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on life, music etc beyond mainstream

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2022 16 Jun

London calling again …

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London calling to the faraway towns …

London calling to the underworld
Come out of the cupboard, you boys and girls …

London calling to the imitation zone
Forget it, brother, you can go it alone …

London calling at the top of the dial
And after all this, won’t you give me a smile?

I never felt so much alike, alike, alike, alike …

 
 

London calling again, aber dieses mal nicht die legendären The Clash, sondern die Schwarmpower der Londoner Avantgardejazzszene mit einer höchst bemerkenswerten musikalischen Ansage und im Gegenzug mit einer schier überirdischen Meditation. Aber eins nach dem andern: Im ersten Lockdown 2020 holte sich der Perkussionist Sarathy Korwar ein paar Freunde aus der brodelnden Londoner Jazzszene für ein paar Sessions zusammen, woraus dieser Konzertmitschnitt mit Raga Malkauns und Terry Riley’s In C entstand. Dann hob der Schwarm ab – Flock. Mit der Percussionistin Bex Burch, den Keyboardern Danalogue (von The Comet ist Coming) und Al MacSween und der Bassklarinettistin und Saxofonistin Tamar Osborn. Mit Experimentierfreude und offenem Geist spielte sich die Gruppe ein, sehr im Augenblick verwurzelt, minimalistisch und auf den Punkt. Ein Album – one take, aufgenommen in einem Rutsch am 27. August 2020. Unfassbar präzise mit archaischem Drive, repetitiven Melodielinien und -fragmenten, mit ein paar Vorübergegangen komplett improvisiert. Eine reduktionistische Magie, der man sich schon beim Opener Expand nicht entziehen kann, die sich in It’s Complicated im vollen Spektrum zeigt und in Bold Dream weitere Eskalationsmöglichkeiten in kleinsten tonalen Bewegungen entfaltet und sich mit einer musikalischen Atemübung Fully Breathed zur Ruhe setzt. Frisch und vital wird hier eine Trance erzeugt, die nach einer Dauerschleife des Albums schreit, wäre da nicht ein Soloprojekt eines exponierten Saxophonisten der Szene, der sein Album simpel mit Afrikan Culture betitelt – Shabaka. Da trifft die unergründlich tiefe Atmosphäre von Alice Coltrane’s Turya Sings auf Dollar Brand’s Good News from Africa und transponiert das Ergebnis in die absolute Zeitlosigkeit. Ganz beiläufig und leise steigt Shabaka in Black Meditation mit Shakahuachi und Saxophon in ein so liebevoll berührendes Spiel ein, dass eine Steigerung fast unmöglich erscheint. Bis auf ein paar feine Glöckchen perkussionsfrei offenbart dieses Meisterwerk puristisch und tiefgründig die stillste Seite der afrikanischen Kultur, spiegelt sich in kargen Duetten mit einer Kora und einer E-Gitarre und hinterlässt gänzlich unsentimental ein ganz besonderes Gefühl von innovativster, tief verwurzelter Andächtigkeit.

 
 

     

 

 

Auf seiner Website kündigt Gary Hustwit, der schon den wunderbaren, hier mehrfach erwähnten Film über Dieter Rams gedreht hat nun für nächstes Jahr einen höchst komplexen, mit speziell dafür entwickelten Generative Technologies, Film über Brian Eno an. Vielleicht eher ein der Musikproduktionsweise Eno‘s analoges visuelles Pendant, das auf über 400 Stunden im wesentlichen unveröffentlichtes Material zurückgreift, das Brian Eno dafür mit zur Verfügung gestellt hat. Eine angekündigte Erweiterung des Erlebnishorizonts.

 

He-o he came walking down my street
He-o and he stopped in front of my door
He-o and he knocked on the door a long while
He-o then he turned and he walked away
He-o then he turned and he walked away
He-o and he never came back again
He-o I wasn’t at home that day
He-o and I never found out that he came

 
 
 

 
 
 

Über den Wolken des Jupiter baut sich langsam ein pathetischer Klangteppich auf, während die Augen der Sonde JUNO langsam auf den großen roten Fleck zusteuern. Aber vermutlich hat Vangelis nun eine wesentlich weitere Perspektive und kann mehrere Orbite gleichzeitig durchlaufen, seitdem er seine Erdgebundenheit am 17. Mai beendete. Nein, nicht dass ich auf einmal den großen Pathos liebe, der ihn so berühmt gemacht hat. Viel mehr mochte ich seine frühen Arbeiten mit Aphrodite’s Child und eben Earth, die atmosphärisch noch in der gefühlten Stagnation Griechenlands verortet ist, die der griechische Literaturnobelpreisträger Giorgos Seferis in seinem Stück Sechs Nächte auf der Akropolis fast beiläufig mit beklemmender Dichte beschrieb, das ich einmal nachts in einem Rutsch durchlesen musste, nicht weil da viel passierte, sondern weil da genau gar nicht viel passierte und die Stimmungen im Düsteren meine Aufmerksamkeit bannend einen unglaublichen Sog erzeugten.

Auch die frühen experimentellen Synthesizeralben, v.a. Albedo 0.39, Spiral und Beauborg mag ich immer noch, vielleicht noch den genialen Soundtrack zu Blade Runner und die Anfänge seiner Zusammenarbeit mit Jon Anderson, dann ertrug ich den darauffolgenden Bombast nicht mehr, das war zu glatt und aufgeblasen. Albedo 0.39 ist der Lichtreflektionsfaktor des Planeten Erde, Earth, die er nun für immer verlassen hat. R.I.P.

2022 28 Apr

Klaus Schulze 2

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Der Sommeregen prasselte auf das Dach der Terrasse, ich saß im Trockenen auf einer alten Matratze während einzelne Tropfen auf meine Füße fielen. Der erste Donner ertönte und das Gewitter begann zeitgleich mit den kristallinen Klängen von Crystal Lake aus dem offenen Fenster hinter mir. Wie oft habe ich diesen erfüllenden Frieden eines Sommergewitters mit Klaus Schulzes Musik geboostert und habe diese einzigartige Atmosphärenmischung zwischen Naturgewalten und subtilster Elektronik so sehr geliebt.

Szenenwechsel. Ein dunkler Keller umgibt mich während das kühlste aller synthetischen Halluzinogene seine Wirkung zu entfalten beginnt. Noch befindet sich nur ein kleiner Laserpunkt auf der Leinwand an der Kopfseite des Raumes, der sich langsam anfängt zu bewegen. Mein Schulfreund K. hatte einen Spiegel auf den Tieftöner der riesigen Box an der Seite des Raumes geklebt und den Laser damit abgelenkt. Wieder Crystal Lake und die Membran beginnt zu schwingen, der Laserpunkt auch und eine nahezu überirdisch präzise Harmonie wird in dem auf der Leinwand entstehenden Lichtgebilde in klarer Eleganz spielend und sich in langsam wandelnden Mustern erhebend sichtbar. Mein Sein fällt in dem allgemeinen Sein zusammen und wandelt sich in einen der zeitlosesten Augenblicke …

Jahre später: eine evangelische Kirche im nördlichen Frankfurt, ein parasakrales Großereignis: Klaus Schulze spielt mit seinem Schulfreund Manuel Göttsching eine abendlange Trance. Synthesizerwände türmen sich auf, die Musiker fast verloren dazwischen. Hypnotisch zirkulierende Rhythmen, die in eine sequenzielle Parallelwelt führen und zwei Musiker, die Schamanengleich jegliche Erdenschwere für Stunden aufheben und dabei eine Verdichtung ihrer weiten Klangräume erschaffen, die den Rest der Welt für die Dauer des Konzerts zu einem irrelevanten Ereignis degradierten.

Cyborgs Irrlichtern Body Love, Blackdance in the Timewind of Moondawn, Mirages Tranceferieren zu Dune, mysteriöses X. mit dem erhabenen, cineastischen Ludwig II. von Bayern, Dig It in ein fernes Kontinuum zur Dark Side of the Moog. La vie electronique bis zum letzten Atemzug, jetzt übernimmt Osiris, der Unsterbliche. R.I.P.

 

 

 

v i d e o

 

 

Das Klavier trat mit der Entwicklung der temperierten Stimmung und einer zunehmend ausgefeilteren Technik, die mit einem beachtlichen Lautstärkezuwachs einherging, als Instrument einen epochalen Siegeszug an und ist als zentrales Instrument komplex polyphoner Musik aus der zeitgenössischen Musik (egal welchen Genre’s) nicht mehr wegzudenken. Daraus ergibt sich eine unglaubliche Ausdrucksvielfalt, die sich in einigen Veröffentlichungen dieses doch noch recht jungen Jahres wiederspiegelt.

Scheinbar zurück zu den Anfängen geht Francesco Tristano in On Early Music, wo er Stücke ehemals populärer englischer Spätrenaissancemusiker, wie Orlando Gibbons, John Bull oder Peter Philips den Werken des Italieners Girolamo Frescobaldi gegenüberstellt und nicht zuletzt stilistisch behutsam adaptierten Eigenkompositionen. Nun begibt er sich aber nicht bieder in die Welt der alten Musiker, dafür hat er zu viel elektronische Musik gemacht und u.a. mit Carl Craig zusammen improvisiert. Diese alte Musik hört sich von der Harmonik her „alt“ an, ist sonst aber groovig, frisch und wirkt völlig unverbraucht. Oft interpretiert er die Stücke, so wie es damals oft üblich war, sehr offen und zeitgemäß. Bein zweiten, dritten mal hören sind mir dann die kleinen und subtilen Bearbeitungen aufgefallen, die dazu beitragen, dass sich diese wohltuend von der 2793sten artigen Interpretation absetzten und sehr aktuell klingen. Eine wunderbare Hommage an die frühe Musik, die zwischen allen Stühlen tanzt. Ganz anders Vanessa Wagner’s Study of the Invisible. Die französische Pianistin, die für ihre wunderbare Zusammenarbeit mit Murcof und ihre exquisite Wahl der Stücke auf ihren letzten Alben auch außerhalb der Klassikszene bekannt geworden ist, setzt diesen Weg auf ihrem neuen Album fort, dessen ältestes Stück ein Präludium in A-moll von Moondog ist und sie dann Stücke von Harold Budd, Brian und Roger Eno, einigen der frühen amerikanischen Minimalisten und natürlich auch von Philip Glass spielt – eine wunderbare und sensible Auswahl. Doch im Gegensatz zu Tristano, der die Musik herausfordert, sie in die Gegenwart lockt, befördert Wagner die zeitgenössische Musik in eine feine, genaue klassische Darstellung. Hier wird ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Spielen, Interpretation, Covern oder gar darüber Improvisieren erkennbar und ich habe mich in diesem Kontrast mehrfach gefragt, wie ich die Unterschiede fassen könnte. Dann gibt es auf Study of the Invisible auch Stücke von Bryce Dessner, Nico Muhly und Timo Andres und nicht zuletzt von Suzanne Ciani. Vanessa Wagner schreibt, sie sei „fasziniert davon, Intensität auch ohne eine Sintflut von Noten zu ergründen, durch Einfachheit als Mittel des Ausdrucks“. Dabei verbindet sie die unterschiedlichen Stücke mit genau dieser Intensität zu einem intimen Exkurs in aktueller Klaviermusik, deren Höhepunkt unzweifelhaft Caroline Shaw’s über 13 Minuten langes Gustave Le Gray darstellt. Ein Album, dass das unsichtbar Verbindende, das unsichtbar über die Gegenwart hinaus Weisende wennschon nicht sichtbar, dann doch auf bemerkenswerte Weise hörbar macht.

 
 

       

 
 

Eine andere Leichtigkeit hat 4 Hands von Roedelius & Tim Story, wo die beiden Pianisten nach bewährter Arbeitsweise improvisieren, fast absichtslos den Augenblick kultivieren und sich dabei dennoch nicht wiederholen, sondern im Flow wie Reflexionen der Sonne auf bewegtem Wasser hüpfen und gleiten, lebendig und niemals banal. Ein Album, das fest in der Zeitlosigkeit wurzelt und ein Grund mehr sich tief vor dem 87jährigen Urgestein der deutschen Musikszene mit seinem Faible für eleganten Eigensinn zu verneigen! Und schließlich wurde kürzlich Morteza Mahjubi’s Selected Improvisations from Golha, Pt.II (von 1956-1965) veröffentlicht, der mit der gleichen Leichtigkeit wie Roedelius auf dem Klavier improvisierte, wobei er als erstes die Temperierung gründlich rückgängig machte und das Instrument nach lange entwickelter Methode in alten persischen Skalen stimmte. Was sich zu Beginn für das europäische Ohr deutlich verstimmt anhört, nimmt bald mit all seinen Schwebungen und feinen Dissonanzen den Raum zwischen den Ohren völlig ein, offenbart ein schillerndes Spektrum des modernen Orients, eine funkelnde Schatzhöhle, an der Gurdjieff sicher seine Freude gehabt hätte, ein Geisterspiel zwischen hypnotischen Trancen und dem unhörbaren Staub auf alten Schellackplatten. Eine Musik, die zum Visualisieren einlädt, ohne dass es in meinem Kopf je einen assoziierbaren Raum gegeben hätte…

 
 

       

 

2022 21 Mrz

Wenn der Westwind weht …

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Da ist ein Moment der Stille bevor sich der Wind erhebt, leise aus dem Urgrund aufsteigt und die Saiten kratzend und ziehend sanft durch die Haare fährt, den Schädel mit einem Hauch infiltriert und sich unaufhaltsam durch aufleuchtende Nervenbahnen in die Tiefen des Unterbewusstseins hinabsenkt und den Eros der Windklänge zu inspirieren, zu erregen. Der milde Westwind, Zephyr ist in der griechischen Mythologie der Vater von Eros, hauchte diesem durch den Regenbogen ziehend das Leben ein und gab ihm die Erfahrung seines weiten Weges mit, wie seine Mutter, Iris ihm die Welt der unendlichen Farbnuancen schenkte. Und aus der Stille steigt ein feiner Wunsch auf, Wish, der sich zu Charm, dem Zauber verdichtet. Ein hölzernes Klopfen fängt an zu grooven und auf feine Violinentöne folgen elektronisch verzerrte, schwere Celloklänge, schichten sich subtil in Klangfarben, die Bekanntes versprechen, verführen und schon findet man sich in unbekannter Umgebung wieder.

 

 

Zephyr ist das Debütalbum von Toechter, drei jungen, klassisch ausgebildeten Streicherinnen, die mit erfrischender Experimentierfreude ihre Instrumente elektronisch verfremden, samplen, loopen und gelegentlich mit ihren Stimmen ätherische Nuancen hinzufügen. Alles auf diesem Album ist akustischen Ursprungs, entfernt sich aber mit sensiblem Ausloten der jeweiligen Klangideen fast beliebig von seiner Quelle, weswegen das elektronische Equipment von den Musikerinnen auch als ihr viertes Instrument beschrieben wird. Da sind kleine, improvisierte fragmentarische Entwürfe genauso intensiv und pointiert, wie die mehr auskomponierten Stücke, wie dem Titelstück Zephyr, alle aber getragen von der unbändigen Neugier das mögliche Klangspektrum so weit es geht zu ergründen. In diesem höchst originellen Album scheint es nur gelegentlich vertraute Klänge zu geben, aber nur um den Hörer wieder in Unerhörtes mitzunehmen und dabei so selbstverständlich zu spielen, dass das Experimentelle am Ende doch vertraut erscheint und selbst die tiefsten Ebenen unseres Belohnungssystems sanft und irritierend zugleich von den westlichen Winden umweht werden. Bleibt nur zu hoffen, das wir von den Toechtern noch viel mehr zu hören bekommen …

 

2022 19 Mrz

Roraima

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Roraima ist der nördlichste und bevölkerungsärmste Bundesstaat Brasiliens und die Heimat vieler indigener Völker, wie den Yanomami, deren Schöpfungsmythen sich thematisch durch das gleichnamige neue Album des norwegischen Bassisten Sigurd Hole ziehen. Dieses Jazz-Konzeptwerk wurde von Oslo World für das Festival 2020 in Auftrag gegeben und das nun veröffentlichte Album ist der Livemitschnitt eines der wenigen möglichen öffentlichen Konzerte in Norwegen, in der Jakobskirche, Oslo vom 29. Oktober 2020, an dem eine Handvoll exponierter norwegischer Musiker beteiligt waren: Trygve Seim, Frode Haltli, Helga Myhr, Håken Aase, Tanja Orning und Per Oddvar Johansen. Doch die Basis bildet zunächst die unglaublich reiche und komplexe Klangwelt des Regenwaldes, die in Form von Field-Recordings des Klangforschers und Ökologen Bernie Krause teils unter den fein fließenden Stücken liegen oder wie die Phrasen des Rotschnabeltukans musikalisch zitiert werden. Herausgekommen ist eine sehr vielschichtige, sich offen aneinander herantastende Jazzsuite geworden, die eine hohe atmosphärische Dichte entwickelt und auf der anderen Seite in ihrer Reduziertheit eine tiefe Verneigung vor der mythischen Dimension darstellt. Dabei wird die Musik niemals sentimental oder esoterisch, sondern bleibt konzentriert, zurückhaltend und verweist auf das große Netz der Welt als Aufforderung über ihr Gleichgewicht nachzudenken und es auf oft ungewohnte Art musikalisch mitzuerleben. Eine virtuelle Reise von rauer Schönheit in die Zeitlosigkeit unseres Ursprungs.

 

 

Bereits mit den ersten Takten von Ashita stolpern wir in einen ungehört und sogartigen Metarhythmus irgendwo zwischen Tribal und Wave, der schnell befremdlichste und dennoch treibende Formen annimmt. Es ist kaum zu glauben, dass das vierte Soloalbum von Yasuaki Shimizu Kiren 38 Jahre irgendwo in den Archiven herumlag und jetzt zum ersten mal veröffentlicht wird. Eigentlich war das Werk des japanischen Jazzsaxophonisten und Meister des Art-Pop als Abschluss der Trilogie aus seiner Band Mariah’s Utakata No Hibi und dem Soloalbum Kakashi gedacht, kam aber nie auf den Markt nachdem Kakashi in Japan unverständlicherweise floppte. Aber entweder es hat niemand die Musik wirklich gehört bevor die Frage der Veröffentlichung geklärt wurde oder man befand sie in aller Konsequenz ihrer Zeit mindestens 38 Jahre voraus.

 

„At that time I could recognize that all of the various scattered elements I had been interested in since I was a child were collecting together inside of me and becoming a single organic material“.

 

Dennoch entstand aus den vielseitigen musikalischen Interessen Shimizu’s ein verstörendes, atmosphärisch homogenes Album, dass nahtlos japanische und westliche Musikelemente und archaischste Rhythmen zusammenbringt mit futuristischen synthetischen Klängen, sowie der Wärme des Atems durch das oft wenig konventionell gespielte Saxophon. Momo No Hana ist eine kalte Collage von Loops und Fragmenten unbekannter Herkunft, die dennoch fraglos schlüssig er- und mit stolperndem Herzschlag ausklingt und das folgende Asate, das minimalistisch einen Saxophonretrosound mit kargen, fragmentarischen Beats unterlegt, fast noch am konventionellsten wirkt. Kagerofu ist ein Meisterstück der Fourth World Music mit wuchtigen Buschrhythmen, verfremdeten Samples und unheimlichen Stimmfetzen, das man auch in zweihundert Jahren noch auf einem Volksfest auf dem Mars wird spielen können. Auf Peruvian Pink tanzen skurrile Beats mit einem synthetischen Dudelsack, immer, wie auch bei den anderen Stücken von Morio Watanabe’s abgründigem Bass unterlegt und bei Shiasate treibt ein schnelles Schlagwerkmuster den Bass und einige verfremdete Blasinstrumente vor sich her. Mit Ore No Umi schließt das Album funky und sabotiert, wie schon der ganze Rest, jegliche Hörgewohnheiten, püriert genüßlich Erwartungen, spielt mit bekannten Elementen, um die Abzweigung zu subtilen wie drastischen Vexierspielchen nie zu verpassen und bleibt dennoch futuristisch jazzy und relaxed, wenn es gelingt sich auf das Universum des Yasuaki Shimizu einzulassen. Offen bleibt dann nur wo das enden könnte: vielleicht in einem moebius’schen Flugsessel für Psychonauten, einem Jazzfest auf einem Saturnmond oder einer filigranen Orgie auf einem Retrospaceship mit Überlichtgeschwindigkeit. Egal eigentlich, ist doch die Welt nie mehr die Gleiche wir zuvor nach dem Hören dieses Albums. Noch habt ihr die Wahl …

 

 

 
 

Mit 2021 ist ein Jahr voller Denkwürdigkeiten ist zu Ende gegangen, ein Jahr, das aber wieder sehr viel Wunderbares hervorgebracht hat. So blicke ich nun etwas verspätet zurück. Als ich auf meine Auswahl der Highlights des Jahres schaute, fiel mir auf, wie sehr mich noch das Instrument, das ich über viele Jahre erlernt und studiert habe, das Klavier (hier aber im weitesten Sinne auch mit den elektronischen Tasteninstrumenten) und die Erforschung seiner Grenzen fasziniert. Das beginnt mit Nik Bärtsch, dem absoluten Highlight des Jahres und geht über Ayumi Tanaka, Hafez Modirzahdeh, Kit Downes und dem fantastischen Reissue von Morteza Mahjubi zur mehr elektronischen Seite mit Richard Barbieri, Arushi Jain, Sunroof bis zu dem fast transzendenten letzten Werk von Pauline Anna Strom. Bei den Grenzüberschreitungen sind gerade auch Erkundungen jenseits der für westliche Musik so gesetzten temperierten Stimmung äußerst spannend. Auch wenn sie beim ersten Hören oft etwas dissonant und gewöhnungsbedürftig klingen mögen, lohnt es sehr hier die Ohren zu öffnen.

 
 

    1. Nik Bärtsch – Entendre
    2. Floating Points w/ Pharoah Sanders and The LSO – Promises
    3. The Grid/Robert Fripp – Leviathan
    4. Mannheimer Schlagwerk – The Numbers Are Dancing
    5. Richard Barbieri – Under A Spell
    6. Nova Materia – Xpujil
    7. Portico Quartet – Terrain
    8. Stephan Thelen – Fractal Guitar 2
    9. Jon Hopkins – Music for Psychedelic Therapy
    10. Ceeys – Musikhaus
    11. Ayumi Tanaka Trio – Subaqueous Silence
    12. Jo Berger Myhre – Unheimlich Manoeuvre
    13. Sarah Davachi – Antiphonals
    14. Lucy Railton/Kit Downes – Subaerial
    15. Natacha Atlas – The Inner & The Outer
    16. Vivien Goldman – Next Is Now
    17. Hafez Modirzadeh – Facets
    18. Dictaphone – Goats & Distortions 5
    19. Pauline Anna Strom – Angel Tears In Sunlight
    20. Origamibiro –Miscellany
    21. Simon Goff – Vale
    22. Oliver Doerell & Jawad Salkhordeh – ([Sāje])
    23. Sunroof – Electronic Music Improvisations Vol. 1
    24. Alice Coltrane – Kirtan: Turiya Sings
    25. Thomas Strønen/Ayumi Tanaka/Marthe Lea – Bayou
    26. Trees Speak – Vertigo Of Flaws
    27. Powell – Piano Music 1-7
    28. Polypores – Shpongos
    29. Humanbeing – Humanbeing
    30. Theon Cross – Intra-I
    31. Markus Stockhausen – Tales
    32. Brand Brauer Frick – 3535 Memory
    33. Arushi Jain – Under the Lilac Sky

 
 
   
 
 

Bei den Wiederveröffentlichungen findet sich wieder einiges Japanisches, z.B. von Eitetsu Hayashi, einem der Köpfe des späteres Ondekoza Ensembles, der seine Musik in einer recht ungewohnten Art rhythmisch denkt über Motohiko Yamase, dessen Fourth-World-Vision aus japanischer Perspektive noch einmal neu eingespielt wurde bis hin zu dem YMO-Mitgründer Yukihiro Takahashi, dessen programmatisches Neuromantic nun wieder verfügbar ist.

 

    1. Japan – Quiet Life
    2. Don Cherry – Om Shanti Om
    3. Eitetsu Hayashi – Kaze No Shisha
    4. Benjamin Lew & Steven Brown – Douzième journée — leverbe, la parure, l‘amour
    5. Chris Carter – Electronic Ambient Remixes One
    6. Motohiko Yamase – Reminiscence/Intaglio
    7. Morteza Mahjubi – Selected Improvisations From Golha, Pt. 1
    8. Yukihiro Takahashi – Neuromantic
    9. Radiohead – Kid A Mnesia
    10. Dunkelziffer – In The Night
    11. King Crimson – USA

 

Als für mich neue Kategorie für den Blick zurück will ich einige meiner Abendlektüren aufführen, die mir beim Lesen und Studieren viel Freude bereitet haben und mich nach getanem Tagewerk noch erfrischen und inspirieren konnten.

 

    1. Michael Spitzer – Eine musikalische Geschichte der Menschheit
    2. Nik Bärtsch – Listening: Music, Movement, Mind
    3. Nils Wortmann – Alles so schön still hier
    4. Christoph Dallach – FVTVRE SOVNDS
    5. Byung-Chul Han – Undinge
    6. Lawrence Kumpf – Organic Music Society
    7. Werner Herzog – Das Dämmern der Welt

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