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Archives: Sonntag, 23. Dezember 2018

Zwanzig zu sein ist kein beneidenswertes Alter. Das Leben kann wie eine unendlich große  und leere Fläche erscheinen, bedrohlich fast in seiner Weite, man weiß, es kommt jetzt auf die richtigen Weichenstellungen an, scheinbare Zufälle, Begegnungen, inspiriert durch die eigenen Visionen. Man lebt noch nicht das, was man ist, es sei denn, jemand ist ein Naturtalent, und deshalb verkörpert man das, was man irgendwann sein will, und das mit aller Entschiedenheit. Ungefähr eine solche Figur verkörpert Ryan Gosling als Henry Letham in dem grandiosen Film „Stay“ aus dem Jahr 2005.

 

Henry Letham ist Kunststudent in New York und als er in die Sprechstunde seiner Psychiaterin kommt, sitzt ihm deren Vertretung gegenüber, Sam Forster (mit hinreißendem leicht schottischen Akzent: Ewan McGregor). Die Begegnung der beiden ist von Anfang an ein gegenseitiges Spiel zwischen Anziehung und Flucht. Sam Forster fühlt sich an Ereignisse aus seinem Privatleben mit seiner Freundin Lila (Naomi Watts) erinnert und er wirft alle Regeln seines beruflichen Codex über Bord und bemüht sich außerhalb der Sprechstunde um Kontakt zu Henry, einmal zum Beispiel an der Universität, wo Henry eine Vorlesung vorzeitig verlässt und Sam vor der Tür steht, die beiden gehen im Unigebäude herum, die Studierenden strömen aus dem Hörsaal (es sind Zwillinge dabei, sogar Drillinge), die Treppen leuchten wunderbar blau, plötzlich steht Henry vor einem riesigen Aquarium, in dem sich ein Walross auf ihn zu bewegt, das Wasser wird zum Himmel und wir befinden uns in Lilas Atelier, wo Sam sie kurz besucht. Am Ende der Szene im Atelier Blick nach oben auf einen Kronleuchter, dessen Lichter verselbstständigen sich und werden zu Straßenlaternen. Marc Forster sagte über seine Regiearbeit, sie sei irrational und instinktiv gewesen, eine Reise ins Unbekannte. Eine weiße Leinwand ohne Rahmen, die vage, unzuverlässig reflektiert, was sich ihr zeigt. Jede Realität sei eine Reflexion der Realität. Samuel Beckett sagte über Kunst, sie müsse die Rätselhaftigkeit des Lebens widerspiegeln. Henrys Lieblingskünstler ist Tristan Rêveur, Lila kennt ihn auch, er ist ein Künstler, dessen Bilder jedoch nie jemand gesehen hat. Die Kameraführung ist unberechenbar, die Aufnahmewinkel brechen die Regeln der Branche. Die Energie der Zeitverschiebung. Gehen durch strömenden Regen, bei Nacht. Die Wände des Tanzstudios sind aus Glas. Der Tanzlehrer ist schwarz gekleidet und zeigt der Tänzerin die Schritte, bis sie sie verinnerlicht hat, dann lässt er sie los. Einmal betritt Henry eine Erotikbar und während er in sein Getränk starrt, fällt ihm plötzlich auf, dass in einer Videoinstallation nacheinander geschalteter Polaroids Bilder zu sehen sind, die ihm sehr bekannt vorkommen. Ein Spiel um Wahrheit, Selbstwahrnehmung und Lüge. Your trouble will cease and fortune will smile upon you. Das stand auf dem Zettel im Glückskeks. Hatte das nicht schon eben Henry zu Sam gesagt?

 

„Stay“ ist ein ästhetisches Meisterwerk, in dem sich die Welt, wie wir sie zu kennen meinen, auflöst. Die Filmmusik wurde von Asche & Spencer hergestellt, die mit alten Tonbändern arbeiteten, an denen sie beim Abspielen herumritzten. Andere musikalische Highlights sind die Songs „Angel“ von Massive Attack und „Who am I“ von Peter Kruder. Die Polaroids stammen von Stefanie Schneider und finden sich auch in ihrem Band „Stranger than Paradise“. Und auch diese Arbeiten, die mit den unberechenbaren Effekten abgelaufener Haltbarkeitsdaten Jahrzehnte alter Polaroidkameras spielen, erinnern mich an die Alben von Boards of Canada, und an Orte, die wir suchen, und die es nicht gibt.

 

 
 

„Kurz vor Weihnachten im Jahr 1954 ging das 24 jährige Trompetenwunderkind, Clifford Brown, ins Studio, um eine der schon damals grössten Sängerinnen zu begleiten, die 30 jährige Sarah Vaughan, …“

– so erzählt Roger Willemsen auf  der CD: MUSIK!

 

I have to admit, that I opened already one X-mas present, inside was this wonderful CD. Sarah Vaughan (1924-1990) is the most mature singer of her generation, a bit moody, capricious, but what a great voice! She takes the song apart, what a prolonged tempo she creates, how she glides over the notes … (frei übersetzt nach Willemsen)

Ich höre sie seit zwei Tagen bewusst. I adore her voice. Nothing can happen to me in the „Raunächte“.

2018 23 Dez.

Aaron Parks – Little Big

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I didn’t know Aaron Parks had a new release until I accidentally stumbled across it a few days ago on Tidal and was happily surprised to see the title, Little Big, which happens to be the title of one of my very favorite novels. Apparently it’s one of Parks’ favorites as well.

Little Big the novel was an allegory of life, a fantasy about a peculiar family, an exploration of relationships and karma, and a blend of mysticism and magic set in a sort of parallel Macondo deep in the heart of New England. Little Big was a fairy tale for adults, populated with visions of an alternate reality as filled with mysteries, paradoxes, and conflicts between light and dark as the world we inhabit.

Little Big the album (Ropeadope,) takes us on a journey that is at first deceptively simple, but a closer listen reveals deep roots under the soil. It grooves, lopes, and meanders along with its own logic, at times sounding like a Bruce Hornsby tune without words, at other times like an early Jarrett solo piano piece, at various times melding and synthesizing influences as disparate as Phillip Glass and Stephen Foster, Return to Forever and Procol Harum, an indie soundtrack vibe a la Sufjan Stevens, occasional forays into ‘70s fusion, and even hints of EDM. Every so often, Parks ratchets up the energy into a near frenzy of good old-fashioned rock ‘n roll. Yet regardless of the detours it takes, the sound of Little Big is decidedly Parks’, and always remains distinctively American.

Clocking in at about 80 minutes, it’s a long ride. I admit that at first I didn’t quite get the moderate tempos, stacked up one after the other after the burning opening track, but then I let the music wash over me and began to settle in for the trip.

Parks is a sure-footed conjurer of unique sonic textures. He needs far less notes than most to evoke these tonal hanging worlds, and the band seems to fully understand their job: Like Parks’, it isn’t to grandstand or show off their chops. Rather they are all entirely in service to the music and the particular spaces and stories Parks is invoking. Indeed, in a way, this music is entirely focused on storytelling; Parks and his band are all about the telling of the tale.

Some of compositions are long-form, while some consist of not much more than a repeated hypnotic ostinato. Odd time signatures appear as do phrases that require an extra measure or two, but these devices are never self conscious or employed to merely be clever; clearly these are the kinds of things that came unforced and organically, right out of the fingers and the heart. They have that fresh, newfound sense of joy that only seems to flow from genuine, improvised discoveries.

This is a very well recorded album of a simpatico band playing beautiful, accessible music. Go ahead- turn it up; Much of it is meant to be played loud. It’s not intellectual music per se, yet it certainly is intelligent. It is far less a jazz album than Parks’ fine ECM trio album, Find the Way, and more aligned with his first Bluenote release, Invisible Cinema. Parks is mining his roots here, while keeping his head high in the sky.

2018 23 Dez.

Die Sache mit George

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Also, wenn wir dieser Tage schon des öfteren bei Tastenspielern verweilen, bei Jarrett, Wells, Roedelius und Co., dann sei hier auch die Sache mit George erzählt. Vor vielen Jahren sagte mein Chef im Deutschlandfunk, also, Michael, du hast doch, ist schon lange her, mal ein Portrait über George Duke gemacht, und ich sagte ihm, nein, auf keinen Fall, der wäre mir auf Dauer zu smooth gewesen, unmöglich, doch, sagte Harald R., ich erinnere mich doch, und ich war dann schon verunsichert und kramte im Gedächtnis umher. Schliesslich hatte er einst bei MPS ein paar spezielle Alben aufgenommen, die breite Horizonte spannten, aber auch hier und da einen romantischen Overkill zelebrierten. Und, klar, einmal sass ich als Teenager gebannt vor dem Radio, und sog zu einem Glas Milch (wenn man abends etliche Biere gezischt hatte, galt ein grosses Glas Milch als Vorbeugung gegen den Kater am nächsten Morgen) das lange tolle Solo von, ja, George Duke mit beiden Ohren auf, der da, ich glaube, es war auf der Isle of Wight 1972 oder 73, in der Frank Zappa Band wirbelte. Man lausche heute noch „The Grand Wazoo“, beeindruckendes Album. Es kam dann doch klar heraus, ich hatte nie George Duke getroffen, und jetzt spiele ich was von ihm in der langen Radionacht. Zum ersten oder zweiten Mal überhaupt. In einer Zeitreise zur Zeit des Hahnenschreis. Aus guten Gründen, und aus den MPS-Zeiten, die ja auch für viele exzentrische, tolle Covergestaltungen sorgten.

 


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