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2022 28 Dez

Japanese Jewels (20): Tree of Life

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | Tags:  3 Comments

Der Baum des Lebens ist ein lange verschollenes Album, das 1999 nur für den japanischen Markt produziert wurde und über diesen heraus nie bekannt wurde. Das zweite Soloalbum der japanischen Percussionistin Midori Takada beginnt direkt mit hypnotischen Marimbas in einem fremdartigen Rhythmus, der von Stück zu Stück mehr eine Geschichte erzählt als ein Musikstück sein zu wollen, der atmet, ganz fein in den Tempi schwingt, oszilliert, ohne einen musikalischen Halt anzubieten. Eher eine fortlaufende perkussiv-melodische Struktur, die den Hörer in Parallelwelten des eigenen Bewusstseins entführt und ganz im Augenblick gebannt zu halten vermag.

Das Album besteht aus zwei Teilen: dem ersten, in dem Midori Takada alleine mit Marimbas, Bells und Drums tranceinduzierend fast schamanistische Grundlagenarbeit leistet, aus gewohnten Mustern ganz beiläufig herausführt und die Aufmerksamkeit fixiert und dem zweiten, in dem sie zusammen mit dem chinesischen Erhu-Spieler Jiang Jian-hua die Trancen auf neuen Pfaden wandeln und den faszinierten Geist verführen lässt. Hier werden keine esoterischen Klischees bedient, keine ausgetretenen folkloristischen Pattern zitiert, sondern eine Kunstmusik aus dem hyperkulturellen Raum geschaffen, leise und hypnotisch, unprätentiös und immersiv. Für das Reissue ist das Album noch einmal völlig neu abgemischt und gemastert worden, was zu einem beeindruckend transparenten und klaren Klang führt. So ist Tree of Life ein wahrhaftiger Lebensbaum, ein Weltenbaum und hochkarätigstes Juwel moderner experimenteller japanischer Musik.

 

 

 

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3 Comments

  1. Henning Bolte:

    Hyperkulturell verstehe ich mal als transkulturell oder man könnte das inzwischen weltweit eingebürgerte und Hippe deutsche ‘über’ verwenden, überkulturell also. Unabhängig von Kultur ist der Mensch allerdings wohl nie, denke ich.

    Zum Beispiel Evan Parker hat sich in viele Musikkulturen vertieft. Sein eigener Anspruch dabei war aber, dass diese als Einflüsse nie in seinem Spiel erkennbar sein sollten/durften. Ob ihm das immer gelungen ist, vermag ich nicht zu entscheiden.

    Musik entsteht ja nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht aus bestehender Musik, die jeweils auf spezifische Weise wahrgenommen, GE-HÖRT und verarbeitet, absorbiert wird. Selbst wenn sie ihren Ursprung imKosmos hat. Der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov hat dazu etwas Sinniges gesagt.

    Letztlich geht es darum das Kosmische mit dem eigenen hörenden Körper, der eigenen Seele und dem individuellen Geist durch die eigenen Filter stimm-lich in Verbindung zu bringen.

    Ein interessanter Fall war auch unlängst das Konzert von Peter Brötzmann zusammen mit Schlagzeuger Hamid Drake und Guimbrispieler Majid Bekkas (guimbri: marokkanische Basslaute). Warum sich die Klänge aller drei Musiker intensiv miteinander verbanden, ist nicht so einfach nachdenkend zu erfassen oder zu beschreiben. War es überkulturell, transkulturell, polykulturell? Was hatte welche Wirkung während jeder Musik die ureigene Musik einbrachte?

  2. Olaf Westfeld:

    Nachdem ich vor ein paar Jahren sehr fasziniert von Midori Takada war und die viel gehört habe (Through the Looking Glass vor allem, aber auch die beiden Platten vom Mkwaju Ensemble), sind mir die (Wieder)Veröffentlichungen aus diesem Jahr irgendwie durchgerutscht. Mal sehen ob ich das nachhole, der Text macht jedenfalls Lust dazu.

  3. Lajla:

    Byung-Chul Han, unser Hausphilosoph ;), prägte den Ausdruck „hyperkulturell“ vor vielen Jahren. Damit ist eher das Entstehen von neuer Kultur aus dem Mix verschiedener Kulturen zu verstehen.

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