Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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… oder die Ästhetik des Hintergrundes. Nachdem ich als Jugendlicher endlich stolzer Besitzer einer eigenen Stereoanlage war, erstand ich als zweite Schallplatte „Zeit“ von Tangerine Dream und kaum war das Knistern des Rillenanfangs den Klängen gewichen, verlangsamte sich die Zeit und stand schließlich still. Vorder- und Hintergrund des Raumes und alle anderen Klänge begannen miteinander zu verschwimmen, ein „surrounding influence“, wie Brian Eno es später nennen sollte, in trat meinen Bewusstseinsstrom. Ruhe stellte sich ein und ein tiefer, weiter Raum der Reflexion öffnete sich. Auch wenn das Konzept der „Ambient Music“ noch nicht formuliert war und die Musik Erik Satie’s noch auf dem Weg zu mir, war meine Liebe zu genau dieser Musik geweckt und führte zu zahllosen faszinierenden musikalischen Entdeckungen auf diesem Wege. Nun ist Ambient für viele nicht mehr als eine langweilige Klangtapete, doch wenn man sich, wie einst Brian Eno, der Tage vor einer frisch gekalkten Wand in der Patio des Hauses von Freunden auf Lanzarote verbrachte, um das Zentrum der Langeweile zu ergründen, darauf wirklich einlässt, kann man alsbald entdecken, dass Langeweile nicht weniger ist als die Unfähigkeit des Geistes sich mit dem Gegebenen kreativ auseinanderzusetzen.

Nils Wortmann hat sich eingelassen und ist der Ambient Music in Gänze verfallen, hat sich durch tausende Alben dieses Genres durchgehört und hat nun mit „Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man gehört haben sollte“ in dem Hofheimer Wolke Verlag eine chronologische geordnete Monographie vorgelegt. Angefangen bei „Discreet Music“ als Ausgangspunkt elektronischer Ambient Music über die ursprünglichen Protagonisten des Genres, wie Edgar Froese, Manuel Göttsching, Hans-Joachim Roedelius, Harold Budd und Steve Hillage beschreibt er wie sich die Kreise weiten und immer neue Einflüsse und Ideen dazukommen. Hierbei werden im Verlauf amerikanische Musiker, Spezialisten für das Experimentelle oder Exzentrische, die oft unterschätzte Frankfurter Elektronikszene und nicht zuletzt auch „kankyō ongaku“, die sehr subtile japanische Ambient-Musikszene gewürdigt. Der Falle jeder Best-of-Liste sich zu sehr festzulegen, was auch dem Geist des Genres widerstreben würde, entzieht Nils Wortmann sich, indem er die einzelnen Alben exemplarisch aufführt und mit einer „Weiterhören“-Rubrik nach den sehr unterhaltsamen und sachkundigen Rezensionen ergänzt. Für jedes Jahr ab 1975 stellt er Alben vor, die anfangs die unzweifelhaft grundlegenden Werke des Ambient auflisten, aber mit zunehmender Verbreitung (eine aktuelle Suche bei Discogs tagged mehr als 450.000 Alben unter Ambient!), muss die Auswahl mehr und mehr eine persönliche Note bekommen. Und hier schafft Wortmann es in unglaublicher Weise eine exquisite Wahl zu treffen, die mit jedem mir bislang unbekannten Album eine Offenbarung ist. Ohne Ausnahme. Aus der Überfülle der Veröffentlichungen filtert er dank seiner  Faszination und umfassenden Kenntnis ein musikalisch besonderes Album nach dem nächsten heraus, beleuchtet verschiedene Seiten des Genres und infiziert den Leser, indem er mit seinen lebendigen Texten und Hörvorschlägen jegliche Langeweile gründlichstens atomisiert. Abgerundet wird das Buch durch ein umfangreiches Literatur- und Ambient-Labelverzeichnis, die zur weiteren Suche einladen. Und wer am Ende des Buches in Ambient-Music immer noch eine Klangtapete sieht, wird einräumen müssen, dass diese auffällig vieldimensional und psychedelisch ist und keinen Halt vor den Tiefen seelischen Erlebens macht. Eine wunderbare, gut recherchierte und neugierig machende Lektüre bis zum letzten Tipp.

 

2021 23 Okt

Lass irre Hunde heulen

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Um es gleich vorweg zu nehmen: Schubert ist für mich ein Kindheitstrauma. „Winterreise“ gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau. Grauenhaft! Es war mir trotz aller Bemühungen meiner Mutter, die Musiklehrerin war, nicht möglich auch nur ansatzweise zu verstehen, was man daran schön finden konnte. Also half nur die Flucht, wenn sich die Nadel auf besagte Schallplatte senkte. In den am weitesten entfernten Teil der Wohnung, mein Zimmer und – sobald ich eine solche besaß – die Anlage aufgedreht, bis ich auch bei leisen Stellen keinen Ton mehr davon hören musste. Das kam mir alles so erquält-gekünstelt und einfach nicht echt vor. Das waren einfache Lieder und der arme Sänger musste bestimmt tagelang üben, um sie so aalglatt zur Klavierbegleitung darzubieten. Und überhaupt das ganze romantische Gesäusel, da konnte ich so wenig mit anfangen, dass ich es kaum schaffte mir ein ganzes Lied am Stück anzuhören. Und nun, Jahrzehnte später landet die CD von Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen auf meinem Schreibtisch. Tagelang kreise ich da drumherum, nahezu in der sicheren Gewissheit, dass mir ein Flashback und eine Retraumatisierung bevorstehen, wenn ich auch nur ein Lied davon höre.

Ein leises Flirren, dann eine leise einsetzende Klavierstimme und dann die ersten Töne des Gesangsparts von „Gute Nacht“, dem ersten Song (ja, das kann ich nicht anders nennen!) intoniert von Gisbert zu Knyphausen. Ich bin verblüfft, was ist das? Das fängt ja wie ein intimer Abend am Kamin an, vielleicht mit etwas Fingerfood und Wein. Keine Kunststimme, sondern ganz entspannt und etwas rauh. Doch bald steigert sich das Lied, kriegt Zug und Dramatik. Kein unendlich oft gehörtes, plattgedudeltes romantisches Geklimper. Gute Arrangements, oft überraschend in Akzentuierung und gute Auswahl der Stücke. „Der Wegweiser“ folgt in final ernster Dramatik, ohne sentimental zu werden, sondern das Stück lässt eher die endgültige Beklemmung eines einsamen Wanderers im Bewusstsein seines finalen Weges spüren. Dann folgt „Ständchen“, dass von der überraschend eingesetzten Posaune lebt, die die Gitarre, die Schubert so wohl vorsah, mit diskreten jazzigem Unterton versieht, was sich im folgenden „Nähe des Geliebten“ als Gute-Laune-Song fortsetzt. Die meisten Lieder entstammen der „Winterreise“ und dem „Schwanengesang“ mit Texten nicht nur von Schuberts Hausdichter Wilhelm Müller, sondern auch von Goethe, Rückert, Heine und Bellstab. Texte von Banalitäten weit entfernt, ernst, sprachlich pointiert und hintergründig. Da gibt es Liebeslieder, wie „Du bist die Ruh“, das vom Überkünstelten befreit, sehr nach innen gerichtet und authentisch wirkt und Liebesschmerz bei „Der Doppelgänger“ und „Aufenthalt“. Gerade da wird der Schmerz viel glaubhafter, da er durch die Intonation viel näher an die Dramatik des Alltags heranschleicht, mit einer Eskalation, die sich stilistisch eher aus der Rockmusik stammenden Effekten bedient als akademisch rein vorgetragen und glattgeschmachtet, was mir immer sentimental-befremdlich und unglaubwürdig vorkam. Mit „Die Krähe“ und „Der Leiermann“ werden die Abgründe des Lebens und dessen Begrenztheit thematisiert, mit einer fast schmerzhaften, schweren und herben Schlichtheit, die sicherlich gut geeignet wäre in gediegener Gesellschaft das Kaminfeuer ausgehen zu lassen. Und schließlich schließt die Auswahl der Songs mit der „Litanei auf das Fest Aller Seelen“, das den geneigten Hörer mit einem besänftigenden „Alle Seelen ruh’n in Frieden“ etüdenhaft und mit bitterer Note tröstlich entlässt. Und mich seltsamerweise ebenfalls. Das Grauen meiner Kindheit ist nicht mehr spürbar und war es auch zu keiner Minute. Da ist es Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen in hervorragender und unprätentiöser Weise gelungen die Stücke von Schubert ihrer romantischen und in der bisherigen Rezeption aalglatten Interpretationen in eine Gegenwart zu holen, in der sie wieder Gewicht und schlichte Authentizität bekommen haben. Die schönste Art ein Trauma zu therapieren. So kann mit der letzten Liedzeile nun auch die Seele von Dietrich Fischer-Dieskau für mich in Frieden ruhen.

 
 

2021 8 Okt

Hinübergehen mit Eberhard

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In seinen Ausführungen über das Spätwerk bedeutender Musiker „Hinübergehen“ hat Joachim-Ernst Behrendt sich sehr ausführlich mit den finalen Werken vieler Musiker über fünf Jahrhunderte hinweg auseinandergesetzt und versucht die Besonderheit, die ganz eigene Atmosphäre, die diese Werke gemeinsam haben, herauszuarbeiten. Das, was in ihnen in Erscheinung tritt und über die Begrenztheit des Lebens in irgendeiner Weise hinausweist. Er schreibt: „Eine Frucht fällt vom Baum, wenn sie reif ist. Dann ist sie am „Besten“, am süßesten. Aber dann fällt sie auch. Vielleicht gilt das auch für Musiker. Oder für alle Menschen? Es hat mit Reife zu tun. Sie fallen, wenn ihr Werk „am besten“ ist.“ und „Spätwerke sind Kulminationswerke – in einem Maße, das weit über das Zu-Erwartende und das in anderen Künsten, überhaupt in anderen menschlichen Tätigkeiten Erfahrbare hinausgeht.“ So auch bei Lyle Mays als er Mitte 2019 eine infauste gesundheitliche Prognose bekam und entschied ein Werk, das ihm besonders wesentlich erschien noch aufzunehmen: eine Hommage an den Bassisten Eberhard Weber mit dem er gemeinsam gespielt hat und dem er viele musikalische Impulse verdankte. Diese fasste er bereits 2009 in eine Komposition für das Zeltsman Marimba Festival, die er für seine letzte Studioaufnahme, bei der u.a. Bill Friesell, Alex Acuñha, Michael Forman und Steve Rodby dabei waren, noch einmal intensiv überarbeitete und weiterentwickelte. Er steckte seine ganze Energie hinein, um dieses Stück noch bis Januar 2020 fertig aufzunehmen und konnte das Ergebnis schließlich noch in den letzten Tagen vor seinem Tod hören. Zentraler Ausgangspunkt war das Bassspiel und der Kompositionsstil Eberhard Webers zu dem sich viele weitere Elemente, wie minimalistische, ethnische Einflüsse aus Indonesien oder Brasilien, aus dem Jazz und der orchestralen Musik gesellten. Er nahm einfache melodische, harmonische oder rhythmische Ideen und experimentierte mit ihnen bis er die ganze Formenvielfalt entdeckt und feinsten herausgearbeitet hatte. Seine Nichte Aubrey Johnson beschreibt „Some parts of the process occur very quickly and some are painstaking, but together I think the resulting music feels organic and interesting, as well as logical and connected.“

Das 13-minütige Stück beginnt mit einem Marimba-Ostinato, das das ganze Stück hindurchträgt, darauf steigt Mays mit einer leichten Pianomelodie ein, dann folgt der Basseinsatz, der weiter in ein tiefes und komplexes Gewebe hineinführt, das zwar auf einer gewissen Ebene fast zu seicht klingt, was den choralen Einsätzen nicht unwesentlich geschuldet ist, aber niemals darin stecken bleibt und eine große stilistische und kompositorische Vielfalt aus den Grundthemen entwickelt und sich in der Intensität immer weiter steigert. Eberhard kumuliert das musikalische Schaffen Mays auf kleinstem Raum und kulminiert schließlich in einem Tenorsaxophonsolo von Bob Sheppard. Danach öffnet sich ein unglaublich tiefer, leiser Raum, dem ein Subbass unterliegt und entlässt den Hörer … wohin? Das weiß nur Lyle Mays. Now, the music’s over. Was bleibt, ist Stille.

 

2021 4 Okt

FVTVRE SOVNDS

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Wie klingt die Zukunft? Wie klingt die Zukunft, wenn man in einem Land aufwächst, dessen Kultur und Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg in Trümmern liegen, wo Kultur im 3. Reich systematisch auf ein retrogrades infantil-atavistisches Kunst- und Musikverständnis runtergebrochen worden war und diese Stunde null scheinbar nie aufhören wollte. Sich musikalisch dann versuchsweise bei angloamerikanischen Produktionen zu orientieren liegt nahe, ist aber kaum mit dem deutschen Nachkriegslebensgefühl in Deckung zu bringen. Da musste etwas Neues her, etwas Ureigenes.

Hier hat sich Christoph Dallach, angeregt durch Gespräche mit Irmin Schmidt und seiner Frau Hildegard und Julian Cope’s „Krautrocksampler“, akribisch auf die Suche gemacht und Musiker und Kulturschaffende im In- und Ausland interviewt, um die Entstehungsmomente und Strukturen einer ganz neuen Musik in Deutschland zu ergründen. FVTVRE SOVNDS ist erzählte Geschichte, qualitative Feldforschung und äußerst spannende Lektüre bis zur letzten der fast 500 Seiten. Er benutzt dabei die Methode, die schon Jürgen Teipel mit seinem immer noch bissig-provokanten „Verschwende Deine Jugend“ und Rüdiger Esch mit „Elektri_City“ entwickelt haben, spart deren Themen vorsichtig aus, ohne etwas zu kurz kommen zu lassen und schlägt einen ganz weiten Bogen von der Vorgeschichte zum Höhepunkt experimenteller Musik in Deutschland bis zu den Spuren in der aktuellen Musikkultur. So umfangreich, wenn auch aus ganz anderer Perspektive hat das bisher nur Jan Reetze mit „Times & Sounds“ getan, wobei Dallach den Weg wählte, dieses höchst lesenswerte Stück Zeitgeschichte ausschließlich in den eigenen Worten der Protagonisten zu dokumentieren.

Es geht hier um Krautrock. „Der Begriff ist Quatsch“, sagt Holger Czukay, „ein idiotischer Begriff“ ergänzt Iggy Pop. „Wir machen elektronische Musik, weder Kraut noch Rock“ meint Klaus Schulze. Und Mani Neumeier rettet mit der simplen, wie wahren Feststellung, dass hier ja nicht von dem Kraut, das man isst, sondern von dem, das man raucht die Rede sei. Und Rock? „Rock steht für gar nichts … das machen auch Rechtsradikale“ stellt Jaki Liebezeit lakonisch fest. Kurzum: hier in Deutschland hätte sich niemand so bezeichnet. Wahrscheinlich stammt das Label „Krautrock“ aus der Feder des Musikverlegers Simon Draper bei Virgin Records, der einen knackigen, verkaufsfördernden Überbegriff für die damals in England sehr gefragte deutsche Musik suchte. Für die weitere Verbreitung tat dann John Peel im Radio was er konnte, denn diese Musik, die da aus Deutschland kam war innovativ, experimentell, auf das Wesentliche reduziert, streng und fokussiert, ganz anders als die angloamerikanische Musik zu dieser Zeit. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Musik außerordentlich heterogen war und aus einem weiten Spektrum von musikalisch hochgebildeten Musikern (Irmin Schmidt, Holger Czukay, Michael Rother etc.) bis zu musikalisch völlig unbefangenen Dilettanten, von Folk- und Weltmusikern bis zu psychedelischen Revolutionären ihre kreativen Zuflüsse bezog. Interessant war hierbei, dass diese Szene sehr viel mehr Einflüsse aus zeitgenössischen Kunstkonzepten bezog als aus der sonstigen Gegenwartsmusik. Doch dann gab es noch Stockhausen und den amerikanischen Minimalismus, sowie der freie Umgang mit Improvisation aus dem Free Jazz als wichtige Impulsgeber, aber auch den unbeirrbaren Willen etwas neues zu schaffen und das Kopieren bestehender Strukturen um jeden Preis zu vermeiden. Die Herangehensweise war dabei sehr unterschiedlich von kollektiven, alternativen Lebensformen in Kommunen (Faust, Amon Düül, Cluster) bis zu offenen Sessionformaten, wie sie im Berliner Zodiak oder bei Can gelebt wurden. Gemeinsam war aber allen, dass auf auch nur annähernd konventionelle Songstrukturen verzichtet wurde und lange, bisweilen ausufernde Sessions zentral zur Klangneufindung beitrugen. Die Ergebnisse waren einzigartig, überraschend und viele hören sich auch Jahrzehnte später noch überraschend frisch an.

Lange schon war dieses Buch angekündigt gewesen und Christoph Dallach hat sich keinen Augenblick zu spät an die Arbeit gemacht, denn viele seiner Interviewpartner leben inzwischen nicht mehr, wie Dieter Moebius, Holger Czukay, Jaki Liebezeit, Christian Burchard, Bernd Witthüser und Gabi Delgado-López. Allein schon an der Auflistung der inzwischen Verstorbenen kann man die enorme Spannweite der damaligen Kreativkraft nur erahnen. Was das Buch ebenfalls sehr spannend macht, ist dass Dallach auch nicht oder nur zum Teil beteiligte Musiker und Produzenten aus dem Ausland interviewt hat, u.a. Brian Eno, Steven Wilson, Jean Michel Jarre. Hier wird sehr deutlich, wie sehr die Rezeption im europäischen Ausland und in den USA dazu beigetragen hat, dass die deutschen Musiker überhaupt Anerkennung fanden, denn der Blick des großen Publikums war immer noch an den angloamerikanischen Charts orientiert. Klaus Schulze bringt das auf den Punkt: „Es klingt absurd, aber gerade wenn man als Deutscher etwas Eigenes machte, wurde man in Deutschland quasi selbst zum Ausländer und gerade dadurch fürs Ausland interessant“. Gerade diejenigen, denen gegenüber ein Kontrapunkt gesetzt werden sollte, haben also nicht unwesentlich zum Erfolg vieler deutscher Gruppen und Musiker in dieser Zeit beigetragen. Vermisst habe ich wirklich nur wenig, vielleicht wären Beiträge von Manuel Göttsching oder Eberhard Schoener noch interessant gewesen und eine Diskografie am Ende des Buches.

Eine lesenswerte und zutiefst faszinierende Reise durch diese 10-15 Jahre bis Ende der 70er, in denen ein kriegsbedingtes Kulturvakuum füllend eine kreativste Musikexplosion stattfand, die die Popmusik bis heute noch nachhaltig beeinflusst. Und zum Schluß bleibt nur eine, fast etwas traurige Erkenntnis: Krautrock hat es nie gegeben.

 

2021 1 Okt

Unheimlich Manoeuvre

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Der Heimlich-Handgriff (engl.: Heimlich-Manoeuvre) ist ein lebensrettender Handgriff, wenn die Atemwege einer Person durch einen Fremdkörper blockiert sind und diese deshalb keine Luft mehr bekommt. Er wird ausgeführt indem der Helfende mit beiden Armen den unteren Brustkorb des Betroffenen von hinten umfasst und einen ruckartigen Stoß in Richtung Zwerchfell ausführt, was natürlich auch nicht ohne Risiken für innere Verletzungen ist. Der Handgriff wurde von dem amerikanischen Arzt Henry J. Heimlich entwickelt, der ihn aber in seinem Arbeitsleben nie selbst einsetzen musste. Erst im Alter von 80 wendete er seinen eigenen Handgriff zum ersten mal in einem Restaurant an und dann noch einmal mit 96 (!) als sich in seinem Seniorenheim (vermutlich eher eine Seniorenresidenz) beim Essen eine 87-jährige Mitbewohnerin verschluckt hatte und er ihr damit das Leben rettete.

Um seinem Spiel zwischen Licht und Dunkelheit, dem Vertrauten und dem nicht fassbaren Unbegrenzten und zwischen dem Schönen und verführerisch Abgründigen wagte der norwegische Bassist Jo Berger Myrhe das Wortspiel des Unheimlich Manoeuvre als Titel für sein Debütalbum. Bekannt ist Myrhe als Teil des Trios Splashgirl und als Mitglied de Nils Petter Molvaer Quartetts mit dem er Buoyancy und Stitches eingespielt hat, sowie vielen anderen Kooperationen mit anderen norwegischen Musikern. Hier hat er sich nun erstmalig seinen eigenen musikalischen Vorstellungen zugewandt und mit einigen Kollaborateuren wie Kaveh Mahmudiyan, Jo David Meyer Lysne, Jana Anisimova, Morten Qvenild, und in einem zentralen Stück Olafur Björn Olafson und Viviane Wang in einer faszinierenden Gratwanderung zwischen Erhebendem und bedrohlichen Untiefen umgesetzt. Ausgangspunkt waren die Improvisationen mit seinem Bass, der in einer elektronischen Effektkette Klangeffekte weit jenseits des Erwartbaren hervorgebracht hat, die dann kongenial mit den anderen Gastmusikern zu etwas Neuem, fast Transzendenten transformiert wurden.

Aus dem Formlosen hebt sich zu Beginn Everything Effacing, hebt sich leise und mächtig bis der Bass einsetzt und dem unheimlichen Schweben nur einen weiteren Akzent verleiht, der sich erst im folgenden Stück sich langsam verdichtend an einer improvisierten, fast nur dahingetupften Pianolinie materialisiert, um sich gleich wieder aufzulösen. Erst in Aviary wird eine flüchtige Form gefunden, die sich traumverloren und schwermütig immer an der Grenze zur erneuten Auflösung entlangbewegt. Cynosure vertieft diese Stimmung, die scheinbar in der ewigen Zone der Dämmerung herumwandert und nur durch den gelegentlichen Klang einer Tombak nicht verloren geht. In Smallest Things Pt.2 trägt Vivian Wang ein Fragment aus einer Kurzgeschichte von Raymond Carver „I Could See The Smallest Things“, einer Nachtgeschichte mit offenem Ausgang, aber um so unheimlicherer Atmosphäre, vor. Fast wie eine programmatische Ansage für das Album. Gate Opens ist fast das fassbarste Stück des ganzen Albums, getragen von Jo David Meyer Lysne’s vorsichtig gezupfter Gitarre. Perils folgt dann mit einem gestrichenen Kontrabass, der erst perkussiv unterlegt wird und sich dann langsam in fremdartigen Räumen elektronischer Verlassenheit rhythmisch einfindet. Die letzten beiden Stücke Sustainer und Inner Relations sind auf unterschiedliche Weise sehr intim: das Erstere fließt in eine irgendwann kaum noch zu ahnende Unendlichkeit und Inner Relations spielt erneut über das Klangspektrum Myrhe’s Kontrabass mit freundlicher Abstraktion bis an den Rand eines musikalischen Niemandslandes.

Dieser Rand des musikalischen Niemandslandes findet sich auch im Zentrum des Covers wieder fast wie ein schwarzes Loch, das alle Annäherungen leise in sich aufnimmt und einen zeitlosen Zustand in der magischen Mitte entstehen lässt. Das erinnert mich an das Kunstwerk Descent Into Limbo von Anish Kapoor, das aus einem kleinen Raum mit einem mit Vantablack (ein nicht mehr lichtreflektierendes ultraschwarzes Pigment) ausgemalten 8ft tiefen Loch besteht, von dem nicht mehr zu erkennen ist, ob es ein Loch oder eine Fläche ist, was fatalerweise dazu führte, dass bei einer Ausstellung trotz Warnung ein Zuschauer hineinstürzte. An der Wand wird nur angemerkt “the sculpture is an expression of Kapoor’s interests in the formal and metaphoric play between light and darkness, inside and outside, the contained and the infinite, which underpins his sculptural oeuvre.”  Gilt programmatisch auch für Jo Berger Myrhe, den es hoffentlich noch zu vielen Manövern in den unwegsamen Nachtgefilden der Un-Heimlichkeit ziehen wird.

 
 

2021 3 Aug

Next Is Now

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Die Frau Professor ist bestens vorbereitet um nach Jahren des Schreibens und Lehrens endlich einmal ein vollständiges Album an den Mann zu bringen. Sie ist der Punk Professor (kein Witz, sie hat tatsächlich einen Lehrauftrag an der NYU für Punk und Reggae!) und startete mit einer Single, die sie in den Post-Punk Wirren mal nebenbei, Johnny Rotten etwas Studiozeit abknapsend, aufnahm und dann etwa 30 Jahre später zum ersten mal aufführte: Launderette. Letztes Jahr dann ergriff sie wieder das Wort/die Stimme, um dem unsäglichen Wahlmanagement Donald Trumps etwas entgegenzusetzen: I Have A Voice, was letztendlich das letzte und akustischste Stück ihres neuen Albums Next Is Now wurde. Vivian Goldman, die unzählige Albumbesprechungen und Texte (u.a. die erste Biografie von Bob Marley) schrieb, greift nun auf Elemente des Wave, kalte Vintage-Synthesizer, des Dub und ganz subtil minimalistischen und weltmusikalischen Anspielungen zurück um ein bemerkenswert frisches und vitales Album vorzulegen. Eine intelligente und tanzbare Revue durch Jahrzehnte Hörerfahrung, die trotzdem völlig homogen und klanglich diffizil und ausgereift daherkommt. Einfach grandios, überraschend und einfallsreich. Wenn auch nur die Hälfte aller Professoren so rüberkämen, wäre Bildung (egal welcher Couleur) wieder ein erstrebenswertes Kulturgut. Viva Vivian, Next Is Now!

 

 

Der Herr Professor ist bestens vorbereitet um den Epigonen eurozentrischer Musikkultur eine äußerst feine Lektion in der Entwicklung neuer ästhetischer Dimensionen zu erteilen. Diskret, leise, in wunderbaren Miniaturen und Duetten mit ausgewähltesten Mitstreitern. Schon seit Jahren arbeitet er auf dem Boden mikrototaler persischer Dastgah-Skalen und Inspirationen durch Ornette Coleman’s chromatische Matrizes an der Entwicklung einer postchromodalen Musik für deren Umsetzung auf Facets er die Stimmung eines Klaviers den exotischen Skalen anpassen ließ und sich dann Kris Davis, Tyshawn Sorey und Craig Taborn dazu holte, um in überwiegend improvisierten kleinen Stücken (einige basieren auf Stücken von Thelonious Monk) nur vermeintlich dissonante Klangräume zu ergründen, die mit allen europäischen Hörgewohnheiten brechen, fremd und doch zugleich vertraut wirken. In vielen Stücken spielt der Komponist Hafez Modirzadeh dann im Duett Tenorsaxophon mit den Pianisten, wobei er über eine eigens entwickelte Spieltechnik daraus auch mikrotonale und orientalische Melodiefiguren entlockt. Jedes der Stücke stellt eine spezielle Herangehensweise an die umgestimmten Skalen dar, mal in melodischer Weise, mal in Akkordclustern. Und nicht zuletzt wagt er sich, vielleicht auch um zu zeigen wie ernst es ihm ist an ein Stück aus J.S. Bach’s Goldbergvariationen heran und stellt es in einen verstörend neuen Kontext. Eine Herausforderung für den Hörer, die im Verlassen gewohnter Dimensionen aber mit vielen Kleinodien reich belohnt wird. Hafez Modirzadeh ist Professor für Weltkultur der Musik in San Francisco und dennoch klingt hier nichts in einem der innovativsten, facettenreichsten Alben dieses Jahres akademisch.

 
 

2021 18 Jul

Vale

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Das Vale of York ist flächenmäßig nur unwesentlich größer als Berlin, sonst unterscheiden sich beide aber etwa soviel, wie das Auenland von Mordor trennt. Und vor der Veröffentlichung seines aktuellen Albums stieg Simon Goff tief in den Berg der Finsternis hinein und gewann zwei Grammys für die Tontechnik bei den Soundtracks von Hildur Guðnadóttir’s Joker und Chernobyl. Tiefer in den Abgrund als bei letzterer Serie geht es kaum noch. Und doch blieb eine große Sehnsucht nach den Orten seiner Kindheit, die in einigen Stücken, wie auch den Videos seines Albums Vale anklingt. So beginnt es mit Vale, dem gleichnamigen Titelstück mit einer schwebenden, fast pastoralen Atmosphäre, die sich zu einer großen Intensität verdichtet, um dann in Wooden Islands intensiv und minimalistisch, treibend mit geloopten Violinsequenzen und scharfen kleinen Pattern vorjagen.

 
 
 

 
 
 

Simon Goff steht vor dem großen Rund eines Schallspiegels aus Beton, einer Konstruktion, von der viele im 2. Weltkrieg an der englischen Küste gebaut wurden, um die leisen, noch fernen Geräusche herannahenender Flugzeuge akustisch zu verstärken. Dieses Konzept spiegelt sich auch in seiner Musik auf Vale wieder, die eine eng verwobene Mischung von elektronischen Klängen und den verfremdeten und geloopten Klangräumen seiner akustischen Violine, unterstützt von sehr reduzierten perkussiven Elementen und einem Kontrabass oft die fernen subtilen Klänge ganz nah heranholt und die Violine mal scharf und rauh, mal sehnsuchtsvoll und atmosphärisch dicht in seine Klangwelten platziert. A process In The Weather Of The Heart ist hier ein wunderbares Beispiel, gefolgt von dem bedrohlich schwebenden Murmur und den sanften, aber in ihrer Subtilität keineswegs sentimentalen Elowen und Now. I Filled My Lungs With The Necessary Air, And Yelled ist ein sehr tiefgründiges und komplexes Stück, das in seiner herben Schönheit, wie auch durch das intensive Video besticht. Final wird das Spiel mit dem Spannungsfeld zwischen Tradition und technischen Möglichkeiten, zwischen fast ambienthafter Weite und forcierter Dichte, in virtuellen und erinnerten Landschaften mit Sleeping Winds abgeschlossen. Der Wind hat sich gelegt und die, durch die Musik ausgelösten visuellen Szenarien verblassen langsam in ihren exzentrischen Brainloops.

 
 
 

 

2021 27 Jun

Leviathan

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Leviathan, der „sich windende“, der Unüberwindliche, der Ungeheuerliche betritt wieder den Plan. Der mythische Riesenwal, das archaische Urwesen. Dieses Mal in Form einer Kollaboration von The Grid und Robert Fripp, die auf altes Material von Anfang der 90er Jahre zurückgreift, als sie in gemeinsamen Sessions offenbar Unmengen an Material produzierten, was immer nur stückchenweise das Ohr der Hörer erreichte. The Grid (Richard Norris & Dave Ball) berichten

 

‘Robert (Fripp) turned up with a truck load of amps and effects, two great big stacks including delay units with a 76 second delay and played and played and played.’

 

Jetzt sind die vielen Bänder mit schier endlos weiten Frippertronics und Guitar-Soundscapes neu überarbeitet und mit subtilster elektronischer Musik angereichert worden, die einer ungewöhnlichen Dynamik folgt. Das Album beginnt extrem ruhig mit Empire, einem wunderbar subtilen Ambientstück, dann Milkwood, das ätherisch schwebend sich verdichtet. Langsam dann kommt ein leises Pulsieren in Pulse Detected und Loom dazu, um sich dann in der zweiten Hälfte dieses Meisterwerkes mit Leviathan rhythmisch immer weiter zu verdichten, zieht über After The Rain an zu Fire Tower, das sich auch mit den weiteren Stücken Zhora und Sympathico in einen feinsten futuristischen Slow-Tribal-Techno entfaltet, dem man das Alter des Ausgangsmaterials nicht ansatzweise anhört. So entsteht ein Mahlstrom einer Musik, die langsam und kompromisslos sich aus den Tiefen emporwindet und einen unabweisbaren Sog entwickelt. Ein Monolith, ein wahrlich raumergreifendes Statement, ein Leviathan!

 
 
 

 

2021 10 Mai

Humanbeing

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Ganz langsam erhebt sich etwas aus dem Ursprung der musikalischen Evolution, ganz aus der Tiefe, dem Leisen, Bodenlosen. Warm und amorph schwillt es an, verdichtet sich ganz langsam. Schwebt über den Wassern, leicht und subtil, nur unterbrochen von den Tupfern eines präparierten Pianos, erkundet den Raum. Wird organisierter, organischer, organhafter, wird Fleisch – Flesh. Fängt an zu leben, pulsiert, elektronisch moduliert, verästelt sich immer feiner, kommt in den rhythmischen Fluß, wird Blut – Blood. Dann, ganz zart wie ein Luftzug, fast verloren, ein Hauch von Haut – Skin. Cineastische Übergänge, so wie sie in den Träumen in den frühen Morgenstunden gerade noch erinnert werden können und, wenn man sie nicht gleich festhält werden sie  flüchtig, vergänglich, oneiroid.

Humanbeing ist das Soloprojekt von Rossano Baldini, der einerseits viel Musik für Film und Fernsehen komponiert hat und auf der anderen Seite als Jazzpianist und Keyboarder auch an der Seite bekannter Größen aufgetreten ist. Humanbeing ist sein erstes Soloprojekt, bei dem er frei von äußeren Anforderungen seiner eigenen Vision folgt. Einer hybriden Vision, die zwischen organischen Kräften und virtueller Natur, zwischen akustischen und elektronischen Elementen es doch wagt ganz physisch zu werden, dem Abbild eines Organismus mit seinen Organen, deren verschiedene Funktionen sich nur in der gegenseitigen Bezugnahme, dem Zusammenwirken voll entfalten können. Einer hybriden Vision, die sich musikalisch in dem Spannungsfeld zwischen synthetischer Klangerzeugung und einem Bercandeon, einem akkordeonähnlichen Instrument mit zwei diatonischen Tastaturen, erfüllt und dabei in einer ganz eigensinnigen Intimität erblüht.

Atemlos, schneller, synthetischer, sequenzieller treibt es voran und bleibt doch luftig, Lunge – Lungs. Dann geht es mit technoidem Drive weiter in die substanzielle Verdichtung hinein, pushend und doch sehr wandelbar und voller Überraschungen. Mitten im Kraftwerk des Lebens, der Leber – Liver. Geht nahtlos ins Zentrum des Erlebens weiter, wieder weiter, erzählend, spielerisch und emotional. Die einzige Stelle, in der mit Carmine Iuvone am Cello eine Gastmusikerin erklingt, erst lyrisch andeutend, dann rauh und wirbelnd in ein akustisch begehbares Herz – Heart. Eine höchst dynamische Organlehre, in die wir noch das offene Ohr einbringen können.

 
 


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