Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 19 Jun

In The Castle Of My Skin

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Sons of Kemet: In The Castle Of My Skin

Excellent video

 

Als ich das Foyer aus Glas und Stein meines Agenten betrete – jeder hat ja heute meist sogar mehrere Agenten: Versicherungsagenten, Kulturagenten, Finanzagenten, Gesundheitsagenten, Zeitagenten, Freizeitagenten, Geheimagenten, Entsorgungsagenten etc. – fällt mein Blick auf einen neuen FreeCard-Ständer in dem sonst puristisch leeren Raum. Zwischen den üblichen Sprüchekarten – „Streng mal die Synapsen an!“ – eine kleine bunte Karte auf der ein paar ungelenke Fußballer einer alten Zeichnung in geometrische Felder übergehen: eine Werbekarte für ein extraordinäres Technoalbum von Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick: Echo. Diese drei klassisch ausgebildeten Multiinstrumentalisten und Ausnahmemusiker fragten sich irgendwann einmal, ob es nicht möglich wäre mit akustischen Instrumenten ihrem gemeinsamen Faible für Technomusik Ausdruck zu verleihen und gleichzeitig, dank ihrer Schulung, etwas zu schaffen, was sich nicht immer gleich anhört. Ein paar Samples, Four to the floor, ein Laptop und nun ja, scheißegal wer dahinter steht, das konnte es ja nicht gewesen sein. Also klassische Instrumente samplen, einen alten Moog dazuholen, einen scharfen Groove im 17/4-Takt anstimmen und schon ist der kulturbeflissene Bildungsbürger ähnlich verwirrt wie der maximal rauschbetrancete Clubgänger gegen Sonnenaufgang. Das war 2010: You Make Me Real. Echt! Bop.

Fünf Alben später sind sie nun wieder nahe an ihren Ursprung zurückgekehrt und liefern mit Echo ein minimalistisches, humorvoll verspieltes, groovig-tanzbares und höchst originelles „Technoset“ ab, das sicherlich zu den spannendsten Veröffentlichungen dieses Jahres gerechnet werden muss. Gleich am Anfang kriegt man hier schon den Rest (soll wahrscheinlich eher Rast bedeuten, wäre dann aber als professioneller Hochstart das glatte Gegenteil) und arbeitet sich – Steve Reich lässt grüßen – über ein atmospärisch dichtes Stück nach dem anderen zum Titelsong Echoes (kein erkennbares Zitat an Pink Floyd!) bei dem Anna Wappel in ganz eigener Weise zu dem sich komplex rhythmisch verdichtenden Stück singt. Dazwischen kleine Chamber-Miniaturen, die zu Encore mit der französisch singenden Catherine Ringer überleiten und einen schließlich recht unvermittelt auf dem Mont Blanc absetzen. Mein Tanzagent und mein Kulturagent entspannten imperativ ihre Synapsen und empfehlen ausnahmsweise einmal spontan einstimmig diese intensiv minimalistische emotional vermenschlichte maschinelle Körpermusik; Echt: Echo

 
 
 

 

2019 9 Jun

Red Kite

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Als Kind hatte ich einen roten Drachen. Aus transparentem, wasserfestem Papier, das auf einen dünnen selbstgebastelten Holzrahmen aufgezogen war und am längeren Ende eine Schnur mit vielen bunten Papierschleifchen hatte. Und der flog phantastisch, wenn man ihn erst einmal in die Luft bekommen hatte, tanzte wild umher, manchmal unberechenbar und fast heiter, manchmal in beklemmenden Kurven direkt auf den Boden zu, so dass es einiger Geschicklichkeit bedurfte ihn vor dem Absturz zu bewahren und manchmal scheinbar zentrifugal, wobei er mich fast zum Abheben brachte.

Jahre später begegnete mir der rote Drachen wieder. Dieses mal als Blotter Art, wo sich ein verschmitzter Drucker wohl gedacht hatte, dass ein einfacher, klassischer roter Drachen das geeignete Symbol für psychedelisches Abheben sein müsste. Hier bleibt nur anzumerken, dass die Rechnung mehr als aufging und der Tanz zwischen den Welten einer ähnlichen Dynamik folgte wie mein roter Papierdrachen in Kindertagen.

Dieses mal tauchte er in meinem Briefkasten auf und gab vor das Debutalbum eines norwegischen Free & Heavy Prog Jazz-Rock Emsembles zu sein. Nach meinen Vorerfahrungen mit roten Drachen schien eine gehörige Portion Skepsis angezeigt zu sein, was für mich allerdings eher einen Anreiz darstellt als mich abzuschrecken. Also rein in den CD-Player damit und…-.–/////=..//==///..: – los geht’s mit einem Cover von Ptah, The El Daoud. Mit voller Wucht, filigraner Spielfreude und erheblicher Schärfe. Dagegen hört sich das Original von Alice Coltrane an wie ein esoterisches Kinderlied. Und dem fantastischen Basslauf, bei dem die Heavy Metal erprobten Musiker die Schnittstellen zwischen Jazz und Metal gleich exzessiv ausloten. Direkt danach gibts erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes ein paar ordentliche Einläufe, wobei der Zweck die Mittel heiligt: 13 Enemas For Good Luck. Spätestens bei dem Manöver wäre mein roter Papierdrachen hinüber gewesen: wild fetzend, rasant wegreissend und in elegantem Bogen abstürzend zugleich!

Das Quartett um den Gitarristen Even Helte Hermansen bringt in einem quasi-alchemistischen Prozess die Elemente von Jazz, Jazz-Rock, Metal und Free-Jazz zum Kochen, um sie dann zu etwas Höherem, Neuen nahtlos zu verschmelzen, wobei in jedem Ton die unbändige Spielfreude der Musiker brachial die auditiven Zentren im Hirn aufbohrt. Elephant9, Shining, Bushman’s Revenge und Grand General waren die Übungsfelder für diesen Stilamalgam, der sich bemerkenswert frisch und organisch zeigt.

Beim dritten Stück Flew A Little Bullfinch Through The Window wird es in fast rührender Weise skurril, psychedelisch und rhythmisch vertrackt zugleich, ohne dass der geneigte Hörer auch nur einen Augenblick eine Chance hätte zu vergessen, wo die Harke hängt. Und wer bei diesem Stück den Schluß verpasst findet sich unversehens in dem Fleischwolf des chaotisch-harmolodischen Heavy-Jazz von Focus On Insanity wieder, wo der Nordsturm all die Folgen der bunten Blotter-Bildchen wild durcheinanderwirbelt und eine Initiation der Intensität einleitet. Da fällt mir doch gleich Der Fliegende Robert von Heinrich Hoffmann ein, den ich wegen seines konsequent-anarchischen Potenzials und seiner kompromisslosen Abenteuerlust schon immer am meisten von den Geschichten Hoffmanns geliebt habe und mich immer schon gefragt habe, warum er ein mahnendes Beispiel sein sollte. Gleich einer Gabelweihe stürzt er sich furchlos in die Cumulus-Wolken und zieht davon:

 
 
 

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben.
Robert aber dachte: Nein!
Das muß draußen herrlich sein!
Und im Felde patschet er
Mit dem Regenschirm umher.

Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,
Daß der Baum sich niederbeugt!
Seht! Den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit.
Niemand hört ihn, wenn er schreit.
An die Wolken stößt er schon,
Und der Hut fliegt auch davon.

Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja, das weiß kein Mensch zu sagen.

 
 
 

You Don’t Know, You Don’t Know. Ich auch nicht. Robert ward nicht mehr gesehen und im letzten Stück wird er wohl friedlich, umgeben von narkotisierenden Wolken der Unwissenheit auf neuem Boden niedergegangen sein. Zurück bleibt das sanguinische Abbild eines hochkomplexen musikalischen Vexierbildes. Durch welche wilden Böen mein roter Drache geflogen ist weiß ich auch nicht mehr zu sagen. Jetzt aber ist er wieder heil am Boden und ich nehme ihn unter der Arm und gehe nach Hause. Ob ich es je wiedererkennen werde?

 
 
 

 

2019 30 Mai

An evening with Gurdjieff

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Als ich den Raum betrete, in dem Gregor immer seinen Platten- und Bücherschrank öffnet – genau genommen ist der ganze Raum der Platten- und Bücherschrank – zeigt Hans-Dieter gerade die Stelle auf, an der Carla Bley die Beatles aus Abbey Road gekonnt, aber unverkennbar zitiert und alsbald nahm das 3. Manafonista-Treffen zunächst in kleiner Runde langsam Fahrt auf. Zusammen tauschten wir Aktuelles und persönliche Erinnerungen aus und machten uns auf die Suche nach musikalischen Anregungen. Irgendwann erklangen die Harmoniumimprovisationen von Georg Iwanowitsch Gurdjieff von 1949, die zu den letzten von ihm selbst gespielten Aufnahmen gehören (er starb am 29. Oktober 1949) und die Atmosphäre im Raum verwandelte sich langsam und zunächst unmerklich. Die Gespräche wurden intensiver und tiefer und die subtile Intimität der 70 Jahre alten Aufnahmen fing an sich im Hintergrund zu verselbstständigen, was uns aber erst auffiel, als das Album gerade zum dritten mal durchlief. In ihrer einfachen und doch vollendeten, fast meditativen Weise stehen diese fließenden Improvisationen leise für sich, fast am Ende einer der ungewöhnlichsten Lebensreisen des letzten Jahrhunderts. Man möchte sie ganz zwanglos Joachim-Ernst Behrendts Hinübergehen – Das Wunder des Spätwerks zum Abschluß hinzufügen.

 

 

Bereits Mitte der 20er Jahre begann Gurdjieff seinen Schüler, den ukrainischen Pianisten Thomas de Hartmann, zu schulen – zunächst, in dem er ihn auf Reisen zu musikalischen Events schickte, damit er dann damit anfangen konnte, ihm die vielen hundert Stücke, die in den Jahrzehnten seiner Reisen gesammelt hatte, zu diktieren. In Our Life with Mr Gurdjieff  beschreiben Thomas und Olga de Hartmann wie das vor sich ging:

 

„Ich erlebte mit dieser Musik sehr schwierige und anstrengende Augenblicke. Manchmal pfiff Gurdjieff oder spielte mit einem Finger auf dem KLavier eine sehr komplizierte Art Melodie – wie es all östlichen Melodien zu sein scheinen. Diese Melodie zu erfassen, sie in europäischer Notenschrift aufzuschreiben erforderte eine tour de force.

Es ist interessant, genauer darzustellen, wie dies vor sich ging: In der Regel spielte es sich abends im großen Salon des Château (du Prieuré bei Fontainebleu) ab (und) das Musikdiktat fand stets vor jedermann statt.

Die Notation war nicht leicht. Während ich seinem Spiel zuhörte, mußte ich mit fieberhafter Geschwindigkeit die Wechsel und Doppelschläge der Melodie hinkritzeln, zuweilen bei Wiederholungen von gerade zwei Tönen. Doch in welchem Rhythmus? Wie die Betonungen kennzeichnen? Häufig gab es keine Spur von herkömmlichen westlichen Metren; der Fluß der Melodie ließ sich mitunter nicht durch Taktstriche unterbrechen oder unterteilen. Und die Harmonie, die den östlichen Klangcharakter der Melodie unterstützen konnte, vermochte man nur nach und nach zu erraten.

Nachdem die Melodie niedergeschrieben worden war, klopfte Gurdjieff auf dem Klavierdeckel einen Rhythmus, nach welchem die Begleitung zu gestalten war. Und als Krönung des Ganzen musste ich dann das Stück sofort spielen, wobei ich die Harmonie im Spielen improvisierte.“

 

Diese ungewöhnlichen und außerordentlichen Zusammenarbeit verdanken wir es, dass dieser weit kulturübergreifende Schatz nicht verloren gegangen ist und heute in wunderbaren Einspielungen vorliegen kann. Dabei wäre es müßig, hier auf die Sacred Hymns von Keith Jarrett hinzuweisen, die diese Musik einem weiten Publikum bekannt gemacht haben. Wesentlich weniger bekannt ist die von Robert Fripp produzierte Journey to inacessible Places von Elan Sicroff, der die Stücke mit unglaublicher Präzision und Dezenz spielt und ihnen so eine bemerkenswerte neue Tiefe abringt. Sicroff hat sich seit nunmehr mehreren Jahrzehnten mit dem musikalischen Lebenswerk Gurdjieffs auseinandergesetzt und dieses eingespielt. Hier bleibt es kaum noch vorstellbar, dass dieser wunderbaren Musik einmal diese traumhaft verwaschenen, fast jenseitigen Improvisationen auf einem Harmonium zu Grunde gelegen haben könnten. Auf Improvisations ist das zuletzt aufgenommene Stück vom 14. Oktober 1949, zwei Wochen vor Gurdjieffs Tod mit fast solemner Friedlichkeit, die wir an diesem Abend auch miteinander teilten. Danach war keine andere Musik an diesem Abend mehr möglich…

 

 

2019 22 Apr

Dark Star Safari

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Recently they took a picture of a black hole. Or does the title include a reminiscence to the last album of David Bowie? It opens up with a quiet and wide improvisation as the project started at all. Then the singing starts which seems to be very familiar. Obviously new but all still so familiar. Yes, they worked with Tigran Hamasyan on Atmospheres. one of the most extraordinary albums of 2017. And of course they recorded with David Sylvian severeral times. Now they’ve started their own Dark Star Safari. Listen!

 

 

 

2019 21 Apr

Time Travel into Liquid Sky

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Völlig irre Story: unsichtbare winzige Aliens sind auf der Suche nach dem ultimaten Kick, den sie vorzugsweise in heroingeflashten Gehirnen finden. So landen sie auf dem Dach eines neonbeleuchteten New Yorker Penthouses, das von der drogenbenebelten, androgynen und promiskuitiven Margeret und ihrer Loverin Adrian bewohnt wird. Margeret versucht in der New Wave-Fashionszene ein bisschen weiterzukommen und lässt sich mit erstaunlicher Indolenz auf diverse (oder auch mal perverse) Typen ein, die sie vögeln wollen. Während die Aliens entdecken, dass die körpereigene Opiatausschüttung beim Orgasmus der bessere Kick ist, kommt ihnen ein deutscher Wissenschaftler durch höchst obskure Hypothesenbildung gefährlich nahe. Doch dann beginnt die grelle Story zu eskalieren, Margeret kriegt an einem echt miesen Tag einen deftigen Run und ihre Geschlechtspartner haben auf einmal eine lange Kristallnadel im Kopf und verschwinden dann schlagartig.

Eine zugegebenerweise etwas krude Geschichte, wie sie nur in der New Wave-Szene New Yorks Anfang der 80er Jahre entstehen konnte, irgendwo zwischen Post-Punk, Fashionhypes und Discofieber, die mit teilnahmslos-paranoiden Realitätsverlust unterkühlt und optisch überzogen eine eigene surreale Welt mit fatalem Ausgang entfaltet. Dieser Low-Budget-Film von 1983 avancierte schnell zum Kultfilm und hielt sich 28 Wochen in den amerikanischen Top-Filmcharts und hat bis heute nichts von seiner künstlerischen Faszination verloren. Und der Soundtrack des Regisseurs Slava Tsukerman trägt mit seinem sehr reduzierten, wavig-technoiden elektronischen Sound viel zu der eigenwilligen Atmosphäre bei und ist nun endlich wieder zu haben.

 
 
 

 

Um der gepflegten Langeweile des Musikbusiness zu entfliehen entschieden die vier fiktiven Herren sich auf Kosten ihrer Plattenfirma auf den Weg in den hohen Norden zu machen und eine fremde archaische Kultur zu studieren, während andere noch mühsam versuchten nach dem Woodstock-Impuls etwas Eigenständiges zu kreiren. Die einen sagten, dabei seien Klassiker herausgekommen, die Anderen erfeuten sich gewohnter Kadenzen und wiederum andere gähnten, aber mehr aus Unbehagen. Und die fiktiven Herren fügten ihre Polarlichterfahrungen in einem konzeptionellen Netz aus Seehundsfellen und Walfischsehnen zusammen. Alle Geschichten des Albums werden in der Vergangenheitsform erzählt, denn heute sind die verbleibenen Mitglieder der fremden Kultur aus ihrem Elend gerettet worden und verbringen dem Kulturbürger gleich ihre Lebenszeit vor dem Fernseher. Genau genommen wissen wir aber gar nicht, wie weit die fiktiven Herren wirklich gekommen sind und schon gar nicht, wie viel mehr sie vielleicht nach innen als nach außen gereist waren. Fest steht, dass sie die archaische Sprache des fremden Volkes nie wirklich erlernten oder verstanden, aber auf nicht nachvollziehbaren Wegen eine Vorstellung ihrer Musikkultur entwickelten. Instrumente aus Tierfellen und -knochen bilden so das Zentrum ihrer Vision, die in ein subtiles arktisches Ambiente eingepflegt wurden und so ganz ohne Worte die überlieferten Geschichten von Walroßjagden, Geburt und Tod, Zauberern und bösen Geistern und der gefürchteten arktischen Hysterie erzählten. Ein entspannter Geisteszustand und eine warme Decke werden dem geneigten Hörer empfohlen. Da, wo im endlosen Weiß jede Struktur zu verschwinden droht ist ein rhythmisches Element das einzige, was noch etwas Halt und Orientierung im Orientierungslosen geben kann. Ein Klassiker, der seiner Zeit endlos weit voraus war und der zum Zeitpunkt seines Erscheinen verstörte und Verwirrung hinterließ und der jetzt remastered endlich wieder vorliegt, transparenter als je zuvor und immer noch in einer parallelen Zukunft verborgen. Ergänzt durch Ephemera, Stücke, die im Umfeld entstanden sind und teilweise auch andere ethnische Traditionen zitieren oder bizarre (Live-)Versionen einiger Stücke, vieles davon bislang unveröffentlicht. Um wer dann verloren sein sollte in arktischen Weiten, die rituelle Hysterie hinter sich gelassen hat und immer noch einen Expeditionsdrang verspürt, dem sei die bald erscheinende Deconstructed-Version dieses Werkes mit den einzelen Spuren der Tracks empfohlen, mit denen sich jeder seine eigene akustische Arktis erstellen kann. Eskimo.

 
 
 
            
 

Das klassische Piano-Bass-Schlagzeug Trio bietet eine ungeheure Bandbreite musikalischen Ausdrucks. Allein die Reduktion auf das Essentielle kann zu ungeheuer spannenden Ergebnissen führen und lässt sehr viel Raum für den individuellen Ausdruck jedes einzelnen Musikers. So finden sich hier sowohl äußerst innovative Gruppen aber auch jede Menge Stammhalter gepflegter Langeweile. Bei der Innovation stehen die frei improvisierenden Trios ganz vorne und auf der anderen Seite finden sich die ewig redundanten Interpreten des/der Standarts, die gut geeignet sind eine Absackerbar hintergründig zu beschallen und sich beim ausschließlichen Hinhören aber auch gut zur Schlafinduktion eignen.

Platon’s Hyperuranion ist das Reich der Urideen, die allen Phänomenen und Erfahrungen in idealer Form zugrunde liegen. Es ist ein Bereich im Überirdischen, wo sich alle Ideen gesammelt finden, die sich dann in Schönheit und Wahrheit in der phänomenalen Welt manifestieren. Es ist die ewige Quelle der Inspiration für die Seelen, die dann versuchen nach ihrer Inkarnation hier auf der Welt ein Abbild der Erfahrungen und Ideen des Hyperuranions nachzubilden. Sokrates stellte dieses Reich sogar über die Götter, deren Göttlichkeit sich aus dem unmittelbaren Wissen dieser idealen Urformen ergeben sollte.

In der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Alle? Nein, denn die Nacht schluckt die schwarzen, die unsichtbar werden und sich lautlos bewegen: auf den Dächern, in finsteren Winkeln, in lichtlosen Konzertkellern und dann plötzlich zuschlagen, um dann wieder so schnell mit der Dunkelheit verschmelzen, wie sie in Erscheinung getreten sind. Hier beginnt diesesmal alles mit einem heftigen Schlag: ein synthetischer Technopulse, der Katapultwirkung hat und mit einem bizarren „I’ve got Blisters on my feet“ durchwoben wird. Aber halt: was ist das eigentlich? Techno? Math Rock? Jazz? Wave? Zu diesem Zeitpunkt ist kein Urteil möglich, denn Chat Noir startet auf ihrem neuen Album Hyperuranion eher als Black Panther (wenn der Begriff nicht schon so besetzt wäre…) als als Katze. Vor mehr als einem Jahrzehnt von Michele Cavallari und Luca Fogagnolo als Jazztrio gegründet, bewegte sich die Band alsbald weg vom konventionellen Repertoire und begann, auch unter Hinzunehme von Gastmusikern, sich in experimentelle Gefilde zu bewegen. So half auf ihrem letzten Album Nine Thoughts For One Word bereits J Peter Schwalm den experimentellen Boden zu bereiten, der sich aber auf Hyperuranion viel intensiver neue Wege sucht. Dieses mal sind der schweizer Schlagzeuger Moritz Baumgartner und Daniel Calvi an der Gitarre mit von der Partie. Und auf vier Stücken Nils Petter Molvaer, der sich grossartig und unglaublich dezent in das Konzept dieses faszinierenden Klangreichs einfügt, aber nicht ohne die sphärische und jazzige Seite tiefer in das Gewebe dieser Musik einzufügen. Ein Großteil dieses Albums entstand im technoiden Gegenstück des Hyperuranions: in der Cloud. Hier wurden Ideen und Klangfarben gesammelt, um sie dann als Improvisationsgrundlage im Studio einzusetzen und den Ideen so eine subtile, wie kraftvolle Vitalität im Reich manifestierter musikalischer Formen zu geben. Längst hat Chat Noir hier das Piano gegen Synthesizer ausgetauscht und mit Samples und Entfremdungsmöglichkeiten gespielt.

Humanity klingt nach dem wavig-funkigen Opener ganz ruhig und fast ambienthaft sanft, von Molvaers Trompete getragen. Immediate Ecstasy zieht dann schon wieder an und lässt offen, ob die Schönheit der Klänge oder der Drang des Rhythmus den grossen Ideenreich entlehnt ist und geht dann fast nahtlos in das treibende Overcome, das überraschende und skurrile Wendungen bereit hält über. Quasar schwebt dann wieder im unendlichen Raum, Glimpse schaut verschwurbelt in bislang unbekannte Welten, denen beiden Molvaer warmen Atem einhaucht. Aus diesem Schweben bricht dann bei Ten Elephants eine Elefantenhorde hervor, brachial und bebend und wird von Matador Insects gefolgt, das ein unentwirrbares Labyrinth exotischer Klänge und Wendungen entfaltet, an dem ich mich nicht satt hören kann, um dann wieder in den primordialen Raum zu entschwinden, aus dem sich dieses musikalische Vexierstück manifestiert hat. Kraut-Jazz für die Götter, der mit einer unglaublichen Fülle an Ideen und Klängen spielt, tanzt, stampft, röhrt und sich ganz unsenitimental träumend wieder im Reich der ewigen Ideen verliert.

Chat Noir haben sich zum musikalischen Pendant von Schrödinger’s Katze entwickelt, bei der man nicht weiß, ob sie tot ist oder lebt, solange man die Kiste nicht geöffnet hat: Solange sie im Hyperuranion verweilen bleibt völlig offen in welcher Ecke des idealen Ideenreiches sie gerade Verstecken spielen bis das letzte Stück zu Ende ist. Ich bin dann mal weg …

 
 
 

 

2019 2 Mrz

Ein Tubaner! Ein Tubaner!

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Echte Tubaner sind rar geworden. Das letzte mal als ich einen sah, konnte ich von ihm leider nicht viel erkennen, genau genommen nur seine Beine. Mehr schaute hinter der gigantischen Tuba leider nicht von ihm hervor. Dafür gab er aber sonst in der kleinen Balkan-Jazz-Combo den besseren Funkbassisten ab. Vielleicht trägt unser aktueller Protagonist ja deshalb so gerne einen Hut. Und legt ein Debütalbum vor, dass es in sich hat. Hören konnte man ihn schon davor bei den Sons of Kemet und bei Makaya McCraven, wo er die Baseline stemmte. Und jetzt kommt Theon Cross mit Fyah und lotet die die Klangräume der Tuba gewaltig aus mit Unterstützung von Nubya Garcia am Saxophon und Moses Boyd am Schlagzeug. Mit Activate legt er gleich am Anfang die Devise fest und groovt mit Schwung los, bei The Offerings fällt es an manchen Stellen schon schwer, die Tuba überhaupt als Ursprung einiger Töne zu erkennen, wobei er auch im weiteren Verlauf mit den Stilen und Möglichkeiten sehr unprätenziös und beiläufig spielt. Erst bei Letting Go, lässt er tatsächlich etwas locker und pulst ruhig voran, fast hypnotisch und thematisch ein bisschen an eine  Mischung aus dem Lifer von Bengt Berger Bitter Funeral Beer und frühen Jon Hassell Stücken erinnernd. Bei Candace of Meroe und CIYA spielt die Musik in etwas anderer Besetzung, die hier durch Artie Zaitz, einen E-Gitarristen ergänzt wird. Da brodelt die Tuba wie ein musikalisches Schlammloch im Yellowstone Park, bebt im Untergrund, funky. Dazwischen gibt es noch Panda Village, entspannt und gegen Ende sehr elektronisch und zum Schluss – nicht ohne Zwinkern in Richtung des alten Clash Titels – LDN’s Burning, das final klarstellt, was hier gerade im Underground Programm ist. Tuba mit Turbolader.

 
 
 

 

2019 6 Feb

Under a Massive Attack

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Beim Betreten des kuppelförmigen Konzerthauses war bald im Hintergrund ein monotoner Subbassrhythmus zu vernehmen, der sich – nicht laut – aber beharrlich über eine Stunde ins Bewusstsein hämmerte und irgendwann unabweisbare Assozitionen zu dem großen Erdbeben- und Vulkanausbruchsimulator in Lanzarote aufkommen ließ. Ich empfehle immer gerne einen Besuch dort, weil sich dort herbe Naturkatastrophen bequem und effektreich in den Vergnügungstempel einfügen und für ein unvergessliches Erlebnis sorgen. Unter der Kuppel des Saales hingegen änderte sich nun etwas: es kam Musik. Erst beim dritten Hinhören erkannte ich einige 20 Jahre alte Top-Charthits, von Robbie Willams, Britney Spears, Aerosmith, Madonna, Cher und viele mehr, die zur Einstimmung auf das Bevorstehende einfach um des gesamten Frequenzbereichs oberhalb von ca. 2000 Hertz beraubt worden waren und so die Basstrukturen vor sich hinwummerten. Düster und grob entstellt. Ein Testfall für den Hörgeräteakustiker.

Grelles Gegenlicht. Die Musiker betreten die Bühne, keine Vorgruppe. Sie wäre ohnehin chancenlos gegen das gewesen, was nun kommt. Massive Attack, die von der ersten Sekunde an ihrem Namen mehr als alle Ehre machen. Der Subbass wird lauter, fängt an bei einem Velvet Underground-Cover genüßlich mit den Gedärmen zu spielen, während die restliche Musik und die hochkomplexe visuelle Installation wie ein Kunsttsunami von der Bühne über uns hinwegfegt. Mit grenzenloser Intensität und ungeheurer Wucht. Keine Kompromisse, keine Pause, kein Aufatmen dazwischen. Die Schallwand verschluckt uns mit einem Biss, jagt uns durch ein Universum von Bildern, die Zitate, Untermalung, politisches Statement oder quälende Konfrontation mit dem Schatten medialer Idiotie zugleich sind. Immer wieder werden Texte, teils auch in Deutsch eingestreut, die kryptische Aussagen verbreiten. Außerhalb des Vergnügungstempels geht der Krieg weiter. In der 2D-Welt leben die Toten weiter und lassen uns nicht los (wozu Ausschnitte aus Filmen mit längst Verstorbenen laufen oder auch mal im Nachtsichtmodus gefilmte reale Todesfälle). Wir leben in einer Dauerschleife. Lasst sie uns beenden und beginnen unsere Zukunft zu gestalten. Zwischendurch nette Accessoirs aus der Filmbranche z.B. Monstermasken im Großformat, Bilder aus dem Syrienkrieg und bizarre Sequenzen mit Putin und Trump. Was bei diesem Gesamtkunstwerk im Vordergrund steht lässt sich kaum sagen, weil jeder Welle sofort die nächste folgt. Es ist der 20. Geburtstag von Mezzanine und so werden nur die Songs von diesem Album gespielt und alle sind dabei, sogar Horace Andy und zum ersten mal seit Jahren wieder auf der Bühne die unübertreffliche Elizabeth Fraser, deren Gesangsparts nicht nur bei „Teardrop“ für höchsten Chill-Factor sorgen. Aber Massive Attack wären nicht, was sie sind, wenn sie nicht zwischendurch zitieren und covern würden. Wobei Covern hier heißt die Stücke in das akustische Gesamtgefüge mit nachdrücklichster Betonung des unteren Frequenzspektrums nahtlos einzufügen. The Cure, Ultravox, Bauhaus und nicht zuletzt den guten alten Pete Seeger, der schlichtweg in sein absolutes akustisches Gegenteil verkehrt, basslastigstens unerkennbar bleibt. Aber mit vollster Wucht von der ersten bis zur letzten Minute, konfrontativ und unausweichlich. Ein nicht verhandelbares Statement, künstlerisch komplex und vielschichtig, aber in der Haltung freundlich, tolerant, weltoffen und multikulturell. Volle Dröhnung, kompromisslos, konsequent. Noch nie eine so harte Performance gesehen, ohne dass mir die Ohren danach nicht gepfiffen hätten. Massive Attack. There are no enemies anywhere. I Will Love.

 
 
 

 


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