adeus Lisboa, volta em breve …

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on life, music etc beyond mainstream
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2015 11 Aug.
Gregor Mundt | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments
1975, eine Imbissbude irgendwo: Elendes Gejaule aus einem verstaubten Minilautsprecher, ich bestelle einen Hamburger und eine Cola. Ziemlich geistlose Leute hier, Bildzeitung überall, ein netter älterer Herr, ein flinker Kellner, man verschlingt Pommes und Curry-Würste, einer raucht HB, einer Roth-Händle, der alte Herr ähnelt Henry Miller, schon wieder werden Curry-Würste verteilt, dreckige Biergläser tauchen in schon lange nicht mehr ausgewechseltes Wasser, der Kellner klemmt sich ein Kaugummi zwischen die Zähne, nimmt die Gläser aus dem trüben Wasser, ein neuer Schlager ertönt, der Schmalz tropft aus dem Minilautsprecher, man mampft Pommes, manche fallen auf den Fußboden, werden festgetreten, einige, die an der Theke stehen, wiegen den Körper im Takt zu den `schwierigen´ Melodien, immerhin, die Cola ist schön kühl, hält mich wach. Tage, wie diese, häufen sich in letzter Zeit, ich will allein sein, lesen, Dylan Thomas, Handke oder Musik hören:

David Bowie: Space Oddity; Roxy Music: Love Is The Drug; Ralph McTell: Streets of London; Steve Harley & Cockney Rebel: Make Me Smile (Come Up And See Me); John Lennon: Imagine; vielleicht aber auch mal eine meiner neuen LPs auflegen, etwa die neue Platte von Led Zeppelin: Physical Graffity (grandios!!!) oder die von Bob Dylan: Blood On The Tracks …
„Und einst, da sie an einem warmen aber trüben Morgen vors Tor hinausgingen, sagte Iffland, dies wäre gutes Wetter, davonzugehen – und das Wetter schien auch so reisemäßig, der Himmel so dicht auf der Erde liegend, die Gegenstände umher so dunkel, gleichsam als sollte die Aufmerksamkeit nur auf die Straße, die man wandern wollte, hingeheftet werden.“ (Karl Philipp Moritz: Anton Reiser, zitiert nach Handke, Peter: Der kurze Brief zum langen Abschied)
2015 11 Aug.
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 9 Comments
Die Sendung ging Ende Juli über den Sender, im Deutschlandfunk. „Swing low. Der Einfluss der Gospelmusik im Jazz“. Gut, dass ich das Rundfunkprogramm jener Woche gründlich gelesen habe. Ein Thema, das mich einst in seinen Bann gezogen hatte, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich habe die Sendung mitgeschnitten. Sie bot nicht nur einen Blick in die Historie: field recordings, Louis Armstrong, Charles Mingus, Sonny Rollins … ok, das war zu erwarten. Aber, dass die Jüngeren diese ehrwürdige Tradition immer noch – oder wieder ? – schätzen und in berührender Weise verarbeiten, hat mir gezeigt, dass es tief geht, weit reicht.
Jaimeo Brown verarbeitet in seinem Album TRANSCENDENCE Samples, vorwiegend Gesänge der Gee’s Bend Quilters. Weder von Brown noch von den Quilters hatte ich bis dato gehört oder gelesen. Jaimeo Brown schreibt in seinen Anmerkungen zu dieser Aufnahme:
„In research of my thesis on ‘How the Black Church Affected Jazz’ , I encountered the Gee’s Bend Quilters and was deeply inspired by their haunting renditions of spirituals from Alabama. My desire to bring light to their life-changing music and quilted artwork was the inspiration to begin the TRANSCENDENCE project. […] Growing up in a time when musical education was taught for the sole purpose of entertainment, the raw and unfeigned black spirituals sung by the Gee’s Bend singers made a deep impression on me. The primary purpose of black spiritual music is to build community and provide a medium of healing and worship.“
Zu Zeiten der Sklaverei war „community building“ eine extrem wichtige Funktion. Größere Versammlungen wurden den Sklaven nur zum Gottesdienst zugestanden und selbst da meist unter Aufsicht. Neben „healing“ und „worship“ waren Spirituals ein Instrument der „conspiration“, oft verwendet für „codified messages“, wenn die Flucht ins „promised land“, in den Norden bis nach Kanada, gewagt wurde:
When Israel was in Egyptsland
Let my people go
Oppressed so hard they could not stand
Let my people go
Go down, Moses, way down in Egyptsland
Tell ol’ Pharao
Let my people go
„Moses“ war der Code-Name von Harriet Tubman, jener rebellischen Frau, die nach ihrer Flucht immer wieder als wichtige Persönlichkeit der underground railroad vielen Brüdern und Schwestern in die Freiheit verhalf.
Kenntnis von Gesängen wie „Nobody knows the trouble I have seen“ oder „Swing low, sweet chariot“ erlangte man in Europa eigentlich erstaunlich frühzeitig, nämlich durch Studenten der Fisk-University Nashville, die etwa seit 1873 mehrere Tourneen auf dem alten Kontinent unternahmen. 1896 traten sie unter anderem in den Leipziger Hauptkirchen auf. In der Leipziger „Illustrierten Zeitung“ vom 29. Februar war zu lesen: „Nicht allein dadurch, daß sie die Aufmerksamkeit einem musikalischen Literaturzweig zuwendet, von dem man in Europa vielfach so gut wie keine Ahnung gehabt hat, nämlich dem Negerlied, wird diese aus acht farbigen Sängern und Sängerinnen bestehende Corporation so denkwürdig und bedeutsam, sondern zugleich dadurch, daß sie diese Literaturgattung in einer Vollendung ausführt, die schwerlich nach der Seite der technischen Abrundung, noch nach der Seite des seelenvollen Ausdrucks sich überbieten läßt.“ (aus Musikgeschichte in Bildern, Band IV, Seite 156, Leipzig 1971)
Da ich mich stets immens für Musik interessiert habe, ist so manches Liederbuch aus dem Lehrbuch-Bestand meines Gymnasiums in meine Bibliothek ausgewandert worden. Ich besitze ein „Bayerisches Liederbuch“, das im Jahr 1949 herausgegeben wurde. Es enthält im Abschnitt „Aus fremden Landen“ einen einzigen Spiritual Song: Somebody´s knocking at your door. Damit klopft die afro-amerikanische Musik zaghaft an die Schultüren. Hat man einen Kulturschock befürchtet? Da musste schon eine Fußnote zu diesem „Geistlichen Negerlied aus der Zeit der Sklaverei“ angebracht werden: „Die Negro Spirituals zeichnen sich durch eine eigenartige Verbindung von Rhythmus und Melodie aus. Sie entstammen wohl heidnischen Ritualgesängen, in die später melodische Elemente der christlichen Hymnen aufgenommen wurden. Texte und Melodien sind voll naiver Inbrunst und religiöser Hingabe.“
1949 – da war doch noch etwas! Die amerikanische Musikzeitschrift Billboard ersetzte den Begriff „Race Records“, mit dem in erster Linie von farbigen Musikern für farbige Hörer produzierte Musik gemeint war, durch die neutrale Bezeichnung „Rhythm & Blues“.
Eine Empfehlung: das Don Byron New Gospel Quintet. Man kann übrigens auch gut und gerne Atheist sein, und vom Gospel fasziniert. Wie Brian Eno. Bevor Paul Simon sich einmal von Brian Eno produzieren liess, schenkte er dem Engländer eine dicke Box voller Gospelsongs. Vielleicht gingen die beiden deshalb sehr freundlich miteinander um. Wenn Eno mal wieder die Geradlinigkeit der Lieder des Graceland-Mannes unterwanderte, schickte er ihn einfach in die Stadt. Manchmal erlebte Simon hinterher ein blaues Wunder. Tritt Brian Eno ab und und zu mal bei der BBC auf, bringt er nur zu gerne Gospelplatten mit.
2015 11 Aug.
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
2015 10 Aug.
Martina Weber | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: David Robert Mitchell: It Follows (Kino) | 4 Comments
Die Idee stammt aus einem wiederkehrenden Kindheitstraum, sagte David Robert Mitchell. Immer wieder tauchte von weitem eine Figur auf, eine Art Monster, und es kam langsam auf ihn zu. Es konnte aussehen wie jemand, den er kannte. Oder auch nicht. Der junge Mitchell rannte davon oder kletterte aus dem Fenster. Später sprach er mit anderen darüber und es stellte sich heraus, dass es sich um einen verbreiteten Angsttraum handelt. Besteht nicht Kunst – jedenfalls auch – darin, sich eigenen Verletzungen und Traumata zu stellen, sie zu verarbeiten und dadurch vielleicht zu überwinden oder wenigstens für ein paar Momente zu vergessen? In Mitchells zweitem Spielfilm „It follows“ wird eine Kindheitsangst dramatisiert und sie wird in einer skurrilen kleinen Welt am Rande von Detroit durch Sex übertragen.
Es gibt einen einzigen völlig unbeschwerten Moment. Jay hatte gerade zum ersten Mal Sex mit Hugh, vorher ein paar Verabredungen mit ihm, ein abgebrochener Kinobesuch, ein kleines Abendessen. Während er irgend etwas am Auto macht, liegt sie spärlich bekleidet quer auf der Rücksitzbank des Wagens. Sie spricht sie zu ihm, aber eigentlich spricht sie zu sich. Dass es immer ihr Tagtraum gewesen ist. Jemanden gefunden zu haben, gemeinsam unterwegs sein, die Hand des Freundes zu spüren, die Straße, das Licht. Radio hören und wie die Blätter der Bäume damit beginnen, ihre Farbe zu ändern. Es kommt nicht darauf an, irgendwo anzukommen. Es sind Sekunden voll Glück, in denen ein Leben eine neue Wendung nehmen kann. Ein paar Momente später ist nichts mehr wie zuvor. Hätte sie ahnen können, dass etwas mit Hugh nicht stimmt? Vielleicht daran, wie er sich bei ihrem Spiel im Kinosaal verhielt, bevor der Film begann?
-Schau dich um, such dir jemanden aus, an dessen Stelle du gerne wärst.
-Okay.
(Pause)
-Die da vorne?
-Nein, die Frau ganz hinten. Die im gelben Kleid.
-Im gelben Kleid? Wo? Willst du mich ärgern? Da ist keine Frau im gelben Kleid…
-Nein? Lass uns rausgehen, schnell, mir ist nicht gut.
Der Film ist wie ein Traum strukturiert. Wie die Szenen ineinander übergehen. Wie es dunkel wird und das Licht verschwimmt. Du lässt dich treiben im Pool, eine Ameise läuft über deinen Arm. Bunte Metalldosen, die an Schnüren vor einem Fenster hängen. Das Geräusch, wie sie zusammenstoßen. Eine künstliche Wiese liegt vor einer Matratze auf dem Dachboden. Bunte Comics kleben auf Fensterscheiben eines verlassenen Hauses. Draußen rennt ein Eichhörnchen oder eine Ratte vorbei. Ein Traumlabor. Eine unwirkliche Welt, zeitlos, auch im Mix der Moden. Das Klamottenstyling stammt aus der Gegenwart, auch die riesige dunkle Hornbrille von Yara, die ein bisschen an die 60er Jahre erinnern, aber jetzt wieder modern sind. Nur einmal, in der vom eigentlichen Plot abgelösten Eingangsszene klingelt ein Handy, es gibt ein muschelförmiges elektronisches Lesegerät, es gibt keine Flachbildschirme, dafür aber Fernseher mit dickem Gehäuse und sie zeigen Spielfilme, Science Fiction oder Dokumentationen in schwarzweiß. Die Telefone stammen noch aus der analogen Zeit. Schwere Gardinen, alte Kommoden, und ein Spiegel, auf dem Familienfotos als Polaroid kleben. Der Retro-Trend weist auf den Wunsch nach Geborgenheit, und auch nach einer Technik, die simpel ist, und die nicht so leicht wie die digitalisierten Geräte der Überwachung unterliegt. Darin steckt auch ein kleines kritisches, politisches Element.
Was machen diese Jugendlichen eigentlich? Jay geht aufs College (oder ist es noch die Schule?), ihre jüngere Schwester Kelly und Paul verkaufen Eiscreme in einem kleinen Laden, vielleicht ist es auch nur ein Job und sie studieren etwas oder machen eine Ausbildung, Greg sitzt in Jays Literaturkurs, in dem T.S. Eliots „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ besprochen wird. Yara würde man auch ein Studium zutrauen, auch wenn sie oft im Auto einschläft, aber vielleicht liest sie Dostojewski auch nur einfach so für sich. Diese jungen Leute sind längst keine Kinder mehr, sie sind aber auch noch nicht in einem erwachsenen Leben angekommen. Eine Zwischenwelt. Und sie leben noch im Haus der Eltern. Jay beschwört ihre Schwester, nichts der Mutter zu erzählen, aber wo ist die Mutter und wo ist der Vater eigentlich? Erwachsene tauchen nur selten auf, da öffnet mal eine Mutter die Haustür, eine Sekretärin gibt eine Information und irgendwo im Hintergrund redet ein Unidozent. Es entspricht der Wahrnehmung der Jugendlichen, ganz auf sich fixiert zu sein. Die Abwesenheit der Erwachsenen ist Teil der Traumlogik.
Was ist das für ein Virus, den Hugh auf Jay überträgt? Jay sieht Figuren, die auf sie zukommen, langsam, bedächtig, aber konstant. Sie haben etwas von Schlafwandlern, sie können Jay töten, und dann würden sie der Reihe nach alle, die den Virus weiter übertragen haben, verfolgen und töten. Jay kann dem Fluch nur entkommen, wenn sie den Virus weiter überträgt, indem sie mit jemandem Sex hat.
Jeder, der einmal infiziert war, kann die Monster sehen. Für denjenigen, der den Virus weiter übertragen hat, sind die Monster aber nicht gefährlich, sie verfolgen nur den akut Betroffenen.
Die Monster können jede Gestalt annehmen. Sie können aussehen wie Fremde, wie Freunde, wie ein Elternteil. Sie können ekelhaft sein, und oft wirken sie bedrohlich, sie können aber auch schöne Menschen sein, die aus einem Pfad im Schilf auftauchen. Es ist genau diese Verwirrung, die dem Film eine besondere Tiefe verleiht und die „It Follows“ von gewöhnlichen Horrorfilmen in eine ganz andere Liga hebt. Gerade weil die Monster nicht von normalen Personen unterschieden werden können, ist Jay wie alle Infizierten ständig in Panik davor, ein Monster könne sich ihr nähern und sie töten. Geh nie in einen Raum mit nur einem Ausgang. Jay kennt sich nicht mehr mit sich selbst aus. Sie weiß, dass mit ihr etwas nicht stimmt, aber sie kann nicht fassen, was es ist. Und sie kann dem nicht entkommen. Wie der Schreck vor dem eigenen Körper sich zeigt: Jay steht im Badezimmer, vor dem Spiegel, jetzt in kindlicher weißer Unterwäsche, sie wagt es kaum, den Slip vorne herunterzuziehen und sich anzuschauen. Natürlich geht es ums Erwachsenwerden. Sex zu haben als Übergang von der Kindheit zum erwachsenen Leben. Die Unsicherheiten und Missverständnisse, die damit zusammenhängen. Darum geht es auch in der Szene in dem Gedicht von T.S. Eliot. Ein Mann dachte, nach Marmelade, Tee und Keksen am Nachmittag hätte auch die Frau Lust auf ihn. I am Lazarus, come from the dead. Sich mit den eigenen Alpträumen zu beschäftigen und sie zu überwinden, das kann aber auch eine lebenslange Aufgabe sein. „It Follows“ ist keineswegs ein Film, der vor allem Jugendliche anspricht. Grenzüberschreitungen sind in jeder Lebensphase interessant.
Der Film ist nicht nur in einer Traumlogik gebaut. Er erschließt sich auch wie ein Traum. Sehr fein sind verschiedene Fäden miteinander verwoben. Oder auch nicht.
Da sehen wir auf einem Polaroid, das an Jays Kinderzimmerspiegel klebt, ein Bild des Vaters, der später im Schwimmbad erscheint und Jay mit alten elektronischen Geräten bewirft. Der – für die Freunde – unsichtbare Vater, der seine Tochter unter Wasser hält, so dass sie zu ertrinken droht. Der Vater, der von Jays späterem Freund getötet wird. Dann wieder Auslassungen. Warum ist der Swimmingpool später zerstört und leer? Ist die Zeit eines sich-treiben-Lassens im Wasser vorüber? Überhaupt, das Wasser: Da ist der Strand und die See wie ein Meer. Da ist die Großzügigkeit der amerikanischen Autos, die Weite, der Raum. Es ist die Art, wie es dunkel ist und wie die Straßen beleuchtet werden, nachts. Die Art, wie Bilder verschwimmen vor der Windschutzscheibe im Weitwinkel. Es ist das Weiche im Licht. Vor allem aber sind es die Freunde, die da sind und die versuchen, ihr Schutz zu geben. Und irgendwann liegen alle in einem Zimmer herum, erschöpft, und übernachten gemeinsam, ganz harmlos in ihren Schlaf-T-Shirts und Boxershorts oder sommerlichen Hemdchen. Und reden über alte Geschichten, die Blätter der Bäume rauschen ein bisschen im Wind. Eine der großen Stärken des Filmes besteht darin, diese Freundschaft spürbar zu machen, als Notwendigkeit, als Sehnsucht, als Ideal. Wahrscheinlich gibt es solche Freunde nur im Film. Das ist es, was in „It Follows“ mitten ins Herz trifft. Eine Freundschaft sogar mit der eigenen ein bisschen jüngeren Schwester. Und obwohl Jay lieber mit Jungs befreundet ist, gehört auch Yana dazu, die mit ihrer riesigen Brille Dostojewskis Roman „Der Idiot“ auf einem muschelförmigen e-book liest und irgendwann ein bisschen altklug eine Passage über die Auflösung der Persönlichkeit vorträgt, und damit Paul meint und man könnte das als ein Mosaiksteinchen in der Interpretation des Schlusses dieses Filmes sehen.
Eine nicht erzählte Geschichte in der Geschichte. Da ist Greg, der ein paar Jahre älter ist als Jay, er ist ein bisschen außerhalb des engen Freundeskreises und macht auf unnahbar und cool. Als er einmal wie nebenbei zu Jay sagt, „wenn ich damals nur netter zu dir gewesen wäre“, dann ist klar, was da gelaufen ist. Und auch wenn Jay ganz nebenbei irgendwann zu Paul sagt, dass sie auf der High School mit Greg Sex hatte, „keine große Sache“, so sieht es doch eher danach aus, dass Jay gehofft hatte, wegen ihres Charakters geliebt worden zu sein. Während Greg seinen Blick ständig auf andere Frauen wirft. Und da ist der schmächtige Paul, der gern so furchtlos wäre wie Greg. Im Traum nimmt der Träumende die Gestalt verschiedener Figuren an. Sind wir am Ende selbst die Monster unserer Alpträume? Die Monster als das personifizierte Nichts, das uns immer bedroht, weil wir unser Leben immer wieder neu erschaffen müssen. Nicht nur, wenn es darum geht, nach Abschluss der Schule Weichen zu stellen.
In einer Traumwelt muss nichts logisch sein. Alles erschließt sich auf der unterbewussten Ebene. Es wirkt nach. Nachdem ich „It Follows“ zum ersten Mal gesehen hatte, im Kino, ging ich in einen riesigen Supermarkt, der bis Mitternacht geöffnet hat. In den Gängen bewegte sich ein großer Mann mit weißem Haar, sein Gesicht war blass geschminkt, er ging an mir vorbei und ich schaute ihn an, schwarzer Kajal um die Augen. In diesem Moment flackerte das Neonlicht. Ich war die einzige, die es bemerkte.
2015 10 Aug.
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
Wer erinnert sich nicht an die erste Begegnung mit Joanna Newsoms Stimme!? Ein wenig schrill und kindlich-naiv klang sie auf ihrem Debut THE MILK-EYED MENDER (2004). Kurze Songs mit Harfe, die verzücken, aber auch irritieren konnten. Fasziniert war man von der Kratzbürstigkeit, und bald suchten Kritiker dafür nach den richtigen Wörtern und Referenzen. Auf einmal schien da wieder ein seltenes helltönendes Original (wie Björk, und davor Kate Bush) neue Räume zu erkunden. Die Independant-Szene hatte eine neue, schräg singende Heldin mit Pippi Langstrumpf-Flair, aber insgeheim fragte man sich schon, ob der Zauber beim nächsten Mal noch wirken würde.
YS (2006) ließ alle Befürchtungen zerbröseln. Auf einmal begegneten uns phantastisch ausufernde Lieder, jenseits der Regeln für Strophe und Refrain. Mit den ausgefeilten Produktionstechniken von Jim O Rourke und Steve Albini sowie raumgreifenden Violinen und Violas von Altmeister Van Dyke Parks entstand ein überragendes Werk. Karl Bruchmaier sah das anders, wir kamen da nicht auf einen grünen Zweig:) Als vielen dämmerte, daß YS rasch Klassiker-Status erlangen würde, stand die Frage im Raum, ob das denn nun der Gipfel war, und ob allmählich alle Exzentrik einer sanfteren Gang- und Sangesart weichen würde.
HAVE ONE ON ME war dann nicht nur ein simpler Trinkspruch (und eine sexuelle Anspielung), es war auch die Fortsetzung des Zaubers mit neuen, nie greifbaren Rezepturen, in einem Werk, in dem Momente der Trunkenheit in allen möglichen Formen (Sex, Liebe, Umnachtung etc.) reich gesät waren. Es gab seltsame Lieder in diesem Dreifach-Album: die kurzen, nur von der Harfe begleiteten Stücke (auf einigen wechselt sie zum Klavier); es gab lange, mäandernde Gebilde, die zwar beim ersten Hören geradliniger daherkommen als beim Vorgänger, aber dann doch eigenartige Kurven nahmen.
Die Lieder begannen oft spartanisch, und dann wurde ihnen gutes altes Cinemascope eingehaucht. Der Gitarrist und Tambura-Spieler Ryan Francesconi arrangierte viele Parts mit Holzbläsern und Streichern. Einiges hörte sich exotisch an, neben der Tambura etwa die Kaval, die ebenfalls aus dem Osten Europas kommt. Auch die Kora, eine 21-saitige Harfe aus Mali, durfte zum Duett mit Newsoms europäischer Harfe aufspielen (außer Frage steht, daß Joanna Newsom die archaische Koramusik eines Toumani Diabate sehr schätzt und diese in ihrem Studium nicht minder intensiv studierte wie die weltoffene Klassische Musik eines Claude Debussy).
Solche Duftnoten anderer Kulturen hinterlassen häufig einen schalen Nachgeschmack – bei dieser Jägerin alter spirits und vibes passten sie bestens zu den Roots-haltigen Banjo-Sounds und anderen Schwingungen eines lang vergangenen Amerika!
Die Texte können durchaus mal Schwindel erzeugen, dann wieder ist der Wortwitz scharfzüngig, und die gute alte Tante Liebeslied um einige hinreißende Zeilen bereichert!
– I regret how i said to you, Honey, just open your heart, when I have got trouble even opening a honey jar.
Vieles drehte sich ums Verbandeln und Entbandeln, um die Balance von In-Sich-Ruhen und Außer-Sich-Sein. Manches machte sich eine wunderlich alte Sprache zunutze, die den Straßenstaub gar nicht erst abschütteln musste. HAVE ONE ON ME mischte Autobiographisches, Fiktives und Mythisches in einer Perfektion, die an einen gewissen Herrn Dylan erinnert. Kein Wunder, daß sie zu ihren Lieblingsautoren Carson McCullers und William Faulkner zählt (nehmen Sie sich mal bei Lust und Laune die Neuübersetzung von Faulkners LICHT IM AUGUST vor, oder John Steinbecks FRÜCHTE DES ZORNS, und Sie erfahren mehr darüber, welche Quellen die Lady auf HAVE ONE ON ME u.a. anzapft, als von diesem ganzen Elfenquatsch, der ihr angedichtet wird!)
Songweise wirkte das so, als habe Joanna Newsom vor sich hin fabuliert, an entlegenen Orten, in Bildern, die Traumszenen beschwören und sich auf manche Dunkelheit einlassen. Das Herz bleibt ein einsamer Jäger. (Kleine Fußnote nebenher – Newsom war eine Zeitlang zusammen mit Bill Callahan (aka Smog); da muß sie auch Muse gewesen sein, denn manche von YS abstrahlende Streicherklänge inspirierten Bill Callahans Klasse-Album I WISH WE WERE AN EAGLE. Und auch die Alben von Smog sind ja, man denke an Highlights wie RED APPLE FALLS und KNOCK KNOCK, wundervoll knorrige Zeugnisse des Driftens und Nie-Ankommens und Zurücksehnens – Sie kennen dieses Platten nicht? Bitte nachholen!).
Die Stimme ist über die Jahre anders geworden, hat sich entwickelt, findet – buchstäblich – etwas tiefer gelegte Räume (kurze Kiekser gibts trotzdem noch). Auch wenn der Kelch einiger Lieder hier und da überfloss (have one on me, Joanna, cheers), war das Werk erstaunlich formbewußt. Durchgearbeitet. Durchdacht.
Und nun also, Ende Oktober, der nächste Streich! DIVERS. Das Cover ist mal wieder aus der Zeit gefallen. Flower Power der etwas anderen Art!
2015 10 Aug.
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Anecdotes 6:27
Sapokanikan 5:11
Leaving the City 3:48
Goose Eggs 5:01
Waltz of the 101st Lightborne 5:22
The Things I Say 2:35
Divers 7:07
Same Old Man 2:26
You Will Not Take My Heart Alive 4:01
A Pin-Light Bent 4:26
Time, As a Symptom 5:28