Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Mehr zufällig bin ich auf diese Musik gestoßen. Doch halt: ist das noch Musik? Es beginnt mit seltsamen Tiergeräuschen (die Tiere dazu müssten aber noch erfunden werden) und findet alsbald einen organisch-technoiden Groove, der abbricht, sich wieder anders aufbaut, mal ganz friedlich, mal zerhackt daherkommt. Höchst seltsam. Dann ein paar humanoide Samples, die die Freude am Rhythmischen und dessen umgehender Demontage erkennen lassen. Jetzt drängt sich aus dem Hintergrund etwas Salonmusik des 22. Jahrhunderts, tanzbar. Time-Shift für die Bremer Stadtmusikanten. Seltsam verwaschene Reminiszenzen. Mal hüpfend, mal düster ziehend. Field recordings? Nur scheinbar zufällig. Und desto länger ich das höre, wird mir klar: das ist nicht nur zusammengebastelt, wie so Vieles, was man heute von so lichtscheuen Kellerkindern zu hören bekommt. Wer sowas macht ist ein Profikiller. Vorbestehender Hörgewohnheiten. Fleischsalat aus veganen Berliner Hinterhöfen. Ein akustisches Panoptikum, das recht subtil eine Atmosphäre aufbaut, die mich geborgen mitnimmt, obwohl da nichts stimmt: alles zusammengestoppelt, experimentell und nur kurz mal ein paar Takte, die wenigstens Assoziationen aufkommen lassen können. Nichts für Rückwärtsgewandte. Kurios. Sowas Kurioses hat seit Cluster keiner mehr versucht. Außer halt Paul Frick. Teil von Brand Brauer Frick, die mit ihrem genialen Debütalbum You Make Me Real einen Meilenstein jenseits der Synthese klassischer Instrumentierung und Techno gesetzt haben ohne dabei auch nur einen Moment angestrengt oder bemüht zu klingen. Second Yard Botanicals ist das Debütalbum des gelernten und klassisch geübten Pianisten und Komponisten aus Berlin. Hinhören, denn da kommt einer, der die Radieschen im Prinzessinnengarten nicht nur vertikal pflanzt und der induktionsgesteuerte Quietscheentchen abstrakt reanimieren kann, panakustisch. Exorbitant! Intensiv! Hinhören!

Großvater wir danken dir! So versuchte jedenfalls Loriot den Familiensegen bei den Hoppenstedts wieder in die Bahnen bürgerlicher Ordnung zu bringen. Wobei ich gerne und unumwunden zugeben will, dass auch mein Großvater mit einer sehr großzügigen Beteiligung einen zentralen Beitrag für die Anschaffung meines Klaviers leistete bzw. dies überhaupt erst möglich machte. Jetzt steht es mattschwarz und schon seit Jahren abbezahlt mir, während ich dies schreibe, gegenüber und läßt seine Basssaiten leise angesichts des heutigen Themas mitschwingen. Und natürlich kennt es die beiden Alben ganz genau von den kläglichen Anfängen bis hin zu dem Wohlklang, den mir günstigstenfalls zu erzeugen vergönnt war…

Als ich zum ersten Mal Sacred Hymns hörte, traf mich diese Musik in ihrer subtilen hypnotischen Wucht ungeheuerlich tief. Diese Auswahl von Stücken von Georges I. Gurdjieff, von Thomas De Hartmann für Klavier parallel in Echtzeit aus dem konzertanten Vorspiel Gurdjieffs selbst notiert und für Piano transkribiert, stellen eine ganz selbstverständlich klingende Melange aus orientalischen, asiatischen und rituellen Stücken mit europäischer Klassik dar, die in der asketischen und präzisen Interpretation Keith Jarretts mit großer Leichtigkeit innere Räume aufziehen. Räume, die neben ihrer melancholischen Dimension seelische Entwicklungsräume entfalten, was wahrscheinlich sogar Gurdjieffs hauptsächlichste Absicht darstellte, denn er spielte seine legendären Abendkonzerte im Schloss Prieuré des Basses Loges bei Paris seinen Zuhörern gewiss nicht zur bloßen Unterhaltung vor. Sein Ziel war vielmehr die harmonische Entwicklung des Menschen, was er zumindest mit seiner Musik bei mir, fast wie eine kleine Initiation, auch nach Jahrzehnten des Hörens noch bewirkt. Keine Frage, dass ich diese Stücke also auf dem Klavier spielen musste. Aber woher nehmen? Die Noten waren schon seit Jahrzehnten vergriffen und unbezahlbare Sammlerstücke. Und sich mit Keith Jarrett messen? Vermessen! So vergingen fast zwei Jahrzehnte bis sich endlich der Schott Verlag erbarmte und sämtliche von De Hartmann niedergeschriebenen Klavierstücke in vier Bänden wieder auflegte. Erlösung und Herausforderung zugleich über der aber bis heute eine ungeheure Faszination schwebt dieser frühen Weltmusik aus dem eigenen Urgrund etwas Leben einhauchen zu können. Keith Jarrett aber bleibt unerreicht, auch unter all den anderen Interpreten Gurdjieff’scher Musik, mit Ausnahme vielleicht von Elan Sicroff, der sich dieser Faszination auch vollständig ergeben hat.

Das Pendant dazu erschien nur wenige Jahre später: Children’s Songs von Chick Corea. Pendant, weil diese Musik leicht, fröhlich und ganz und gar nicht so schwermütig auf mich wirkte. Und einfach nicht so abgenutzt klassisch klang, da hier Jazzelemente und die ungeheure Improvisationserfahrung Corea’s in einfachen, aber sehr archaisch klingenden Pianostücken, daherkamen. Sie laden mich ein ihren inneren Weg zu erkunden, die Stimmungen, die Klarheit und die lichte Weite. Auch musste ich hier gar nicht lange auf die Noten warten, die sich aber erst mal als nicht so einfach herausstellten. Chick Corea ist halt schlichtweg ein wesentlich versierterer Pianist als es Gurdjieff als Autodidakt auf seinem Harmonium je war, was sich aber zum Glück nicht als unbewältigbar herausstellte: es sind ja schließlich Children’s Songs. 

Seitdem sind viele, viele Jahre vergangen. Beide Alben gehören immer noch zu meinen Lieblingspianoalben, beide berühren mich immer noch aufs Neue. Und es waren die letzten Stücke, die mich verführen konnten, sie nach Noten auf dem Klavier zu spielen. Danach zog es mich auf das offene Meer improvisierter Musik, weg von den Bastionen des Reproduzierbaren immer weiter hinaus mit der bis heute unstillbaren Sehnsucht Strukturen und Patterns zu zerschlagen, um mich einer vielleicht nicht selten verstörenden Schönheit des Augenblickes immer tiefer anzunähern. Aber so blieben Sacred Hymns und Children’s Songs das letzte Stückchen Festland vor den Aufbruch, Finisterre.

 
 
 
       
 

 

 

 

Call me. Right foot starts, left foot follows. I walk and I walk. Genau genommen fahre ich. Auf der Autobahn nach Süden. Die Sonne brennt, halt richtig Sommer. Und aus den Lautsprechern kommt der relaxte, funkige Sound von Home Boy/Sister Out. Nach über 30 Jahren endlich wieder zu bekommen und das auch noch mit einigen feinen Extratracks. Paris 1985, Schmelzpunkt verschiedenster Kulturen und einer, der als der Weltmusiker schlechthin das schon immer alles zusammengeführt hat. Jazzig, funkig, voller Zitate und doch ganz eigenwillig. Vielleicht das im Unkonventionellen gefälligste Album von Don Cherry, in dem er clever Störungen des Jazz, Rhythmen von Afrika bis New York, Funk und ein bisschen Rap zusammenführt und dies mit der ihm eigenen sensiblen, sehr liebevollen Haltung und einem entspannten Spass am Spielen mit seinen Mitmusikern umsetzt. Und der ganz nebenbei mit Songs wie Treat your lady right der #MeToo-Debatte um Jahrzehnte voraus war. Wunderbare Musik für den Sommer, die Hitze flimmert auf der Straße vor mir, eine kleine Fata Morgana und auf einmal sitzt Don Cherry neben mir auf dem Beifahrersitz, fingert an seiner Pocket trumpet, die einst Boris Vian gehörte, herum, zwinkert mir zu und steigt ganz losgelöst in den ethnofuturistischen Groove ein.

I’m feeling good the way I should … für mich definitiv der Reissue des Monats!

Der ganze Boden war bedeckt von zähem schwarzem Schlick oder besser gesagt dem, was der große Säuresee von den Abresten der Welt übrig gelassen hatte. Der schneidend scharf riechende Säuresee, wie ihn Moebius (eigentlich Jean Giraud) und Alessandro Jodorowski (die beide bemerkenswerterweise bislang hier viel zu kurz gekommen sind) in ihrem irren Initiationsmythos Incal beschreiben, liegt tausende von Metern oberhalb dieses düsteren Ortes an den kein Licht mehr dringt. Zutiefst rätselhaft ist auch der Weg, wie man hierher gelangt und ich könnte ihn in meinem jetzigen Zustand auch keinesfalls nachvollziehbar beschreiben. Ich habe nur gehört, dass James Cameron bei seinem letzten Tauchgang in den Marianengraben fast einen der verborgenen Eingänge gefunden haben soll, aber dann gab es Irritationen mit der Sauerstoffversorgung und er musste wohl aufsteigen.

Langsam versuchte ich mich also durch den düsteren Schlick voranzuarbeiten. Für die Augen ist hier vollkommene Nacht, so dass man nur nach langer Adaptation mit dem Geist die Schemen schattenhaft erkennen kann. Nach scheinbaren Ewigkeiten, die mich dem illusionären Charakter der Zeit ein Stückchen näher brachten, wurde der Boden etwas nachgiebiger und weicher, fast wie an einem Ufer. Es schnürte mir fast die Luft ab, der beißende Geruch dessen, was jenseits ultimativer Zersetzung noch olfaktorische Reize absondert, als eine noch lichtleerere Gestalt auf mich zutrat und mich mit einer dezenten Geste zum Mitkommen aufforderte. Er war gänzlich von einer Kutte umhüllt, worüber ich nicht unglücklich war, wissend was sie verbarg. Als wir an einer Art Fähre angekommen waren bedeutete er mir Platz zu nehmen und meinen Obolus für die Überfahrt zu entrichten. Es ist schwer etwas hier herunter mitzubringen, da alles Irdische auf dem Weg, spätestens durch den Säuresee völlig zersetzt wird, selbst Knochen haben da keinen Bestand mehr. Irgendwie gelang es mir aber den Silberling, den ich seltsamerweise auf dem Weg hierher dennoch retten konnte, zu fassen und dem cerberusähnlichen dreiköpfigen Wesen direkt in eines der offenen Mäuler zu schieben und den Schalter darüber im fahl glühenden rechten Auge zu betätigen. Das riesige Maul klappte lautlos zu und einen Augenblick später ertönte ein leises Zischgeräusch …

… und auf einmal war es, als ob es etwas heller werden würde. Der Fährmann stieß die Fähre ab, wobei ein leise glucksendes Geräusch ohne jegliche Höhen entstand und wir glitten stille voran, während die Geräusche aus dem Cerberus lauter wurden und sich schrittweise in archaische Klänge verwandelten. Der düstere Fährmann stutzte und gab zum ersten mal ein zustimmendes Geräusch von sich. Dann setzte er sich, nachdem immer deutlicher Musik zu erkennen war und zückte einen Reefer aus seinem Mantel, den er mit einem Reiben seiner Finger aneinander anzündete und den dicken Rauch genüßlich einzog. Gleichzeitig fing es langsam an weiterhin heller zu werden. „Das hatten wir hier lange nicht mehr“ sagte er mit affektloser, sonorer Stimme, „der letzte, der hier ein bißchen Licht reingebracht hat, war Pythagoras, als er mit seinem Bassmonochord einen Rock’n’Roll abfetzte“. „Das tut mir leid“ antwortete ich zaghaft, „keine Ahnung nach welchen Regeln hier unten was ankommt“. All das, was sich musikalisch seit Pythagoras getan hatte erklang nun in sehr komprimierter und dennoch minimalistischer Weise, kleine bizarre Oden aus der über- und unterirdischen Gesamtkulturwelt. Eine intensiver als die Nächste. Nichts, was man schon mal gehört hätte und trotzdem nichts unbekannt. Nun war es so hell geworden, dass man das andere Ufer sehen konnte, wo zwei noch etwas verschwommene Gestalten standen, die sich beim Näherkommen als Moebius & Moebius entpuppten, genau genommen Dieter und Jean Giraud, wobei auf der Schulter des Zeichners die Lichtinkarnation seiner Betonmöwe Deepo saß, die alles überstrahlte.

 

 

 

 

Die beiden hielten sich im Arm und lachten und auch der Fährmann schien inzwischen nicht nur ziemlich stoned, sondern auch herzlich guter Stimmung zu sein und gluckste heiter im Takt vor sich hin. „Junge“, sagte er trocken, „das muss Dir mal einer nachmachen: einfach die Welten kurzzuschließen, indem du uns was mitbringst, wo der eine Schöpfer noch im Irdischen weilt und der Andere die Zeitlosigkeit hier mit wundersamsten technoiden Klangsignalen in ein endloses Band verwandelt“. Alles brodelte nun in überbordender Eleganz, der Raum brach lautlos in sich zusammen und jenseits der wundersamsten Musik war nur noch das leise Lachen von Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zu hören, während der andere Moebius mit einem Fingerstrich im Leeren seine Betonmöwe das lang erwartete Weltenei legen ließ …

 

 

2018 20 Mai

Vortex

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Vortex: Als Wirbel oder Vortex bezeichnet man in der Strömungslehre eine drehende Bewegung von Fluidelementen um eine gerade oder geschwungene Drehachse. Der Begriff des Wirbels ist eher intuitiv und mathematisch nicht präzise formulierbar. Die Wirbelstärke ist im Zentrum groß und fast null im äußeren Bereich des Wirbels, umgekehrt verhält es sich mit dem Druck, der im Zentrum am niedrigsten ist. Wirbel neigen dazu ausgedehnte Wirbelröhren auszubilden, die sich mit der Strömung mitbewegen, sich winden, biegen und strecken können. (Wikipedia)

 
 

Der karmesinfarbene König rutschte etwas auf seinem Thron zu Seite und neigte sich leicht nach vorne, weil es sich in dieser Lage besser wiederkäuen ließ. Fast teilnahmslos starrte er dabei in die Ferne, die zeitlich ziemlich weit hinter ihm zu liegen schien. Dabei erinnerte er in tragischer Weise an König Theoderich aus dem Herrn der Ringe, als er sich unter dem zersetzenden Einfluß des finsteren Schlangenzunge befand. Wahrscheinlich zog er gerade den Inhalt seines 7. Magens nach oben und fand sonderbarerweise im Schalen immer noch etwas Geschmack daran. Draußen, an den Mauern spielten drei Trommler. Das gefiel ihm und drinnen versuchte gerade ein blasser Barde mit seinem farblosen Gesang ihm das Wiederkäuen zu verschönern. Eine wahrhaft tragische Entwicklung – Fists down!

 

Polymetrische minimal Grooves sind eines der besten Mittel, um einen musikalischen Strom zu einem Wirbel werden zu lassen. Zu einem Sog, fast einem Mahlstrom. Diesen Weg verfolgt die Schweizer Gruppe um den Gitarristen Stephen ThelenSonar, bereits seit einigen Jahren. Mit tritonal gestimmten Gitarren, einer Menge neuer Ideen und komplexen Rhythmen machten sie sich auf die Suche nach einem Produzenten für ihre Ideen und kamen so über Henry Kaiser an David Torn, mit dem sich sofort ein energetisches Bündnis entwickelte, bei dem die grüne Fee wohl auch ausgiebigstens Pate stand.

 

Mit Part 44, einem kaum wiederzuerkennenden Don Li-Cover beginnt die Eskalation gleich von Anfang an. Das hört sich frisch an, wie King Crimson zu seinen besten Zeiten, bis der minimalistische Vortrieb durch David Torn’s Einsatz einen heftigen Energieschub erhält. Und schon hebt das Ganze in deutlicher Rotverschiebung (Red Shift) ab, zerlegt sich in Waves and Particles, türmt sich auf zum Monolithen, treibt voran und in den großen Wirbel hinein, Vortex, um schließlich mit klarem Blick mitten ins Gesicht (Lookface!) zu enden. Ja, schau mir in die Augen, alter König, wirf den alten Ranz fort und besinne dich deiner Kreativität, wenn du dies vielleicht hören solltest! Klingt vielleicht ein bisschen so, als ob man Nik Bärtsch, der kürzlich mit Awase wieder ein wunderbares Album veröffentlicht hat, ein paar E-Gitarren in die Hand gedrückt hätte und gebeten, ein paar alte King Crimson-Klassiker durch den Fleischwolf zu verwirbeln. Frisch, hypnotisch, eskalativ.

 
 
 

 

2018 14 Mai

BOOM FOR REAL

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SLEDGEHAMMER EYES

THE LAW OF LIQUIDS

HIGHER MONKEYS

THREE MISSING LINKS

A RUBBER LION

COLONIES OF BLACK RODENTS

THAT THORN IN MY HEAD NAGGING MY FISTS CLOSED

YOU CAN’T SELL A HUMAN

AN ORPHAN

A BIT TOO BITTER

I WAS CURSED FROM BIRTH

NOT IN PRAISE OF POISON

 
 

Nicht nur die Einträge in seinen Notizbüchern geben die Wahrnehmung einer medial fragmentierten Welt wieder, sondern seine Bilder um so klarer und intensiver. Graffiti, Tags, Schlagzeilen, Momentaufnahmen, Mythologien, archaische Embleme, auf das existenzielle heruntergebrochene Satzfragmente in schlagkräftigen Parallelströmen zwischen Multitasking und Aufmerksamkeitsdefiziten, schnell, hart, substanziell. Ein Entwurf, der seiner Zeit weit voraus war. Das viel zu kurze Leben des Jean Michel Basquiat. Dazu der Soundtrack: Beat Bop.

Um vielleicht einigen die Zeit bis zum Erscheinen des neuen Albums von Jon Hassell etwas zu verkürzen will ich heute an eines der interessantesten und zudem japanischen Trompetenalben erinnern. So wie die Trompete aus dem Jazz nicht mehr wegzudenken wäre, ist auch der umtriebige Musiker dieses Albums nicht mehr aus der Jazzlandschaft wegzudenken, wenngleich er nicht selten dessen Grenzen außerordentlich strapazierte (Geht denn das bei Jazz überhaupt?). Zwischen Heavy Metal,  brachialem Freejazz (z.B. mit Peter Brötzmann) und experimentellem mit DJ Krush reicht sein weites Spielfeld.

Silent Melodies nun wurden solo zwischen 2000 und 2003 an unterschiedlichen Orten eingespielt und stellen fast das leiseste und vertrackteste Werk Toshinori Kondo’s dar, wie der Titel schon vermuten lässt. Elektronisch verfremdete Trompetenklänge, geloopt, schwebend, mal ganz fremd technoid, mal wie Hassell’s Forth World Music nur von der anderen Seite des Planeten. Gewidmet der spirituellen Natur und der Vorstellung des 21 Jahrhunderts. Sagt eigentlich schon fast alles, Song for the Small Planet! Ja, planetare Ambient music, die sich zwischen Clear Water und First Light archaisch zeitlos, in magischer Verfremdung übereinandergeschichtet und leise Geschichten einer ganz weiten kristallinen Sphäre im samtenen Schwarz erzählt. Futuristische Wolken ziehen vor namenlosen Monden vorbei, deren stilles Licht über die feinen Gesichtszüge des japanischen Musikers zieht, der seine seit Jahrzehnten brodelnden avantgardistischen Aktivitäten hier in einer ethnosurrealen Zukunftsvision kulminieren lässt. Kein Funke von Sentimentalität oder Esoterik, keine Zitate, kein Versuch bereits einmal Gehörtes neu aufzulegen. Konzentriert und eigensinnig. Ein Soundtrack für eine nächtliche Fahrt durch die Lavafelder Lanzarotes zu den schwarzen Stränden, um dort das Leben des Meeres aus der Tiefe leuchten zu sehen …

 
 
 

 

2018 28 Apr

Lass‘ leise krachen …

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… on Record Store Day. Da vermutet man doch fast Ambient music, wenn ich mit das Cover so anschaue. Aber was ist das? Heavy Ambient? Trittschallgedämpfter Hardcore? Brüllende Stille? Sehr laut sollte man es hören, die Musik bettele förmlich darum. Vielleicht ist es auch ein erhabenes Winseln. Mit langer Hallfahne versteht sich. Fängt irgendwo da an, wo The Ship aufgehört hat. Beinahe ein Song, der sich aber schnell verliert in dezentes Gitarrenkreischen, Schwellungen und abgründig verfremdete Glockenklänge.  Und noch ein Stück, sphärischer, schwebender, wie bleihaltiger Bodennebel, der langsam unerwartetes Gelände emporkriecht. Sehr vielschichtig und wieder bislang ungehörte Akzente. Lass‘ sehr leise krachen!

 
 
 

 

2018 7 Apr

Nordub

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Gefunden. Da haben sich die Richtigen gefunden! Immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Klangräumen. Zugegebenerweise hätte man da sicherlich auch schon früher drauf kommen können (vielleicht werde ich jetzt zu meiner großen Freude eines besseren belehrt…) Dub mit kühlem nordischen Jazz und subtiler Elektronik zu mischen, aber dafür ist das Ergebnis nun exzellent und äußerst hörenswert. Keine Geringeren als Sly & Robbie fanden doch Nils Peter Molvaer schon immer gut und so kam es irgendwann 2016 zu einem Projekt, deren erste Einspielung mit Eivind Aarset und Vladislav Delay jetzt vorliegt. Zum Glück habe ich seit kurzem einen Subwoofer, der ordentlich hilft dieses Klangspektrum zur Geltung zu bringen. Der tiefe, wuchtige Bass, die jamaikanischen, recht experimentellen Drums und die Trompete verbinden sich mit einer entspannten Selbstverständlichkeit und dazwischen verbinden, modulieren und akzentuieren Eivind Aarsets Gitarre und die elektronische Bearbeitung Vladislav Delays und zusammen schaffen sie eine wunderbare Vielschichtigkeit, der man stets den Spaß beim gemeinsamen Jammen anhört. Ethnotrance, die sich passagenweise vor Jon Hassell verneigt und als Gruppe weit über die Summe ihrer Teile hinauswächst. Für mich jedenfalls ein klares Highlight des Jahres.

 
 
 

 

2018 2 Mrz

Cold Song

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Lautlos schwebt der kirschrote Tesla durch die frostklare Mondnacht zu Boden während im Hintergrund leise ein altes, kaputt klingendes Harmonium immer wieder den gleichen Akkord spielt. Keiner weiß, wie lange er in der Erdumlaufbahn war. Als die Reifen den Boden berühren sinkt die Temperatur noch ein bisschen weiter ab und fast ganz unmerklich bleibt die Zeit stehen.

 

What power art thou
Who from below
Hast made me rise …

 

Verhalten erklingen diese Worte von Susanna’s fragiler Stimme während sich die Tür des roten Sportwagens langsam öffnet und ein hagerer Herr, eine clowneske Kunstgestalt in schwerfälligen Bewegungen aussteigt. Kalt war es im Orbit, aber nun in der Zeitvergessenheit, fällt alles Verflossene von ihm ab und mit seinem bizarr geschminkten fahlen Gesicht wendet er seinen Blick umher bis er auf einen älteren Herrn auf einem Klappstuhl fällt, der dort schon immer gesessen zu haben scheint. „Ja, die Frostnacht …“ murmelt dieser leise und lauscht dem entrückten Gesang der uralten Arie. Ganz so hatte er sich das klanglich nicht vorgestellt, aber es ging eine unheimliche Atmosphäre von ihr aus, die ihn sofort wieder packte und ihn seine King Arthur-Partitur fester umschlingen ließ. Das alte Harmonium verebbt gerade als die hagere Gestalt den Herrn auf dem Stuhl erreicht und sich lautlos vor ihm verbeugt und während der Geist Susanna’s mit dem fahlen Mondlicht verschmilzt beginnt Klaus Nomi mit seiner Falsettstimme die letzte Strophe zu singen:

 

Let me, let me
Freeze again to death
Let me, let me, let me
Freeze again to death …

 
 
 

 
 
 

Nahe des absoluten Nullpunktes spielt Zeit keine Rolle mehr, alles ist erstarrt für die Ewigkeit. Zufrieden erhebt sich Henry Purcell von seinem Stuhl und streicht sich den Raureif aus den Haaren, lächelt sanft bevor er im aufkommenden Nebel verschwindet …


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