Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 22 Apr

Dark Star Safari

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Recently they took a picture of a black hole. Or does the title include a reminiscence to the last album of David Bowie? It opens up with a quiet and wide improvisation as the project started at all. Then the singing starts which seems to be very familiar. Obviously new but all still so familiar. Yes, they worked with Tigran Hamasyan on Atmospheres. one of the most extraordinary albums of 2017. And of course they recorded with David Sylvian severeral times. Now they’ve started their own Dark Star Safari. Listen!

 

 

 

2019 21 Apr

Time Travel into Liquid Sky

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Völlig irre Story: unsichtbare winzige Aliens sind auf der Suche nach dem ultimaten Kick, den sie vorzugsweise in heroingeflashten Gehirnen finden. So landen sie auf dem Dach eines neonbeleuchteten New Yorker Penthouses, das von der drogenbenebelten, androgynen und promiskuitiven Margeret und ihrer Loverin Adrian bewohnt wird. Margeret versucht in der New Wave-Fashionszene ein bisschen weiterzukommen und lässt sich mit erstaunlicher Indolenz auf diverse (oder auch mal perverse) Typen ein, die sie vögeln wollen. Während die Aliens entdecken, dass die körpereigene Opiatausschüttung beim Orgasmus der bessere Kick ist, kommt ihnen ein deutscher Wissenschaftler durch höchst obskure Hypothesenbildung gefährlich nahe. Doch dann beginnt die grelle Story zu eskalieren, Margeret kriegt an einem echt miesen Tag einen deftigen Run und ihre Geschlechtspartner haben auf einmal eine lange Kristallnadel im Kopf und verschwinden dann schlagartig.

Eine zugegebenerweise etwas krude Geschichte, wie sie nur in der New Wave-Szene New Yorks Anfang der 80er Jahre entstehen konnte, irgendwo zwischen Post-Punk, Fashionhypes und Discofieber, die mit teilnahmslos-paranoiden Realitätsverlust unterkühlt und optisch überzogen eine eigene surreale Welt mit fatalem Ausgang entfaltet. Dieser Low-Budget-Film von 1983 avancierte schnell zum Kultfilm und hielt sich 28 Wochen in den amerikanischen Top-Filmcharts und hat bis heute nichts von seiner künstlerischen Faszination verloren. Und der Soundtrack des Regisseurs Slava Tsukerman trägt mit seinem sehr reduzierten, wavig-technoiden elektronischen Sound viel zu der eigenwilligen Atmosphäre bei und ist nun endlich wieder zu haben.

 
 
 

 

Um der gepflegten Langeweile des Musikbusiness zu entfliehen entschieden die vier fiktiven Herren sich auf Kosten ihrer Plattenfirma auf den Weg in den hohen Norden zu machen und eine fremde archaische Kultur zu studieren, während andere noch mühsam versuchten nach dem Woodstock-Impuls etwas Eigenständiges zu kreiren. Die einen sagten, dabei seien Klassiker herausgekommen, die Anderen erfeuten sich gewohnter Kadenzen und wiederum andere gähnten, aber mehr aus Unbehagen. Und die fiktiven Herren fügten ihre Polarlichterfahrungen in einem konzeptionellen Netz aus Seehundsfellen und Walfischsehnen zusammen. Alle Geschichten des Albums werden in der Vergangenheitsform erzählt, denn heute sind die verbleibenen Mitglieder der fremden Kultur aus ihrem Elend gerettet worden und verbringen dem Kulturbürger gleich ihre Lebenszeit vor dem Fernseher. Genau genommen wissen wir aber gar nicht, wie weit die fiktiven Herren wirklich gekommen sind und schon gar nicht, wie viel mehr sie vielleicht nach innen als nach außen gereist waren. Fest steht, dass sie die archaische Sprache des fremden Volkes nie wirklich erlernten oder verstanden, aber auf nicht nachvollziehbaren Wegen eine Vorstellung ihrer Musikkultur entwickelten. Instrumente aus Tierfellen und -knochen bilden so das Zentrum ihrer Vision, die in ein subtiles arktisches Ambiente eingepflegt wurden und so ganz ohne Worte die überlieferten Geschichten von Walroßjagden, Geburt und Tod, Zauberern und bösen Geistern und der gefürchteten arktischen Hysterie erzählten. Ein entspannter Geisteszustand und eine warme Decke werden dem geneigten Hörer empfohlen. Da, wo im endlosen Weiß jede Struktur zu verschwinden droht ist ein rhythmisches Element das einzige, was noch etwas Halt und Orientierung im Orientierungslosen geben kann. Ein Klassiker, der seiner Zeit endlos weit voraus war und der zum Zeitpunkt seines Erscheinen verstörte und Verwirrung hinterließ und der jetzt remastered endlich wieder vorliegt, transparenter als je zuvor und immer noch in einer parallelen Zukunft verborgen. Ergänzt durch Ephemera, Stücke, die im Umfeld entstanden sind und teilweise auch andere ethnische Traditionen zitieren oder bizarre (Live-)Versionen einiger Stücke, vieles davon bislang unveröffentlicht. Um wer dann verloren sein sollte in arktischen Weiten, die rituelle Hysterie hinter sich gelassen hat und immer noch einen Expeditionsdrang verspürt, dem sei die bald erscheinende Deconstructed-Version dieses Werkes mit den einzelen Spuren der Tracks empfohlen, mit denen sich jeder seine eigene akustische Arktis erstellen kann. Eskimo.

 
 
 
            
 

Das klassische Piano-Bass-Schlagzeug Trio bietet eine ungeheure Bandbreite musikalischen Ausdrucks. Allein die Reduktion auf das Essentielle kann zu ungeheuer spannenden Ergebnissen führen und lässt sehr viel Raum für den individuellen Ausdruck jedes einzelnen Musikers. So finden sich hier sowohl äußerst innovative Gruppen aber auch jede Menge Stammhalter gepflegter Langeweile. Bei der Innovation stehen die frei improvisierenden Trios ganz vorne und auf der anderen Seite finden sich die ewig redundanten Interpreten des/der Standarts, die gut geeignet sind eine Absackerbar hintergründig zu beschallen und sich beim ausschließlichen Hinhören aber auch gut zur Schlafinduktion eignen.

Platon’s Hyperuranion ist das Reich der Urideen, die allen Phänomenen und Erfahrungen in idealer Form zugrunde liegen. Es ist ein Bereich im Überirdischen, wo sich alle Ideen gesammelt finden, die sich dann in Schönheit und Wahrheit in der phänomenalen Welt manifestieren. Es ist die ewige Quelle der Inspiration für die Seelen, die dann versuchen nach ihrer Inkarnation hier auf der Welt ein Abbild der Erfahrungen und Ideen des Hyperuranions nachzubilden. Sokrates stellte dieses Reich sogar über die Götter, deren Göttlichkeit sich aus dem unmittelbaren Wissen dieser idealen Urformen ergeben sollte.

In der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Alle? Nein, denn die Nacht schluckt die schwarzen, die unsichtbar werden und sich lautlos bewegen: auf den Dächern, in finsteren Winkeln, in lichtlosen Konzertkellern und dann plötzlich zuschlagen, um dann wieder so schnell mit der Dunkelheit verschmelzen, wie sie in Erscheinung getreten sind. Hier beginnt diesesmal alles mit einem heftigen Schlag: ein synthetischer Technopulse, der Katapultwirkung hat und mit einem bizarren „I’ve got Blisters on my feet“ durchwoben wird. Aber halt: was ist das eigentlich? Techno? Math Rock? Jazz? Wave? Zu diesem Zeitpunkt ist kein Urteil möglich, denn Chat Noir startet auf ihrem neuen Album Hyperuranion eher als Black Panther (wenn der Begriff nicht schon so besetzt wäre…) als als Katze. Vor mehr als einem Jahrzehnt von Michele Cavallari und Luca Fogagnolo als Jazztrio gegründet, bewegte sich die Band alsbald weg vom konventionellen Repertoire und begann, auch unter Hinzunehme von Gastmusikern, sich in experimentelle Gefilde zu bewegen. So half auf ihrem letzten Album Nine Thoughts For One Word bereits J Peter Schwalm den experimentellen Boden zu bereiten, der sich aber auf Hyperuranion viel intensiver neue Wege sucht. Dieses mal sind der schweizer Schlagzeuger Moritz Baumgartner und Daniel Calvi an der Gitarre mit von der Partie. Und auf vier Stücken Nils Petter Molvaer, der sich grossartig und unglaublich dezent in das Konzept dieses faszinierenden Klangreichs einfügt, aber nicht ohne die sphärische und jazzige Seite tiefer in das Gewebe dieser Musik einzufügen. Ein Großteil dieses Albums entstand im technoiden Gegenstück des Hyperuranions: in der Cloud. Hier wurden Ideen und Klangfarben gesammelt, um sie dann als Improvisationsgrundlage im Studio einzusetzen und den Ideen so eine subtile, wie kraftvolle Vitalität im Reich manifestierter musikalischer Formen zu geben. Längst hat Chat Noir hier das Piano gegen Synthesizer ausgetauscht und mit Samples und Entfremdungsmöglichkeiten gespielt.

Humanity klingt nach dem wavig-funkigen Opener ganz ruhig und fast ambienthaft sanft, von Molvaers Trompete getragen. Immediate Ecstasy zieht dann schon wieder an und lässt offen, ob die Schönheit der Klänge oder der Drang des Rhythmus den grossen Ideenreich entlehnt ist und geht dann fast nahtlos in das treibende Overcome, das überraschende und skurrile Wendungen bereit hält über. Quasar schwebt dann wieder im unendlichen Raum, Glimpse schaut verschwurbelt in bislang unbekannte Welten, denen beiden Molvaer warmen Atem einhaucht. Aus diesem Schweben bricht dann bei Ten Elephants eine Elefantenhorde hervor, brachial und bebend und wird von Matador Insects gefolgt, das ein unentwirrbares Labyrinth exotischer Klänge und Wendungen entfaltet, an dem ich mich nicht satt hören kann, um dann wieder in den primordialen Raum zu entschwinden, aus dem sich dieses musikalische Vexierstück manifestiert hat. Kraut-Jazz für die Götter, der mit einer unglaublichen Fülle an Ideen und Klängen spielt, tanzt, stampft, röhrt und sich ganz unsenitimental träumend wieder im Reich der ewigen Ideen verliert.

Chat Noir haben sich zum musikalischen Pendant von Schrödinger’s Katze entwickelt, bei der man nicht weiß, ob sie tot ist oder lebt, solange man die Kiste nicht geöffnet hat: Solange sie im Hyperuranion verweilen bleibt völlig offen in welcher Ecke des idealen Ideenreiches sie gerade Verstecken spielen bis das letzte Stück zu Ende ist. Ich bin dann mal weg …

 
 
 

 

2019 2 Mrz

Ein Tubaner! Ein Tubaner!

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Echte Tubaner sind rar geworden. Das letzte mal als ich einen sah, konnte ich von ihm leider nicht viel erkennen, genau genommen nur seine Beine. Mehr schaute hinter der gigantischen Tuba leider nicht von ihm hervor. Dafür gab er aber sonst in der kleinen Balkan-Jazz-Combo den besseren Funkbassisten ab. Vielleicht trägt unser aktueller Protagonist ja deshalb so gerne einen Hut. Und legt ein Debütalbum vor, dass es in sich hat. Hören konnte man ihn schon davor bei den Sons of Kemet und bei Makaya McCraven, wo er die Baseline stemmte. Und jetzt kommt Theon Cross mit Fyah und lotet die die Klangräume der Tuba gewaltig aus mit Unterstützung von Nubya Garcia am Saxophon und Moses Boyd am Schlagzeug. Mit Activate legt er gleich am Anfang die Devise fest und groovt mit Schwung los, bei The Offerings fällt es an manchen Stellen schon schwer, die Tuba überhaupt als Ursprung einiger Töne zu erkennen, wobei er auch im weiteren Verlauf mit den Stilen und Möglichkeiten sehr unprätenziös und beiläufig spielt. Erst bei Letting Go, lässt er tatsächlich etwas locker und pulst ruhig voran, fast hypnotisch und thematisch ein bisschen an eine  Mischung aus dem Lifer von Bengt Berger Bitter Funeral Beer und frühen Jon Hassell Stücken erinnernd. Bei Candace of Meroe und CIYA spielt die Musik in etwas anderer Besetzung, die hier durch Artie Zaitz, einen E-Gitarristen ergänzt wird. Da brodelt die Tuba wie ein musikalisches Schlammloch im Yellowstone Park, bebt im Untergrund, funky. Dazwischen gibt es noch Panda Village, entspannt und gegen Ende sehr elektronisch und zum Schluss – nicht ohne Zwinkern in Richtung des alten Clash Titels – LDN’s Burning, das final klarstellt, was hier gerade im Underground Programm ist. Tuba mit Turbolader.

 
 
 

 

2019 6 Feb

Under a Massive Attack

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Beim Betreten des kuppelförmigen Konzerthauses war bald im Hintergrund ein monotoner Subbassrhythmus zu vernehmen, der sich – nicht laut – aber beharrlich über eine Stunde ins Bewusstsein hämmerte und irgendwann unabweisbare Assozitionen zu dem großen Erdbeben- und Vulkanausbruchsimulator in Lanzarote aufkommen ließ. Ich empfehle immer gerne einen Besuch dort, weil sich dort herbe Naturkatastrophen bequem und effektreich in den Vergnügungstempel einfügen und für ein unvergessliches Erlebnis sorgen. Unter der Kuppel des Saales hingegen änderte sich nun etwas: es kam Musik. Erst beim dritten Hinhören erkannte ich einige 20 Jahre alte Top-Charthits, von Robbie Willams, Britney Spears, Aerosmith, Madonna, Cher und viele mehr, die zur Einstimmung auf das Bevorstehende einfach um des gesamten Frequenzbereichs oberhalb von ca. 2000 Hertz beraubt worden waren und so die Basstrukturen vor sich hinwummerten. Düster und grob entstellt. Ein Testfall für den Hörgeräteakustiker.

Grelles Gegenlicht. Die Musiker betreten die Bühne, keine Vorgruppe. Sie wäre ohnehin chancenlos gegen das gewesen, was nun kommt. Massive Attack, die von der ersten Sekunde an ihrem Namen mehr als alle Ehre machen. Der Subbass wird lauter, fängt an bei einem Velvet Underground-Cover genüßlich mit den Gedärmen zu spielen, während die restliche Musik und die hochkomplexe visuelle Installation wie ein Kunsttsunami von der Bühne über uns hinwegfegt. Mit grenzenloser Intensität und ungeheurer Wucht. Keine Kompromisse, keine Pause, kein Aufatmen dazwischen. Die Schallwand verschluckt uns mit einem Biss, jagt uns durch ein Universum von Bildern, die Zitate, Untermalung, politisches Statement oder quälende Konfrontation mit dem Schatten medialer Idiotie zugleich sind. Immer wieder werden Texte, teils auch in Deutsch eingestreut, die kryptische Aussagen verbreiten. Außerhalb des Vergnügungstempels geht der Krieg weiter. In der 2D-Welt leben die Toten weiter und lassen uns nicht los (wozu Ausschnitte aus Filmen mit längst Verstorbenen laufen oder auch mal im Nachtsichtmodus gefilmte reale Todesfälle). Wir leben in einer Dauerschleife. Lasst sie uns beenden und beginnen unsere Zukunft zu gestalten. Zwischendurch nette Accessoirs aus der Filmbranche z.B. Monstermasken im Großformat, Bilder aus dem Syrienkrieg und bizarre Sequenzen mit Putin und Trump. Was bei diesem Gesamtkunstwerk im Vordergrund steht lässt sich kaum sagen, weil jeder Welle sofort die nächste folgt. Es ist der 20. Geburtstag von Mezzanine und so werden nur die Songs von diesem Album gespielt und alle sind dabei, sogar Horace Andy und zum ersten mal seit Jahren wieder auf der Bühne die unübertreffliche Elizabeth Fraser, deren Gesangsparts nicht nur bei „Teardrop“ für höchsten Chill-Factor sorgen. Aber Massive Attack wären nicht, was sie sind, wenn sie nicht zwischendurch zitieren und covern würden. Wobei Covern hier heißt die Stücke in das akustische Gesamtgefüge mit nachdrücklichster Betonung des unteren Frequenzspektrums nahtlos einzufügen. The Cure, Ultravox, Bauhaus und nicht zuletzt den guten alten Pete Seeger, der schlichtweg in sein absolutes akustisches Gegenteil verkehrt, basslastigstens unerkennbar bleibt. Aber mit vollster Wucht von der ersten bis zur letzten Minute, konfrontativ und unausweichlich. Ein nicht verhandelbares Statement, künstlerisch komplex und vielschichtig, aber in der Haltung freundlich, tolerant, weltoffen und multikulturell. Volle Dröhnung, kompromisslos, konsequent. Noch nie eine so harte Performance gesehen, ohne dass mir die Ohren danach nicht gepfiffen hätten. Massive Attack. There are no enemies anywhere. I Will Love.

 
 
 

 

 

 
 
 

Zu den Zeiten als es noch echte Telefonzellen gab, spendierte die englische Partnerstadt (man könnte auch Schwesterstadt sagen, wohingegen Bruderstadt gendermäßig verwirrend wäre) unserem Städtchen eine typisch englische Telefonzelle als Zeichen interregionaler Verbundenheit. Aber heute, wo fast jeder mehr Mobiltelefone als Ohren hat, braucht natürlich keiner mehr eine Telefonzelle. Abbauen geht aber auch nicht, wenn man die inzwischen brexitgefährdete Verbundenheit nicht ernsthaft in Frage stellen möchte, also liegt es doch nahe das nicht mehr Benötigte mit etwas anderem aus der Zeit Gefallenem zu kombinieren und dieserart kulturelle Nutzwerte zu kreieren: Einen honorigen Bücherschrank! Eine Schatzgrube des Vergangenen und Vergessenen! Hat man sich erst mal durch die redundanten Berge von Nachkriegs- und Wirtschaftswunderromankultur und unglücklich verschenkter Belletristik durchgekämpft, können in der zweiten Reihe oft unverhofft wahre Schätze auftauchen.

So stieß ich heute recht unverhofft auf eine Totalausgabe (!) der gesammelten Werke von Wolfgang Neuss. Noch bei Zweitausendeins verlegt. Die hatten damals ständig Ärger mit der Zensur und etliche Bücher mussten wieder eingestampft, geschwärzt oder erst über 18 angeboten werden. Amerikanische Untergrundschriftsteller, anarchistische Basisliteratur oder damals als volksgefährdend eingestufte Literatur zur sexuellen Revolution und eigenverantwortlichem Drogenkonsum standen regelmäßig im Programm und auf der Kippe. Heute verkaufen sie handgeschnitzte Holzvögel, feine englische Wollplaids und den Orient-Express als 3D-Modell. Sogar einige der Merkhefte von Zweitausendeins mussten wegen offiziell fragwürdigen Inhalten eingestampft werden, woran heute keiner mehr denken würde, da sie eher in der Masse der Druckerzeugnisüberschussresteverwertungswerbung klanglos untergehen. Nein, ich kann darüber keine Träne vergießen, denn der Anarchismus der Ja-Sager ist uneinholbar. Und Wolfgang Neuss ein höchst visionärer Konterrevolutionär:

 

Man sollte lieber davon reden, dass heute in der Gesellschaft ein starker Hang zum Über-Anarchismus besteht. Wenn jemand sagt: … ich bin damit einverstanden – das ist die größte Gefahr. Und bei solchen Super-Anarchisten, den Kopfnickern, den Ja-Sagern … wäre ich gerne dabei, denn die könnten wirklich etwas verändern. Eine Sache geht sofort kaputt, wenn hemmungslos ja dazu gesagt wird.

 

Ja, Wolfgang Neuss ist Anarchist. Fast auf jeder Seite politisch unkorrekt: nennt Schwarze, wie es früher üblich war Neger, aber so, dass er sie damit nicht diffamiert sondern satirisch würdigt, empfiehlt Vögelkunde anstatt unverhältnismäßigem Philosophieren (inclusive eines anschaulichen Exkurses) und erinnert uns daran, dass ein Hund im Sinne des Gesetzes ist, wer steuerpflichtig scheißt. Seziert die makabre Wirklichkeit bundesdeutscher Politik als Testamentsverwalter von François Villon. Von brandtaktueller Bombenstimmung bis Tunix. Dazwischen steckt aber auch viel Ernstes: eine wohlbegründete Abneigung gegen dunkelbraune Sümpfe,  unverarbeitete Zeitgeschichte und politische Frontalversager, wie eine ebenso wohlbegründete Zuneigung dazu die Verdummten so zum Lachen zu bringen, dass ihnen Einges im Halse stecken bleibt und sich gleichzeitig genüßlich eine dicke Tüte anzuzünden. Wofür er schließlich auch in einer kabarettreifen Gerichtsverandlung verurteilt wurde und einer nervenärztlichen Untersuchung zustimmen musste, wobei er pressewirksam dem Chefarzt der Nervenklinik vermittelte: Ja, in der Anstalt werden wir so lange reden, bis sie so reden wie ich!

 
 

Jeder weiß, sagt, tut alles.

Es gibt keine Geheimnisse mehr.

Nicht weitersagen!

 

Eine Frage schwirrt

mir durchs Hirn:

Kann man so geschickt schweigen,

dass man verstanden wird? 

 

Kaum ist die Jahresbestenliste veröffentlicht, ja schon wieder Vergangenheit und Lajla wünscht sich Musik aus dem „Palace of Zen“ – da fällt mir das Debutalbum eines jungen DJ und Produzenten aus Tokio in die Hände. Und das hat es in sich. Aber erst mal der Reihe nach: Yoshinori Hayashi ist ambivalent. Beyond mainstream. Mit ausgeprägtem Hang zur Abstraktion und zu Kollagen.

Kollagen liebte ich schon zu Schulzeiten. Damals machte ich im Kunstleistungskurs komplexe Kollagen und jagte sie dann durch den neuen Kopierer der Schule bis sie auf einer formalen Ebene angekommen waren, bis die ganzen Schnipsel und Elemente zusammengehörten, zu Einem wurden. Copy Art. Später setzte ich das, wenn mein Geldbeutel es erlaubte, mit großformatigen Farbcollagen auf Farbkopierern um und produzierte Multiples. Und war nicht zuletzt oft begeistert davon, wenn Musiker das in ähnlicher Buntheit ins Studio bringen konnten. Holger Czukay war z.B. ein großer Meister darin.

 Aber zurück zu Yoshinori Hayashi, der in Japan eine klassisch-moderne Ausbildung erhielt, was Spuren auf Ambivalence hinterließ und zwischen den Zeilen zu vielen unvorhergesehenen kompositorischen Wendungen führt. Die ritualistischen, hypnotischen Stücke verarbeiten Elemente aus der Minimal music, alten Jazzplatten, Dub und House, sowie traditioneller japanischer Musik und nicht zuletzt akustischen Instrumenten und Studiotexturen. Overflow. Eine seltsame Melange von Atmosphären, Grooves und akustischen Found Objects, die gekonnt kollagiert, übereinandergeschichtet, unerwartet hintereinandergeheftet, surreal voneinander abgezogen werden, gerafft und gequetscht, gestretched und verzogen werden. Palanquin Bearing Monkey. Sie fangen irgendwo an als Clubmusik und driften unversehens ins dubbige oder ambienthafte, ist Musik für innere Filme mit unerwarteten Wendungen wie aus den Träumen in den Morgenstunden, wenn der Schlaf nicht mehr so tief ist. Bit of Garden – 0208. Aber das wäre nicht gelungen, wenn nicht alles auf faszinierende und hintergründige Weise zusammengehören, formal auf einer Ebene landen und als Akustik-Koan enden würde. Aber was wäre hierauf die richtige Antwort? Was ist der Duft des Raumes zwischen zwei Stühlen? Geckos.

 
 
 

 

2018 10 Dez

It Must Schwing

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Heute Nacht einen wunderbaren Film von Eric Friedler über die ersten Blue Note Jahre gesehen. Gibt’s noch bis 16.12. in der Mediathek! Sehr empfehlenswert und eine für den Jazz sehr wichtige, aber auch schwierige Zeit sensibel würdigend.

 

 

2018 9 Dez

Spot on Bernocchi

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Über die vergangenen Jahre fiel mir Eraldo Bernocchi immer wieder als Sideman in den verschiedensten Projekten auf und nun hat er sein erstes Album nur unter seinem Namen produziert, was es dann auch gleich in meine Jahresbestenliste geschafft hat. Like a Fire That Consumes All Before It ist der Soundtrack zu Cy Dear, einer Dokumentation über den amerikanischen Künstler Cy Twombly, der unübersehbar auch einen wichtigen Einfluß auf die ECM-Covergestaltung der frühen Jahre gehabt haben muss. Geschaffen hat er eine ruhige, weite und eigene Ambientmusik, die einem Fundament von langsamen infite delays feine rhythmische Strukturen, ein subtiles Schweben und verhallte Pianotropfen zur Seite stellt, ohne dabei je in Gefahr zu laufen in die Nähe von New Age-Akustikaffronts zu laufen. Ein sehr intimes, leises Werk, das sehr viel Raum hat und den Hörer sanft hineinzieht und zum Abdriften verleitet.

 
 


 
 

Wer noch tiefer in die Stille heingehen möchte, dem sei Solitary Universe empfohlen, dass Bernocchi im Februar zusammen mit Chihei Hatakayema, einem der produktivsten und konsequentesten japanischen Ambientmusiker, veröffentlicht hat. Hier tanzen die beiden Gitarristen in unendlicher Langsamkeit um das uns auf ewig verborgene Zentrum der absoluten Stille des Universums, schweben in einer Unendlichkeit in dem dimensionslosen Netz, das der indischen Mythologie nach der Gott Indra knüpfte, um die Welt zu umschließen. In jedem der Knotenpunkte befindet sich ein funkelnder Juwel, dessen Licht bei jeder Bewegung Indra’s oszillierend mit allen anderen Knotenpunkten in Verbindung steht und so den Urgrund unserer gigantischen Illusion des Seins darstellt. Vielleicht bleiben in der Schönheit und Ruhe dieser Musik einmal die Gedanken für einen Augenblick stehen und ein Funkeln weist uns zu einem Blinzeln des ewigen Augenblicks. Wer sich das nur eingeschränkt vorstellen kann, dem hilft hier ein kleines Kunstbüchlein, dem die CD beiliegt, das ohne große Worte, aber mit eigenwillig korrespondierenden, dezenten Fotos von Petulia Mattioli und Yasushi Miura Momente in den Fäden Indra’s Netz einfängt.

Unter den vielen Kollaborationen muss aber noch eine erwähnt werden, von der es mich wundert, dass sie bislang ihren Weg noch nicht in diesen Blog gefonden hat: Winter Garden, von Bernocchi zusammen mit Harold Budd (mit dem er schon früher zusammenarbeitete) und Robin Guthrie 2015 veröffentlicht. Ein Ambient-Monument, dass den gemeinsamen Alben Budd’s mit Brian Eno um nichts nachsteht, ein echter Lifer in seiner hypnotischen Tiefe und eigenwilligen Schönheit. Es beginnt mit dem durchaus praktischen Hinweis Don’t go where i can’t find you, wandert über die Trance von Entangled und dem programmatischen Harmony and the play of light auf fast melancholischen Wegen zum Südpol des Himmels und entlässt den Hörer mit der dann eigentlich nicht mehr notwendigen Empfehlung Dream on in das dringende Bedürfnis danach gleich alles wieder von vorne zu hören. Nie hätte ichgedacht, dass ich mich als frostscheuer Mensch in einem Winter Garden so heimelig fühlen könnte …


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