Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Manche Alben müssen ein kleines bisschen reifen bis sie fassbar geworden sind und Worte für sie entstehen können. Der Sommer ist vorüber, der Vorabend zur herbstlichen Zeitumstellung (wann wird dieser Schwachsinn denn endlich abgeschafft?) ist gekommen, mein Schwager hat seinen Rotwein nun bald fertig bereitet und einige Veröffentlichungen aus den vergangenen Monaten laufen an den länger werdenden Abenden immer noch auf meiner Anlage. Zeit diesen elektronischen Kleinodien ein paar Zeilen zu widmen.

Da ist erst einmal J. Peter Schwalm mit How We Fall. Nachdem bei ihm ein inoperabler Hirntumor gefunden wurde, musste er sich den anderen nicht gerade angenehmen Behandlungen, wie einer Bestrahlung unterziehen, was seine Produktivität zunächst völlig zum erliegen brachte, aber auch dazu führte, dass sich innerlich sehr viel anstaute, dass sich schließlich in einer langsamen Rückkehr ins Studio seinen Weg ins Klangliche bahnte. Dabei griff er auf Kompositionstechniken zurück, die er Jahre zuvor mit Brian Eno begonnen hatte zu entwickeln, insbesondere auf das Multitrack Composing, bei dem unterschiedliche Ideen auf Parallelspuren unter Stummschaltung der jeweils anderen eingespielt und nachher komplex elektronisch verfremdet werden. Herausgekommen ist eine ambiente Klangwelt, die sehr eigene, weite Räume aufzieht, die in leisen Reminiszenzen zu verfremdeten Orten seiner Kindheit Bezug nehmen. Aber in Erweiterung zu den früheren Arbeiten spürt man die Spannung, das Treibende, die Intensität im Hintergrund sehr viel klarer, die sich dann mit spröder Schönheit den Weg in den Vordergrund bahnen. Da tritt viel Akzidentielles in die Klangräume, mal ganz leise, mal ungehört und fremd, mal etwas dramatischer, um schließlich aber von einem erfahrenen Musiker und Produzenten ganz fein in eine Balance gesetzt und mit sehr dezenten und dennoch gewichtigen Beiträgen von Eivind Aarset und Tim Harries durchwoben zu werden. Ein subtiles und recht vielschichtiges Erlebnis!

Vor einigen Tagen wurde in den Kommentaren noch über Brian Eno’s Engagement für das BDS -Movement geschrieben, wo ich dieses Mal gar nicht erneut einsteigen möchte, sondern hier lieber das Album einer Palästinenserin vorstellen möchte. Um es vorweg zu nehmen: Rim Banna ist tot. Gestorben an dem Tag, an dem ihr letztes Album Voice of Resistance final abgemischt wurde. Neun Jahre kämpfte sie gegen eine Krebserkrankung, die sie schließlich 2015 ihre Stimme kostete und dieses Jahr nun auch das Leben. Singen konnte sie kaum noch, aber sprechen. Sie hatte immer noch etwas zu sagen und wollte nicht leise werden. Und ging in diesem letzten Werk noch einmal weiter als bei ihren früheren Aufnahmen. Mit Hilfe des tunesischen Elektroniktrios Checkpoint 303, das MRT-Bilder der Künstlerin in Musik, Knirschen und Knacken umsetzte und des norwegischen Pianisten Bunge Wesseltoft gelang es ihr ein eindrucksvolles und musikalisch durchgehend spannendes Statement zu hinterlassen, mal intensivst sprechend, mal in Sprechgesängen, mal in rauen, fast gebrochenen Gesangslinien und zuletzt durchs Telefon. Ein wunderbares Stück Weltmusik und Kulturerbe, das in ungebrochener Kraft und Schönheit strahlt und selbst angesichts des Todes nicht in Bitterkeit verfällt, sondern mit größter Selbstverständlichkeit die Voice of Resistance ein letztes mal erklingen lässt. Ihre Mutter, die palästinensische Poetin Zouhaira Sabbagh verneigte sich leise „she departed and left behind her bright smile.“

Sophie Hunger liebte schon immer das Experimentelle, ein Suchen in neuen Ausdrucksformen. So überrascht es wenig, das sie nach dem Umzug nach Berlin von dem seit Jahrzehnten dort grassierenden Elektronikvirus befallen wurde und mit Molecules ein erstaunlich leichtes und dennoch elektronisch-kantiges Stück Minimal Electronic Folk, wie sie es selber bezeichnet, vorlegt. Überwiegend mit Dan Carey zusammen schuf sie schräge, schnarrende, etwas skurrile Musik über der ihre, dieses mal nur englisch singende Stimme sommerlich schwebt. Aber nicht ohne die gewohnten melancholischen und zuweilen düsteren Untertöne, die die Spannungsbögen des ewig unfertigen Berlins („das deutsche Zauberwort“ singt sie in Electropolis) zwischen Licht und lichtfernen Winkeln immer neu entstehen lassen und manchmal ganz selbstverständlich und fast unbemerkt in einem Atemzug die Seiten wechseln. Kleine Brüche, so wie wenn man um eine Strassenecke geht und das Licht, die Atmosphäre auf einmal ganz anders sind. Und genau deshalb auch nach mehrmaligem Hören immer noch spannend bleibt.

 
 
 
      

 

2018 8 Okt

Imago ri Origami

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Imago, das Bild, Abbild, Schatten- oder Traumbild, die Erscheinung, die Vorstellung tritt hier auf in Form eines subtilen Anagramms als Imagori = Origami. Origami, die japanische Kunst aus einem Stückchen Papier kleine, manchmal unfassbare Wunderwerke zu falten. Nun lebt die moderne Musik nicht zum erstenmal davon, Ideen aus der Kunst in Hörräume zu übertragen und damit neue Ereignishorizonte zu erschließen. Genau dieses tun nun zum zweiten mal Hans-Joachim Roedelius und Christoph H. Mueller mit Imagori2, in der die Hörgewohnheiten ziemlich zusammengefaltet werden. Hier stoßen, wie schon 2015 bei ihrem ersten gemeinsamen Projekt Imagori die immer wieder überraschend neuen Klagwelten eines Altmeisters auf den weltmusikalischen Erfahrungsraum des Gotan Project-Kopfes Mueller und lassen ein höchst wundersames Amalgam entstehen, das aber offensichtlich eher wie Damaszenerklingen immer wieder und wieder gefaltet und geschmiedet wurde, bis aus Bildern Abbilder werden konnten und aus Schatten Traumbilder und Vorstellungen, die die Aufmerksamkeit mit einer gewissen Sogwirkung bannen.

Es beginnt mit Foghorn, das auch ein ruhigeres Clusterstück hätte sein können und schwingt sich über einige fragile, wundersame Miniaturen auf zu Fractured Being, ein schier magischer Höhepunkt mit einem fremdartigen und doch vertrauten Gesang von Kenichi (Katrin Hahner), dem bald mit La Vie En Bleu, bei dem die Töchter Muellers im Niemandsland zwischen Gesang und Sprechen ihre Stimmen zum Einsatz bringen, ein weiteres Vokalstück folgt. Welten verschmelzen, Stimmungsräume kollabieren, Atmosphären studeln vorbei bis alles in Himmlischer Frieden zum Abschluß kommt. Wer aber vermutet, dass die beiden Herren jetzt den Wechsel ins New Age-Lager bahnen, wird hier heftig enttäuscht, denn Himmlischer Frieden ist möglich, und was für einer, verschroben und erhebend, unvorhersehbar im Fluss und zutiefst befriedend. Ein Meisterwerk überbordender Ideen, die ohne zu zögern damit beginnen Knick um Falte zu ziehen, wenn sich etwas aus dem Reich der Assoziationen einschleichen oder gar festsetzen will. Und trotzdem schön ohne einen Augenblick sentimental oder konventionell zu werden. Ein Hauch von mannigfaltiger Gegenwärtigkeit, wie ein kleiner elektronischer Papierkranich, der seine heitere Leuchtspur beim Flug durch die Nacht hinter sich zieht.

 
 
 

 

2018 6 Okt

I love Banksy!

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Banksy ist ja den Lesern unseres Blogs kein Unbekannter und in seinem provokativen Nonkonformismus, der gerne mit den biederen Erwartungen der Betrachter spielt, einer der kreativsten Geister der aktuellen Kunstszene. Heute hat er aufs neue die alten Muster anlageorientierter Kunstsammler ad absurdum geführt. Geniale Idee, konsequente Ausführung, ich liebe ihn!

 
 
 

Banksy’s painting „Girl with Red Balloon“ is seen shredded after its sale at Sotheby auction in London, Britain October 5, 2018 in this still image taken from a video obtained from social media on October 6, 2018. INSTAGRAM/@PIERREKOUKJIAN/INSTAGRAM/@SINCEFINEART via REUTERS THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. MANDATORY CREDIT. NO RESALES. NO ARCHIVES.

2018 6 Okt

Neulich am Nacktbadestrand

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Zur falschen Zeit am richtigen Ort

 

Es gibt Momente im Leben, da wächst selbiges über sich hinaus und erreicht eine Größe, die sich weder cineastisch noch in Worten angemessen wiedergeben lässt. Aber von vorne: ja, ich bin ein Freund der Freikörperkultur, aber vor allem, weil ich nie begriffen habe (und es mir nie jemand begreiflich machen konnte) warum der Mensch beim Sonnenbaden sich mit gewisses Acessoires an den primären Geschlechtsmerkmalen bedeckt halten sollte. Schnell fallen mir da moralinsaure Scheinargumente kleinbürgerlicher oder konfessioneller Prägung ein, die nur dann Sinn ergeben, wenn ich den Menschen in seinen zwischenmenschlichen Grundreaktionsmustern auf die Stufe von Primaten, insbesondere den diesbezüglich gern erwähnten Bonobo-Schimpansen, stelle. Früh erkannte bereits um 1900 die Naturistenbewegung die damit verbundenen Denkirrtümer und proklamierte die uneingeschränkte Freude am Sonnenlicht. Das Ergebnis erwies sich schnell als moralisch unproblematisch und unterschied sich nicht wesentlich von dem, was sich heute dem geübten Auge beispielsweise an einem Nacktbadestrand zeigt. Denn die Schwierigkeiten liegen wo ganz anders.

Bereits beim Betreten der kleinen Bucht (lassen wir zum Schutze der Persönlichkeitsrechte mal Zeit und Ort aussen vor) findet sich das inzwischen nicht unübliche Bild eines typischen Strandes: eine Reihe Sonnenschirme flankiert von zwei gebührenpflichtigen Sonnenliegen, die allesamt um die Uhrzeit, zu der ich es bis dahin geschafft habe bereits mit Senioren belegt sind, die sich in den fragwürdigsten Körperhaltungen ihren klassischen Urlaubs-1000-Seiten-Romanen widmen. Halt die Bestsellerliste von oben, Varietät gering. Da guckt kaum einer zur Seite, weil das Kopfdrehen altersbedingt schwierig geworden ist oder weil es sich vielleicht auch nur begrenzt lohnt. Am Wasser angekommen spülen die Wellen gerade drei knusprig braune Walroßkörper an den Strand, denen es offensichtlich schwerfallen würde ohne die Hilfe des Wasserauftriebs wieder an Land zu kommen. Dort liegen sie nun, bestgenährt und bewegen ihre Flossenärmchen, um weiter ans Land zu kommen, oft bis sich ein wohlwollender Partner erbarmt und den Landgang vollenden hilft. Daneben spielen zwei grauhaarige Herren mit Schirmmütze und Designersonnenbrille ausgiebig so eine Art Strand-Ping-Pong mit erstaunlicher Ausdauer und Trefferquote bei doch deutlich erkennbaren motorischen Einschränkungen. Irgendwie scheine ich also hier den Altersdurchschnitt bedeutsam zu senken, um nicht alsbald herauszufinden, dass den Menschen etwas ganz anderes Wesentliches vom Primaten unterscheidet: nämlich die Möglichkeit seiner Unverkennbarkeit altersunabhängig mittels eines oder mehrerer gut gewählter Tattoos tiefenwirksam Ausdruck zu verleihen. Ja gut, Arschgeweihe und exotische Schriftzeilen sind offenkundig nicht mehr in Mode, das geht komplexer. Nennen wir den älteren Herren mit dem Watschelgang mal aufgrund seiner szenischen Tattoos „King George II“ (Name von der Redaktion geändert), der die landschaftliche Expressivität seines Körpers noch mit ausgiebigen Genitalpiercings derart geboostert hat, so dass sein Nahen wie tausend kleine Glöckchen erklingt und es im Bereich seines Zeugungsorgans funkelt, wie einst in Aladins Höhle. Nach einem ausgiebigen Bad wird mir bei einem etwas ausführlicheren Blick in die Runde schnell klar, dass das Thema „Genitalrasur in Senium“ längst in den Boulevardblättern des dritten Lebensalters angekommen seien muss. Direkt neben mir trägt ein älteres Paar seine obligaten Ehestreitigkeiten recht routiniert und emotionslos aus, mehr ein formaler Schlagabtausch als ein echter Anlass zum Ärger. Eigentlich wollte ich doch nur etwas frische Luft an meinen Körper lassen und nun befinde ich mich inmitten eines Panoptikums, für das man woanders ordentlich Eintritt zahlen müsste. Dafür aber sicher auch eine qualifizierte Führung erwarten dürfte.

 
 
 

 

Der Tamarindenbaum ist einer der ältesten Kult- und Kulturpflanzen Ostafrikas: sie nährt, spendet selbst in der größten Hitze mit ihren Millionen winziger Blätter Schatten und ihr festes Holz läßt sich vielseitig verwenden. Der Legende nach sollen aus Tamarindenholz die ersten Marimbas gefertigt worden sein. Auf Kisuaheli heißt die Tamarinde Mkwaju und nach ihr hat sich ein japanisches Percussionensemble genannt, deren Erstlinge aus dem Jahr 1981 nun endlich und zum ersten mal auch bei uns wiederveröffentlicht wurden. Und um es schon einmal vorwegzunehmen: die beiden haben mehr als das Zeug zum Reissue of the year!

Das erste Album des Mkwaju Ensembles heißt schlicht Mkwaju und die Musik ist noch durchgehend von keinem geringeren als Joe Hisaishi komponiert, der viele Jahre später die Filmmusiken zu den grandiosen Studio Ghibli Zeichentrickfilmen, neben denen sämtliche Disneyfilme einfach nur flach und banal daherkommen, komponieren sollte. Als Hauptprotagonistin spielt die hier schon mehrfach erwähnte Midori Takada neben Yoji Sadanari und Junko Arase Marimba und Percussion. Und natürlich darf der, den Sound japanischer Popmusik in dieser Zeit durch sein subtiles Gefühl für Klangfarben und -räume prägende Hideki Matsutake nicht fehlen. Das ganze beginnt voller Wucht mit der vieteiligen Mkwaju Suite, in der man sich schnell mitten in der afrikanischen Savanne wähnt, wäre da nicht – ja was eigentlich? Irgendetwas stimmt hier nicht, zu minimalistisch? Zu viele asiatische Hörgewohnheiten subtilstens eingeflochten? Das was in Afrika spielerisch zelebriert wird in radikalster japanischer Konsequenz über- und durchgezogen? Aber mit fast artistischer Vitalität. Dann noch zwei Stücke Pulse In The Mind und Flash-Back die den konsequenten perkussiven Weltmusikminimalismus noch weiter auf die Spitze treiben. Die tausende kleinen Rhythmusverschiebungen der tanzenden Tamarindenblättchen würden sicherlich auch bei Steve Reich das Herz höher schlagen lassen. Dazu empfehle ich thailändisches Tamarindenkonfekt mit feinstem Salzakzent zu der säuerlich erdigen Grundnote.

Nur wenige Monate später erscheint dann das eigentlich Debütalbum des Mkwaju Ensembles Ki-Motion mit eigenen Stücken. Hier kommen Annäherungen an eher kantige Formen des Pop mit ins Spiel, irgendwo zwischen Proto-Techno und Post-Punk, ohne das archaisch Treibende zu verlieren. dazwischen mit dem Titelstück Ki-Motion und mit Air zwei überraschende Ambientstücke, die dennoch den Fluss des Albums nicht unterbrechen. Ki-Motion ist sehr viel japanischer als Mkwaju, noch vielschichtiger, spielerischer und schon ein bisschen auf die späteren Werke Midori Takada’s hinweisend, von denen hier noch auf das jüngst erscheinene kleine Stück Le Renaud Bleu, das sie mit ihrer Tochter Lafawndah eingespielt hat, hingewiesen werden soll. Zeitlose japanische Juwelen aus dem Tamarindenreich, deren Halbwertszeit noch lange nicht abgelaufen ist.

 
 
 

 

 


 
 
 

Mehr zufällig bin ich auf diese Musik gestoßen. Doch halt: ist das noch Musik? Es beginnt mit seltsamen Tiergeräuschen (die Tiere dazu müssten aber noch erfunden werden) und findet alsbald einen organisch-technoiden Groove, der abbricht, sich wieder anders aufbaut, mal ganz friedlich, mal zerhackt daherkommt. Höchst seltsam. Dann ein paar humanoide Samples, die die Freude am Rhythmischen und dessen umgehender Demontage erkennen lassen. Jetzt drängt sich aus dem Hintergrund etwas Salonmusik des 22. Jahrhunderts, tanzbar. Time-Shift für die Bremer Stadtmusikanten. Seltsam verwaschene Reminiszenzen. Mal hüpfend, mal düster ziehend. Field recordings? Nur scheinbar zufällig. Und desto länger ich das höre, wird mir klar: das ist nicht nur zusammengebastelt, wie so Vieles, was man heute von so lichtscheuen Kellerkindern zu hören bekommt. Wer sowas macht ist ein Profikiller. Vorbestehender Hörgewohnheiten. Fleischsalat aus veganen Berliner Hinterhöfen. Ein akustisches Panoptikum, das recht subtil eine Atmosphäre aufbaut, die mich geborgen mitnimmt, obwohl da nichts stimmt: alles zusammengestoppelt, experimentell und nur kurz mal ein paar Takte, die wenigstens Assoziationen aufkommen lassen können. Nichts für Rückwärtsgewandte. Kurios. Sowas Kurioses hat seit Cluster keiner mehr versucht. Außer halt Paul Frick. Teil von Brand Brauer Frick, die mit ihrem genialen Debütalbum You Make Me Real einen Meilenstein jenseits der Synthese klassischer Instrumentierung und Techno gesetzt haben ohne dabei auch nur einen Moment angestrengt oder bemüht zu klingen. Second Yard Botanicals ist das Debütalbum des gelernten und klassisch geübten Pianisten und Komponisten aus Berlin. Hinhören, denn da kommt einer, der die Radieschen im Prinzessinnengarten nicht nur vertikal pflanzt und der induktionsgesteuerte Quietscheentchen abstrakt reanimieren kann, panakustisch. Exorbitant! Intensiv! Hinhören!

Großvater wir danken dir! So versuchte jedenfalls Loriot den Familiensegen bei den Hoppenstedts wieder in die Bahnen bürgerlicher Ordnung zu bringen. Wobei ich gerne und unumwunden zugeben will, dass auch mein Großvater mit einer sehr großzügigen Beteiligung einen zentralen Beitrag für die Anschaffung meines Klaviers leistete bzw. dies überhaupt erst möglich machte. Jetzt steht es mattschwarz und schon seit Jahren abbezahlt mir, während ich dies schreibe, gegenüber und läßt seine Basssaiten leise angesichts des heutigen Themas mitschwingen. Und natürlich kennt es die beiden Alben ganz genau von den kläglichen Anfängen bis hin zu dem Wohlklang, den mir günstigstenfalls zu erzeugen vergönnt war…

Als ich zum ersten Mal Sacred Hymns hörte, traf mich diese Musik in ihrer subtilen hypnotischen Wucht ungeheuerlich tief. Diese Auswahl von Stücken von Georges I. Gurdjieff, von Thomas De Hartmann für Klavier parallel in Echtzeit aus dem konzertanten Vorspiel Gurdjieffs selbst notiert und für Piano transkribiert, stellen eine ganz selbstverständlich klingende Melange aus orientalischen, asiatischen und rituellen Stücken mit europäischer Klassik dar, die in der asketischen und präzisen Interpretation Keith Jarretts mit großer Leichtigkeit innere Räume aufziehen. Räume, die neben ihrer melancholischen Dimension seelische Entwicklungsräume entfalten, was wahrscheinlich sogar Gurdjieffs hauptsächlichste Absicht darstellte, denn er spielte seine legendären Abendkonzerte im Schloss Prieuré des Basses Loges bei Paris seinen Zuhörern gewiss nicht zur bloßen Unterhaltung vor. Sein Ziel war vielmehr die harmonische Entwicklung des Menschen, was er zumindest mit seiner Musik bei mir, fast wie eine kleine Initiation, auch nach Jahrzehnten des Hörens noch bewirkt. Keine Frage, dass ich diese Stücke also auf dem Klavier spielen musste. Aber woher nehmen? Die Noten waren schon seit Jahrzehnten vergriffen und unbezahlbare Sammlerstücke. Und sich mit Keith Jarrett messen? Vermessen! So vergingen fast zwei Jahrzehnte bis sich endlich der Schott Verlag erbarmte und sämtliche von De Hartmann niedergeschriebenen Klavierstücke in vier Bänden wieder auflegte. Erlösung und Herausforderung zugleich über der aber bis heute eine ungeheure Faszination schwebt dieser frühen Weltmusik aus dem eigenen Urgrund etwas Leben einhauchen zu können. Keith Jarrett aber bleibt unerreicht, auch unter all den anderen Interpreten Gurdjieff’scher Musik, mit Ausnahme vielleicht von Elan Sicroff, der sich dieser Faszination auch vollständig ergeben hat.

Das Pendant dazu erschien nur wenige Jahre später: Children’s Songs von Chick Corea. Pendant, weil diese Musik leicht, fröhlich und ganz und gar nicht so schwermütig auf mich wirkte. Und einfach nicht so abgenutzt klassisch klang, da hier Jazzelemente und die ungeheure Improvisationserfahrung Corea’s in einfachen, aber sehr archaisch klingenden Pianostücken, daherkamen. Sie laden mich ein ihren inneren Weg zu erkunden, die Stimmungen, die Klarheit und die lichte Weite. Auch musste ich hier gar nicht lange auf die Noten warten, die sich aber erst mal als nicht so einfach herausstellten. Chick Corea ist halt schlichtweg ein wesentlich versierterer Pianist als es Gurdjieff als Autodidakt auf seinem Harmonium je war, was sich aber zum Glück nicht als unbewältigbar herausstellte: es sind ja schließlich Children’s Songs. 

Seitdem sind viele, viele Jahre vergangen. Beide Alben gehören immer noch zu meinen Lieblingspianoalben, beide berühren mich immer noch aufs Neue. Und es waren die letzten Stücke, die mich verführen konnten, sie nach Noten auf dem Klavier zu spielen. Danach zog es mich auf das offene Meer improvisierter Musik, weg von den Bastionen des Reproduzierbaren immer weiter hinaus mit der bis heute unstillbaren Sehnsucht Strukturen und Patterns zu zerschlagen, um mich einer vielleicht nicht selten verstörenden Schönheit des Augenblickes immer tiefer anzunähern. Aber so blieben Sacred Hymns und Children’s Songs das letzte Stückchen Festland vor den Aufbruch, Finisterre.

 
 
 
       
 

 

 

 

Call me. Right foot starts, left foot follows. I walk and I walk. Genau genommen fahre ich. Auf der Autobahn nach Süden. Die Sonne brennt, halt richtig Sommer. Und aus den Lautsprechern kommt der relaxte, funkige Sound von Home Boy/Sister Out. Nach über 30 Jahren endlich wieder zu bekommen und das auch noch mit einigen feinen Extratracks. Paris 1985, Schmelzpunkt verschiedenster Kulturen und einer, der als der Weltmusiker schlechthin das schon immer alles zusammengeführt hat. Jazzig, funkig, voller Zitate und doch ganz eigenwillig. Vielleicht das im Unkonventionellen gefälligste Album von Don Cherry, in dem er clever Störungen des Jazz, Rhythmen von Afrika bis New York, Funk und ein bisschen Rap zusammenführt und dies mit der ihm eigenen sensiblen, sehr liebevollen Haltung und einem entspannten Spass am Spielen mit seinen Mitmusikern umsetzt. Und der ganz nebenbei mit Songs wie Treat your lady right der #MeToo-Debatte um Jahrzehnte voraus war. Wunderbare Musik für den Sommer, die Hitze flimmert auf der Straße vor mir, eine kleine Fata Morgana und auf einmal sitzt Don Cherry neben mir auf dem Beifahrersitz, fingert an seiner Pocket trumpet, die einst Boris Vian gehörte, herum, zwinkert mir zu und steigt ganz losgelöst in den ethnofuturistischen Groove ein.

I’m feeling good the way I should … für mich definitiv der Reissue des Monats!

Der ganze Boden war bedeckt von zähem schwarzem Schlick oder besser gesagt dem, was der große Säuresee von den Abresten der Welt übrig gelassen hatte. Der schneidend scharf riechende Säuresee, wie ihn Moebius (eigentlich Jean Giraud) und Alessandro Jodorowski (die beide bemerkenswerterweise bislang hier viel zu kurz gekommen sind) in ihrem irren Initiationsmythos Incal beschreiben, liegt tausende von Metern oberhalb dieses düsteren Ortes an den kein Licht mehr dringt. Zutiefst rätselhaft ist auch der Weg, wie man hierher gelangt und ich könnte ihn in meinem jetzigen Zustand auch keinesfalls nachvollziehbar beschreiben. Ich habe nur gehört, dass James Cameron bei seinem letzten Tauchgang in den Marianengraben fast einen der verborgenen Eingänge gefunden haben soll, aber dann gab es Irritationen mit der Sauerstoffversorgung und er musste wohl aufsteigen.

Langsam versuchte ich mich also durch den düsteren Schlick voranzuarbeiten. Für die Augen ist hier vollkommene Nacht, so dass man nur nach langer Adaptation mit dem Geist die Schemen schattenhaft erkennen kann. Nach scheinbaren Ewigkeiten, die mich dem illusionären Charakter der Zeit ein Stückchen näher brachten, wurde der Boden etwas nachgiebiger und weicher, fast wie an einem Ufer. Es schnürte mir fast die Luft ab, der beißende Geruch dessen, was jenseits ultimativer Zersetzung noch olfaktorische Reize absondert, als eine noch lichtleerere Gestalt auf mich zutrat und mich mit einer dezenten Geste zum Mitkommen aufforderte. Er war gänzlich von einer Kutte umhüllt, worüber ich nicht unglücklich war, wissend was sie verbarg. Als wir an einer Art Fähre angekommen waren bedeutete er mir Platz zu nehmen und meinen Obolus für die Überfahrt zu entrichten. Es ist schwer etwas hier herunter mitzubringen, da alles Irdische auf dem Weg, spätestens durch den Säuresee völlig zersetzt wird, selbst Knochen haben da keinen Bestand mehr. Irgendwie gelang es mir aber den Silberling, den ich seltsamerweise auf dem Weg hierher dennoch retten konnte, zu fassen und dem cerberusähnlichen dreiköpfigen Wesen direkt in eines der offenen Mäuler zu schieben und den Schalter darüber im fahl glühenden rechten Auge zu betätigen. Das riesige Maul klappte lautlos zu und einen Augenblick später ertönte ein leises Zischgeräusch …

… und auf einmal war es, als ob es etwas heller werden würde. Der Fährmann stieß die Fähre ab, wobei ein leise glucksendes Geräusch ohne jegliche Höhen entstand und wir glitten stille voran, während die Geräusche aus dem Cerberus lauter wurden und sich schrittweise in archaische Klänge verwandelten. Der düstere Fährmann stutzte und gab zum ersten mal ein zustimmendes Geräusch von sich. Dann setzte er sich, nachdem immer deutlicher Musik zu erkennen war und zückte einen Reefer aus seinem Mantel, den er mit einem Reiben seiner Finger aneinander anzündete und den dicken Rauch genüßlich einzog. Gleichzeitig fing es langsam an weiterhin heller zu werden. „Das hatten wir hier lange nicht mehr“ sagte er mit affektloser, sonorer Stimme, „der letzte, der hier ein bißchen Licht reingebracht hat, war Pythagoras, als er mit seinem Bassmonochord einen Rock’n’Roll abfetzte“. „Das tut mir leid“ antwortete ich zaghaft, „keine Ahnung nach welchen Regeln hier unten was ankommt“. All das, was sich musikalisch seit Pythagoras getan hatte erklang nun in sehr komprimierter und dennoch minimalistischer Weise, kleine bizarre Oden aus der über- und unterirdischen Gesamtkulturwelt. Eine intensiver als die Nächste. Nichts, was man schon mal gehört hätte und trotzdem nichts unbekannt. Nun war es so hell geworden, dass man das andere Ufer sehen konnte, wo zwei noch etwas verschwommene Gestalten standen, die sich beim Näherkommen als Moebius & Moebius entpuppten, genau genommen Dieter und Jean Giraud, wobei auf der Schulter des Zeichners die Lichtinkarnation seiner Betonmöwe Deepo saß, die alles überstrahlte.

 

 

 

 

Die beiden hielten sich im Arm und lachten und auch der Fährmann schien inzwischen nicht nur ziemlich stoned, sondern auch herzlich guter Stimmung zu sein und gluckste heiter im Takt vor sich hin. „Junge“, sagte er trocken, „das muss Dir mal einer nachmachen: einfach die Welten kurzzuschließen, indem du uns was mitbringst, wo der eine Schöpfer noch im Irdischen weilt und der Andere die Zeitlosigkeit hier mit wundersamsten technoiden Klangsignalen in ein endloses Band verwandelt“. Alles brodelte nun in überbordender Eleganz, der Raum brach lautlos in sich zusammen und jenseits der wundersamsten Musik war nur noch das leise Lachen von Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zu hören, während der andere Moebius mit einem Fingerstrich im Leeren seine Betonmöwe das lang erwartete Weltenei legen ließ …

 

 

2018 20 Mai

Vortex

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Vortex: Als Wirbel oder Vortex bezeichnet man in der Strömungslehre eine drehende Bewegung von Fluidelementen um eine gerade oder geschwungene Drehachse. Der Begriff des Wirbels ist eher intuitiv und mathematisch nicht präzise formulierbar. Die Wirbelstärke ist im Zentrum groß und fast null im äußeren Bereich des Wirbels, umgekehrt verhält es sich mit dem Druck, der im Zentrum am niedrigsten ist. Wirbel neigen dazu ausgedehnte Wirbelröhren auszubilden, die sich mit der Strömung mitbewegen, sich winden, biegen und strecken können. (Wikipedia)

 
 

Der karmesinfarbene König rutschte etwas auf seinem Thron zu Seite und neigte sich leicht nach vorne, weil es sich in dieser Lage besser wiederkäuen ließ. Fast teilnahmslos starrte er dabei in die Ferne, die zeitlich ziemlich weit hinter ihm zu liegen schien. Dabei erinnerte er in tragischer Weise an König Theoderich aus dem Herrn der Ringe, als er sich unter dem zersetzenden Einfluß des finsteren Schlangenzunge befand. Wahrscheinlich zog er gerade den Inhalt seines 7. Magens nach oben und fand sonderbarerweise im Schalen immer noch etwas Geschmack daran. Draußen, an den Mauern spielten drei Trommler. Das gefiel ihm und drinnen versuchte gerade ein blasser Barde mit seinem farblosen Gesang ihm das Wiederkäuen zu verschönern. Eine wahrhaft tragische Entwicklung – Fists down!

 

Polymetrische minimal Grooves sind eines der besten Mittel, um einen musikalischen Strom zu einem Wirbel werden zu lassen. Zu einem Sog, fast einem Mahlstrom. Diesen Weg verfolgt die Schweizer Gruppe um den Gitarristen Stephen ThelenSonar, bereits seit einigen Jahren. Mit tritonal gestimmten Gitarren, einer Menge neuer Ideen und komplexen Rhythmen machten sie sich auf die Suche nach einem Produzenten für ihre Ideen und kamen so über Henry Kaiser an David Torn, mit dem sich sofort ein energetisches Bündnis entwickelte, bei dem die grüne Fee wohl auch ausgiebigstens Pate stand.

 

Mit Part 44, einem kaum wiederzuerkennenden Don Li-Cover beginnt die Eskalation gleich von Anfang an. Das hört sich frisch an, wie King Crimson zu seinen besten Zeiten, bis der minimalistische Vortrieb durch David Torn’s Einsatz einen heftigen Energieschub erhält. Und schon hebt das Ganze in deutlicher Rotverschiebung (Red Shift) ab, zerlegt sich in Waves and Particles, türmt sich auf zum Monolithen, treibt voran und in den großen Wirbel hinein, Vortex, um schließlich mit klarem Blick mitten ins Gesicht (Lookface!) zu enden. Ja, schau mir in die Augen, alter König, wirf den alten Ranz fort und besinne dich deiner Kreativität, wenn du dies vielleicht hören solltest! Klingt vielleicht ein bisschen so, als ob man Nik Bärtsch, der kürzlich mit Awase wieder ein wunderbares Album veröffentlicht hat, ein paar E-Gitarren in die Hand gedrückt hätte und gebeten, ein paar alte King Crimson-Klassiker durch den Fleischwolf zu verwirbeln. Frisch, hypnotisch, eskalativ.

 
 
 

 


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