Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Montag, 10. August 2015.

Archives: Montag, 10. August 2015

Die Idee stammt aus einem wiederkehrenden Kindheitstraum, sagte David Robert Mitchell. Immer wieder tauchte von weitem eine Figur auf, eine Art Monster, und es kam langsam auf ihn zu. Es konnte aussehen wie jemand, den er kannte. Oder auch nicht. Der junge Mitchell rannte davon oder kletterte aus dem Fenster. Später sprach er mit anderen darüber und es stellte sich heraus, dass es sich um einen verbreiteten Angsttraum handelt. Besteht nicht Kunst – jedenfalls auch – darin, sich eigenen Verletzungen und Traumata zu stellen, sie zu verarbeiten und dadurch vielleicht zu überwinden oder wenigstens für ein paar Momente zu vergessen? In Mitchells zweitem Spielfilm „It follows“ wird eine Kindheitsangst dramatisiert und sie wird in einer skurrilen kleinen Welt am Rande von Detroit durch Sex übertragen.

Es gibt einen einzigen völlig unbeschwerten Moment. Jay hatte gerade zum ersten Mal Sex mit Hugh, vorher ein paar Verabredungen mit ihm, ein abgebrochener Kinobesuch, ein kleines Abendessen. Während er irgend etwas am Auto macht, liegt sie spärlich bekleidet quer auf der Rücksitzbank des Wagens. Sie spricht sie zu ihm, aber eigentlich spricht sie zu sich. Dass es immer ihr Tagtraum gewesen ist. Jemanden gefunden zu haben, gemeinsam unterwegs sein, die Hand des Freundes zu spüren, die Straße, das Licht. Radio hören und wie die Blätter der Bäume damit beginnen, ihre Farbe zu ändern. Es kommt nicht darauf an, irgendwo anzukommen. Es sind Sekunden voll Glück, in denen ein Leben eine neue Wendung nehmen kann. Ein paar Momente später ist nichts mehr wie zuvor. Hätte sie ahnen können, dass etwas mit Hugh nicht stimmt? Vielleicht daran, wie er sich bei ihrem Spiel im Kinosaal verhielt, bevor der Film begann?

 

-Schau dich um, such dir jemanden aus, an dessen Stelle du gerne wärst.

-Okay.

(Pause)

-Die da vorne?

-Nein, die Frau ganz hinten. Die im gelben Kleid.

-Im gelben Kleid? Wo? Willst du mich ärgern? Da ist keine Frau im gelben Kleid…

-Nein? Lass uns rausgehen, schnell, mir ist nicht gut.

 

Der Film ist wie ein Traum strukturiert. Wie die Szenen ineinander übergehen. Wie es dunkel wird und das Licht verschwimmt. Du lässt dich treiben im Pool, eine Ameise läuft über deinen Arm. Bunte Metalldosen, die an Schnüren vor einem Fenster hängen. Das Geräusch, wie sie zusammenstoßen. Eine künstliche Wiese liegt vor einer Matratze auf dem Dachboden. Bunte Comics kleben auf Fensterscheiben eines verlassenen Hauses. Draußen rennt ein Eichhörnchen oder eine Ratte vorbei. Ein Traumlabor. Eine unwirkliche Welt, zeitlos, auch im Mix der Moden. Das Klamottenstyling stammt aus der Gegenwart, auch die riesige dunkle Hornbrille von Yara, die ein bisschen an die 60er Jahre erinnern, aber jetzt wieder modern sind. Nur einmal, in der vom eigentlichen Plot abgelösten Eingangsszene klingelt ein Handy, es gibt ein muschelförmiges elektronisches Lesegerät, es gibt keine Flachbildschirme, dafür aber Fernseher mit dickem Gehäuse und sie zeigen Spielfilme, Science Fiction oder Dokumentationen in schwarzweiß. Die Telefone stammen noch aus der analogen Zeit. Schwere Gardinen, alte Kommoden, und ein Spiegel, auf dem Familienfotos als Polaroid kleben. Der Retro-Trend weist auf den Wunsch nach Geborgenheit, und auch nach einer Technik, die simpel ist, und die nicht so leicht wie die digitalisierten Geräte der Überwachung unterliegt. Darin steckt auch ein kleines kritisches, politisches Element.

Was machen diese Jugendlichen eigentlich? Jay geht aufs College (oder ist es noch die Schule?), ihre jüngere Schwester Kelly und Paul verkaufen Eiscreme in einem kleinen Laden, vielleicht ist es auch nur ein Job und sie studieren etwas oder machen eine Ausbildung, Greg sitzt in Jays Literaturkurs, in dem T.S. Eliots „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ besprochen wird. Yara würde man auch ein Studium zutrauen, auch wenn sie oft im Auto einschläft, aber vielleicht liest sie Dostojewski auch nur einfach so für sich. Diese jungen Leute sind längst keine Kinder mehr, sie sind aber auch noch nicht in einem erwachsenen Leben angekommen. Eine Zwischenwelt. Und sie leben noch im Haus der Eltern. Jay beschwört ihre Schwester, nichts der Mutter zu erzählen, aber wo ist die Mutter und wo ist der Vater eigentlich? Erwachsene tauchen nur selten auf, da öffnet mal eine Mutter die Haustür, eine Sekretärin gibt eine Information und irgendwo im Hintergrund redet ein Unidozent. Es entspricht der Wahrnehmung der Jugendlichen, ganz auf sich fixiert zu sein. Die Abwesenheit der Erwachsenen ist Teil der Traumlogik.

Was ist das für ein Virus, den Hugh auf Jay überträgt? Jay sieht Figuren, die auf sie zukommen, langsam, bedächtig, aber konstant. Sie haben etwas von Schlafwandlern, sie können Jay töten, und dann würden sie der Reihe nach alle, die den Virus weiter übertragen haben, verfolgen und töten. Jay kann dem Fluch nur entkommen, wenn sie den Virus weiter überträgt, indem sie mit jemandem Sex hat.

Jeder, der einmal infiziert war, kann die Monster sehen. Für denjenigen, der den Virus weiter übertragen hat, sind die Monster aber nicht gefährlich, sie verfolgen nur den akut Betroffenen.

Die Monster können jede Gestalt annehmen. Sie können aussehen wie Fremde, wie Freunde, wie ein Elternteil. Sie können ekelhaft sein, und oft wirken sie bedrohlich, sie können aber auch schöne Menschen sein, die aus einem Pfad im Schilf auftauchen. Es ist genau diese Verwirrung, die dem Film eine besondere Tiefe verleiht und die „It Follows“ von gewöhnlichen Horrorfilmen in eine ganz andere Liga hebt. Gerade weil die Monster nicht von normalen Personen unterschieden werden können, ist Jay wie alle Infizierten ständig in Panik davor, ein Monster könne sich ihr nähern und sie töten. Geh nie in einen Raum mit nur einem Ausgang. Jay kennt sich nicht mehr mit sich selbst aus. Sie weiß, dass mit ihr etwas nicht stimmt, aber sie kann nicht fassen, was es ist. Und sie kann dem nicht entkommen. Wie der Schreck vor dem eigenen Körper sich zeigt: Jay steht im Badezimmer, vor dem Spiegel, jetzt in kindlicher weißer Unterwäsche, sie wagt es kaum, den Slip vorne herunterzuziehen und sich anzuschauen. Natürlich geht es ums Erwachsenwerden. Sex zu haben als Übergang von der Kindheit zum erwachsenen Leben. Die Unsicherheiten und Missverständnisse, die damit zusammenhängen. Darum geht es auch in der Szene in dem Gedicht von T.S. Eliot. Ein Mann dachte, nach Marmelade, Tee und Keksen am Nachmittag hätte auch die Frau Lust auf ihn. I am Lazarus, come from the dead. Sich mit den eigenen Alpträumen zu beschäftigen und sie zu überwinden, das kann aber auch eine lebenslange Aufgabe sein. „It Follows“ ist keineswegs ein Film, der vor allem Jugendliche anspricht. Grenzüberschreitungen sind in jeder Lebensphase interessant.

Der Film ist nicht nur in einer Traumlogik gebaut. Er erschließt sich auch wie ein Traum. Sehr fein sind verschiedene Fäden miteinander verwoben. Oder auch nicht.

Da sehen wir auf einem Polaroid, das an Jays Kinderzimmerspiegel klebt, ein Bild des Vaters, der später im Schwimmbad erscheint und Jay mit alten elektronischen Geräten bewirft. Der – für die Freunde – unsichtbare Vater, der seine Tochter unter Wasser hält, so dass sie zu ertrinken droht. Der Vater, der von Jays späterem Freund getötet wird. Dann wieder Auslassungen. Warum ist der Swimmingpool später zerstört und leer? Ist die Zeit eines sich-treiben-Lassens im Wasser vorüber? Überhaupt, das Wasser: Da ist der Strand und die See wie ein Meer. Da ist die Großzügigkeit der amerikanischen Autos, die Weite, der Raum. Es ist die Art, wie es dunkel ist und wie die Straßen beleuchtet werden, nachts. Die Art, wie Bilder verschwimmen vor der Windschutzscheibe im Weitwinkel. Es ist das Weiche im Licht. Vor allem aber sind es die Freunde, die da sind und die versuchen, ihr Schutz zu geben. Und irgendwann liegen alle in einem Zimmer herum, erschöpft, und übernachten gemeinsam, ganz harmlos in ihren Schlaf-T-Shirts und Boxershorts oder sommerlichen Hemdchen. Und reden über alte Geschichten, die Blätter der Bäume rauschen ein bisschen im Wind. Eine der großen Stärken des Filmes besteht darin, diese Freundschaft spürbar zu machen, als Notwendigkeit, als Sehnsucht, als Ideal. Wahrscheinlich gibt es solche Freunde nur im Film. Das ist es, was in „It Follows“ mitten ins Herz trifft. Eine Freundschaft sogar mit der eigenen ein bisschen jüngeren Schwester. Und obwohl Jay lieber mit Jungs befreundet ist, gehört auch Yana dazu, die mit ihrer riesigen Brille Dostojewskis Roman „Der Idiot“ auf einem muschelförmigen e-book liest und irgendwann ein bisschen altklug eine Passage über die Auflösung der Persönlichkeit vorträgt, und damit Paul meint und man könnte das als ein Mosaiksteinchen in der Interpretation des Schlusses dieses Filmes sehen.

Eine nicht erzählte Geschichte in der Geschichte. Da ist Greg, der ein paar Jahre älter ist als Jay, er ist ein bisschen außerhalb des engen Freundeskreises und macht auf unnahbar und cool. Als er einmal wie nebenbei zu Jay sagt, „wenn ich damals nur netter zu dir gewesen wäre“, dann ist klar, was da gelaufen ist. Und auch wenn Jay ganz nebenbei irgendwann zu Paul sagt, dass sie auf der High School mit Greg Sex hatte, „keine große Sache“, so sieht es doch eher danach aus, dass Jay gehofft hatte, wegen ihres Charakters geliebt worden zu sein. Während Greg seinen Blick ständig auf andere Frauen wirft. Und da ist der schmächtige Paul, der gern so furchtlos wäre wie Greg. Im Traum nimmt der Träumende die Gestalt verschiedener Figuren an. Sind wir am Ende selbst die Monster unserer Alpträume? Die Monster als das personifizierte Nichts, das uns immer bedroht, weil wir unser Leben immer wieder neu erschaffen müssen. Nicht nur, wenn es darum geht, nach Abschluss der Schule Weichen zu stellen.

In einer Traumwelt muss nichts logisch sein. Alles erschließt sich auf der unterbewussten Ebene. Es wirkt nach. Nachdem ich „It Follows“ zum ersten Mal gesehen hatte, im Kino, ging ich in einen riesigen Supermarkt, der bis Mitternacht geöffnet hat. In den Gängen bewegte sich ein großer Mann mit weißem Haar, sein Gesicht war blass geschminkt, er ging an mir vorbei und ich schaute ihn an, schwarzer Kajal um die Augen. In diesem Moment flackerte das Neonlicht. Ich war die einzige, die es bemerkte.

Wer erinnert sich nicht an die erste Begegnung mit Joanna Newsoms Stimme!? Ein wenig schrill und kindlich-naiv klang sie auf ihrem Debut THE MILK-EYED MENDER (2004). Kurze Songs mit Harfe, die verzücken, aber auch irritieren konnten. Fasziniert war man von der Kratzbürstigkeit, und bald suchten Kritiker dafür nach den richtigen Wörtern und Referenzen. Auf einmal schien da wieder ein seltenes helltönendes Original (wie Björk, und davor Kate Bush) neue Räume zu erkunden. Die Independant-Szene hatte eine neue, schräg singende Heldin mit Pippi Langstrumpf-Flair, aber insgeheim fragte man sich schon, ob der Zauber beim nächsten Mal noch wirken würde.

YS (2006) ließ alle Befürchtungen zerbröseln. Auf einmal begegneten uns phantastisch ausufernde Lieder, jenseits der Regeln für Strophe und Refrain. Mit den ausgefeilten Produktionstechniken von Jim O Rourke und Steve Albini sowie raumgreifenden Violinen und Violas von Altmeister Van Dyke Parks entstand ein überragendes Werk. Karl Bruchmaier sah das anders, wir kamen da nicht auf einen grünen Zweig:) Als vielen dämmerte, daß YS rasch Klassiker-Status erlangen würde, stand die Frage im Raum, ob das denn nun der Gipfel war, und ob allmählich alle Exzentrik einer sanfteren Gang- und Sangesart weichen würde.

HAVE ONE ON ME war dann nicht nur ein simpler Trinkspruch (und eine sexuelle Anspielung), es war auch die Fortsetzung des Zaubers mit neuen, nie greifbaren Rezepturen, in einem Werk, in dem Momente der Trunkenheit in allen möglichen Formen (Sex, Liebe, Umnachtung etc.) reich gesät waren. Es gab seltsame Lieder  in diesem Dreifach-Album:  die kurzen, nur von der Harfe begleiteten Stücke (auf einigen wechselt sie zum Klavier); es gab lange, mäandernde Gebilde, die zwar beim ersten Hören geradliniger daherkommen als beim Vorgänger, aber dann doch eigenartige Kurven nahmen.

Die Lieder begannen oft spartanisch, und dann wurde ihnen gutes altes Cinemascope eingehaucht. Der Gitarrist und Tambura-Spieler Ryan Francesconi arrangierte viele Parts mit Holzbläsern und Streichern. Einiges hörte sich exotisch an, neben der Tambura etwa die Kaval, die ebenfalls aus dem Osten Europas kommt. Auch die Kora, eine 21-saitige Harfe aus Mali, durfte zum Duett mit Newsoms europäischer Harfe aufspielen (außer Frage steht, daß Joanna Newsom die archaische Koramusik eines Toumani Diabate sehr schätzt und diese in ihrem Studium nicht minder intensiv studierte wie die weltoffene Klassische Musik eines Claude Debussy).

Solche Duftnoten anderer Kulturen hinterlassen häufig einen schalen Nachgeschmack – bei dieser Jägerin alter spirits und vibes passten sie bestens zu den Roots-haltigen Banjo-Sounds und anderen Schwingungen eines lang vergangenen Amerika!

Die Texte  können durchaus mal Schwindel erzeugen, dann wieder ist der Wortwitz scharfzüngig, und die gute alte Tante Liebeslied um einige hinreißende Zeilen bereichert!

– I regret how i said to you, Honey, just open your heart, when I have got trouble even opening a honey jar.

Vieles drehte sich ums Verbandeln und Entbandeln, um die Balance von In-Sich-Ruhen und Außer-Sich-Sein. Manches machte sich eine wunderlich alte Sprache zunutze, die den Straßenstaub gar nicht erst abschütteln musste.  HAVE ONE ON ME mischte Autobiographisches, Fiktives und Mythisches in einer Perfektion, die an einen gewissen Herrn Dylan erinnert. Kein Wunder, daß sie zu ihren Lieblingsautoren Carson McCullers und William Faulkner zählt (nehmen Sie sich mal bei Lust und Laune die Neuübersetzung von Faulkners LICHT IM AUGUST vor, oder John Steinbecks FRÜCHTE DES ZORNS, und Sie erfahren mehr darüber, welche Quellen die Lady auf HAVE ONE ON ME u.a. anzapft, als von diesem ganzen Elfenquatsch, der ihr angedichtet wird!)

Songweise wirkte das so, als habe Joanna Newsom vor sich hin fabuliert, an entlegenen Orten, in Bildern, die Traumszenen beschwören und sich auf manche Dunkelheit einlassen. Das Herz bleibt ein einsamer Jäger. (Kleine Fußnote nebenher – Newsom war eine Zeitlang zusammen mit Bill Callahan (aka Smog); da muß sie auch Muse gewesen sein, denn manche von YS abstrahlende Streicherklänge inspirierten Bill Callahans Klasse-Album I WISH WE WERE AN EAGLE. Und auch die Alben von Smog sind ja, man denke an  Highlights wie RED APPLE FALLS und KNOCK KNOCK, wundervoll knorrige Zeugnisse des Driftens und Nie-Ankommens und Zurücksehnens – Sie kennen dieses Platten nicht? Bitte nachholen!).

Die Stimme ist über die Jahre anders geworden, hat sich entwickelt, findet – buchstäblich – etwas tiefer gelegte Räume (kurze Kiekser gibts trotzdem noch). Auch wenn der Kelch einiger Lieder hier und da überfloss (have one on me, Joanna, cheers), war das Werk erstaunlich formbewußt. Durchgearbeitet. Durchdacht.

Und nun also, Ende Oktober, der nächste Streich! DIVERS. Das Cover ist mal wieder aus der Zeit gefallen. Flower Power der etwas anderen Art!

 
 
 

 

2015 10 Aug.

Finally, out on Oct 23rd, on Drag City: DIVERS

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

Anecdotes 6:27
Sapokanikan 5:11
Leaving the City 3:48
Goose Eggs 5:01
Waltz of the 101st Lightborne 5:22
The Things I Say 2:35
Divers 7:07
Same Old Man 2:26
You Will Not Take My Heart Alive 4:01
A Pin-Light Bent 4:26
Time, As a Symptom 5:28

2015 10 Aug.

Jazzbildchenquartett bei Ravensburger?

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

Der Afroamerikaner holt das Mikrofon ganz dicht an seinen Mund, der Saxofonist krümmt sich über sein Horn, die Stirn in Falten gezogen, ein Blondschopf hält die E-Gitarre. Der Schlagzeuger wird in dem Moment geblitzt, in dem die Basstrommel vibriert. Der Blickkontakt zwischen dem Pianisten und dem Mann am Kontrabass wird bruchteilsekundengenau eingefangen. Das gleissende Licht, der samtene Vorhang, man ahnt, wie unfassbar imtensiv das Geschehen auf der Bühne ist, an der Rückwand der Bar hängt, Foto im Foto, ein Porträt von Thelonious Monk, aber wie schön, einmal nicht den Vibraphonisten beim Entwickeln eines Gedankens einzufangen, sondern  nur auf den Barmann draufzuhalten, der sich einen Martini Rosso reinzwitschert, und von einem Jazzbilderspiel träumt, ein Spass für die ganze Jazzfamilie von 8 bis 80. Vielleicht flankiert die Bilderflut auch den gepflegt-akademischen Festivaltourismus. Oder liefert, die grosse Geste, Zeugnis ab von all den verschwundenen Augenblicken. Sub specie aeternitatis. Oder so ähnlich. Gibt es ein Wunschbilderkonzert? Alles nostalgisch, und es gibt keine Wagnisse in diesem Spiel. Nice.

2015 10 Aug.

Summertime Blues

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

Gasoline – lost my woman – Mississippi – down the road – crying. Create a blues story with these words.

Gestern auf dem 36.Jazz & Blues Festival in Gouvy/Ardennen trat eine Band auf, die ich kurz vorstellen möchte. HYPNOTIC-WHEELS aus Nordfrankreich. Die netzstrümpfige Sängerin hypnotisierte auch mit ihrer galettebelegten Stimme. Nicht nur bei dem männlichen Publikum trat der Salzschweiss aus. Der Hurdy-Gurdy Spieler an ihrer Seite sorgte dafür, dass man in diesem Zustand verzaubert verblieb, bis der Mann an der Kalebasse dermassen auf diese eintrommelte und der harte Beat jeden zurückholte. Tolle Entdeckung …

 

Mehr unter: www.gouvy.eu/madelonne

„Schilf“ nach Juli Zehs Roman, umgesetzt von Claudia Lehmann 2012

 

Jeder kennt Zufälle, die unser Leben beeinflussen und verändern. Sie müssen gar nicht großer Art sein, es können Kleinigkeiten sein. Gesten, ein beiläufig gesprochener Satz, ein Telefonanruf. Und sie hallen ewig nach. Manchmal beschleicht einen der Gedanke: Wenn du nochmal jung wärest und etwas anders machen könntest … Und wenn es möglich wäre diesen Zufall zu verändern? Wäre dann alles gut oder besser?

In Claudia Lehmanns Verfilmung von Juli Zehs Roman „Schilf“ (2012) wird dieser Frage nachgegangen, ebenso wie in dem mehr Beachtung gefundenen Film „Nachtzug nach Lissabon“ von 2013, nur hier viel praxisnäher und, paradoxerweise, dabei wissenschaftlicher!

Zwei Studienfreunde, Sebastian Wittich (Mark Waschke) und Oskar Hoyer (Stipe Erceg), die trotz unterschiedlicher Auffassungen in der Wissenschaft Freunde geblieben sind, haben beide Erfolg: Wittlich eher privat, er ist glücklich verheiratet und hat einen Sohn, Hoyer eher beruflich, er arbeitet am schweizer Kernforschungszentrum CERN.

Wittlich, aus dessen Perspektive der Zuschauer den Film erlebt, wohnt in Jena und ist froh, dass seine Frau ein paar Tage verreist und sein Sohn, Nick, ins Zeltlager verreisen wird. Er will die Zeit für seine Forschungen nutzen und erlebt höchst unangenehm, wie ein anonymer Anruf sein Leben verwirren wird „Stell´ dir vor, man könnte Botschaften in die Vergangenheit (oder Zukunft) schicken“ (Hoyer später zu Wittlich) – und man würde diese auch noch falsch verstehen (Schulz von Thuns Modell der Rezeption einer Nachricht wird hier nicht eingebracht, das würde den Rahmen der sehr komplexen Story noch mehr verwirren). Er versteht den Satz nicht richtig, weil ein LKW vorbeifährt und nun nimmt das Schicksal seinen Lauf. Wittlich tut Dinge, die man ihm nicht zutrauen würde. Begibt sich in Gefahr und merkt nicht, dass er das erlebt, was er in den Anfangsszenen selbst in einer Vorlesung doziert hat: Er erlebt Parallelwelten, ohne das zu ahnen. Wie sympathisch, dass ein Wissenschaftler seine eigenen Theorien in der Praxis nicht erkennt. Auch die leicht zu lässig daher getragene Art der Person Wittlich macht ihn zu einer Identifikationsfigur.

Der Zuschauer wird mit den Einzelheiten der Physik nicht überfordert, dafür sorgt die Rolle des kleinen Sohnes (Nick). Er stellt Fragen, die für den Verlauf und das Verständnis des Filmes wichtig sind. An ihm wird dem Zuschauer recht klar, wie wichtig es ist, in welchem Umfeld man aufwächst. (Nick kommt mit Fragen in Kontakt, die vielen Erwachsen sich noch nicht einmal stellen.) Die Diskussion über den Einfluss des Elternhauses auf die Zukunft von Kindern wird hier deutlich. Aber man schiebt mit diesem Gedanken aber auch Verantwortung ab (an die Eltern / Schuldzuweisung), statt sie selbst zu übernehmen (du kannst es selbst gestalten, mit was du dich beschäftigst). „Du beobachtest nur eine Möglichkeit, die andere gibt es aber auch.“

Und alles was möglich ist, passiert. Und das hält den Film bis zur Schlussszene spannend.

Der Film hallt in mir lange nach: Wie veränderst du durch dein Handeln die Welt, die andere gerade erleben? Wie verändert sich meine Welt durch das Tun der Anderen? Es ist alles in unserem Einfluss, was wir tun und wie wir etwas interpretieren. Da kommen dann die Welt der Physik und die Welt der Soziologie zusammen: Die reale Welt wird durch unsere Sozialisation (und unseren Umgang mit Normen) in undenkbar viele Möglichkeiten aufgebrochen. Wir erleben zwar nur eine davon, aber die Möglichkeiten bleiben offen. Wir empfinden das als Einschränkung. Es liegt aber an uns eine Möglichkeit auszuwählen. Wir bräuchten mehr Mut die „Fehler“ (oder Kleinigkeiten, die unserer Leben beeinflusst haben) zu verändern. „Habe das absurde Gefühl das alles selbst inszeniert zu haben.“, so Wittlich zum Ende des Filmes. Er erkennt, dass wir alle unser Leben doch

selbst machen. Eine Aufforderung an uns, Konsequenzen zu ziehen! Unser Leben – ungeachtet der Widrigkeiten unserer Vergangenheit, dessen, was wir gern im Nachhinein verändern würden – jetzt besser zu machen! Ein höchst ermutigender Film – für jeden, der darüber nachdenkt! Und ein Appell: Hadere nicht mit den Fehlern der Vergangenheit, sondern mache sie ungeschehen durch dein Handeln im Hier und Jetzt! Und auf einmal sind wir da, wo wir uns hin wünschten: Wir springen über den Schatten und erobern die Parallelwelten.

 

Ansgar Heide

2015 10 Aug.

Celadon

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

Celadon by MAJA S.K. RATKJE, JON WESSELTOFT, CAMILLE NORMENT, PER GISLE GALÅEN will definitely be appearing on my 2015 list. Maja S.K. Ratkje’s vocal on this is nothing short of genius. Celadon is a recording of transcendental, mediumistic power.

According to the record label, Celadon was „Recorded in Norwegian sculptor and painter Emanuel Vigeland‘ s (1875 -1948) mausoleum in Oslo in 2013. A recording space that is famous for its acoustics and its long and full-sounding reverb. These three tracks utilize both the delicacy and the power of acoustic instruments and human voice in relation to the unique recording space“.

There’s a lot to like here – Celadon is beautifully recorded, the compositions wear their complexity lightly, sometimes the timbre seems ancient and Eastern, sometimes it seems like right now (or 2013 in a mausoleum in Oslo, at least). The vibe of invigorating displacement you get from listening to this isn’t unlike the one you get when you visit Neolithic burial mounds. About 21 minutes and 55 seconds into the final track Afterglow, something genuinely special starts to happen. Listen to it and see (hear, feel) for yourself.

 
 
 


 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz