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Archives: Mittwoch, 19. Dezember 2018

Obwohl ihre Schulzeit schon lange zurückliegt, erzählt E. mir immer wieder begeistert von ihrem Deutschlehrer, der mit einigen ihrer Klassenkameraden und –innen eine Art Poesie-AG oder Lyrikclub gebildet hatte, in dem sie sich gegenseitig Gedichte vorlasen und selbst welche schrieben, wobei E. wohl die einzige ist, die weiterschrieb. Vielleicht war der Lehrer, inzwischen 70 Jahre alt, ein Dead Poets Society Fan. Ich erblickte S. auf der Empore der Unibibliothek in Freiburg, wo er allein an einem Tisch saß und so hinreißend aussah, dass ich dachte, wow, den will ich kennenlernen. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch, das ich mit der Frage nach den Öffnungszeiten der Post begann (immer noch ein running gag zwischen uns) und als wir begannen, einander unser Leben zu erzählen, war es der Griechischlehrer mit seiner zersetzenden gesellschaftskritischen Haltung, die S. völlig in seinen Bann gezogen hatte, und seine Augen leuchteten immer noch. Und obwohl ich schon immer zur Bewunderung faszinierender Fähigkeiten und Lebenshaltungen neigte, hatte ich nie einen Faible für einen meiner Lehrer. Ganz abgesehen vom Altersunterschied (da bin ich rational) gab es für mich einfach nichts zu bewundern. Sie waren alle klug und hochintelligent und forderten unseren Geist aufs extremste, aber niemand traf mich mit seiner Persönlichkeit ins Herz. Sie waren mir zu normal und schienen uns, bei aller Kritikfähigkeit, auf ein Leben als funktionierende Menschen vorzubereiten. Jeder kennt aus seiner Schulzeit die Beschäftigung mit den Schulsystemen verschiedener Staaten, vor allem Großbritanniens und den USA. In einem Aufsatz zum Vergleich schrieb ich, ich fände das Ganztagsschulsystem nicht gut, denn auf diese Weise würde der Kultusminister Großbritanniens die Freizeit der Kinder verplanen. Die Referendarin, die meine Arbeit mit einem roten Füller korrigierte, bat mich zum persönlichen Gespräch zu meiner Ansicht, wobei ich nicht wüsste, was es da aus Sicht einer Schülerin, die, wenn sie schon früh aufstehen muss, wenigstens ihre Nachmittage und Abende frei planen will, zu diskutieren gibt. In der Oberstufe lasen wir im Herrmann Hesses Steppenwolf, was wohl zu unserer revolutionärsten Lektüre im Deutschunterricht zählte, und die Lehrerin schien erstaunt, dass sich fast die ganze Klasse mit der Hauptfigur identifizierte. Lieber ein Künstler als ein Bürger zu sein. Von seinem Äußeren stach der Mathelehrer aus dem Pulk der braven Anzugträger heraus, er hatte lange Haare, trug einen ungepflegten Bart, Schlabberjeans, XL-Strickpulli und Birkenstocks mit selbst gestrickten Socken, und das in einer Zeit, als Birkenstock nicht hip war, sondern – zumal in dieser Schule – ein Zeichen. Und auch wenn ich in Mathematik immer besser war als in Deutsch, wäre ich nie auf die Idee gekommen, für ihn Gefühle zu haben. Einzig den Englischlehrer in der Oberstufe fand ich irgendwie interessant. Wir lasen Orwells „1984“ und verglichen die Zukunftsvisionen von Orwell und Huxley, wir lasen das grandiose Theaterstück „Krapp´s last tape“ (Das letzte Band) von Beckett, William Goldings „Lord of the Flies“ und einiges mehr, was ich weitaus faszinierender fand als den Faust. Meine Liebe zur englischen Sprache hatte ich bereits entdeckt. Der Lehrer fuhr einen abgefuckten dunkelroten Passat, er hatte neben seiner Begeisterung für Beckett etwas sehr Verzagtes an sich, als hätte er einmal eine große Hoffnung gehabt, die ihm entschwunden war. In den letzten Schulwochen lud er uns einmal zu sich nach Hause ein, er wohnte auf dem Land und hatte einen großen Garten, in dem Schafe herumliefen. Es gab einen Teich, und einmal tauchte kurz sein Sohn an der Terrassentür auf, der Punker war, und es war H, der mir später sagte, das Auftauchen seines Sohnes sei dem Lehrer vor uns unangenehm gewesen. Es wurde dunkel und ganz ohne SMS verabredete ich mich mit einem Jungen meiner Klasse in einem abgelegenen Teil des Gartens. Wer jetzt denkt, hier hätte eine glückliche Liebesgeschichte begonnen, liegt daneben.


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