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2023 4 Feb.
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: looping | 7 Comments
Natürlich ist dieses Album von Sebastian Rochford auch eine Zeitreise. Die liedhaften, andeutungsweise hymnischen, Kompositionen diese aussergewöhnlichen Albums entstanden überwiegend nach dem Tod des Lyrikers Gerard Rochford, in heimischer Umgebung. Man kennt Sr Sebastian Rochford von seiner Gruppe Polar Bear (deren bestes Album in der Mohave-Wüste entstand), von den jungen, wilden Sons Of Kemet und dem ultramelodiösen Trio Libero. Hier nun wollte er den Sound seiner Kindheit und Jugend einfangen – und Trost finden zugleich. Etwas wachrufen.
Bei den fünf Stufen der Trauerarbeit ist die Akezptanz nach Kübler-Ross die abschliessende fünfte. In einer Besprechung des Albums bringt Oliver Coates die „sechste Stufe“ der Trauerarbeit ins Spiel, und zitiert diese „Ergänzung“ von David Kessler: „Meaning“. Rochford und Downes seien noch nicht ganz bereit, nach dem Sinn zu suchen, schreibt Coates. Stattdessen „sässen sie in trauter Zweisamkeit zusammen, an dem Ort, an dem die Abwesenheit am stärksten zu spüren ist.“ Als wären sie noch nicht bereit, im Prozess der Überwindung der Krise neue Einsichten zu gewinnen, und dadurch ihr Leben reicher zu machen. Eine psychologische Prozessbeschreibung einem Kunstwerk einsimensional überzustülpen (Uschi mach das ganz anders, da wirkt auch nichts aufgesetzt), ist mitunter ein wenig platt, in diesem Fall schlicht deplatziert. Doof halt, weil a) prätentiös, und b) falsch.
Die „Bedeutung“ liegt doch gerade im schöpferischen Akt des Erinnerns. Die Haus der Kindheit erhält seine Dämmerung, seine alten Schwingungen, gleichsam gespiegelt und verwandelt zurück. Mehr „meaning“ geht nicht. In diesem Sinne ist „A Short Diary“ eindringlich-elementare Musik, welche man zwei anderen aussergewöhnlichen „home recordings“ des Labels ECM an die Seite stellen kann, den Solo-Piano-Werken „At Home“ von Misha Alperin, und „The Melody At Night With You“ von Keith Jarrett. Alle drei Werke belegen eine von jedem Überschwang befreite Innerlichkeit.
P.S. – … und, a propos „meaning“ – „Bedeutung“ – da schreibt Mr. Harris die perfekte Ergänzung: „The tracks feel unhurried but concise enough not to be just drifting along, and as a meditation on memory / mortality it works at a high level in its efforts to convert sound into meaning.“
2023 4 Feb.
Uli Koch | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 3 Comments
Das vergangene Jahr war so voll mit bemerkenswerter neuer Musik, dass ich mich dieses Mal entschieden habe daraus zwei Beiträge zu schreiben: den ersten über meine Ranking-List und einen weiteren über die Alben und Klänge, die ich bemerkenswert finde obwohl sie es aus verschiedenen Gründen nicht auf die Bestenliste geschafft haben. Zum ersten mal belegt hier auch ein Musiker 3 Plätze unter den Favoriten, der aber auch wohl zum ersten mal mehr als 3 Alben in einem Jahr aufgenommen hat. Die Rede ist hier von Stephan Thelen, der für seine komplexen und polyrhythmischen Exkurse demnächst auch eine eigene Rezension bekommt.
Und natürlich gibt es auch wieder Pianohighlights, die dieses Jahr von den 3 Pianisten Francesco Tristano, Koki Nakano und Moritz Fasbender gestellt werden, weil sie neben einem äußerst feinen Sinn für subtile Klangstrukturen auch pianistisch eine bemerkenswertes Niveau halten und dabei neue Räume erschließen. Hier mag es vielleicht verwundern, dass der sonst von mir sehr geschätzte Daniel Lanois nicht auf der Liste auftaucht, aber ich fand sein Album Player, Piano zwar studiotechnisch exzellent, aber musikalisch schlichtweg banal. Da erinnert es mich eher an die Sonatinen von Clementi, durch die sich jeder Klavierschüler früher oder später einmal hindurcharbeiten darf, als an die Innovationen, die ich auf dem Boden Lanois‘ sonstigem Werk wenigstens in Ansätzen erhofft hatte. Auch mehrfachen Hören machte es, in der Hoffnung doch etwas übersehen zu haben, leider nicht besser.

Unter den Wiederveröffentlichungen ist natürlich Robert Fripp’s Exposures das absolute Highlight, gefolgt von einem japanischen Cluster von Sakamoto/Noto, Shimizu und Takada. Alles wunderbare, zeitlose Alben.

2023 4 Feb.
Lajla Nizinski | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off