Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Yosi Horikawa ist ein Klangjäger, der seiner akustischen Umgebung mit einer unglaublichen forschenden Neugier begegnet und kompromisslos auf musikalische Verwendbarkeit untersucht. Dafür begibt er sich mit seinem Mikrofon gerne auch auf Reisen, um neue Klänge zu finden und ringt einfachen Naturgeräuschen, wie dem Tropfen des Regens oder dem Klopfen auf trockenen Steinboden songkompatible Dimensionen ab.

Yosi Horikawa ist ein Räumesammler, der nicht nur die einzelnen Klänge zu erfassen versucht, sondern der sich für die räumliche Entfaltung eines jeden gefundenen Klanges besonders interessiert und mit dieser dann spielt wie manch anderer auf einem Konzertflügel. Dazu hat er sich ein spezielles Mikrofon gebastelt, dass die räumliche Ausdehnung eines Geräusches im gesamten dreidimensionalen Raumes erfasst und experimentiert dann damit diese vielen, so gewonnenen Mikroräume in seine Stücke wie in ein gigantisches 3D-Puzzle auf‘s subtilste einzubauen. Dieses Video gibt einen anschaulichen Eindruck von seiner Arbeitsweise und sein neues Album wird in seinem Namen Spaces dem Anliegen mehr als gerecht.

Nun könnte man schnell vermuten, dass sich das Ganze sehr experimentell und akustisch eher schwierig anhört, aber neben der ambienten Seite hat Yosi Horikawa sehr viel Freude an einer, mitunter skurrilen, Tanzbarkeit, die mit akustischen Vexierräumen scheinbarer Normalität fast wie beiläufig spielt. In Timbres stolpert er so absichtsvoll, wie scheinbar unbeholfen in sein neues Album hinein, in Crossing wird eine Straßenszene ganz weit und unversehens zu echt grooviger Musik und in Chiba wird die ländliche Klangkulisse seiner Heimatpräfektur ganz plötzlich zum Club und  der Satz „the chicks are grooving“ bekommt auf einmal eine ganz andere Bedeutung. So gut hat das bisher – aber weit weniger tanzbar  – nur Paul Frick geschafft. Vietnam und Swashers greifen ebenfalls in wunderbarer Perfektion lokale Klangraumbesonderheiten auf, Moldy Vinyl holt uns in die kaputten Zeiten ausgelutschten Vinyls zurück und zeigt, welcher Zauber da übersehen worden sein muss. Mine tanzt und In The Wind lässt die Lüfte tanzen und Fluid die Vielfalt aquatischer Klangfarben. Longing schwingt auf ganz eigene Weise und schließlich schließt dieses im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Album mit einer Reise in die Weiten eines höchst fiktiven Afrika mit Nubia. Selten ein so tiefsensibles Album gehört, das aus den feinsten Klängen des Alltags in größtmöglicher räumlicher Auflösung ein so wunderbar komplexes, polyrhythmisches und tanzbares Universum erschafft, das sich weit jenseits jeglicher denkbarer Dreidimensionalitäten zu einem absolut hörenswerten, warmen und organisch anmutenden Abenteuer entfaltet.

 
 

Der graue Staub wirbelt über die Straßen des verlassenen Ortes, Bretter hängen von den Fassaden und viele Fensterscheiben sind zerschlagen. Die Anderen sind blind vom Staub. Selbst die Fußspuren verwehen in wenigen Minuten. Lost Places, die Schwingtür eines altertümlichen Saloons ist etwas aus dem Scharnier geschlagen und schlägt mit dem Wind an die gegenüberliegende Tür, die leise vor sich hin quietscht. Beim Eintreten in den dystopischen Saloon wirbelt etwas grauer Staub auf. Der Spiegel hinter dem Tresen ist matt und ein paar Spinnweben hängen in den Ecken. Es hätte schlimmer kommen können. Es ist kein Gast zu sehen und erst beim zweiten hinschauen entdecke ich im Halbdunkel einen dezent gekleideten Herrn fast bewegungslos neben einem zerschossenen Klavier auf einem Schemel sitzen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und er greift zu einem größeren Objekt, das neben ihm auf dem Boden lag und hebt es auf, stellt es vor sich. Der Wind fegt etwas neuen grauen Staub in den Raum und der Herr wischt etwas unbeholfen ein schiefes Schild auf dem zerstörten Klavier mit der linken Hand ab und beginnt auf dem Objekt, das sich als Cello herausstellt, zu spielen. Lucy (overture), die Lichtbringerin an diesem düsteren Ort lässt Klänge wie ein kleines warmes Licht aufglimmen und dann …

Francesco Guerri erforscht seit seiner Begegnung mit Tristan Honsinger den Klangraum seines Cellos wie kein anderer. Von den Grenzen der freien Improvisation mit vielen bedeutenden Protagonisten experimenteller Musik über die unwegsamen Terrains experimenteller Tunings bis zu den ungewöhnlichsten Klängen, die er seinem Cello entlocken konnte, heruntergebrochen auf eine Ebene, wo sie laut seinen Worten selbst einem kleinen Kind verständlich sein sollte.

 
 

Ich suche unter den gefallenen Blättern und sammele winzige Fragmente der Welt. Ich behalte sie. Ich weise jedem einzelnen von ihnen seine Rolle und eine Ordnung zu. Es sind oft kleine Fragmente, die einen wilden Duft ausstrahlen, Samen des Lebens, die an mir haften und die ich mit mir trage, wohin ich gehe.

 
 

Das Cello ist ein Instrument bei dem eine warme erdige Eleganz ganz nah neben den rauen, fast verletzend schneidenden Klängen liegt, die kaum einen viertel Bogenstrich voneinander entfernt liegen und manchmal verstörend und intensiv zusammenfallen. Und Guerri geht noch weit hinter diese Grenzen, mal tanzend und sich komplex umrankend, mal fremd und einsam, indem lange Papierstreifen durch die Saiten gezogen werden, mal gezupft wie ein Kontrabass, wo das Cello fast zu singen beginnt, mal roh und rockig, mal dystopisch elegant und zum Schluss elektronisch verzerrt schwebend. Diese helle, kaum nahbare Leichtigkeit spürend kommen einige Leute von der Straße in den verstaubten Saloon, stehen vorsichtig am Rand des Raumes und hören schweigend und staunend, wie sich der Cellospieler in Trance spielt. Die graue Welt ist gerade ganz weit draußen, da kommen zwei Kinder von hinten hinein, der größere rennt mit einer Wasserpistole hinter dem kleineren her. Su Mimmi non si spara, ruft eine Frauenstimme von hinten, schieß nicht auf Mimmi! SCHIESSEN SIE NICHT AUF DEN CELLISTEN! steht auf dem immer noch halbverstaubten, schiefen Schild neben dem Spieler. Lauschen Sie der außergewöhnlichen und wunderbar schillernden Solomusik, die zwischen minimalistischen Strukturen, perkussivem Bogenspiel, fremdartigen Skalen und fast geräuschhaften Klängen, elektronischen Verzerrungen und treibenden Kräften in unberechenbarer Schönheit erklingt.

 
 

Wie so oft machten wir abends einen Abstecher zu S., der ein paar Jahre älter war als wir, der schnellste und solidarischste Postbote (z.B. Zustellung blauer Briefe an den primär Betroffenen) im Bezirk war und über eine große Plattensammlung verfügte. Er wohnte in der Dienstwohnung der backsteinernen ehemaligen Grundschule in der Mitte des kleinen Dorfes im Vordertaunus, in dem ich die meiste Zeit meiner Jugend verbrachte. Hier war sonst abends definitiv nichts zu machen und so spielte sich viel im Privaten ab. An diesem Abend war die Stimmung, warum genau weiß ich nicht mehr, etwas gedämpfter und so entschied er sich uns Desertshore von Nico, vielleicht mehr aus Selbsttherapie aufzulegen. Schon mit den ersten Klängen öffnete sich der Raum zu einer Musik, die mir in ihrer radikalen Klarheit und Schwermut, getragen von dieser einzigartigen tiefen, schnörkellosen Altstimme wie aus einem Seelengrund emporgestiegen schien. Einfach ein indisches Harmonium (das ihr von Patti Smith gestiftet wurde – „ich brauche das Geld gerade nicht…“) und diese Stimme, die selbst aus bekannt erscheinenden Melodiefragmenten etwas völlig Neues, Einzigartiges, aber auch Verstörendes machte. Eine tiefe Sehnsucht, völlige Kompromisslosigkeit und eine unglaubliche Direktheit lagen in der Musik von Nico, die ihre musikalische Karriere nur wenige Jahre davor mit der legendären Platte mit der abziehbaren Banane von Velvet Underground begonnen hatte. Nach ihrem Debüt Chelsea Girls hatte sie zudem mit The Marble Index eines der radikalsten und immer noch stark unterbewerteten Alben der frühen 70er Jahre veröffentlicht. „Schräg, düster, schön, jenseitig, klaustrophobisch – diese Platte ist alles gleichzeitig“ schreibt Martin Christoph in der wunderbaren Textsammlung von Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg, das gerade erschienen ist. Es versammelt Fragmente, Texte, Essays, Interviews, Impressionen, Phantasien und unzählige, auch private Bilder, vieles davon noch nie veröffentlicht, die sich aus der Perspektive von Freunden, Fotografen, Künstlern, Musikern und Wegbegleitern entfalten, um sich dieser beeindruckenden, unberechenbaren und faszinierenden Frau, die sich zeitlebens seltsam fremd blieb, behutsam anzunähern. Schnell war ich den den hunderten von Seiten versunken und habe nebenbei (geht das überhaupt?) die beiden erwähnten Alben immer wieder gehört, die mich nie verlassen hatten und sich heute noch so unnahbar wie frisch anhören wie vor über 40 Jahren.

 
 
 

 
 
 

Morgen Abend gehe ich wieder zurück, nachdem ich alles versäumt habe. Bis auf einige interessante Träume. Erscheint mir alles ziemlich unwichtig hier. Nico

 

Bleibt nur noch auf Nico‘s abgründige und apokalyptische Version von The End auf dem gleichnamigen Album hinzuweisen, die finaler und bodenloser in einer jenseitigen Leere verhallt, als es The Doors je hinbekommen hätten. Es ist aber nicht das letzte Stück auf diesem Album: bleischwer und niederdrückend folgt als allegorisch letzter Titel dann das Lied der Deutschen …

Kurz nachdem ich Martinas kurzen Post über Bohren & Der Club of Gore gelesen habe, stieß ich auf das neue Album von A Winged Victory for the Sullen The Undivided Five. Auch eine Zeitlupenmusik, die sich still und unprätentiös aus dem Hintergrund in den Tag schleicht, ganz langsam, ganz getragen und voller skurriler Schönheit, auch was die Songtitel angeht. Hier sind verschiedene Einflüsse zusammengekommen, die Adam Wiltzie und Dustin O‘Halloran dazu brachten entgegen ihren bisherigen Arbeitsgewohnheiten sich mit alten Vintagesynthies hinzusetzen und zu improvisieren und die Ergebnisse dann als Grundlage für die Kompositionen des Albums zu nehmen, die subtil und verhalten ihr Dasein in irgendwelchen Parallelwelten führen, die mal in einer unbestimmten Vergangenheit („Our Lord Debussy“, „The Haunted Victorian Pencil“), mal in leisen Ambientwelten („Sullen Sonata“, „A Minor Fifth Is Made of Phantoms“) und mal im sanften Sog der Gravitation aus dem Schwerelosen („Adios, Florida“, „The Rhythm Of A Dividing Pair“) ins Bodenlose („The Slow Descent Has Begun“, „Aqualung, Motherfucker“ bis zum finalen „Keep It Dark, Deutschland“) schweben. Musik für verhangene Novembernachmittage.

 

 

Man stelle sich eine uralte Maschine vor, deren feines und unergründlich komplexes Räderwerk ineinandergreifend seit Urzeiten alle klanglichen Möglichkeiten erschöpfend abzubilden in der Lage ist. Die im Zusammenwirken all ihrer Teile war vielleicht schon immer in der Lage die Gegenwart mit all ihren Optionen zu lesen und die zukünftigen Manifestationsmöglichkeiten präzise vorherzusagen. Eine solche Maschine wurde vor einigen Jahrzehnten im ägäischen Meer gefunden und unzählige Wissenschaftler rätseln noch heute über ihre Funktionen. Bei einigen weiß man, dass sie Sternkonstellationen und Sonnenzyklen wahrscheinlich für Jahrtausende im voraus genauestens abbilden kann, bei anderen rätselt man mit heißen Köpfen grübelnd weiter. Antikythera heißt diese Maschine, benannt nach ihrem Fundort. Angenommen sie würde Musik abbilden, all die unendlichen Variationen, die die menschliche Kultur seitdem hervorgebracht hat, vom klagenden Hauchen der Panflöte in der Hitze des mediterranen Mittags, dem hohlen Pfeifen der Knochentrompete der Eskimos, den Eingeweide aufwühlenden Schlägen japanischer Taiko-Trommeln, dem Zirpen eines Cembalos als Begleitung barocker Schreittänze, der verwirrendenden Heftigkeit und Komplexität der nachklassischen Orchestermusik zu den astralen Klängen eines präparierten Klaviers und all ihre Kombinationen und vor allem, was da noch kommen mag. Gregor würde es vielleicht eine universale Jukebox nennen. Man trifft die Wahl, drückt die entsprechende Taste und dann geht alles ganz leicht: Antikythera, eine Jukebox am Ende des Universums.

 

“Meine Idee war, die Musik, die wir improvisierten als eine komplexe Maschine zu betrachten und das funktionierte perfekt und flüssig. Eine Maschine aus der Vergangenheit, die aus vielen verschiedenen Teilen und Zahnrädern besteht und in der Lage ist die Gegenwart zu lesen, die Zukunft vorherzusagen und in der Lage ist das Unbekannte zu betrachten und nützliche Dinge darin zu finden“ beschreibt Lorenzo Feliciati den Entstehungsprozess seinen neuen Albums Antikythera zusammen mit dem Drummer und Perkussionisten Michele Rabbia, von dem wir dieses Jahr ja schon ein phantastisches Album zusammen mit Eivind Aarset und Gianluca Petrella zu hören bekommen haben: Lost River.

 

Über mehr als zwei Jahre ist in regelmäßigem Zusammenspielen und einem aufwändigen Postproduktiosprozeß der beiden Musiker ein facettenreiches und tiefgründiges wie atmosphärisch dichtes Album entstanden, auf dem zu den Klangfarben Elektrischer Bässe und Gitarren, Drums und Electronics die Unterstützung vieler hervorragender Gastmusiker, wie Andy Sheppard, Cuong Vu, Rita Marcotulli, Alessandro Gwis und Roy Powell zu hören ist. Im Opener Irregular Orbit wird die mysteriöse Maschine durch ein sich langsam entwickelndes Thema aus dem mystischen Urgrund gehoben, um dann in 223 Teeth (die Anzahl der Zahnräder des größten Rades der antiken Maschine) zu einem Ostinato auf einem präparierten Klavier mit dem Saxophon Andy Sheppards auf eine andere Ebene gehoben zu werden. Corrosion zeigt Rabbia als meisterhaften Klangkünstler an den Becken, schwebend und fast irreal. Auf den beiden nächsten Stücken steht der warme Trompetenton Cuong Vu‘s über den komplexen Klanglandschaften und darauf folgend Allesandro Gwis zarte Klavierklänge und elektronische Verfremdungen. In Apogee kommen eine unheilvolle Hammondorgel und Synthesizer von Roy Powell dazu und schließlich kommt das Album mit dem sanft schwingenden Parapegma, wieder mit Andy Sheppard ganz wundervoll zur Ruhe. Die kosmische Jukebox aber läuft weiter, in meinem Kopf und irgendwo im Unfassbaren, aus dem vielleicht zu gegebener Zeit wieder solch ein wunderbar alchemistisches Meisterwerk zwischen allen Stühlen geboren wird, während sich das langsame Drehen der großen Spiralgalaxien im Hintergrund des ewigen Maschine fortsetzt. Prädikat extrem hörenswert!

 
 

 

Keine Einträge gefunden. Ein leeres Blatt hier auf diesem Blog? Ich mag es kaum glauben, dass scheinbar über all die Jahre sich noch keiner dem französischen Trompeter Erik Truffaz gewidmet hat. Seit Bending the Corners Ende des letzten Jahrtausends erschien und eine ganz eigene Welt erschuf in der sich Wah-wah-E-Pianos, französische Rapper und neue Strukturen, getragen von einem Trompetensound, der mal schwebte und sich mal durch vertrackte Rhythmen mäanderte, hat Truffaz etliche, teilweise auch weit genreübergreifende Alben vorgelegt. Dabei die musikalisch sehr spannenden kulturübergreifenden Experimente von Rendez-Vouz, u.a. Mit Sly Johnson, Murcof und indischen Musikern oder das fast ambienthafte Being Human Being mit Enki Bilal (dessen Comics und Filme einen doppelbödigen, morbiden Charme und eine ganz eigene Bildersprache haben). Dazwischen gab es aber immer wieder Alben mit seiner Band, in der ihn der Keyboarder Benoît Corboz und der Bassist Marcello Giuliani schon sehr lange begleiten. Auch war er neben Nils Petter Molvaer einer der ersten Jazzmusiker, die vor fast 20 Jahren ein ganzes Album als höchst hörenswerten Remix bearbeiten ließ: Erik Truffaz Revisité. Eine Empfehlung!

Ein leeres Blatt liegt auch bei Beginn der Aufnahmen zu seinem aktuellen Album Lune Rouge auf dem Tisch. Nur die Idee die bisherige Klangsprache weiterzuentwickeln, wozu der zuletzt hinzugestoßene Drummer Arthur Hnatzek gebeten wurde die perkussiven Grundstrukturen für die gemeinsamen Sessions vorzubereiten. Dies hat er sehr minimalistisch und treibend getan, was selbst bei dem stets für Neues offenen Erik Truffaz angesichts des konsequenten Reduktionismus anfangs etwas irritiert haben muss. So begannen die Sessions der miteinander inzwischen sehr vertrauten Musiker und danach wurde geschnipselt und geschnitten. Teo Macero lässt grüßen. So gehen Sessionelemente und Komponiertes oft nahtlos ineinander über. Das Album beginnt mit Tanit, einer kurzen rhythmischen Überraschung, treibt weiter durch Cycle By Cycle. Jedes Stück mit sehr eigener, fast tranceartiger Atmosphäre und auch in sich sehr abwechslungsreich. Five to the Floor stellt das elegante Jazzpendant zum technotragischen, unendlich ausgelutschten Four-to-the-Floor dar, ET Two eine sehr gelungene Improvisation und Tiger in the Train ein massiv treibendes Stück, wo die Vitalität des Tigers im Rhythmus des Eisenbahnschienenholperns direkt unter die Haut geht. Danach folgt das Titelstück, das auch zugleich das längste des Albums ist, ein echter Höhepunkt in seiner sensiblen Differenziertheit, Vertracktheit und innovativen Schönheit. Mit Algol und Alhena folgen zwei perkussive Skizzen, die die arabischen Namen zweier Sterne tragen und durch teils gepresste, teils schwerelose Passagen der Trompete getragen werden. Nostalghia reizt dann die etwas gefälligere Seite aus, ohne sich dabei zu arg in Klischees zu verlieren, was aber leider zwei weitere Stücke mit Gesang etwas zu zwanglos tun und so auf dem sonst beeindruckend frischen Album wie sentimentale Fremdkörper wirken. Gerne mischt Truffaz mal zwei Gesangsstücke auf seinen Alben unter den Rest, was aber vor etwa 10 Jahren mit der großartigen Sophie Hunger zum letzten mal wirklich gut gegangen ist. Zum Ausklang gibt es das schwerelos impressionistische und zeitlose Houlgate, das in einer sanftestmöglichen Landung endet. Ich sitze auf meiner Urlaubsterrasse und schaue auf das Meer, in dem der fast volle Mond sich spiegelt und imaginiere den für den Blutmond erforderlichen Erdhalbschatten hinzu. Der Atem der sehr alten Trompete Truffaz‘ schwingt weiter und mischt sich mit dem Pfeifen des Abendwindes und dem Zirpen der Grillen. Noch mal von vorne …

 
 

 

2019 11 Okt

… und 2019

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In einem meiner ersten Kommentare hier auf dem Blog (ich war noch kein „offizieller“ Manafonista) ging es auch um Herbert Vesely‘s Film „Der kurze Brief zum langen Abschied“ nach dem gleichnamigen Text und Drehbuch von Peter Handke. Damals deshalb, weil in diesem durchaus typisch deutschen Roadmovie die Musik Brian Enos zu der wunderbar surrealen Atmosphäre wesentlich beitrug und die Unbestimmtheit vieler Szenen auf ein neues Niveau hob. Leider ist dieser Film aus dem öffentlichen Repertoire völlig verschwunden.

Vor etwas über 40 Jahren wurden die Texte Peter Handkes durch den großen Bruder einer Grundschulklassenkameradin in unsere Familie gebracht. Genauer besuchte er öfters meine Mutter und führte lange Gespräche mit ihr, was insofern ungewöhnlich war, dass sie sonst eine eher zurückhaltende und kontaktvermeidende Person war. Eines Tages brachte er, der übriges heute eine exzellente Bassgitarrenmanufaktur führt, „Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“ zu uns mit. Ein Büchlein mit Texten, die ich als damals Spätpubertierender verschlang und nach mehr verlangte.

So saß ich etwa ein Jahr später in der Oberstufe im Unterricht und las von den ewigen Redundanzen gelangweilt, Handke‘s „Kaspar“. Stille und unauffällig. Was meine Lehrerin nicht davon abhielt mich zur Ordnung zu rufen und mich scharf fragte, was ich denn da unter dem Tisch täte. „Lesen“ antwortete ich lakonisch und verkniff mir den Kommentar zum Stimulationsniveau ihres Unterrichts. „So, was denn? Dann lesen sie doch mal vor!“ legte sie nach. Doch der Moment ihrer vermeintlichen Überlegenheit weilte nur kurz, als ich ruhig begann einfach genau die Textstelle, an der ich mich gerade befand, vorzulesen. Wer mit dem Text vertraut ist, weiß, dass es sich fast nur um Ausführungen zum pädagogischen Frontalversagen handelt, klar im Inhalt und klar in den theaterreifen Aussagen. Desto weiter ich las, desto amüsierte zeigte sich der Kurs und desto stiller und verlegener wurde meine Lehrerin. Es war genau das letzte mal, dass ich beim Lesen in ihrem Unterricht gestört wurde.

Später trug ich lange Zeit meist eines seiner Journale, beginnend mit dem „Gewicht der Welt“ mit mir herum, weil sich diese kurzen, oft sehr präzisen Beobachtungen, die gerade die kleinen, leicht zu übersehenden Dinge fokussierten, hervorragend eigneten in den kleinen Momenten zwischendurch gelesen zu werden. Manchmal weckten sie mich auch einfach auf und zogen mich in eine Beobachterposition hinein, in der ich zum stillen Betrachter der Dinge werden konnte, die sonst nur zu schnell übersehen werden. Und genau diese feine Spur ist es, die ich an Peter Handke‘s Texten mag, so strittig sie vielleicht in anderer Hinsicht auch sein mögen und die nicht zuletzt auch zu etwas Doppelbödigem, wie dem „Versuch über den stillen Ort“ geführt haben.

 
 

 

Summer in the City, Frankfurt. Mal wieder in der schönsten Konzertlokalität der Stadt im Pavillion im Palmengarten. Mitten im Grünen an einem herrlichen, warmen Sommerabend schließt die Konzertreihe, die über den Sommer verteilt für fast jeden Geschmack etwas zu bieten hatte, Ende August mit den Grandbrothers aus Düsseldorf. Ein Konzertflügel mit allerlei Aufbauten und Kabeln und ein Tisch daneben. Sieht nicht aus wie der Aufbau für eine Band. Ist es aber, denn was Erol Sarp (r) und Lukas Vogel (l) aus dieser Konstruktion herausholen werden, ist weit mehr als der Sound einer Band.

 
 

 
 

Kennengelernt habe die beiden sich bei der Aufnahmeprüfung zum Musikstudium und nachdem sie diese Hürde bewältigt hatten kamen sie bald auf die Idee ihre gemeinsamen Vorstellungen musikalisch umzusetzen. Aber zwischen der Geburt der Idee und einer gelingenden Umsetzung verstrich noch etwas Zeit, denn der Plan war, ein Klavier auf besondere Weise zu präparieren. So dass man einerseits weiter darauf normal spielen konnte und dann aber auch so, dass unzählige kleine elektrisch angesteuerte Hämmerchen den perkussiven Raum eines Flügels neu erschlossen. Dann werden die Sounds mit vielen Mikrofonen aufgenommen und im Computer weiterverarbeitet, teils als Live-Sampling, teils nur Klangausschnitte, Hallfahnen oder Klicks.

„Unser Konzept ist, dass alle Klänge des Konzerts nur aus dem Flügel kommen“ erläutert Lukas zwischen den ersten Stücken einer steigenden Verwunderung des Publikums vorbeugend. Es klickt und klackt im Flügelinnenraum: auf die Schrauben, an die Holzteile, auf die Saiten und was da noch angesteuert werden kann. Daraus entsteht schnell ein Groove, der mächtig vorantreibt. Erol sitzt auf der Tastenseite und spielt gegen seine eigenen Klangfiguren an und auf der anderen Seite am Tisch steuert Lukas die Steuereinheit Für die vielen Hämmerchen, Mikrophone und die Computer. Präparierte Klaviere faszinieren mich, wie ja schon öfters angedeutet, schon seit Jahren, aber das hier hat eine andere Dimension. Das ergibt eine völlig neue Art aktiv im Innenraum des Konzertflügels zu improvisieren und auch das Resultat ist entschieden näher an aktuellen Hörgewohnheiten dran.

Noch sitzen die Zuhörer im Halbrund um den Pavillion, verwundert, fasziniert, abwartend und neugierig. Aber bereits nach wenigen Stücken beginnt bei Arctica – wie im echten Leben – das Eis zu schmelzen und die ersten wagen es, sich dem Rhythmus anzuvertrauen. Schnell ist der Raum vor der Bühne gefüllt und es wird getanzt, was hervorragend zu dieser kreativen Melange zwischen klassischen Reminiszenzen und trancigen Grooves geht. Und das geht lange. Neben den alten, bereits veröffentlichten Stücken spielen Erol und Lukas auch immer wieder Neue, die neben der perkussiven Auslotung des Flügels nun auch eine selbstentwickelte Technik zur Schwingungsinduktion der Saiten (ähnlich einem E-Bow bei der Gitarre) nutzende Stücke, die dadurch tragender, reicher Und experimenteller werden. Als Zugabe gibt es Bloodflow (hier der Link zu dem Video dazu) und noch ein neues Stück. Eine fantastische Klangerfahrung, die an Ideenreichtum und Orginalität die Grenzen des klaviermöglichen ordentlich erweitert haben. Von den grandiosen Grandbrothers werden wir hoffentlich bald noch viel mehr hören können …

 
 

 

Etwas abseits der großen Bühne saß Erik Satie in einem recht ruhigen Salon auf einer scheinbar viel zu großen Chaiselongue, die mit weinrotem Plüsch bezogen war und putzte seinen Kneifer. Nicht, dass er ihn hier noch wirklich benötigen würde, wo er gerade war, aber er mochte ihn als liebenswerte Reminiszenz an sein vergangenes Leben. Außerdem hatte er einfach das schöne Gefühl dadurch die Auswirkungen seines Schaffens in dem großen Spiel ein kleines bisschen deutlicher zu sehen und das erfüllte ihn mit Freude. Der Vorhang des Salons schob sich zur Seite und ein dunkelhaariger wuscheliger Kopf schaute hinein: „Darf ich eintreten?“ Erik Satie wendete den Kopf und sah den Ankömmling erstaunt an: „Du hier?“ Arvo Pärt schmunzelte uns schaute Erik sanft an, „Du weißt doch, für die etwas grösseren Missionen behalten sich viele von uns ein Standbein in der geistigen Welt. Das erleichtert vieles.“ „Hatte ich fast vergessen,“ schmunzelte Erik zurück, „setz Dich“ und rückte ein bisschen auf der Chaiselongue zur Seite. „Weißt Du,“ fing Arvo ganz direkt an (so war er halt), „mich beschäftigt etwas seit längerem, für das ich keine wirklich gute Lösung finde. Ich habe inzwischen so einige Türchen zwischen den Welten gebaut, Spiegel im Spiegel und Tabula rasa und immer mehr Wesen nutzen sie auch, aber es mag mir nicht gelingen ein Türchen hinter den großen Fluss zu komponieren. Vielleicht hast Du ja eine Idee?“ „Wiederholungen, endlose Wiederholungen kommen da am nächsten dran. Beim Hören der Vexations sind einige da schon irgendwie durchgeschlüpft. Aber leider habe ich das auch nicht stabil bekommen.“ Bevor einer von beiden etwas sagen konnte schlurfte es auf dem langen Flur vor dem Salon und ein etwas behäbiger Herr trat in Begleitung eines etwas blassen jungen Mannes ein. Er trug hier keine Flaschenböden mehr vor den Augen und auf die Zigarren konnte er hier auch gut verzichten, was er beides als Erleichterung empfand: „Hab ich hier etwas von Wiederholungen gehört?“ brummelte er, „ja Wiederholungen sind der Schlüssel. Erst durch sie kommt man in den Zustand, den er eigentlich vorher bräuchte, um etwas zu komponieren, das die Zeit einfach anhält.“ „Das ist aber ein schwieriger Zirkelschwung,“ antwortete Arvo und sah Morton Feldman tief und nachdenklich in die Augen. Morton seufzte und nickte nur langsam und bedächtig mit dem Kopf. „Meditationen,“ warf der junge Mann, den Morton mitgebracht hatte ein ohne sich der illustren Gesellschaft vorzustellen, „Meditationen sind stationäre Prozesse und wenn es gelänge Momente absoluter Stille auf einer kinetischen Zeitlinie aneinanderzureihen, könnte es passieren, dass die Welten nicht nur in Verbindung treten, sondern ganz leise ineinander übergehen wie zwei Liebende. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das alleine schaffen kann.“ Es schien, als ob es merklich heller in dem Salon wurde und Erik, Arvo und Morton schauten sich einen Moment schweigend an. Der junge Mann fuhr fort: „ein amerikanischer Mathematiker hat erst kürzlich gezeigt, dass das Vorhandensein des Raumes durch die Verschränkung des gesamten Universums zustandekommt und dass Zeit eine Funktion der Komplexität des Universums ist. Es müsste also doch möglich sein …“ Nach einer Pause erhob Arvo seine Stimme leise, „wenn das so ist, können wir es vielleicht gemeinsam entstehen lassen,“ und schob langsam seine Hand in die Mitte der kleinen Gesellschaft. Erik legte seine darauf und dann Morton und zuletzt, tief von der Unterstützung berührt, der junge Mann und die Szene löste sich in befreienden Zwielicht und feierlicher Stille auf.

 
 
 

 
 
 

Satoshi Ashikawa wollte, dass in der Musik von Still Way die Zeit zu einem Ende kommt, einfach stillsteht, so wie sie manchmal tut, nachdem ein Windstoß durch den Garten gefahren ist oder ein Regen unversehens eine kurze Pause macht. Er liebte das Werk von Erik Satie Und Brian Eno, studierte Stockhausen intensiv und fand Momente der Zeitlosigkeit im Verklingen eines Shamisentones in den Wellen der Alltagsgeräusche. Ein reichliches Jahr vor seinem viel zu frühen Unfalltod mit 30 Nahm er Still Way 1982 mit Mitgliedern des Mkwaju Ensembles und anderen auf. Midori Takada schreibt in ihren Liner Notes, dass er ihnen beim Einspielen aufgetragen habe, den Ausdruck soweit wie möglich zu reduzieren, das Piano ohne Pedal, die Flöte ohne Crescendo und das Vibraphon so trocken wie es nur ging zu spielen. Das Ergebnis sei eine Hingabe der Musiker auf den Moment und die Momente in denen sich Töne zart überlappen, gewesen. Die sieben Stücke das Albums mit Harfe, Piano, Vibraphon und Flöte im Kleinensemble und Solo eingespielt brauchen nur Minuten, um wirksam zu werden. Sie ist so klar, reduziert und unprätentiös, dass man kaum bemerkt, wie die Zeit einfach stehen bleibt. Und einfach schön in ganz ungeschliffener Weise, wie ein Rohdiamant, dessen Glanz aber sofort in der unmittelbaren Vorstellung des Diamantschleifers entsteht. Eine leise, zärtliche Berührung einer Welt, die sich nicht mehr hinter ihren Unterscheidbarkeiten verstecken will.

Und ein Reissue, dass nicht das Beste eines Monats oder Jahres seien könnte, denn diese Musik steht jenseits der Zeit und tritt in Erscheinung, wenn vielleicht drei altgediente Musiker ihre Kräfte zusammenführen oder ganz einfach, wenn sie gehört werden will.

 

(play it loud) Rock’n’Roll? Psychedelic Kraut machine? Retromania zum 50 Geburtstag? Anarchie & Inventur auf dem Weg zu neuen Welten. Rotate, rotate. Ein übersehenes Jahresbestenalbum für 2018. Eine verlässliche Instanz deutscher Experimentalmusik. Mani Neumeier at its best. Live mit den seit inzwischen über 50 Jahren bestehenden Guru Guru kurz vor Mitternacht auf der TropenTango 2019. Voller Elan gehen sie an den Soundcheck, das Zelt füllt sich und dann: voll drauf! Darf man das noch Rockmusik nennen? Dann Reggae mit einer indischen Nadeswaram als Melodieinstrument. Moment, wo bin ich? Schon weiter getrieben. Living in the woods? Psychedelische Mäander mit japanischem Sprechgesang in bizarrer Verkleidung. Schamanenkraut? Um Mitternacht das Schlagzeugsolo. Geisterstunde adé. Bei der Magie ist kein Raum mehr für die Geister der Vergangenheit und der 78jährige Mani Neumeier so vital wie nach dem Aufstehen. Wahrscheinlich der derzeit beste deutsche Schlagzeuger. Und nach dem scheinbaren Überschreiten des Höhepunktes wird im Takt der Nightpack entleert und das Solo eskaliert auf Kitchen Metals erneut.

 
 

 
 

Und weiter gehts voller Ideen sprühend, voller zirkulärer Magie, erkundend, treibend, jagend, voller Schalk. Und selbst der Elektrolurch, die obligate Zugabe, hat sich längst schon wieder gehäutet und kommt bei legendärer Verkleidung in neuem Gewand daher. Und zwischen archaischen Artikulationen stellt der alte Spaceboy langgezogen die Frage: „Was macht ihr eigentlich … … … wenn ihr mal älter seid?

 
 


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