Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archiv: Januar 2019

 

Es war ein langer Weg (ein Buch, eine Radiosendung, Pläne, Zufälle, dieselbe Leidenschaft, eine Freundschaft, eine kleine Provokation und viel Mut), der dahin führte, dass in diesen Tagen der zweisprachige Gedichtband Wörterbücher | Diccionarios als zweites Buch in der feinen Heidelberger Dependance des Hochroth Verlages erschien. Es begann vor etwa dreieinhalb Jahren, als ich über ein Poesieportal eine Mail von Geraldine Gutiérrez-Wienken erhielt, die fragte, ob sie zwei Gedichte aus meinem Band in ihrer spanisch-deutschen Radiosendung Poesía beim Bermudafunk Mannheim veröffentlichen könnte. Einige Zeit später trafen wir uns zum ersten Mal, an einem sonnigen Spätsommertag, an der Treppe zum Architekturmuseum, am Main. Menschen, die man ohne Personenbeschreibung, ohne Foto erkennt. Nach unserer ersten Begegnung schrieb mir Geraldine: „Ich denke, wir werden viele Projekte zusammen auf die Beine stellen und darauf freue ich mich.“ Wir übersetzen gemeinsam Gedichte aus dem Spanischen. Nun spreche ich zwar weder Spanisch noch verstehe ich es, ich habe jedoch durch einen Übersetzungsworkshop in Istanbul den Mut mitgenommen, mich vom wortwörtlichen, peniblem Übersetzen, wie ich es aus den alten Sprachen in der Schule kannte, zu lösen. Da Sprache sowieso nichts abbilden könne, hatte Kurt Drawert in seinem Einführungsvortrag gesagt, könne der Dichter allenfalls eine Ahnung von dem haben, worüber er im Gedicht spreche. Der Nachdichter müsse eine Ahnung von der Ahnung des Dichters haben. Das klang nach Freiheit und das gefiel mir. Bei der Frage, ob die Übersetzung im Hinblick auf den Originaltext verantwortet werden kann, hat Geraldine immer das letzte Wort.

 

Die spanische Lyrikerin Trinidad Gan stellt »Wörterbücher« des Lebens aus nächster Nähe zusammen. Ob auf Europas Straßen, beim Betrachten eines zerbrochenen Spiegels oder der Anrufung eines Belastungszeugen, in ihren Gedichten lodert die starke Flamme des Verlangens und der Wirklichkeit, ganz in der Lyriktradition eines Luis Cernuda oder Federico García Lorca.

 

Hier ist das Titelgedicht:
 
 

DICCIONARIOS

 

Al enfrentar lenguajes construimos

un muro para apartar las sombras

y trazamos, llevados por el pánico,

fronteras que contengan la vida y su avalancha.

 

Mas, cuando ella nos toca,

con su borde afilado, con su frágil belleza,

es tarea perdida.

                         Si restalla en los labios,

¿qué muralla podremos alzar entre los hombres?

 

Era tu noche triste, la mía de abandono.

En aquel alfabeto que yo no conocía

me hablabas, extranjero,

de los años pasados: deseo y literatura.

 

Bajo la lluvia fría vi mezclarse

las raíces comunes de nuestros diccionarios

y ya sólo escuché arder un eco:

dos voces conjugando la soledad vencida.

 
 

WÖRTERBÜCHER

 

Wenn wir uns mit Sprachen beschäftigen,

ziehen wir eine Mauer um uns, um Dunkles auszulöschen.

Wir bauen, aus Panik, Grenzen,

hinter denen das Leben mit seinen Lawinen liegt.

 

Aber wenn das Leben uns packt

mit seiner scharfen Kante,

seiner zerbrechlichen Schönheit,

wenn es zuckt oder zittert in unseren Lippen,

wie könnten wir dann an eine Mauer denken?

 

Era tu noche triste. Meine Nacht war Mutlosigkeit.

In einem Alphabet, das ich nicht kannte,

sprachst du zu mir, Fremder,

über die vergangenen Jahre: Sehnsucht und Literatur.

 

In einem kalten Regen erkannte ich

die gemeinsamen Wurzeln unserer Wörterbücher,

ich spürte, wie sie sich vermischten, und es glühte

ein Echo: die Einsamkeit zweier Stimmen

aufgehoben in ihrer Verbindung.

 
 
 
Hier ist der Link zum Buch.

 

Auf der Titelseite findet sich eine Zeichnung von Juan Luis Landaeta, einem Venezolanischen Dichter und Künstler, der in New York lebt.
 
 
 

 

2019 20 Jan

24 Frames

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What the fuck happens in this film? Nothing. This is a formal experiment based on the notion that you might stare at a painting or a photograph for five minutes, imagining the world inside it. That’s what Kiarostami does in these 24 short pieces, which are like photos that happen to be moving. The first piece is a painting by Pieter Bruegel which becomes animated by certain moving elements: smoke, birds, dogs. The other pieces are photography, many in black and white, that feature nature and animals. It’s often snowing or raining, and there are many birds and cows. Frame 15, one of the few with people in it, combines a still image of people’s backs as they stare from a bridge at the Eiffel Tower and pedestrians pass between them and the camera. Most pieces are marked by meticulous natural sound design, though a few feature songs like Maria Callas‘ rendition of „Un bel di vedremo“ and Janet Baker singing Gounod’s „Ave Maria“. The most complex piece is the final one. As we hear Andrew Lloyd Webber’s „Love Never Dies“, we see misty winter trees outside a window while, in the bottom foreground, a boy or girl sleeps at a desk and a laptop shows a slow-motion kiss from William Wyler’s The Best Years of Our Lives (1946).“ Many meanings can be read into this rich arrangement. 24 Frames will be released as DVD/BLURAY by Criterion on February 4.

(Michael Barrett, popmatters) 

2019 20 Jan

A New Video in the ECM 50 Series

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ECM50 | 2009 “Song of Songs”

 
 
 

 
 
 

 
 
 

 
 

„I remember where I came from
There were tropical breezes and a wide open sea
I remember my childhood
I remember being free.“

 
 

Bell’s Lab Experimental Research Facility, New Jersey, 1978, Laurie Spiegel, das dunkle Haar fällt die Schultern runter, die Augen geschlossenen, Zigarette in den Fingern, umgeben von Maschinen wie aus einem Science Fiction. Genau in dem Monat, an dem dieses Foto gemacht wurde, treten die blutjungen Talking Heads im CBGB auf.

Eine Pionierin der Computermusik. Die riesigen Kolosse wurden mit Argwohn betrachtet, und ihnen musikalischen Ausdruck zu verleihen, war eine Herausforderung: Kann man den humanen Faktor einschleusen? Bei einem Stück wie „Patchwork“ springen skelettierte Arpeggios aus den Boxen, fast mit dem gleichen frohgemuten Spirit, der Clusters Zuckerzeit auszeichnete.

Man kann sich kleine Filmchen auf YouTube ansehen: Laurie kommt da rüber wie eine außergewöhnliche charmante Astronautin: gutaussehend, bescheiden, klar im Ausdruck. Ihre Erklärungen sind geschliffen und intelligent, fast schon bis zum Punkt des Verführerischen. Hier in Bell’s Lab wurde der erste Vocoder erfunden, noch für politische Aufklärungszwecke. Wie würde die Zukunft klingen? Jetzt, im Januar erscheint die wohl endgültige Ausgabe von Lauries Klassiker The Expanded Universe, auf drei Schallplatten, resp. zwei CDs, mit allem Drum und Dran – nennen wir es „real life cosmic music“: eines ihrer Stücke wurde in illustrer Gesellschaft ins Weltall geschickt, auf dem „golden record“ im Rahmen des „Voyager Space Program“.

 
 
 

 
 
 

Damals wollte kein Label für zeitgenösssiche Musik diese Arbeiten veröffentlichen, und die Urfassung landete witzigerweise auf einem Folk-Label. Irgendwie passte das. Sie liebte ja schon als Jugendliche die Gitarrenforschungen eines John Fahey, nannte seine Musik eine Offenbarung, obwohl der Blick da weit in die Vergangenheit reichte. Sie war im ländlichen Raum hinter Illinois aufgewachsen, nahe dem Mississippi. Und auf verschlungenen, algorhythmischen Wegen dringt etwas von der verwunschen Wildnis der Kindheit in ihre Labormusik hinein. Diese seltsame Phänomen, wenn sich Menschen in der Fantasie, im Studio, im Labor, aufmachen zu fernen Welten. Irgendwann, irgendwo, „on the road“, „lost in space“, erkennen sie kleine Dinge, die sie an die vertrautesten Räume ihrer Heimat erinnern.

 


 
 

 
 

Diese gebastelte Gitarre klingt wie eine Ukulele. Einen Meister an der Timpe konnte ich heute in einem Konzert erleben: Pedro Izquierdo. Er lebt auf Teneriffa. Auf YouTube gibt der Professor auch Unterricht an dem kleinen Instrument. Zur Schönheitskönigin von LA GOMERA wurde Rita (links) gewählt. War auch meine Wahl. Ich bin ziemlich sicher, dass sie als Mädchen zur Welt kam ☺

 

2019 18 Jan

Lost in the Laurel Forest

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„I go now, I leave you.“

„Yeah“, she nodded. „Have fun.“

 

I was not sure, if I would return. She was used to my run aways. I finally wanted to escape from all these Dells and Apples and Samsungs. I wanted to use only my brain in fresh air and reflect old questions: What is time, when present can be watched now in nature, what will I see in future? Where do the roots come from reconnection, what did it mean before IT came along? What does reaction really mean for us? Google would have given me not a satisfying answer. I wanted to hike, to think, to stay in a happy thought modus.

 
 


 
 

As I was walking through that magical woods,  early melodies came into my mind. First I was humming: „I wanna live, I wanna give …“ Then I switched to Uncle John’s Band.

 

Will you come with me?

Won’t you come with me?

Wwo, oh, what I want to know, will you come with me?

 

What a great rhythm I found, to zigzag over the basalt rocks. When I had climbed a sharp volcanic top, I sang out loud: „Black Jack David come running through the woods, singing so loud and gaily …“ I know that David Sylvian digs the forest. There is a fire in the forest, it’s taking down some trees. When things are overwhelming, I let them be …

There are waterfalls I had to cross over. When I jumped far enough to reach safely the other side, I copied that high Joni Mitchell giggle. O how much I felt free. How wonderful not to be in the need of the Holzwege. The gorgious nature had so much to offer, I wasn’t in the need of a word of comfort. When I passed a small pueblo, I saw a young man playing a tiny guitar (timpe). I fancied his mother standing in the kitchen, playing the chacaras over pots and pans. I wondered if she was a modern woman, living so deep in the woodlands. What did she think about former times, when men gave their wifes as a present to the guests. Strange traditions, I thought. You offer your true love? Great gesture or a bitter sin?

I had to laugh out loud, when it came into my mind, what an effect laurel had to the old Greeks. They took laurel as an aphrodisiac. And I recalled all these laurel leaves my mother put into the Sauerkraut for my polish father. I could smell the Sauerkraut and, Jesus, I was getting hot. „Estar de bulla“, which means, yeah: I’m feeling fine. Why should I return to her? She will be fine. She should appreciate that I don‘ t change her into a laurelsilvia, like Apollo did to Daphne. No I am not Apollo. I stay in the woods.

I know that the celebration of holy Sebastian is going on in the village. The choice of six beautiful girls will be a new torture for him. It’s clear to me, I stay. I keep walking on piedras, chacaras del silencio.

 
 


 

“Hmmmm,” he sighs. “I think it’s a very terrestrial album. It’s not very cosmic. What music do you associate with the cosmic? Let me answer for you. I imagine psychedelic music. I’m anti-psychedelic – a non-Italian realist.”

(Bradford Cox, Deerhunter)

 


 
 
 

Ich vergrössere den Bildausschnitt aus einer Szene von Diva. Ein bisschen „Blow Up“ spielen. Der Film kommt 1981 in die Kinos. Nahbei sieht man Leonards Songs Of Love And Hate, Brians Another Green World und Mariannes Broken English. Auf dem vorletzten Album der Faithfull singt, alles andere als eine „naheliegende“ Kombination, Eno in ihrer Version eines Cohen-Songs ein paar Zeilen mit. Es ist ein Moment, den ich liebe. Die Sammlung der schönen Zufälle ist um ein Exemplar reicher. Ich höre die vielleicht schönste Platte von Dictaphone, Vertigo ii. Wenn wir schon, à la Diva, bei „film noir“ sind, oder „neo noir“.

 

Die Aktion gab es schon bei ECM „Touchstones“, Alben aus dem Katalog in einem Pappschuber mit Originalcover zu kleinem Preis auf den Markt zu bringen, und heute werden wieder mal 25 veröffentlicht, darunter auch, lang nicht erhältlich, das erste fantastische Album von Steve Tibbetts, das einzige, das Manfred Eicher produziert hat, Northern Song. Es stammt aus den frühen Achtzigern, also, aus der Zeit, als Jean Jacques Beineixs Diva Kinogeschichte zu schreiben begann, zumindest ungefähr. Wie Beineix in einem viel zu kurzen Interview erzählt (ich habe den Film gestern als Bluray zum xten Mal wiedergesehen, gerate stets in seinen Sog), war dies nun gar kein autobiographischer Film, umso mehr machte es ihm Freude, Teile von sich im Film lebendig werden zu lassen. Ich vermute mal, als der Gangster sagte: „Je ne t´aime Beethoven“, wies das indirekt auf seine Präferenzen. Und als die junge Rollschuhfahrerin in einem Plattenladen an den Regalen entlang stöbert, kann man die Entdeckung machen, dass dort Schallplatten aus diversen Jahren „ausgestellt“ sind, und ich nehme fast an, Beineix hat eigene Scheiben von zuhause mitgebracht und damit diskret die Kulisse ausstaffiert. Und welche Platte zieht sie am Ende aus dem Regal, und lässt es heimlich in ihrer Mappe verschwinden? Nun, Crystal Silence von Chick Corea und Gary Burton, einen Klassiker von ECM aus den frühen Jahren.

 
 
 

 
 
 

Ich kam überhaupt erst wieder auf den Film, nachdem mir Paul Webb (Rustin Man) das jüngste Album von Jaqueline Foster empfohlen hat, und ich ihm schrieb, in dieser Kontext einer archaischen Folklore würde mir das, zumindest zeitweilig, Opernhafte ihrer Stimme total gut gefallen, was mir ähnlich ging (ich werde nie freiwillig in eine Oper gehen), als ich einst Diva im Kino sah. Darauf antwortete er:

 

Diva was such an underrated film. It was seen in the movie world like Grace Jones was seen in the music world. „Style over content“, but both I feel were misjudged. The attention to detail in Diva is stunning, even the way the opera singers hair is styled to reflect the different sides of her  personality is so well thought out. The soundtrack is also quite beautiful. I especially like that Eric Satie type piano with its 80’s delay echo, all this revolving around the tale of two tapes. One of my favourite films for sure.


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