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2021 11 Apr

Mein Tag in einem anderen Land

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Z. lebte in einem Zelt im tiefsten Wald, nicht weit vom Flughafen entfernt, der an guten Tagen seine Lebensader war, wenn er nicht von einem Obrigkeitsvertreter verscheucht wurde. Meist trug er eine große verspiegelte Sonnenbrille, die er nur äußerst selten absetzte, meist wenn er einen der seltenen Momente hatte in denen er den Kontakt zu seinen Mitmenschen suchte. Er lebte abgeschieden in seiner eigenen Welt und leise vor sich hin murmelnd, seltener einmal klagend oder gar schimpfend. So kreuzten sich unsere Wege an einem seltsamen Ort, einem Gebäude dessen endlos lange Gänge fast labyrinthartig ins Leere liefen. Er war nicht sehr gesprächig, hatte dicke Kopfhörer auf und eine tief ins Gesicht gezogene Schirmmütze, die er Schirmmütze hieß, weil sie ihn vom Rest der Welt abschirmen konnte. Manchmal mochte er sprechen, meist langsam und etwas unsicher, wenn er von seinen Gesprächen mit den kleinen Vögeln im Wald, die er liebevoll fütterte sprach und ganz leise und geheimnisvoll, als er bekannte fast einmal eine Maus, die in sein Zelt eingedrungen war mit einer gußeisernen Pfanne erschlagen zu haben. Die Maus aber schaute ihn tief an, erkannte ihn und so entspann sich ein eigenwilliger Dialog zwischen ihnen, fremd den Menschen, die in bedeutungslastigen Begriffen die Welt erleben und voll absurder Schönheit für die, die die Freiheit des Augenblicks hörend erfahren können. Meist verbrachte er seine Zeit aber in einer Schlafwandlerexistenz und sein Zelt stand auf einem Ort, der das Gegenstück zu der hintersten Ecke eines vorzeitigen Friedhofes, an dem die Aufschriften auf den verbliebenen Grabsteinen schon lange nicht mehr lesbar waren, darstellte. Dort lebt der Protagonist der kleinen Geschichte von Peter Handke, die er „noch keinem Menschen erzählt hat“, einer Dämonengeschichte, aber weniger einer, die von Besessenheit als von Welt- und Selbstverlorenheit berichtet.

 
 

Wie das: Wir endgültig Durchgedrehten von einem öffentlichen Interesse? Ja: in dem Sinn daß wir, ohne uns dessen bewußt zu sein (wie denn auch?), der übrigen Bevölkerung als Spiegel dienten. Spiegel wovon? Spiegel des eigenen gefährdeten Inneren: „So bin ich insgeheim auch, und ebenso könnte es, morgen früh oder schon heute nacht, von einem Moment zum anderen aus mir herausschreien, und dann so weiterschreien, -kreischen, -toben ohne Ende.“ Aber derart gefährdet ist, nicht wahr, höchstens eine kleine Minderheit und keinesfalls die gesamte Bevölkerung? – Doch: die Bevölkerung, die ganze! – Und was war deren Interesse, sich von uns Besessenen gespiegelt zu sehen? – Sich so gespiegelt zu sehen, konnte, wenn nicht heilen, so doch, für den Augenblick, zurechtrücken, wie auch die Dinge einen selber, die Form und die Formen wahren, insbesondere hier draußen vor all den anderen, und zwar im, wie gesagt, Interesse der Öffentlichkeit!
 
 

Das Schreckliche ist ja nicht die Finsternis, vielmehr das viele Licht drinnen in mir, und um mich herum. Wie böse ist es, dieses Licht. Eingekerkert bin ich in es … Lichtumzingelt allerwärts, bis hinein in die letzten Seelenwinkel … Hilfloser, ich Hilfloser!

 

Von dem Anblick eines bislang Fremden, diskret, selbstlos teilnehmend und freundschaftlich wird er aus seiner Zeit des luziden Wahns herausgerissen, der Dämon weicht und er kann seine Reise weg von den alten Räumen für einen Tag in eine Welt des Namenlosen, des Unbenannten mit dem Gefühl von Erleichterung und Befreiung begehen. In fast skizzenhaften Fragmenten durchstreift der namenlose Protagonist seinen neuen Tag, begegnet Trug und Täuschung und weiß sie aber mit skurrilem Regelwerk als vorgeschobener Handlungsanleitung zu bannen, findet Freude an den Hindernissen und erschließt sich das Zentrum einer fiktiven – und doch so realen – fremden Stadt. In diesen Momenten setzte auch Z. seine verspiegelte Sonnenbrille und die Schirmmütze ab, sah mir lachend in die Augen und pointierte den Augenblick mit einem kleinen Vers (wie auch der Protagonist die Sprüche und Reime der Anderen wiedergibt), mitunter auch von Ringelnatz oder Karl Valentin. Da war er ganz anwesend, einfach hier. Eine kleine Initiation, deren reduktionistische und wunderbar beobachtend-teilnehmende Betrachtungsweise dem wertenden Geist einen der Plätze jenseits des wahren Erlebens zuweisen. Mein Tag in einem anderen Land.

2021 2 Apr

Under A Spell

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Eines Abends vor knapp 40 Jahren fuhren wir mit einem alten Käfer aus Frankfurt hinaus in den Sonnenuntergang. Zum Glück hatte der Wagen zwei dicke Boxen hinten in der Wanne und T. schob eine neue Kassette in die Autoanlage, um das Knottern des Käfers zu übertönen. Sofort füllte sich der Raum mit Ghosts von Japan, einer Gruppe, die mir bis dahin sonderbarerweise entgangen war. Gesellte sich zu dem intensiven Abendlicht und ergriff mich instantan. Einer der großen magischen Songs der früher 80er und Beginn meiner Faszination für eine Band, die sich mit meinem damaligen Lebensgefühl in einer wunderbar weiten Resonanz befand. Neben Tin Drum besorgte ich mir umgehend auch Quiet Life, das gerade in remasterter und erweiterter Fassung wiederveröffentlicht wurde. Hier wurde diese einzigartig exzentrische Atmosphäre noch klarer und transparenter herausgearbeitet, ein Flashback und die gleiche Durchdrungenheit und Frische wie beim ersten Hören. Wie von einer höheren Macht ergriffen …

 

Under A Spell. Jahrzehnte später sitzt der damalige Keyboarder Japan’s Richard Barbieri in seinem Studio und beginnt seine neuen Ideen schrittweise anzugehen. Dann kam die Pandemie und verhinderte, dass er seine Skizzen wie geplant mit vielen anderen Musikern umsetzen konnte und immer wiederkehrende, seltsame Träume beschäftigten ihn. So nahm alles eine ganz andere Richtung, Stimmungen verdichteten sich im Unbestimmten, schwebende, abstrakte Klänge begannen einen bestimmenden Raum einzunehmen, Stimmen geisterten durch seinen Sinn. Schon lange waren ihm die Vocals, wie sie Can z.B. in Future Days oder Brian Eno und David Byrne in My Life in the Bush of Ghosts eine Inspiration. Stimmen, die selbst nicht vordergründig sondern mehr instrumental, atmosphärisch, ja fast gespenstisch einherkamen. Düster bahnen sich die Hyphen auf dem Cover den Weg nach oben, gespenstische Vorboten neuer Klangräume. Under A Spell als Titelstück zieht den Hörer fast tranceartig ein in diese Welt, die wie gebannt sich unter den äußeren Abläufen zu formen beginnt. Zwischen den längeren Stücken finden sich kürzere surreale Skizzen in denen Gastvokalisten wie Steve Hogarth und Lisen Rylander-Löve schemenhaft und schattengleich in Erscheinung treten. Flare 2 treibt hypnotisch durch immer dunkler werdende Gefilde, dann das magisch-beklemmende Serpentine, in dem Percy Jones seinen unverkennbaren Bass in die gespenstische Melange einfließen lässt. Darkness will find You. Klangtexturen, mal abstrakt, mal traumartig, alptraumhafte Gewebe und schwebend-fieberhafte Visionen, vom Fassbaren immer etwas weiter entfernt als das Ende der Stücke zeigt sich die subtile Kunst des Richard Barbieri, immersiv, verhuscht, wie in Parallelwelten verschoben in denen das leere Pandämonium der Pandemie mit am Mischpult sitzt. Doch gegen Ende der langen, leisen Stunden nach Mitternacht entlässt er uns mit Lucid, einem sonderbaren Lichtschimmer einer oneiroiden Reise. In einem Interview antwortete Barbieri einmal auf die Frage welche Alben er mit auf eine einsame Insel nehmen würde Talk Talk’s Spirit of Eden und Robert Wyatt’s Rock Bottom, die wie eine leise Reminiszenz durch die lange Dämmerung dieses Meisterwerks nachklingen.

 
 
 

 

Z60 – Zapfenstreich: Ladies and Gentlemen, may I proudly introduce an Anpassungsproblem wegen Vereinsamung, Verlust sozialer Beziehungen, soziale Isolierung, womit der International Code of Diseases einen Zustand bezeichnet, der dem eines Fallschirmspringers in nicht endendem Wolkenmeer gleichkommt, wenn sich sein Schirm nicht öffnet. Ein kalter Aufguß in einer eisigen Sauna, die wir schon lange nicht mehr betreten dürfen. Aerosol Grey Machine für atemlose Autisten, Dauerdusche in der Dunkelkammer. I advance masked. Warst Du schon mal gesund? Lauter Bäche, eher Kloaken fließen murmelnd und mahnend ins Jammertal und mit diesem einen Spahn zündet in der dunkelsten Nacht keiner mehr eine Kerze an. Im Gegenteil: Der letzte macht das Licht aus. Ruhetage für humanoide Mutanten. Ein gläserner Sarg oder ein Herz aus Glas. Unzutreffendes bitte streichen. Zwei Tabletten Vomex und ein halbleeres Glas Wasser. Die virale Pein der Phantasielosen und die viroide Lust der finsteren Propheten. Serieller Sieg transfiniter Minderheitenmathematik, ein goldenes Kalb. Heilige Misanthropie der Moribunden. Die dunkle Seite der Macht. Die Angst des Torwarts beim Elfmeter. Die Einsamkeit des Surfers auf der dritten Welle kurz bevor sie bricht. Hattrick of the mad Hatter (sad matter!). Dauerlutscher oder Daumenschrauben für die Drillinge. Opiumschwämmchen fürs Volk. Lonesome like Silver Surfer in der nach unten offenen Abwärtsspirale, wahrlich ohne Mission – Mission impossible: Alternative facts or alternative fakes? Wirklichkeit ist das, was funktioniert definierte Gautama Buddha einst. Dann scheine ich unwirklich geworden zu sein. Ein andalusischer Hund. Der Beobachter ist das Beobachtete, aber schaut wirklich noch jemand hin? Wollt ihr den totalen Shutdown? Trennwände aus Plexiglas. Die letzte Wiese, ein leeres Theater, aber die Luft ist rein. Zorro oder Zoppo Trump? Z60.

 
 
 

 

Es geht jedenfalls schon einmal gut los und die Aussichten sind sehr hoffnungsvoll:

Favorite Albums (33):

Grandbrothers – All the Unknown, Biosphere – Angel’s Flight

 

Reissues (10): –

Brian Eno – Rams wird sicher irgendwo auftauchen. Bin aber noch unentschlossen, ob dieses Album nicht doch zu den 2021’ern zählen sollte (oder vielleicht als Nachtrag für 2020 durchgeht)…

2021 3 Jan

Uli’s Favoriten 2020

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Nun wird es endlich Zeit, wo doch das neue Jahr schon angebrochen ist, meinen Jahresrückblick zu schreiben. Der wird dieses mal aus 33 Favoriten, 11 Wiederveröffentlichungen und 3 Nachträgen für 2019 bestehen und zieht dabei einen spannenden Bogen zwischen meiner zweiten Phase der Musiksozialisation und der Gegenwart. Einer der wichtigsten Protagonisten ist hier Jon Hassell, dessen Alben mich vom ersten Hören an in ihren Bann gezogen haben und dies, nicht nur bei den Reissues, auch heute noch tun. Andere waren und sind Brian Eno und der jüngst von uns gegangene Harold Budd, deren Plateaux of Mirrors ich zum ersten mal in einer kaputten Anlage in einem alten, schrottigen R4 bei der Fahrt in den Sonnenuntergang hörte. Die Musik hat trotzdem funktioniert und fasziniert. Womit der 4. Musiker der Ambient 1-4 Serie, Laraaji natürlich nicht fehlen darf, dessen Sun & Moon Piano es zwar knapp nicht in meine Favoriten geschafft haben, aber dafür der grandiose, einfache Konzertmitschnitt Through Luminous Eyes, wo Laraaji ganz entspannt mit einer Hand Piano und mit der anderen Zither spielt. Ein weiteres Highlight ist Markus Stockhausens Wild Life, das ein überbordendes Statement seiner Kreativität und Originalität ist. 

 
 

 
 

    1. Stephan Thelen – World Dialogue
    2. Peter Schwalm/Arve Henriksen – Neuzeit
    3. Jon Hassell – Seeing Through Sound
    4. Max De Wardener – Music for Detuned Pianos
    5. Eivind Aarset/Jan Bang – Snow Catches On Her Eyelashes
    6. Roedelius – Selbstportrait: Wahre Liebe
    7. Phillip Sollmann – Monophonie
    8. Bohren & Der Club Of Gore – Patchouli Blue
    9. Pantha Du Prince – Conference Of Trees
    10. Paradise Cinema
    11. Ceeys – Hausmusik
    12. Echo Collective – The See Within
    13. Irmin Schmidt – Nocturne
    14. Yello – Point Yello
    15. Jo David Meyer Lysne/Mats Eilertsen – Kroksjø
    16. Roger Eno/Brian Eno – Mixing Colours (Extended)
    17. Samuel Rohrer – Continual Decentering
    18. Maxwell Sterling – Laced With Rumour: Loud-Speaker Of Truth
    19. Markus Stockhausen – Wild Life
    20. Deux Balaines Blanches – Singende Drähte
    21. Laraaji – Through Luminous Eyes
    22. Die Wilde Jagd – Haut
    23. Cosmo Sheldrake – Wake Up Calls
    24. Nicolas Jaar – Cenizas
    25. Eyvind Kang – Ajaeng Ajaeng
    26. Giorgi Mikadze – Georgian Microjamz
    27. Acid Pauli – MOD
    28. Sonar w. David Torn – Tranceportation Vol 2
    29. Robin Guthrie/Harold Budd – Another Flower
    30. Loma – Don’t Shy Away
    31. Sevdaliza – Shabrang
    32. Jonny Nash & Teguh Permana – Poe
    33. Christina Vantzou & JAB – Landscape Architecture

 

Bei den Reissues sind die Japaner mal wieder gut vertreten wobei ich hier besonders auf das exzentrische Anecdotes von Motohiro Yamase, verweisen möchte, das einen eigenständigen, magischen  Entwurf zur japanischen Fourth World Music darstellt. Ebenfalls erwähnenswert ist der Japaner Yas-Kaz, der lange auf Bali lebte und sich mit der dortigen Musikkultur intensiv auseinandersetzte und mit seinem Schaffen Musiker wie Ryuichi Sakamoto, Midori Takada und Shoji Yamashiro stark beeinflusste.

 

    1. Jon Hassell – Vernal Equinox
    2. Ryuichi Sakamoto – Hidari Ude No Yume
    3. Hiroshi Yoshimura – Green
    4. Jon Hassell/Farafina – Flash Of The Spirit
    5. Ultravox – Vienna
    6. Various Artists – From Brussels with Love
    7. Motohiko Yamase – Anecdote
    8. Young Marble Giants – Colossal Youth
    9. Yas-Kaz – Jomon-Sho
    10. Roedelius – Tape Archive Essence 1973-1978
    11. Julia Kent – Green and Grey (Expanded)

 
 
 
              
 
 
 
Schließlich kommen die Nachträge zu 2019, die völlig unterschiedliche Ideen verwirklichen:
 

    1. Jessica Ekomane – Multivocal (elektronische Installationsmusik zwischen Ligeti’s Metronomkonzert und Steve Reich’s Experimenten mit subtilsten Rhythmusverschiebungen)
    2. Henrik Schwarz & Alma Quartet – CCYMK (Elektronische Improvisationen und Live Bearbeitungen mit einem Streichquartett – experimentell und dennoch bestens hörbar)
    3. Toshinori Kondo – Blow The Earth (India) (frischer Wind von dem japanischen Trompeter zwischen Jazz, Duo und Elektronischem, atmosphärisch enorm dicht und fein gewebt)

2020 12 Dez

Kammermusik der Zukunft (III): Hausmusik

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Die Zeit war schon lange stehen geblieben, seltsam grau und scheinbar monoton. Oder hatte sie bereits angefangen langsam rückwärts zu laufen in die Vergangenheit einer DDR-Jugend hinein, in Einschränkungen und Reduziertheit, vielleicht sogar Mangel. Aber darin liegt vielleicht auch eine Schönheit, asketisch und bedacht und trotzdem im Fluss. Und eine verhaltene Melancholie. Die Brüder Sebastian (Cello) und Daniel (Piano) Selke haben nach zwei noch elektronisch unterstützten Alben nun ein rein akustisches vorgelegt, dass sehr intim und unprätentiös, diskret und leise erklingt und sich weit von den üblichen Cello/Piano-Duos wegbewegt oder genauer gesagt, es gar nicht erst soweit kommen lässt. Wenige Motive reichen in ihren Variationen aus, um minimalistische Spannungsbögen fast stoisch und modulationsfrei zu verwirklichen.

Gleich am Anfang in Vice Versa tauschen die Brüder ihre Instrumente und das folgende Stück Reunion hört sich an wie Hauschka auf Opium, immer langsamer werdend und doch intensiver und intensiver. Im Fenster baut auf einem Cellomotiv auf rau und ungeschliffen und erinnert mich ein bisschen mit dem verhallten Piano an die Musik des gerade verstorbenen Harold Budd, zitiert aber einen Song von Toni Krahl’s Band CITY. In Circa baut sich in fast meditativer Reminiszenz an ein Bach-Motiv auf ohne aber mit Kadenzen zu belasten, ein trockenes vielleicht präpariertes Piano kommt hinzu bevor es in der Tiefe der Tonskala schnarrend versinkt. Am Ende der ersten Platte offenbart sich aus einfachen Fragmenten mit Belka ein völlig reduziertes, perkussiv-avantgardistisches Stück, das aus weniger immer mehr macht, verdichtet und bannt. Strelka, das erste Stück der zweiten Scheibe des Doppelalbums greift den Reduktionismus auf und führt ihn ozillierend ins Unbekannte. Belka und Strelka erinnern übrigens an die beiden ersten Lebewesen, die gleichnamigen Hunde, die einen Raumflug überlebten. To Open A Door’s Inner Frame atmet verhalten, beschleunigt und verebbt, setzt an um vielleicht ein Song zu werden und verbleibt doch in einem experimentellen Ausnahmezustand. Fallen erinnert etwas an Steve Reich oder frühe Michael Nyman-Stücke, repetitiv, absolut minimalistisch, aber effektiv und die Videoclips spielen auch mit dieser minimalistischen Plattenbauästhetik. Yes, Brick By Brick ist nicht nur vom Aufbau Stein auf Stein, sondern auch ein Motto, dass die Musiker schon lange begleitet und ihnen Gelassenheit, Geduld und Stärke gegeben hat, wenn die Welt mal wieder gnadenlos und düster daherkommt. Im finalen No. Eins schließlich schließt sich der Kreis zu ihrer ersten Improvisation, aber auch zum ersten Stück des Albums, wo die Brüder ihre Instrumente tauschten. So ist Hausmusik gleichzeitig ein inverser Blick zurück und eine futuristische Nostalgie, eine Persiflage klassischer Musik und eine postapokalyptische Machbarkeitsstudie, intensivste Monotonie und halt eben: intime Hausmusik.

 
 

2020 29 Nov

Happy Sunday Lockdown Lunch

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Damit das Leiden der Einsamen gelindert und die Qualen der kulturentzogenen Bevölkerung verkürzt werden, hat sich ein Musikerpaar echt etwas einfallen lassen, skurril, bizarr, genial und gleichzeitig unverbindlich peinlich. Da werden in altbekannter Regelhaftigkeit kurze Filmchen in Haus und Garten gedreht und den Ausgehungerten zum Ausklang des Wochenendes angeboten. Die beiden sind Profis und lassen definitv nichts anbrennen, doch nun urteilt selbst …

 

Video 1

Video 2

 

Das sind zumindest zwei echte musikalische Highlights, wobei ich ermutigen möchte, sich weiter durch die Clips zu klicken, die Auswahl ist groß und das Niveau facettenreich. Hier ein beispielsweise nicht zu unterschätzender Abgrund (aber Humor haben sie ja …):

 

Video 3

2020 27 Nov

Neuzeit

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Zeit entsteht durch Bewegung verschiedener Objekte zueinander. Wenn sich nichts bewegt, hört die Zeit auf, das ist mit den äußeren wie inneren Objekten gleich. Wenn die Gedanken ruhen, spielt Zeit keine Rolle mehr. Zeit wird aus der Alltagserfahrung in zyklischen Bewegungen erlebt: wenn sich etwas wiederholt entsteht ein Rhythmus, eine Zeitstruktur, die die Musik der alten Zeit kennzeichnet. Die alte Zeit aber ist vorbei, vergangen. Wir wissen nicht, was geschehen ist, was den unsichtbaren Kollaps ausgelöst hat, aber es muss ihn gegeben haben. Vielleicht etwas Elementares, wie Michael schon vermutet hat. Verblieben sind noch einige elementare Reste des Alten, Klangfarben, Rhythmusfragmente, etwas das anklingt, sich verwandelt, verliert, verschwunden ist, bevor es erfasst werden kann, wie ein Vogel im dichten Morgennebel.

Raum entsteht durch die Entfernung verschiedener Objekte zueinander. Akustisch findet sich das in der Lautstärke und Position wieder und die Raumgröße als Hall im Klangraum. Der alte Raum ist vorbei, vergangen. Lange Hallfahnen mischen sich zwanglos mit trockenen Klängen, Nahes scheint leise und Entferntes verstörend nah, Hintergrundklänge füllen den Raum und Melodielinien fließen durch die fein gewebten elektroakustischen Texturen, verlieren sich in unvorhersehbaren Wendungen, zitieren mit offenem Ausgang und geben den alten Hörgewohnheiten soviel Halt wie eine abschüssige Eisfläche. Dazwischen erscheinen die Geister der Vergangenheit als Ghost-Notes, singulär und geheimnisvoll, leise verstörend, Konventionen verratend und im akustischen Irrgarten immer die andere Abzweigung empfehlend. Aber nimmt man weit mehr als nur die übliche Dreidimensionalität der Welt an, entsteht etwas Neues, unglaublich Magisches.

J. Peter Schwalm und Arve Henriksen wagen sich auf Neuzeit zugleich weit ins Neuland in einem Spannungsfeld von elektronischen, perkussiven und akustischen Klangfarben, die sich von strukturierten, formalen Ausgangspunkten dekonstruierend ins weiße Niemandsland, einem Land schwer faßbarer Atmosphären entfalten. Ein musikalisches Hybridwesen, ein mythischer Klangandroid, bei dem die verlorengegangene Ideenlosigkeit durch elektronische Träume ersetzt worden sind. Die Titel kreisen um verschiedene Arten der Zeit, die sich aus elementarer Zeitlosigkeit entfalten. Das beginnt mit Blütezeit, das sich ganz zart und additiv Facette um Facette hinzufügend entfaltet, organisch, sanft, sodass mancher drastische Wechsel erst bei mehrmaligem Hören auffällt, sanfte Trompetenlinien fast unbemerkt in harsche Synthesizerrhythmen übergehen, ein stetiges sich Öffnen. Suchzeit tastet sich behutsam durch einen längst leise kollabierten Raum, wie ein zarter Lichtstrahl durch den Staub alter Ruinen und beginnt alte Geschichten zu erzählen, die kein Ende mehr haben. Neuzeit schließlich tastet sich ganz vorsichtig, zaghaft in eine neodystopische Eskalation in unkartiertem Gelände hinein. In Raumzeit kehrt zu artifiziellem Regen eine fast impressionistische Stimmung ein, verloren, kryptisch und ein bißchen melancholisch. Schonzeit beschreibt den verhaltenen Raum zwischen den Zeitaltern, der ewig und unendlich kurz zugleich sein kann, cineastisch visionär und intim. Unzusammenhängend, schwebend dissonant zieht sich Unzeit mit subtilen Irritationen in fremde Gefilde zurück und Wellenzeit wagt die Vortäuschung des Zyklischen im niemals gleichen Fluss. Final setzt Zeitnah den Hörer sanft umgarnend in einem vollends fiktiven Raum ab, der befremdlich vertraut scheint. Archaische Musik aus der Traumzeit von Übermorgen. Jetzt.

 

 

Mit dem Einsetzen des Rhythmus macht die Zeitmaschine eine heftigen Sprung nach hinten und weiß auf einmal nicht, wo sie genau anhalten soll: Bei meinem ersten Beitrag auf diesem Blog oder von da aus etwa 35 Jahre früher, wo mich ein Kabukiartig geschminktes Gesicht etwas verschlafen in einem Frankfurter Plattenladen anstarrte und ich das Album nach kurzem, mesmerisierenden Reinhören mitnahm, um wenige Stunden später erst einmal völlig verstörte Blicke meiner Freunde zu kassieren, die mir die schlimmsten Befürchtungen bezüglich der Entwicklung meines Musikgeschmacks entgegenbrachten. Aber bereits nach dem zweiten oder dritten Anhören dieses Kronjuwels japanischer Popmusik war ich zum Glück rehabilitiert und dann lief die Scheibe erst einmal heiß. Und das tut sie bis heute, wo ich nun endlich die gerade in Europa erstmals erscheinende, remasterte Wiederveröffentlichung der original japanischen Version samt einer zweiten CD mit der Instrumentalversion in den Händen halte: erfrischend wie vor Jahrzehnten, schillernd perfekt, exzentrisch und zeitlos genial.

Nachdem er Robin Scotts Pop Muzik gehört hatte, lud Ryuichi Sakamoto ihn nach Tokyo ein, um mit ihm ein Album aufzunehmen. Mit von der Partie waren seine Mitstreiter vom YMO Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi, Adrian Belew, der neben seinen Gitarrenkünsten einige angry animals beisteuerte, Robin Thompson, der bei Stockhausen studiert hatte und nicht zuletzt der damals fast omnipräsente Hideki Matsukake, der Sakamoto beim Programmieren der Synthesizer unterstützte. Von Fluxus-Konzepten beeinflusst konzipierte Sakamoto, gelangweilt von bereits bestehenden Musikformen, dieses Album bewußt als kollektive Improvisation mit intensivster Neophilie und offenem Ausgang. Die Stücke entwickelten sich jeweils um die primären Rhythmusstrukturen herum und nach und nach flochten die anderen Instrumente ein feines Gewebe daraus. Mit großer Experimentierfreude drifteten die Stücke als Mix zwischen einer höchst originellen japanischen Form des New Wave, lässiger postavantgardistischer Popmusik und minimalistischen (aus unerfindlichen Gründen schlägt mir die Autokorrektur hier „minimaoistischen“ vor, was mich an das Noir-Cover von Japans Tin Drum erinnert…) Miniaturen hin und her und entwickeln eine subtile, in sich völlig schlüssige Suite exzentrischer Klangausflüge, die den geneigten Hörer befriedigend verstört im finalen Saru No Ie für immer in einem bizarren Neo-Dschungel zurücklassen. Hidari Ude No Yumi – Left Handed Dream, again and again …

 
 

Das Cello springt rau zwischen den Boxen hin und her, packt mächtig zu und die feinen Härchen stellen sich am ganzen Körper auf, der so genannte „Chill-Factor“ übernimmt. Bereits die ersten Takte von Circular Lines aus dem neuen Album von Stephan Thelen verströmen die Magie, wegen der ich ewig suchender Musikhörer geworden bin. Und diese Magie scheint fast unbegrenzt steigerungsfähig: eine hochkomplexe polyrhythmische Struktur, bei der jeweils ein Instrument in 3/8, eines in 4/8 und 5/8-Takten gegeneinander läuft und das verbliebene Instrument des Quartetts die Rhythmusstrukturen unterstützt oder elegante Melodielinien darüberlegt, entwickelt sich fulminant und doch unglaublich fokussiert. Eines der herausfordernsten Stücke, die sie je gespielt hätten, sagt David Harrington vom Kronos Quartett, die diese Herausforderung formvollendet und mit rauer Eleganz, fast wie ein Rocksong mit phänomenaler Intensität mehr als erfüllen. Treibend, nein eskalativ sicher eine der besten Darbietungen aus dem umfangreichen Repertoire dieses Ausnahmequartetts.

Zeitsprung: 2014 besucht Anil Prasad den Kopf von Sonar, Stephan Thelen, wo dieser ihm von seiner Vision erzählt, seine Stücke einmal vom Kronos Quartett spielen zu lassen. Prasad teilt diese Vision, fasziniert von den komplexen und nuancenreichen Strukturen der Sonar-Alben, und bringt David Harrington eine Demoaufnahme und Partitur von World Dialogue vorbei, der sich begeistert gleich bei Stephan Thelen meldet und, anstatt dieses Stück ins Repertoire aufzunehmen, Circular Lines für ihr Projekt 50 for the Future in Auftrag gibt. 2017 war es schließlich so weit und dieses faszinierende Stück wurde eingespielt und aufgenommen.

Doch das ist erst der Anfang eines vitalen und spannungsgeladenen Albums, denn das polnische Al Pari Quartett erlebte eine Aufführung von Circular Lines bei einem Konzert des Kronos Quartetts und begann, ebenfalls begeistert davon, es in eigenen Konzerten aufzuführen. Bald nahmen die Musikerinnen dieses Ensembles dann Kontakt zu Stephan Thelen auf und so kam es, dass sie die restlichen Stücke eines der beeindruckendsten Alben dieses Jahres einspielten. Chaconne tanzt über einen 11/4-Takt und bedient sich der von Thelen als „Twofold Covering“ bezeichneten Kompositionstechnik: die Melodielinie wird von einem tiefer tönenden Instrument eine Oktave tiefer und in halber Geschwindigkeit gespielt, was eine eigenwillige Bewegung erzeugt, die die Wahrnehmung der Musik radikal verändert. Auch das letzte Stück des Albums Silesia, einer Auftragsarbeit für das Al Pari Quartett, bedient sich dieser Technik, nur das es dadurch einen besonderen Reiz gewinnt, dass es traditionelle schlesische Melodiefragmente auf unfassbare Weise mit einem 13/4-Takt verwebt und dabei beides verfremdet und in wunderbarer Kraft über sich hinauswachsen lässt. Zwischen diesen beiden Stücken findet sich Word Dialogue mit einer additiven Rhythmusstruktur von einem 7/8 und einem 8/8-Takt, deren Variationen sich mit unglaublicher Leichtigkeit rückwärts durch den Quintenzirkel bewegen, um schließlich ganz beiläufig wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Präzise und dynamisch bewegt sich das Al Pari Quartett mit größter Intensität und dunkler Leidenschaft durch diese schwierig zu spielenden Stücke und steht dem Kronos Quartett dabei um nichts nach. Hier findet eine Bewegung statt vom vertracktem experimentellem Art-Rock, wie er noch auf Tranceportation Vol 2 von Sonar mit David Torn, das im Mai erschienen ist und psychotrope ferne Welten erkundete, ausgelotet wird zu dem hochdifferenzierten Klangraum eines Streichquartetts. Eine Kammermusik der Zukunft, die vital mit heutigen Hörgewohnheiten spielt und in ihrer fast mathematischen Eleganz neue Zenite erahnen und die feinen Härchen auch noch eine ganze Weile nachdem die Musik längst verklungen ist stehen lässt.

 
 
 

     

 


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