Manafonistas

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Archives: Zeitreisen

2019 21 Jul

„NF“ – in memoriam

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Norbert kam aus Hamburg. In der Grundklasse des Studiengangs Freie Malerei in Hannover Anfang der Achtziger gehörte er mit Ende Zwanzig schon zu den älteren Semestern und er brachte einiges an Lebenserfahrung mit („die harte Schule“). Auch in der Malerei selbst war er schon weit fortgeschritten, nahezu ausgebildet und gehörte eindeutig in die Kategorie „Malschwein“, wie wir jene nannten, die ihr Augenmerk weniger auf Konzeptkunst und Kopfspiele setzten, sondern auf das action painting – im explosiven, exponierten Gestus der Neuen Wilden, der ihm lag und damals auch en vogue war, sodass die Farbe nur so tropfte und am Bildrand zerlaufend ihr Eigenleben führte. Schnell fand er dann sein Grundthema, dem er bis in sein letztes Lebensjahr, im Alter von zweiundsechzig Jahren, immer noch treu geblieben war: der Verbindung von Schrift- und Zeichenfragmenten mit bildnerischen oder zeichnerischen Form- und Farbgebungen. So ging auch das Figürliche mit dem Abstrakten stets Hand in Hand. Norbert trug sein Herz in der Hose. Zuweilen war er unwirsch, missmutig, konnte klare Kante zeigen. Doch im Kern war er ein netter Kerl und als Freund fehlt er vor allem als Gesprächspartner. Oftmals des Nachts stundenlang durch die Stadt stromernd, teils am Fluss entlang (damals noch mit Tiger, seinem Hund), fühlten wir dem Gewicht der Welt, dem Lebenssinn, den kreativen Prozessen und unseren Zeitgenossen beim Gehen plaudernd auf den Zahn (ja, wir kannten unsere „Pappenheimer“). Seine Kunst hatte stets und hat bis heute viele Freunde. Trotz aller melancholischen Anklänge und provokativen Elemente, aus vielen Bildern sprühten Lebenslust und Mutterwitz wie Funken.

2019 21 Apr

Time Travel into Liquid Sky

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Völlig irre Story: unsichtbare winzige Aliens sind auf der Suche nach dem ultimaten Kick, den sie vorzugsweise in heroingeflashten Gehirnen finden. So landen sie auf dem Dach eines neonbeleuchteten New Yorker Penthouses, das von der drogenbenebelten, androgynen und promiskuitiven Margeret und ihrer Loverin Adrian bewohnt wird. Margeret versucht in der New Wave-Fashionszene ein bisschen weiterzukommen und lässt sich mit erstaunlicher Indolenz auf diverse (oder auch mal perverse) Typen ein, die sie vögeln wollen. Während die Aliens entdecken, dass die körpereigene Opiatausschüttung beim Orgasmus der bessere Kick ist, kommt ihnen ein deutscher Wissenschaftler durch höchst obskure Hypothesenbildung gefährlich nahe. Doch dann beginnt die grelle Story zu eskalieren, Margeret kriegt an einem echt miesen Tag einen deftigen Run und ihre Geschlechtspartner haben auf einmal eine lange Kristallnadel im Kopf und verschwinden dann schlagartig.

Eine zugegebenerweise etwas krude Geschichte, wie sie nur in der New Wave-Szene New Yorks Anfang der 80er Jahre entstehen konnte, irgendwo zwischen Post-Punk, Fashionhypes und Discofieber, die mit teilnahmslos-paranoiden Realitätsverlust unterkühlt und optisch überzogen eine eigene surreale Welt mit fatalem Ausgang entfaltet. Dieser Low-Budget-Film von 1983 avancierte schnell zum Kultfilm und hielt sich 28 Wochen in den amerikanischen Top-Filmcharts und hat bis heute nichts von seiner künstlerischen Faszination verloren. Und der Soundtrack des Regisseurs Slava Tsukerman trägt mit seinem sehr reduzierten, wavig-technoiden elektronischen Sound viel zu der eigenwilligen Atmosphäre bei und ist nun endlich wieder zu haben.

 
 
 

 

 

After midnight, early eighties: listening to BBC Radio, the tune they just played is called „Nightporter“. What a nice but curious sound, a bit like Brian Ferry singing. Something I never heard before. The mysterious studio guest musician is mentioning Jean Cocteau and a certain „difficulty of being“. I am broad awake. Talking on some kind of „Japan“ now. Trying to save some fragmentary information to my short-term memory account, because the plan was made immediately and clear as the daylight to come: the following morning I was going to present those loose-end snippets to the record dealer of my trust, just to let him build a conclusive picture of that puzzle. „Nightporter, the splitting of a cultband and a solo debut – does this make any sense to you?“ Coming home then with an album called Brilliant Trees and, studying fine arts at that time, with another one called Oil on Canvas as a bonusa Frank Auerbach painting on its cover, from a band I never heard of, containing this song called „Nightporter“. Listening to that brilliant fresh stuff I was happy and surprised. A shy, evasive and sophisticated guy with philosophical ambitions, a Pentangle bass player at his side, music that was at the same time folk, avantgarde, funky and ambient. A singing poet fearlessly setting sail, new beginnings. Courageous and romantic attitude, bright beauty spiced with doubt and darkness. Aren´t those the ones that really count who sing their own songs, single-handed written, telling about their true experiences, giving sincere insight to their unique life? What a fine guideline it was! A mirror, a Lifer. These were years with a genius for living.

 

Der Synthesizer als Instrument übte schon seitdem ich einen Schallplattenspieler besaß und mir selber Platten kaufte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Sonst hat ein Instrument seinen Klang und ein guter Instrumentalist kann diesen etwas erweitern, beugen, hart oder sanft hervorlocken, aber es bleibt immer der Klang dieses einen Instrumentes. Beim Synthesizer ist alles anders: da wird der Ton je nach Modell durch unterschiedliche Algorithmen erzeugt und es gibt jede Menge Einflussmöglichkeiten ihn zu verändern, modulieren, ihn groß und weich oder scharf und hart zu machen und insbesondere so zu gestalten, dass da etwas herauskommt, was einfach so noch nie zu hören war. Genau das hat in der Anfangszeit, in der Synthesizer für den normalen Musiker erschwinglich wurden, auch die Art des Musikmachens stark geprägt. Nun gab es endlich die Möglichkeit etwas zu machen, was richtig neu war, die Hörgewohnheiten völlig auf den Kopf stellte. Und das halt nicht nur wie in dem Studio für elektronische Musik in Köln, das zwar einige der späteren Protagonisten stark beeinflusste, sondern im eigenen Proberaum. Und was in den 60er und 70er-Jahren noch einige experimentierfreudige Geister auf den Plan rief, ist heute aus der Musik kaum noch wegzudenken und hat fast alle Genres infiziert.

Good Vibration ist dieses mal nicht der Titel eines Albums der Beach Boys, die zu mögen ich stets gerne anderen überlassen habe, sondern der Titel einer im August zu Ende gegangenen Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum in Berlin über die Geschichte der elektronischen Musikinstrumente. Und die beginnt weit vor der Synthesizer-Ära mit wunderbaren Instrumenten wie dem Theremin, dem Ondes-Martenot und dem Mixturtrautonium, auf dem Oskar Sala nicht nur bizarrste Suiten, sondern auch den Soundtrack zu Hitchcocks Die Vögel komponierte. Neben begleitenden Texten, die verschiedene Aspekte elektronischer Musik beleuchten, werden dann natürlich auch die ganzen Synthesizerlegenden vorgestellt bis hin zu den aktuellen Möglichkeiten das, was früher ganze LKW’s gefüllt hätte elegant in einem iPad unterzubringen – ein synthetisches Taschenuniversum ungeahnter Möglichkeiten, das mich auf eine Zeitreise zurück zu den ersten Momenten, wo ich als Jugendlicher endlich selber die Tasten berühren und an den Knöpfen drehen durfte und mangels passabler Anleitung schrittweise herausfinden musste, welche Auswirkungen jeder Poti, jeder Regler und jeder Schalter so hatte.

 
 
 

 
 
 

Wo damals ein Synthesizer war, war aber auch der Laser nicht weit. Das, was man heute als Taschenlaser zum gefahrlosen Herumleuchten oder als Pointer billig erstehen kann, war damals deutlich größer, hatte die Tendenz mitunter ziemlich heiß zu werden und hatte noch den Mythos des Gefährlichen, vom Preis ganz zu schweigen. Ein alter Schulfreund von mir aber hatte einen Laser und so probierten wir aus, was wir damit so anstellen konnten. Beispielsweise mit einer kleinen Ablenkeinheit, wo auf mehreren Elektromotoren aus Carrera-Autos, die wir individuell in der Geschwindigkeit regeln konnten Spielgelchen mit einer leichten Neigung aufgeklebt waren und die so entstehende Figur dann auf den nächsten rotierenden Spiegel warfen, so dass es möglich wurde phantastische Figuren damit zu zeichnen. Z.B. auf der uns sehr geeignet erscheinenden Hauswand des benachbarten Hochhauses, um unseren Freunden zu signalisieren, wo die Party gerade steigt. Der Effekt war grandios, nur leider fühlten sich die Nachbarn von dem neuartigen, „gefährlichen Laserstrahl“ etwas bedroht.

Der französische Elektroniker Tim Blake war einer der ersten, der sich mit einer Lasershow zu der Musik seines Projektes Crystal Machine auf die Bühne begab und nun ist dieses Frühjahr sein erstes Studioalbum Blake’s New Jerusalem mit einigen Bonustracks wiederveröffentlicht worden. Hier finden sich ohrwurmartige Songs in denen ein kleines Synthesizerarsenal die Hauptrolle spielt und die doch eine ganz eigene, originäre Färbung haben. Insbesondere der lange Titelsong entwickelt einen fast hypnotischen Sog und zapft Ebenen des Bewusstseins an, die zuvor verschlossen blieben. Einige der Songs haben dann später Eingang in das Oeuvre von Hawkwind bekommen, deren Mitglied er lange Jahre war. Sonst wirkte er noch einige Zeit bei der wundersamst anarchischen Band Gong mit und begleitete einige Projekte des französischen Komponisten Cyrille Verdoux.

 
 
 

 
 
 

Der zweite Reissue betrifft einen Meilenstein der elektronischen Musik: Klaus Schulzes Mirage. Er arbeitete an diesem Album als sein Bruder im Sterben lag und erklärt sich so rückblickend, dass dies vielleicht sein dunkelstes und kältestes Album geworden sei. Eine elektronische Winterlandschaft, kristallin, frostig, eisklar. Und auch nach 40 Jahren immer noch ein perfektes Album. Man sagte damals, dass weltweit eigentlich nur drei Musiker wirklich Synthesizer spielen könnten und Klaus Schulze war der erste, der dann dazugezählt wurde.
Mirage war seit Erscheinen ein Monolith für mich mit seinen beiden ruhigen, halbstündigen Stücken. Wenn mich auch heute noch jemand fragen würde, welches Stück Synthesizermusik man unbedingt gehört haben müsste, würde ich stets und ohne zu zögern Crystal Lake antworten, das in seiner kalten Eleganz und seiner hypnotisch dichten Atmosphäre ein zeitloses Highlight elektronischer Musik bleibt. Klebt man einen kleinen Spiegel auf den Basslautsprecher und lenkt dann einen Laser darüber auf eine Leinwand während Musik läuft, ist dies eine wunderbare Möglichkeit der Visualisierung. Vieles aber wird dann leider recht unansehnlich, wohingegen Crystal Lake wundervolle Figuren und Muster mit unzweifelhaft psychotropen Qualitäten zu erzeugen vermag.

Das Album wurde sensibel gemastert, was der Transparenz noch etwas mehr Tiefe gegeben hat und mit einem aus der Entstehungszeit stammenden Stückchen Filmmusik In cosa crede, chi non crede? das durchaus hörenswert ist, ergänzt. This Anniversary induces a massive time travel. A shift where the direction is not clear and I’m afraid it does not only lead to the future from the point I listened to it the very first time. Perhaps that’s the real meaning of Mirage.

 
 
 

 

1 – TIME TRAVELS WITH RAY

 

Ich fragte mich schon, ob ich mich in Träumen verausgabe, die Nackenmuskeln sendeten kleine Schmerzimpulse, aber Daphne, Fan von Borussia Mönchengladbach und spezialisiert auf Tiefseetauchen vor Ägypten, bereitete den Verspannungen ein Ende und renkte mir den vierten Halswirbel ein. Jetzt ist auch das Schreiben wieder eine körperliche Freude, zumal die Zeitmaschine angeworfen wird. Daran besteht ja wohl kein Zweifel, wenn Sie so gut sind und einen Blick werfen auf die besonderen Empfehlungen für den Mai. Danke.

Einige von uns erinnern sich noch an die Zeit, als es, in den Sechzigern, in den Siebzigern, keine so leichte Sache war, an rasche Informationen zu aufregenden neuen Schallplatten zu gelangen. Jeder hatte seine Kanäle, von der Europawelle Saar bis zu den frühen Ausgaben der „Sounds“, von „jazz by post“ bis zum Plattenladen des Vertrauens, aber es gab nicht viele Seelenverwandte, die im Radio die heisse Ware aus den USA, aus England, aus Norwegen und Germanien auflegten. Die Lobbyisten der Klassischen Musik erklärten ihre Ware zur einzig wahren und seligmachenden – diese Idiotenelite!

Ich weiss noch, wie sich über Nacht eine ferne, nahe Welt sperrangelweit öffnete, als ich „All Day And All Of The Night“ oder gar „Mr. Pleasant“ hörte, aufsaugte, verschlang, keine Sekunde verpassen wollte! Die Kinks waren und blieben meine No. 1-Band in jener Zeit, die Beatles waren genauso unschlagbar.

Die Stimme von Ray Davies verankerte sich tief in allen Bereichen des Bewussten und Unbewussten – „Ahnungen all inclusive“. Das Reich der Ahnungen nennt man in der Tiefenpsychologie das „Vorbewusste“, und für Teenager sind diese (nie ganz ausgegorenen) Intuitionen und Träumereien eine besondere Zone der Horizonterweiterung. Wie Rays Gesang Soziales und Sexuelles, Existenzielles und Abgründe, verschwindende Grünzonen und Fünf-Uhr-Tee wahlweise zelebrierte, ironisierte oder filettierte, war einzigartig, und er wurde zu meinem Lieblingssänger der frühen Jahre.

Ich folgte seiner Stimme nicht nur durch die Ära der Hits, sondern auch durch die verschlungen Pfade der Konzeptalben. Jetzt erzählen Sie mir nicht, die „Village Green Preservation Society“ sei an Ihnen vorüber gegangen!? Dann besorgen Sie sich am besten – als Einstieg – das kluge Buch zur Platte, aus dem Verlag „33 1/3“, und versinken in eine Songstudie drohender und fortgesetzter Verluste der Arbeiterklasse und anderer Illusionen. Das Tröstliche im Untröstlichen zu finden, ist eine Tugend, der geschliffene Witz eine Waffe von Mr. Davies.

Jetzt ist Ray 72, seine Stimme in bravouröser Verfassung, und er liefert mit „Americana“ ein weiteres Konzeptalbum ab, das noch besser ist als die weitgehend positiven und respektablen Kritiken. Ich höre das Album rauf und runter, die Favoriten wechseln täglich, für einen Song wie „A Place In Your Heart“ würde ich barfuss zum Pokalfinale nach Berlin wandern. Drei Songalben sind mir in diesem Jahr so nah wie keine anderen gegangen, „Common As Light And Love Are Valleys Of Blood“ von Sun Kil Moon, „Pure Comedy“ von Father John Misty, und eben „Americana“. Ich hoffe, im Monat Mai gesellen sich noch The Mountain Goats und Paul Weller hinzu.

 

2 – ABBEY ROAD MYSTERIES

 

„Missed the sixties? Then grab a copy of William Shaws superb A Song From Dead Lips. This is a terrific mystery novel that moves at the speed of a sixties‘ three minute single and has the best female character this side of Salander in many a year. You can literally hear the Beatles as this andrenalined narrative jets along.

 

Das sind die lobenden Worte eines „Lautsprechers“ der englischen Kriminalliteratur, Ken Bruen, aber sie rauschen etwas zu knallig an der Erzählweise der Romane von William Shaw vorbei. Die bislang vier Bücher mit dem Ermittlerteam Breen & Dozer rufen tatsächlich das alte England der „Swinging Sixties“ wach, aber sie sind allesamt ruhig inzensiert, ohne die Knalleffekte literarischer Pop-Art. Und es macht Sinn, sie in Reihenfolge zu lesen. Die ersten Drei, vorschnell zur Trilogie ausgerufen, gibt es auch in deutscher Übersetzung von Conny Lösch (immer ein Gütezeichen), mit den anglisierten Titeln „Abbey Road Murder Song“, „Kings of London“, und „History of Murder“. Der vierte Thriller erscheint am 8. Mai in England.

William Shaw entmystifiziert jene Ära, in der Rassismus, Frauenfeindlichkeit und eine menschenverachtende Aussenpolitik (Nigeria/Biafra) an der Tagesordnung sind, und die aufkommende „Gegenkultur“ permanent attackiert wird. Wiliam Shaw verfügt nicht über den trockenen, schwarzen Humor der Sean Duffy-Kriminalromane aus nordirischen Bürgerkriegszeiten, aber dafür über gleich zwei faszinierende Ermittler. Breen: der Distanzierte, der  sich schwertut mit dem aufkommenden Freigeist, Tozer, die Sensible und Aufbegehrende: zu Beginn ihres Polizeidienstes steht sie eher auf die frühen Beatles, die betörend einfachen, profunden Liebeslieder. All My Lovin‘ – ahhhh!

 

3 – RESHAPE, REMODEL

 

All My Lovin‘ – ahhhh! Wieder 19 sein, aber die Lebenserfahrung und das Selbstbewusstsein von heute in das jüngere Ich transportieren, und dann sicher anders vorgehen, hier und da, willkommen, ihr alten Scheidewege! Wäre das nicht ein Heidenspass, ein Thrill ohne Ende, und manchmal eine ziemlich verstörende Angelegenheit?! In seinem Zeitreiseromanklassiker „Replay“ geht Ken Grimwood alternativen Lebensoptionen nach, und hat damit im alten Jahrtausend einen Kultklassiker dieses alles andere als zeitlosen Themas geschrieben. Anbei finden Sie Brad Meltzers Liebeserklärung an „Replay“! Und seien sich sicher: das ist alles andere als ein komödiantischer Vorläufer vom täglich grüssenden Murmeltier! Bittere Ironie: Grimwood abeitete gerade am Nachfolgeroman, da kam ihm die Zeit dazwischen. Die gnadenlose Spielart der Zeit, die keine Geschenke bringt.

 

4 – SOMETHING WENT TERRIBLY WRONG

 

Das gnadenlose Wirken der Zeit, das keine Geschenke bereithält, Variation. Die Eröffnungssequenz ist fantastisch: das Kind im Arm, das Handy am Ohr, die Waschtrommel, die kleinen Widrigkeiten, der Gang zum Auto, es kann kaum alltäglicher sein, doch von einem Laut bis zur folgenden Lautlosigkeit vollzieht sich ein Break, und die Frau in der Szene braucht zehn Sekunden, etwas zu realisieren, und dann sind es auf einmal drei Jahre, und immer noch ist der Schock, dass etwas Schreckliches passiert ist, tiefenwirksam, und keiner weiss, was genau, wie und warum. Aus solch einem Mystery-Szenario liessen sich fürchterliche Filme machen, aber bei Damon Lindelofs erstem grossen Opus seit „Lost“ darf man, zurecht, höchste Qualität erwarten.

Hier stranden und scheitern die Menschen in Scharen, die Zurückgebliebenen sind wahlweise tief verstörte Einzelkämpfer, um Reste von Würde und Versöhnung bemüht, oder verbitterte Zyniker, in Lebensverachtung und dunklen Riten vereint. Bewegend, wie das Geschehen oft von Stille unterwandert wird, alle Dialoge unhörbar, und die Musik aus dem Off zur zweiten Erzählstimme wird, und aller Erstarrung wenigstens ein Zeitmass, eine Melodie an die Hand gibt. Die kurzen Zeitreisen hier sind gesammelter Schmerz. „The Leftovers“ (Staffel 1) ist grosses, düsteres, unfassbar spannendes Kino für die eigenen vier Wände. Und, ich verspreche Ihnen: das ist erst der Anfang. (Joeys Liste wird bald ein neues Update benötigen.)

 

5 – FIXING A HOLE

 

Erinnerungsseligkeit ist den Menschen von „The Leftovers“ völlig fremd, „the past is a different country“, bei epochalen Werken der jüngeren Musukgeschichte ist Verklärung leicht zu haben, und verstellt den klaren Blick. Wer braucht schon eine Vitrine? Nach wie vor ist dieses Album (das ich in allen Fassungen besitze, derzeit läuft das 2009 erschienene, remasterte „Mono-Vinyl“) eine sprudelnde Quelle, überreich, unerschöpflich.

Schon das Foto, wenn man das Album aufklappt, und die Beatles einem direkt in die Augen schauen, in dem wunderlichen Outfit als „Lonely Hearts Club Band“, eine Schau, kaum weniger faszinierend wie das legendäre Cover selbst. Man wurde, durch den Blickkontakt allein, Teil des Clubs und all seiner Schwingungen zwischen Fernost und Liverpooler Kindheit, zwischen Meditation, britischer Burkeske, surrealer Träumerei, und all den Orten, zu denen dich das Album transportierte.

Die Platte verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In einem klugen Aufsatz über die Wirkungsgeschichte von „Sgt. Pepper“ las ich vor Jahren, wie in der Stadt, in der alle Blumen in den Haaren tragen sollten, über Wochen, die Musik von drei Platten gleichzeitig aus vielen Fenstern drang, und eine spezielle Symphonie der Grossstadt erzeugte, „A Love Supreme“, „Bringing It All Back Home“ – und „Sgt. Pepper“.

Die nun anstehende grosse Neudarbietung, in der Deluxe-Fassung, enthält alles, Outtakes und Mono (für die Beatles „the real thing“), erstmalig Surround, und verwandeltes Stereo. Beim seinerzeit ohnehin wenig beachteten Stereo-Mix schlichen sich bekanntlich gravierende Fehler ein (die wir beim Hören ausblendeten, gar nicht wahrnahmen, weil der Rausch des Hörens uns nicht in kleinliche Tonfrickler verwandelte). Der Sohn von George Martin wusste, wie sein Vater tickte, und leistet nun wohl ganze Arbeit. Man darf gespannt sein, wie radikal der neue Stereo-Remix die Wahrnehmung aushebelt, die Tim Sommer vor einem Jahr im „Observer“ auf den Punkt brachte:

 

„In mono, Sgt. Peppers’ sounds like an urgent, anxious and sometimes alarming statement; it’s not the over-large bouquet of sickeningly sweet aromatic flowers it appears to be in stereo. Rather then seeming like a fanciful, welcoming LSD dreamscape, the mono version comes across as an almost cynical reflection of its time. The mono Sgt. Pepper’s often sounds skeptical, mocking and it’s altogether more thoroughly rocking.“

 

Das englische Magazin „Mojo“ (Juni 2017j widmet der neuen Edition von Sgt. Pepper allerlei aussagekräftige Beiträge. Paul McCartney kommt zu Wort, Giles Martin, andere Gestalten aus dem Hintergrund, berühmte Zeitzeugen. Jon Savage blickt hinter die Oberflächen jedes einzelnen Songs. „Fixing A Hole“ etwa erzähle von Einsamkeit und köperlicher Arbeit, meilenweit entfernt von den alten Zeiten und dem üblichen Pop-Irrsinn. Die Beatles hatten vor der Produktion des Albums eine längere Auszeit genommen, und waren bereit für Veränderungen. So gehe es in dem Song auch um die Mühen, die jeder Weg zur Erleuchtung mitbringt, und nichts ist im „summer of love“ skurriler als die Reparaturarbeiten an einem Loch zu schildern, durch das Regenwasser dringt. „I’m painting my room in the colourful way / And when my mind is wandering / There I will go / Ooh ooh ooh ah ah / Hey, hey, hey, hey“. Ich sagte ja: nichts für die Vitrine und den Staub im Regal.

 

There you will go, dear listener, ooh ohh ohh ah ah!

Neid kann auch was Herzliches sein, wenn man dem Beneideten alles Gute gönnt, und sich eigentlich nur selbst an den Kopf fasst, dass man damals die Antennen nicht weit genug ausgefahren hatte. Was die Teenager-Initiationen im Mutterland des „Pop“ angeht, zehre ich heute noch von  karg gestreuten Erlebnissen mit dem Seelenfutter der Rockmusik, den Auftritten von Fleetwood Mac und Atomic Rooster in Paignton, sowie, ja, Schlüsselerlebnis, Steamhammer im Londoner Marquee Club. Sweet 16. Das war es auch schon. Und dann stellt sich am Wochenende heraus, „Klassenkamerad“ Klaus hat doch die etwas grössere Nummer erlebt, ebenfalls mit 16 Lenzen, ebenfalls in England. Er sagt „Plumpton“, ich sage: „Was?“, er sagt „Plumpton“.

 

 

Er sagt 1970, ich befrage Google, und da klappt sie auf, die Seite, die das ganze, unfassbare Festivalereignis im englischen Essex dokumentiert, mit Bilder, Berichten und Bootleglinks. Ich studiere die Namen, und frage bei jedem nach: „… und die hast du live erlebt?!?“ Hat er, Tage und Nächte lang,  ich möchte sofort die Zeitmaschine betreten. Ein englisches Woodstrock. Hardin & York, The Incredible String Band (wow!!), Fotheringay, Colosseum, East of Eden, Caravan (oh, my gosh!), Cat Stevens … aber schauen Sie selbst! Es war das Jahr, in dem Herr Stockhausen hoch oben auf einem Dach einen Fünf-Uhr-Tee zu sich nahm, und die Beatles ein letztes Mal „Hey Jude“ sangen.

2017 18 Mrz

BBC Radiophonic Workshop 21

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Previously known as the 21st Birthday Album, this is a gorgeous and goofy compilation of 45 fun and experimental electronic tone poems made for radio and TV from 1958 to 1979, some from the days when the music department only allowed the Workshop to exist by pretending electronic music wasn’t music (just as Forbidden Planet was scored with „electronic tonalities“). So since no one was being taken seriously, the composers could even be women, of whom Delia Derbyshire has recently gained acclaim (in electronic-music geek circles; if you’re not in one, it’s not too late to join!). The longest track, ‚A Whisper from Space‘, is 2:11; so if something doesn’t grab you, wait a minute. If only all records could be this varied and entertaining. Derbyshire’s immortal Dr. Who theme isn’t even necessarily the best track.

(Stephin Merritt, The Magnetic Fields, more of his current musical obsessions in TheQuietus)

2017 14 Mrz

1982

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Am Vorabend hatte John Peel Peter Tosh und The Fall aufgelegt. Wahrscheinlich war das die Stunde, in der ich den Einbruch plante. Ich bin kein Kirchengänger, mich lässt die Architektur des Monumentalen zumeist kalt, aber der Turm der Kirche St. Bride’s in der Fleet Street hatte es mir angetan, seit die Kinks vor dem ehrwürdigen Gebäude in Hosen mit Schlag auftraten und Ray „A Well Respected Man“ sang. Die nächstgelegene Underground Station ist Blackfriars (falls Sie mal vorbeischauen wollen). Angeblich hat der Turm mehrstöckige englische Hochzeitstorten inspiriert. In meinem ganz privaten Leben bin ich auf Scheidungstorten spezialisiert, die selten reissenden Absatz finden. Das kleine Monstrum ist 71 Meter hoch, besitzt fünf achteckige Geschosse und einen steinernen Obelisken. Sir Christopher Wren war der Baumeister. Ein Neuaufbau war nötig, weil 1940 die Brandbomen der Nazis nur wenig übrig liessen. Wrens 1675 geweihte Kirche hatte sechs Vorgänger. Der erste Bau wurde angeblich im von der irischen Heiligen St. Bride gegründet. Ich wollte einmal in Brighton mit einer Folksängerin namens Bridget schlafen, aber sie schenkte ihre Gunst einem anderen, mir blieb eine Single, die ich spielte, bis ihre herben Vokalisen nach Jahren ein Rauschen in der Ferne wurden. Der Chronist Samuel Pepys wurde in diesem heiligen Schuppen getauft, der Dichter John Milton gehörte zur Gemeinde. Spuren aller Epochen sind in der Krypta zu sehen. Ausgrabungen brachten vergessene Grüfte zutage, darunter ein mit 300 Skeletten bis zur Decke vollgestopftes Beinhaus, und ein weiteres, in dem Knochen und Schädel im Schachbrettmuster angeordnet lagen. Zur Ausstellung in der Krypta gehörte schon damals (als ich mir, Peter Tosh und The Fall im Ohr, heimlich Einlass verschaffte und eine Nacht unter der Kuppel verbrachte, im winterfestesten Schlafsack, den ich je besass) ein patentierter Eisensarg, der Leichendiebstahl verhindern sollte: bis 1832 war der Henker die einzige legale Quelle für medizinische Sezierübungen, und so entstand ein gruseliger Handel mit gestohlenen Leichen. Die Nacht dort oben im Winter 1982 war schon ein spezieller Thrill, ich lag über Stunden wach, und wurde morgens von einem Bediensteten entdeckt, der noch üblere Beschimpfungen für mich bereit hatte, als er merkte, dass ich „a fuckin‘ German“ war. Ich erinnerte den schmächtigen Gesellen daran, dass ich kein „fuckin‘ nazi“ sei, dass Flüche im Hause des Herrn keine gutes Licht auf seine Kinderstube werfen, und fragte ihn dann noch, ob er „fuckin‘ Maggie Thatcher“ gewählt hätte.

2017 25 Jan

From the Archives of Borneo

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Summertime. Ein strahlender Junimorgen Anfang der 90er Jahre. Später Vormittag im Innenhof des historischen Museums Frankfurt, der noch halb im Schatten liegt. Barttragende Herren tragen noch Spuren des Frühstückeis im Bart und andere kommen gerade vom Frühschoppen. Normalerweise nicht gerade meine Zeit für Aktivitäten. Aber dieses mal war es obligatorisch. Meine Tochter sitzt auf meinen Schultern und freut sich mindestens genauso wie ich. Was gleich kommt mögen wir nämlich beide.

Bei den Kommentaren zu Jerry Harrisons The Red and the Black fiel unser Blick in die Runde der Side-Projekte der Talking Heads, zuletzt auf David Byrnes Knee Plays. Ein phantastisches Opus, das gerade in Einheit mit Robert Wilsons Inszenierung mir tief in Erinnerung geblieben ist. Jetzt muss ich erst einmal Abbitte leisten, denn hierzu merkte ich an, dass man mich mit Bläsersätzen sonst ganz weit weg jagen könne. Stimmt definitiv. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: es gibt im weiteren Umfeld der Aktivitäten der Talking Heads doch noch ein einziges Bläseralbum, das mich nicht weit weg jagte, sondern dort hinzog, wo es live zu hören war. An diesem Sonntagmorgen zur Unzeit für einen Nachtmenschen nach Frankfurt.

Die Sonne scheint auf die Bühne, ich stehe noch im kühlen Schatten. Der Professor für Jazzsaxophon aus New York betritt die Bühne. Er ist kein Unbekannter mehr: für David Bowie, Talking Heads und Laurie Anderson hat er schon Arrangements geschrieben. Und jetzt Stücke mit seinem Bläserensemble für eine Tanzperformance: Dance Music for Borneo Horns. Lenny Pickett. Was nun folgt ist kein langweiliges Jazzmatinee, sondern knackig und funkig fegt er mit seinen Borneo Horns den letzten Rest der Müdigkeit des Vorabends aus den altehrwürdigen Mauern, die Köpfe klaren auf und die Beine kommen in Bewegung. Meine Tochter auf meinen Schultern auch und ich schwinge darunter so gut es geht ins Gleichgewicht. Was von Minute zu Minute keineswegs leichter wird. Die Sonne steht inzwischen senkrecht, es wird heiß und die Borneo Horns legen an Fahrt zu, werden fetziger, abgefahrene Arrangements zwischen Barock, City Funk, Avantgarde, Steve Reich und einer ganz und gar nicht unsäglichen Bigband. Lenny Pickett and his Borneo Horns. Gibt’s leider nur einmal. Keine zweite Scheibe, aber diese eine reicht.

 
Neglected Treasures

2017 9 Jan

No Plan

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Sommer 76, habe gerade meinen Urlaub halb gegen meinen Willen mit meinen Eltern in einem abgelegenen Bergdorf in den Cevennen verbracht, damals noch ohne geeignete Möglichkeiten Musikkonserven mit auf die Reise zu nehmen. Definitiv die letzte Unternehmung dieser Art. Freute mich also auf meine frisch erstandene Musikanlage zu hause und die Möglichkeit einfach wieder in Klang(t)räumen abtauchen zu können. Damals lief Tangerine Dreams „Zeit“ in Trance heiß, fast eine Vorwegnahme der Ambient Music, nichts woran ich mich wirklich festhalten konnte, ein Fluss, ein Eintauchen in den Augenblick. Just there I am, no plan….

Sommer 76, ich kam in die 9. Klasse – was da lief, war gründlich nachgeordnet – und David Bowie (der mir erst etwas später von unserem kulturell vielseitig interessierten Dorfpostboten vorgestellt werden sollte) kam nach Berlin. Zu Edgar Froese. Vielleicht haben sie sich ja gegenseitig etwas inspiriert, Bowie in seinem Berliner Sound und Froese hat später einmal sogar einen Sänger zu Tangerine Dream geholt, was er alsbald, gut nachvollziehbar, als Fehler einstufte. Nun noch einmal die letzten Songs von Bowie, ein Video im Regen und die beiden Herrn sind fort. Aber hoffentlich nicht in der Ödnis, wo die Zeilen von „No Plan“ uns hin mitnehmen wollen, but here I am …. this is not quite yet.
 
 

Here there’s no music here
I’m lost in streams of sound
Here am I nowhere now?
No plan

Wherever I may go
Just where
Just there
I am

All of the things that are my life
My desires
My beliefs
My moods
Here is my place without a plan

Here
Second Avenue
Just out of view
Here
Is no traffic here?
No plan

All the things that are my life
My moods
My beliefs
My desires
Me alone
Nothing to regret
This is no place, but here I am
This is not quite yet


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