Wenige, vielleicht hundert, Schallplatten erfuhren in meinen Siebziger Jahren in Würzburg eine dermasse hohe Wertschätzung wie die beiden Alben „Geechee Recollections“ und „Sweet Earth Flying“ des Altsaxofonisten Marion Brown, die 1973 und 1974 bei Impulse Records erschienen sind. Die Besprechung von Hartmut Geerken verschlang eine jüngere Ausgabe von mir im Zeitschriftenladen Montanus, und keine Woche später lieferte „jazz by post“ die Ware. Es iat erstaunlich, wie aehr man bei manchen Alben nicht nur die Umstände des ersten Hörens erinnert, sondern sogar das sommerliche Wetter in der City von Würzburg, als ich die Zeilen von Herrn Geerken im „Jazz Podium“ las – seiner Expertise trauts ich in jenen Jahren blind, und verdanke ihm auch sehr sinnliche wie blitzgescheite Einführungen in das Werk von Sun Ra. Jahrzehnte später hatte ich noch einen kleinen Briefwechsel mit dem musikalischen Globetrotter, der auf seinen, mit dem Goethe-Institut verbandelten, Reisen durch die Welt manch obskure Trommelteile mitbrachte, und Marion Brown das eine und andere aus seinem Instrumentenkoffer schenkte – für die Sessions von „Geechee Recollections“. Klein ist die Welt. Und so waren diese beiden Platten heute (auf einer einzigen CD vereint) meine Reisebegleitung in der ersten Fahrt mit meinem neuen alten Toyota Yaris, ein Schnäppchen, keine Frage. Ich habe diese beiden Platten in meiner kleinen Hucke im Studentenheim in der Friedenstrasse gehört, später in Gerbrunn, Bergeinöden, wieder in Würzburg, in Daun in der Eifel, in Dortmund und Aachen. Ich lasse die Töne unbeschrieben. Den Drummer Steve McCall hatte ich in jenen Jahren ein al live erlebt im Pariser Theatre de Mouffétard, and der Seite von Byard Lancaster III, und zähle es zu meinen unvergesslichen Jazzkonzerten.
Archives: Montag, 31. Dezember 2018
2018 31 Dez.
Die Rückkehr des Marion Brown
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
2018 31 Dez.
Empfehlungen für einen angeblich schweinekalten Januar
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
Es wird einige Alben geben bis Anfang März, die unsere Herzen höher schlagen lassen. Von Joe Lovano bis Robert Forster, von William Tyler bis Lambchop, von Eleni Karaindrou bis Rustin Man. Quasi als Nachhall des nun rasch endenden Jahres hat Brian Whistler sich für Aaron Parks’ voluminöses Doppelalbum Little Big begeistert. Ein pianistisch versierter Jazzkenner aus dem Raume Kronach ist ihm beigesprungen, und aus Niedersachsen ist zu vernehmen, dass man auf diesem Opus des Jazzpianisten manch Verschärftes zu entdecken habe.
Im fernen Pittsburgh hat Jan Reetze ein altes, nie sonderlich hoch angesiedeltes Werk der Talking Heads, True Stories, neu für sich entdeckt. Oft genug geraten „additional tracks“ zur blossen Sammlerfreude, aber hier kamen im Archiv erstaunliche Entdeckungen zum Vorschein, die auch Lust machen könnten, den zugehörigen, satirischen Film anzuschauen, „a delightfully odd musical comedy from 1986“. Die Blu-Ray Criterion-Edition des Films, mit vielen Extras und neuer 5:1-Abmischung ist ab Ende Januar erhältlich.
Manchmal können wir auch anderen Stimmen trauen, ohne selbst im Stoff zu stecken. Aber als ich das erste Kapitel von David Keenans Roman (wirklich, ein Roman??!!), gelesen hatte, machte sich ein breites Honigkuchengrinsen auf meinem Gesicht breit, und ich ahne, dieses Buch wird mein nächtster Oberburner sein. Wie bemerkte Irvin Walsh dazu: „Captures the terrific, obsessive, ludicrous pomposity of every music fan’s youth in an utterly definitive way.“
Wann haben Sie Ihren letzten Spionagethriller gelesen? In meinem Fall kann ich es genau sagen: heute Nacht. Gegen 2.00 Uhr war die letzte Seite des Debut-Romans von Matthew Richardson geschafft. Wenn man so ruhig Spannungsbögen entwickeln kann, ohne in fiebrige Hektik zu verfallen, ist das schon allerste Güte. Dem Briten ist eine meisterhafte Charade gelungen, angesiedelt in der Post-Snowdon-Ära, bei der selbst einem mit allen Wassern gewaschenen Ex-Agenten des MI-6 zwischendurch die alte Frage Drehschwindel bereitet: „Who the fuck am I?“ Makellos erzählt, hervorragende Übersetzung.
Ganz grosses Kino für daheim garantiert diese erste und sicher einzige Staffel von Sharp Objects. Jean Marc Vallée kannte ich nicht mal vom Namen, aber das änderte sich seit dem Kinofilm Dallas Buyers Club, sowie der Serie Big Little Lies. Und jetzt diese meisterhafte Verfilmung des ersten Romans von Gillian Flynn. Amy Adams gibt wohl die Rolle ihres Lebens, und wenn man sich nach dem Abspann der letzten Folge, den man aus guten Gründen bis zum Ende durchlaufen lassen sollte, fragt, „What the hell …“, weiss man spätestens, dass man hier in eine extrem dunkle Spielart von „Southern Gothic“ gelockt wurde. Und alles ist leider so furchtbar real.
