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Archiv: Ryan Gosling

Zwanzig zu sein ist kein beneidenswertes Alter. Das Leben kann wie eine unendlich große  und leere Fläche erscheinen, bedrohlich fast in seiner Weite, man weiß, es kommt jetzt auf die richtigen Weichenstellungen an, scheinbare Zufälle, Begegnungen, inspiriert durch die eigenen Visionen. Man lebt noch nicht das, was man ist, es sei denn, jemand ist ein Naturtalent, und deshalb verkörpert man das, was man irgendwann sein will, und das mit aller Entschiedenheit. Ungefähr eine solche Figur verkörpert Ryan Gosling als Henry Letham in dem grandiosen Film „Stay“ aus dem Jahr 2005.

 

Henry Letham ist Kunststudent in New York und als er in die Sprechstunde seiner Psychiaterin kommt, sitzt ihm deren Vertretung gegenüber, Sam Forster (mit hinreißendem leicht schottischen Akzent: Ewan McGregor). Die Begegnung der beiden ist von Anfang an ein gegenseitiges Spiel zwischen Anziehung und Flucht. Sam Forster fühlt sich an Ereignisse aus seinem Privatleben mit seiner Freundin Lila (Naomi Watts) erinnert und er wirft alle Regeln seines beruflichen Codex über Bord und bemüht sich außerhalb der Sprechstunde um Kontakt zu Henry, einmal zum Beispiel an der Universität, wo Henry eine Vorlesung vorzeitig verlässt und Sam vor der Tür steht, die beiden gehen im Unigebäude herum, die Studierenden strömen aus dem Hörsaal (es sind Zwillinge dabei, sogar Drillinge), die Treppen leuchten wunderbar blau, plötzlich steht Henry vor einem riesigen Aquarium, in dem sich ein Walross auf ihn zu bewegt, das Wasser wird zum Himmel und wir befinden uns in Lilas Atelier, wo Sam sie kurz besucht. Am Ende der Szene im Atelier Blick nach oben auf einen Kronleuchter, dessen Lichter verselbstständigen sich und werden zu Straßenlaternen. Marc Forster sagte über seine Regiearbeit, sie sei irrational und instinktiv gewesen, eine Reise ins Unbekannte. Eine weiße Leinwand ohne Rahmen, die vage, unzuverlässig reflektiert, was sich ihr zeigt. Jede Realität sei eine Reflexion der Realität. Samuel Beckett sagte über Kunst, sie müsse die Rätselhaftigkeit des Lebens widerspiegeln. Henrys Lieblingskünstler ist Tristan Rêveur, Lila kennt ihn auch, er ist ein Künstler, dessen Bilder jedoch nie jemand gesehen hat. Die Kameraführung ist unberechenbar, die Aufnahmewinkel brechen die Regeln der Branche. Die Energie der Zeitverschiebung. Gehen durch strömenden Regen, bei Nacht. Die Wände des Tanzstudios sind aus Glas. Der Tanzlehrer ist schwarz gekleidet und zeigt der Tänzerin die Schritte, bis sie sie verinnerlicht hat, dann lässt er sie los. Einmal betritt Henry eine Erotikbar und während er in sein Getränk starrt, fällt ihm plötzlich auf, dass in einer Videoinstallation nacheinander geschalteter Polaroids Bilder zu sehen sind, die ihm sehr bekannt vorkommen. Ein Spiel um Wahrheit, Selbstwahrnehmung und Lüge. Your trouble will cease and fortune will smile upon you. Das stand auf dem Zettel im Glückskeks. Hatte das nicht schon eben Henry zu Sam gesagt?

 

„Stay“ ist ein ästhetisches Meisterwerk, in dem sich die Welt, wie wir sie zu kennen meinen, auflöst. Die Filmmusik wurde von Asche & Spencer hergestellt, die mit alten Tonbändern arbeiteten, an denen sie beim Abspielen herumritzten. Andere musikalische Highlights sind die Songs „Angel“ von Massive Attack und „Who am I“ von Peter Kruder. Die Polaroids stammen von Stefanie Schneider und finden sich auch in ihrem Band „Stranger than Paradise“. Und auch diese Arbeiten, die mit den unberechenbaren Effekten abgelaufener Haltbarkeitsdaten Jahrzehnte alter Polaroidkameras spielen, erinnern mich an die Alben von Boards of Canada, und an Orte, die wir suchen, und die es nicht gibt.

2018 19 Nov

Drive

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Ich mag Geschichten, die zu Entdeckungen von Büchern, Filmen, Schallplatten etc. führen, und deshalb erzähle ich diese: Irgendwann fiel mir auf, wie faszinierend Los Angeles als Filmkulisse ist – erwähnen möchte ich hier nur zwei Filme mit starken Hauptdarstellerinnen: Mulholland Drive (von David Lynch) und Starlet (von Sean Baker), und während ich daran dachte, gezielt nach Filmen zu suchen, die in L.A. spielen und ein bisschen recherchierte, entdeckte ich das Buch „Orte des Kinos. Los Angeles. Eine Stadt als Filmkulisse“ von Wolf Jahnke und Michael Scholten. In der etwas reißerisch verfassten Kurzbiographie von Wolf Jahnke wurde u.a. der Film „Drive“ als einer erwähnt, mit dem Jahnke sich gern nach L.A. versetzt. Ich recherchierte dann nur so viel, bis ich folgende Informationen hatte: 1. Driver, die Hauptfigur, arbeitet in einer Autowerkstatt, und außerdem als Stuntman. 2. Die Musik ist cool. 3. Fantastische Aufnahmen von L.A. und 4. Es handelt sich um einen harten, unterkühlten Gangsterthriller. Nr. 4 überlesend bestellte ich den Film und habe ihn innerhalb weniger Tage zwei Mal gesehen.

Selbstverständlich gibt es hier keine Nacherzählung des plots. Ich möchte nur den Blick auf wenige innere Mechanismen lenken. Driver, die Hauptfigur, hat noch einen weiteren Nebenjob: als Fluchtwagenfahrer (get-away-driver). Es gibt drei Autoverfolgungsjagden, und jede ist auf andere Art mit der Psychologie des Fahrers verknüpft, und dies macht sie interessant. Der Regisseur, Nicolas Winding Refn, hat keinen Führerschein, was ihn vielleicht zu einem anderen Blick auf Automobile befähigt. Ich habe mir die Interviews mit Cast & Crew angehört, alle erzählten etwas über den Charakter, den sie spielten, nur Ryan Gosling, der den Driver spielt, wollte die Hintergrundgeschichte, die er zu seiner Figur entwickelt hat, lieber für sich behalten. Der Charakter des Fahrers ist der spannendste Aspekt in dem Film. Und, ungewöhnlich für einen Gangsterthriller, ein gelegentliches Abgleiten in Traumlogik. Die Bildübergänge (cuts) sind fantastisch gelungen. Übrigens spielt auch die rothaarige Chefsekretärin aus Mad Men mit. Man sollte sich hier allerdings auf einen klassischen boyz flick einstellen, in dem Frauen entweder heilig, naiv oder nackt sind. Es gibt nur eine Lady, die einen coolen Auftritt hinlegen darf, und der dauert nur ein paar Sekunden.

Immer wieder blitzt feiner Humor in den Dialogen auf. Da wird Driver nach einer atemberaubenden Vorführfahrt mit einem potenziellen Geschäftspartner bekannt gemacht und er zögert, ihm die Hand zu reichen. My hands are dirty, sagt er. Und der andere entgegnet: So are mine.


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