel steht verlassen da, davor ein leerer Klavierhocker und eine Stehlampe, die jetzt ins Leere strahlt. Gerade eben bewegten sich noch die Tasten des Flügels wie von Geisterhand bewegt, ohne Spieler, aber das Spiel geht weiter. Das letzte Konzert, leise und sehr intim. Nicht mehr vor anwesendem Publikum, denn dafür hätte die Kraft nicht mehr gereicht. Schwarz-weiß, ein Spiel mit Licht und Schatten, mit Perspektiven und Reflexionen auf der blanken Oberfläche des Konzertflügels, eine große Diskretion und eine Liebe zum Detail, der den Pianisten noch einmal ganz nahe heranholt. Die hagere Gestalt, die konzentrierten bis angestrengten Gesichtszüge, ganz fein und die großen Augen hinter der Brille. Die Hände, die zwischen den Stücken in fragile Gesten fließen. Die Hände, die in geübten Bewegungen über die Tasten gleiten, mit dem scheinbar geringsten Aufwand die bekannten Stücke spielen. Impressionistisch, manchmal ganz ruhig romantisch mit feinen japanischen Untertönen, so verschieden die Stücke aus allen verschiedenen Schaffensphasen einmal gewesen sind, so ähnlich sind sie nun bei dem leisen Finale, formal verhalten und auf eine sehr subtile Ebene gebracht. Man spürt das Abschiednehmen, das Andächtige, das, was es noch zu sagen gäbe. Man sieht das Scheitern, wenn die Konzentration einbricht, die Müdigkeit den Pianisten einholt, er die Brille absetzt, sich vorsichtig über das Gesicht streicht, man sieht die leise Freude wenn eine Passage gelingt. Vielleicht wäre diese Nähe, diese leise Intimität nie möglich geworden, wenn nicht der Sohn des Pianisten, Neo Sora, die Regie geführt hätte, seinem Vater in diesem Film ein künstlerisches Denkmal gesetzt hätte. Ryuichi Sakamoto starb am 28. März 2023 und mit diesem Film gelang es mir wirklich Abschied von einem Musiker, der mich Jahrzehnte meines Lebens begleitet hat, zu nehmen. Danke!

 
 
 

 
 
 
Playlist:
 

  • Lack of Love
  • BB
  • Andata
  • Solitude
  • for Johann
  • Aubade 2020
  • Ichimei – small happiness
  • Miau no Naka no Bagatelle
  • Bibo no Aozora
  • Aqua
  • Too Pong
  • The Wuthering heights
  • 20220302 – sarabande
  • The Sheltering Sky
  • 20180219 (w/prepared piano)
  • The Last Emperor
  • Trioon
  • Happy End
  • Merry Christmas Mr. Lawrence
  • Opus – ending

 

 

Ein Diskurs über Aliens ist auch immer ein Diskurs über Fremdheit – im allerweitesten Sinn – und der Alien dann sozusagen die Inkarnation des Fremden: Er entstammt nicht der Erde, sieht anders aus, ernährt sich anders und verfügt über eine völlig andere Biologie und Chemie. Mit der Sprachverständigung hapert es auch immer gewaltig. (Und – unschwer zu bemerken – anscheinend ist er immer männlich). Von daher ist er für uns schwer lesbar und an der Freundlichkeit seiner Gesinnung könnten zu Recht auch einige Zweifel bestehen.

Damit bildet er reichlich Freiraum für Projektionen, zu denen der Mensch greift, wenn er einer leeren Fläche begegnet und damit nun einmal zwangsläufig sich selbst – denn einen horror vacui tragen wir in uns – das Unbekannte darf nicht unbekannt bleiben, da füllen sich Hohlräume sofort mit Eigenem, das heisst es wird fröhlich drauflosprojiziert – dem Fremden und uns zum Schaden. Robinson meets Freitag und macht ihn sofort zu seinem Bediensteten nachdem er seine gesamte Verwandtschaft um die Ecke gebracht hat, ja so hätte mans gern, das war unsere Jugendliteratur. Im Horrorgenre tummeln sich Halbwesen – halb Mensch, halb Tier, halb lebendig, halb tot (Werwölfe, Dämonen, Zombies) als Synthese von Mensch und Natur, im Sci-Fi haben wir es mit Mischwesen von Mensch und Technik zu tun.

Wann ist dieser Fremdling denn nun geboren? Zunächst war er ein Geschöpf der Literatur.

Jules Verne und Mary Shelley eröffneten den Reigen im frühen 19. Jahrhundert und Isaak Asimov im 20., die sich mit kühnen Erfindungen, künstlich geschaffenen Geschöpfen und ungewöhnlichen Reisen beschäftigten, sich aber freilich noch nicht in den Weltraum wagten.

Die Entwicklung des frühen Kinos und seiner technischen Potentiale ermöglichten aber bald, uns unsere kosmischen Mitbewohner auszudenken, wenn auch nur innerhalb eng gezogener Grenzen, die eine noch unentwickelte visuelle Technik setzte. Trotzdem gelang die Kreation einer neuen Bildsprache – wer kennt nicht die missgestimmte Mondscheibe der Brüder Lumière, der man 1902 eine Rakete ins Auge gerammt hatte? Womit die Raumfahrt bereits zu Anfang als grenzverletzende Aktion einer hybriden Menschheit andefiniert wäre, die niemand in Ruhe sein Leben leben lassen kann – und so wie es losgeht, geht’s bekanntlich ja auch immer weiter und meistens dann ins Auge.

 
 

 
 

Die Morphologie der Aliens bleibt über die folgenden Jahrzehnte hin relativ konstant und phantasiearm – echsenartige oder reptiloide Wesen oder gleich überhaupt Roboterblechmännchen. Beiden gemeinsam ist die Anmutung von Kälte und Härte – der Metallmantel des Roboters, der Schuppenpanzer der kaltblütlerischen Reptile und Insekten und in beiden Fällen ihre Unfähigkeit zum mimischen Ausdruck, den der Mensch nutzen könnte um sich zu orientieren und Beziehung herzustellen. Der fehlt hier, dergleichen assoziieren wir schnell mit Unmenschlichkeit im Sinne von Grausamkeit – als wäre alles Nichtmenschliche grausam – das wirklich Grausame daran sind dann aber eher unsere Zuschreibungen. Aliens sind folglich kalte, ungerührte, unangenehme Zeitgenossen, schwer bis gar nicht berechenbar und ein Grund für den Erdling sofort nach der Pistole zu tasten. Damit wäre die Arena erstmal bereitet.

 
 

 
 

Die Roboter – vor allem wenn sie in Massen auftreten – eignen sich daneben auch als Zerrbild des willenlosen und gesichtslosen Arbeitssklaven, ein Typus dem man dem Sowjetkommunismus zuordnete und womit Vermassung und Verlust der Individualität konnotiert wurde, der man aber andererseits in den eigenen Produktionsstätten des frühkapitalistischen Amerika wieder begegnete, auch beängstigende Entwicklungen und ein Beispiel dafür dass etwas prompt übers Kellerfenster wieder hereinkommt, wenn man es von weiland McCarthy zur Haustüre hinausschmeissen hat lassen. Kollektivbildende Ideologie macht was mit dem amerikanischen Einzelkämpferpionier, dem seine Unverwechselbarkeit heilig ist und der seine Probleme auch als Raumschiffkommandant gelegentlich noch gern mit einem Faustschlag löst – klar, seinen Neocortex hat er outgesourct und in Mr. Spock hineinverlagert als seine ständige externe Festplatte – der ist dann für intelligente Konfliktlösung zuständig – eine Spaltung der ein gewisser filmischer Charme durchaus eigen ist.

Und interessant, dass zu Pandemie-Zeiten die Theorie der Reptiloiden wieder fröhlich aufgekocht wurde, sogar Merkel wurde dahingehend verdächtigt – naja, warum auch grad die nicht? Jede globale Bedrohung kreiert ihre eigenen Aliens – ich bin gespannt was der Ukrainekrieg für Kinder zeitigt; die neueren Sci-Fi-Produktionen zeigen jedenfalls noch keine wesentlich neue Variante der Bedrohungsvielfalt, vielleicht kommts ja noch – ich werde berichten.

Von 1902 bis zur Post-Nine Eleven-Ära waren Entwicklungslinien der Alien-Thematik zu verfolgen, danach geht es in der Fülle der Produktionen zum Thema reichlich durcheinander, kaum möglich hier noch eine Struktur, einen spezifischen Bedrohungstypus zu sehen und gesellschaftliche Bezüge zu finden.

Die Ära, die diese Geschöpfe dann wirklich filmisch zum Leben erweckte, war die Zeit des Kalten Krieges: Die Welt war nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem Sieg der Alliierten in zwei verfeindete Machtblöcke zerfallen, die sich fürchteten und fürs erste misstrauisch beäugten. Hinzukam die Entwicklung der Atombombe – die Menschheit besass nun das Potential den Planeten sogar mehrfach und in toto in die Luft zu sprengen. Dergleichen muss verdaut und verstoffwechselt werden wenn es einem nicht auf ewig im Magen liegenbleiben soll: Der amerikanische Science Fiction ist eine bunte Nummernrevue dieser Metaboliten.

In den Jahren 1940 bis 1960 wurden zahllose „Invasionsfilme“ gedreht: In Massen auftretende gesichtslose Aliens landeten in mehr oder weniger phantasievoll gestalteten Raumschiffen auf der Erde und bedrohten die Menschheit mit phallischen Waffen, aus denen tödliche Strahlen heraus ejakulierten – ein symbolisiertes, mörderisches und beängstigendes Bogenpinkeln der Grossmächte, das eine paranoide Grundstimmung erzeugte. In einem Hörspiel initiiert von Orson Welles „Der Krieg der Welten“, nach einem Roman gleichen Namens von H.G. Wells, gerieten Menschenmassen in Aufruhr und versuchten über die Highways zu flüchten, weil sie die Landung der Aliens in Form einer Live-Schaltung für Realität hielten. Die Cops hatten zu tun. Das war bereits 1938, als sich die Welt begann, auf Kriegshandlungen einzustimmen und Hitler in Österreich einmarschierte, in den Staaten der Kampf zwischen Republikanern und Demokraten erneut ausgefochten wurde, vermehrt jüdische Flüchtlinge immigrierten und Roosevelts Politik des New Deal und seiner Sozialreformen auch nicht bei allen Gefallen fand und auch die Stellung der farbigen Bevölkerung neu geregelt werden musste – wer über der gestalte Ängste vor letzteren etwas lernen möchte, gucke kurz in King Kong (1939) rein.

In den Jahren nach 1945 starteten beide Grossmächte ihre jeweiligen Weltraumprogramme. In diesen Jahren nahm die Zahl der gemeldeten UFO-Sichtungen in den Staaten zu, parallel dazu auch die Zahl der Invasionsfilme; das politische Feindbild scheint sich im kollektiven Unbewussten – ja, das gibt’s, da machste nix dran – endgültig mit dem Bild des exterristrischen Eindringlings legiert zu haben. Als Russland dann als erster 1957 den Sputnik in den Weltraum schickte, wurden in den Tagen danach der NASA 261 Ufosichtungen von wachsamen US-Bürgern gemeldet wobei somit eine ganze Nation am Rande der Kollektivpsychose stand, und das schafften die damals sogar noch, ohne den blonden Schreihals mit dem toten Frettchen auf dem Kopf.

Politische Feinde haben sich zu jeder Zeit im Kriegsfall nicht nur des fremden Bodens bemächtigt, sondern auch der Frauen, deren Körper zu allen Zeiten als willkommene Kriegsbeute umdefiniert und benutzt wurde – auch eine atavistische Möglichkeit die eigenen Gene weiter zu verstreuen, ein zweiter Sieg, der dem ersten noch nachgeschoben werden konnte als überdauernde Inbesitznahme – und so entstand eine dazugehörige erotische Ikonographie im sadomasochistischen Modus: Das Monster trägt in den Armen meist eine Frau, wahlweise ohnmächtig hingegeben und willenlos oder wild kreischend – die Figur hiess damals „screaming lady“, ein Archetypus des Hollywoodkinos – das zumindest in einer Zeit als die Frauen noch lieber kreischten als – etwa ab 1980 – selbst zur Laserkanone griffen und die Lage klärten.

 
 

 
 

In der legendären Szene aus King Kong machte die filigrane Fay Wray, an 2 Strippen aufgehängt – deutlich mehr Krach als der herantrampelnde 30m-Gorilla. Den Soundtrack hab ich heut noch im Ohr, dieses wummernde Stakkato, das dann später für den weissen Hai und den Terminator abgekupfert wurde mit überlagertem Faywraygeschrei. Wobei King Kong nun kein Alien ist, sondern eher das Zerrbild des urtümlichen Wilden, dem man eine gesteigerte Manneskraft zuzubilligen scheint – hat ja auch Frau Thurn und Taxis schon angemerkt, dass der Schwarze gern schnackselt, vermutlich hat sie’s selbst ausprobiert.

Darum musste King Kong auch sterben, nachdem er auf den amerikanischen Riesenphallus geklettert war – Technik überwältigt Natur und unsere smarten all-american Boys mit ihren Ballermännern schaffen alles und der grosse Pimmel gehört wieder uns – jaja, wir haben den Schuss gehört. Und die schöne Frau wird von einem dieser Jungs vom Turm geklaubt, findet ein sicheres Unterkommen und darf ihr künftiges Dasein Familienversorgungsbanalitäten widmen und sich fragen ob sie im Urwald nicht doch ein spannenderes Leben gehabt hätte.

 
 

 
 

Summasummarum ist bei diesem ganzen Genre reichlich sadomasochistische Heteroerotik im Spiel und Frauenerschrecken scheint halt doch allzuvielen XY-Ownern verdammt viel Spass zu machen. Und wer’s selbst nicht schafft guckt sich’s wenigstens an. Aber ich schweife ab …

Auch die nun entwickelte Atombombe fand ihren Widerhall in den Filmproduktionen dieser Zeit – durch radioaktiven Niederschlag mutierte Riesenviecher, wahlweise Mörderspinnen, Killerbienen, Riesenechsen machten zusehends der Menschheit zu schaffen and a hard rain s‘ a gonna fall – und gelegentlich entstanden sogar recht vernünftige Filme mit einer mahnenden Grundaussage, das Kriegspielen nicht zu übertreiben. Der 1951 abgedrehte Streifen „Der Tag an dem die Erde stillstand“ kehrte sich nicht an das Muster der Invasionsfilme, sondern sandte einen menschlich aussehenden, natürlich dann auch nach herkömmlichen Hollywoodkriterien gutaussehenden Alien mit Schmalztolle, beschützt von seinem Roboter, auf die Erde um zu friedlichem Verhalten zu mahnen. Der mit einfachsten Mitteln gedrehte Schwarzweiss-Streifen schaffte es durch einen in Alu gepackten 2,20 m grossen Schauspieler sowie durch geschickte Kameraeinstellungen und Beleuchtungseffekte, eine ungewohnte Magie und wohligen Grusel zu erzeugen, so dass das schlichte Filmchen glatt ein cineastisches Genusserlebnis wurde. Natürlich konnte der Roboter mit Blicken töten und wenn er sein Visier hochfuhr, drohte ein todbringender Laserstrahl, aber nur auf Kommando von Herrchen. Man könnte, wenn man wollte, aber noch funktioniert die steuernde Vernunft – zumindest im Film und seiner Botschaft. Und so ging der Alien umher wie Diogenes mit der Lampe um einen guten Menschen zu finden – fand ihn in Gestalt einer hübschen Witwe mit Söhnchen (Stichwort Vaterlosigkeit!). Auf jeden Fall sehenswert.

 
 

 
 

Das Rebooting 2008 kann man sich – wie die meisten Sequels – sparen, Keanu Reeves vielleicht mal ausgenommen – jede Menge virtuelle Mätzchen ohne einen Funken Spannung, vor allem für den Sci-Fi-Conaisseur, der die Handlung und pädagogische message schon kennt.

Und zu Ende des Kalten Krieges in den aufatmenden Siebzigern wurden die Aliens – Überraschung!!! – zusehends freundlicher. Die wollten lediglich frisch gepressten Katzensaft oder permanent nach Hause telefonieren, sagten nach jedem Kinnhaken „Nimm das, Du räudiger Jedi!“ (Star-Wars- Ignoranten bitte hier googeln) oder trugen Barbarella auf Engelsflügeln ebenso sanft wie sinnfrei in der Gegend herum. Verspielt, handhabbar, gutartig, witzig, Gefährten für vaterlose Kinder – die Revolte gegen die Väter und deren Absetzung erzeugte eine Generation von neuen Vätern und Aliens. Der Film-Alien trifft oft auf vaterlose Familien – honi soit – da könnte man jetzt auch einiges drüber sinnieren, warum das so ist. Am Ende hat das Ganze auch etwas mit Vatersehnsucht in einer vaterlosen Gesellschaft zu tun? Und drohenden, kastrierenden Vaterfiguren? Aber man soll bei der Analyse der Mythen des Horrorgenres nicht zwangsläufig den Mythen der Psychoanalyse folgen, vor allem nicht der klassischen.

 
 

 
 

Aber ich hab’s mal ausprobiert und meine Praxiskinder eine Zeichnung über „Meine Begegnung mit einem Alien“ malen lassen – es ergaben sich schon deutliche Ähnlichkeiten mit der Gestaltung der Vaterbeziehung.

 
 

 
 

In den 80ern brachen die Frauen als kämpfende Amazonen in diese Idylle ein (Alien, 1980, Ridley Scott) – klar, nach 10 Jahren Feminismus – und bekamen natürlich ihre Prügel und danach mutierten die Monster wieder zu oral aggressiven Zeitgenossen, die uns am liebsten ausgesaugt oder komplett gefressen hätten, weil die Ressourcen auf ihrem Heimatplaneten ausgeschöpft waren (Krieg der Welten, 2005, der auch das politische Motiv der IS-Schläfer zitiert). Passend zu einer Zeit in der die Menschheit begann sich verstärkt damit auseinanderzusetzen, dass ihr wohl langsam doch der Saft ausgeht. Dabei wäre es kurzschlüssig, die globalen Migrantenströme als moderne Alieninvasionen zu markieren (District 9, 2009), sondern besser darüber nachzusinnen, wer der eigentliche Alien ist, der die 3. und 4. Welt ihrer letzten Ressourcen beraubt und sie zum Ausgleich zumüllt – ein ebenso zynischer wie desaströser und zyklischer Verdauungsvorgang, der wiederum neue Aliens geriert, die in unsere Grenzen einbrechen und schlicht mitessen wollen – what a sad and endless story. Hollywood hat noch zu tun.

 

2024 15 Mai

Von Wandlungen

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In seinem Buch Der Wald und der Fluss schildert der norwegischen Erfolgs-Autor Karl Ove Knausgård eine Etappe von Begegnungen mit dem deutschen Maler-Giganten Anselm Kiefer in zahlreichen intimen, mitunter entlarvenden, jedoch stets respektvollen Momentaufnahmen, die auch eine Qualität des Buches darstellen. Spät man doch allzu gerne durch das vielbesagte Schlüsselloch, um Bereiche auszukundschaften, die einem sonst verborgen blieben. Auch aus diesem Voyeurismus heraus erwächst ja häufig Spannung, neudeutsch: thrill, und das nicht zu knapp.

Ja, Knausgårds Essay über Kiefer (mein erstes Lesevergnügen dieses Autors und ich bin sicher, weitere werden folgen) ist in diesem Sinne ein Thriller und angesichts einer gewissen Flaute auf dem televisionären Serienmarkt (Aktionäre sprechen hier von Baisse) nimmt man gerne jedweden Impuls entgegen, der das Kopfkino ingangsetzt. In einer Szene wandelt der Kunstguru-gleiche Kiefer durch die Jüngerschaft seiner zu einem Fest geladenen Gästeschar einer Kunst- und Kulturelite (zu der, es verwundert nicht, auch ein gewisser Peter Sloterdijk und ein Christof Ransmayr gehören) und fragt nach einem Synomym für Wandlung. „Mutation!“ bietet Knausgård an, den der Künstler befremdlicherweise trotz vorangegangener Vertrautheit nicht mehr erkennt (wahrscheinlich, weil der Antwortgeber zwischenzeitlich seine schulterlangen Haare stutzte und nun Kurzhaar trug). Metamorphose wäre vielleicht auch ein passender gesuchter Ausdruck gewesen.

Ich werde das Bild nicht los in diesen Tagen von dieser ausgetrockneten Schlangenhaut inmitten auf dem sandigen Weg, in der Mittagshitze nahe einer Moorlandschaft zur Zeit meiner ausgedehnten meditativen Wanderungen in den Neuzigern. Eine gewisse Faszination entspringt dieser Imago, weil eine alte Identität abgestreift wurde und der vitale Kern lautlos, still und behende in ein neues Leben entspringt. Ich habe Philosophie immer auch als den „Kaffeesatz der Erfahrung“ interpretiert, aber diese Schlangenhaut ist eine passende Metapher für abgelebtes Leben, Gedankenkarussels, Identitäten, Nachwirkungen von Traumata, kurzum: der ganze Schmu einer kopfgesteuerten Geisterwelt. Hier passt auch eine andere Umwandlung, die ein gewisser Krishnamurti einst als seine Kalamität bezeichnete: ein dramatischer körperlicher Umbau, nicht gewollt, führte zu einer völlig neuen Seinsweise. So ist die Sage, wenn er sein Heimatdorf in Indien besuchte, begleiteten ihn auf seinen Spaziergängen ein Dutzend Kobras, friedlich und handzahm. Vermutlich war er selbst zu einer Art Schlangennatur mutiert und deshalb für sie kein Feind mehr.

Auch in den einem ruhelos vorwärtstreibenden und vitalem Schaffensprozess entspringenden Bildern von Anselm Kiefer, die zutiefst beeindrucken und einen archaischen Raum aufzeigen, der die Singularität und Identitätsbesessenheit des menschlichen Daseins hinter sich lässt, zeigt sich das Wesen der Metamorphose. Alles wandelt sich. Knausgårds wunderbarer Satz, Kiefers Bilder deuteten nicht das Mysterium, sie seien das Mysterium selbst, trifft dies im Kern. Man kann es kaum fassen. Die Bildende Kunst jedenfalls ist, wenn vielleicht nicht grösser als Gott, so gewiss grösser (und weiter) als jede Religion. Auch Anselm Kiefer zeigt dies eindrucksvoll. Der ihr innewohnende Schaffensdrang transzendiert zudem den angstvollen Selbstbezug einer endlichen Existenz, die darauf besteht, dass Dinge bleiben, wie sie sind. Dem entgegen steht die Kontinuität eines Wandels, der Wahrheit nicht in erschöpfenden Selbstumkreisungen sucht (denn da ist nichts), sondern im Erschaffen von Welten. Wie sagte eine leider schon verstorbene Künstler-Freundin: „Einfach immer weitermachen!“ Die Betonung liegt auf Machen.

 

2024 13 Mai

Fundstück 2

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Aheds Knie (D,F, Israel, 2021) von Nadav Lapid

 

Ein israelischer regimekritischer Filmemacher X, alter Ego des Regisseurs, reist in ein Dorf nahe der jordanischen Grenze, um seinen neuesten Film vorzuführen und weitere Projekte zu planen. Eines davon ist eine Verfilmung über das Geschehen um die palästinensische Sängerin und Aktivistin Ahed Tamimi, der in einem israelischen Gefängnis das Knie zertrümmert wurde. Empfangen wird er von einer jungen Mitarbeiterin des Kultusministeriums, die von seinen Filmen fasziniert ist, aber Forderungen des Ministeriums überbringt, bestimmte Inhalte nicht zu zeigen. Der weitgehend dialogisch angelegte Film wird immer wieder unterbrochen durch Rückblenden aus der Soldatenzeit des Regisseurs sowie eingeblendeten Szenen aus seinem Werk, so dass die Realitätsgrenzen verschwimmen, sich aber doch zunehmend mosaikartig ein Bild der gegenwärtigen repressiven Kultur- und Gesellschaftspolitik des heutigen Israel entfaltet. Die kinetisch entfesselte Kamera umkreist das Paar, schwebt wie eine Drohne über dem Protagonisten (oder ein Geier über seiner Beute, in dieser Rolle findet sich der Zuschauer plötzlich) und schafft stets eine beklemmende Nähe zu den Gesichtern, deren Sog man sich schwer entziehen kann. Der Regisseur und die Kulturbeauftragte symbolisieren hier die verfeindeten Fronten, ihre gegenseitige Anziehung, aber auch ihren Kampf bis zum Showdown. Die zunehmend entfesselten Wutaffekte des Filmemachers lassen den Film oft ins Theatralische entgleisen, schaffen aber ein starkes, wenn auch anstrengendes und gelegentlich Fluchtimpulse provozierendes Filmerlebnis für den, der tiefer in die Probleme dieses Landes mit seiner repressiven Kulturpolitik, seiner militanten Nationalisierung und seinem übergriffigen Siedlungsbau eindringen will. Ein notwendiger Film!

 
 

 

2024 11 Mai

All Life Long

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Fahles Licht fällt durch die staubigen Fensterscheiben der Chapelle Notre-Dame-de-L’Immaculée-Conception. Die Zeit ist längst stehen geblieben als sich die Stimmen des kleinen Chors erheben und sie sollte für lange verloren bleiben. Passage Through The Spheres erinnert gleich am Anfang an die Polyphonien der Spätrenaissance, aber aus der Zeit gefallen, langsam bis an die Grenzen des Atems gezogen und des Sakralen in seiner Schlichtheit beraubt, in unfassbarer Schwere schwebend. Die schwedische Komponistin Kali Malone wechselt auf Ihrem Album All Life Long die Atmosphären zwischen Chor, verschiedenen historischen Orgeln, die durch ihre umhüllende Wärme betören und einem Bläserquintett ohne je diese getragene Stille, die schon ihr Album Living Torch in ergreifender Tiefe getragen hat, auch nur einen Augenblick zu brechen. Die Orgelversion von All Life Long endet so viel langsamer als das ebenfalls als Chorversion dargebotene Stück mit einem minutenlang gehaltenen warmen Orgelakkord, der jede zeitliche Wahrnehmung seiner Grundlage beraubt. So sind die Orgelstücke, oft gemeinsam mit Stephen O’Malley eingespielt sehr viel langsamer als die schon entgrenzenden Vokal- oder Bläserversionen, die noch die Banden des unendlich getragenen Atems in sich tragen. Doch selbst diese werden in der Umkehrung wie in Retrograde Canon durch undefinierbare Hebungen und Schwebungen einer virtuellen inversen Zeitdilatation – je scheinbar langsamer, umso weiter wird der Raum – unprätentiös und konsequent unterzogen. Bei den Orgelstücken wird dieser Effekt durch die Verwendung historischer Orgeln in Meantone-Stimmungen noch besonders verstärkt, die im Gegensatz zu der bei uns inzwischen üblichen temperierten Stimmung, Zwischenräume und diskret entfremdete Harmonien entstehen lassen, die scheinbar unendlich lange stehen bleiben und  in nicht mehr definierte Zeiträume führen. So endet das Album dann konsequenterweise auch mit einer Unification Of Inner & Outer Life, einem Punkt ohne Wiederkehr in der absoluten Zeitlosigkeit. Seit dem Frühwerk Arvo Pärt’s habe ich keine Musik mehr gehört, die so eigenständig und verhalten intensiv in eine absolute und tief berührende Stille hineinführt. Eine wunderschöne dunkle Rose im Schnee …

 
 

 

2024 11 Mai

Das wird wieder was …

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… mit dem ESC bzw dem deutschen Beitrag.

Ein junger Mann (Isaak Guderian) sitzt an einer Art Lagerfeuer offenbar im Zustand eines akuten Blinddarmdurchbruchs und singt Always on the run. Wovor er flüchtet, wird nicht deutlich, auch nicht, wie man bei einer hochgradig mobilen Lebensweise auf 120 kg kommen kann. Aber ein guter Listenplatz ist uns ja immer sicher – wenn man die Tabelle nur um 180 Grad dreht.

See you tonight, Isaak …

 


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