Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2021 3 Aug

Next Is Now

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Die Frau Professor ist bestens vorbereitet um nach Jahren des Schreibens und Lehrens endlich einmal ein vollständiges Album an den Mann zu bringen. Sie ist der Punk Professor (kein Witz, sie hat tatsächlich einen Lehrauftrag an der NYU für Punk und Reggae!) und startete mit einer Single, die sie in den Post-Punk Wirren mal nebenbei, Johnny Rotten etwas Studiozeit abknapsend, aufnahm und dann etwa 30 Jahre später zum ersten mal aufführte: Launderette. Letztes Jahr dann ergriff sie wieder das Wort/die Stimme, um dem unsäglichen Wahlmanagement Donald Trumps etwas entgegenzusetzen: I Have A Voice, was letztendlich das letzte und akustischste Stück ihres neuen Albums Next Is Now wurde. Vivian Goldman, die unzählige Albumbesprechungen und Texte (u.a. die erste Biografie von Bob Marley) schrieb, greift nun auf Elemente des Wave, kalte Vintage-Synthesizer, des Dub und ganz subtil minimalistischen und weltmusikalischen Anspielungen zurück um ein bemerkenswert frisches und vitales Album vorzulegen. Eine intelligente und tanzbare Revue durch Jahrzehnte Hörerfahrung, die trotzdem völlig homogen und klanglich diffizil und ausgereift daherkommt. Einfach grandios, überraschend und einfallsreich. Wenn auch nur die Hälfte aller Professoren so rüberkämen, wäre Bildung (egal welcher Couleur) wieder ein erstrebenswertes Kulturgut. Viva Vivian, Next Is Now!

 

Der Herr Professor ist bestens vorbereitet um den Epigonen eurozentrischer Musikkultur eine äußerst feine Lektion in der Entwicklung neuer ästhetischer Dimensionen zu erteilen. Diskret, leise, in wunderbaren Miniaturen und Duetten mit ausgewähltesten Mitstreitern. Schon seit Jahren arbeitet er auf dem Boden mikrototaler persischer Dastgah-Skalen und Inspirationen durch Ornette Coleman’s chromatische Matrizes an der Entwicklung einer postchromodalen Musik für deren Umsetzung auf Facets er die Stimmung eines Klaviers den exotischen Skalen anpassen ließ und sich dann Kris Davis, Tyshawn Sorey und Craig Taborn dazu holte, um in überwiegend improvisierten kleinen Stücken (einige basieren auf Stücken von Thelonious Monk) nur vermeintlich dissonante Klangräume zu ergründen, die mit allen europäischen Hörgewohnheiten brechen, fremd und doch zugleich vertraut wirken. In vielen Stücken spielt der Komponist Hafez Modirzadeh dann im Duett Tenorsaxophon mit den Pianisten, wobei er über eine eigens entwickelte Spieltechnik daraus auch mikrotonale und orientalische Melodiefiguren entlockt. Jedes der Stücke stellt eine spezielle Herangehensweise an die umgestimmten Skalen dar, mal in melodischer Weise, mal in Akkordclustern. Und nicht zuletzt wagt er sich, vielleicht auch um zu zeigen wie ernst es ihm ist an ein Stück aus J.S. Bach’s Goldbergvariationen heran und stellt es in einen verstörend neuen Kontext. Eine Herausforderung für den Hörer, die im Verlassen gewohnter Dimensionen aber mit vielen Kleinodien reich belohnt wird. Hafez Modirzadeh ist Professor für Weltkultur der Musik in San Francisco und dennoch klingt hier nichts in einem der innovativsten, facettenreichsten Alben dieses Jahres akademisch.

 
 

2021 18 Jul

Vale

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Das Vale of York ist flächenmäßig nur unwesentlich größer als Berlin, sonst unterscheiden sich beide aber etwa soviel, wie das Auenland von Mordor trennt. Und vor der Veröffentlichung seines aktuellen Albums stieg Simon Goff tief in den Berg der Finsternis hinein und gewann zwei Grammys für die Tontechnik bei den Soundtracks von Hildur Guðnadóttir’s Joker und Chernobyl. Tiefer in den Abgrund als bei letzterer Serie geht es kaum noch. Und doch blieb eine große Sehnsucht nach den Orten seiner Kindheit, die in einigen Stücken, wie auch den Videos seines Albums Vale anklingt. So beginnt es mit Vale, dem gleichnamigen Titelstück mit einer schwebenden, fast pastoralen Atmosphäre, die sich zu einer großen Intensität verdichtet, um dann in Wooden Islands intensiv und minimalistisch, treibend mit geloopten Violinsequenzen und scharfen kleinen Pattern vorjagen.

 
 
 

 
 
 

Simon Goff steht vor dem großen Rund eines Schallspiegels aus Beton, einer Konstruktion, von der viele im 2. Weltkrieg an der englischen Küste gebaut wurden, um die leisen, noch fernen Geräusche herannahenender Flugzeuge akustisch zu verstärken. Dieses Konzept spiegelt sich auch in seiner Musik auf Vale wieder, die eine eng verwobene Mischung von elektronischen Klängen und den verfremdeten und geloopten Klangräumen seiner akustischen Violine, unterstützt von sehr reduzierten perkussiven Elementen und einem Kontrabass oft die fernen subtilen Klänge ganz nah heranholt und die Violine mal scharf und rauh, mal sehnsuchtsvoll und atmosphärisch dicht in seine Klangwelten platziert. A process In The Weather Of The Heart ist hier ein wunderbares Beispiel, gefolgt von dem bedrohlich schwebenden Murmur und den sanften, aber in ihrer Subtilität keineswegs sentimentalen Elowen und Now. I Filled My Lungs With The Necessary Air, And Yelled ist ein sehr tiefgründiges und komplexes Stück, das in seiner herben Schönheit, wie auch durch das intensive Video besticht. Final wird das Spiel mit dem Spannungsfeld zwischen Tradition und technischen Möglichkeiten, zwischen fast ambienthafter Weite und forcierter Dichte, in virtuellen und erinnerten Landschaften mit Sleeping Winds abgeschlossen. Der Wind hat sich gelegt und die, durch die Musik ausgelösten visuellen Szenarien verblassen langsam in ihren exzentrischen Brainloops.

 
 
 

 

2021 27 Jun

Leviathan

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Leviathan, der „sich windende“, der Unüberwindliche, der Ungeheuerliche betritt wieder den Plan. Der mythische Riesenwal, das archaische Urwesen. Dieses Mal in Form einer Kollaboration von The Grid und Robert Fripp, die auf altes Material von Anfang der 90er Jahre zurückgreift, als sie in gemeinsamen Sessions offenbar Unmengen an Material produzierten, was immer nur stückchenweise das Ohr der Hörer erreichte. The Grid (Richard Norris & Dave Ball) berichten

 

‘Robert (Fripp) turned up with a truck load of amps and effects, two great big stacks including delay units with a 76 second delay and played and played and played.’

 

Jetzt sind die vielen Bänder mit schier endlos weiten Frippertronics und Guitar-Soundscapes neu überarbeitet und mit subtilster elektronischer Musik angereichert worden, die einer ungewöhnlichen Dynamik folgt. Das Album beginnt extrem ruhig mit Empire, einem wunderbar subtilen Ambientstück, dann Milkwood, das ätherisch schwebend sich verdichtet. Langsam dann kommt ein leises Pulsieren in Pulse Detected und Loom dazu, um sich dann in der zweiten Hälfte dieses Meisterwerkes mit Leviathan rhythmisch immer weiter zu verdichten, zieht über After The Rain an zu Fire Tower, das sich auch mit den weiteren Stücken Zhora und Sympathico in einen feinsten futuristischen Slow-Tribal-Techno entfaltet, dem man das Alter des Ausgangsmaterials nicht ansatzweise anhört. So entsteht ein Mahlstrom einer Musik, die langsam und kompromisslos sich aus den Tiefen emporwindet und einen unabweisbaren Sog entwickelt. Ein Monolith, ein wahrlich raumergreifendes Statement, ein Leviathan!

 
 
 

 

2021 10 Mai

Humanbeing

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Ganz langsam erhebt sich etwas aus dem Ursprung der musikalischen Evolution, ganz aus der Tiefe, dem Leisen, Bodenlosen. Warm und amorph schwillt es an, verdichtet sich ganz langsam. Schwebt über den Wassern, leicht und subtil, nur unterbrochen von den Tupfern eines präparierten Pianos, erkundet den Raum. Wird organisierter, organischer, organhafter, wird Fleisch – Flesh. Fängt an zu leben, pulsiert, elektronisch moduliert, verästelt sich immer feiner, kommt in den rhythmischen Fluß, wird Blut – Blood. Dann, ganz zart wie ein Luftzug, fast verloren, ein Hauch von Haut – Skin. Cineastische Übergänge, so wie sie in den Träumen in den frühen Morgenstunden gerade noch erinnert werden können und, wenn man sie nicht gleich festhält werden sie  flüchtig, vergänglich, oneiroid.

Humanbeing ist das Soloprojekt von Rossano Baldini, der einerseits viel Musik für Film und Fernsehen komponiert hat und auf der anderen Seite als Jazzpianist und Keyboarder auch an der Seite bekannter Größen aufgetreten ist. Humanbeing ist sein erstes Soloprojekt, bei dem er frei von äußeren Anforderungen seiner eigenen Vision folgt. Einer hybriden Vision, die zwischen organischen Kräften und virtueller Natur, zwischen akustischen und elektronischen Elementen es doch wagt ganz physisch zu werden, dem Abbild eines Organismus mit seinen Organen, deren verschiedene Funktionen sich nur in der gegenseitigen Bezugnahme, dem Zusammenwirken voll entfalten können. Einer hybriden Vision, die sich musikalisch in dem Spannungsfeld zwischen synthetischer Klangerzeugung und einem Bercandeon, einem akkordeonähnlichen Instrument mit zwei diatonischen Tastaturen, erfüllt und dabei in einer ganz eigensinnigen Intimität erblüht.

Atemlos, schneller, synthetischer, sequenzieller treibt es voran und bleibt doch luftig, Lunge – Lungs. Dann geht es mit technoidem Drive weiter in die substanzielle Verdichtung hinein, pushend und doch sehr wandelbar und voller Überraschungen. Mitten im Kraftwerk des Lebens, der Leber – Liver. Geht nahtlos ins Zentrum des Erlebens weiter, wieder weiter, erzählend, spielerisch und emotional. Die einzige Stelle, in der mit Carmine Iuvone am Cello eine Gastmusikerin erklingt, erst lyrisch andeutend, dann rauh und wirbelnd in ein akustisch begehbares Herz – Heart. Eine höchst dynamische Organlehre, in die wir noch das offene Ohr einbringen können.

 
 

2021 11 Apr

Mein Tag in einem anderen Land

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Z. lebte in einem Zelt im tiefsten Wald, nicht weit vom Flughafen entfernt, der an guten Tagen seine Lebensader war, wenn er nicht von einem Obrigkeitsvertreter verscheucht wurde. Meist trug er eine große verspiegelte Sonnenbrille, die er nur äußerst selten absetzte, meist wenn er einen der seltenen Momente hatte in denen er den Kontakt zu seinen Mitmenschen suchte. Er lebte abgeschieden in seiner eigenen Welt und leise vor sich hin murmelnd, seltener einmal klagend oder gar schimpfend. So kreuzten sich unsere Wege an einem seltsamen Ort, einem Gebäude dessen endlos lange Gänge fast labyrinthartig ins Leere liefen. Er war nicht sehr gesprächig, hatte dicke Kopfhörer auf und eine tief ins Gesicht gezogene Schirmmütze, die er Schirmmütze hieß, weil sie ihn vom Rest der Welt abschirmen konnte. Manchmal mochte er sprechen, meist langsam und etwas unsicher, wenn er von seinen Gesprächen mit den kleinen Vögeln im Wald, die er liebevoll fütterte sprach und ganz leise und geheimnisvoll, als er bekannte fast einmal eine Maus, die in sein Zelt eingedrungen war mit einer gußeisernen Pfanne erschlagen zu haben. Die Maus aber schaute ihn tief an, erkannte ihn und so entspann sich ein eigenwilliger Dialog zwischen ihnen, fremd den Menschen, die in bedeutungslastigen Begriffen die Welt erleben und voll absurder Schönheit für die, die die Freiheit des Augenblicks hörend erfahren können. Meist verbrachte er seine Zeit aber in einer Schlafwandlerexistenz und sein Zelt stand auf einem Ort, der das Gegenstück zu der hintersten Ecke eines vorzeitigen Friedhofes, an dem die Aufschriften auf den verbliebenen Grabsteinen schon lange nicht mehr lesbar waren, darstellte. Dort lebt der Protagonist der kleinen Geschichte von Peter Handke, die er „noch keinem Menschen erzählt hat“, einer Dämonengeschichte, aber weniger einer, die von Besessenheit als von Welt- und Selbstverlorenheit berichtet.

 
 

Wie das: Wir endgültig Durchgedrehten von einem öffentlichen Interesse? Ja: in dem Sinn daß wir, ohne uns dessen bewußt zu sein (wie denn auch?), der übrigen Bevölkerung als Spiegel dienten. Spiegel wovon? Spiegel des eigenen gefährdeten Inneren: „So bin ich insgeheim auch, und ebenso könnte es, morgen früh oder schon heute nacht, von einem Moment zum anderen aus mir herausschreien, und dann so weiterschreien, -kreischen, -toben ohne Ende.“ Aber derart gefährdet ist, nicht wahr, höchstens eine kleine Minderheit und keinesfalls die gesamte Bevölkerung? – Doch: die Bevölkerung, die ganze! – Und was war deren Interesse, sich von uns Besessenen gespiegelt zu sehen? – Sich so gespiegelt zu sehen, konnte, wenn nicht heilen, so doch, für den Augenblick, zurechtrücken, wie auch die Dinge einen selber, die Form und die Formen wahren, insbesondere hier draußen vor all den anderen, und zwar im, wie gesagt, Interesse der Öffentlichkeit!
 
 

Das Schreckliche ist ja nicht die Finsternis, vielmehr das viele Licht drinnen in mir, und um mich herum. Wie böse ist es, dieses Licht. Eingekerkert bin ich in es … Lichtumzingelt allerwärts, bis hinein in die letzten Seelenwinkel … Hilfloser, ich Hilfloser!

 

Von dem Anblick eines bislang Fremden, diskret, selbstlos teilnehmend und freundschaftlich wird er aus seiner Zeit des luziden Wahns herausgerissen, der Dämon weicht und er kann seine Reise weg von den alten Räumen für einen Tag in eine Welt des Namenlosen, des Unbenannten mit dem Gefühl von Erleichterung und Befreiung begehen. In fast skizzenhaften Fragmenten durchstreift der namenlose Protagonist seinen neuen Tag, begegnet Trug und Täuschung und weiß sie aber mit skurrilem Regelwerk als vorgeschobener Handlungsanleitung zu bannen, findet Freude an den Hindernissen und erschließt sich das Zentrum einer fiktiven – und doch so realen – fremden Stadt. In diesen Momenten setzte auch Z. seine verspiegelte Sonnenbrille und die Schirmmütze ab, sah mir lachend in die Augen und pointierte den Augenblick mit einem kleinen Vers (wie auch der Protagonist die Sprüche und Reime der Anderen wiedergibt), mitunter auch von Ringelnatz oder Karl Valentin. Da war er ganz anwesend, einfach hier. Eine kleine Initiation, deren reduktionistische und wunderbar beobachtend-teilnehmende Betrachtungsweise dem wertenden Geist einen der Plätze jenseits des wahren Erlebens zuweisen. Mein Tag in einem anderen Land.

2021 2 Apr

Under A Spell

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Eines Abends vor knapp 40 Jahren fuhren wir mit einem alten Käfer aus Frankfurt hinaus in den Sonnenuntergang. Zum Glück hatte der Wagen zwei dicke Boxen hinten in der Wanne und T. schob eine neue Kassette in die Autoanlage, um das Knottern des Käfers zu übertönen. Sofort füllte sich der Raum mit Ghosts von Japan, einer Gruppe, die mir bis dahin sonderbarerweise entgangen war. Gesellte sich zu dem intensiven Abendlicht und ergriff mich instantan. Einer der großen magischen Songs der früher 80er und Beginn meiner Faszination für eine Band, die sich mit meinem damaligen Lebensgefühl in einer wunderbar weiten Resonanz befand. Neben Tin Drum besorgte ich mir umgehend auch Quiet Life, das gerade in remasterter und erweiterter Fassung wiederveröffentlicht wurde. Hier wurde diese einzigartig exzentrische Atmosphäre noch klarer und transparenter herausgearbeitet, ein Flashback und die gleiche Durchdrungenheit und Frische wie beim ersten Hören. Wie von einer höheren Macht ergriffen …

 

Under A Spell. Jahrzehnte später sitzt der damalige Keyboarder Japan’s Richard Barbieri in seinem Studio und beginnt seine neuen Ideen schrittweise anzugehen. Dann kam die Pandemie und verhinderte, dass er seine Skizzen wie geplant mit vielen anderen Musikern umsetzen konnte und immer wiederkehrende, seltsame Träume beschäftigten ihn. So nahm alles eine ganz andere Richtung, Stimmungen verdichteten sich im Unbestimmten, schwebende, abstrakte Klänge begannen einen bestimmenden Raum einzunehmen, Stimmen geisterten durch seinen Sinn. Schon lange waren ihm die Vocals, wie sie Can z.B. in Future Days oder Brian Eno und David Byrne in My Life in the Bush of Ghosts eine Inspiration. Stimmen, die selbst nicht vordergründig sondern mehr instrumental, atmosphärisch, ja fast gespenstisch einherkamen. Düster bahnen sich die Hyphen auf dem Cover den Weg nach oben, gespenstische Vorboten neuer Klangräume. Under A Spell als Titelstück zieht den Hörer fast tranceartig ein in diese Welt, die wie gebannt sich unter den äußeren Abläufen zu formen beginnt. Zwischen den längeren Stücken finden sich kürzere surreale Skizzen in denen Gastvokalisten wie Steve Hogarth und Lisen Rylander-Löve schemenhaft und schattengleich in Erscheinung treten. Flare 2 treibt hypnotisch durch immer dunkler werdende Gefilde, dann das magisch-beklemmende Serpentine, in dem Percy Jones seinen unverkennbaren Bass in die gespenstische Melange einfließen lässt. Darkness will find You. Klangtexturen, mal abstrakt, mal traumartig, alptraumhafte Gewebe und schwebend-fieberhafte Visionen, vom Fassbaren immer etwas weiter entfernt als das Ende der Stücke zeigt sich die subtile Kunst des Richard Barbieri, immersiv, verhuscht, wie in Parallelwelten verschoben in denen das leere Pandämonium der Pandemie mit am Mischpult sitzt. Doch gegen Ende der langen, leisen Stunden nach Mitternacht entlässt er uns mit Lucid, einem sonderbaren Lichtschimmer einer oneiroiden Reise. In einem Interview antwortete Barbieri einmal auf die Frage welche Alben er mit auf eine einsame Insel nehmen würde Talk Talk’s Spirit of Eden und Robert Wyatt’s Rock Bottom, die wie eine leise Reminiszenz durch die lange Dämmerung dieses Meisterwerks nachklingen.

 
 
 

 

Z60 – Zapfenstreich: Ladies and Gentlemen, may I proudly introduce an Anpassungsproblem wegen Vereinsamung, Verlust sozialer Beziehungen, soziale Isolierung, womit der International Code of Diseases einen Zustand bezeichnet, der dem eines Fallschirmspringers in nicht endendem Wolkenmeer gleichkommt, wenn sich sein Schirm nicht öffnet. Ein kalter Aufguß in einer eisigen Sauna, die wir schon lange nicht mehr betreten dürfen. Aerosol Grey Machine für atemlose Autisten, Dauerdusche in der Dunkelkammer. I advance masked. Warst Du schon mal gesund? Lauter Bäche, eher Kloaken fließen murmelnd und mahnend ins Jammertal und mit diesem einen Spahn zündet in der dunkelsten Nacht keiner mehr eine Kerze an. Im Gegenteil: Der letzte macht das Licht aus. Ruhetage für humanoide Mutanten. Ein gläserner Sarg oder ein Herz aus Glas. Unzutreffendes bitte streichen. Zwei Tabletten Vomex und ein halbleeres Glas Wasser. Die virale Pein der Phantasielosen und die viroide Lust der finsteren Propheten. Serieller Sieg transfiniter Minderheitenmathematik, ein goldenes Kalb. Heilige Misanthropie der Moribunden. Die dunkle Seite der Macht. Die Angst des Torwarts beim Elfmeter. Die Einsamkeit des Surfers auf der dritten Welle kurz bevor sie bricht. Hattrick of the mad Hatter (sad matter!). Dauerlutscher oder Daumenschrauben für die Drillinge. Opiumschwämmchen fürs Volk. Lonesome like Silver Surfer in der nach unten offenen Abwärtsspirale, wahrlich ohne Mission – Mission impossible: Alternative facts or alternative fakes? Wirklichkeit ist das, was funktioniert definierte Gautama Buddha einst. Dann scheine ich unwirklich geworden zu sein. Ein andalusischer Hund. Der Beobachter ist das Beobachtete, aber schaut wirklich noch jemand hin? Wollt ihr den totalen Shutdown? Trennwände aus Plexiglas. Die letzte Wiese, ein leeres Theater, aber die Luft ist rein. Zorro oder Zoppo Trump? Z60.

 
 
 

 

Es geht jedenfalls schon einmal gut los und die Aussichten sind sehr hoffnungsvoll:

Favorite Albums (33):

Grandbrothers – All the Unknown, Biosphere – Angel’s Flight

 

Reissues (10): –

Brian Eno – Rams wird sicher irgendwo auftauchen. Bin aber noch unentschlossen, ob dieses Album nicht doch zu den 2021’ern zählen sollte (oder vielleicht als Nachtrag für 2020 durchgeht)…

2021 3 Jan

Uli’s Favoriten 2020

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Nun wird es endlich Zeit, wo doch das neue Jahr schon angebrochen ist, meinen Jahresrückblick zu schreiben. Der wird dieses mal aus 33 Favoriten, 11 Wiederveröffentlichungen und 3 Nachträgen für 2019 bestehen und zieht dabei einen spannenden Bogen zwischen meiner zweiten Phase der Musiksozialisation und der Gegenwart. Einer der wichtigsten Protagonisten ist hier Jon Hassell, dessen Alben mich vom ersten Hören an in ihren Bann gezogen haben und dies, nicht nur bei den Reissues, auch heute noch tun. Andere waren und sind Brian Eno und der jüngst von uns gegangene Harold Budd, deren Plateaux of Mirrors ich zum ersten mal in einer kaputten Anlage in einem alten, schrottigen R4 bei der Fahrt in den Sonnenuntergang hörte. Die Musik hat trotzdem funktioniert und fasziniert. Womit der 4. Musiker der Ambient 1-4 Serie, Laraaji natürlich nicht fehlen darf, dessen Sun & Moon Piano es zwar knapp nicht in meine Favoriten geschafft haben, aber dafür der grandiose, einfache Konzertmitschnitt Through Luminous Eyes, wo Laraaji ganz entspannt mit einer Hand Piano und mit der anderen Zither spielt. Ein weiteres Highlight ist Markus Stockhausens Wild Life, das ein überbordendes Statement seiner Kreativität und Originalität ist. 

 
 

 
 

    1. Stephan Thelen – World Dialogue
    2. Peter Schwalm/Arve Henriksen – Neuzeit
    3. Jon Hassell – Seeing Through Sound
    4. Max De Wardener – Music for Detuned Pianos
    5. Eivind Aarset/Jan Bang – Snow Catches On Her Eyelashes
    6. Roedelius – Selbstportrait: Wahre Liebe
    7. Phillip Sollmann – Monophonie
    8. Bohren & Der Club Of Gore – Patchouli Blue
    9. Pantha Du Prince – Conference Of Trees
    10. Paradise Cinema
    11. Ceeys – Hausmusik
    12. Echo Collective – The See Within
    13. Irmin Schmidt – Nocturne
    14. Yello – Point Yello
    15. Jo David Meyer Lysne/Mats Eilertsen – Kroksjø
    16. Roger Eno/Brian Eno – Mixing Colours (Extended)
    17. Samuel Rohrer – Continual Decentering
    18. Maxwell Sterling – Laced With Rumour: Loud-Speaker Of Truth
    19. Markus Stockhausen – Wild Life
    20. Deux Balaines Blanches – Singende Drähte
    21. Laraaji – Through Luminous Eyes
    22. Die Wilde Jagd – Haut
    23. Cosmo Sheldrake – Wake Up Calls
    24. Nicolas Jaar – Cenizas
    25. Eyvind Kang – Ajaeng Ajaeng
    26. Giorgi Mikadze – Georgian Microjamz
    27. Acid Pauli – MOD
    28. Sonar w. David Torn – Tranceportation Vol 2
    29. Robin Guthrie/Harold Budd – Another Flower
    30. Loma – Don’t Shy Away
    31. Sevdaliza – Shabrang
    32. Jonny Nash & Teguh Permana – Poe
    33. Christina Vantzou & JAB – Landscape Architecture

 

Bei den Reissues sind die Japaner mal wieder gut vertreten wobei ich hier besonders auf das exzentrische Anecdotes von Motohiro Yamase, verweisen möchte, das einen eigenständigen, magischen  Entwurf zur japanischen Fourth World Music darstellt. Ebenfalls erwähnenswert ist der Japaner Yas-Kaz, der lange auf Bali lebte und sich mit der dortigen Musikkultur intensiv auseinandersetzte und mit seinem Schaffen Musiker wie Ryuichi Sakamoto, Midori Takada und Shoji Yamashiro stark beeinflusste.

 

    1. Jon Hassell – Vernal Equinox
    2. Ryuichi Sakamoto – Hidari Ude No Yume
    3. Hiroshi Yoshimura – Green
    4. Jon Hassell/Farafina – Flash Of The Spirit
    5. Ultravox – Vienna
    6. Various Artists – From Brussels with Love
    7. Motohiko Yamase – Anecdote
    8. Young Marble Giants – Colossal Youth
    9. Yas-Kaz – Jomon-Sho
    10. Roedelius – Tape Archive Essence 1973-1978
    11. Julia Kent – Green and Grey (Expanded)

 
 
 
              
 
 
 
Schließlich kommen die Nachträge zu 2019, die völlig unterschiedliche Ideen verwirklichen:
 

    1. Jessica Ekomane – Multivocal (elektronische Installationsmusik zwischen Ligeti’s Metronomkonzert und Steve Reich’s Experimenten mit subtilsten Rhythmusverschiebungen)
    2. Henrik Schwarz & Alma Quartet – CCYMK (Elektronische Improvisationen und Live Bearbeitungen mit einem Streichquartett – experimentell und dennoch bestens hörbar)
    3. Toshinori Kondo – Blow The Earth (India) (frischer Wind von dem japanischen Trompeter zwischen Jazz, Duo und Elektronischem, atmosphärisch enorm dicht und fein gewebt)

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