Manafonistas

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Archives: David Sylvian

Auf den Tag genau zehn Jahre her. Mittlerweile hat er sich zurückgezogen, aber was war damals los, auf einer seiner letzten Missionen? Arve Henriksen verstand die Signale von Space Commander Sylvian. Nostalgie half da nicht. Keiner würde hinterher jammern und die Frage stellen: „Where’s my Space Age?“ Die Trompete beschrieb ihre verdunkelten Bögen im weiten Rund. Aber erstmal zurück in die Zukunft …

 

Irgendwann in den Achtziger Jahren nahm David Sylvian in Köln, zusammen mit Holger Czulay und einigen Anreicherungen von Karl Lippegaus, „Plight and Premonition“  auf. Seine Solokarriere hatte schon Fahrt aufgenommen, „Brilliant Trees“ war ein „instant classic„, und gestern noch, also am 2. September, sprach ich mit Jan Bang über die besondere Klasse des Werkes.  Seine Stimme ging um die Welt. Mit dem Diktaphon von Czukay, den Trompetentönen von Jon Hassell,  entstand eine sehr reichhaltige Pop-Kammermusik. „Plight and Premonition“ spielte sich an den Rändern der öffentlichen Wahrnehmung ab, ich fand die rein instrumentale, ruhige Platte damals interessant, aber sie rührte mich lange nicht so wie die Ambient-Alben von Brian Eno. Postiv überrascht war ich dann doch, dass ich beim Wiederhören der fast vergessenen Platte staunte, wie wenig gealtert die Musik war.

 

Nun also wurde „Plight and Premonition“ erstmals live aufgeführt, beim 7. Punktfestival in Kristiansand. Jeder der Musiker auf der Bühne hatte sich zuvor mit der langen, eine Plattenseite füllenden Komposition, befasst. Als sich der Vorhang öffnete im ausverkauften Agden Theater, saß Sylvian ziemlich im Zentrum, mit Gitarre und Synthesizer, flankiert von „Live-Sampling-Magus“ Jan Bang und „Elektronikfuchs“ Erik Honore. Etwas weiter außen saßen Philip Jeck, sein Instrument  Vinyl,  und Eivind Aarset. Ganz außen, am linken Bühnenrand, hatten der Trompeter Arve Henriksen und der Pianist John Tilbury ihren Platz gefunden.

 

Durch eine Lichtinstallation entstand der Eindruck, man würde in das hintere Teil eines Raumschiffes schauen, das jederzeit bereit sei, abzuheben.  Ein dunkler, fast melodischer Drone schwebte über uns wie eine ewig wiederkehrende Welle. John Tilbury brillierte mit all den Tönen, die er nicht spielte, der Mann am Flügel praktizierte Askese, und wenn er ein, zwei Noten auf Reisen schickte, hatte man  das Gefühl, das gute alte Klavier würde mehr und mehr historisches Gepäck abwerfen.

 

Jan Bang und Erik Honore, geschätzte Kollaborateure von Sylvian, reicherten das weite Feld an mit winzigen Details, raumgreifenden Kolorierungen, und all den Dingen, für die einem zum Glück Worte fehlen. Einmal schickte Philip Jeck eine seltsame spanische Stimme durch den Äther, wir Zuhörer konnten unsere Ohren schweifen lassen, unsere Blicke dehnen. Eivind Aarset vermied jedes noch so ferne Ethno-Klischee, das Raumschiff hatte sowieso schon schon lange abgehoben.

 

Am Ende langer Beifall. David Sylvian trug erstaunlicherweise keine Sonnenbrille, nur eine kleine Kappe auf dem Kopf. Er sagte kein Wort, aber er zollte seinen Reisegefährten, und auch dem Publikum, apllaudierend Respekt. Er schien tatsächlich gerührt zu sein. Am tTag danach traf ich Mr. Sylvian in der Hotellobby. Ich erinnerte ihn an unsere langes Gespräch über „Manafon“, Jahre zuvor, im dunklen Winkel eines Hamburger Hotelflurs. Ich wollte die Reise vom Vortage zu gerne im Radio senden. Leider kam es nie dazu, und in den Archiven des Punktfestivals liegt immer noch diese bemrkenswerte Reise, die auf ECM New Series bestens aufgehoben wäre. 

 

 

Foto © Christoph Giese

Foto © Christoph Giese

 

Zehn Jahre ist es nun her. Im Alpha-Room wartet nach Sylvians erstmals live dargebotener Version seiner alten Komposition „Plight & Premonition“ ein seltsames Set-Up auf die Zuhörer: ein altes, leicht derangiert wirkendes Kofferradio von Telefunken, eine Tischzither, die vor Ewigkeiten von Gospelmusikern gespielt wurde, kleine wie Kinderspielzeug aussehende Klangerzeuger, mit denen die Saiten der Zither in Schwingung versetzt werden. Mittels Frequenzanalyse werden die nicht vorherhörbaren Radiosignale und die obertonreichen Tischzithermanipulationen verrechnet, und zaubern ein Soundgewebe in den Saal, welches von Stephan Mathieu in der Live-Situation subtil verwandelt wird.

 
 

 
 

Der Mann aus Saarbrücken arbeitet mit lebendigen Drones, er fühlte sich auf seinem Weg gewiss ermutigt von La Monte Young, Phil Niblock oder Thomas Köner. Interessant auch, dass Klangströme aus Sylvians “Plight and Premonition” vollkommen verwandelt auftauchten, Spuren des Originals liessen sich allenfalls ahnen und „hellhören“. Es war der ideale Ausklang dieses Konzerttages, eine Musik, die sich, wie Sylvians Zeitreise, in manche Träume eingeschmuggelt haben wird. Unter dem Strich gab es also drei “streams”, die einander modulieren: eine Zither, ein Radio, und Davids Band. Stephan Mathieu bearbeitete gar die gesamte 2. Hälfte der Sylvian-Aufführung, also den kompletten Stereo-Mix, der aus der PA kam. Man befindet sich eher in einer “Parallelwelt”.

 

Peter J. Schwalm war beeindruckt von der Performance des Herrn Mathieu. Ein weiteres Highlight von Punkt 2011. Er fotografierte den kleinen Aufbau der Gerätschaften, man fühlte sich wahrlich wie in ein Museum versetzt. Stephan Mathieu kombiniert das Uralte und das Highfidele ohne nostalgischen Zierat. Er besitzt einer Sammlung rarer Schellackplatten aus den 10er und 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und er nennt auch alte Grammophone sein eigen, räumt im Gespräch gern mit den Vorurteilen auf, diese ehrwürdigen Teile hätten in ihrer Zeit eher gruselig geklungen. Das Gegenteil sei der Fall. Und er beschreibt, wie es sich anhörte, damals, als sich die Stahlnadel auf eine Robert Johnson-Bluesplatte senkte. Auch Mathieu pflegt die Praxis der Zeitreisen.

 

„Beim Punktfestival in Kristiansand, Anfang September 2011, wird ein altes Intrumentalwerk von dir neu aufgeführt, David, neu interpretiert: “Plight and Premonition”. Du hast die Musiker dafür extra ausgewählt, als Ko-Kurator. Was macht da den Reiz aus, so viele Jahre zurückzugehen zu einem alten Album, und es nun im 21. Jahrhundert zu präsentieren?“

 

Das ist ein Stück Musik, auf das ich immer recht stolz war. Ich denke, in aller Bescheidenheit, dass „Plight and Premonition“ ein wichtiges Album ist. Es wurde nie live aufgeführt. Ich hatte die Idee, es in den Kontext von improvisierter Musik stellen. Dass da rohe Elemente von „Plight“ vielleicht als Samples auftauchen, wäre vielleicht spannend. Philip Jeck, dieser Meister im Umgang mit alten Vinylplatten, mochte „Plight and Premonition“ seit er es zum ersten Mal gehört hat, vor über 20 Jahren. Auch Jan Bang und Erik Honore, die Gründer des Punktfestivals, werden natürlich auf der Bühne sein. John Tilbury wird mitwirken, der auf „Manafon“ so feine Klänge fabrizierte. Das wird ein Abenteuer. Und die Musiker arbeiten zumindest teilweise mit ihrer eigenen Erinnerung an diese Schallplatte, so vertraut sind einige mit der Komposition. Ich bin neugierig, wo ihre Erinnerungen sie hinführen.“ 

 

Nachklang: Ein paar Tage nach der Aufführung traf ich David Sylvian, der während des Festivals sehr zurückgezogen lebte, am Ausgang eines Fahrtstuhls, erinnerte ihn an unser Telefonat, und das Interview zu „Manafon“ in der Ecke eines Flurs eines Hamburger Nobelhotels. Ich fragte ihn, ob ich die Rechte für eine einmalige Aufführung von „Plight & Premonition“ im Deutschlandfunk erwerben könne. Er sagte, er wolle es sich überlegen. Die Erlaubnis wurde nie erteilt, die Aufnahme nie veröffentlicht, obwohl sie voller zauberhafter Passagen war.

 

After midnight, early eighties: listening to BBC Radio, the tune they just played is called „Nightporter“. What a nice but curious sound, a bit like Brian Ferry singing. Something I never heard before. The mysterious studio guest musician is mentioning Jean Cocteau and a certain „difficulty of being“. I am broad awake. Talking on some kind of „Japan“ now. Trying to save some fragmentary information to my short-term memory account, because the plan was made immediately and clear as the daylight to come: the following morning I was going to present those loose-end snippets to the record dealer of my trust, just to let him build a conclusive picture of that puzzle. „Nightporter, the splitting of a cultband and a solo debut – does this make any sense to you?“ Coming home then with an album called Brilliant Trees and, studying fine arts at that time, with another one called Oil on Canvas as a bonusa Frank Auerbach painting on its cover, from a band I never heard of, containing this song called „Nightporter“. Listening to that brilliant fresh stuff I was happy and surprised. A shy, evasive and sophisticated guy with philosophical ambitions, a Pentangle bass player at his side, music that was at the same time folk, avantgarde, funky and ambient. A singing poet fearlessly setting sail, new beginnings. Courageous and romantic attitude, bright beauty spiced with doubt and darkness. Aren´t those the ones that really count who sing their own songs, single-handed written, telling about their true experiences, giving sincere insight to their unique life? What a fine guideline it was! A mirror, a Lifer. These were years with a genius for living.

 

 

 
 
 

Ein Männlein steht im Walde und überreicht uns den Ehrenbambi, weil wir jetzt so richtig alt aussehen?  Oder ist es der Bambi in der Kategorie Pop International? Nein, natürlich nicht! Hier schreibt auch nicht der Fan des „Einzigen“, geschweige denn des „Einfachen“ oder „Eintönigen“. Es geht um die Würdigung einer Musik, die in ihren Vocals gibt, und die in ihrer instrumentalen (Schlag-)Seite wieder nimmt. Aber das Ganze hebt sich nicht auf; die menschliche Stimme hat noch alles niedergerungen, was ihr zu Ohren kam, ganz gleich, ob dabei das harmonische Prinzip zur Anwendung gekommen ist oder nicht! David Sylvian macht seine Sache sehr gut: Seine Stimme hat etwas Tröstliches, etwas Lichtspendendes, etwas Vertrautes. Und die Musik macht das einzig Richtige: Sie transportiert in der Vielzahl ihrer Möglichkeiten die inneren Stimmen unseres Waldemigranten, der sich scheinbar im Unterholz der Töne verlaufen hat. Aber schon sehen wir die nächste Lichtung, die sich vor unseren Ohren auftut: seine Gesangskunst. Wer löffelt nun die ganze Ratlosigkeit aus, die die Kritiker umtreibt, seitdem das Rabbit seine Löffel abgab? Ich denke, rückbesinnend auf den o. g. Titel, daß der, dem sich diese Musik erschließt, der die Polarität überwindet, in all ihrem Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung -, ein-geweiht zu nennen ist, und somit … ein Geweihter. Allen anderen – mit Blick auf das Cover von „Manafon“ – sind die Hörner aufgesetzt. Sie sind die mit sanften Augen und schweren Herzen ausgestatteten Geweihträger.

 

2013 5 Okt

The Copycat Discussion (Eno vs. Sylvian)

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When I talked to Brian Eno in 1993 mentioning the name of David Sylvian I got a response that definitely showed no sign of amusement. Had Sylvian been stealing ideas and artists, a copycat in action? Sensitive matter! Facts: Brian played with Robert Fripp creating classics like NO PUSSYFOOTING or EVENING STAR (side one), later David invited Robert to play with him, for example, on GONE TO EARTH.

Brian collaborated with Jon Hassell creating some desert island discs (POSSIBLE MUSICS, DREAM THEORY IN MALAY), and then, well, David contacted Jon for some collaborative efforts that resulted in some decent work.

Though David’s ambient works were underrated in their era (PLIGHT AND PREMONITION), they never came close to the classics Brian Eno had produced in the 70s, and later on. DISCREET MUSIC, MUSIC FOR AIRPORTS, MUSIC FOR FILMS, ON LAND, APOLLO, THE SHUTOV ASSEMBLY … Holger Czukay crossed their ways, too. So sorry, Brian was, again, the first. This may produce raised eyebrows. Or is it only a question of age? And today? Brian Eno was always fond of spoken word pieces, and recently, well, both artists published (or contributed to) albums with spoken words. But a milestone of spoken word deliveries had been, without doubt, created by Eno & Byrne, a long time ago, MY LIFE IN THE BUSH OF GHOSTS.

Now, how to judge this? Both artists profit from collaborations, both artists released brillant song albums in the 70’s (Brian, ANOTHER GREEN WORLD, for example) and the 80’s (David, BRILLIANT TREES). I think there was inspiration in the air, and David transported areas of Brian’s music in his own territory. With good taste and a certain amount of cleverness. Was there a special competitive climate between artists in England? Sylvian had to get rid of the restrictions the early albums of Japan have shown. At least TIN DRUM offered some exits. And Eno was probably a role model for Sylvian in the way one could reconcile the avantgarde and the pop world without sacrificing visions. Eno was the one who opened the ambient landscapes, and Sylvian followed on his tracks.

Change of the scenery. Twentyfirst century. NINE HORSES in parts, and BLEMISH and MANAFON and MANAFON VARIATIONS for sure were fucking great albums by Mr. Sylvian. They rank among his best works ever. No Eno inflluence could be detected. And no ECM connection either. David had always loved to have ECM artists being part of his songs, from Kenny Wheeler to Steve Tibbetts. Even Terje Rypdal was asked. That has stopped, too. In recent times, and because of different reasons, David even stopped singing. His hard core fans are not amused. It is always a good sign when hard core fans are not amused. See Scott Walker. See Talk Talk. Nostalgia is a trap. And inspiration is fair enough, no copycats in action. Though Sylvian learned his Eno-lessons, no doubt about that. Brian, by the way, studied Steve Reich’s early works en detail, and drew exciting conclusions! (ME)

 
 

I always wondered why DS never mentioned Brian Eno in interviews, but …

From my point of view there is a fundamental difference, not only in the songwriting, but also in the experimental/ambient music of those two artists, that could in a way be compared to the difference between Ornette Coleman and John Coltrane: it’s a difference in spirit.

There are secular coolness, cheerful playfullness and easy-going humour in Enos music. David Sylvian however used electronics to point out a certain auratic/traumatic drama in “the difficulty of being” (J. Cocteau) and in personal, spiritual searching.

Does Eno like Sylvian’s songwriting? I do. (JS)

 
 

I don’t think that Eno likes Sylvian’s songwriting, especially the early solo-albums. On one side, we have the atheist Eno, on the other the „spiritual searcher“ Sylvian. (Though his masterpiece MANAFON was released in the aftermath of doubts and disbelief.) The lyrics of „classic Sylvian“ (Brilliant Trees, Gone to Earth, Secrets of the Beehive), too, belong to this category of artists searching for self-recognition and wisdom, a totally different approach. In fact, they have far less common ground than the line of artistic „soul mates“ they’ve invited to their albums might suggest.

And the singing? Two worlds, too. Here, on Eno’s part, the sharpness and dark wit, the undermining of wrong romanticism, and – simultaneously – again and again a yearning quality (listen to the song „SPINNING AWAY“). There, on Sylvian’s paths, a melodramatic attitude, a certain amount of pathos (never easy to handle), mythical sub-texts, religious metaphors. But, all of that changed since BLEMISH. So, maybe, Eno would possibly like this new late turn in Sylvian’s career. Because of the courage to attack the old formulas. (ME)

 
 

Blemish, then Manafon, Wandermüde (name is program) and actually the Kilowatt-Hour declare an intention to walk on that path between music and anti-music. Walking this fine line between the neither and the nor means: filtering or making music that includes a contra-pole, something different than music. There has to be an exit.

This is, how i interpretate Sylvians work in recent years: music as an antidot for outworn harmonies, sweet melodies and obsolete clishes. These are swan songs, it’s farewell-music – with a slight destructive touch. But something remains from the Brilliant Trees and Gone to Earth albums up to the present works: an atmosphere of subtil desire; romanticism, mystizism and (scuse me) … narcissism – even though in a homeopathic dose.

David Sylvian uses electronic effects to create more or less „mystic“ moods, as he ever did. To compare it with Eno again: one drives the screw in, the other one drives it out. Here stays the introverted and depressive subject: Orpheus with the blues. And on the other hand it is the objective, more relaxing sound: drifting through time & space … spinning away. (JS)

 

 

 

 

 

 

This year’s PUNKT FESTIVAL has been a beautiful affair. After being curated by Eno and Sylvian in the last two years, it was a kind of going back to the roots of PUNKT. The best thing is the Punkt aesthetic which is, beyond the art of live-sampling, a lesson in stripping down nearly every „big thing“ to chamber music size and a sensual „being-lost-in-the-laboratory“-agenda. David Sylvian’s trio, The Kilowatt Hour,  shows the silent triumph of an artist rigorously following his own visions and thereby sacrificing old fans‘ nostalgic expectations. In case you’re looking for the best visual choreographies of modern music history, you can start, maybe, with early Pink Floyd, and you’ll end up at The Kilowatt Hour. The duo of Jan Bang with jazz pianist Tigran Hamasyan (and special guest Eivind Aarset) was one of the most shining hours of the Punkt history, telling that jazz’s future might be well-grounded in playing with fractured dejavues and nearly lost echoes. By the way, Tigran’s musical life changed when he (once upon a time) listened to „Dis“ from Jan Garbarek and Ralph Towner. The sound of the wind harp ist still alive, folks! Another breathtaking event was the duo of a singer and a guitarist: Eteniesh Wassie’s  and Mathieu Sourisseau’s performance was bleak, really bleak, another stripped-down intensity in its purest form. In parts rooted in the East of Africa, their music covered the range from trance patterns to joyous noise. No wonder that especially these three performances in  Foenix Cinema and  Kick Scene were followed by live-remixes (with Erik Honore, Ivar Grydeland, Jan Bang, Audun Kleive, Arve Henriksen, Sidsel Endresen a.o.) that transferred the original sounds to a totally different landscape without losing the emotional impact. In spite of the election in Norway that went utterly wrong (bad news) we will have PUNKT No. 10 next year (good news).

In the past, a long time ago, really, a lot of people who were going to David Sylvian concerts thought they were supposed to dress in black and wear deadly serious faces. In fact this was a way in which they expressed, at least for some hours, a world view full of soft existenzial darkness incl. some silver linings ranging from spiritual relief to healthy escapism. Going to The Kilowatt Hour, the fabulous trio with David Sylvian, Stephan Mathieu and Christian Fennesz, should encourage to delete all these fashion rituals. „Cool“ and „uncool“ are no longer categories that count, you can even wear flowers in your head. Go there with your favourite clothes, from Hawai, Rio, Milano, the suburbs of Trenchtown,  or Woolworth, leave all attitudes and signs behind that suggest you are extremely melancolic, a constant visitor of dark zones, or at some other bottom ground of  a shadowy half-life. The words set to music and the stripped-down music of the trio don’t deserve any posh and high brow games of beautiful losers. The music opens up wide spaces, a vastness with a breathtaking visual choreography. The  stories told are dealing with death, dying and last exits (in a very unromantic way). The purity of the performance  deserves an open mind. No charades, please!

Da kommen sie, schlicht gekleidet, auf die Bühne des Lichtspieltheaters. Ein Deutscher, ein Österreicher, ein Engländer. Stephan Mathieu liebt alte Grammophone, Christian Fennesz das elektrische Gitarrenspiel von Neil Young, und David Sylvian die Gedichte von Emily Dickinson. Kein Pappenstiel, die folgenden 70 Minuten. Wer solch fein gesponnene Kammermusik aus dem Geiste von Ambient, Drone und Sample schätzt, oder Zeiten kennt, in denen man sich vom strengen Morton Feldman eine dunkelblaue Stunde verordnen lässt (um die Sinne zu schärfen), kommt dem kühlen Mr. Sylvian und seiner „Kilowatt Hour“ leichter auf die Spur. In gewissen Abständen betritt eine geisterhafte Stimme das Rund, die in einem verwitterten, betagten Amerikanisch allerlei Unheiteres erzählt, was wahlweise auf Krankheit, Sinnverlust, Drogen, oder letzte Anstrengungen schliessen lässt, ein Beckett’sches Endspiel läuft da vor unseren Ohren ab, der Resthumor wird vom letzten Licht verschluckt. Die Stimme erinnert mich an William Burroughs, diese staubtrockene Beharrlichkeit in einem Laurie Anderson-Song. Sharkey’s Night? (Wie ich am nächsten Morgen herausfand, stammen Stimme und Texte von Franz Wright. David Sylvian hat ihn besucht, und die Aufnahme geleitet.)  Die Kilowattstunde mutiert zur Tranceinduktion, lieber läge ich lauschend auf einer Hängematte. Wo kommen die Klaviertöne her, die durchs Dunkel taumeln? Immerhin greift Fennesz manchmal zur Gitarre und verströmt einen dezenten Hauch aus der Ursuppe der Rockmusik. Mit seinem Set-up sorgt Stephan Mathieu für jene  Weite, die jeder Beklommenheit, jeder Enge entgegen arbeitet. Überschwang geht natürlich gar nicht, die Stimme aus dem Off ist zwar merklich angeschlagen, duldet jedoch weder Zuspruch, noch milde Gaben. Das Höchste der Gefühle ist eine kurze flackernde Reminiszenz an ein altes Lied, aus Frank Sinatras Schallplatte „Only The Lonely“. A dead bird is not a dead bird, wittert die Stimme mit den zahllosen Jahresringen, Einrissen und Erosionen. Im Hintergrund ist die Bildsprache beredt und raumgreifend im besten Sinn, die Ähren wiegen sich im Wind, und der tote Vogel zieht seine Kreise im Traum eines Anderen. Existenzieller Stoff. Dunkelspieltheater. Aus. Vorbei.

 

„Wandermüde“ by Stephan Mathieu and David Sylvian. David Sylvian’s experimental breakthrough „Blemish“ (sound-cd ss001) sees a new interpretation in the album „Wandermüde“, by the remarkable electro-acoustic musician Stephan Mathieu. Working from the instrumental source material, Mathieu brings us a new experience of the most stirring textures and darkest thoughts from this pivotal album. (source: samadhisound)

 
 

 
Mathieu/Sylvian: „Saffron Laudanum“  (from Wandermüde)
 
David Sylvian: „The Only Daughter“ (from Blemish)
 
 
„Eine Parallelwelt zu BLEMISH. Niemand, kein Mensch auf Erden, käme, wenn er es nicht wüsste, beim Hören von WANDERMÜDE auf die Idee, hier würden die Masterbänder von Sylvians Wendepunktmusik bearbeitet.“

„Liegt hier vielleicht Sylvians Mitwirkung in homöophatischer Dosis vor?“

„Nun, er spielt hier schon einige Instrumente. Ob er etliche allerdings neu einspielte, oder ob sie auf BLEMISH ein eher verborgenes Leben führen, weiss ich nicht einzuschätzen. Ein sehr dunkles Album, das einen eher an ON LAND von Brian Eno denken lässt als an ein Songalbum von Sylvian.“

„Ursprünglich war Mathieus Bearbeitung als Begleitmusik gedacht – für ein iphone-App, das Sylvians Digitalfotografie präsentieren soll. Entstanden ist dabei etwas Eigenständiges. Man hört tatsächlich das originäre Blemishalbum, allerdings bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Mir gefällts: ja, es wirkt dunkel und ernst. Saturn ist im Spiel.“

„Bei „Wandermüde“ fällt mir auch gleich das Wort „lebensmüde“ ein. Etwas Dunkles, Resignatives, ist den letzten Werken Sylvians zueigen. Dieser neuen Musik hört man das grosse Gelingen an, sich aus Erstarrungen zu befreien. Und das war auch zu hören auf Blemish oder Manafon. Aber noch einmal: nichts Klangliches vom Original schimmert hier durch. Als hätte man durch Löschen und Übermalen etwas vollkommen Neuartiges schaffen wollen.“

„Der Anfang des Songs „Saffron Laudanum“ ist deutlich als Motiv aus „The Only Daughter“ zu erkennen.“

„S p u r e n e l e m e n t e. Wie im Mineralwasser. Selten so klar wie hier. Übers Ganze gesehen, betreibt das neue Werk Auslöschung. Und der Vergleich mit ON LAND hinkte insofern, als dass Eno im Unheimlichen Sehnsuchtsräume öffnete. Hier werden konsequent Unheimlichkeiten produziert, die Musik verharrt zu sehr im Schaurigen. Knapp oberhalb der Erstarrungsgrenze. Die Musik meistert dabei einen besonderen Balanceakt: sie ist gleichermassen faszinierend und schwer erträglich.“

„Blemish bedeutet ja: mit Fehlern behaftet – insofern ist diese kühle Mineralwasserfassung ein Kontrast zum Ursprungswerk. Als man Sylvians Wendepunktmusik erstmals hörte, im Jahre 2005, hielt man es für eine mutige Gegennullreduzierung von Musik bzw Songs. Im Vergleich zu Wandermüde war das aber das blühende Leben …“

„Erstaunlich, wie sich Extreme fortschreiben können! Immerhin: das letzte Stück des Albums, zu dem Fennesz, wenn ich mich nicht täusche, neue Sounds beigesteuert hat, funktioniert fast als Hoffnungsschimmer. Übrigens ist das Dunkle kaum eingebildet, man lasse sich nur die Titel der Kompositionen auf der Zunge zergehen.“


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