Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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„Just random matter suspended in the dark, / I hate to say it,  but each other‘s all we got“ (Father John Misty, Pure Comedy)

„One day, we will put it all behind / We’ll say, that was just another time / We’ll say, that was just another day on Earth“  (Brian Eno, Another Day on Earth)

 

 

 

 

 

 

Die Geschichten, die man sich über eine alte Zeit erzählt, vor allem, wenn sie Wunden geschlagen hat,  sind alle  Versionen, und je emotionaler beteiligt man ist, desto mehr gibt es Eintrübungen, blinde Flecken,  black-outs, Verzerrungen, Weichzeichnungen, Stilisierungen, Repertoire-Geschichten halt: erzähl es dir oft genug, und es wird ein passender Allwetterschuh draus! So etwas passiert in Interviews mit Musikern, in Gesprächen mit alten Freunden auf sensiblem Terrain,  oder mit Klienten in der Psychotherapie. Gerade im Klinischen Feld, oder bei puren Prozessen der Selbsterkenntnis, gibt es eines Falle, die trainierte Version der „Wahrheit“, die eher eine kleine Fälschung ist. Little Big Lies, diese fantastische Serie, ist ein Meisterwerk, Repertoiregeschichten beim Einstürzen zuzuschauen, nicht nur in den Szenen mit einer verdammt klugen Psychotherapeutin. 

 

Meist entsteht eine Repertoire-Story so: du berichtest die „Geschichte“ ein erstes Mal, und mit jeder Wiederholung  ersetzt diese erste Nacherzählung (abgerundet, wohlfeil) die ungeschönte Wirklichkeit, die unverfälschte Faktenlage. In der Psychotherapie etwa sollte man in der Anamnese den Patienten darauf  hinweisen, dass diese Datenerhebung anders verlaufen werde als alle, die er/sie womöglich kenne. Der Therapeut unterbricht immer wieder,  fragt nach, erkennt abgerundete Passagen, verfälschte Details – an die Stelle der Gesammelten Pastelltöne tritt eine immer noch fragmentarische Skizze, die aber mehr Stoff für einen heilsamen Prozess der Selbst- und Fremderkenntnis liefert als alle abgespulten Automatismen der allzumenschlichen Fabulierkunst. Die Bruchstellen, die existenziellen Einschnitte, werden neu aufgerollt.

 

Mir ist das selbst zuletzt passiert. Der ziemlich fälschungssichere Kanal in eine ferne Vergangenheit war eine Serie von Fotografien. Schau genau hin, schau nicht weg – und da ich mein Leben im alten Jahrtausend nur in einer sehr kurzen Zeitspanne bebildert habe, und dann alle Bilder aus meinem Zugriff verschwanden, war die Wirkung nach so langer Zeit extrem emotional. Solche Art der „Überwältigung“ setzt die gut geölten Nacherzählungen ausser Kraft, alte Gefühle werden aus lang ruhenden Arealen des Körpergedächtnisses hochgespült,  Zeitschneisen porös – und auf einmal erzählt sich die „alte Geschichte“ neu, was weh und gut tut zugleich. So gut.

 

(Im Nachgang, weil dies ein Blog ist, in dem das Private, das Politische,  die Kunst (und das Fiktive) oszillieren dürfen, nicht in gesonderten, abgehobenen Sphären existieren, gilt es, unter Freunden und Fremden, diese Erfahrung zu schützen, genauso wie die beteiligten Personen zu beschützen sind. Eine wie immer motivierte Kleingeistigkeit, bis hin zur mühselig verborgenen Gehässigkeit, und kompletter Ignoranz, begegneten mir in den Stunden nach der „Erzählung“, und waren nicht zu tolerieren. Da ging es eben nicht um heiter-offenen oder kritischen Diskurs. Mehr ist dazu besser nicht zu sagen.)

 

 
 
 

Wahrscheinlich ist Gaito Gasdanows Buch „Nächtliche Wege“, für mein Empfinden zumindest, eine dermassen faszinierende Zeitreise ins alte, uralte Paris, dass sich nahezu alle Manafonisten auf ein a capella vorgetragenes „merveilleux“ einigen könnten! Wahrscheinlich werden die drei Alben des Monats keine Verkaufsrekorde erziehlen, steht hinter ihnen ja auch kein gigantisches Werde-Budget wie bei Kamasi Washington und der neuen, mir fremden, Lust am Jazz-Pathos, doch sind bei Sonar mit David Torn, bei Steve Tibbetts und Jon Hassell andere Ekstasen des Augenblicks im Spiel, ganz gleich, wie verinnerlicht, wie überbordend, und alles Hören bleibt Herausforderung – übrigens wird in der Radionacht Klanghorizonte am 16. Juni im Deutschlandfunk, in der fünften Stunde, an Jon Hassells fast vergessenen Klassiker „Vernal Equinox“ erinnert, der jetzt endlich wieder zugänglich wird. Wahrscheinlich könnte man Lust auf einen ihrer grossen Mystery-Romane bekommen (Brian Eno las sie in seiner Jugend gern), lässt man sich mit Ursula K. Le Guin und Todd Barton auf die Musik und Dichtkunst eines mythischen nordkalifornischen Stammes ein! Wahrscheinlich ist ein Zusammenprall von Kulturen (konservatives Hinterland vs. Osho-Jünger) selten so spannend dokumentiert worden, wie in der Netflix-Serie „Wild Wild Country“, aber alles wäre nicht ganz so beeindruckend, würde der Soundtrack, insbesondere die Songs von Bill Callahan, nicht eine weitere Erzählebene hinzufügen! Wahrscheinlich ist der am 18. Juni in deutscher Übersetzung erscheinende Thriller „In deinem Namen“ von Harlan Coben einer seiner allerbesten, handelt er zwar einmal mehr von einer vermissten Person, doch rankt sich da herum eine virtuos gestaltete Story um Liebe, Freundschaft, Trauer, Verrat und Rache – klingt ein bisschen nach zuviel des Guten, ist aber so brilliant in Szene gesetzt, dass der Leser sich zwingen muss, das Lesetempo eine Spur zu veringern (dass Coben auch mal richtig scheitern kann, zeigt die Netflix-Umsetzung eines anderen seiner Erzählwerke, „Safe“, eine hanebüchen konstruierte Geschichte). Tja, und dann hören Sie sich bitte einmal „Moon In June“ an, zu finden auf „Third“ von Soft Machine!

 

2018 26 Mai

Two whom it may concern

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2018 25 Mai

Erst Zug, dann Spitze

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Hier ein paar Eindrücke von dem 2962er vor drei Wochen.
 
 


 
 

Thela hun ginjeet thela hun ginjeet
Thela hun ginjeet thela hun ginjeet
Thela hun ginjeet thela hun ginjeet

(King Crimson)

 
 

Pfingstsonntag von Aachen nach Partenkirchen, ein Solo mit dem in die Jahre gekommenen Tojoten. Gute acht, neun Stunden gebrettert. Das GPS führte mich durch eine bedrohliche Regenkulisse in Tirol. Angekommen im Hotel Alpina für eine Nacht. Warum fahre ich am nächsten Morgen nach Grainau zur neuen Seilbahn, die einen in knapp zehn Minuten von 800 Höhenmeter nahe ans Gipfelkreuz transportiert, in knapp 2800 Metern? Eine elende Warterei zuvor, Kaiserwetter und Pfingstmontag.

 

Als ich letzte Stufen hochging, spürte ich die dünne, zittrige Luft. Ich setzte mich, noch groggy vom Vortag und der halben Mütze Schlaf auf eine Bank. Wann würde der Mann mit dem Päckchen kommen? Wollte Charlotte nicht schon oben sein, mit schicken weissen Kopfhörern und der neuen Jon Hassell-Scheibe? Und LSD in dieser Höhe – ich hatte Untersuchungen gelesen, meine Freunde aus Prag verdienen sich den Timothy Leary-Gedächtnispreis. Die Wahrheit lag etwas anders.

 

Es gab Wochen zuvor einen Vorfall im linken Innenohr, und dann eine Woche vor dem Trip, noch einen. Die Akutmassnahmen griffen, aber hartnäckig blieb die Eustachische Röhre verschlossen, egal, welche Tricks zum Einsatz kamen. Bitter für das Musikhören, ganz bitter. Ich kannte das Problem mit der streikenden Röhre schon von früher, und entwickelte einst, mit jeder Menge ärztlicher Skepsis im Vorfeld, meine Idee einer Druckkammertherapie. Tatsächlich lief es dann so ab: nach zwanzig Minuten Flug Richtung Arrecife baut sich ein sehr schmerzhafter Druck im Ohr auf, der bis zu einer halben Stunde andauern kann. Dann, wie ein Tresor, knackt langsam, Zahnrad für Zahnrad, die verriegelte Röhre auf, und das gute Hören kehrt zurück.

 

Bei den acht Flugexperimenten dieser Art (leider nicht auf Krankenschein) stellte sich ein anhaltender Effekt ein. Wie eine Kur. Nun waren in den Pfingstferien meine bevorzugten Orte sehr teuer und ausgebucht. Dann, verriet mir ein aufgeschlossener HNO-Arzt, tut es auch die Zugspitze.

 
 
 

 
 
 

Ich sass auf der Bank. Nach einer Viertelstunde etwa baute sich ein ziemlich schmerzhafter Druck im linken Ohr auf, nicht so schlimm wie bei Flügen, aber nah dran. Ich hiess den Schmerz willkommen. Arbeitete mit Affirmationen, stellte mich aufrecht hin wie ein Musterschüler von Turnvater Jahn, streckte meine Arme zweimal nach vorne, zweimal zur Seite, zweimal nach oben (und als ich dazu ein paar alte Goethe-Verse aus dem West-Östlichen Divan mit Stimmwucht rezitierte, spürte ich den Blick einiger Touris auf mir, die mich für nicht ganz dicht hielten, was bei mir allerdings keine erröteten Wangen, sondern innere Heiterkeit produziert) – „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten / Nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen / Rufet die Arme der Götter herbei!“.

 

Ich setzte mich wieder, die Wolken zogen sich zu, das wundervolle Knacken der Röhre setzte ein, es dauerte eine Weile, und die Ohren waren bestens aufgestellt. Ich verweilte zwei Stunden im Höhentraining, und sicherte den Effekt am nächsten Tag mit einer weiteren Seilbahnfahrt ab. Haferlkaffee in der höchsten Berghütte des Landes, mit Bergdohlen. Und dann gingen die Abenteuer weiter. Am Tag nach der Heimkehr legte ich eines meiner Lieblingsalben von King Crimson auf, „Discipline“, den 5:1-Mix von Herrn Wilson. Berauschend.

2018 24 Mai

Manafonistisches

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Ich habe an alle gedacht und 13 Huberpostkarten mit Original Zugspitzstempel besorgt, für das nächste Manatreffen. Ein feiner Ort wäre dafür die urig bayerische Gaststätte „Zum Wildschütz“ in Garmisch-Partenkirchen. Die Schweinshaxe in Altbiersauce ist eine Sensation und nicht mit den Schnellbrätern aus dem Hofbräuhaus zu vergleichen. Übrigens, wenn der Wind mal heftig an den Kleidern rüttelt, kann einem hier auf der Zugspitze gar ein alter Elton John-Song in den Sinn kommen: „I‘m still standing“.

 

It was love, true love. Please enter, the 70‘s, near Würzburg, a high rise, seventh floor. Paul Ehrlich-Strasse. Or Kopernikusstrasse? If you click on the photos, you‘ll see love in the details. And great records. Nothing has so much changed since: ah, there‘s the first Eno album I had ever bought, yes, at least two ECM covers at the wall, an album of the great, but short-lived Horizon label (Michael Cuscuna‘s territory), and Miles‘ „Get Up With It“, years before Brian sang its praise as inspiration for „On Land“. Is that really Jim Croce on the black and white photography?

Gosh, I‘ve been in love with her. Now, during my travel to the highest mountain of Germany, we re-connected. It doesn’t need more than a phone call. I saw these pictures for the first time since our days of wine, yes, and roses, yes. We talked about what, weeks, months, after these photographs had been taken, went so terribly wrong. I told the story many times. The spiral downwards started in a little restaurant in London discovering a hole in my body. But for the first time ever I can see it clearly now, after looking at these sepia-tinged portraits of a room with two lovers (I never had red hair.) It‘s an afternoon. She and her dreamy soft face. I put a jazz record on that I bought on our trip to Paris. We were sitting in the Bois de Boulogne. If Jacques Rivette had seen her there, she‘d probably ended up in one of his movies. But here we are. In the years.

 
 
 


 
 

 
 

 

2018 23 Mai

Greg am Telefon

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Er hätte mir vergessen zu sagen, was seine No. 1 des Jahres bisher sei, und ich fürchtete schon das Schlimmste, weil wir ja, neben unseren erstaunlichen Gemeinsamkeiten, auch klassische Differenzen haben. Aber es war dann doch mal wieder das seelenverwandte Feld im Spiel, und keine Pfadfinderübung in Toleranz, als er Music for Installations von Brian Eno die einsame Spitze zuwies. Obwohl er ja (räusper, räusper) e i n Problem mit der Box habe: die Musik fasziniere ihn dermaßen, dass er beträchtliche Schwierigkeiten hätte, sich Abend für Abend für eine bestimmte der sechs CDs zu entscheiden. Aber sobald er sich dann durchgerungen habe, sei er im Flow der jeweiligen Kompositionen. Bei mir wechseln die jeweiligen Favoriten unter den sechs Granaten auch hin und wieder, doch derzeit, nach dem doppelten Trip auf die Zugspitze, ist erst mal „Making Space“ der Anführer. Nach dem Schlussakkord der letzten Komposition fiel mir der Titel eines typischen (und hier fast feierlichen) „Finaltracks a la Eno“ auf, „Delightful Universe (seen from above)“.

 

2018 23 Mai

Sonar with David Torn

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„In case you’re wondering, it’s in 63/8, but it still feels like a 21st century folksong …“

Waves and Particles

 

 

David Torn: electric guitar and live-looping Stephan Thelen: tritone guitar Bernhard Wagner: tritone guitar Christian Kuntner: electric bass Nanuel Pasquinelli: drums D. James Goodwin: recording engineer Waves and Particles written by Stephan Thelen / www.sonar-band.ch

 


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