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2021 3 Jan

Uli’s Favoriten 2020

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Nun wird es endlich Zeit, wo doch das neue Jahr schon angebrochen ist, meinen Jahresrückblick zu schreiben. Der wird dieses mal aus 33 Favoriten, 11 Wiederveröffentlichungen und 3 Nachträgen für 2019 bestehen und zieht dabei einen spannenden Bogen zwischen meiner zweiten Phase der Musiksozialisation und der Gegenwart. Einer der wichtigsten Protagonisten ist hier Jon Hassell, dessen Alben mich vom ersten Hören an in ihren Bann gezogen haben und dies, nicht nur bei den Reissues, auch heute noch tun. Andere waren und sind Brian Eno und der jüngst von uns gegangene Harold Budd, deren Plateaux of Mirrors ich zum ersten mal in einer kaputten Anlage in einem alten, schrottigen R4 bei der Fahrt in den Sonnenuntergang hörte. Die Musik hat trotzdem funktioniert und fasziniert. Womit der 4. Musiker der Ambient 1-4 Serie, Laraaji natürlich nicht fehlen darf, dessen Sun & Moon Piano es zwar knapp nicht in meine Favoriten geschafft haben, aber dafür der grandiose, einfache Konzertmitschnitt Through Luminous Eyes, wo Laraaji ganz entspannt mit einer Hand Piano und mit der anderen Zither spielt. Ein weiteres Highlight ist Markus Stockhausens Wild Life, das ein überbordendes Statement seiner Kreativität und Originalität ist. 

 
 

 
 

    1. Stephan Thelen – World Dialogue
    2. Peter Schwalm/Arve Henriksen – Neuzeit
    3. Jon Hassell – Seeing Through Sound
    4. Max De Wardener – Music for Detuned Pianos
    5. Eivind Aarset/Jan Bang – Snow Catches On Her Eyelashes
    6. Roedelius – Selbstportrait: Wahre Liebe
    7. Phillip Sollmann – Monophonie
    8. Bohren & Der Club Of Gore – Patchouli Blue
    9. Pantha Du Prince – Conference Of Trees
    10. Paradise Cinema
    11. Ceeys – Hausmusik
    12. Echo Collective – The See Within
    13. Irmin Schmidt – Nocturne
    14. Yello – Point Yello
    15. Jo David Meyer Lysne/Mats Eilertsen – Kroksjø
    16. Roger Eno/Brian Eno – Mixing Colours (Extended)
    17. Samuel Rohrer – Continual Decentering
    18. Maxwell Sterling – Laced With Rumour: Loud-Speaker Of Truth
    19. Markus Stockhausen – Wild Life
    20. Deux Balaines Blanches – Singende Drähte
    21. Laraaji – Through Luminous Eyes
    22. Die Wilde Jagd – Haut
    23. Cosmo Sheldrake – Wake Up Calls
    24. Nicolas Jaar – Cenizas
    25. Eyvind Kang – Ajaeng Ajaeng
    26. Giorgi Mikadze – Georgian Microjamz
    27. Acid Pauli – MOD
    28. Sonar w. David Torn – Tranceportation Vol 2
    29. Robin Guthrie/Harold Budd – Another Flower
    30. Loma – Don’t Shy Away
    31. Sevdaliza – Shabrang
    32. Jonny Nash & Teguh Permana – Poe
    33. Christina Vantzou & JAB – Landscape Architecture

 

Bei den Reissues sind die Japaner mal wieder gut vertreten wobei ich hier besonders auf das exzentrische Anecdotes von Motohiro Yamase, verweisen möchte, das einen eigenständigen, magischen  Entwurf zur japanischen Fourth World Music darstellt. Ebenfalls erwähnenswert ist der Japaner Yas-Kaz, der lange auf Bali lebte und sich mit der dortigen Musikkultur intensiv auseinandersetzte und mit seinem Schaffen Musiker wie Ryuichi Sakamoto, Midori Takada und Shoji Yamashiro stark beeinflusste.

 

    1. Jon Hassell – Vernal Equinox
    2. Ryuichi Sakamoto – Hidari Ude No Yume
    3. Hiroshi Yoshimura – Green
    4. Jon Hassell/Farafina – Flash Of The Spirit
    5. Ultravox – Vienna
    6. Various Artists – From Brussels with Love
    7. Motohiko Yamase – Anecdote
    8. Young Marble Giants – Colossal Youth
    9. Yas-Kaz – Jomon-Sho
    10. Roedelius – Tape Archive Essence 1973-1978
    11. Julia Kent – Green and Grey (Expanded)

 
 
 
              
 
 
 
Schließlich kommen die Nachträge zu 2019, die völlig unterschiedliche Ideen verwirklichen:
 

    1. Jessica Ekomane – Multivocal (elektronische Installationsmusik zwischen Ligeti’s Metronomkonzert und Steve Reich’s Experimenten mit subtilsten Rhythmusverschiebungen)
    2. Henrik Schwarz & Alma Quartet – CCYMK (Elektronische Improvisationen und Live Bearbeitungen mit einem Streichquartett – experimentell und dennoch bestens hörbar)
    3. Toshinori Kondo – Blow The Earth (India) (frischer Wind von dem japanischen Trompeter zwischen Jazz, Duo und Elektronischem, atmosphärisch enorm dicht und fein gewebt)

Die Zeit war schon lange stehen geblieben, seltsam grau und scheinbar monoton. Oder hatte sie bereits angefangen langsam rückwärts zu laufen in die Vergangenheit einer DDR-Jugend hinein, in Einschränkungen und Reduziertheit, vielleicht sogar Mangel. Aber darin liegt vielleicht auch eine Schönheit, asketisch und bedacht und trotzdem im Fluss. Und eine verhaltene Melancholie. Die Brüder Sebastian (Cello) und Daniel (Piano) Selke haben nach zwei noch elektronisch unterstützten Alben nun ein rein akustisches vorgelegt, dass sehr intim und unprätentiös, diskret und leise erklingt und sich weit von den üblichen Cello/Piano-Duos wegbewegt oder genauer gesagt, es gar nicht erst soweit kommen lässt. Wenige Motive reichen in ihren Variationen aus, um minimalistische Spannungsbögen fast stoisch und modulationsfrei zu verwirklichen.

Gleich am Anfang in Vice Versa tauschen die Brüder ihre Instrumente und das folgende Stück Reunion hört sich an wie Hauschka auf Opium, immer langsamer werdend und doch intensiver und intensiver. Im Fenster baut auf einem Cellomotiv auf rau und ungeschliffen und erinnert mich ein bisschen mit dem verhallten Piano an die Musik des gerade verstorbenen Harold Budd, zitiert aber einen Song von Toni Krahl’s Band CITY. In Circa baut sich in fast meditativer Reminiszenz an ein Bach-Motiv auf ohne aber mit Kadenzen zu belasten, ein trockenes vielleicht präpariertes Piano kommt hinzu bevor es in der Tiefe der Tonskala schnarrend versinkt. Am Ende der ersten Platte offenbart sich aus einfachen Fragmenten mit Belka ein völlig reduziertes, perkussiv-avantgardistisches Stück, das aus weniger immer mehr macht, verdichtet und bannt. Strelka, das erste Stück der zweiten Scheibe des Doppelalbums greift den Reduktionismus auf und führt ihn ozillierend ins Unbekannte. Belka und Strelka erinnern übrigens an die beiden ersten Lebewesen, die gleichnamigen Hunde, die einen Raumflug überlebten. To Open A Door’s Inner Frame atmet verhalten, beschleunigt und verebbt, setzt an um vielleicht ein Song zu werden und verbleibt doch in einem experimentellen Ausnahmezustand. Fallen erinnert etwas an Steve Reich oder frühe Michael Nyman-Stücke, repetitiv, absolut minimalistisch, aber effektiv und die Videoclips spielen auch mit dieser minimalistischen Plattenbauästhetik. Yes, Brick By Brick ist nicht nur vom Aufbau Stein auf Stein, sondern auch ein Motto, dass die Musiker schon lange begleitet und ihnen Gelassenheit, Geduld und Stärke gegeben hat, wenn die Welt mal wieder gnadenlos und düster daherkommt. Im finalen No. Eins schließlich schließt sich der Kreis zu ihrer ersten Improvisation, aber auch zum ersten Stück des Albums, wo die Brüder ihre Instrumente tauschten. So ist Hausmusik gleichzeitig ein inverser Blick zurück und eine futuristische Nostalgie, eine Persiflage klassischer Musik und eine postapokalyptische Machbarkeitsstudie, intensivste Monotonie und halt eben: intime Hausmusik.

 
 

2020 29 Nov

Happy Sunday Lockdown Lunch

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Damit das Leiden der Einsamen gelindert und die Qualen der kulturentzogenen Bevölkerung verkürzt werden, hat sich ein Musikerpaar echt etwas einfallen lassen, skurril, bizarr, genial und gleichzeitig unverbindlich peinlich. Da werden in altbekannter Regelhaftigkeit kurze Filmchen in Haus und Garten gedreht und den Ausgehungerten zum Ausklang des Wochenendes angeboten. Die beiden sind Profis und lassen definitv nichts anbrennen, doch nun urteilt selbst …

 

Video 1

Video 2

 

Das sind zumindest zwei echte musikalische Highlights, wobei ich ermutigen möchte, sich weiter durch die Clips zu klicken, die Auswahl ist groß und das Niveau facettenreich. Hier ein beispielsweise nicht zu unterschätzender Abgrund (aber Humor haben sie ja …):

 

Video 3

2020 27 Nov

Neuzeit

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Zeit entsteht durch Bewegung verschiedener Objekte zueinander. Wenn sich nichts bewegt, hört die Zeit auf, das ist mit den äußeren wie inneren Objekten gleich. Wenn die Gedanken ruhen, spielt Zeit keine Rolle mehr. Zeit wird aus der Alltagserfahrung in zyklischen Bewegungen erlebt: wenn sich etwas wiederholt entsteht ein Rhythmus, eine Zeitstruktur, die die Musik der alten Zeit kennzeichnet. Die alte Zeit aber ist vorbei, vergangen. Wir wissen nicht, was geschehen ist, was den unsichtbaren Kollaps ausgelöst hat, aber es muss ihn gegeben haben. Vielleicht etwas Elementares, wie Michael schon vermutet hat. Verblieben sind noch einige elementare Reste des Alten, Klangfarben, Rhythmusfragmente, etwas das anklingt, sich verwandelt, verliert, verschwunden ist, bevor es erfasst werden kann, wie ein Vogel im dichten Morgennebel.

Raum entsteht durch die Entfernung verschiedener Objekte zueinander. Akustisch findet sich das in der Lautstärke und Position wieder und die Raumgröße als Hall im Klangraum. Der alte Raum ist vorbei, vergangen. Lange Hallfahnen mischen sich zwanglos mit trockenen Klängen, Nahes scheint leise und Entferntes verstörend nah, Hintergrundklänge füllen den Raum und Melodielinien fließen durch die fein gewebten elektroakustischen Texturen, verlieren sich in unvorhersehbaren Wendungen, zitieren mit offenem Ausgang und geben den alten Hörgewohnheiten soviel Halt wie eine abschüssige Eisfläche. Dazwischen erscheinen die Geister der Vergangenheit als Ghost-Notes, singulär und geheimnisvoll, leise verstörend, Konventionen verratend und im akustischen Irrgarten immer die andere Abzweigung empfehlend. Aber nimmt man weit mehr als nur die übliche Dreidimensionalität der Welt an, entsteht etwas Neues, unglaublich Magisches.

J. Peter Schwalm und Arve Henriksen wagen sich auf Neuzeit zugleich weit ins Neuland in einem Spannungsfeld von elektronischen, perkussiven und akustischen Klangfarben, die sich von strukturierten, formalen Ausgangspunkten dekonstruierend ins weiße Niemandsland, einem Land schwer faßbarer Atmosphären entfalten. Ein musikalisches Hybridwesen, ein mythischer Klangandroid, bei dem die verlorengegangene Ideenlosigkeit durch elektronische Träume ersetzt worden sind. Die Titel kreisen um verschiedene Arten der Zeit, die sich aus elementarer Zeitlosigkeit entfalten. Das beginnt mit Blütezeit, das sich ganz zart und additiv Facette um Facette hinzufügend entfaltet, organisch, sanft, sodass mancher drastische Wechsel erst bei mehrmaligem Hören auffällt, sanfte Trompetenlinien fast unbemerkt in harsche Synthesizerrhythmen übergehen, ein stetiges sich Öffnen. Suchzeit tastet sich behutsam durch einen längst leise kollabierten Raum, wie ein zarter Lichtstrahl durch den Staub alter Ruinen und beginnt alte Geschichten zu erzählen, die kein Ende mehr haben. Neuzeit schließlich tastet sich ganz vorsichtig, zaghaft in eine neodystopische Eskalation in unkartiertem Gelände hinein. In Raumzeit kehrt zu artifiziellem Regen eine fast impressionistische Stimmung ein, verloren, kryptisch und ein bißchen melancholisch. Schonzeit beschreibt den verhaltenen Raum zwischen den Zeitaltern, der ewig und unendlich kurz zugleich sein kann, cineastisch visionär und intim. Unzusammenhängend, schwebend dissonant zieht sich Unzeit mit subtilen Irritationen in fremde Gefilde zurück und Wellenzeit wagt die Vortäuschung des Zyklischen im niemals gleichen Fluss. Final setzt Zeitnah den Hörer sanft umgarnend in einem vollends fiktiven Raum ab, der befremdlich vertraut scheint. Archaische Musik aus der Traumzeit von Übermorgen. Jetzt.

 

 

Mit dem Einsetzen des Rhythmus macht die Zeitmaschine eine heftigen Sprung nach hinten und weiß auf einmal nicht, wo sie genau anhalten soll: Bei meinem ersten Beitrag auf diesem Blog oder von da aus etwa 35 Jahre früher, wo mich ein Kabukiartig geschminktes Gesicht etwas verschlafen in einem Frankfurter Plattenladen anstarrte und ich das Album nach kurzem, mesmerisierenden Reinhören mitnahm, um wenige Stunden später erst einmal völlig verstörte Blicke meiner Freunde zu kassieren, die mir die schlimmsten Befürchtungen bezüglich der Entwicklung meines Musikgeschmacks entgegenbrachten. Aber bereits nach dem zweiten oder dritten Anhören dieses Kronjuwels japanischer Popmusik war ich zum Glück rehabilitiert und dann lief die Scheibe erst einmal heiß. Und das tut sie bis heute, wo ich nun endlich die gerade in Europa erstmals erscheinende, remasterte Wiederveröffentlichung der original japanischen Version samt einer zweiten CD mit der Instrumentalversion in den Händen halte: erfrischend wie vor Jahrzehnten, schillernd perfekt, exzentrisch und zeitlos genial.

Nachdem er Robin Scotts Pop Muzik gehört hatte, lud Ryuichi Sakamoto ihn nach Tokyo ein, um mit ihm ein Album aufzunehmen. Mit von der Partie waren seine Mitstreiter vom YMO Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi, Adrian Belew, der neben seinen Gitarrenkünsten einige angry animals beisteuerte, Robin Thompson, der bei Stockhausen studiert hatte und nicht zuletzt der damals fast omnipräsente Hideki Matsukake, der Sakamoto beim Programmieren der Synthesizer unterstützte. Von Fluxus-Konzepten beeinflusst konzipierte Sakamoto, gelangweilt von bereits bestehenden Musikformen, dieses Album bewußt als kollektive Improvisation mit intensivster Neophilie und offenem Ausgang. Die Stücke entwickelten sich jeweils um die primären Rhythmusstrukturen herum und nach und nach flochten die anderen Instrumente ein feines Gewebe daraus. Mit großer Experimentierfreude drifteten die Stücke als Mix zwischen einer höchst originellen japanischen Form des New Wave, lässiger postavantgardistischer Popmusik und minimalistischen (aus unerfindlichen Gründen schlägt mir die Autokorrektur hier „minimaoistischen“ vor, was mich an das Noir-Cover von Japans Tin Drum erinnert…) Miniaturen hin und her und entwickeln eine subtile, in sich völlig schlüssige Suite exzentrischer Klangausflüge, die den geneigten Hörer befriedigend verstört im finalen Saru No Ie für immer in einem bizarren Neo-Dschungel zurücklassen. Hidari Ude No Yumi – Left Handed Dream, again and again …

 
 

Das Cello springt rau zwischen den Boxen hin und her, packt mächtig zu und die feinen Härchen stellen sich am ganzen Körper auf, der so genannte „Chill-Factor“ übernimmt. Bereits die ersten Takte von Circular Lines aus dem neuen Album von Stephan Thelen verströmen die Magie, wegen der ich ewig suchender Musikhörer geworden bin. Und diese Magie scheint fast unbegrenzt steigerungsfähig: eine hochkomplexe polyrhythmische Struktur, bei der jeweils ein Instrument in 3/8, eines in 4/8 und 5/8-Takten gegeneinander läuft und das verbliebene Instrument des Quartetts die Rhythmusstrukturen unterstützt oder elegante Melodielinien darüberlegt, entwickelt sich fulminant und doch unglaublich fokussiert. Eines der herausfordernsten Stücke, die sie je gespielt hätten, sagt David Harrington vom Kronos Quartett, die diese Herausforderung formvollendet und mit rauer Eleganz, fast wie ein Rocksong mit phänomenaler Intensität mehr als erfüllen. Treibend, nein eskalativ sicher eine der besten Darbietungen aus dem umfangreichen Repertoire dieses Ausnahmequartetts.

Zeitsprung: 2014 besucht Anil Prasad den Kopf von Sonar, Stephan Thelen, wo dieser ihm von seiner Vision erzählt, seine Stücke einmal vom Kronos Quartett spielen zu lassen. Prasad teilt diese Vision, fasziniert von den komplexen und nuancenreichen Strukturen der Sonar-Alben, und bringt David Harrington eine Demoaufnahme und Partitur von World Dialogue vorbei, der sich begeistert gleich bei Stephan Thelen meldet und, anstatt dieses Stück ins Repertoire aufzunehmen, Circular Lines für ihr Projekt 50 for the Future in Auftrag gibt. 2017 war es schließlich so weit und dieses faszinierende Stück wurde eingespielt und aufgenommen.

Doch das ist erst der Anfang eines vitalen und spannungsgeladenen Albums, denn das polnische Al Pari Quartett erlebte eine Aufführung von Circular Lines bei einem Konzert des Kronos Quartetts und begann, ebenfalls begeistert davon, es in eigenen Konzerten aufzuführen. Bald nahmen die Musikerinnen dieses Ensembles dann Kontakt zu Stephan Thelen auf und so kam es, dass sie die restlichen Stücke eines der beeindruckendsten Alben dieses Jahres einspielten. Chaconne tanzt über einen 11/4-Takt und bedient sich der von Thelen als „Twofold Covering“ bezeichneten Kompositionstechnik: die Melodielinie wird von einem tiefer tönenden Instrument eine Oktave tiefer und in halber Geschwindigkeit gespielt, was eine eigenwillige Bewegung erzeugt, die die Wahrnehmung der Musik radikal verändert. Auch das letzte Stück des Albums Silesia, einer Auftragsarbeit für das Al Pari Quartett, bedient sich dieser Technik, nur das es dadurch einen besonderen Reiz gewinnt, dass es traditionelle schlesische Melodiefragmente auf unfassbare Weise mit einem 13/4-Takt verwebt und dabei beides verfremdet und in wunderbarer Kraft über sich hinauswachsen lässt. Zwischen diesen beiden Stücken findet sich Word Dialogue mit einer additiven Rhythmusstruktur von einem 7/8 und einem 8/8-Takt, deren Variationen sich mit unglaublicher Leichtigkeit rückwärts durch den Quintenzirkel bewegen, um schließlich ganz beiläufig wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Präzise und dynamisch bewegt sich das Al Pari Quartett mit größter Intensität und dunkler Leidenschaft durch diese schwierig zu spielenden Stücke und steht dem Kronos Quartett dabei um nichts nach. Hier findet eine Bewegung statt vom vertracktem experimentellem Art-Rock, wie er noch auf Tranceportation Vol 2 von Sonar mit David Torn, das im Mai erschienen ist und psychotrope ferne Welten erkundete, ausgelotet wird zu dem hochdifferenzierten Klangraum eines Streichquartetts. Eine Kammermusik der Zukunft, die vital mit heutigen Hörgewohnheiten spielt und in ihrer fast mathematischen Eleganz neue Zenite erahnen und die feinen Härchen auch noch eine ganze Weile nachdem die Musik längst verklungen ist stehen lässt.

 
 
 

     

 

Aus dem bodenlosen, fast unhörbaren Subbassraum erhebt sich leise eine ambienthafte Klangfigur in die Stille hinein und umzieht mich mit einem sanften Bann, bevor ich realisiere, dass die Musik längst begonnen hat.  Seltsame, bislang ungehörte Schwebungen mit denen das belgische Echo Collective in ihr erstes Album nur mit eigenen Stücken einsteigt. Zuvor haben sie schon Radiohead (Amnesiac) gecovert und mit Christina Vantzou (No. 4) und A Winged Victory For The Sullen (The Undivided Five) zusammengespielt, deren Einflüsse hier subtil spürbar sind. The See Within ist klanglich um den magischen, manchmal fast unheimlichen Sound des Magnetic Resonator Piano‘s (MRP) herumgebaut. Das MRP ist ein mit kleinen Magneten präpariertes Proto-Klavier, das ähnlich einem E-Bow die Saitenschwingungen manipulieren kann und so einen schwebenden, in sich schwingenden Klang erzeugt, der ohne elektrische Einflussnahme eine akustische Annäherung an die langgezogenen, tragenden Streicher darstellt, die sich behutsam darum herumgruppieren. Außer dem MRP und den Streichern kommt noch eine Harfe mit ins Spiel, die noch am gewohntesten innerhalb dieser gänzlich akustischen Musik klingt, aber bald durch fremde, manchmal fast unheimliche und geisterhafte Färbungen unwoben (The Witching Hour) und in bislang ungehörte Zusammenhänge gestellt wird oder einfach nur dezente Klangtupfer zelebriert. Die Hörerfahrungen des vierköpfigen, sich als post-klassisch bezeichnenden Ensembles muss sich intensiv an Ambientsounds geschult haben und manchmal erinnert das Ergebnis flüchtig an die magische akustische Interpretation von Brian Eno‘s Music for Airports durch Bang on a Can, aber dann kommen neue magnetinduzierte Hallräume hinzu und ziehen die Aufmerksamkeit wieder in Parallelwelten, in denen Einsteins Zeitdilatation die Regie übernommen zu haben scheint. Spätestens in dem fast 11 Minuten langen Respire geht dann das Erleben in den zeitlosen Raum über, in dem man sich mit Leichtigkeit im finalen First Brightening dann vollends verliert. Wo war ich nur in der letzten Stunde? Muss ich das wirklich wissen, wenn das kollektive Echo des Echo Collective meine Hirnströme zu einem selig verschlingenden Strom zivilisationsfernen Ausklingens verwandelt hat?

 
 

2020 25 Sep

Bei mir piept‘s

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Wahrscheinlich hab ich eine Meise oder irgendeinen anderen Vogel. Neulich war wieder mein unsichtbarer Agent für sonderbare und skurrile Musik da und hat mir einen kleinen Kosmos dagelassen, einen Cosmo sozusagen. Einen Cosmo Sheldrake. Höchst obskur, was nun aus meinen Boxen kommt: aber ich glaub ich steh im Walde, mitten zwischen den Glockenblumen in der Abenddämmerung und ein eigenartiger Frieden überkommt mich. Vor einem Jahr hat Gregor zum 200. Mal seinen Plattenschrank geöffnet und Messiaens Catalogue d‘Oiseaux und dessen Faszination für Vogelstimmen ausführlich gewürdigt und nun tritt der Sohn des renommierten englischen Biologen Rupert Sheldrake in diese Fußstapfen, die ihm kein Stückchen zu groß zu seien scheinen. Nur ist seine Art mit den tausenden gesammelten Aufnahmen von Vogelstimmen eine ganz andere: die Musik ist schon längst da. Da, wo Messiaen noch mühsam transkribierend mit der Vogelwelt Hase und Igel spielte, überlässt Cosmo Sheldrake der Vogelwelt scheinbar gleich die Regie und führt den Hörer gleich direkt in die pastoralen Welten einiger in England bedrohter Vogelarten. Der Multiinstrumentalist und Komponist geht mit kindlicher Neugier und Staunen an die Welt heran, aber mit dem feinen Blick eines Genius, wie ihm eine Rezension im Guardian bescheinigt. Er hat gewiss seinen David Rothenberg gehört und schon mit Bernie Krause musiziert und überlässt es nun in 13 Miniaturen jeweils einer gefährdeten Spezies das Solo zu zwitschern und bettet all das ein in eine Welt, die mich an meine Kindertage erinnert, wo ich im Sommer frühmorgens wach wurde von der Lautstärke und Intensität eines vielfältigen Vogelkonzertes und mich noch ganz in der Welt geborgen fühlen konnte. Nur einschlafen ging nicht mehr: Wake up calls!

Und dabei bleibt er very british mit viel Ernsthaftigkeit, musikalischer Kompetenz und einem feinen, hintergründigen Sinn für Humor, der auch schon seinen bisherigen Veröffentlichungen ganz zu eigen war. Hier noch einer seiner ersten Videoclips, der dies besser als tausend Worte erfahrbar macht.

 
 

… ist nicht nur der Titel eines Jahrzehnte alten Albums, sondern kompromisslosestes Programm, das ab da ein Eigenleben zu führen begann. Der grimmige Gorilla schaut mit seinem fahlen Blick durch die Zeit und uns hindurch und skandiert 2020 „All my life is restless, I never had a breakfast“. Das war zu erwarten, kein Hauch von Gnade auch nach über 37 Jahren, Elektro-Dada, frisch und ohne Grenzen. Die beiden alten Herren exportieren seit Anbeginn ihrer Zeiten nicht nur exklusiv die Löcher im Käse (Maßanfertigung garantiert), sondern einen exzentrischsten Sound, der wie ein schwarzes Loch den ultimaten Sog der Sinnfreiheit wie eine Karotte vor dem Esel der Spaßgesellschaft vorausträgt und sich daran erfreut nichts als Fragen offenzulassen. Ernsthaft. Aber jetzt ist es passiert: „I jump out of the bottle, I do the double bubble“. Waba Duba. Der Geist ist aus der Flasche und springt wild zwischen Anoden und Kathoden hin und her, mixt Atmosphären von Film Noir über James Bond bis zu Star Trek, spielt den Blues mit Grabesstimme, fakt den Funk und tackert den Techno. Ausser sich und ausser Kontrolle, Spinning My Mind, der Mann mit grünen Haaren läßt ein Skelett hinter der Skyline tanzen und singt mit sanfter Stimme bis alles in Flammen versinkt. Gemütsbildende Grabesromantik von übermorgen oder Konzeptkunst. Sonnenbrillen nach Mitternacht. Treibend, eskalativ, voller skurriler Sounds, die man glaubt irgendwo synthetisch schon einmal gehört zu haben. Alles neu aus Boris Blanks Klanglaboren, blubbernd und schneidend, imitierend und Zitate schreddernd, jedes Detail ausgefeilt, Ähnlichkeiten bestenfalls rein zufällig. Hut ab. Dazu jagen Dieter Meiers sonore Sprechgesänge den Schatten des Pink Panther durch die Lautsprecher hinein in den Dschungel und durch die Hinterzimmer des Stammhirns. Konspirative Sitzung der schnauzbärtigen Schweizer Ehrenlektion. Transpirativ, elegant, anarchisch, sich um kein Klischee kümmernd und doch alle ausnutzend. Exzesse, Bananen und Orangen, „Left to right, your eyes are shining bright. Left to right, you‘re Out Of Sight. Da gibt’s kein zurück! Punkt. Point. Point Yello. Oh!

 
 

Kaum ist das Lieblingswerk des Japaners Hiroshi Yoshimura seit 1986 zum ersten mal wieder aufgelegt und damit außerhalb Japans überhaupt zum ersten mal erhältlich, hat Green es zu recht hier schon zum Reissue-Album des Monats geschafft. Der 2003 verstorbene Yoshimura gehört zu den Ambient-Pionieren Japans, ein Inspirator und Förderer von Kankyo Ongaku, der japanischen Version von Ambient music. Er schrieb Bücher über die Geschichte der Ambient music, über Soundinstallationen und über Tempelglocken. Bereits 1973 trat er mit umgebungsbezogenen Klangkunstinstallationen an die Öffentlichkeit und produzierte in Folge einige Alben. Sein Debütalbum Music for Nine Postcards dürfte den Lesern dieses Blogs ja auch schon bekannt sein.

Bei Green geht es nicht um frühe ökologische Klangverkompostung, sondern viel mehr, wie in Yoshimuras gesamtem Werk um shizukesa, was sich nur annäherungsweise als subtiles Konglomerat von Heiterkeit, Gelassenheit, Ruhe und Stille verstehen lässt und seine weiteren darin verborgenen Nuancen sich am besten beim Hören erschließen. Die Titel spielen alle mit dem Phonem „ee“, das hier eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt haben muss. Wenn Green im Sinne von Grün auf diesem Album eine Bedeutung haben soll, dann am ehesten in einer von anderen Musikern nahezu unerreichten Natürlichkeit des Klangflusses, der sich ganz langsam und selbstverständlich in den lang gestreckten Miniaturen entfaltet. Und ja, es gab einmal eine etwas längere amerikanische Ausgabe, die einen Mix mit Naturgeräuschen und Field recordings darbot, der sich aber dem Klangerleben eher abträglich erwies, weswegen es erfreulich ist, dass jetzt die Originalversion wiederveröffentlicht wird. Yamaha‘s DX7 war gerade neu verfügbar und ähnlich wie Brian Eno war Hiroshi Yoshimura von den klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments fasziniert und lotete diese gründlich aus, ohne dabei in der schlichten Leichtigkeit und Unbefangenheit der Musik die Klischee- oder Kitschfallen der üblichen esoterischen Sülze mitzunehmen.

Der Opener Creek beginnt mit hypnotischen und perkussiven Arpeggios, nicht weil das erste Stück eines Albums etwas mehr Drive haben sollte, sondern mehr um den Hörer in seiner bewegten und bisweilen hektischen Welt ganz organisch abzuholen und in die Stille zu führen. Mit feinsten Lautstärkewellen wird die Downregulation gebahnt, die sich dann in Feel über schwebenden Drones mit darüber perlenden schimmernden Synthesizerklängen entfaltet. In Sheep geht es mit aufsteigenden Melodielinien von bestechender Einfachheit, denen gelegentlich sanft metallische Klänge zur Seite gestellt werden ans Schafe zählen, um dann bei Sleep in angenehmen veränderlichen Klangfarben, die scheinbar ganz zufällig und unbefangen, von kleinen Pausen durchsetzt aufeinander folgen, in oneiroiden Zuständen die Orientierung zu verlieren und sie auch gar nicht wiederfinden zu wollen. Der Titeltrack spielt schwerelos mit einer einfachen Melodie, die einfach und völlig reduktionistisch durch den Raum schwebt. Er erinnert mich ein bißchen an einen ergreifenden Moment, wo mir eine psychotische Pianistin an einem späten Sommertagsnachmittag ganz leise und verhuscht, wie aus einer anderen Welt Chopinstücke ganz wunderbar in das warme Licht der Abendsonne vorspielte. Irgendwie jenseitig und seltsam frei von irdischen Bindungen. Feet erfüllt dann mit harfenähnlichen Patterns, die durch leise, pointilistische Pianoklänge durchwebt sind den Raum, in dem dann Street wieder etwas Erdung mit Bassakzenten anbietet und dabei die klassische DX7-Flöte, die in den 80er Jahren auf keiner Esoterikplatte fehlen durfte, erklingen lässt, was eine nahezu pastorale Atmosphäre schafft. Zuletzt erklingt Teevee (TV!) wie die Musik zu einem Filmabspann, die einfach nur sagen will: Das hast du doch alles nur geträumt, du hast dich virtuell verloren, nur dass die Farben jetzt ein bisschen intensiver leuchten und die Alltagstaktung in Zeitlupe davonschwebt. Musikalisches Microdosing.

 
 

 


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