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Archives: Sonntag, 26. Februar 2023

2023 26 Feb.

At The Marquee (1)

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1 – War der Marquee Club wirklich das größte Musiklokal der Welt, wie der Untertitel einer neuen Geschichte des Clubs nahelegt? Die Carnegie Hall, das Olympia in Paris, das Ronnie Scott’s, die Berliner Philharmonie, das Village Vanguard und einige andere mögen dafür sprechen. Aber von der Eröffnung im Jahr 1958 bis zur Schließung des letzten Clubs, der diesen Namen trug, im Jahr 2006, hatte der Club einen berechtigten Anspruch auf diesen Titel, da seine Attraktionen im Laufe der Jahre von Dexter Gordon, Chris Barber und Dudley Moore über Alexis Korner und Long John Baldry, die Stones, die Yardbirds, Manfred Mann, Graham Bond, Little Stevie Wonder, The Who, David Jones/Bowie, Sonny Boy Williamson, Rod Stewart, Jimi Hendrix, King Crimson, Led Zeppelin, Fela Kuti, Genesis, Dr. Feelgood und Dire Straits bis hin zu den Damned, den Sex Pistols (als Support von Eddie and the Hot Rods), The Jam, The Police, Motorhead bis hin zu REM und Guns N‘ Roses und Hunderten und Hunderten von anderen, von denen die meisten noch in der Entstehungsphase sind, einschließlich fast aller britischen Blues- und Prog-Rock-Bands, die über die Musicians Wanted-Rubriken des Melody Maker zusammengetragen wurden.

(Richard Williams, zu einem Buch über diesen legendären power spot, s. nebenan: The Blue Moment)

 

 

2 – Der Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Zwei Psychologen, einer hatte Liebeskummer. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, aber gut, alleine, ganz alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft. Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt die schönste Frauen Regensburgs. Du warst ihr Ausbruch, sie hat die Reissleine gezogen.  


Die Würfel sind gefallen. Er hatte ja so recht. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze, und ein Buch mit Kurzgeschichten von Richard Brautigan lag neben dem Bett. Ich fuhr von Bergeinöden nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.

In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat? Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte es sich, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nebelregen.

Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub nieder, erleichtert nach dem Tagesstress, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.

Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Dunkelregen gewandert. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking beautiful Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.

Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. In dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in den Umarmungen einer Wildfremden  auf. Wir kifften, lachten, und mochten einander – small talk with a beating heart.  Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.

Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Musik von Howard Devotos Band  „Magazine“, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans, Rotkohl, und Plumpudding. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, und später nachts 39.5 Grad Fieber. Ich schnupfte. Ich glühte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr? Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige. Ich ruinierte die Party mit dieser Story, leider. Obwohl ja alles so magisch anfing, mit einem Western mit James Stewart,  und dem berühmten Song der Gruppe Grauzone. Ich hätte gerne als Entschuldigung einen Weihnachtsbaum gestiftet. Für Mrs. Webster wurde ich zum roten Tuch.

Das Allerschönste in diesen Tagen waren die Fahrten mit der Underground, besonders die Augenblicke, wenn man die letzte Treppe zum Tageslicht betrat. Immer wieder gerne: Piccadilly Circus, die bunten, flackernden Werbetafeln im Dauerregen. Ich kam mir vor wie in einer ungeschriebenen Geschichte von Richard Brautigan. Eine, in der  Duftkerzen Patchouli verströmen, die Kinks im Radio „Mr. Pleasant“ spielen, ein Hirschbraten mit Preiselbeerrahm serviert wird, und  ein paar Glückskekse am Tannenbaum hängen.

3 – Ich war zweimal in meinem Leben im Marquee, 1982 im Dezember, und, nach kleiner Recherche rausgefunden, am 15. Juli 1970, um Steamhammer zu erleben. Gates of perception. Mein alter Freund Uwe Zemlin war wesentlich öfter dort. Seine Erinnerungen würde ich hier gerne nachlesen. Write a little story! (m.e.)

 

 

2023 26 Feb.

„Leonard at the end of history“

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In den frühen 1990er Jahren befand sich Leonard Cohen in der Popkultur in einem Quantenzustand, einer Art Schrödingers Singer-Songwriter: gleichzeitig legendär und vergessen. Es war nicht abzusehen, auf welcher der beiden Seiten er letztendlich landen würde. Fünfundzwanzig Jahre zuvor war der in Montreal geborene Dichter und Romancier mit seiner sinnlichen, aber unsentimentalen Folk-Musik zum weltgewandten Mauerblümchen auf dem schweißtreibenden Be-In des Psychedelic Rock geworden und zum Intimus brillanter Frauen von Judy Collins über Joni Mitchell bis Janis Joplin. Anfang der 80er Jahre war er ein solches Relikt, dass das Album, das seinen berühmtesten Song enthält, in den Vereinigten Staaten zunächst nicht veröffentlicht wurde.

Sein Comeback von 1988, I’m Your Man, ein Meisterwerk aus cineastischen Synthesizern und düster-komödiantischen Vorahnungen, war entscheidend für das, was Cohen gerne als seine „Wiederauferstehung“ bezeichnete. Doch der Status, den er bis zu seinem Tod im Jahr 2016 als Songwriter-Guru von beschwörender Kraft erreichte, war alles andere als sicher.

 

 

 

The Future, das Ende November 1992 als Nachfolger von I’m Your Man veröffentlicht wurde, war eine Suche nach dauerhafter Wahrheit in dem, was er als die schlackenhaften, entmenschlichten Ruinen des Spätkapitalismus empfand. Als Whitney Houstons „I Will Always Love You“ und Michael Boltons „Timeless: The Classics an der Spitze der US-Charts standen, bot das neunte Studioalbum des 58-jährigen Cohen einen ebenso extravaganten, aber mehrdeutigen Soundtrack zum Triumphalismus nach dem Kalten Krieg: lackierter Keyboard-Rock mit Streichern, einem Chor, mehreren Produzenten und Horden von Studiomusikern, aufgenommen in einem Dutzend Studios.

Im Zentrum steht Cohens heisere Stimme, die Texte knurrt, die das Heilige und das Profane nicht so sehr verwischen, sondern leidenschaftslos über ihre Koexistenz berichten. Der Himmel ist in der Gosse und umgekehrt – Halleluja, was geht dich das an? Auf dem neun Songs umfassenden Album werden einige von Cohens besten Originalen zwei unwahrscheinlichen Covers und einem Instrumentalstück gegenübergestellt. I’m Your Man erweckte Cohen wieder zum Leben. The Future zeigte, dass er auch weiterhin das Leben in all seinen chaotischen Widersprüchen einfangen würde, prismatisch mit Bedeutung.

Nach der ausverkauften Welttournee von I’m Your Man plante Cohen ursprünglich, sich in Montreal wieder mit der Crew des Albums zu treffen. Stattdessen ging er ins sonnige Los Angeles, um die langjährige Backgroundsängerin Jennifer Warnes zu engagieren, und blieb im Grunde genommen dort. Er tauschte sich mit Sonny Rollins im Spätfernsehen über spirituelle Lyrik aus. Er sonnte sich im Glanz eines neuen Tribute-Albums, I’m Your Fan von 1991, auf dem R.E.M., die Pixies, Nick Cave und – schicksalhaft – John Cales einflussreiche Version von „Hallelujah“ zu hören waren. Er war mit Rebecca De Mornay, der Schauspielerin aus Risky Business und The Hand That Rocks the Cradle, verlobt und begleitete sie zur Oscarverleihung.

 

Marc Cohens Essay über Leonards Album „The Future“ ist herausragend und heute auf Pitchfork erschienen. Mit „Deepl“ wurde der Anfang übersetzt. Ein paar Feinkorrekturen werden noch vorgenommen. Es folgen demnächst, in einem gesonderten Text, ein paar Gedanken und Erinnerungen rund um Leonard Cohens Lieder, die für viele von uns, ob Gottessucher, Agnostiker, oder Atheisten, lebensbegleitend waren und sind. Leonards Musik ist heute noch „on fire“. (m.e.)

2023 26 Feb.

Eine Art Bildungsroman

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As an innovative and constantly inventive jazz pianist, Brad Mehldau has attracted a sizable following over the years, one that has grown to expect a singular, intense experience from his performances. With Formation, to be published on March 3, Brad seeks to extend that experience to the page, by sharing some of the deeply personal elements of his life, and how these came together for him to become the musician and person that he is today. For the first time, he offers an in-depth look at how he came to understand his adoption, survive sexual abuse, and overcome heroin addiction.

The book creates a vibrantly-written portrait of the jazz world in New York in the late 1980s and early 1990s, showing how a generation of musicians met and sparked off one another to take the music in new directions, drawing on a wealth of influences but also keeping sight of tradition, including those rooted in both the jazz and classical worlds. The atmosphere of the clubs, the creative scene in Manhattan and Brooklyn, and Brad’s early experiences of touring are brilliantly brought to life. The formation of the “Mood Swing” quartet with Joshua Redman is described, as is the growth of Brad’s own groups, leading to his acclaimed Art of the Trio series of recordings with bassist Larry Grenadier and drummer Jorge Rossy. The trio’s later life with Jeff Ballard joining in place of Rossy; Brad’s solo ventures; and his explorations of other areas of music, are also covered.

There is no holding back when it comes to Brad’s period of heroin addiction – his painful personal decline and ultimate redemption make for compelling and often distressing reading. Yet throughout the book, his own reading and listening are a constant frame of reference and often inspiration, from the works of James Joyce and Thomas Mann to the sounds of Prog rock and Bob Dylan, not to mention critics from Harold Bloom to Terry Eagleton. The book can be read as a bildungsroman, but this coming-of-age is no novel, it is vividly lived personal experience.

Intimate, vulnerable and profound, Formation is a rare look inside the mind of an artist at the top of his field, in his own words.

 


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