Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 2 Mrz

Ein Tubaner! Ein Tubaner!

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Echte Tubaner sind rar geworden. Das letzte mal als ich einen sah, konnte ich von ihm leider nicht viel erkennen, genau genommen nur seine Beine. Mehr schaute hinter der gigantischen Tuba leider nicht von ihm hervor. Dafür gab er aber sonst in der kleinen Balkan-Jazz-Combo den besseren Funkbassisten ab. Vielleicht trägt unser aktueller Protagonist ja deshalb so gerne einen Hut. Und legt ein Debütalbum vor, dass es in sich hat. Hören konnte man ihn schon davor bei den Sons of Kemet und bei Makaya McCraven, wo er die Baseline stemmte. Und jetzt kommt Theon Cross mit Fyah und lotet die die Klangräume der Tuba gewaltig aus mit Unterstützung von Nubya Garcia am Saxophon und Moses Boyd am Schlagzeug. Mit Activate legt er gleich am Anfang die Devise fest und groovt mit Schwung los, bei The Offerings fällt es an manchen Stellen schon schwer, die Tuba überhaupt als Ursprung einiger Töne zu erkennen, wobei er auch im weiteren Verlauf mit den Stilen und Möglichkeiten sehr unprätenziös und beiläufig spielt. Erst bei Letting Go, lässt er tatsächlich etwas locker und pulst ruhig voran, fast hypnotisch und thematisch ein bisschen an eine  Mischung aus dem Lifer von Bengt Berger Bitter Funeral Beer und frühen Jon Hassell Stücken erinnernd. Bei Candace of Meroe und CIYA spielt die Musik in etwas anderer Besetzung, die hier durch Artie Zaitz, einen E-Gitarristen ergänzt wird. Da brodelt die Tuba wie ein musikalisches Schlammloch im Yellowstone Park, bebt im Untergrund, funky. Dazwischen gibt es noch Panda Village, entspannt und gegen Ende sehr elektronisch und zum Schluss – nicht ohne Zwinkern in Richtung des alten Clash Titels – LDN’s Burning, das final klarstellt, was hier gerade im Underground Programm ist. Tuba mit Turbolader.

 
 
 

 

2019 6 Feb

Under a Massive Attack

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Beim Betreten des kuppelförmigen Konzerthauses war bald im Hintergrund ein monotoner Subbassrhythmus zu vernehmen, der sich – nicht laut – aber beharrlich über eine Stunde ins Bewusstsein hämmerte und irgendwann unabweisbare Assozitionen zu dem großen Erdbeben- und Vulkanausbruchsimulator in Lanzarote aufkommen ließ. Ich empfehle immer gerne einen Besuch dort, weil sich dort herbe Naturkatastrophen bequem und effektreich in den Vergnügungstempel einfügen und für ein unvergessliches Erlebnis sorgen. Unter der Kuppel des Saales hingegen änderte sich nun etwas: es kam Musik. Erst beim dritten Hinhören erkannte ich einige 20 Jahre alte Top-Charthits, von Robbie Willams, Britney Spears, Aerosmith, Madonna, Cher und viele mehr, die zur Einstimmung auf das Bevorstehende einfach um des gesamten Frequenzbereichs oberhalb von ca. 2000 Hertz beraubt worden waren und so die Basstrukturen vor sich hinwummerten. Düster und grob entstellt. Ein Testfall für den Hörgeräteakustiker.

Grelles Gegenlicht. Die Musiker betreten die Bühne, keine Vorgruppe. Sie wäre ohnehin chancenlos gegen das gewesen, was nun kommt. Massive Attack, die von der ersten Sekunde an ihrem Namen mehr als alle Ehre machen. Der Subbass wird lauter, fängt an bei einem Velvet Underground-Cover genüßlich mit den Gedärmen zu spielen, während die restliche Musik und die hochkomplexe visuelle Installation wie ein Kunsttsunami von der Bühne über uns hinwegfegt. Mit grenzenloser Intensität und ungeheurer Wucht. Keine Kompromisse, keine Pause, kein Aufatmen dazwischen. Die Schallwand verschluckt uns mit einem Biss, jagt uns durch ein Universum von Bildern, die Zitate, Untermalung, politisches Statement oder quälende Konfrontation mit dem Schatten medialer Idiotie zugleich sind. Immer wieder werden Texte, teils auch in Deutsch eingestreut, die kryptische Aussagen verbreiten. Außerhalb des Vergnügungstempels geht der Krieg weiter. In der 2D-Welt leben die Toten weiter und lassen uns nicht los (wozu Ausschnitte aus Filmen mit längst Verstorbenen laufen oder auch mal im Nachtsichtmodus gefilmte reale Todesfälle). Wir leben in einer Dauerschleife. Lasst sie uns beenden und beginnen unsere Zukunft zu gestalten. Zwischendurch nette Accessoirs aus der Filmbranche z.B. Monstermasken im Großformat, Bilder aus dem Syrienkrieg und bizarre Sequenzen mit Putin und Trump. Was bei diesem Gesamtkunstwerk im Vordergrund steht lässt sich kaum sagen, weil jeder Welle sofort die nächste folgt. Es ist der 20. Geburtstag von Mezzanine und so werden nur die Songs von diesem Album gespielt und alle sind dabei, sogar Horace Andy und zum ersten mal seit Jahren wieder auf der Bühne die unübertreffliche Elizabeth Fraser, deren Gesangsparts nicht nur bei „Teardrop“ für höchsten Chill-Factor sorgen. Aber Massive Attack wären nicht, was sie sind, wenn sie nicht zwischendurch zitieren und covern würden. Wobei Covern hier heißt die Stücke in das akustische Gesamtgefüge mit nachdrücklichster Betonung des unteren Frequenzspektrums nahtlos einzufügen. The Cure, Ultravox, Bauhaus und nicht zuletzt den guten alten Pete Seeger, der schlichtweg in sein absolutes akustisches Gegenteil verkehrt, basslastigstens unerkennbar bleibt. Aber mit vollster Wucht von der ersten bis zur letzten Minute, konfrontativ und unausweichlich. Ein nicht verhandelbares Statement, künstlerisch komplex und vielschichtig, aber in der Haltung freundlich, tolerant, weltoffen und multikulturell. Volle Dröhnung, kompromisslos, konsequent. Noch nie eine so harte Performance gesehen, ohne dass mir die Ohren danach nicht gepfiffen hätten. Massive Attack. There are no enemies anywhere. I Will Love.

 
 
 

 

 

 
 
 

Zu den Zeiten als es noch echte Telefonzellen gab, spendierte die englische Partnerstadt (man könnte auch Schwesterstadt sagen, wohingegen Bruderstadt gendermäßig verwirrend wäre) unserem Städtchen eine typisch englische Telefonzelle als Zeichen interregionaler Verbundenheit. Aber heute, wo fast jeder mehr Mobiltelefone als Ohren hat, braucht natürlich keiner mehr eine Telefonzelle. Abbauen geht aber auch nicht, wenn man die inzwischen brexitgefährdete Verbundenheit nicht ernsthaft in Frage stellen möchte, also liegt es doch nahe das nicht mehr Benötigte mit etwas anderem aus der Zeit Gefallenem zu kombinieren und dieserart kulturelle Nutzwerte zu kreieren: Einen honorigen Bücherschrank! Eine Schatzgrube des Vergangenen und Vergessenen! Hat man sich erst mal durch die redundanten Berge von Nachkriegs- und Wirtschaftswunderromankultur und unglücklich verschenkter Belletristik durchgekämpft, können in der zweiten Reihe oft unverhofft wahre Schätze auftauchen.

So stieß ich heute recht unverhofft auf eine Totalausgabe (!) der gesammelten Werke von Wolfgang Neuss. Noch bei Zweitausendeins verlegt. Die hatten damals ständig Ärger mit der Zensur und etliche Bücher mussten wieder eingestampft, geschwärzt oder erst über 18 angeboten werden. Amerikanische Untergrundschriftsteller, anarchistische Basisliteratur oder damals als volksgefährdend eingestufte Literatur zur sexuellen Revolution und eigenverantwortlichem Drogenkonsum standen regelmäßig im Programm und auf der Kippe. Heute verkaufen sie handgeschnitzte Holzvögel, feine englische Wollplaids und den Orient-Express als 3D-Modell. Sogar einige der Merkhefte von Zweitausendeins mussten wegen offiziell fragwürdigen Inhalten eingestampft werden, woran heute keiner mehr denken würde, da sie eher in der Masse der Druckerzeugnisüberschussresteverwertungswerbung klanglos untergehen. Nein, ich kann darüber keine Träne vergießen, denn der Anarchismus der Ja-Sager ist uneinholbar. Und Wolfgang Neuss ein höchst visionärer Konterrevolutionär:

 

Man sollte lieber davon reden, dass heute in der Gesellschaft ein starker Hang zum Über-Anarchismus besteht. Wenn jemand sagt: … ich bin damit einverstanden – das ist die größte Gefahr. Und bei solchen Super-Anarchisten, den Kopfnickern, den Ja-Sagern … wäre ich gerne dabei, denn die könnten wirklich etwas verändern. Eine Sache geht sofort kaputt, wenn hemmungslos ja dazu gesagt wird.

 

Ja, Wolfgang Neuss ist Anarchist. Fast auf jeder Seite politisch unkorrekt: nennt Schwarze, wie es früher üblich war Neger, aber so, dass er sie damit nicht diffamiert sondern satirisch würdigt, empfiehlt Vögelkunde anstatt unverhältnismäßigem Philosophieren (inclusive eines anschaulichen Exkurses) und erinnert uns daran, dass ein Hund im Sinne des Gesetzes ist, wer steuerpflichtig scheißt. Seziert die makabre Wirklichkeit bundesdeutscher Politik als Testamentsverwalter von François Villon. Von brandtaktueller Bombenstimmung bis Tunix. Dazwischen steckt aber auch viel Ernstes: eine wohlbegründete Abneigung gegen dunkelbraune Sümpfe,  unverarbeitete Zeitgeschichte und politische Frontalversager, wie eine ebenso wohlbegründete Zuneigung dazu die Verdummten so zum Lachen zu bringen, dass ihnen Einges im Halse stecken bleibt und sich gleichzeitig genüßlich eine dicke Tüte anzuzünden. Wofür er schließlich auch in einer kabarettreifen Gerichtsverandlung verurteilt wurde und einer nervenärztlichen Untersuchung zustimmen musste, wobei er pressewirksam dem Chefarzt der Nervenklinik vermittelte: Ja, in der Anstalt werden wir so lange reden, bis sie so reden wie ich!

 
 

Jeder weiß, sagt, tut alles.

Es gibt keine Geheimnisse mehr.

Nicht weitersagen!

 

Eine Frage schwirrt

mir durchs Hirn:

Kann man so geschickt schweigen,

dass man verstanden wird? 

 

Kaum ist die Jahresbestenliste veröffentlicht, ja schon wieder Vergangenheit und Lajla wünscht sich Musik aus dem „Palace of Zen“ – da fällt mir das Debutalbum eines jungen DJ und Produzenten aus Tokio in die Hände. Und das hat es in sich. Aber erst mal der Reihe nach: Yoshinori Hayashi ist ambivalent. Beyond mainstream. Mit ausgeprägtem Hang zur Abstraktion und zu Kollagen.

Kollagen liebte ich schon zu Schulzeiten. Damals machte ich im Kunstleistungskurs komplexe Kollagen und jagte sie dann durch den neuen Kopierer der Schule bis sie auf einer formalen Ebene angekommen waren, bis die ganzen Schnipsel und Elemente zusammengehörten, zu Einem wurden. Copy Art. Später setzte ich das, wenn mein Geldbeutel es erlaubte, mit großformatigen Farbcollagen auf Farbkopierern um und produzierte Multiples. Und war nicht zuletzt oft begeistert davon, wenn Musiker das in ähnlicher Buntheit ins Studio bringen konnten. Holger Czukay war z.B. ein großer Meister darin.

 Aber zurück zu Yoshinori Hayashi, der in Japan eine klassisch-moderne Ausbildung erhielt, was Spuren auf Ambivalence hinterließ und zwischen den Zeilen zu vielen unvorhergesehenen kompositorischen Wendungen führt. Die ritualistischen, hypnotischen Stücke verarbeiten Elemente aus der Minimal music, alten Jazzplatten, Dub und House, sowie traditioneller japanischer Musik und nicht zuletzt akustischen Instrumenten und Studiotexturen. Overflow. Eine seltsame Melange von Atmosphären, Grooves und akustischen Found Objects, die gekonnt kollagiert, übereinandergeschichtet, unerwartet hintereinandergeheftet, surreal voneinander abgezogen werden, gerafft und gequetscht, gestretched und verzogen werden. Palanquin Bearing Monkey. Sie fangen irgendwo an als Clubmusik und driften unversehens ins dubbige oder ambienthafte, ist Musik für innere Filme mit unerwarteten Wendungen wie aus den Träumen in den Morgenstunden, wenn der Schlaf nicht mehr so tief ist. Bit of Garden – 0208. Aber das wäre nicht gelungen, wenn nicht alles auf faszinierende und hintergründige Weise zusammengehören, formal auf einer Ebene landen und als Akustik-Koan enden würde. Aber was wäre hierauf die richtige Antwort? Was ist der Duft des Raumes zwischen zwei Stühlen? Geckos.

 
 
 

 

2018 10 Dez

It Must Schwing

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Heute Nacht einen wunderbaren Film von Eric Friedler über die ersten Blue Note Jahre gesehen. Gibt’s noch bis 16.12. in der Mediathek! Sehr empfehlenswert und eine für den Jazz sehr wichtige, aber auch schwierige Zeit sensibel würdigend.

 

 

2018 9 Dez

Spot on Bernocchi

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Über die vergangenen Jahre fiel mir Eraldo Bernocchi immer wieder als Sideman in den verschiedensten Projekten auf und nun hat er sein erstes Album nur unter seinem Namen produziert, was es dann auch gleich in meine Jahresbestenliste geschafft hat. Like a Fire That Consumes All Before It ist der Soundtrack zu Cy Dear, einer Dokumentation über den amerikanischen Künstler Cy Twombly, der unübersehbar auch einen wichtigen Einfluß auf die ECM-Covergestaltung der frühen Jahre gehabt haben muss. Geschaffen hat er eine ruhige, weite und eigene Ambientmusik, die einem Fundament von langsamen infite delays feine rhythmische Strukturen, ein subtiles Schweben und verhallte Pianotropfen zur Seite stellt, ohne dabei je in Gefahr zu laufen in die Nähe von New Age-Akustikaffronts zu laufen. Ein sehr intimes, leises Werk, das sehr viel Raum hat und den Hörer sanft hineinzieht und zum Abdriften verleitet.

 
 


 
 

Wer noch tiefer in die Stille heingehen möchte, dem sei Solitary Universe empfohlen, dass Bernocchi im Februar zusammen mit Chihei Hatakayema, einem der produktivsten und konsequentesten japanischen Ambientmusiker, veröffentlicht hat. Hier tanzen die beiden Gitarristen in unendlicher Langsamkeit um das uns auf ewig verborgene Zentrum der absoluten Stille des Universums, schweben in einer Unendlichkeit in dem dimensionslosen Netz, das der indischen Mythologie nach der Gott Indra knüpfte, um die Welt zu umschließen. In jedem der Knotenpunkte befindet sich ein funkelnder Juwel, dessen Licht bei jeder Bewegung Indra’s oszillierend mit allen anderen Knotenpunkten in Verbindung steht und so den Urgrund unserer gigantischen Illusion des Seins darstellt. Vielleicht bleiben in der Schönheit und Ruhe dieser Musik einmal die Gedanken für einen Augenblick stehen und ein Funkeln weist uns zu einem Blinzeln des ewigen Augenblicks. Wer sich das nur eingeschränkt vorstellen kann, dem hilft hier ein kleines Kunstbüchlein, dem die CD beiliegt, das ohne große Worte, aber mit eigenwillig korrespondierenden, dezenten Fotos von Petulia Mattioli und Yasushi Miura Momente in den Fäden Indra’s Netz einfängt.

Unter den vielen Kollaborationen muss aber noch eine erwähnt werden, von der es mich wundert, dass sie bislang ihren Weg noch nicht in diesen Blog gefonden hat: Winter Garden, von Bernocchi zusammen mit Harold Budd (mit dem er schon früher zusammenarbeitete) und Robin Guthrie 2015 veröffentlicht. Ein Ambient-Monument, dass den gemeinsamen Alben Budd’s mit Brian Eno um nichts nachsteht, ein echter Lifer in seiner hypnotischen Tiefe und eigenwilligen Schönheit. Es beginnt mit dem durchaus praktischen Hinweis Don’t go where i can’t find you, wandert über die Trance von Entangled und dem programmatischen Harmony and the play of light auf fast melancholischen Wegen zum Südpol des Himmels und entlässt den Hörer mit der dann eigentlich nicht mehr notwendigen Empfehlung Dream on in das dringende Bedürfnis danach gleich alles wieder von vorne zu hören. Nie hätte ichgedacht, dass ich mich als frostscheuer Mensch in einem Winter Garden so heimelig fühlen könnte …

Vor ein paar Tagen zeigte mir meine Tochter die Bilanz der letzten 11 Monate ihres Lieblingsstreamingdienstes: genau 34036 Minuten seit Anfang des Jahres. Dazu kommen noch jede Menge andere Quellen und bereits geladene Musik, am Ende vielleicht mehr als anderthalb Monate reines Musikhören. Nicht wenig. Leider habe ich keine App oder keinen Agenten, der meine Musikgenusszeiten misst und aufsummiert, aber es muss schon einige Zeit zusammengekommen sein, bis meine Favoritenliste für die Neuerschienungen des Jahres 2018 stand. Das sind ja nur die Alben, die mir wirklich gefallen haben und nicht die, die ich nach wenigen Liedern ausgeschaltet habe und nicht die, die zwar auch echt gut waren, aber nun stumm ab Nummer 31 zu finden wären und nicht diejenigen, die aus den Jahrzehnten davor stammen. Und zu guter letzt kam mir der Gedanke, dass wahrscheinlich jedes Jahr weitaus mehr Hörzeiten für diesen Blog anfallen, als das Jahr Stunden hat …

 
 
 

 
 

  1. Steve Tibbetts: Life of
  2. Laurie Anderson & Kronos Quartett: Landfall
  3. Jon Hassell: Listening to Pictures
  4. Sly & Robbie meet Nils Petter Molvær: Nordub
  5. Sonar with David Torn: Vortex
  6. Mueller & Roedelius: Imagori II
  7. Qluster: Elemente
  8. Paul Frick: Second Yard Botanicals
  9. Hilde Marie Holsen: Lazuli
  10. Kim Downes: Obsidian
  11. Julia Holter: Aviary
  12. The Necks: Body
  13. Low: Double Negative
  14. Irmin Schmidt: 5 Klavierstücke
  15. Eraldo Bernocchi: Like a Fire That Consumes All Before It
  16. ShadowParty: ShadowParty
  17. GoGo Penguin: A Humdrum Star
  18. Emanuele Errante: The Evanescence Of A Thousand Colors
  19. Arve Henriksen: The Height of the Reeds
  20. Rim Banna: Voice Of Resistance
  21. Frode Haltli: Avant Folk
  22. Erik Griswold: Yokohama Flowers
  23. Louise Landes Levi: Ikiru Or The Wanderer
  24. Clarice Jensen: For This From That Will Be Filled
  25. The Residents: Intruder
  26. Peter Schwalm: How We Fall
  27. Laaraji, Arji OceAnanda & Dallas Acid: Arrive Without Leaving
  28. Steve Reich: Pulse / Quartet
  29. Ilhan Ersahin: Solar Plexus (Istanbul Sessions)
  30. Neneh Cherry: Broken Polictics

 

Ausserhalb dieser Best of-Liste steht (natürlich eigentlich ganz oben) Brian Eno mit Music for Installations, einer Mischung aus Reissues und Unveröffentlichem, also nur halb-neu. Und hier muss für eingefleischte Brian Eno Fans noch auf Bloom 10 hingewiesen werden, eine App die vor zwei Tagen veröffentlicht wurde und es dem Nichtmusiker und begeisterten Hörer endlich ermöglicht in Eno’s Fußstapfen zu treten und astreine Ambientmusik spielerisch selber zu gestalten – ein wunderbares kleines Spielzeug quasi zum Nikolaustag!

2018 24 Nov

Yokohama Flowers

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Der wahlaustralische Pianist Erik Griswold hat sein aktuelles Werk nach Yokohama Flowers, einem Super-8-Film der experimentellen Filmemacherin Louise Curham benannt und bezieht sich dabei auf das subtile und komplexe Aufeinanderschichten von Klängen und Klangebenen, die er überwiegend mit präpariertem Piano aufgenommen hat. Schon 2015 hat er mit Pain Avoidance Machine in sehr beeindruckender Weise gezeigt, dass das Erbe John Cage’s sehr vielseitig verwaltet werden kann. Klaviere zu präparieren hat mich schon früh angefangen zu interessieren, weil da aus diesem wunderbaren bildungsbürgerlichen Instrument mit wenigen Handgriffen etwas ganz exotisches, vielleicht ein Gamelan-Orchester, ein entgleistes Bar-Piano, ein surreales Percussionisten-Ensemble oder ein bizarr schnarrendes Basswerk entstehen kann. Was John Cage für die Musik des 20. Jahrhunderts einigermaßen hoffähig gemacht hat, hat unzählige Pianisten inspiriert diese Stücke nicht nur nachzuspielen, sondern ganz eigene Wege und Stile mit Klavierpräparationen zu entwickeln. Stavros Gasparatos und Hauschka seien hier als wunderbare und hörenswerte Beispiele genannt. Erik Griswold beschreibt seine Grundhaltung so:

 

„My works focus on layering of rhythms, textures and ideas. I’m interested in hybrid sound combinations and unusual intersections at the margins of music and sound making – the places where one discipline, genre, or resonance merges into another. These notions manifest themselves in musical structures (polyrhythm), altered or re-purposed sound sources (prepared piano), unexpected convergences of musical styles, or experimental hybrids of improvised and notated music.“

 
Dabei arbeitet er für jedes Stück eine spezielle Präparation heraus und setzt sie trennscharf ein, wobei es ihm fast spielerisch gelingt dabei dennoch ein homogenes Album daraus zu schaffen. Mit jedem Stück wartet eine kleine Überraschung auf, tritt eine Steigerung des tranceartigen Bogens ein, der das ganze Album überspannt.
 

„There’s a mystical aura surrounding my old piano. I imagine the 19th century workshop in which it was hand-crafted and the German parlours in which it played Bach, Beethoven, Debussy, Satie, or Joplin. I imagine its journey from Stuttgart, by ship to Sydney harbour, and overland to the semi-tropical heat of Brisbane. Playing it I feel connected to its 131 years of history – the people, places and music that have come before.

The beautiful, hand treated super 8 films of Louise Curham are a perfect visual counterpoint to my music. In her Yokohama Flowers, a sense of fragility, intimacy and nostalgia emerges from the superposition of location footage with delicately hand-drawn and painted layers. Her method closely mirrors my own, which combines tactile exploration at the piano keyboard with layering of foreign materials (preparations) onto the strings. By altering and repurposing old technologies in this way, it is as if we are squeezing the last drops of nectar out of these fading flowers.“

 
 


 

 

 
 
 

Bereits in den 90er Jahren zeigte sich Peter Gabriel tief beeindruckt von der legendären Trommlertruppe aus Makebuko in Burundi und produzierte ihr bislang einzigstes Album. Grund genug mir die 12-köpfige Gruppe einmal live anzuschauen. Ein Ereignis, dass allerdings schnell alle möglichen Vorstellungen vorab ad absurdum führen sollte, da eine solch aussergewöhnliche Performance nicht in Klangkonserven eingefangen werden kann.

Aber ganz von vorne: wahrscheinlich konnte sich der Veranstalter auch nicht recht vorstellen, was da auf die Zuhörer (was nur sehr eingeschränkt den Erfahrungsweg wiedergibt) zukommen würde und hat die Halle einfühlsam bestuhlt. Ok, dann halt hinsetzen. Zunächst kommt eine kleine Vorgruppe mit dem tansanischen Percussionisten Mohamad Twaba und dem Jazzgitarristen Tilmann Höhn, die bereits bei dem ersten Stück die Grenzen zwischen afrikanischer Folklore und fast Steve Reich-artiger Minimal Music ekstatisch verschwimmen lassen und einen wirklich furiosen Einstieg liefern. Auch die folgenden Improvisationen sind von großer atmosphärischer Dichte und Sensibilität geprägt und liefern einen wunderbaren Einstieg in das folgende Spektakel.

Die Bühne ist leer und aus dem Off kommen die ersten mächtigen Schläge, die sich schnell zu einem treibenden Grundrhythmus verdichten. Dann kommen zehn Musiker mit riesigen Holztrommeln auf dem Kopf auf die Bühne, zwei tanzen theatralisch um sie herum. Dann werden die Trommeln abgesetzt und ein wahrhaftiges Rhythmusinferno bricht los. Auf einen simplen Grundrhythmus kommen brachiale Impulse, die jeweils einer der wechselnden Vortrommler anstößt und die dann schnell eine komplexe rhythmische Struktur entwickeln, die mit einer unfassbaren Wucht wie ein akustischer Tsunami über die Zuschauer, Zuhörer, humanoide Resonanzkörper hinwegfegt. Eine unkontrollierbare Naturgewalt. Can you feel the music in your pelvis? Music? Nein, rituelle Schlagfolgen aus einer ganz archaischen Welt, in die immer wieder unglaubliche Soli nach ganz alten, festgelegten Mustern hereinbrechen. Und Kondition haben die Batimbos, die bevor sie zu schwächeln anfangen, von einem der gerade Tanzenden abgelöst werden, um sich sogleich zu neuen Höhen hinaufzutreiben. Ekstatisch und brachial. Dagegen wirkt alles, was ich bisher an Percussionensembles gesehen habe wie ein Auftritt einer musikalischen Frühförderungsgruppe. Und immer wieder neue heftigste synkopische Vertracktheiten, die direkt den Unterleib aufwühlen und den Kopf einfach aussen vor lassen und instantan wie ein gigantischer Strudel eine Trance erzeugen, die die Urgewalten aus der Zeit und der Region, in der die Menschheit wohl ihren Ursprung hat wie in einen einzigen Augenblick in das Bewusstsein katapultiert. Sensationell.

2018 27 Okt

Spätlese Sommer 2018: J Peter, Rim & Sophie

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Manche Alben müssen ein kleines bisschen reifen bis sie fassbar geworden sind und Worte für sie entstehen können. Der Sommer ist vorüber, der Vorabend zur herbstlichen Zeitumstellung (wann wird dieser Schwachsinn denn endlich abgeschafft?) ist gekommen, mein Schwager hat seinen Rotwein nun bald fertig bereitet und einige Veröffentlichungen aus den vergangenen Monaten laufen an den länger werdenden Abenden immer noch auf meiner Anlage. Zeit diesen elektronischen Kleinodien ein paar Zeilen zu widmen.

Da ist erst einmal J. Peter Schwalm mit How We Fall. Nachdem bei ihm ein inoperabler Hirntumor gefunden wurde, musste er sich den anderen nicht gerade angenehmen Behandlungen, wie einer Bestrahlung unterziehen, was seine Produktivität zunächst völlig zum erliegen brachte, aber auch dazu führte, dass sich innerlich sehr viel anstaute, dass sich schließlich in einer langsamen Rückkehr ins Studio seinen Weg ins Klangliche bahnte. Dabei griff er auf Kompositionstechniken zurück, die er Jahre zuvor mit Brian Eno begonnen hatte zu entwickeln, insbesondere auf das Multitrack Composing, bei dem unterschiedliche Ideen auf Parallelspuren unter Stummschaltung der jeweils anderen eingespielt und nachher komplex elektronisch verfremdet werden. Herausgekommen ist eine ambiente Klangwelt, die sehr eigene, weite Räume aufzieht, die in leisen Reminiszenzen zu verfremdeten Orten seiner Kindheit Bezug nehmen. Aber in Erweiterung zu den früheren Arbeiten spürt man die Spannung, das Treibende, die Intensität im Hintergrund sehr viel klarer, die sich dann mit spröder Schönheit den Weg in den Vordergrund bahnen. Da tritt viel Akzidentielles in die Klangräume, mal ganz leise, mal ungehört und fremd, mal etwas dramatischer, um schließlich aber von einem erfahrenen Musiker und Produzenten ganz fein in eine Balance gesetzt und mit sehr dezenten und dennoch gewichtigen Beiträgen von Eivind Aarset und Tim Harries durchwoben zu werden. Ein subtiles und recht vielschichtiges Erlebnis!

Vor einigen Tagen wurde in den Kommentaren noch über Brian Eno’s Engagement für das BDS -Movement geschrieben, wo ich dieses Mal gar nicht erneut einsteigen möchte, sondern hier lieber das Album einer Palästinenserin vorstellen möchte. Um es vorweg zu nehmen: Rim Banna ist tot. Gestorben an dem Tag, an dem ihr letztes Album Voice of Resistance final abgemischt wurde. Neun Jahre kämpfte sie gegen eine Krebserkrankung, die sie schließlich 2015 ihre Stimme kostete und dieses Jahr nun auch das Leben. Singen konnte sie kaum noch, aber sprechen. Sie hatte immer noch etwas zu sagen und wollte nicht leise werden. Und ging in diesem letzten Werk noch einmal weiter als bei ihren früheren Aufnahmen. Mit Hilfe des tunesischen Elektroniktrios Checkpoint 303, das MRT-Bilder der Künstlerin in Musik, Knirschen und Knacken umsetzte und des norwegischen Pianisten Bunge Wesseltoft gelang es ihr ein eindrucksvolles und musikalisch durchgehend spannendes Statement zu hinterlassen, mal intensivst sprechend, mal in Sprechgesängen, mal in rauen, fast gebrochenen Gesangslinien und zuletzt durchs Telefon. Ein wunderbares Stück Weltmusik und Kulturerbe, das in ungebrochener Kraft und Schönheit strahlt und selbst angesichts des Todes nicht in Bitterkeit verfällt, sondern mit größter Selbstverständlichkeit die Voice of Resistance ein letztes mal erklingen lässt. Ihre Mutter, die palästinensische Poetin Zouhaira Sabbagh verneigte sich leise „she departed and left behind her bright smile.“

Sophie Hunger liebte schon immer das Experimentelle, ein Suchen in neuen Ausdrucksformen. So überrascht es wenig, das sie nach dem Umzug nach Berlin von dem seit Jahrzehnten dort grassierenden Elektronikvirus befallen wurde und mit Molecules ein erstaunlich leichtes und dennoch elektronisch-kantiges Stück Minimal Electronic Folk, wie sie es selber bezeichnet, vorlegt. Überwiegend mit Dan Carey zusammen schuf sie schräge, schnarrende, etwas skurrile Musik über der ihre, dieses mal nur englisch singende Stimme sommerlich schwebt. Aber nicht ohne die gewohnten melancholischen und zuweilen düsteren Untertöne, die die Spannungsbögen des ewig unfertigen Berlins („das deutsche Zauberwort“ singt sie in Electropolis) zwischen Licht und lichtfernen Winkeln immer neu entstehen lassen und manchmal ganz selbstverständlich und fast unbemerkt in einem Atemzug die Seiten wechseln. Kleine Brüche, so wie wenn man um eine Strassenecke geht und das Licht, die Atmosphäre auf einmal ganz anders sind. Und genau deshalb auch nach mehrmaligem Hören immer noch spannend bleibt.

 
 
 
      

 


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