Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2020 12 Jan

Constellation in Still Time

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Wie                        viel                                        Raum          
 
braucht                               ein            Ton,                            
 
ein                Klang,                              um                       die    
 
                     allgegenwärtige                              Stille              
 
    hörbar                                     zu                               machen?
 
                  Kann               eine                                    
 
 Ewigkeit                               zwischen                           zwei      
 
          Töne          passen                         und                            
 
 trotzdem                             die                     Musik          erkennbar
 
               bleiben?                                 Vielleicht                    
 
         bleibt                       es     ganz                      konzentriert  
 
 
       und                               warm                          und          
 
 eine          unbekannte                                  Schönheit                
 
        erfüllt                       den                  auf    den                
 
  nächsten                          Klang                                wartenden  
 
                    Hörer      in                                   seiner            
 
                     geborgenen                        Einsamkeit.               Rafael
 
                       Toral                    hat                                  
 
 das                            möglich          gemacht.                              
 
                           Hört                                doch!

 
 

 

2020 10 Jan

Before the Police came …

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1969 fuhr der junge Dirigent der Münchner Kammeroper nach Amerika zu Bob Moog, um sich über dessen Modularsynthesizer zu informieren. Von einer Mäzenin hatte er 60000,- DM mitbekommen, um bei gefallen einen solchen erwerben zu können. Nach mehrtägiger Einweisung war er mehr als begeistert und kaufbereit. Doch Bob Moog musste ihn wegen der gerade explodierenden Bestellliste gründlich desillusionieren und bat ihn in zwei Jahren wiederzukommen. Doch kurz bevor er zurückfliegen wollte traf eine Lieferung mit vier riesigen Kisten im Hof des Herstellers ein: John Lennon hatte seinen Synthesizer mit der lakonischen Bemerkung: „Too complicated!“ wieder zurückgeschickt. Das war die Chance für Eberhard Schoener, der sofort zugriff und das Exemplar nach München bringen ließ. Bald darauf trat er zum ersten mal damit auf der Weltausstellung in Osaka auf und setzte seine Ideen und Experimente in den folgenden Jahren musikalisch sehr vielschichtig um, wobei seine Herkunft aus der Klassik auf subtile Weise sicherstellte, dass er hierbei die klischeehaften Entgleisungen vieler anderer Musiker weiträumig umschiffen konnte. So legte er 1974 mit Meditation ein bemerkenswertes frühes Ambientalbum vor, dass sich hinter den Klangforschungen der Berliner Schule nicht verstecken musste. Es folgten Bali Agung, das irgendwo zwischen Gamelan unf Trance den Hörer mit auf eine damals völlig neuartige Reise nahm und das programmatische Trance-Formation. Dieses Album markierte den Einstieg des späteres Police-Mitgründers Andy Summers; auf dem Folgealbum Flashback waren dann auch schon Sting und Steward Copeland dabei. Wer aber vermutet, dass sich hier auch nur irgendetwas nach den späteren The Police angehört hätte, irrt aber gewaltig. Es war eher ein Einstieg in den damaligen elektronischen Prog-Rock, dem man den klassischen Hintergrund und eine hohe musikalische Differenziertheit schnell anmerkte. Allein deshalb bin ich es bis heute nicht müde geworden seine 70er-Jahre-Alben immer wieder einmal aufzulegen und überraschend Neues, bisher Überhörtes zu entdecken. Das Ende dieser wunderbaren Serie bildete Video-Magic, das bis heute aus mir unbegreiflichen Gründen nie mehr wiederaufgelegt wurde und irgendwo im Niemandsland zwischen tranceartiger Elektronik, Jazz, Prog-Rock und klassischer Musik spielend wandelt.

 
 

In our day and age

we are experiencing the magic

of technical science.

II see the magic

in the city neon signs.

In the newspaper advertisements.

In the everpresent television

and in the constant

availability of music.

The music of „Video-Magic“

involves all this aspects.

For no one can deny

himself this magic.

A Koan.

 
 

schreibt Eberhard Schoener im Innencover. Ein Text der die magische Aufbruchstimmung der 70er-Jahre, die Faszination für das Artifizielle in Musik und visuellen Künsten, das Spiel mit Neon und Lasern recht treffend wiedergibt. Dinge, die schon lange nicht mehr innovativ sind und auch über die hyperpräsente Musik macht sich auch kaum noch einer Gedanken. Eine Zeitreise. Die erste Seite des Albums ist noch eher rockorientiert: Der elegante Opener Octogon erinnert ein bisschen an Pink Floyd, Speech Behind Speech ist eine komplexe Prognummer mit Ohrwurmmelodie, die von der noch etwas dünnen Stimme Stings intoniert wird, Natural High zitiert in geschickt arrangierten Fragmenten aus der damaligen Rock-Historie, wobei etwas ganz neues entsteht. Und schließlich Code Word Elvis, eine lange magische Ballade, die zwischen den Stilen nahtlos schwingt und auch das Orchester der Münchner Kammeroper, dessen Dirigent Schoener immer noch war, zum Einsatz kommt. Die zweite Seite ist dann hypnotischer und der grosse Moog bestimmt die Klangräume recht komplex und vielschichtig. Video-Magic steigt in eine sequentielle Trance ein, die in Night Bound City elegant fortgeführt wird. Mit San Francisco Waitress kommt Sting noch einmal zum Einsatz und schließlich endet das Album mit Koan, einem langen magischen, von Synthesizerflirren, Streichern und Jazzelementen getragenem Stück, in dem der Brückenschlag zwischen Elektronik, klassischer Komposition und einer Vorwegnahme von Elementen des New Wave am elegantesten gelingt und den Hörer am Ende, wie bei jedem anständigen Koan mit fragend-meditierendem Staunen absetzt. Ein sehr bemerkenswertes Werk, das in dieser Melange nur in Deutschland entstehen konnte und selbst im Rückblick in der Musik der 70er-Jahre wie ein sehr eigenwilliger, vieles vorwegnehmender Fremdkörper verbleibt.

 
 

2019 27 Dez

Meine Favoriten 2019

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In den letzten Tagen habe ich nun endlich die nötige Ruhe gefunden meine Liste der aktuellen Lieblingsalben von 2019 zusammenzustellen. Dieses mal sind es genau 33 Alben und 10 Wiederveröffentlichungen geworden und natürlich einige Erkenntnisse über das, was mich bezüglich der vielen guten Musik im vergangenen Jahr am meisten beeindruckt hat. Beginnen wir erst einmal mit dem versteckten 33. Album: einer der skurrilsten Musiker und Produzenten, Remixer, Inspirateur (und vieles mehr) ist mit zwei Alben vertreten: Lee „Scratch“ Perry, der gerade erst zu dem phantastischen Rainford ein gründlich überarbeitetes Bruderalbum, das viel über seine Arbeitsweise erkennen lässt, veröffentlicht hat. Heavy Rain steht Rainford an Einfallsreichtum, Kreativität und Verschrobenheit um nichts nach! Dann hat mich die aktuelle Londoner Jazzszene um brilliante Musiker wie Shabaka Hutchings, Theon Cross, Moses Boyd und Nubya Garcia (deren aktuelle Band Nérija mit Blume es leider gerade nicht mehr in meine Liste geschafft hat) in ihrer innovativen Kraft und Vitalität nicht nur sehr beeindruckt sondern auch viel zum Hören verleitet. The Comet ist Coming, die im Herbst mit The Afterlife noch einmal kräftig nachgelegt haben und die Alben der vielen Kollaborationen der letzten Jahre bringen viel frischen Wind und auch eine andere Klangdimension als wir vielleicht vom nachvollziehbar hochgeschätzten ECM-Universum gewohnt sind. Natürlich gab es bei ECM wieder etliche sehr feine (Wieder-)veröffentlichungen, wobei dieses Jahr RareNoiseRecords wegen einer beachtlichen Anzahl höchstqualitativer und spannender Veröffentlichungen, die es ebenfalls nicht alle in die Bestenliste schaffen konnten,  als Label bei mir ganz vorne lag. Und schließlich haben es dieses Jahr drei Cellist*innen, die unterschiedlicher nicht sein könnten,  geschafft auf meine Liste zu kommen: Julia Kent mit ihren tranceinduzierenden Stücken, Francesco Guerri mit seinem grenzerkundenden hochfaszinierenden Album und Anne Müller mit ihren originellen, fast meditativen Album. Die Nummerierung schließlich drückt schon ein Ranking aus, das ich aber nicht als zu streng verstanden wissen möchte, mehr als Tendenz einer Ordnung, da eine solche Liste immer die Schwierigkeit beinhaltet die sprichwörtlichen „Äpfel mit Birnen“ zu vergleichen und am Ende in einer Liste abzubilden, wo sich bei mir allein je nach Tagesverfassung und Stimmung die Reihenfolge schon ändern könnte.

 

 

 

 

The virtual best of 2019

    1. Kronos Quartet: Terry Riley – Sun Rings (simply a highlight!)
    2. Theon Cross – Fyah
    3. Chat Noir – Hyperuranion
    4. Red Kite – Red Kite
    5. Brandt Brauer Frick – Echo
    6. The Comet is coming – Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery
    7. Beatfarmer – On the Wind (exellent Ambient-Trance)
    8. Laurie Anderson, Tenzin Choegyal & Jesse Paris Smith: Songs from the Bardo (far beyond every other album mentioned)
    9. Yosi Horikawa – Spaces
    10. Michele Rabbia/Gianluca Petrella/Eivind Aarset – Lost River
    11. Lorenzo Feliciati/Michele Rabbia – Antikythera
    12. Jan Bang/Erik Honore/Eivind Aarset/Samuel Rohrer – Dark Star Safari
    13. Kronos Quartet/Mahsa & Marijan Vahdat – Placeless (Thanks to Brian!)
    14. Thom Yorke – Anima
    15. Francesco Guerri – Su Mimmi Non Si Spara
    16. Julia Kent – Temporal
    17. Erik Truffaz – Lune rouge
    18. Lee “Scratch“ Perry – Rainford/Heavy Rain
    19. Stephan Thelen – Fractal Guitar
    20. Odd Okoddo – Auma
    21. Emanuele Errante – This World (extraordinary ambient)
    22. Caterina Barbieri – Ecstatic Computation
    23. Ryan Teague – Recursive Iterations (modern classic – driving and amazing sounds)
    24. Sonar w. David Torn – Tranceportation Vol 1
    25. Penguin Café – Handfuls of Night
    26. Brian Eno w. Daniel Lanois, Roger Eno – For All Mankind
    27. No-man – Love You to Bits (endlich mal wieder Old School-Pop von übermorgen!)
    28. Kali Malone – The Sacrificial Code
    29. Lowly – Hifalutin
    30. A Winged Victory for the Sullen – The Undivided Five
    31. Anne Müller – Heliopause
    32. Stale Storlokken – The Haze of Sleeplessness

 

 

Bei den Wiederveröffentlichungen haben dieses mal die Japaner mal wieder das Rennen gemacht, begonnen mit Ryuichi Sakamoto’s Debutalbum, das schon fast wie ein Inhaltsverzeichnis für sein ganzes späteres Werk wirkt bis zu drei außergewöhnlichen Ambientalben, die so zum ersten mal in Europa überhaupt zu bekommen sind.

 

 

Top Ten Reissues 2019

    1. Satoshi Ashikawa – Still Way
    2. The Residents – Eskimo
    3. Nils Petter Molvaer – Khmer (ein innovativer Meilenstein des modernen Jazz)
    4. Massive Attack – Mezzanine (a groundbreaking Lifer forever!)
    5. Brian Eno w. Daniel Lanois, Roger Eno – Apollo
    6. Various: Kankyō Ongaku — Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990
    7. Slava Tsukerman – Liquid Sky (OST)
    8. Masahiro Sugaya – Horizon Vol. 1
    9. Ryuichi Sakamoto – Thousand Knives (allein der Titelsong ist schon die Notierung wert!)
    10. Ernest Hood – Neighbourhoods (Memories of Times Past) (Archaeoambient von 1975, einfach phantastisch)

 

2019 20 Dez

Here comes the Dodo Blues

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Dodo ist ein afrikanischer Gesangsstil, der aus der Region des Viktoriasees stammt und Olith Ratego einer seiner bekannteren Protagonisten. 2009 lernten er und Sven Kacirek sich am letzten Tag der Aufnahmen zu dessen facettenreichen Albums The Kenya Sessions kennen und kamen vor zwei Jahren durch Vermittlung eines Studiobetreibers in Nairobi zunächst nur virtuell zusammen: Tabu Osusa schickte Kacirek Gesangsaufnahmen von Ratego mit der Frage, ob er sie zu Stücken ausarbeiten könne. Später trafen sich beide, um neues Material zusammen zu erarbeiten, was musikalisch trotz einiger Sprachbarrieren unglaublich funktionierte (Video). Das Ergebnis ist Auma, ein kaum einzuordnendes Album, das zwischen dem originalen Dodo Blues und einem sich höchst organisch einfügenden perkussiven, akustischen wie elektronischen Klangwald wandelnd ein Meisterstück aktueller Fourth World Music geworden ist. Okitwoye ist hier ein wunderbares Beispiel, Aora Odinona Yo ein anderes Kleinod.

 
 
 

 

 

Im vergangenen Jahr fand das Album Vortex von Sonar mit David Torn in den Jahresbestenlisten recht viel Resonanz und war sicherlich eines der bemerkenswertesten Alben von 2018 was die Konzeption, aber auch die Vitalität anging. 2019 haben nun zwei konzeptionell unterschiedliche, aber musikalisch höchst interessante Folgealben das Licht der Welt erblickt. Das Erste, Fractal Guitar vom Sonar-Kopf Stephan Thelen, der hier einige Side-Projekte mit Markus Reuter, David Torn und Henry Kaiser in bemerkenswert differenzierter und komplexer Weise umsetzt. Thelen schreibt in den Liner-Notes:

 

After a few years of playing without effects apart from reverb in Sonar, I felt the urge to compose and record some pieces in which effects were an integral part of the music. I especially wanted to use an effect I worked with before Sonar, which I call “Fractal Guitar” — a rhythmic delay with a very high feedback level that creates cascading delay patterns in odd time signatures such as 3/8, 5/8 or 7/8.

 

Daraus ergeben sich hochkomplexe Patterns, die von seinen Mitspielern – dabei auch Manuel Pasquinelli von Sonar – in fünf kongenialen Stücken treibend, tanzend und eine sogartige Tiefe entwickelnd entwickelt werden und selbst nach mehrmaligem Hören noch neue verschachtelte Räume und Klangnuancen offenbaren.

 
 
 


 
 
 

Im Gegensatz zu Vortex, bei dem die Beiträge David Torn’s eher spontan enstanden sind, wurden die aktuellen Stücke des Sonar-Albums speziell für Torn komponiert, wobei eigentlich mehr die Pattern und Strukturen entwickelt wurden um den Raum für eine improvisatorische Erkundung der minimalistischen, repititiven und rhythmisch komplexen Muster zu schaffen. Diese wurden dann in einer fünftägigen Marathonsession eingespielt, wobei so viel Energie und Material freigesetzt wurde, dass Sonar entschied, daraus zwie Veröffentlichungen zu machen, von denen Tranceportation Volume 1 mit vier Stücken jetzt erschienen ist. Dadurch, dass die Musik sich hier ganz sensibel und iterativ im intensiven aufeinander Hören entwickeln konnte sind die Stücke tranceartiger (was der Name bereits andeutet), ruhiger und hypnotischer. Stephan Thelen vergleicht die zugrunde liegenden Ideen gerne mit den Bildern M.C. Escher’s, die durch Wiederholungen und Verzerrungen, ungewöhnliche Kachelungen und Farbnuancen komplexe Vexierbilder ergaben, die oft erst ihre Substanz nach längerem Hinschauen offenbaren. Tranceportation ist wahrlich das akustische Pendant zu Escher’s Mosaiken in denen die tritonal gestimmten Gitarren und Bässe einen verschroben-versetzten Klangteppich erzeugen über dem Torn’s Gitarre ätherisch-zehrend schwebt und den Hörer erst in das lange und vielschichtige Labyrinth lockt, um ihm dann in der Falle akustischer Doppeldeutigkeiten zu partitionieren (Partitions), ihm eine scheinbare Pause in Red Sky (vielleicht eine kleine Anspielung auf Torn’s letztes Soloalbum Only Sky) gönnt und ihn dann im finalen Tunnel Drive in eine faszinierende Tiefe zu ziehen, bei der sich der Ausgang aus dieser Klangreise möglicherweise erst im kommenden Frühjahr, wo dann der zweite Teil der Sessions erscheinen soll, offenbaren könnte. Bis dahin könnte es passieren, dass der eine oder andere Hörer mit Tranceportation im Kreis herumdriftet, ohne diesen als solchen zu erkennen. Geht bei Escher-Bildern ja auch …

 

2019 18 Nov

Japanese Jewels (14): Spaces

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Yosi Horikawa ist ein Klangjäger, der seiner akustischen Umgebung mit einer unglaublichen forschenden Neugier begegnet und kompromisslos auf musikalische Verwendbarkeit untersucht. Dafür begibt er sich mit seinem Mikrofon gerne auch auf Reisen, um neue Klänge zu finden und ringt einfachen Naturgeräuschen, wie dem Tropfen des Regens oder dem Klopfen auf trockenen Steinboden songkompatible Dimensionen ab.

Yosi Horikawa ist ein Räumesammler, der nicht nur die einzelnen Klänge zu erfassen versucht, sondern der sich für die räumliche Entfaltung eines jeden gefundenen Klanges besonders interessiert und mit dieser dann spielt wie manch anderer auf einem Konzertflügel. Dazu hat er sich ein spezielles Mikrofon gebastelt, dass die räumliche Ausdehnung eines Geräusches im gesamten dreidimensionalen Raumes erfasst und experimentiert dann damit diese vielen, so gewonnenen Mikroräume in seine Stücke wie in ein gigantisches 3D-Puzzle auf‘s subtilste einzubauen. Dieses Video gibt einen anschaulichen Eindruck von seiner Arbeitsweise und sein neues Album wird in seinem Namen Spaces dem Anliegen mehr als gerecht.

Nun könnte man schnell vermuten, dass sich das Ganze sehr experimentell und akustisch eher schwierig anhört, aber neben der ambienten Seite hat Yosi Horikawa sehr viel Freude an einer, mitunter skurrilen, Tanzbarkeit, die mit akustischen Vexierräumen scheinbarer Normalität fast wie beiläufig spielt. In Timbres stolpert er so absichtsvoll, wie scheinbar unbeholfen in sein neues Album hinein, in Crossing wird eine Straßenszene ganz weit und unversehens zu echt grooviger Musik und in Chiba wird die ländliche Klangkulisse seiner Heimatpräfektur ganz plötzlich zum Club und  der Satz „the chicks are grooving“ bekommt auf einmal eine ganz andere Bedeutung. So gut hat das bisher – aber weit weniger tanzbar  – nur Paul Frick geschafft. Vietnam und Swashers greifen ebenfalls in wunderbarer Perfektion lokale Klangraumbesonderheiten auf, Moldy Vinyl holt uns in die kaputten Zeiten ausgelutschten Vinyls zurück und zeigt, welcher Zauber da übersehen worden sein muss. Mine tanzt und In The Wind lässt die Lüfte tanzen und Fluid die Vielfalt aquatischer Klangfarben. Longing schwingt auf ganz eigene Weise und schließlich schließt dieses im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Album mit einer Reise in die Weiten eines höchst fiktiven Afrika mit Nubia. Selten ein so tiefsensibles Album gehört, das aus den feinsten Klängen des Alltags in größtmöglicher räumlicher Auflösung ein so wunderbar komplexes, polyrhythmisches und tanzbares Universum erschafft, das sich weit jenseits jeglicher denkbarer Dreidimensionalitäten zu einem absolut hörenswerten, warmen und organisch anmutenden Abenteuer entfaltet.

 
 

Der graue Staub wirbelt über die Straßen des verlassenen Ortes, Bretter hängen von den Fassaden und viele Fensterscheiben sind zerschlagen. Die Anderen sind blind vom Staub. Selbst die Fußspuren verwehen in wenigen Minuten. Lost Places, die Schwingtür eines altertümlichen Saloons ist etwas aus dem Scharnier geschlagen und schlägt mit dem Wind an die gegenüberliegende Tür, die leise vor sich hin quietscht. Beim Eintreten in den dystopischen Saloon wirbelt etwas grauer Staub auf. Der Spiegel hinter dem Tresen ist matt und ein paar Spinnweben hängen in den Ecken. Es hätte schlimmer kommen können. Es ist kein Gast zu sehen und erst beim zweiten hinschauen entdecke ich im Halbdunkel einen dezent gekleideten Herrn fast bewegungslos neben einem zerschossenen Klavier auf einem Schemel sitzen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und er greift zu einem größeren Objekt, das neben ihm auf dem Boden lag und hebt es auf, stellt es vor sich. Der Wind fegt etwas neuen grauen Staub in den Raum und der Herr wischt etwas unbeholfen ein schiefes Schild auf dem zerstörten Klavier mit der linken Hand ab und beginnt auf dem Objekt, das sich als Cello herausstellt, zu spielen. Lucy (overture), die Lichtbringerin an diesem düsteren Ort lässt Klänge wie ein kleines warmes Licht aufglimmen und dann …

Francesco Guerri erforscht seit seiner Begegnung mit Tristan Honsinger den Klangraum seines Cellos wie kein anderer. Von den Grenzen der freien Improvisation mit vielen bedeutenden Protagonisten experimenteller Musik über die unwegsamen Terrains experimenteller Tunings bis zu den ungewöhnlichsten Klängen, die er seinem Cello entlocken konnte, heruntergebrochen auf eine Ebene, wo sie laut seinen Worten selbst einem kleinen Kind verständlich sein sollte.

 
 

Ich suche unter den gefallenen Blättern und sammele winzige Fragmente der Welt. Ich behalte sie. Ich weise jedem einzelnen von ihnen seine Rolle und eine Ordnung zu. Es sind oft kleine Fragmente, die einen wilden Duft ausstrahlen, Samen des Lebens, die an mir haften und die ich mit mir trage, wohin ich gehe.

 
 

Das Cello ist ein Instrument bei dem eine warme erdige Eleganz ganz nah neben den rauen, fast verletzend schneidenden Klängen liegt, die kaum einen viertel Bogenstrich voneinander entfernt liegen und manchmal verstörend und intensiv zusammenfallen. Und Guerri geht noch weit hinter diese Grenzen, mal tanzend und sich komplex umrankend, mal fremd und einsam, indem lange Papierstreifen durch die Saiten gezogen werden, mal gezupft wie ein Kontrabass, wo das Cello fast zu singen beginnt, mal roh und rockig, mal dystopisch elegant und zum Schluss elektronisch verzerrt schwebend. Diese helle, kaum nahbare Leichtigkeit spürend kommen einige Leute von der Straße in den verstaubten Saloon, stehen vorsichtig am Rand des Raumes und hören schweigend und staunend, wie sich der Cellospieler in Trance spielt. Die graue Welt ist gerade ganz weit draußen, da kommen zwei Kinder von hinten hinein, der größere rennt mit einer Wasserpistole hinter dem kleineren her. Su Mimmi non si spara, ruft eine Frauenstimme von hinten, schieß nicht auf Mimmi! SCHIESSEN SIE NICHT AUF DEN CELLISTEN! steht auf dem immer noch halbverstaubten, schiefen Schild neben dem Spieler. Lauschen Sie der außergewöhnlichen und wunderbar schillernden Solomusik, die zwischen minimalistischen Strukturen, perkussivem Bogenspiel, fremdartigen Skalen und fast geräuschhaften Klängen, elektronischen Verzerrungen und treibenden Kräften in unberechenbarer Schönheit erklingt.

 
 

Wie so oft machten wir abends einen Abstecher zu S., der ein paar Jahre älter war als wir, der schnellste und solidarischste Postbote (z.B. Zustellung blauer Briefe an den primär Betroffenen) im Bezirk war und über eine große Plattensammlung verfügte. Er wohnte in der Dienstwohnung der backsteinernen ehemaligen Grundschule in der Mitte des kleinen Dorfes im Vordertaunus, in dem ich die meiste Zeit meiner Jugend verbrachte. Hier war sonst abends definitiv nichts zu machen und so spielte sich viel im Privaten ab. An diesem Abend war die Stimmung, warum genau weiß ich nicht mehr, etwas gedämpfter und so entschied er sich uns Desertshore von Nico, vielleicht mehr aus Selbsttherapie aufzulegen. Schon mit den ersten Klängen öffnete sich der Raum zu einer Musik, die mir in ihrer radikalen Klarheit und Schwermut, getragen von dieser einzigartigen tiefen, schnörkellosen Altstimme wie aus einem Seelengrund emporgestiegen schien. Einfach ein indisches Harmonium (das ihr von Patti Smith gestiftet wurde – „ich brauche das Geld gerade nicht…“) und diese Stimme, die selbst aus bekannt erscheinenden Melodiefragmenten etwas völlig Neues, Einzigartiges, aber auch Verstörendes machte. Eine tiefe Sehnsucht, völlige Kompromisslosigkeit und eine unglaubliche Direktheit lagen in der Musik von Nico, die ihre musikalische Karriere nur wenige Jahre davor mit der legendären Platte mit der abziehbaren Banane von Velvet Underground begonnen hatte. Nach ihrem Debüt Chelsea Girls hatte sie zudem mit The Marble Index eines der radikalsten und immer noch stark unterbewerteten Alben der frühen 70er Jahre veröffentlicht. „Schräg, düster, schön, jenseitig, klaustrophobisch – diese Platte ist alles gleichzeitig“ schreibt Martin Christoph in der wunderbaren Textsammlung von Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg, das gerade erschienen ist. Es versammelt Fragmente, Texte, Essays, Interviews, Impressionen, Phantasien und unzählige, auch private Bilder, vieles davon noch nie veröffentlicht, die sich aus der Perspektive von Freunden, Fotografen, Künstlern, Musikern und Wegbegleitern entfalten, um sich dieser beeindruckenden, unberechenbaren und faszinierenden Frau, die sich zeitlebens seltsam fremd blieb, behutsam anzunähern. Schnell war ich den den hunderten von Seiten versunken und habe nebenbei (geht das überhaupt?) die beiden erwähnten Alben immer wieder gehört, die mich nie verlassen hatten und sich heute noch so unnahbar wie frisch anhören wie vor über 40 Jahren.

 
 
 

 
 
 

Morgen Abend gehe ich wieder zurück, nachdem ich alles versäumt habe. Bis auf einige interessante Träume. Erscheint mir alles ziemlich unwichtig hier. Nico

 

Bleibt nur noch auf Nico‘s abgründige und apokalyptische Version von The End auf dem gleichnamigen Album hinzuweisen, die finaler und bodenloser in einer jenseitigen Leere verhallt, als es The Doors je hinbekommen hätten. Es ist aber nicht das letzte Stück auf diesem Album: bleischwer und niederdrückend folgt als allegorisch letzter Titel dann das Lied der Deutschen …

Kurz nachdem ich Martinas kurzen Post über Bohren & Der Club of Gore gelesen habe, stieß ich auf das neue Album von A Winged Victory for the Sullen The Undivided Five. Auch eine Zeitlupenmusik, die sich still und unprätentiös aus dem Hintergrund in den Tag schleicht, ganz langsam, ganz getragen und voller skurriler Schönheit, auch was die Songtitel angeht. Hier sind verschiedene Einflüsse zusammengekommen, die Adam Wiltzie und Dustin O‘Halloran dazu brachten entgegen ihren bisherigen Arbeitsgewohnheiten sich mit alten Vintagesynthies hinzusetzen und zu improvisieren und die Ergebnisse dann als Grundlage für die Kompositionen des Albums zu nehmen, die subtil und verhalten ihr Dasein in irgendwelchen Parallelwelten führen, die mal in einer unbestimmten Vergangenheit („Our Lord Debussy“, „The Haunted Victorian Pencil“), mal in leisen Ambientwelten („Sullen Sonata“, „A Minor Fifth Is Made of Phantoms“) und mal im sanften Sog der Gravitation aus dem Schwerelosen („Adios, Florida“, „The Rhythm Of A Dividing Pair“) ins Bodenlose („The Slow Descent Has Begun“, „Aqualung, Motherfucker“ bis zum finalen „Keep It Dark, Deutschland“) schweben. Musik für verhangene Novembernachmittage.

 

 

Man stelle sich eine uralte Maschine vor, deren feines und unergründlich komplexes Räderwerk ineinandergreifend seit Urzeiten alle klanglichen Möglichkeiten erschöpfend abzubilden in der Lage ist. Die im Zusammenwirken all ihrer Teile war vielleicht schon immer in der Lage die Gegenwart mit all ihren Optionen zu lesen und die zukünftigen Manifestationsmöglichkeiten präzise vorherzusagen. Eine solche Maschine wurde vor einigen Jahrzehnten im ägäischen Meer gefunden und unzählige Wissenschaftler rätseln noch heute über ihre Funktionen. Bei einigen weiß man, dass sie Sternkonstellationen und Sonnenzyklen wahrscheinlich für Jahrtausende im voraus genauestens abbilden kann, bei anderen rätselt man mit heißen Köpfen grübelnd weiter. Antikythera heißt diese Maschine, benannt nach ihrem Fundort. Angenommen sie würde Musik abbilden, all die unendlichen Variationen, die die menschliche Kultur seitdem hervorgebracht hat, vom klagenden Hauchen der Panflöte in der Hitze des mediterranen Mittags, dem hohlen Pfeifen der Knochentrompete der Eskimos, den Eingeweide aufwühlenden Schlägen japanischer Taiko-Trommeln, dem Zirpen eines Cembalos als Begleitung barocker Schreittänze, der verwirrendenden Heftigkeit und Komplexität der nachklassischen Orchestermusik zu den astralen Klängen eines präparierten Klaviers und all ihre Kombinationen und vor allem, was da noch kommen mag. Gregor würde es vielleicht eine universale Jukebox nennen. Man trifft die Wahl, drückt die entsprechende Taste und dann geht alles ganz leicht: Antikythera, eine Jukebox am Ende des Universums.

 

“Meine Idee war, die Musik, die wir improvisierten als eine komplexe Maschine zu betrachten und das funktionierte perfekt und flüssig. Eine Maschine aus der Vergangenheit, die aus vielen verschiedenen Teilen und Zahnrädern besteht und in der Lage ist die Gegenwart zu lesen, die Zukunft vorherzusagen und in der Lage ist das Unbekannte zu betrachten und nützliche Dinge darin zu finden“ beschreibt Lorenzo Feliciati den Entstehungsprozess seinen neuen Albums Antikythera zusammen mit dem Drummer und Perkussionisten Michele Rabbia, von dem wir dieses Jahr ja schon ein phantastisches Album zusammen mit Eivind Aarset und Gianluca Petrella zu hören bekommen haben: Lost River.

 

Über mehr als zwei Jahre ist in regelmäßigem Zusammenspielen und einem aufwändigen Postproduktiosprozeß der beiden Musiker ein facettenreiches und tiefgründiges wie atmosphärisch dichtes Album entstanden, auf dem zu den Klangfarben Elektrischer Bässe und Gitarren, Drums und Electronics die Unterstützung vieler hervorragender Gastmusiker, wie Andy Sheppard, Cuong Vu, Rita Marcotulli, Alessandro Gwis und Roy Powell zu hören ist. Im Opener Irregular Orbit wird die mysteriöse Maschine durch ein sich langsam entwickelndes Thema aus dem mystischen Urgrund gehoben, um dann in 223 Teeth (die Anzahl der Zahnräder des größten Rades der antiken Maschine) zu einem Ostinato auf einem präparierten Klavier mit dem Saxophon Andy Sheppards auf eine andere Ebene gehoben zu werden. Corrosion zeigt Rabbia als meisterhaften Klangkünstler an den Becken, schwebend und fast irreal. Auf den beiden nächsten Stücken steht der warme Trompetenton Cuong Vu‘s über den komplexen Klanglandschaften und darauf folgend Allesandro Gwis zarte Klavierklänge und elektronische Verfremdungen. In Apogee kommen eine unheilvolle Hammondorgel und Synthesizer von Roy Powell dazu und schließlich kommt das Album mit dem sanft schwingenden Parapegma, wieder mit Andy Sheppard ganz wundervoll zur Ruhe. Die kosmische Jukebox aber läuft weiter, in meinem Kopf und irgendwo im Unfassbaren, aus dem vielleicht zu gegebener Zeit wieder solch ein wunderbar alchemistisches Meisterwerk zwischen allen Stühlen geboren wird, während sich das langsame Drehen der großen Spiralgalaxien im Hintergrund des ewigen Maschine fortsetzt. Prädikat extrem hörenswert!

 
 

 


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