Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Am 16. April wurden die diesjährigen Preisträger des Pulitzer Prize bekannt gegeben. Mit großer Freude konnte ich lesen, dass Richard Powers für seinen Roman “The Overstory“ (“Die Wurzeln des Lebens“) den Preis in der Kategorie Belletristik gewonnen hat. Kürzlich erst habe ich dieses Buch gelesen und ihm viele Leser gewünscht. Wieder einmal hat Powers einen großartigen Roman geschrieben, der nicht nur der Unterhaltung dient, sondern aufrütteln soll, es ist ein Plädoyer für Bäume. Und man lernt sehr viel über Bäume in diesem Buch. Powers hat sich einmal mehr in ein weiteres Thema gründlich eingearbeitet. Stellenweise erinnert der Roman an ein Sachbuch über Bäume, was durchaus positiv gemeint ist. Im Oktober 2015 habe ich im Zusammenhang mit Olivier Messiaen seinen Roman Orfeo (Frankfurt 2014) empfohlen, auch ein ganz großer Roman, in dessen Mittelpunkt die Musik steht. Erinnert sei auch an seine Werke „Das Echo der Erinnerung“ und „Der Klang der Zeit“. Nun erschien Ende letzten Jahres “Die Wurzeln des Lebens“. Powers, geboren am 18. Juni 1957 in Evanston, Illinois, möchte in diesem Buch zeigen, dass der Mensch, der sich doch so gerne für die Krone der Schöpfung hält, gerade dabei ist, seine eigenen Existenzgrundlagen zu zerstören. Seine Profitgier macht ihn blind, sodass er den Zusammenhang von Mensch und Natur nicht mehr sieht. Er nimmt nicht mehr wahr, dass alles miteinander verwurzelt ist und wir – die Natur und der Mensch voneinander abhängig sind. Obwohl – streng genommen braucht uns die Natur nicht, aber wir sie, um atmen und leben zu können.

 
 
 

 
 
 

Wenn man den 624 Seiten umfassenden Roman aufschlägt und zu lesen beginnt, meint man zunächst einen Band mit Erzählungen vor sich zu haben oder einen zweiten “Wolkenatlas“ (David Mitchell). Powers hat seinen Roman in vier Großkapitel unterteilt, die zusammen genommen einen Baum darstellen: Beginnend mit den Wurzeln, dann der Stamm, gefolgt von der Krone und schließlich die Samen. Im Großkapitel “Wurzeln“ werden uns zunächst ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie alle irgendwie Bäume thematisieren. Da lesen wir etwa von Nicholas Hoel, Urururenkel von John, dessen Vater einst Norwegen verlassen hat, um in Iowa ein neues Leben zu beginnen. Auf dem Gebiet seiner Farm pflanzte er einen Kastanienbaum, der für seine Familie eine besondere Bedeutung haben sollte. Er begann die Tradition mit seiner Kamera von einem bestimmten Standpunkt aus jeden Monat ein Foto von diesem Kastanienbaum zu fotografieren. Dieses Ritual wurde von seinen Kindern und Kindeskindern fortgeführt, bis schließlich 900 Baum-Fotografien das Leben dieses einen Baumes zeigen. Nicholas Hoel wird dieses 900-Fotografie starke Daumenkino in seinen Händen halten, als er die am Ende heruntergekommene Farm seiner Vorfahren ausräumen muss. Eine andere Geschichte handelt von Neelay Mehta, der gelähmt im Rollstuhl sitzt, weil er als Junge vom Baum gefallen ist. Jetzt arbeitet er als Entwickler von Computerspielen, in denen die Natur eine wichtige Rolle spielt, die Geographie, das Klima, die Rohstoffe. Die Gegenspieler: Konquistadore, Immobilienhaie, Technokraten usw. Oder die Erzählung von Patricia Westerford, einer Biologin. Sie entwickelt eine Theorie vom Wald als einem sozial interagierenden System. Natürlich macht sich alle Welt über sie lustig, viel später allerdings sollten ihre Texte zumindest unter Umweltschutzaktivisten Anerkennung finden. Fünf weitere Geschichten werden uns in diesem ersten Teil des Romans erzählt, bevor sie sich alle im Großkapitel “Stamm“ miteinander verbinden, um sich in der Krone wieder voneinander entfernen.

Richard Powers hat in seinem Buch durchaus reale Ereignisse aus den Neunzigerjahren verarbeitet, damals gab es in den USA tatsächlich hartnäckige Baumbesetzungen, großangelegte Aktionen gegen Kahlschläge, gegen Holzfirmen und riesige Demonstrationen. Mich erinnert all das an ein Ereignis, das erst vor ein paar Monaten die Nation bewegte: Der Kampf um den Hambacher Wald. Und, vor ein paar Jahren gab es mitten in Stuttgart eine Menge Menschen die um den Erhalt Bäumen kämpfte, es ging im Zusammenhang von Stuttgart 21 um mehr als 280 alte Bäume, mit bis zu fünf Metern Stammumfang, die gefällt werden sollten und nun auch längst umgehauen worden sind. Johannes Kaiser besprach für DeutschlandRadio-Kultur das Buch und kam zu dem Schluss: „Powers ist erneut das Kunststück gelungen, Forschungsergebnisse in aufregende und faszinierende Literatur zu verwandeln. Und er stellt dabei die grundsätzliche Fragen nach unserer Verantwortung für die Natur, nach Solidarität, Opferbereitschaft, Freundschaft und Empathie. „Wurzeln des Lebens“ ist ein poetischer Roman, der berührt, fasziniert, erschreckt und staunen macht.“

Musik spielt in diesem Roman übrigens keine Rolle, jedenfalls nicht Musik im engeren Sinne verstanden, John Cage würde natürlich überall Musik entdecken: im Rauschen des Waldes, im Klang der Kettensäge, im Pfeifen des Windes und im Trommeln des Regens. Mich erinnert all das an eine Sendung von Michael, als er vor zwölf Jahren, am 8.Januar 2007, in seinen Klanghorizonten eine geniale Zusammenstellung zweier Platten präsentierte, diese Komposition ist für mich der Soundtrack zum Buch Zunächst wurde von “Chris Watson – BJ Nilsen“ aus der CD “Storm“ das über fünfzehnminütige Stück “Austrvegr“ gespielt und im Anschluss daran legte Michael die damals gerade erschienene Platte “Fly High Brave Dreamer“ von Chris und Carla auf.

 
 
 

 
 
 

Ein Zitat aus dem Buch zum Schluss:

„ … ich schlage eine Faustregel vor: Wenn Sie einen Baum fällen, dann muss das, was Sie daraus machen, mindestens so großartig sein wie das, was Sie zerstören“ (S.559)

 
 

a u d i o

 
 

2019 21 Apr

Time Travel into Liquid Sky

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Völlig irre Story: unsichtbare winzige Aliens sind auf der Suche nach dem ultimaten Kick, den sie vorzugsweise in heroingeflashten Gehirnen finden. So landen sie auf dem Dach eines neonbeleuchteten New Yorker Penthouses, das von der drogenbenebelten, androgynen und promiskuitiven Margeret und ihrer Loverin Adrian bewohnt wird. Margeret versucht in der New Wave-Fashionszene ein bisschen weiterzukommen und lässt sich mit erstaunlicher Indolenz auf diverse (oder auch mal perverse) Typen ein, die sie vögeln wollen. Während die Aliens entdecken, dass die körpereigene Opiatausschüttung beim Orgasmus der bessere Kick ist, kommt ihnen ein deutscher Wissenschaftler durch höchst obskure Hypothesenbildung gefährlich nahe. Doch dann beginnt die grelle Story zu eskalieren, Margeret kriegt an einem echt miesen Tag einen deftigen Run und ihre Geschlechtspartner haben auf einmal eine lange Kristallnadel im Kopf und verschwinden dann schlagartig.

Eine zugegebenerweise etwas krude Geschichte, wie sie nur in der New Wave-Szene New Yorks Anfang der 80er Jahre entstehen konnte, irgendwo zwischen Post-Punk, Fashionhypes und Discofieber, die mit teilnahmslos-paranoiden Realitätsverlust unterkühlt und optisch überzogen eine eigene surreale Welt mit fatalem Ausgang entfaltet. Dieser Low-Budget-Film von 1983 avancierte schnell zum Kultfilm und hielt sich 28 Wochen in den amerikanischen Top-Filmcharts und hat bis heute nichts von seiner künstlerischen Faszination verloren. Und der Soundtrack des Regisseurs Slava Tsukerman trägt mit seinem sehr reduzierten, wavig-technoiden elektronischen Sound viel zu der eigenwilligen Atmosphäre bei und ist nun endlich wieder zu haben.

 
 
 

 

2019 21 Apr

Dark Star Safari

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Recently they took a picture of a black hole. Or does the title include a reminiscence to the last album of David Bowie? It opens up with a quiet and wide improvisation as the project started at all. Then the singing starts which seems to be very familiar. Obviously new but all still so familiar. Yes, they worked with Tigran Hamasyan on Atmospheres. one of the most extraordinary albums of 2017. And of course they recorded with David Sylvian severeral times. Now they’ve started their own Dark Star Safari. Listen!

 
 
 

 

 

Der Regen klimpert mit einem Finger

die grüne Ostermelodie

Das Jahr wird älter und täglich jünger.

O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldenen Jacke

Versteckt sich hinter dem Wolken – Store.

Der Ärmste hat links eine dicke Backe

Und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.

Auch diesmal ist es dem März geglückt.

Er hat ihn in den April geschickt

Und schon hoppeln Hasen

Mit Pinseln und Tuben

Und schnuppernden Nasen,

Aus Höhlen und Gruben

Durch Gärten und Straßen

Und über den Rasen

In Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob’s gar nichts wäre,

Aus Nougat, Krokant und Marzipan.

Der Tapferste legt eine Bonboniere.

Er blickt dabei entschlossen ins Leere.

Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.

Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.

Und Verstecke gesucht. Und Verstecke  gefunden:

Hinterm Ofen, unterm Sofa,

In der Wanduhr, auf dem Gang,

Hinterm Schuppen, unterm Birnbaum, in der Standuhr

auf dem Schrank …

 

Frohe Ostergrüße

verbunden mit vorfreudigen Grüßen aufs Manatreffen im Mai

 

The night is darkening round me
The wild winds coldly blow
But a tyrant spell has bound me
And I cannot cannot go

The giant trees are bending
Their bare boughs weighed with snow
And the storm is fast descending
And yet I cannot go

Clouds beyond clouds above me
Wastes beyond wastes below
But nothing dear can move me
I will not cannot go

 

ONE: The Unthanks / Fennesz / The Leisure Society / Will Burns & Hannah Peel (two tracks) / Lambchop / Matmos (three tracks) /// TWO: The Comet Is Coming (two tracks) / Will Burns & Hannah Peel (two tracks) / These New Puritans / Areni Agbabian (four tracks) / Stephan Micus / Henrik Gorecki with Beth Gibbons

 
 
 

 
 
 

FIRST HOUR

 

 

 

 

SECOND HOUR

 

 

 
 
 

THREE: „Close-Up“ – a journey through Japanese Environmental, New Age  and Ambient Music 1980-1990,  with the compilation  „Kankyo Ongaku“, Kaigo Higashima‘s novel „Under The Midnight Sun“, and, in the center, a surprising track from the same time and a different place

 

FOUR: „Time Travel 1“ – „In memory of Mark and Scott“ with Paul Bley‘s „Open, To Love“, Duke Ellington‘s only recording with John Coltrane, Mark Hollis‘ solo album, Franz Schubert‘s „Sonatas And Impromptus“ played by Andras Schiff, Scott Walker‘s „Climate Of Hunter“, the only trio recording of Duke Ellington, Charles Mingus and Max Roach („Money Jungle“ is the name of the album, and „Fleurette African“ the name of the track), and Mike Nock‘s „Ondas“

 

FIVE: „Time Travel 2“ – With Chick Corea through the early 70‘s playing „Piano Improvisations Vol. 1 & 2“, „Return To Forever“ (the first and best album of the group), and „Crystal Silence“, the duo with Gary Burton (adding a scenic memory from Jean Jacques Berneix‘s movie „Diva“)  // finally, two ECM „touchstones“, Eberhard Weber‘s „The Following Morning“, and Mick Goodrick‘s „In Pas(s)ing“

 

Leben, bei Nacht

 

Da ist ein Teil von mir

der nicht kapieren kann,

wie wir auch nur hierhergekommen sind –

du mit fünfundzwanzig schon geschieden

und wir, als Paar, per Anhalter

die mesoamerikanische Küste rauf und runter

wie wir es uns als Fluchtweg immer ausgebrütet haben.  

 

Wo uns übel wurde von verdorbenem Eis,

nicht von den Trinkgelagen

gegen Mitternacht

mit Leuten, die spontan die Welt bereisen,

die Anrechte auf Immobilien geltend machen,

jenseits der Möglichkeiten eines Kredits

oder des rein Physischen.

 

Egal wie robust auch unsre Körper

wie eingehüllt in Kunststofffasern

wie geschwollen vom Krebs:

zu schlagen nicht mehr

als exakt eine Milliarde Mal,

wenn ungehindert,

ist die einzige Bedeutung des Herzens.

 

(übersetzt von Martina Weber)

 

Die junge Natalie begeisterte sich einst für einen der kitschigsten Filme überhaupt, „The Sinking of the Titanic“, anderthalb Stunden lieben, und anderthalb Stunden sterben. Dass ihre Platte dann auch noch wildromantisch daherkommt, und der hehre Gesang keine Gefangenen macht, liess bei flüchtigem Hören erstmal Abwehr entstehen. Aber als sie mir dann die Schallplatte schickten, und ich sie auflegte, in aller Ruhe hörte, kippte der erste Eindruck. Erst dachte ich, ja, eine Nachfahrin von Carole King, clever, clever: der „Brill Building-Sound“ hat ein neue Kunstfigur nerausgeputzt. Aber dann: all die Unterströmungen. Und jedes Lied nimmt eine andere Fahrt einer alten Zeit auf, und macht daraus zeitgenössisches Seelentheater. Noch bin ich hypnotisiert, aber wenn der Zauber anhält, haben wir es hier wohl mit einem heissen Kandidaten für einen „instant retro classic“ zu tun. Ich bin schon jetzt sicher  es wird das „Mojo Album of 2019“ werden. Natalie Mering hat wohl schlicht und ergreifend ein beeindruckendes Album gemacht. Wenn man die eigenen Platten nicht alphabetisch ordnet, kann man sie gleich neben „Pure Comedy“ ins Regal stellen. In other words: „a lot will surely be said about how the palate of the album recalls the neoclassical New Age-y ethos of a lot of late-’60s and early ’70s folk pop music, and of course its cinematic allusions, but the truly incredible components of these songs are within their active movement and the way that something like a Brill Building sound can be so deeply personal. Warm gallops slacken serenely and new spaces are birthed inside structures we thought we’d exhausted.“

2019 17 Apr

Nein!

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Seine Las-Vegas-Shows, vorsichtig gesagt, tun John Fogerty nicht gut.

 

2019 16 Apr

„Dragon Noir“

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This album began life as a rock opera about a besieged seaside community called Riversend ruled by a benevolent wizard, for which some five to seven songs were written. When I’m focusing on a project, I always distract myself from the through-line with multiple byways, which are kind of like mini-games within the broader architecture of a long video game.

As I worked on the Riversend stuff, weird noir visions started creeping in, probably under the influence of Leonardo Sciascia (a Sicilian author, he wrote mysteries) and Ross MacDonald’s The Zebra-Striped Hearse, which a friend from Port Washington gave me while I was in the thick of the writing. I thought these moods helped complicate the wizards and dragons a little, and, as I thought about my wizard, his health failing, the invasion by sea almost certain to wipe out half his people, I thought about what such a person might look like in the real world: watching a country show at a midwestern casino, or tryout pitching for an American League team years after having lit up the marquees.

 

 

 

 

Finally, I wrote the title track, which felt like a drawing-together of the themes in play: rebellion against irresistible tides, the lush vistas of decay, necessary alliances. I am earnestly hoping that a new genre called „dragon noir” will spring from the forehead of nearly two years‘ work on these songs, but, if not, I am content for this to be the sole example of the style.


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