Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Zeitreisen

2020 23 Jul

Spielfreude

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Zu den nachhaltig wirkenden Wertschätzungen der letzten Jahre zählt für mich das Buch Wer nicht spielt, ist krank des Philosophen und Medienwissenschaftlers Norbert Bolz. Auch wenn der Titel mich stets störte, nehme ich es immer mal wieder zur Hand. Denn wer spielt, der ist und bleibt gesund, so müsste es doch heissen. Nichtsdestotrotz nimmt das Buch eine geradezu paradigmatische, symbolische Stellung ein, als Grundüberzeugung. Hinzu kommt eine Fülle aufgeführter literarischer Quer-Verweise, die das Thema vertiefen. Auch weckt der Nachname dieses Autoren Erinnerungen an jene Glücksmomente vergangener Kindertage, als man den Marktplatz eines kleinen Dorfes in einen Bolz-Platz umfunktionierte, um dort Fussball zu spielen. Dieser Platz war eigentlich die Kreuzung von Feldwegen und kleinen Strassen gewesen, die in alle Himmelsrichtungen führten und die Gegend zum leicht zugänglichen Abenteuer-Gelände machten, mit verzaubernden Waldwinkeln, schroffen Böschungen, sanften Hängen, all den prallgrünen Wiesen, den kornblumenblau und klatschmohnrot geschmückten Getreidefeldern. Durchpreschende Trecker, Mähdrescher, Gülle-Anhänger; und auch mal eine Herde Kühe aus dem Bestand der umliegenden Bauernhöfe wurde geduldig durch die Horde des Fussball-ekstatischen Jungvolks getrieben. 

Zerschrammte Knie und kurze Lederhose mit integriertem Brustbeutel für Geldmünzen und Seitentasche für das Taschenmesser waren damals ein untrügliches Zeichen für vitales Jungsein und gelungenes Leben. Heimliches Spatzenschiessen mit Freunden, die an jene proletarischen Randfiguren erinnern, deren eine von der amerikanischen Schauspielerin Julia Garner bravourös darstellt wird in der dunklen Fernsehserie Ozark. Man wohnte dort in spärlichen Behausungen und hatte dennoch auch Zugang zur Kultur. G war damals der grösste Rowdy in der Nachbarschaft und zeitweise mein bester Freund. In dem winzigen Haus am Dorfrand betrieb die Mutter einen Kiosk. Eine Cola und ein Stück Lakritze staubte man dort immer ab. Als Vorgarten diente ein kleiner Sandplatz mit Schlammgrube, in der sich ein glückliches Schwein suhlte. G´s Zimmer war tapeziert mit Bravo-Postern der Band Creedence Clearwater Revival. Er hatte auch die Luftgewehre. Als Mutprobe die Stromstärke der Elektrozäune auf den Viehweiden mit der Hand zu testen (man tastete sich mit einem Grashalm heran, bis einen der Schlag erwischte) gefiel mir weniger. Wie sagte schon ein Mit-Manafonista einst am Telefon: „Du weisst, für unsereins beginnt der Tag mit einer Schusswunde!“

Das Zentrum war also jener Bolzplatz und man dachte sich gerne die passende Identität dazu aus: „Karl-Heinz Schnellinger bin ich schon!“ „Na gut, dann bin ich eben Gianni Rivera.“ Kleiner gedanklicher Abstecher also in weit zurückliegende Sommer. Was bleibt, ist bis auf Weiteres die Lust und Fähigkeit zu Spielen, und auch die Einbildungskraft. Das Bedürfnis, sich die reale Existenz durch Illusionen auszuschmücken, bleibt weiterhin legitime Flucht. Illusion heisst ja: ins Spiel kommen, das weiss auch der rapide alternde Lateiner. Ich schrieb einmal in diesem Blog über das Akustik-Mikado-Spiel, das eine Möglichkeit bietet, mit eigenen Improvisationen locker umzugehen. Eines ist gewiss: im nächsten Leben werde ich ein ausgebildeter Komponist, der auch in der Lage ist, Melodielinien, voicings und Rhythmen Noten-mässig („notariell“) festzulegen, denn nur die notierte Musik hat ihren Namen auch verdient, behaupten wir hier mal ganz unverfroren. Bis dahin bleibt mir als – Achtung: Pleonasmus! – dilletantische Vergnügung das Mikado-Spiel (das kleine Stück vom Vortag, als erholsames Randprodukt, nach zuvor vergeblichen Versuchen der Interpretation eines Eros-Ramazotti-Songs, nannte ich „Define and Dissolve“).

2020 10 Jan

Before the Police came …

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1969 fuhr der junge Dirigent der Münchner Kammeroper nach Amerika zu Bob Moog, um sich über dessen Modularsynthesizer zu informieren. Von einer Mäzenin hatte er 60000,- DM mitbekommen, um bei gefallen einen solchen erwerben zu können. Nach mehrtägiger Einweisung war er mehr als begeistert und kaufbereit. Doch Bob Moog musste ihn wegen der gerade explodierenden Bestellliste gründlich desillusionieren und bat ihn in zwei Jahren wiederzukommen. Doch kurz bevor er zurückfliegen wollte traf eine Lieferung mit vier riesigen Kisten im Hof des Herstellers ein: John Lennon hatte seinen Synthesizer mit der lakonischen Bemerkung: „Too complicated!“ wieder zurückgeschickt. Das war die Chance für Eberhard Schoener, der sofort zugriff und das Exemplar nach München bringen ließ. Bald darauf trat er zum ersten mal damit auf der Weltausstellung in Osaka auf und setzte seine Ideen und Experimente in den folgenden Jahren musikalisch sehr vielschichtig um, wobei seine Herkunft aus der Klassik auf subtile Weise sicherstellte, dass er hierbei die klischeehaften Entgleisungen vieler anderer Musiker weiträumig umschiffen konnte. So legte er 1974 mit Meditation ein bemerkenswertes frühes Ambientalbum vor, dass sich hinter den Klangforschungen der Berliner Schule nicht verstecken musste. Es folgten Bali Agung, das irgendwo zwischen Gamelan unf Trance den Hörer mit auf eine damals völlig neuartige Reise nahm und das programmatische Trance-Formation. Dieses Album markierte den Einstieg des späteres Police-Mitgründers Andy Summers; auf dem Folgealbum Flashback waren dann auch schon Sting und Steward Copeland dabei. Wer aber vermutet, dass sich hier auch nur irgendetwas nach den späteren The Police angehört hätte, irrt aber gewaltig. Es war eher ein Einstieg in den damaligen elektronischen Prog-Rock, dem man den klassischen Hintergrund und eine hohe musikalische Differenziertheit schnell anmerkte. Allein deshalb bin ich es bis heute nicht müde geworden seine 70er-Jahre-Alben immer wieder einmal aufzulegen und überraschend Neues, bisher Überhörtes zu entdecken. Das Ende dieser wunderbaren Serie bildete Video-Magic, das bis heute aus mir unbegreiflichen Gründen nie mehr wiederaufgelegt wurde und irgendwo im Niemandsland zwischen tranceartiger Elektronik, Jazz, Prog-Rock und klassischer Musik spielend wandelt.

 
 

In our day and age

we are experiencing the magic

of technical science.

II see the magic

in the city neon signs.

In the newspaper advertisements.

In the everpresent television

and in the constant

availability of music.

The music of „Video-Magic“

involves all this aspects.

For no one can deny

himself this magic.

A Koan.

 
 

schreibt Eberhard Schoener im Innencover. Ein Text der die magische Aufbruchstimmung der 70er-Jahre, die Faszination für das Artifizielle in Musik und visuellen Künsten, das Spiel mit Neon und Lasern recht treffend wiedergibt. Dinge, die schon lange nicht mehr innovativ sind und auch über die hyperpräsente Musik macht sich auch kaum noch einer Gedanken. Eine Zeitreise. Die erste Seite des Albums ist noch eher rockorientiert: Der elegante Opener Octogon erinnert ein bisschen an Pink Floyd, Speech Behind Speech ist eine komplexe Prognummer mit Ohrwurmmelodie, die von der noch etwas dünnen Stimme Stings intoniert wird, Natural High zitiert in geschickt arrangierten Fragmenten aus der damaligen Rock-Historie, wobei etwas ganz neues entsteht. Und schließlich Code Word Elvis, eine lange magische Ballade, die zwischen den Stilen nahtlos schwingt und auch das Orchester der Münchner Kammeroper, dessen Dirigent Schoener immer noch war, zum Einsatz kommt. Die zweite Seite ist dann hypnotischer und der grosse Moog bestimmt die Klangräume recht komplex und vielschichtig. Video-Magic steigt in eine sequentielle Trance ein, die in Night Bound City elegant fortgeführt wird. Mit San Francisco Waitress kommt Sting noch einmal zum Einsatz und schließlich endet das Album mit Koan, einem langen magischen, von Synthesizerflirren, Streichern und Jazzelementen getragenem Stück, in dem der Brückenschlag zwischen Elektronik, klassischer Komposition und einer Vorwegnahme von Elementen des New Wave am elegantesten gelingt und den Hörer am Ende, wie bei jedem anständigen Koan mit fragend-meditierendem Staunen absetzt. Ein sehr bemerkenswertes Werk, das in dieser Melange nur in Deutschland entstehen konnte und selbst im Rückblick in der Musik der 70er-Jahre wie ein sehr eigenwilliger, vieles vorwegnehmender Fremdkörper verbleibt.

 
 

Am Samstagnachmittag, unsereins gerade auf dem Sprung, da bimmelt es. Nanu, zwei unbekannte Männer, ein bisschen so wie Asterix und Obelix, überreichen mir einen Prospekt. „Es geht um prinzipielle Fragen!“, sagt der vor dem Dinkelstein stehende, kleindrahtig, weisshaarig, altnazihaft wirkend. Freundlich entgegennehmend signalisiere ich, an weiterem Gedankenaustausch nicht interessiert zu sein und so endet die Begegnung im gegenseitigen Wünschen eines schönen Wochenendes. Soweit die kleine Overtüre. Im Fortgang folgt nun die gedankliche Pirouette, die Zeugen Jehovas mit dem Pianospiel von Kris Davis, ferner mit meiner Mutter und einer generellen Liebe zur Jazzmusik in Verbindung zu bringen.

Beim Hören des Stückes „Saturn Return“ aus dem Album Aeriol Piano jener geschätzten Pianistin kamen zwei Assoziationen auf. Es war zu der Zeit, als die öffentlichen Bibliotheken zu einem Pilgerort wurden und ein autodidaktisches Studium geisteswissenschaftlicher Gebiete ermöglichten: zur spannenden Lektüre gehörte auch das Buch Im Zeichen des Saturn von Susan Sontag. Symbolische Eigenschaften wie Lebensernst, Kargheit, Begrenzung und Angst wurden dort gewissen Denkern zugeschrieben, wie beispielsweise Emile Cioran und Walter Benjamin. Mehr noch aber erinnerte mich die von Davis vertonte Rückkehr dieses Sterns in ihrer Spielweise an einen Traum, den ich als Jugendlicher hatte.

Im elterlichen Wohnzimmer war mein Lieblingsplatz in der Ecke direkt neben dem Beistelltisch, auf dem das Röhrenradio und der Plattenspieler standen. Der weite Ausblick durch das grosse Fenster, über Felder und Höfe hinweg, hinab ins Flusstal, am Horizont die Waldböschung: das tat sein Übriges für ein gewisses „erhabenes“ Lebensgefühl. Der Grossvater sass mir schräg gegenüber. Wir hörten oft gemeinsam Marschmusik, eine Sendung im Radio, die für uns Kult war, uns in Ekstase trieb, Generationen übergreifend: ich marschierte fröhlich im Wohnzimmer umher, Opa lachte, drehte an seinem Hörgerät für den optimalen Sound. Für mich war Marschmusik stets der originäre Vorläufer des Rock´n Roll.

Es klingelt an der Tür. Ist es der Bäcker, der Drogerist, die wöchentlich vorbeikommen, hier auf dem Lande? Nein, oje: schon wieder die Zeugen Jehovas! Die Mutter öffnet die Haustür, will freundlich verständnisvoll abwimmeln. „Aber nein, es ist etwas für ihren Sohn. Es würde ihn erfreuen!“ Die offenherzige Mutter lässt sie ins Wohnzimmer und der Mann legt ein Holztablett auf den Tisch, zieht aus der Tasche eine dreieckige Papiertüte, ähnlich jener, in der man auf dem Bremer Freimarkt alljährlich gebrannte Mandeln kauft. Er schüttete den Inhalt aufs Tablett. Es sind goldenfarbene Heftzwecken, die auf dem Tablett zu tanzen beginnen und dabei Töne produzieren. Ich bin verblüfft und begeistert.

Diese tanzenden Heftzwecken waren dann ein beliebtes Motiv für erste surrealistische Malversuche, Daliesque und Tanguy-mässig, dargestellt vor weitem Horizont. Bis heute erinnern sie mich an die ungezügelte Freiheit tanzender Töne im Jazz und improvisierten Spiel. Auf der Gitarre entdeckte ich erst sehr spät die Lust und Fähigkeit, selbst auch annähernde Töne zu erzeugen. Viele Jazzpianisten, aber auch einige Gitarristen erwecken in mir diese Assoziation. Bei Kris Davis aber hat dieser Anschlag eine besondere Note. Die Musik ist frei ist von Botschaft, gänzlich unsentimental. Sie ist nicht spirituell, eher materiell, körperlich, spielerisch: stets Finten schlagend, Pirouetten drehend, Physikalität erzeugend.

2019 21 Jul

„NF“ – in memoriam

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Norbert kam aus Hamburg. In der Grundklasse des Studiengangs Freie Malerei in Hannover Anfang der Achtziger gehörte er mit Ende Zwanzig schon zu den älteren Semestern und er brachte einiges an Lebenserfahrung mit („die harte Schule“). Auch in der Malerei selbst war er schon weit fortgeschritten, nahezu ausgebildet und gehörte eindeutig in die Kategorie „Malschwein“, wie wir jene nannten, die ihr Augenmerk weniger auf Konzeptkunst und Kopfspiele setzten, sondern auf das action painting – im explosiven, exponierten Gestus der Neuen Wilden, der ihm lag und damals auch en vogue war, sodass die Farbe nur so tropfte und am Bildrand zerlaufend ihr Eigenleben führte. Schnell fand er dann sein Grundthema, dem er bis in sein letztes Lebensjahr, im Alter von zweiundsechzig Jahren, immer noch treu geblieben war: der Verbindung von Schrift- und Zeichenfragmenten mit bildnerischen oder zeichnerischen Form- und Farbgebungen. So ging auch das Figürliche mit dem Abstrakten stets Hand in Hand. Norbert trug sein Herz in der Hose. Zuweilen war er unwirsch, missmutig, konnte klare Kante zeigen. Doch im Kern war er ein netter Kerl und als Freund fehlt er vor allem als Gesprächspartner. Oftmals des Nachts stundenlang durch die Stadt stromernd, teils am Fluss entlang (damals noch mit Tiger, seinem Hund), fühlten wir dem Gewicht der Welt, dem Lebenssinn, den kreativen Prozessen und unseren Zeitgenossen beim Gehen plaudernd auf den Zahn (ja, wir kannten unsere „Pappenheimer“). Seine Kunst hatte stets und hat bis heute viele Freunde. Trotz aller melancholischen Anklänge und provokativen Elemente, aus vielen Bildern sprühten Lebenslust und Mutterwitz wie Funken.

2019 21 Apr

Time Travel into Liquid Sky

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Völlig irre Story: unsichtbare winzige Aliens sind auf der Suche nach dem ultimaten Kick, den sie vorzugsweise in heroingeflashten Gehirnen finden. So landen sie auf dem Dach eines neonbeleuchteten New Yorker Penthouses, das von der drogenbenebelten, androgynen und promiskuitiven Margeret und ihrer Loverin Adrian bewohnt wird. Margeret versucht in der New Wave-Fashionszene ein bisschen weiterzukommen und lässt sich mit erstaunlicher Indolenz auf diverse (oder auch mal perverse) Typen ein, die sie vögeln wollen. Während die Aliens entdecken, dass die körpereigene Opiatausschüttung beim Orgasmus der bessere Kick ist, kommt ihnen ein deutscher Wissenschaftler durch höchst obskure Hypothesenbildung gefährlich nahe. Doch dann beginnt die grelle Story zu eskalieren, Margeret kriegt an einem echt miesen Tag einen deftigen Run und ihre Geschlechtspartner haben auf einmal eine lange Kristallnadel im Kopf und verschwinden dann schlagartig.

Eine zugegebenerweise etwas krude Geschichte, wie sie nur in der New Wave-Szene New Yorks Anfang der 80er Jahre entstehen konnte, irgendwo zwischen Post-Punk, Fashionhypes und Discofieber, die mit teilnahmslos-paranoiden Realitätsverlust unterkühlt und optisch überzogen eine eigene surreale Welt mit fatalem Ausgang entfaltet. Dieser Low-Budget-Film von 1983 avancierte schnell zum Kultfilm und hielt sich 28 Wochen in den amerikanischen Top-Filmcharts und hat bis heute nichts von seiner künstlerischen Faszination verloren. Und der Soundtrack des Regisseurs Slava Tsukerman trägt mit seinem sehr reduzierten, wavig-technoiden elektronischen Sound viel zu der eigenwilligen Atmosphäre bei und ist nun endlich wieder zu haben.

 
 
 

 

 

After midnight, early eighties: listening to BBC Radio, the tune they just played is called „Nightporter“. What a nice but curious sound, a bit like Brian Ferry singing. Something I never heard before. The mysterious studio guest musician is mentioning Jean Cocteau and a certain „difficulty of being“. I am broad awake. Talking on some kind of „Japan“ now. Trying to save some fragmentary information to my short-term memory account, because the plan was made immediately and clear as the daylight to come: the following morning I was going to present those loose-end snippets to the record dealer of my trust, just to let him build a conclusive picture of that puzzle. „Nightporter, the splitting of a cultband and a solo debut – does this make any sense to you?“ Coming home then with an album called Brilliant Trees and, studying fine arts at that time, with another one called Oil on Canvas as a bonusa Frank Auerbach painting on its cover, from a band I never heard of, containing this song called „Nightporter“. Listening to that brilliant fresh stuff I was happy and surprised. A shy, evasive and sophisticated guy with philosophical ambitions, a Pentangle bass player at his side, music that was at the same time folk, avantgarde, funky and ambient. A singing poet fearlessly setting sail, new beginnings. Courageous and romantic attitude, bright beauty spiced with doubt and darkness. Aren´t those the ones that really count who sing their own songs, single-handed written, telling about their true experiences, giving sincere insight to their unique life? What a fine guideline it was! A mirror, a Lifer. These were years with a genius for living.

 

Der Synthesizer als Instrument übte schon seitdem ich einen Schallplattenspieler besaß und mir selber Platten kaufte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Sonst hat ein Instrument seinen Klang und ein guter Instrumentalist kann diesen etwas erweitern, beugen, hart oder sanft hervorlocken, aber es bleibt immer der Klang dieses einen Instrumentes. Beim Synthesizer ist alles anders: da wird der Ton je nach Modell durch unterschiedliche Algorithmen erzeugt und es gibt jede Menge Einflussmöglichkeiten ihn zu verändern, modulieren, ihn groß und weich oder scharf und hart zu machen und insbesondere so zu gestalten, dass da etwas herauskommt, was einfach so noch nie zu hören war. Genau das hat in der Anfangszeit, in der Synthesizer für den normalen Musiker erschwinglich wurden, auch die Art des Musikmachens stark geprägt. Nun gab es endlich die Möglichkeit etwas zu machen, was richtig neu war, die Hörgewohnheiten völlig auf den Kopf stellte. Und das halt nicht nur wie in dem Studio für elektronische Musik in Köln, das zwar einige der späteren Protagonisten stark beeinflusste, sondern im eigenen Proberaum. Und was in den 60er und 70er-Jahren noch einige experimentierfreudige Geister auf den Plan rief, ist heute aus der Musik kaum noch wegzudenken und hat fast alle Genres infiziert.

Good Vibration ist dieses mal nicht der Titel eines Albums der Beach Boys, die zu mögen ich stets gerne anderen überlassen habe, sondern der Titel einer im August zu Ende gegangenen Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum in Berlin über die Geschichte der elektronischen Musikinstrumente. Und die beginnt weit vor der Synthesizer-Ära mit wunderbaren Instrumenten wie dem Theremin, dem Ondes-Martenot und dem Mixturtrautonium, auf dem Oskar Sala nicht nur bizarrste Suiten, sondern auch den Soundtrack zu Hitchcocks Die Vögel komponierte. Neben begleitenden Texten, die verschiedene Aspekte elektronischer Musik beleuchten, werden dann natürlich auch die ganzen Synthesizerlegenden vorgestellt bis hin zu den aktuellen Möglichkeiten das, was früher ganze LKW’s gefüllt hätte elegant in einem iPad unterzubringen – ein synthetisches Taschenuniversum ungeahnter Möglichkeiten, das mich auf eine Zeitreise zurück zu den ersten Momenten, wo ich als Jugendlicher endlich selber die Tasten berühren und an den Knöpfen drehen durfte und mangels passabler Anleitung schrittweise herausfinden musste, welche Auswirkungen jeder Poti, jeder Regler und jeder Schalter so hatte.

 
 
 

 
 
 

Wo damals ein Synthesizer war, war aber auch der Laser nicht weit. Das, was man heute als Taschenlaser zum gefahrlosen Herumleuchten oder als Pointer billig erstehen kann, war damals deutlich größer, hatte die Tendenz mitunter ziemlich heiß zu werden und hatte noch den Mythos des Gefährlichen, vom Preis ganz zu schweigen. Ein alter Schulfreund von mir aber hatte einen Laser und so probierten wir aus, was wir damit so anstellen konnten. Beispielsweise mit einer kleinen Ablenkeinheit, wo auf mehreren Elektromotoren aus Carrera-Autos, die wir individuell in der Geschwindigkeit regeln konnten Spielgelchen mit einer leichten Neigung aufgeklebt waren und die so entstehende Figur dann auf den nächsten rotierenden Spiegel warfen, so dass es möglich wurde phantastische Figuren damit zu zeichnen. Z.B. auf der uns sehr geeignet erscheinenden Hauswand des benachbarten Hochhauses, um unseren Freunden zu signalisieren, wo die Party gerade steigt. Der Effekt war grandios, nur leider fühlten sich die Nachbarn von dem neuartigen, „gefährlichen Laserstrahl“ etwas bedroht.

Der französische Elektroniker Tim Blake war einer der ersten, der sich mit einer Lasershow zu der Musik seines Projektes Crystal Machine auf die Bühne begab und nun ist dieses Frühjahr sein erstes Studioalbum Blake’s New Jerusalem mit einigen Bonustracks wiederveröffentlicht worden. Hier finden sich ohrwurmartige Songs in denen ein kleines Synthesizerarsenal die Hauptrolle spielt und die doch eine ganz eigene, originäre Färbung haben. Insbesondere der lange Titelsong entwickelt einen fast hypnotischen Sog und zapft Ebenen des Bewusstseins an, die zuvor verschlossen blieben. Einige der Songs haben dann später Eingang in das Oeuvre von Hawkwind bekommen, deren Mitglied er lange Jahre war. Sonst wirkte er noch einige Zeit bei der wundersamst anarchischen Band Gong mit und begleitete einige Projekte des französischen Komponisten Cyrille Verdoux.

 
 
 

 
 
 

Der zweite Reissue betrifft einen Meilenstein der elektronischen Musik: Klaus Schulzes Mirage. Er arbeitete an diesem Album als sein Bruder im Sterben lag und erklärt sich so rückblickend, dass dies vielleicht sein dunkelstes und kältestes Album geworden sei. Eine elektronische Winterlandschaft, kristallin, frostig, eisklar. Und auch nach 40 Jahren immer noch ein perfektes Album. Man sagte damals, dass weltweit eigentlich nur drei Musiker wirklich Synthesizer spielen könnten und Klaus Schulze war der erste, der dann dazugezählt wurde.
Mirage war seit Erscheinen ein Monolith für mich mit seinen beiden ruhigen, halbstündigen Stücken. Wenn mich auch heute noch jemand fragen würde, welches Stück Synthesizermusik man unbedingt gehört haben müsste, würde ich stets und ohne zu zögern Crystal Lake antworten, das in seiner kalten Eleganz und seiner hypnotisch dichten Atmosphäre ein zeitloses Highlight elektronischer Musik bleibt. Klebt man einen kleinen Spiegel auf den Basslautsprecher und lenkt dann einen Laser darüber auf eine Leinwand während Musik läuft, ist dies eine wunderbare Möglichkeit der Visualisierung. Vieles aber wird dann leider recht unansehnlich, wohingegen Crystal Lake wundervolle Figuren und Muster mit unzweifelhaft psychotropen Qualitäten zu erzeugen vermag.

Das Album wurde sensibel gemastert, was der Transparenz noch etwas mehr Tiefe gegeben hat und mit einem aus der Entstehungszeit stammenden Stückchen Filmmusik In cosa crede, chi non crede? das durchaus hörenswert ist, ergänzt. This Anniversary induces a massive time travel. A shift where the direction is not clear and I’m afraid it does not only lead to the future from the point I listened to it the very first time. Perhaps that’s the real meaning of Mirage.

 
 
 

 

1 – TIME TRAVELS WITH RAY

 

Ich fragte mich schon, ob ich mich in Träumen verausgabe, die Nackenmuskeln sendeten kleine Schmerzimpulse, aber Daphne, Fan von Borussia Mönchengladbach und spezialisiert auf Tiefseetauchen vor Ägypten, bereitete den Verspannungen ein Ende und renkte mir den vierten Halswirbel ein. Jetzt ist auch das Schreiben wieder eine körperliche Freude, zumal die Zeitmaschine angeworfen wird. Daran besteht ja wohl kein Zweifel, wenn Sie so gut sind und einen Blick werfen auf die besonderen Empfehlungen für den Mai. Danke.

Einige von uns erinnern sich noch an die Zeit, als es, in den Sechzigern, in den Siebzigern, keine so leichte Sache war, an rasche Informationen zu aufregenden neuen Schallplatten zu gelangen. Jeder hatte seine Kanäle, von der Europawelle Saar bis zu den frühen Ausgaben der „Sounds“, von „jazz by post“ bis zum Plattenladen des Vertrauens, aber es gab nicht viele Seelenverwandte, die im Radio die heisse Ware aus den USA, aus England, aus Norwegen und Germanien auflegten. Die Lobbyisten der Klassischen Musik erklärten ihre Ware zur einzig wahren und seligmachenden – diese Idiotenelite!

Ich weiss noch, wie sich über Nacht eine ferne, nahe Welt sperrangelweit öffnete, als ich „All Day And All Of The Night“ oder gar „Mr. Pleasant“ hörte, aufsaugte, verschlang, keine Sekunde verpassen wollte! Die Kinks waren und blieben meine No. 1-Band in jener Zeit, die Beatles waren genauso unschlagbar.

Die Stimme von Ray Davies verankerte sich tief in allen Bereichen des Bewussten und Unbewussten – „Ahnungen all inclusive“. Das Reich der Ahnungen nennt man in der Tiefenpsychologie das „Vorbewusste“, und für Teenager sind diese (nie ganz ausgegorenen) Intuitionen und Träumereien eine besondere Zone der Horizonterweiterung. Wie Rays Gesang Soziales und Sexuelles, Existenzielles und Abgründe, verschwindende Grünzonen und Fünf-Uhr-Tee wahlweise zelebrierte, ironisierte oder filettierte, war einzigartig, und er wurde zu meinem Lieblingssänger der frühen Jahre.

Ich folgte seiner Stimme nicht nur durch die Ära der Hits, sondern auch durch die verschlungen Pfade der Konzeptalben. Jetzt erzählen Sie mir nicht, die „Village Green Preservation Society“ sei an Ihnen vorüber gegangen!? Dann besorgen Sie sich am besten – als Einstieg – das kluge Buch zur Platte, aus dem Verlag „33 1/3“, und versinken in eine Songstudie drohender und fortgesetzter Verluste der Arbeiterklasse und anderer Illusionen. Das Tröstliche im Untröstlichen zu finden, ist eine Tugend, der geschliffene Witz eine Waffe von Mr. Davies.

Jetzt ist Ray 72, seine Stimme in bravouröser Verfassung, und er liefert mit „Americana“ ein weiteres Konzeptalbum ab, das noch besser ist als die weitgehend positiven und respektablen Kritiken. Ich höre das Album rauf und runter, die Favoriten wechseln täglich, für einen Song wie „A Place In Your Heart“ würde ich barfuss zum Pokalfinale nach Berlin wandern. Drei Songalben sind mir in diesem Jahr so nah wie keine anderen gegangen, „Common As Light And Love Are Valleys Of Blood“ von Sun Kil Moon, „Pure Comedy“ von Father John Misty, und eben „Americana“. Ich hoffe, im Monat Mai gesellen sich noch The Mountain Goats und Paul Weller hinzu.

 

2 – ABBEY ROAD MYSTERIES

 

„Missed the sixties? Then grab a copy of William Shaws superb A Song From Dead Lips. This is a terrific mystery novel that moves at the speed of a sixties‘ three minute single and has the best female character this side of Salander in many a year. You can literally hear the Beatles as this andrenalined narrative jets along.

 

Das sind die lobenden Worte eines „Lautsprechers“ der englischen Kriminalliteratur, Ken Bruen, aber sie rauschen etwas zu knallig an der Erzählweise der Romane von William Shaw vorbei. Die bislang vier Bücher mit dem Ermittlerteam Breen & Dozer rufen tatsächlich das alte England der „Swinging Sixties“ wach, aber sie sind allesamt ruhig inzensiert, ohne die Knalleffekte literarischer Pop-Art. Und es macht Sinn, sie in Reihenfolge zu lesen. Die ersten Drei, vorschnell zur Trilogie ausgerufen, gibt es auch in deutscher Übersetzung von Conny Lösch (immer ein Gütezeichen), mit den anglisierten Titeln „Abbey Road Murder Song“, „Kings of London“, und „History of Murder“. Der vierte Thriller erscheint am 8. Mai in England.

William Shaw entmystifiziert jene Ära, in der Rassismus, Frauenfeindlichkeit und eine menschenverachtende Aussenpolitik (Nigeria/Biafra) an der Tagesordnung sind, und die aufkommende „Gegenkultur“ permanent attackiert wird. Wiliam Shaw verfügt nicht über den trockenen, schwarzen Humor der Sean Duffy-Kriminalromane aus nordirischen Bürgerkriegszeiten, aber dafür über gleich zwei faszinierende Ermittler. Breen: der Distanzierte, der  sich schwertut mit dem aufkommenden Freigeist, Tozer, die Sensible und Aufbegehrende: zu Beginn ihres Polizeidienstes steht sie eher auf die frühen Beatles, die betörend einfachen, profunden Liebeslieder. All My Lovin‘ – ahhhh!

 

3 – RESHAPE, REMODEL

 

All My Lovin‘ – ahhhh! Wieder 19 sein, aber die Lebenserfahrung und das Selbstbewusstsein von heute in das jüngere Ich transportieren, und dann sicher anders vorgehen, hier und da, willkommen, ihr alten Scheidewege! Wäre das nicht ein Heidenspass, ein Thrill ohne Ende, und manchmal eine ziemlich verstörende Angelegenheit?! In seinem Zeitreiseromanklassiker „Replay“ geht Ken Grimwood alternativen Lebensoptionen nach, und hat damit im alten Jahrtausend einen Kultklassiker dieses alles andere als zeitlosen Themas geschrieben. Anbei finden Sie Brad Meltzers Liebeserklärung an „Replay“! Und seien sich sicher: das ist alles andere als ein komödiantischer Vorläufer vom täglich grüssenden Murmeltier! Bittere Ironie: Grimwood abeitete gerade am Nachfolgeroman, da kam ihm die Zeit dazwischen. Die gnadenlose Spielart der Zeit, die keine Geschenke bringt.

 

4 – SOMETHING WENT TERRIBLY WRONG

 

Das gnadenlose Wirken der Zeit, das keine Geschenke bereithält, Variation. Die Eröffnungssequenz ist fantastisch: das Kind im Arm, das Handy am Ohr, die Waschtrommel, die kleinen Widrigkeiten, der Gang zum Auto, es kann kaum alltäglicher sein, doch von einem Laut bis zur folgenden Lautlosigkeit vollzieht sich ein Break, und die Frau in der Szene braucht zehn Sekunden, etwas zu realisieren, und dann sind es auf einmal drei Jahre, und immer noch ist der Schock, dass etwas Schreckliches passiert ist, tiefenwirksam, und keiner weiss, was genau, wie und warum. Aus solch einem Mystery-Szenario liessen sich fürchterliche Filme machen, aber bei Damon Lindelofs erstem grossen Opus seit „Lost“ darf man, zurecht, höchste Qualität erwarten.

Hier stranden und scheitern die Menschen in Scharen, die Zurückgebliebenen sind wahlweise tief verstörte Einzelkämpfer, um Reste von Würde und Versöhnung bemüht, oder verbitterte Zyniker, in Lebensverachtung und dunklen Riten vereint. Bewegend, wie das Geschehen oft von Stille unterwandert wird, alle Dialoge unhörbar, und die Musik aus dem Off zur zweiten Erzählstimme wird, und aller Erstarrung wenigstens ein Zeitmass, eine Melodie an die Hand gibt. Die kurzen Zeitreisen hier sind gesammelter Schmerz. „The Leftovers“ (Staffel 1) ist grosses, düsteres, unfassbar spannendes Kino für die eigenen vier Wände. Und, ich verspreche Ihnen: das ist erst der Anfang. (Joeys Liste wird bald ein neues Update benötigen.)

 

5 – FIXING A HOLE

 

Erinnerungsseligkeit ist den Menschen von „The Leftovers“ völlig fremd, „the past is a different country“, bei epochalen Werken der jüngeren Musukgeschichte ist Verklärung leicht zu haben, und verstellt den klaren Blick. Wer braucht schon eine Vitrine? Nach wie vor ist dieses Album (das ich in allen Fassungen besitze, derzeit läuft das 2009 erschienene, remasterte „Mono-Vinyl“) eine sprudelnde Quelle, überreich, unerschöpflich.

Schon das Foto, wenn man das Album aufklappt, und die Beatles einem direkt in die Augen schauen, in dem wunderlichen Outfit als „Lonely Hearts Club Band“, eine Schau, kaum weniger faszinierend wie das legendäre Cover selbst. Man wurde, durch den Blickkontakt allein, Teil des Clubs und all seiner Schwingungen zwischen Fernost und Liverpooler Kindheit, zwischen Meditation, britischer Burkeske, surrealer Träumerei, und all den Orten, zu denen dich das Album transportierte.

Die Platte verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In einem klugen Aufsatz über die Wirkungsgeschichte von „Sgt. Pepper“ las ich vor Jahren, wie in der Stadt, in der alle Blumen in den Haaren tragen sollten, über Wochen, die Musik von drei Platten gleichzeitig aus vielen Fenstern drang, und eine spezielle Symphonie der Grossstadt erzeugte, „A Love Supreme“, „Bringing It All Back Home“ – und „Sgt. Pepper“.

Die nun anstehende grosse Neudarbietung, in der Deluxe-Fassung, enthält alles, Outtakes und Mono (für die Beatles „the real thing“), erstmalig Surround, und verwandeltes Stereo. Beim seinerzeit ohnehin wenig beachteten Stereo-Mix schlichen sich bekanntlich gravierende Fehler ein (die wir beim Hören ausblendeten, gar nicht wahrnahmen, weil der Rausch des Hörens uns nicht in kleinliche Tonfrickler verwandelte). Der Sohn von George Martin wusste, wie sein Vater tickte, und leistet nun wohl ganze Arbeit. Man darf gespannt sein, wie radikal der neue Stereo-Remix die Wahrnehmung aushebelt, die Tim Sommer vor einem Jahr im „Observer“ auf den Punkt brachte:

 

„In mono, Sgt. Peppers’ sounds like an urgent, anxious and sometimes alarming statement; it’s not the over-large bouquet of sickeningly sweet aromatic flowers it appears to be in stereo. Rather then seeming like a fanciful, welcoming LSD dreamscape, the mono version comes across as an almost cynical reflection of its time. The mono Sgt. Pepper’s often sounds skeptical, mocking and it’s altogether more thoroughly rocking.“

 

Das englische Magazin „Mojo“ (Juni 2017j widmet der neuen Edition von Sgt. Pepper allerlei aussagekräftige Beiträge. Paul McCartney kommt zu Wort, Giles Martin, andere Gestalten aus dem Hintergrund, berühmte Zeitzeugen. Jon Savage blickt hinter die Oberflächen jedes einzelnen Songs. „Fixing A Hole“ etwa erzähle von Einsamkeit und köperlicher Arbeit, meilenweit entfernt von den alten Zeiten und dem üblichen Pop-Irrsinn. Die Beatles hatten vor der Produktion des Albums eine längere Auszeit genommen, und waren bereit für Veränderungen. So gehe es in dem Song auch um die Mühen, die jeder Weg zur Erleuchtung mitbringt, und nichts ist im „summer of love“ skurriler als die Reparaturarbeiten an einem Loch zu schildern, durch das Regenwasser dringt. „I’m painting my room in the colourful way / And when my mind is wandering / There I will go / Ooh ooh ooh ah ah / Hey, hey, hey, hey“. Ich sagte ja: nichts für die Vitrine und den Staub im Regal.

 

There you will go, dear listener, ooh ohh ohh ah ah!

Neid kann auch was Herzliches sein, wenn man dem Beneideten alles Gute gönnt, und sich eigentlich nur selbst an den Kopf fasst, dass man damals die Antennen nicht weit genug ausgefahren hatte. Was die Teenager-Initiationen im Mutterland des „Pop“ angeht, zehre ich heute noch von  karg gestreuten Erlebnissen mit dem Seelenfutter der Rockmusik, den Auftritten von Fleetwood Mac und Atomic Rooster in Paignton, sowie, ja, Schlüsselerlebnis, Steamhammer im Londoner Marquee Club. Sweet 16. Das war es auch schon. Und dann stellt sich am Wochenende heraus, „Klassenkamerad“ Klaus hat doch die etwas grössere Nummer erlebt, ebenfalls mit 16 Lenzen, ebenfalls in England. Er sagt „Plumpton“, ich sage: „Was?“, er sagt „Plumpton“.

 

 

Er sagt 1970, ich befrage Google, und da klappt sie auf, die Seite, die das ganze, unfassbare Festivalereignis im englischen Essex dokumentiert, mit Bilder, Berichten und Bootleglinks. Ich studiere die Namen, und frage bei jedem nach: „… und die hast du live erlebt?!?“ Hat er, Tage und Nächte lang,  ich möchte sofort die Zeitmaschine betreten. Ein englisches Woodstrock. Hardin & York, The Incredible String Band (wow!!), Fotheringay, Colosseum, East of Eden, Caravan (oh, my gosh!), Cat Stevens … aber schauen Sie selbst! Es war das Jahr, in dem Herr Stockhausen hoch oben auf einem Dach einen Fünf-Uhr-Tee zu sich nahm, und die Beatles ein letztes Mal „Hey Jude“ sangen.

2017 18 Mrz

BBC Radiophonic Workshop 21

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Previously known as the 21st Birthday Album, this is a gorgeous and goofy compilation of 45 fun and experimental electronic tone poems made for radio and TV from 1958 to 1979, some from the days when the music department only allowed the Workshop to exist by pretending electronic music wasn’t music (just as Forbidden Planet was scored with „electronic tonalities“). So since no one was being taken seriously, the composers could even be women, of whom Delia Derbyshire has recently gained acclaim (in electronic-music geek circles; if you’re not in one, it’s not too late to join!). The longest track, ‚A Whisper from Space‘, is 2:11; so if something doesn’t grab you, wait a minute. If only all records could be this varied and entertaining. Derbyshire’s immortal Dr. Who theme isn’t even necessarily the best track.

(Stephin Merritt, The Magnetic Fields, more of his current musical obsessions in TheQuietus)


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