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2015 11 Aug

Gastbeitrag von Hans Dieter Klinger: Spuren von Gospel im Jazz

von: Manafonistas Filed under: Blog | TB | 9 Comments

Die Sendung ging Ende Juli über den Sender, im Deutschlandfunk. „Swing low. Der Einfluss der Gospelmusik im Jazz“. Gut, dass ich das Rundfunkprogramm jener Woche gründlich gelesen habe. Ein Thema, das mich einst in seinen Bann gezogen hatte, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich habe die Sendung mitgeschnitten. Sie bot nicht nur einen Blick in die Historie: field recordings, Louis Armstrong, Charles Mingus, Sonny Rollins … ok, das war zu erwarten. Aber, dass die Jüngeren diese ehrwürdige Tradition immer noch – oder wieder ? – schätzen und in berührender Weise verarbeiten, hat mir gezeigt, dass es tief geht, weit reicht.

Jaimeo Brown verarbeitet in seinem Album TRANSCENDENCE Samples, vorwiegend Gesänge der Gee’s Bend Quilters. Weder von Brown noch von den Quilters hatte ich bis dato gehört oder gelesen. Jaimeo Brown schreibt in seinen Anmerkungen zu dieser Aufnahme:

 

„In research of my thesis on ‘How the Black Church Affected Jazz’ , I encountered the Gee’s Bend Quilters and was deeply inspired by their haunting renditions of spirituals from Alabama. My desire to bring light to their life-changing music and quilted artwork was the inspiration to begin the TRANSCENDENCE project. […] Growing up in a time when musical education was taught for the sole purpose of entertainment, the raw and unfeigned black spirituals sung by the Gee’s Bend singers made a deep impression on me. The primary purpose of black spiritual music is to build community and provide a medium of healing and worship.“

 

Zu Zeiten der Sklaverei war „community building“ eine extrem wichtige Funktion. Größere Versammlungen wurden den Sklaven nur zum Gottesdienst zugestanden und selbst da meist unter Aufsicht. Neben „healing“ und „worship“ waren Spirituals ein Instrument der „conspiration“, oft verwendet für „codified messages“, wenn die Flucht ins „promised land“, in den Norden bis nach Kanada, gewagt wurde:

 
 

When Israel was in Egyptsland
Let my people go
Oppressed so hard they could not stand
Let my people go
Go down, Moses, way down in Egyptsland
Tell ol’ Pharao
Let my people go
 

 

„Moses“ war der Code-Name von Harriet Tubman, jener rebellischen Frau, die nach ihrer Flucht immer wieder als wichtige Persönlichkeit der underground railroad vielen Brüdern und Schwestern in die Freiheit verhalf.

Kenntnis von Gesängen wie „Nobody knows the trouble I have seen“ oder „Swing low, sweet chariot“ erlangte man in Europa eigentlich erstaunlich frühzeitig, nämlich durch Studenten der Fisk-University Nashville, die etwa seit 1873 mehrere Tourneen auf dem alten Kontinent unternahmen. 1896 traten sie unter anderem in den Leipziger Hauptkirchen auf. In der Leipziger „Illustrierten Zeitung“ vom 29. Februar war zu lesen: „Nicht allein dadurch, daß sie die Aufmerksamkeit einem musikalischen Literaturzweig zuwendet, von dem man in Europa vielfach so gut wie keine Ahnung gehabt hat, nämlich dem Negerlied, wird diese aus acht farbigen Sängern und Sängerinnen bestehende Corporation so denkwürdig und bedeutsam, sondern zugleich dadurch, daß sie diese Literaturgattung in einer Vollendung ausführt, die schwerlich nach der Seite der technischen Abrundung, noch nach der Seite des seelenvollen Ausdrucks sich überbieten läßt.“ (aus Musikgeschichte in Bildern, Band IV, Seite 156, Leipzig 1971)

Da ich mich stets immens für Musik interessiert habe, ist so manches Liederbuch aus dem Lehrbuch-Bestand meines Gymnasiums in meine Bibliothek ausgewandert worden. Ich besitze ein „Bayerisches Liederbuch“, das im Jahr 1949 herausgegeben wurde. Es enthält im Abschnitt „Aus fremden Landen“ einen einzigen Spiritual Song: Somebody´s knocking at your door. Damit klopft die afro-amerikanische Musik zaghaft an die Schultüren. Hat man einen Kulturschock befürchtet? Da musste schon eine Fußnote zu diesem „Geistlichen Negerlied aus der Zeit der Sklaverei“ angebracht werden: „Die Negro Spirituals zeichnen sich durch eine eigenartige Verbindung von Rhythmus und Melodie aus. Sie entstammen wohl heidnischen Ritualgesängen, in die später melodische Elemente der christlichen Hymnen aufgenommen wurden. Texte und Melodien sind voll naiver Inbrunst und religiöser Hingabe.“

1949 – da war doch noch etwas! Die amerikanische Musikzeitschrift Billboard ersetzte den Begriff „Race Records“, mit dem in erster Linie von farbigen Musikern für farbige Hörer produzierte Musik gemeint war, durch die neutrale Bezeichnung „Rhythm & Blues“.

Eine Empfehlung: das Don Byron New Gospel Quintet. Man kann übrigens auch gut und gerne Atheist sein, und vom Gospel fasziniert. Wie Brian Eno. Bevor Paul Simon sich einmal von Brian Eno produzieren liess, schenkte er dem Engländer eine dicke Box voller Gospelsongs. Vielleicht gingen die beiden deshalb sehr freundlich miteinander um. Wenn Eno mal wieder die Geradlinigkeit der Lieder des Graceland-Mannes unterwanderte, schickte er ihn einfach in die Stadt. Manchmal erlebte Simon hinterher ein blaues Wunder. Tritt Brian Eno ab und und zu mal bei der BBC auf, bringt er nur zu gerne Gospelplatten mit.

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9 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    „I belong to a gospel choir. They know I am an atheist but they are very tolerant. Ultimately, the message of gospel music is that everything’s going to be all right.

    If you listen to millions of gospel records – and I have – and try to distil what they all have in common it’s a sense that somehow we can triumph. There could be many thousands of things. But the message… well , there are two messages… one is a kind of optimism for the future rather than a pessimism. Gospel music is never pessimistic, it’s never ‚oh my god, its all going down the tubes‘, like the blues often is. Gospel music is always about the possibility of transcendence, of things getting better.

    It’s also about the loss of ego, that you will win through or get over things by losing yourself, becoming part of something better. Both those messages are completely universal and are nothing to do with religion or a particular religion. They’re to do with basic human attitudes and you can have that attitude and therefore sing gospel even if you are not religious.“ (Brian Eno)

  2. Michael Engelbrecht:

    Hier kann man etliche Gospellieder hören, die Brian zu einer BBC- Sendung mitbrachte:

    http://www.bbc.co.uk/programmes/b012snq7

  3. Henning Bolte:

    Mitten hinein:

    SACRED STEELL

    und da besonders

    ROBERT RANDOLPH and the FAMILY BAND

    Ganz ganz stark!

    Das ist deep gospel gespielt auf Steel Guitars. Kirchliche Tradition seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

    Klingt auf Deutsch merkwürdig: Stahlgitarre.

  4. Henning Bolte:

    Warum nur Spuren? Gospel und Worksongs sind entscheidende Quellen des Jazz (nebst italienischer Oper u.a.). Die Wiege im starken Sinn.

    Und selbst, wenn die Wiege woanders stand …

    „Mercy, Mercy, Mercy“, einer der bekanntesten Gospelsongs, geschrieben von einem jungen Jazzpianisten aus Wien.

  5. Uwe Meilchen:

    Von diesem „jungen Jazzpianisten aus Wien“ habe ich vor einigen Tagen sein Soloalbum „Zawinul“ fuer mich entdeckt; ein Kleinod, dass mir bisher entgangen war. Kleine Jazzminiaturen, sehr still, fast muted zu nennen.

  6. Michael Engelbrecht:

    Ich dachte mir, dass das was für dich ist. Wurde bei uns im DLF zurecht als Meilenstein vorgestellt. Ambient Jazz with field recordings. Und viel Cinemascope für ein Kleinod.

  7. Sonator:

    ein paar meiner basic foods zum Thema

    Musik

    Singing Preachers & their Congregations
    edited by Chris Strachwitz

    Seit ca. 1970 in meiner Sammlung. Zum ersten Mal habe ich gehört, was bei einem Neger-Gottesdienst abgeht.
    Auf solche Platten konnte man nur in München, Gleichmannstraße 10 stoßen, bei Elektro Egger (jazz by post). Dort habe ich Nachmittage verbracht und den Laden meistens mit einem Paket LPs verlassen.

    Otis Redding – Live at Whiskey A Go Go
    Der Singing Preacher Otis Redding predigt über „Buch Rolling Stones, I can’t get no satisfaction“

    Cannonball Adderley Quintet – Mercy, Mercy, Mercy! Live at „The Club“
    Da komme ich mir vor wie der Besucher einer Baptistenkirche, preach it, hallelujah, whoooo-whooo …

    Bob Telson/Lee Breuer – The Gospel at Colonus

    Charlie Haden/Hank Jones – Steal Away & Come Sunday
    ein klingendes Liederbuch, unprätentiös, schlicht, wunderbar

    Charles Lloyd, Mirror
    Darunter eine der schönsten Versionen von „Go down Moses“

    Buch

    Theo Lehmann – Negro Spirituals, Geschichte und Theologie
    Das beste, was ich zu diesem Thema gelesen habe. Auch Atheisten sollten diesem Buch nicht ausweichen. Allerdings müsste es ihnen erst begegnen – und das ist ziemlich unwahrscheinlich. Ich habe bei einer Web-Suche nur einen Anbieter gefunden

    Wolfgang Wimmer – Die Sklaven, Herr und Knecht – Eine Sozialgeschichte mit Gegenwart
    In Kapitel 7, Die Vereinigten Staaten, wird reichlich zitiert aus Solomon Northup – Twelve Years a Slave, New York 1853.

    Film

    Twelve Years a Slave, Universal Pictures 2013
    Nach Solomon Northups gleichnamigen Bericht

    Web-Links

    Solomon Northup, Twelve Years a Slave
    Druckausgabe:
    http://docsouth.unc.edu/fpn/northup/northup.html
    Audio-Book
    https://librivox.org/twelve-years-a-slave-by-solomon-northup/

    Fisk Jubilee Singers
    Dieser legendäre Chor existiert heute noch.
    Homepage:
    http://www.fiskjubileesingers.org/
    Direktes Link zur Geschichte der Fisk University und des Chores:
    http://www.fiskjubileesingers.org/our_history.html

  8. Michael Engelbrecht:

    Wow – es ist mir eine List und Lust, in einem Blog mitzuwirbeln, in dem sich grossartige Gängsterromane, die Historie von Spirituals und Horrorfilme die Klinke in die Hand geben !!! Flankiert von Joanna Newsom, Harmonia, etc etc ! :)

  9. Henning Bolte:

    „Zawinul“ (1971) ist ein Album unter eigenem Name und mit einer ganzen Reihe von schwergewichtigen Sidemen, ein Rückblick auf seine ersten 10 Jahre New York und eine Vorstufe zu Weather Report und zu „Silent Way“ von Miles Davis. Auf „Zawinul“ auch die erste Aufnahme von Zawinuls Stück „In A Silent Way“.

    Die Beobachtung mit dem „muted“ scheint mir sehr zutreffend. Zawinul hatte das später auch immer. Vielleicht weniger offensichtlich, aber es war da und gab seiner Musik eine extra Dimension. Ich hatte die Gelegenheit., mich ausführlich mit ihm selbst hierüber zu unterhalten.

    Ein richtiges Soloalbum ist „dialects“ (1986), wieder ein Rück- und Vorausblick. Zawinul verwendete hier Aufnahmen von drei Vokalisten mit Bobby McFerrin. Mein Lieblingsstück (nicht nur
    dieses Albums):

    „6 A.M./Walking On The Nile“

    Auch hierüber ging mein Gespräch mit Zawinul. Ich zeigte meine Begeisterung über das Stück, vor allem das Atmosphärische und die
    wunderbar die charakteristischen Synthesizerklänge der Hochzeits- musik in Kairoer Hotels trafen, die ich gerade zuvor direkt erlebt hatte. Zawinuls Reaktion (in typischem Zawinul-Tonfall): „ich war noch nie in Kairo.“ Und dann: „Aber meine erste Komposition trug den Titel „Mekka.“ Aha! Was war das für eine Wendung von ihm? Es zeigte sich schnell, dass es tatsächlich stimmte. Es gibt ein Album mit der Austrian All Stars mit Zawinul, das Aufnahmen von 1954-1957 enthält. Der siebte Track ist „Mekka“. Die anderen Musiker: Hans Solomon, as, Karl Dewo, ts, Viktor Plasil, b, Rudolf Hansen, dr.
    Das Album enthält bezeichnenderweise auch das Stück „Ach Värmland Du Skona“, das von amerikanischen Musikern wie Quincey Jones damals unter dem Titel „Dear Old Stockholm“ gespielt wurde. Aus verkaufstechnischen Gründen wohl. Die spätere Musik von Weatherreport war bereits angelegt! Zawinul, ein hervorragender Pianist, hatte ein aussergewöhnliches Feeling für Folkmusic (erklärlich aus seiner Biographie) und war von da aus in der Lage, damals in den 60ern etwas wie „Mercy, Mercy, Mercy“ zu schaffen.


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