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2022 22 Okt

It’s hot: GoGo Penguin

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Nein, hier handelt es sich nicht um eine Aufforderung an eine Laufvogelart klimawandelbedingt die Antarktis zu verlassen, sondern um ein Trio aus Manchester um den Pianisten Chris Illingworth, den Bassisten Nick Blacka und neuerdings den Schlagzeuger Jon Scott, die gestern im ZOOM in Frankfurt ein phantastisches Konzert gegeben haben.

 
 
 

       

 
 
 

GoGo Penguin spielen eine Mischung aus Jazz, Minimal Music, die zwischen klassischen Strukturen und elektronischen Verfremdungen, zwischen Komposition und feinst austarierten Improvisationen die Liebe der Musiker zur Rockmusik nicht verleugnet, sondern deren Intensität im gemeinsamen Spiel bis an die äußerste Grenze hin auslotet. Höchst vitale Patterns werden von Bass und Schlagzeug fast tanzbar vorangetrieben, ein hypnotischer Groove über dem ein verhallter und elektronisch verzerrter Flügel schwebt. Kleine Muster, repetitive Spielweise erzeugen einen Sog, der elektrisierend und zugleich nach innen ziehend wirkt. Eine kleine Idee gibt am ehesten das Stück Protest und der Filmmmitschnitt ihres Tiny Desk-Konzertes, die die Intensität und magische Wucht dieses Auftrittes nur vage andeuten können. Eine unkonventionelle Band von der wir hoffentlich noch viel hören werden. It’s really hot.

 
 
 

 

Beginnen wir also mit dem Urvater der Ambientmusik, mit Erik Satie, dem Mann, der posthum wesentlich dafür sorgte, dass mir als jungem Menschen das Klavierspielen nicht abhanden gekommen ist. Denn damals fühlten sich seine Stücke endlich mal so an, als ob sie aus mir flössen und nicht einfach nur qualvoll von mir gespielt werden müssten. Diesem Freigeist nun über hundert Jahre später Respekt zu zollen ist nicht ganz einfach, weil seine Musik ubiquitär geworden ist und mancher bei der Nennung seines Namens bereits zu gähnen beginnt. Dabei war er in seinem teilweise regelrecht anarchischen Ansatz damals ein Enfant terrible der feinsten Sorte. Weil die Würdigung und damit auch der finanzielle Zufluss teilweise ausblieben, lebte er zeitweise in einem winzigsten Zimmer, in dem lediglich sein Klavier und ein Bett Platz fanden, das Türeöffnen dann aber schon wieder problematisch wurde. Als Debussy ihm einmal vorwarf, dass seine Stücke keine rechte Form aufwiesen, nahm er die Kritik mit dem ihm eigenen Humor gleich an und komponierte umgehendst ein Stück in Birnenform! Der Versuch sich Satie zeitgemäß anzunähern ist ganz aktuell mit Fragments aber überraschend und sehr vielseitig gelungen. Die Deutsche Grammophon lud verschiedene Komponisten und DJ’s ein sich zeitgemäß an ihm zu versuchen, darunter Henrik Schwarz, Monolink, Christian Löffler, Pantha du Prince, Sascha Braemer und viele mehr. Hierbei kamen viele sehr spannende Reworks und einige Remixe heraus, die der Musik Saties auf einmal einen tanzbaren Boden verschafften, sie bis zur Unkenntlichkeit durcharbeiteten und doch in Satie’s Sinne faszinierende Klangräume schafften. Besonders hervorzuheben ist der Gnossienne No.1 Rework der Grandbrothers, der eine unglaubliche Dynamik entfaltet und der eigenwillige Rework des DJ und Biologen Dominik Eulberg (Lesetipp: „Mikroorgasmen überall“) und nicht zuletzt die Sonneries de la Rose-Croix von Moritz Fasbender, von der gleich die Rede sein wird. Abwechslungsreich, mal bizarr, definitiv gut entstaubt und reinigt die Gehörgänge gründlich.

 

 

 

       

 

 

 

Moritz Fasbender ist der Name des verstorbenen Zwillings und der Familienname der Mutter der Leipziger Pianistin, Komponistin und Filmmusikerin Friederike Bernhardt, ihr alter Ego. Sie ist neben all den anderen Tätigkeiten auch passionierte Kaninchenliebhabenrin und jedesmal (so behauptet sie wenigstens) wenn sich eines ihrer Kaninchen unter ihrem Flügel aufhielt komponierte sie ein Stück, weswegen sie ihr Debütalbum 13 Rabbits nannte. Friederike Bernhardt ist eine Meisterin im Spiel mit Klangfarben und -schichten und Atmosphären, lotet dabei die Grenzen ihrer Tasteninstrumente behutsam, aber konsequent aus und erweist sich dabei als so ausgesprochen kreativ und innovativ, dass jüngst sogar David Sylvian sie zum Aufnehmen neuer Songs (man darf also gespannt sein…) in sein Studio geholt hat. Eingerahmt von den eigenwilligen Fragmenten Three Armed Men at the Foot of My Bed und Three Armed Men Leaving My House finden sich 11 Stücke die sich nicht festlegen lassen wollen, bisweilen mit Konventionen spielen, um sie zu verraten und dabei ganz beiläufig eine feinste Sensibilität fürs Cineastische wie ein Vexierspiel (Playlist) pflegen.

 

Japanese Jewels 18: „Writing about music is like dancing about architecture“ – ein Zitat, dessen Ursprung letztlich unklar bleibt, aber bereits einigen namhaften Musikern, wie Elvis Costello, Laurie Anderson, Frank Zappa, David Byrne und vielen mehr zugeschrieben wird und nicht mehr als die grenzfälligste Möglichkeit über Musik zu schreiben benennen soll. Challenge accepted, sagt hierzu der japanische Ausnahmepianist Koki Nakano, dessen aktuelles Album Oceanic Feeling im Frühsommer erschienen ist. Der klassisch ausgebildete Pianist hat sich in seinen bisherigen Alben langsam Stück für Stück von den erlernten Konventionen befreit, um inzwischen minimalistische und subtil doppelbödige Stücke mit fast Reich’schem Groove zu komponieren. Aber was hat das alles mit dem Tanz über Architektur zu tun? Dazu muss man sich nur die Videos zu seinen Stücken anschauen, die nicht nur ein intensives Bilderleben führen, sondern sogar den Schluss nahelegen, dass man lieber weiter so zur Architektur tanzen sollte, als groß Worte zu verlieren: Mue, Glances, External Cephalic Version oder wo klaustrophobe Räume durchmessen werden, wie in Port de bras. Ein irisierendes und intensives Album, das zudem ganz hintergründig japanischen Musik- und Hörgewohnheiten Rechnung trägt.

 

 

 

     

 

 

 

Japanese Jewels 19: Insen von Alva Noto & Ryuichi Sakamoto. Langsam erklingt ein gesetzter Klavierton nach dem anderen, es klickt und kruschpelt dazwischen, ein knisternder Rhythmus schiebt sich in den Vordergrund, leise, diskret und hypnotisch während ich mit meinem alten silbernen Pontiac Transport (das genialste Auto, das ich je hatte) leise über einen Alpenpaß gleite: die weiten Schneefelder, die offene Weite, Wolken durch die Niederungen ziehend, die harsche Steinwelt, die die Straße in unbeugsam kleine Serpentinen zwingt. Ein majestätisches Ambiente zu diesem schwebenden Soundtrack, der die tiefe Ruhe der Umgebung diskret aufnimmt und alles zu einem psychedelischen Roadmovie transformiert.

Szenenwechsel: Alva Noto und Ryuichi Sakamoto live in den organischen Eingeweiden des Frankfurter Clubs Cocoon. Zwischen den Formen, die auch von Roger Dean entworfen sein könnten steht eine große eckige LED-Wand und ganz unscheinbar davor die beiden Protagonisten, die gerade Svmmvs herausgebracht haben. Wieder ist sie binnen Minuten da, diese sogartige, in kortikale Tiefen führende Mischung aus einem zeitlupenhaften Flügel und den elektronischen Klicks und Flächen, die tranceinduzierend einen wachen Frieden in einer unbestimmten Zwischenwelt hervorrufen und jegliches Zeitgefühl für die Dauer ihrer Existenz aussetzen. Überwältigend bizarre Schönheit.

 

Dieser fügen wir nun noch eine sehr diskrete, in Naturtonskalen schwingende Erweiterung der Stille hinzu: das aktuelle Album von Christina Vantzou, Michael Harrison und John Also Bennett, dessen Musik auf nordindischen Ragas basierend in einer unglaublichen Intimität zwischen dem für unsere Ohren erst etwas dissonant klingenden, in der natürlichen Obertonreihe gestimmten Flügel Michael Harrisons, der mit LaMonte Young spielte und ebenfalls bei dem indischen Gesangsmeister Pandit Pran Nath lernte, und den hintergründigen resonanten Drones JAB’s oszilliert. Manchmal klingt der Flügel mehr wie eine elektrische Zither und erinnert dann etwas an die ruhigeren Stücke Laaraji’s, mal absorbieren die stehenden Resonanzen jegliche vordergründige Aufmerksamkeit und führen langsam zurück in den Ursprung aller Dinge: eine freundliche Stille, die noch nicht erklungen ist.

 

 

 

 
 

Kaum haben die Pioneer und Voyager Sonden den Kuiper-Gürtel durchbrochen und haben unser Sonnensystem verlassen, meldet das Universum den Empfang der vergoldeten Tafel und der bemerkenswerten Schallplatten mit den Best-Forever-Hits unseres Planeten als wahrhaftiges Weltkulturerbe und sendet uns die drei Kuriere der kosmischen Tankstelle durch ein Wurmloch auf diese Welt, um den nächsten Schritt musikalischer Evolution einzuleiten. Sie treten als heller Komet in Erscheinung und reiten auf dem Hyper-Dimensional Expansion Beam. Ihr gleissendes Licht dringt bis in die Unterwelt und lässt sogar die apokalyptischen Reiter erzittern.

 
 

 

 

Als The Comet is Coming schlagen Danalogue, Betamax und Shabaka ein neues Kapitel unklassifizierbarer Musik auf, das (nur vage andeutbar) zwischen afrofuturistischen Soundscapes, minimalistischem Hyperdrive und interstellarem Jazz unduliert, zwischen Musikalischem und Mystischem swingt und in den 11 Instrumentalstücken extrasolare Codes versteckt. Mit Synthesizer, Schlagzeug und Saxophon erweitern sie Ereignisräume, die vor ihnen in vergleichbarer Konsequenz wahrscheinlich nur Can je betreten haben. Stoisch, stakkatoartig treibend mit kurzen repetitiven Phrasen und voller kryptischer Elemente. Damit keine Missverständnisse entstehen haben die Künstler ihre Stücke in Videoclips dann auch gleich noch visualisiert:

 

Code

Technicolor

Lucid Dreamers

Pyramids

 

Innovativ und mit unbändigem Ideenreichtum und vor allem unglaublich intensiv, mal wie Filmmusik zu einem Science Fiction, mal bizarr, wie wenn bei Aftermath eine Shakuhachi zu eigenartigsten synthetischen Klängen aus dem Hyperspace erklingt und schließlich programmatisch mit dem eigenwillig-jazzigen Mystik endet. Ja, The Comet ist Coming und diesmal mit dem Hyper-Dimensional Expansion Beam, der auf der Frequency of Feeling Expansion schwingt und nicht nur das Gefühl, sondern vor allem das Bewusstsein mächtig expandieren lässt. Ein retrofuturistischer Klassiker von Übermorgen. Beam me up!

 
 

 

Weit entfernt erklingen Gongs, eine Trompete schwebt in den Raum, wie ein feiner Nebel, der nachts über einem dunklen Fluss die Geister der Verstorbenen imitiert. Bekannte Klänge, Stimmfetzen, ein fernes Murmeln, Drones ziehen wie Motten in Zeitlupe durch die zunehmende Finsternis. Zart berührt der mysteriöse Bogenmacher sein virtuelles Instrument und holt ungehörte Farben daraus hervor, haucht sie ins Namenlose und verklingt. Ein subtiles Falsett, fast unsichtbar, irrlichtert über den verlorenen Klängen einer Sho. Verhallt leise bis dann unendlich ziehend ein uralter Trompetenton erklingt und die Geister, denen eine Manifestation nicht vergönnt ist, ganz sanft weckt und mit ihnen wie hypnotisiert im Regen umhertreibt. Das beschwört den Magier des subtilsten Hauches, der eine Pastorale im zwielichtigen Traumland entstehen und lange eingepflanzte Erinnerungen an narkotische Parallelwelten aufsteigen lässt. Erinnerungen, die mir so unbekannt sind und die verstörende Wesen, die die alten Tempel hüten auf den Plan rufen, zirpend, klagend, flüchtig und fernsüchtig verloren. Nur von dort sinken die somnolenten Schwestern, die sanft das Geschehen dieser Zwischenwelt umkreisten, fast einem Schlaflied gleich ins Bodenlose und setzen einen Punkt, indem sie die geheimnisvollen Geschichten des Bogenmachers leise verhallen lassen.

2022 16 Jun

London calling again …

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London calling to the faraway towns …

London calling to the underworld
Come out of the cupboard, you boys and girls …

London calling to the imitation zone
Forget it, brother, you can go it alone …

London calling at the top of the dial
And after all this, won’t you give me a smile?

I never felt so much alike, alike, alike, alike …

 
 

London calling again, aber dieses mal nicht die legendären The Clash, sondern die Schwarmpower der Londoner Avantgardejazzszene mit einer höchst bemerkenswerten musikalischen Ansage und im Gegenzug mit einer schier überirdischen Meditation. Aber eins nach dem andern: Im ersten Lockdown 2020 holte sich der Perkussionist Sarathy Korwar ein paar Freunde aus der brodelnden Londoner Jazzszene für ein paar Sessions zusammen, woraus dieser Konzertmitschnitt mit Raga Malkauns und Terry Riley’s In C entstand. Dann hob der Schwarm ab – Flock. Mit der Percussionistin Bex Burch, den Keyboardern Danalogue (von The Comet ist Coming) und Al MacSween und der Bassklarinettistin und Saxofonistin Tamar Osborn. Mit Experimentierfreude und offenem Geist spielte sich die Gruppe ein, sehr im Augenblick verwurzelt, minimalistisch und auf den Punkt. Ein Album – one take, aufgenommen in einem Rutsch am 27. August 2020. Unfassbar präzise mit archaischem Drive, repetitiven Melodielinien und -fragmenten, mit ein paar Vorübergegangen komplett improvisiert. Eine reduktionistische Magie, der man sich schon beim Opener Expand nicht entziehen kann, die sich in It’s Complicated im vollen Spektrum zeigt und in Bold Dream weitere Eskalationsmöglichkeiten in kleinsten tonalen Bewegungen entfaltet und sich mit einer musikalischen Atemübung Fully Breathed zur Ruhe setzt. Frisch und vital wird hier eine Trance erzeugt, die nach einer Dauerschleife des Albums schreit, wäre da nicht ein Soloprojekt eines exponierten Saxophonisten der Szene, der sein Album simpel mit Afrikan Culture betitelt – Shabaka. Da trifft die unergründlich tiefe Atmosphäre von Alice Coltrane’s Turya Sings auf Dollar Brand’s Good News from Africa und transponiert das Ergebnis in die absolute Zeitlosigkeit. Ganz beiläufig und leise steigt Shabaka in Black Meditation mit Shakahuachi und Saxophon in ein so liebevoll berührendes Spiel ein, dass eine Steigerung fast unmöglich erscheint. Bis auf ein paar feine Glöckchen perkussionsfrei offenbart dieses Meisterwerk puristisch und tiefgründig die stillste Seite der afrikanischen Kultur, spiegelt sich in kargen Duetten mit einer Kora und einer E-Gitarre und hinterlässt gänzlich unsentimental ein ganz besonderes Gefühl von innovativster, tief verwurzelter Andächtigkeit.

 
 

     

 

2022 12 Jun

A new neogenerative Brian Eno movie

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Auf seiner Website kündigt Gary Hustwit, der schon den wunderbaren, hier mehrfach erwähnten Film über Dieter Rams gedreht hat nun für nächstes Jahr einen höchst komplexen, mit speziell dafür entwickelten Generative Technologies, Film über Brian Eno an. Vielleicht eher ein der Musikproduktionsweise Eno‘s analoges visuelles Pendant, das auf über 400 Stunden im wesentlichen unveröffentlichtes Material zurückgreift, das Brian Eno dafür mit zur Verfügung gestellt hat. Eine angekündigte Erweiterung des Erlebnishorizonts.

 

He-o he came walking down my street
He-o and he stopped in front of my door
He-o and he knocked on the door a long while
He-o then he turned and he walked away
He-o then he turned and he walked away
He-o and he never came back again
He-o I wasn’t at home that day
He-o and I never found out that he came

 
 
 

 
 
 

Über den Wolken des Jupiter baut sich langsam ein pathetischer Klangteppich auf, während die Augen der Sonde JUNO langsam auf den großen roten Fleck zusteuern. Aber vermutlich hat Vangelis nun eine wesentlich weitere Perspektive und kann mehrere Orbite gleichzeitig durchlaufen, seitdem er seine Erdgebundenheit am 17. Mai beendete. Nein, nicht dass ich auf einmal den großen Pathos liebe, der ihn so berühmt gemacht hat. Viel mehr mochte ich seine frühen Arbeiten mit Aphrodite’s Child und eben Earth, die atmosphärisch noch in der gefühlten Stagnation Griechenlands verortet ist, die der griechische Literaturnobelpreisträger Giorgos Seferis in seinem Stück Sechs Nächte auf der Akropolis fast beiläufig mit beklemmender Dichte beschrieb, das ich einmal nachts in einem Rutsch durchlesen musste, nicht weil da viel passierte, sondern weil da genau gar nicht viel passierte und die Stimmungen im Düsteren meine Aufmerksamkeit bannend einen unglaublichen Sog erzeugten.

Auch die frühen experimentellen Synthesizeralben, v.a. Albedo 0.39, Spiral und Beauborg mag ich immer noch, vielleicht noch den genialen Soundtrack zu Blade Runner und die Anfänge seiner Zusammenarbeit mit Jon Anderson, dann ertrug ich den darauffolgenden Bombast nicht mehr, das war zu glatt und aufgeblasen. Albedo 0.39 ist der Lichtreflektionsfaktor des Planeten Erde, Earth, die er nun für immer verlassen hat. R.I.P.

2022 28 Apr

Klaus Schulze 2

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Der Sommeregen prasselte auf das Dach der Terrasse, ich saß im Trockenen auf einer alten Matratze während einzelne Tropfen auf meine Füße fielen. Der erste Donner ertönte und das Gewitter begann zeitgleich mit den kristallinen Klängen von Crystal Lake aus dem offenen Fenster hinter mir. Wie oft habe ich diesen erfüllenden Frieden eines Sommergewitters mit Klaus Schulzes Musik geboostert und habe diese einzigartige Atmosphärenmischung zwischen Naturgewalten und subtilster Elektronik so sehr geliebt.

Szenenwechsel. Ein dunkler Keller umgibt mich während das kühlste aller synthetischen Halluzinogene seine Wirkung zu entfalten beginnt. Noch befindet sich nur ein kleiner Laserpunkt auf der Leinwand an der Kopfseite des Raumes, der sich langsam anfängt zu bewegen. Mein Schulfreund K. hatte einen Spiegel auf den Tieftöner der riesigen Box an der Seite des Raumes geklebt und den Laser damit abgelenkt. Wieder Crystal Lake und die Membran beginnt zu schwingen, der Laserpunkt auch und eine nahezu überirdisch präzise Harmonie wird in dem auf der Leinwand entstehenden Lichtgebilde in klarer Eleganz spielend und sich in langsam wandelnden Mustern erhebend sichtbar. Mein Sein fällt in dem allgemeinen Sein zusammen und wandelt sich in einen der zeitlosesten Augenblicke …

Jahre später: eine evangelische Kirche im nördlichen Frankfurt, ein parasakrales Großereignis: Klaus Schulze spielt mit seinem Schulfreund Manuel Göttsching eine abendlange Trance. Synthesizerwände türmen sich auf, die Musiker fast verloren dazwischen. Hypnotisch zirkulierende Rhythmen, die in eine sequenzielle Parallelwelt führen und zwei Musiker, die Schamanengleich jegliche Erdenschwere für Stunden aufheben und dabei eine Verdichtung ihrer weiten Klangräume erschaffen, die den Rest der Welt für die Dauer des Konzerts zu einem irrelevanten Ereignis degradierten.

Cyborgs Irrlichtern Body Love, Blackdance in the Timewind of Moondawn, Mirages Tranceferieren zu Dune, mysteriöses X. mit dem erhabenen, cineastischen Ludwig II. von Bayern, Dig It in ein fernes Kontinuum zur Dark Side of the Moog. La vie electronique bis zum letzten Atemzug, jetzt übernimmt Osiris, der Unsterbliche. R.I.P.

 

 

 

v i d e o

 

 

Das Klavier trat mit der Entwicklung der temperierten Stimmung und einer zunehmend ausgefeilteren Technik, die mit einem beachtlichen Lautstärkezuwachs einherging, als Instrument einen epochalen Siegeszug an und ist als zentrales Instrument komplex polyphoner Musik aus der zeitgenössischen Musik (egal welchen Genre’s) nicht mehr wegzudenken. Daraus ergibt sich eine unglaubliche Ausdrucksvielfalt, die sich in einigen Veröffentlichungen dieses doch noch recht jungen Jahres wiederspiegelt.

Scheinbar zurück zu den Anfängen geht Francesco Tristano in On Early Music, wo er Stücke ehemals populärer englischer Spätrenaissancemusiker, wie Orlando Gibbons, John Bull oder Peter Philips den Werken des Italieners Girolamo Frescobaldi gegenüberstellt und nicht zuletzt stilistisch behutsam adaptierten Eigenkompositionen. Nun begibt er sich aber nicht bieder in die Welt der alten Musiker, dafür hat er zu viel elektronische Musik gemacht und u.a. mit Carl Craig zusammen improvisiert. Diese alte Musik hört sich von der Harmonik her „alt“ an, ist sonst aber groovig, frisch und wirkt völlig unverbraucht. Oft interpretiert er die Stücke, so wie es damals oft üblich war, sehr offen und zeitgemäß. Bein zweiten, dritten mal hören sind mir dann die kleinen und subtilen Bearbeitungen aufgefallen, die dazu beitragen, dass sich diese wohltuend von der 2793sten artigen Interpretation absetzten und sehr aktuell klingen. Eine wunderbare Hommage an die frühe Musik, die zwischen allen Stühlen tanzt. Ganz anders Vanessa Wagner’s Study of the Invisible. Die französische Pianistin, die für ihre wunderbare Zusammenarbeit mit Murcof und ihre exquisite Wahl der Stücke auf ihren letzten Alben auch außerhalb der Klassikszene bekannt geworden ist, setzt diesen Weg auf ihrem neuen Album fort, dessen ältestes Stück ein Präludium in A-moll von Moondog ist und sie dann Stücke von Harold Budd, Brian und Roger Eno, einigen der frühen amerikanischen Minimalisten und natürlich auch von Philip Glass spielt – eine wunderbare und sensible Auswahl. Doch im Gegensatz zu Tristano, der die Musik herausfordert, sie in die Gegenwart lockt, befördert Wagner die zeitgenössische Musik in eine feine, genaue klassische Darstellung. Hier wird ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Spielen, Interpretation, Covern oder gar darüber Improvisieren erkennbar und ich habe mich in diesem Kontrast mehrfach gefragt, wie ich die Unterschiede fassen könnte. Dann gibt es auf Study of the Invisible auch Stücke von Bryce Dessner, Nico Muhly und Timo Andres und nicht zuletzt von Suzanne Ciani. Vanessa Wagner schreibt, sie sei „fasziniert davon, Intensität auch ohne eine Sintflut von Noten zu ergründen, durch Einfachheit als Mittel des Ausdrucks“. Dabei verbindet sie die unterschiedlichen Stücke mit genau dieser Intensität zu einem intimen Exkurs in aktueller Klaviermusik, deren Höhepunkt unzweifelhaft Caroline Shaw’s über 13 Minuten langes Gustave Le Gray darstellt. Ein Album, dass das unsichtbar Verbindende, das unsichtbar über die Gegenwart hinaus Weisende wennschon nicht sichtbar, dann doch auf bemerkenswerte Weise hörbar macht.

 
 

       

 
 

Eine andere Leichtigkeit hat 4 Hands von Roedelius & Tim Story, wo die beiden Pianisten nach bewährter Arbeitsweise improvisieren, fast absichtslos den Augenblick kultivieren und sich dabei dennoch nicht wiederholen, sondern im Flow wie Reflexionen der Sonne auf bewegtem Wasser hüpfen und gleiten, lebendig und niemals banal. Ein Album, das fest in der Zeitlosigkeit wurzelt und ein Grund mehr sich tief vor dem 87jährigen Urgestein der deutschen Musikszene mit seinem Faible für eleganten Eigensinn zu verneigen! Und schließlich wurde kürzlich Morteza Mahjubi’s Selected Improvisations from Golha, Pt.II (von 1956-1965) veröffentlicht, der mit der gleichen Leichtigkeit wie Roedelius auf dem Klavier improvisierte, wobei er als erstes die Temperierung gründlich rückgängig machte und das Instrument nach lange entwickelter Methode in alten persischen Skalen stimmte. Was sich zu Beginn für das europäische Ohr deutlich verstimmt anhört, nimmt bald mit all seinen Schwebungen und feinen Dissonanzen den Raum zwischen den Ohren völlig ein, offenbart ein schillerndes Spektrum des modernen Orients, eine funkelnde Schatzhöhle, an der Gurdjieff sicher seine Freude gehabt hätte, ein Geisterspiel zwischen hypnotischen Trancen und dem unhörbaren Staub auf alten Schellackplatten. Eine Musik, die zum Visualisieren einlädt, ohne dass es in meinem Kopf je einen assoziierbaren Raum gegeben hätte…

 
 

       

 


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