Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Kaum ist das Lieblingswerk des Japaners Hiroshi Yoshimura seit 1986 zum ersten mal wieder aufgelegt und damit außerhalb Japans überhaupt zum ersten mal erhältlich, hat Green es zu recht hier schon zum Reissue-Album des Monats geschafft. Der 2003 verstorbene Yoshimura gehört zu den Ambient-Pionieren Japans, ein Inspirator und Förderer von Kankyo Ongaku, der japanischen Version von Ambient music. Er schrieb Bücher über die Geschichte der Ambient music, über Soundinstallationen und über Tempelglocken. Bereits 1973 trat er mit umgebungsbezogenen Klangkunstinstallationen an die Öffentlichkeit und produzierte in Folge einige Alben. Sein Debütalbum Music for Nine Postcards dürfte den Lesern dieses Blogs ja auch schon bekannt sein.

Bei Green geht es nicht um frühe ökologische Klangverkompostung, sondern viel mehr, wie in Yoshimuras gesamtem Werk um shizukesa, was sich nur annäherungsweise als subtiles Konglomerat von Heiterkeit, Gelassenheit, Ruhe und Stille verstehen lässt und seine weiteren darin verborgenen Nuancen sich am besten beim Hören erschließen. Die Titel spielen alle mit dem Phonem „ee“, das hier eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt haben muss. Wenn Green im Sinne von Grün auf diesem Album eine Bedeutung haben soll, dann am ehesten in einer von anderen Musikern nahezu unerreichten Natürlichkeit des Klangflusses, der sich ganz langsam und selbstverständlich in den lang gestreckten Miniaturen entfaltet. Und ja, es gab einmal eine etwas längere amerikanische Ausgabe, die einen Mix mit Naturgeräuschen und Field recordings darbot, der sich aber dem Klangerleben eher abträglich erwies, weswegen es erfreulich ist, dass jetzt die Originalversion wiederveröffentlicht wird. Yamaha‘s DX7 war gerade neu verfügbar und ähnlich wie Brian Eno war Hiroshi Yoshimura von den klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments fasziniert und lotete diese gründlich aus, ohne dabei in der schlichten Leichtigkeit und Unbefangenheit der Musik die Klischee- oder Kitschfallen der üblichen esoterischen Sülze mitzunehmen.

Der Opener Creek beginnt mit hypnotischen und perkussiven Arpeggios, nicht weil das erste Stück eines Albums etwas mehr Drive haben sollte, sondern mehr um den Hörer in seiner bewegten und bisweilen hektischen Welt ganz organisch abzuholen und in die Stille zu führen. Mit feinsten Lautstärkewellen wird die Downregulation gebahnt, die sich dann in Feel über schwebenden Drones mit darüber perlenden schimmernden Synthesizerklängen entfaltet. In Sheep geht es mit aufsteigenden Melodielinien von bestechender Einfachheit, denen gelegentlich sanft metallische Klänge zur Seite gestellt werden ans Schafe zählen, um dann bei Sleep in angenehmen veränderlichen Klangfarben, die scheinbar ganz zufällig und unbefangen, von kleinen Pausen durchsetzt aufeinander folgen, in oneiroiden Zuständen die Orientierung zu verlieren und sie auch gar nicht wiederfinden zu wollen. Der Titeltrack spielt schwerelos mit einer einfachen Melodie, die einfach und völlig reduktionistisch durch den Raum schwebt. Er erinnert mich ein bißchen an einen ergreifenden Moment, wo mir eine psychotische Pianistin an einem späten Sommertagsnachmittag ganz leise und verhuscht, wie aus einer anderen Welt Chopinstücke ganz wunderbar in das warme Licht der Abendsonne vorspielte. Irgendwie jenseitig und seltsam frei von irdischen Bindungen. Feet erfüllt dann mit harfenähnlichen Patterns, die durch leise, pointilistische Pianoklänge durchwebt sind den Raum, in dem dann Street wieder etwas Erdung mit Bassakzenten anbietet und dabei die klassische DX7-Flöte, die in den 80er Jahren auf keiner Esoterikplatte fehlen durfte, erklingen lässt, was eine nahezu pastorale Atmosphäre schafft. Zuletzt erklingt Teevee (TV!) wie die Musik zu einem Filmabspann, die einfach nur sagen will: Das hast du doch alles nur geträumt, du hast dich virtuell verloren, nur dass die Farben jetzt ein bisschen intensiver leuchten und die Alltagstaktung in Zeitlupe davonschwebt. Musikalisches Microdosing.

 
 

 

Kann man mit obskursten Instrumenten hörbare Musik machen? Kann man die Ideen, Konzepte und Skizzen völlig verschiedener Musiker mit ästhetischem Gewinn zusammenbringen? Kann man sich gleichzeitig von den Vorgaben konventioneller Musik ganz zwanglos entfernen? Und was erwartet den geneigten Hörer dann? Bisher endeten solche Versuche meist in exzentrischen Kakophonien, die von einer Minderheit frenetisch gustiert wurden, die oft nicht unerheblichen Einfluß auf das musikalische Denken und Schaffen der Nachwelt hatten und dann blieb es oft bei einem anerkennenden ersten Durchhören …

Vor über 100 Jahren entwickelte der Physiologe und Universalgelehrte Hermann von Helmholtz eine Doppel-Sirene, die er für seine akustischen und physiologischen Experimente und Messungen verwendete und, wie mir scheint, nur wenig daran dachte, dass dieses sonderbare Gerät, bei dem Tonhöhe und Lautstärke raffiniert steuerbar waren, einmal in einem Musikensemble Verwendung finden könnte. Der amerikanische Komponist Harry Partch entwickelte Unmengen seltsamer und fremdartiger Instrumente, die er in außergewöhnlichen Stimmungen intonierte, bei denen eine Oktave auch schon mal mehr als 50 unregelmäßige  haben konnte. Auch hinterließ er viele Entwürfe und Skizzen mit Ideen zu weiteren Instrumenten, die jetzt posthum erneut von Thomas Meixner vom Ensemble Musikfabrik gebaut wurden und in ein Universum ungewohnter Klänge verführen. Als weiteres Element kommen die wunderbaren Sonambient Klangskulpturen des Italienters Harry Bertoia ins Spiel. Deren klangliches Spektrum kann man in seiner Complete Sonambient Collection genussvoll ergründen. Und aus all dem einen Cocktail mixen?

Phillip Sollmann macht das. Der in elektroakustischer Musik ausgebildete und an der Musique concrete geschulte Musiker, der sich als Efdemin als Technomusiker bereits einen Namen gemacht hat, ist hier genau der richtige Grenzgänger zwischen Minimal music, Techno, klassischer Experimentalmusik, Tanzbarkeit und auditiver Faszination. Mit Hilfe des Ensemble Musikfabrik führte er Monophonie 2017 in Berlin erstmalig auf und dann mehrfach im Rahmen der Ruhrtriennale. Und nun endlich liegt eine Studioaufnahme dieses exzentrischen Werks vor, die von dem ersten Glockenton des Albums an zeigt, dass in einer solchen gewagten Synthese das Ganze weit mehr als die Summe seiner Teil sein kann. Nach dem ersten Titel Chance war ich uneingeschränkt gewillt dem restlichen Werk eine solche zu geben. Und was da noch etwas sphärisch und anhebend war, steigert sich ab Rara schnell in rhythmisch und tonal hochkomplexe Strukturen, die sich aber nie als solche aufdrängen, sondern ganz selbstverständlich und fast beiläufig ihren Neuraum einnehmen. Über Micro steigert sich dann das Album zum zentralen und längsten Stück Motor, dass einen eigenwilligen Groove entwickelt, der sich langsam eskalierend bis zum Ende hin steigert. Stutter treibt in ähnlicher Weise voran, mächtig, aber ohne aufdringlich zu werden. Tape, Plain und U/O entwickeln etwas ruhiger die einzelnen Aspekte, mit teilweise spannender Dramatik, die sich subtil aus den minimalistischen Strukturen aufbaut. Das ist, wenn wir Jon Hassell weiterdenken, feinste Fifth World Musik, rein akustisch eingespielt und dabei so archaisch wie Stammesmusik der fernen Zukunft, die im finalen Mono nahezu ohne musikalisches Material nur mit rhythmischen Mitteln und den diversen Klangfarben der eingesetzten obskuren Instrumente eine unglaubliche Eskalation entwickelt, aus der man schließlich ganz sanft abgesetzt wird. Eine weitere Einführung und Videomitschnitte von Aufführungen finden sich hier. Eine Verbeugung vor drei alten Herren, die in ihrer gelungenen Synthese far beyond mainstream ein faszinierender Meilenstein dieses Jahres bleiben wird.

 
 

2020 7 Jun

Nippon Connection

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Die Nippon Connection ist das größte japanische Filmfestival außerhalb Japans und findet seit Jahren mit einem spannenden und kulturell höchst interessanten Rahmenprogramm in Frankfurt statt. Hier werden Neuproduktionen, Kurzfilme und oft bislang nur innerhalb Japans gewürdigte Filme einem internationalen Publikum, oft auch in Veranstaltungen mit den Regisseuren, vorgestellt. Dazu kommen meist ein paar Highlights aus den vergangenen Jahren und einige japanische Kultfilme, so dass es mir bisher jedes Jahr schwer gefallen ist in meinem sonst engen Zeitplan, mich für eine Auswahl zu entscheiden. Dieses Jahr wird das Festival coronabedingt online stattfinden und jeder kann sich über die Website des Festivals einloggen und für grundsolide 5 Euro einen Film innerhalb der Festivalzeit vom 9. – 14. Juni für 24 Stunden freischalten und im Heimkino schauen. Zu jedem Filmangebot gibt es eine kurze spoilerarme Beschreibung, die sowieso meist weit hinter den genreübergreifenden, teilweise bizarren oder surrealen oder sehr durch die japanische Perspektive (sofern es so etwas überhaupt so spezifisch gibt) geprägten Erlebnissen beim Schauen weit zurückbleibt. Als wichtigster nicht-japanischer Beitrag wird übrigens der neue Film von Werner Herzog Family Romance, LLC. zu sehen sein, der zwischen Spielfilm und Doku einen Blick auf die ungewöhnliche Welt des japanischen Leihfamilienmitgliedsgeschäfts wirft. Zwischen Experimentellem, Manga, Thriller & Splatter und feingeistigen Betrachtungen bis hin zu Romanzen mit nicht so ganz konventionellem Ausgang ist alles dabei und zudem gibt es noch ein teilweise kostenfreies virtuelles Rahmenprogramm. Vielleicht ist für die vielen Filmfreunde hier im Blog das eine oder andere dabei, off the beaten track …

 

skandierte David Byrne mit gequält dünner Stimme in Robert Fripp’s Under Heavy Manners und endet nach einigen düsteren Glockenklängen ein paar Takte weiter schließlich mit dem kryptischen „I am resplendent in divergence“. An meinem Arbeitsplatz kann ich auch Glocken hören: auf der anderen Seite des flachen Tals, in dessen Sohle der Schwarzbach fließt, liegt der Friedhof, von wo die Totenglocke über den ganzen Ort erklingt. Sie ist nicht besonders obertonreich und verbreitet eine triste Monotonie, die den Verstorbenen wahrscheinlich den Übergang erleichtern und den Lebenden ein düsteres Mahnmal ihrer Endlichkeit sein soll.

Die Spannbreite der Glockenklänge ist enorm und wegen einiger Besonderheiten ihrer Akustik ein nicht ganz so einfach, aber dafür um so effektvoller einzusetzendes Instrument. Curt Sachs definiert „Die Glocke ist ein Aufschlaggefäß mit klingendem Rand und stummem Scheitel“ – kürzer geht’s nicht. Allerdings ist die Komplexität und Vielfalt eines Glockenklanges so groß, was damit beginnt, dass der so genannte Schlagton nicht messbar und nur virtuell existiert und je nach Form, Material und Größe sehr viele, teilweise auch nicht harmonische Teiltöne erklingen, die je nach Tonhöhe und Resonanz zum Gesamtklang unterschiedlich schnell abklingen oder in hochkomplexen Schwebungen verhallen können. All das wiederum führt dazu, dass das Gehirn des geneigten Hörers mit einer einfachen Zuordnung des Klangereignisses schnell überfordert ist und hochtaktet, indem es möglichst viele, gerade nicht erforderliche Funktionen aufs Abstellgleis befördert, was dem Einsatz von Glocken im sakralen Umfeld die Tore weit öffnete und eine der kulturhistorisch ältesten Einsatzmöglichkeiten von Glocken seit der Bronzezeit darstellt. In diesem Spektrum faszinieren mich zwei Alben, zwischen denen sich die ganze Bandbreite klanglicher Möglichkeiten ausbreitet: da ist einmal Brian Eno’s Bell Studies for The Clock of The Long Now, der mit synthetischen Studien nicht nur die Klangräume möglicher Glocken ausschöpft, sondern die Muster auch in den Raum nicht real zu erzeugenden Klangkörpern hinentransponiert und so quasi unmögliche Glocken schafft. Zum anderen ist da Tsering Tobgyal’s Art of Meditation, der in ganz unesoterischer Weise die Tiefe der Wirkung tibetischer Klangschalen (per definitionem auch zu den Glocken gehörig) auf den Geist auslotet und in fast schroffer, rhythmisch nicht immer durchschaubarer Weise die geistige Reset-Taste betätigt.

 

 

        

 

 

Diese beiden Aspekte führt ganz aktuell Jon Hopkins in Meditations zusammen, in dem er gewaltige Klangräume schafft, die elektronisch verfemdet in fast brachialer Weise über sich hinauswachsen und den Geist zum Innehalten zwingen. Hierbei bedient er sich der archaischen Figuren und zeigt sich andererseits ganz unüberhörbar von Brian Eno’s Einfluß und den Bell Studies inspiriert.

 

 

 

 

Musikalischer hingegen geht es in Hedrik Weber aka Pantha du Prince’s zweiter Kollaboration mit The Bell Laboratory (nach Elements of Light) in Conference of Trees zu, wo in subtiler Weise zu diversen Drones und Klängen überwiegend selbstgebauter Instrumente eine leise und sehr hinter- wie tiefgründige Kommunikation stattfindet, die Patterns pflanzenhaften Austauschs reflektieren soll. Unterstützt wird er dabei auch von Håkon Stene und Bendik Hovik Kjeldsberg und weiteren Musikern, die mit dem früher primär elektronisch Produzierenden akustische Arrangements erarbeiten und dabei eine ganz eigene Art von Ambientmusik entstehen lassen. Ein feines Gewebe, dass an den indischen Mythos von Indra’s Netz denken lässt, das den Ausgangspunkt der manifesten Schöpfung darstellt und gleichzeitig die Einheit und Verbundenheit von allem miteinander veranschaulicht. Intim.

 

 

         

 

 

Auf eine ganz andere Art intim ist die ganz frische Veröffentlichung des Albums Nocturne anlässlich des 83. Geburtstags des letzten verbliebenen Can-Mitglieds Irmin Schmidt. Es ist der Mitschnitt eines Livekonzerts beim letztjährigen Huddersfield Contemporary Music Festival mit drei improvisierten Stücken: Klavierstück Zwei, das bereits in einer kürzeren Studioversion auf seinem letzten herausragenden Album zu finden war, dem Titelstück Nocturne, in dem Samples eines tropfenden Wasserhahns ein eingenwilliges Klangszenario liefern, das in unglaublich faszinierender Dichte das letzte Stück Yonder vorbereitet. Die Klänge von Glocken haben Irmin Schmidt schon seit seiner Kindheit fasziniert, wie es in diesem Interview berichtet und so hat er über viele Jahrzehnte diverse Glockenklänge gesammelt und nun zu einer atemberaubenden Liveperformance mit präpariertem Klavier bis an die Grenze des Unerträglichen verdichtet und gesteigert. Angesichts der Intensität dieser Aufführung verstummte das Auditorium vollständig und der Applaus nach Ende der Performance ist Erlösung und Übersteigerung dieses außerordentlichen Stückes zugleich. Bells, I can hear bells. They are resplendent in divergence.

„Gleich verschwinde ich“, sagte der Gast nüchtern und begann zu zählen: „Fünf … vier … drei …zwei … eins …“ Gurdjieff hatte zwar eindrucksvoll gezählt, kurz auch eigenartig gewackelt, wie ein Fernsehbild bei schlechtem Empfang, doch er verschwand nicht. Lediglich ein Klicken in seinem Bauch war zu hören, und schwarzer Ruß stieg ihm aus den Ohren, begleitet vom Geruch verbrannten Gummis. … Immer mal wieder sprang er auf, verkündete, er glaube zu verschwinden. Er schloss die Augen, rülpste etwas Ruß hervor und murmelte leise „Drei … zwei … eins …“ Er verschwand nicht. Irgendwann gab er auf. … Er erwies sich als guter Erzähler, märchenhaft und phantastisch, wobei nichts davon im Internet ausfindig zu machen war. Auch in der zeitgenössischen Popmusik war er verdächtig gut informiert …

 
 

Diese Passagen aus Zaza Burchuladze‘s skurrilem und höchst lesenswerten Roman Der aufblasbare Engel, in dem der bisweilen absurde Zustand der georgischen Gesellschaft bizarr und voller schwarzem Humor persifliert wird, geben auch dem Schatten Gurdjieffs (wörtlich: „Der Georgier“) bis in die Gegenwart hineinreichend eine Rolle als Gaukler, Trickster, der es mit den traditionellen Werten nicht so ernst nimmt, dafür aber umso mehr vor originellen Einfällen sprüht.

Georgien hat eine der ältesten und reichsten polyphonen Musiktraditionen dieses Planeten, deren Erforschung G.I. Gurdjieff einen gewichtigen Teil seines Lebens widmete und vieles davon in den Klaviertranskriptionen Thomas de Hartmanns hinterließ, wovon hier ja schon häufiger die Rede war. Jetzt hat sich der georgische Keyboarder Giorgi Mikadze in seinem amerikanischen Exil in seine Fußstapfen gewagt und versucht den musikalischen Traditionen einen zeitgemäßen und jazzigen Rahmen zu geben. Dabei hat er die mikrotonalen Stukturen, die feinen Ornamente und Melismen orientalischer Musik, die komplexe Polyphonie und Polyrhythmik neu interpretiert indem er mikrotonale Keyboards in Verbindung mit bundloser Gitarre (David Fiuczynski), bundlosem Bass (Panagiotis Andreou) und Schlagzeug (Sean Wright) zusammen jammen lässt. Gemessen an der bei uns vorherrschenden temperierten Stimmung (die übrigens von den meisten Ethnien dieses Planeten als grob verstimmt erlebt wird, etwa so wie für uns eine chinesische Oper klingt) hört sich das Ganze oft „knapp daneben“ an, gezogen, diskret dissonant, wobei genau das ungewohnte Spannungsbögen aufbaut und uns in ungewohnte Hörgefilde mitnimmt. Diese Klangräume, die Giorgi Mikadze bisher mit seinem Ensemble Basiani, das auch hier bei drei Stücken mitwirkt, noch eher traditionell umsetzte, gelingen hier durch den Kontext eines Jazzrockensembles deutlich weniger traditionell, obwohl Fragmente und Zitate lokaler, aber auch globaler Musikkultur reichlich aufgegriffen werden. So entstehen Spannungsbögen und innovative Figuren, treibend, tanzend, exotisch. Im Mittelpunkt des Albums steht ein rockig interpretiertes traditionelles Klagelied, in dem die Sängerin Nana Valishvili den Opfern des kriegerischen Konfliktes mit Russland 2008 in schleppender, verinnerlichter Traurigkeit ein Andenken setzt. Ein eigenwilliges Gefüge, in dem im wahrsten Sinne des Wortes die feinen Zwischentöne ein kleines Stückchen Neuland gestalten: Georgian Microjamz

 
 

„This is actually not my music. It‘s a combination of different experiences, different cultures and different composers that evolve the music we‘re playing together …“

 

Schon sehr früh hörte sich Maxwell Sterling durch die Plattensammlung seiner Eltern (nicht unbedingt nur ein Klischee, sondern oft inspirierende Realität vieler jüngerer Musiker) und entdeckt dabei seinen Zugang zum Jazz. In seiner Jugend begann er als Bassist, erst E-Bass, dann Kontrabass und schließlich auch Exkursionen auf dem legendären Octabass, der mit seiner tiefsten Saite Abstiege bis 16 Hz unter die Hörgrenzen des Normalsterblichen ermöglicht. Als Komponist machte er bereits früh von sich zu hören und zog bald nach LA, um dort Filmmusik zu entwickeln. Als Metavision seines Schaffens für Hollywood debütierte er 2016 mit Hollywood Medieval, einem höchst bemerkenswerten, vielschichtigen und musikalisch originellen Album.

Im Auftrag von Nottingham Contemporary komponierte er Musik, die zu einer Ausstellung von Moki Cherry, Penny Slinger und einer Sammlung statischer Musikinstrumente den klanglichen Kontrast liefern sollte und schuf dabei etwas ganz Neues. Eine Art meditativer, psychedelischer und unaufdringlich vor sich hin pulsierender Jazz, der leise zitiert, in Laced auch ein paar Don Cherry-Samples subtil verarbeitet, daneben ein Harpsichord und vogelähnliche Klänge, die über leisen Drones schweben. Ganz langsam und hochkomplex ohne sich damit auch nur einen einzigen Augenblick aufzudrängen und sogartig hypnotische Tiefen ganz beiläufig zu entfalten. Dabei entfaltet jedes der über 10 Minuten langen Stücke eine ganz eigene Trance in den geisterhaften Vexierspielchen aus Hörerfahrungsversatzstücken. So beginnt With Rumour mit an die Endlosschleifen alter Brian Eno-Alben, am ehesten an Discreet Music erinnernde Loops, in die sich ganz nebenbei kleine Geräusche und ein altes Piano einschleichen und jegliche Zeit vergessen machen. Eine verhallte Bassklarinette unduliert in der Nebelhaftigkeit dieses ungemein faszinierenden Postjazz. Dann eröffnet ein leises Klavier (ein bisschen an Michael Nyman’s Decay Music erinnernd) Loud-Speaker, zu dem sich bald ein noch leiserer Subbass und das murmelnde Ziehen von gequälten Streichinstrumenten unirdischen Ursprungs gesellen, die halluzinatorische Möbiusschleifen in hochdimensionalen Räumen verwinden ohne jemals dabei aufdringlich zu werden. Sogar das Bodenlose verliert seine räumliche Orientierung und wird fast unbemerkt ein Teil des psycholytischen Ambientes. Of Truth beginnt mit grummelnden synthethischen Klängen, zu denen sich wie zufällig dazu improvisiert akustische Klangfragmente einfinden, die den Fluß des surrealen Erlebens noch einmal verlangsamen und in dunklere, aber warme Gefilde führen. Selbst bislang ungehörte Klangformen hören sich hier ganz natürlich an, verschachteln sich und entziehen sich fast unbemerkt einer geordneten Musikwahrnehmung, ohne aber der der wohligen Verlorenheit in dieser fein versponnenen Komplexität den Boden zu nehmen. Und nicht zuletzt scheint dieses außerordentliche Album ein Eigenleben zu entwickeln, sich hintergründig zu verändern und bei jedem Hören wieder in neuen Variationen zu präsentieren. Es infiltriert meinen Geist mit den wenigen Klangtupfern, die erforderlich sind, um die große Stille erfahrbar zu machen, gleichzeitig musikalisch zwischen allen Genres sich bewegend. Bislang das bemerkenswerteste Album dieses Jahres, das zudem seit langem endlich wieder einmal eine mandalaartige Handarbeit Moki Cherry’s auf dem Cover ziert.

 
 

Eigentlich sollte diese Musik nicht „Musik für verstimmte Klaviere“ sondern genauer „Musik für besonders gestimmte Klaviere“ heißen. Der englische Musiker, Instrumentenentwickler und Komponist Max de Wardener hat in den vergangenen beiden Jahren mit Hilfe des Klavierstimmers Laurence Fischer eine Reihe sehr eigenwilliger und tiefgründiger Stücke realisiert. Dabei verwendete unterschiedliche Stimmungen: die Pianola-Tunings von James Tenney, eine tonal eingeschränkte Stimmung in der Naturtonleiter nach La Monte Young und in den unheimlichsten und atmosphärisch dichtesten Stücken des Albums Deranged Landscape und Doppelgänger eine spezielle Stimmung nach Harry Partch. Dazwischen gibt es für die „familiäre Perspektive“ auch einige Stücke in temperierter Stimmung, die aber durch den Kontrast etwas durchaus befremdliches bekommen. Teils überlagert er verschiedene Tunings wie bei Spell und setzt gelegentlich auch ganz dezente elektronische Akzente. Das hört sich manchmal an wie ein Gamelanorchester im Nebel, wie die Geisterhände eines verstorbenen Pianovirtuosen auf einem verstaubten Klavier in einem verlassenen Haus irgendwo an der englische Küste oder dem Versuch einen Entwurf von Steve Reich auf einem kaputten Barpiano zu realisieren. Alle Stücke werden von dem großartigen Kit Downes gespielt, der souverän verhindert, das sich auch nur bei aller Obskurität für einen Augenblick der Eindruck von Dilettantismus oder Defektbewältigung einschleichen kann, sondern ganz im Gegenteil diese sonderbaren, musikalisch hochorginellen Miniaturen ganz selbstverständlich, fast so als ob es diese Schwebungen, Dissonanzen und Verzerrungen nicht gäbe, erklingen können. Dabei entsteht ein Flow, der mit einer fast ambienthaften Leichtigkeit durch das ganze Album trägt. Eines der originellsten und musikalisch bemerkenswertesten Alben dieses Frühlings. Dann wäre nur noch die Cover-Art zu erwähnen, die von der Künstlerin Penelope Umbrico mit Smartphone-Apps geschaffenen fragmentierten und abstrakten Bergsilhouetten, die optisch umsetzt, was die exzentrische Musik an Entfremdung entfaltet.

 
 

2020 26 Mrz

A local ETHNA outburst

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Seit über 60 Jahren ist der Jazzkeller in Hofheim Brennpunkt und Schnittstelle alternativer und anarchistischer Gegenkultur im sonst eher kleinbürgerlichen Vorstadtmilieu. Von hier aus wurde viele Jahre lang das Hofheimer Jazzfestival organisiert, zu dem fast alle Größen des Jazz früher oder später einmal die in den besten Zeiten völlig überfüllte Stadthalle beehrten. Früher in einem alten Gewölbekeller mit einem metertief mit Bier getränkten Lehmboden und zwei winzigen Fenstern wurde er 1991 in einen Lagerkeller am Bahnhof verlegt, was völlig neue technische Möglichkeiten eröffnete. Wie viele wunderbar psychedelische Abende ich dort seit Teeniezeiten verbracht habe vermag ich heute nicht mehr zu sagen, auch weil viele davon dazu beitrugen, wodurch auch immer assistiert, tief in die Gegenwart einzutauchen und mir kaum Gelegenheit ließen sie in ihrer Fülle in meinem Gedächtnis überhaupt abspeichern zu können.

 

 

 

 

Neulich treffe ich beim Einkaufen Thomas Zöller, der hier vor Jahren die Dudelsackakademie gegründet hat, der mir von einem neuen Projekt erzählte. Fusion und Improvisation im Jazzkeller. Neugierig fand ich mich ein paar Abende später in vertrauten Gefilden ein, um mich überraschen zu lassen, denn bislang gefielen mir seine interkulturellen Musikprojekte immer sehr. Dieses mal war ich aber nur sehr unzureichend darauf gefasst, was mich in den kommenden anderthalb Stunden packen und herumwirbeln sollte. 9 Musiker auf der winzigen Bühne, alle mit Instrumenten, die im mittleren Frequenzbereich ein hohes Überschneidungspotenzial haben. Und schon durchbrach ein schottischer Dudelsack das wartende Geraune des Publikums. Eine Drehleier stieg ein, eine traditionelle Folkmelodie. Aber halt, was war das? Wie eine Vulkaneruption setzte die restliche Band ein und was gerade noch traditionell klang war auf einmal eine wilde Mischung aus Funk, Jazz, Elektro und Folk. Nahtlos die Übergänge, gnadenlos die Sprünge, wild der Drive, der Overdrive zwischen Bombarde, Bass und Schlagzeug. Kaum zu fassen, wie nah sich die die verschiedenen Stilrichtungen dieser bizarren Mixtur kommen, miteinander verschmelzen um Sekunden später über die Schönheit eines weiteren musikalischen Spagats zu tanzen. Alles improvisiert spielen die Musiker sich die Bälle zu, die genauso wild tanzen, wie inzwischen das Publikum. Funky licks manche traditionellen Melodien so verfremden, bis alles in einer Kernschmelze des Ungehörten fusionieren kann und dazwischen eine Drehleierspielerin, die aus ihrem elektrischen Instrument mehr rausholt, als es vielen routinierten E-Gitarristen in ihrer Laufbahn je gelingen sollte. Ekstatisch und musikalisch zwischen allen Stühlen (die dann ohnehin nur im Weg herumstünden), eine brodelnde Panazee gegen alltägliche Übervernunft und nebulöses Untollsein! Ecstatic outbursts: Ethna.

 

 

2020 29 Jan

Mixing Colours

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Fast zwei Monate werden wir noch warten müssen, um die neue Kollaboration von Roger und Brian Eno hören zu können. Mit Celeste ist ein schon sehr vielversprechendes Stück vorabveröffentlicht. Etwas mehr Informationen dazu gibt es hier.

 
 

Patchouli war der Duft einer ganzen Generation. Schwer und süß durchwaberte er wenigstens ein Jahrzehnt nach 68, erdete und wirkte dank der in dem ätherischen Öl eines asiatischen Lippenblütlers reichlich enthaltenen Pheromonen besänftigend und aphrodisierend auf die Sinne und den Geist. Ein Duft, der sich harmonisch mit dem aromatischen Rauch feinen, pur gerauchten Haschischs vertrug, inspirierte und intime Räume öffnete. Eine Essenz der Nacht. Total Falsch. Das dunkle Blau der späten Abendstunden senkt sich in Zeitlupe in den Raum und nimmt ihm jede Gegenwärtigkeit. Zu langsam für die übliche Entschleunigung. Verwirrung am Strand. Wo bin ich wenn der Klang des Saxophons heranschleicht, Glaub mir kein Wort. Patchouli Blue. Wenn das einmal Jazz gewesen wäre, hätte ich geträumt. Von meiner Jugend, Musikhören in Räucherstäbchenschwaden und still verliebt sein. Deine Kusine. Vergessen & Vorbei. Die Titel bleiben kryptisch: Sollen es doch alle wissen! Tief Gesunken, nein, versunken in die nachtschwarzen Schwaden, die die Bar am Rande der Unendlichkeit mit ihren letzten, einsamen wie sehnsüchtigen Gästen, durchwabern. Blicke aus dunkelbraunen, wehen Augen, Zwei Herzen aus Gold. Sag Mir, Wie Lang. Ich weiß es nicht, Jahrhunderte vielleicht? Das fahle bunte Licht scheint auf die Totenschädel, ein Bild wie auf einer alten mexikanischen Totenfeier. Ein Requiem für kulturaffine Untote. Jenseitig könnte es schöner sein, aber warum am Steg des Fährmanns ins Totenreich noch etwas wähnen, denn Meine Welt ist Schön. Und sehr, sehr langsam, kurz vor dem Stillstand. Die Herrlichkeit der Schatten, durch die Fragmente bunten Lichts orientalischer Schatzhöhlen funkeln, werden verzerrt und ihrer Düsterkeit in melancholisch süßer Schwere entrückt. Wem das zu phantastisch erscheint oder wer glaubt der narkotisierende Rauch einer Opiumpfeife habe meine Sinne verschleiert der höre sich die Stücke von Patchouli Blue, dem neuen Album von Bohren & Der Club of Gore auf YouTube an und nutze die Funktion bei den drei Punkten, die Stücke einfach nochmals in halber Geschwindigkeit abzuspielen …

 
 
 

 


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