Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2020 12 Sep

Hoffnungslose Verspätung

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Nun endlich, Herr Engelbrecht,

 

schiebe ich meine Anmerkungen zu den letzten KH in Ihren Postkasten. Es ist ein wenig zusammengekommen, deswegen lohnt sich das vielleicht doch. Der Reza Mortazavi ist eine Sonderklasse für sich; wie er vermögen nur ganz wenige die Tombak zu spielen. Ein Glücksfall, dass er in Berlin lebt und man ihn in Dt. relativ leicht live erleben kann. Wie die Traditionalisten seine modernen Neuerungen bewerten, weiß ich leider nicht. Die Zusammenarbeit mit Burnt ist ebenfalls ein Glücksfall und atemberaubend. Bekomme Gänsehaut bei diesen zieselierten Klangarbeiten. Regelmäßig bei Burnt. Zudem ziehen einem die irren Metren oft die Füße weg. »Yek« ist persisch »Eins«, hätte also erwartet, dass die zweite Arbeit »Do« heißt … Nun heißt sie »Eins Zwei«.

Der Cinelu ist mir bekannt von der wunderbaren Platte »Michel Portal, Stephen Kent, Mino Cinelu ‎– Burundi«, die der geschätzte Herr Lippegaus mal ans Tageslicht holte. Die im Zusammenhang mit Michel Benita erwähnte Komposition »Berceuse« (Wiegenlied) der Harfenistin Kristen Nogués findet sich auf ihrer wunderbaren CD »Kernelec« 1990. Kürzlich erst hatte ich sie aus der Kiste geholt, mich an ihrem bretonischen Gesang und dem fast asketischen Spiel auf der celtischen Harfe zu laben. Und »Berceuse« ist schon ein sehr schönes Stück.

Mit Shirley Collins erreicht uns ein weiterer schön bemalter »Domino«-Stein. Ist anscheinend ein gern gegriffenes Label …? Auf Anhieb sehe ich dort zB. noch Rustin Man und Yorkston / Thorne / Khan.

Was für eine harsche Mischung im »Tokyo-Montana-Express«. Für mich einschroffer Weltenwechsel von einem Waggon in den nächsten und retour. Vor allem als nach Yoshimura die Beach Boys folgten, vermutete ich einen Dateifehler. (Yoshimuras Green habe ich wohl hunderte Male gehört, aber auch die neue [Ur-]Variante ohne die Natursounds gefällt mir ausgezeichnet.) Doch viele Tokyo-Fahrgäste schunkeln dann erstaunlich harmonisch mit den Surf-Poppern Nordamerikas. Dennoch ein exotischer Ausflug. Dabei bin gerade ich sehr geübt im planet-hopping (I’m just a hop head) … Der Tip mit Nina Simone ist nun auch ein lohnenswerter. Die Dame hat ein üppiges und engagiertes, zitierfähiges Œvre hinterlassen, diese Platte war mir jedoch bislang nicht aufgefallen.

Wahrlich, ein aufmerken lassendes Intro zur letzten Stunde. Mir scheint, Old Rottenhat wurde gelegentlich in den Klanghorizonten herausgeholt? Rock Bottom hingegen ist DIE Neuigkeit. Emphatisch bis zum Anschlag. Nüchtern betrachtet gibt es viele zeitgenössische Querverweise; von Genesis‘ Selling England bis zu Moondog oder ECM-Kram gar kommen mir in den Sinn. Diese hier ist ein beeindruckendes Amalgam, vielleicht sogar ein Katalysator für Zukünftiges. Welche Energie! Rückwärts schauende Vorwärtsgewandtheit. Krass die Trompetensounds im dritten Teil. Fantastique! Sehr beeindruckend. Mercí.

Zu Birchall & Breadwinner habe ich mich schon geäußert. Wobei auch Vin Gordon eine gute Wahl ist. Mit solch altem, altertümlichen Reggae, speziell den Nyabinghi-verbundenen Varianten (Vin Gordon), finde ich immer rasch auf den Boden der Tatsachen zurück. Was nach Wyatt nötig wurde (obgleich schon sein Schicksal ein sehr erdiges ist).


Gute Arbeit, wie immer!

Wie immer herzlich grüßend

der dankbare Hörer Olaf (Ost)

 

 

Ich entdeckte Jon Hassell durch einen Raga- und Sitar-Kurs, den ich am College besuchte, wo mir „Vernal Equinox“ sehr empfohlen wurde. Als ein von Natur aus trotziger Mensch beschloss ich, diese Platte zu ignorieren und mich in eine andere, weniger gehypte Platte namens „Power Spot“ zu vertiefen. Der Titel klang muskulös und bedrohlich, und ich erwartete, dass die Musik nach Blut riechen würde. Doch während ich zuhörte, wurde mir klar, dass dies eine viel schlüpfrigere und seltsamere Art von Musik war.

 

Der krasseste und unmittelbarste Titel für mich war ‚Miracle Steps‘. Was ist das für ein Lied? Wenn es ein Geschmack wäre, wäre es eine überreife Mango. Ein Geschmack, der zwischen süß und schleimig schwankt. Wenn es ein visuelles Erlebnis wäre, dann wäre es die verzerrte, verführerische Silhouette von Jessica Rabbit, die sich aus einer Zwangsjacke herauswindet. Auch wenn mir die Liner Notes sagen, dass dieser Track eine bearbeitete Trompete und Trommeln enthält, sehe ich nicht, dass diese Objekte diese Geräusche erzeugen. Ich höre eine Mischung aus Lemuren, Elefanten und Zugpfeifen, die neben den Ästen der Bäume, die auf die Erde fallen, zirpen.

 

Die  Kargheit dieses Stücks fordert den Zuhörer auf, verwirrt zu sein. Ungebunden, versucht dein Gehirn schnell, Lücken zu füllen, und du wirst damit konfrontiert, wie seltsam du bist. Obwohl „Miracle Steps“ nicht gewalttätig oder bedrohlich ist, ist es herrlich unzivilisiert. In der Musik kann man sich nirgendwo hinsetzen. Keine Sicherheitsgurte in Sicht. Insgesamt ist diese Platte verwildert, frei, und ganz sicher aufsässig!

 

(Katie Gately über „Miracle Steps“ aus Jon Hassells Album „Power Spot; übersetzt von D.L. und M.E. – die einzige Produktion von Brian Eno und Daniel Lanois für ECM)

2020 31 Aug

Die Reise nach Belbury

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Ich bin Stewart. Und stosse vielleicht 2021 zu den Manafonisten. Nach monatelangen Nachrichten, die nichts als Tod und Elend betrafen, fühlte ich wieder Hoffnung, als Gerüchte aufkamen, dass der Busverkehr zwischen hier und dort wieder funktioniert. Die Aussicht auf eine Hin- und Rückfahrt in die Stadt Belbury war höchst willkommen, insbesondere nachdem ich etliche Einschränkungen hinnehmen musste in  bezug auf „die Unannehmlichkeiten“ (wie das Belbury Local Office of Information auf aktuelle globale Ereignisse hinweist).

 

Damit blieb nur noch die Kleinigkeit, die Koordinaten einer Bushaltestelle zu lokalisieren, aber ich hatte sozusagen mein Ohr am Boden, und so entdeckte ich, dass in drei Tagen eine Haltestelle im Dorf Avebury erscheinen sollte – von dort würden unsichtbare Straßen zurück nach Belbury führen. Es wäre zumindest gut, endlich mal wieder aus London herauszukommen. Ich hatte bereits die Mittel, um die Reise anzutreten – den erforderlichen Fahrpreis, ein stumpfes schwarzes Steinsiegel, das ich seit vielen Jahren in meinem Besitz hatte – also packte ich meine Sachen und reiste ohne weitere Umstände ab. Ich muss zugeben, dass ich damit gerechnet hatte, dass meine Mitreisenden schnabelförmige Masken tragen würden, die an Pestärzte erinnern.

 

Die Realität war in Wirklichkeit noch beunruhigender, da ich in Wirklichkeit der einzige Passagier war. Der Busfahrer blieb während der gesamten Fahrt über das Lenkrad gebeugt und grunzte und zuckte eher mit den Schultern als dass er sprach. Trotzdem fühlte ich mich angenehm abdriften, in Gedanken versunken. Oh, oh, oh – endlich nach Belbury zurückkehren! Aber ich fragte mich, ob die Geschäfte auf der Hauptstraße voller Aktivität sein würden oder mit Brettern vernagelt? Wichtiger noch, würde ich immer noch in der Lage sein, ein Bier und eine Pflugschar von The Bury Bell zu bekommen? Ich dachte über diese Fragen nach, als der Bus vorbeikam.

 

Mit der Welt ist natürlich nicht alles in Ordnung, und das schreckliche Unsichtbare hat auch Belbury in seinem unerbittlichen Griff. Doch als die Bury Bell Jukebox mit dem neuesten Album von Belbury Poly des Ghost Box-Mitbegründers Jim Jupp zum Leben erwacht, wird schnell klar, dass es mehr denn je einen Bedarf an außerirdischer  Musik gibt. Dass sie The Gone Away heißt, hat etwas Anrührendes, Verlockendes. Sehr schön, dass Michael Belbury Poly in den nächsten „Klanghorizonten“ vorstellt. Er fühlte sich beim ersten Hören an einen alternativen Soundtrack zu Peter Stricklands betörendem Film „The Duke of Burgundy“ erinnert, und da waren wir uns rasch einig. Es ist immer wohltuend, wenn wir uns, bei unseren ganz unterschiedlichen Hörgeschichten  mal auf dieses oder jenes Album einigen könne –  das letzte aus seiner Welt, das mich gefangen nahm wie wenig anderes, war „Life of“ von Steve Tibbetts. Unsere Liebe zu grossartiger Reggae- und Dubmusik ist der grösste gemeinsame Nenner. Wer sonst kennt schon Keith Hudsons „Playing It Cool“!? „This was dub so pure, psychedelic and swampy you could practically smell the THC that each each riddim was laced with. Keith died shortly after it was released and subsequently attained saint-like status as the Dark Prince of Dub.“ Im November ist ein gemeinsamer Besuch in Al Breadwinners „The Bakery“ nahe Manchester geplant (wenn es „die Unannehmlichkeiten“ erlauben).

2020 30 Aug

Lontano

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1

 

Ich habe als Metallkopf angefangen, Musik zu hören, ich spielte E-Gitarre. Dann kam dieser Verwandte von uns aus Rumänien. Er studierte Medizin, und er kam mit dieser riesigen Sammlung von ECM-Cds. Er hatte diese wirklich coole Hi-Fi-Anlage, lud uns zum Zuhören ein und spielte uns all dieses ECM-Zeug vor. LUMINESSENCE mit Jan Garbarek war die erste CD, die ich tatsächlich gekauft habe. Damals gab es im Iran Raubkopien von CDs und Kassetten, die wirklich billig waren, mit kopierten Covers, schlechter Produktion, schrecklicher Qualität. Wir nannten sie CDs, und die Importe, die Sie aus Europa kauften, nannten wir „Originale“, die sehr teuer waren. Also sparte ich und ging in den Laden, und dies war das einzige ECM-Album, das sie hatten, auf dem kein Filmfoto zu sehen war. Es hat diese große Schriftart, also sagte ich: „Okay, ich kaufe das. Ich wusste nicht, wie es klang. Als ich nach Hause kam und es mir anhörte, war ich fassungslos, völlig sprachlos. Es hatte eine Rauheit, die mich wirklich ansprach.

 

2

 

Ich habe das Album damals bekommen über einen Freund von mir, den Verwandten, der aus Rumänien kam. Er sagte, er habe uns CDs geliehen, damit wir sie in mp3 rippen konnten. Ich habe immer noch die mp3s, die ich tatsächlich gerippt habe – ich hänge emotional an digitalen Dateien! [lacht] – ich höre mir immer noch dieselben Dateien an. Die erste Hälfte von ANA sind durchweg Kompositionen mit Klassischer Gitarre. Aber sie sind schmutzig, unordentlich und improvisatorisch. Es ist technisch sehr schwierig, sie zu spielen. Man hört also, wie er mit der Technik kämpft, aber er bringt die Emotionen durch, egal was passiert. Das, was ich daran liebe, ist die Sequenz der Stücke – es beginnt mit den klarsten, definiertesten Harmonien, die man sich vorstellen kann, mit der klarsten Stimme, die Gitarre ist riesig in den Lautsprechern, voll da mit Raum und Hall, dann beginnt sie zu schmelzen.

Ich bin nüchtern geworden vor 19 Monaten. Dieses Album von Ralph Towner stand am Anfang meines Trinkens – ich fing an, Gin aus der Dose zu trinken, ob du das glaubst oder nicht. Als Highschool-Schüler konnte man ihn wirklich billig bekommen. Dieses Album war meine Zuflucht. Ich hatte diese klassische Gitarre, ich war gerade erst nach Teheran gezogen, und alles war zu viel. Die Schule war zu viel, die Stadt war zu viel – ich war wie ein Kleinstadtkind – und dann war da dieses dieses ruhige Album, das mit nur einem Instrument genau das ausdrückte, was es wollte. Es sprach mich sehr an, und ich trank viel Gin dazu.

 

(Erinnerungen eines iranischen Komponisten)

 

 

Peter Handford has greatly enriched the archive of material relating to the steam age through his brilliant recordings which were initially made with heavy equipment that was difficult to transport to suitable locations. One of his specialities was that recordings frequently included local colour: the sound of semaphore signals changing position, sheep, bird song, bells and railwaymen exchanging information. The marvelous diction of the lady station announcer at York is caught wonderfully. He was born on 21 March 1919 and died in November 2007..

Handford joined the Denham Film Studios as a trainee sound recordist in 1936, followed by war and then working for the prestigious Crown Film Unit before joining MGM at Borehamwood. In the 1950s he started to record the sound of steam locomotives and began marketing his output on a small scale in November 1955 by placing small advertisements in Railway Magazine and Trains Illustrated.

A great affection was developed for the V2 class: „they were a recordist’s dream and for shear variety of sound had no equal“. Like photographers, he was frequently unlucky: bad weather, the class of locomotive was not used that day, and equipment failure (which was far more prevalent than that of cameras). He only just managed to capture the sound of the Midland 0-10-0 working on the Lickey Incline.

His own work: Sounds of railways and their recording. Newton Abbot: David & Charles, 1980 covers his career excellently and the discography which follows was taken from it. Since then much of the material has appeared in CD format. KPJ’s father was generously plied with Transacord records for his assistance in providing lineside permits: naturally these gravitated into his collection. His youngest grandson greatly enjoys falling to sleep whilst listening to a CD compilation which begins at Durham, travels via „This is York“, and if we are lucky is asleep before Peterborough, but hopefully not before we hear a V2 syncopating its way to Stoke Summit.

 

v i d e o

 


 
 


Prolog: Innenstadt von St. Paul/Minnesota, 1976

 

Ein 22-jähriger Mann mit einem roten Pferdeschwanz schlurft an einem lausig kalten Dezembernachmittag ziellos einen vereisten Bürgersteig entlang.  Er hat einen Aushilfsjob beim Sender Minnesota Public Radio, und anstatt seine Mittagspause im trostlosen MPR-Speisesaal zu verbringen, beschließt er, die winterlichen Straßen von St. Paul zu durchstreifen. Als er an einem Plattenladen vorbeikommt, fällt ihm etwas im Schaufenster ins Auge. Er zögert, die Hände tief in seine Taschen vergraben, dreht sich um, geht zurück und betritt das Geschäft.

„Wenn die Musik so klingt wie das Cover aussieht …“, sagte ich zögernd, als ich Terje Rypdals „After The Rain“ im Three Acre Woods-Plattenladen in der Innenstadt von St.Paul kaufte. „Das tut sie“, antwortete der mürrische Plattenverkäufer.

 

Und dann: 

 

Er hatte recht. So begann mein Leben als ECM-Fan. Fünf Jahre später fand ich mich in Oslo/Norwegen wieder. In den Pausen zwischen den Aufnahmen für „Northern Songs“ saß ich Manfred Eicher, dem Gründer des Labels, gegenüber und aß ein Ziegenkäse-Sandwich. Ich wollte etwas über die Geschichten hinter dem ECM-Katalog erfahren. Ich überschüttete ihn mit Fragen. Warum gab es zwei verschiedene Backcover zu Bill Connors‚ erstem Album? „Das ist dir  aufgefallen?“, sagte Manfred ungläubig. (Ich hatte bereits ein Exemplar des Albums verschlissen und zwei weitere verschenkt). Ich fragte ihn nach der Talent-Studio-Aufnahme von Egberto Gismontis erstem Album „Dança Das Cabeças“. Manfred sagte: „Kaum dass Naná und Egberto aus dem Flugzeug gestiegen waren, sagten sie:’Hier in Oslo ist es zu kalt, um zu spielen, zu kalt, zu viel Schnee!’ Manfred rieb seine Hände aneinander. „Zu kalt! Aber am nächsten Tag gingen wir ins Studio und begannen mit den Aufnahmen. Wir haben das Album in drei Tagen aufgenommen und gemischt.“

Auf meinen Reisen habe ich überall fanatische Anhänger des Labels getroffen. 1983 wollte ein Manager von Warner unsere Kaffeerechnung begleichen, warf einen Blick auf den Bon und sagte „Red Lanta“. Ich entgegnete: „Wie bitte?“ Er antwortete: „Die Rechnung beträgt 10,38 Dollar. Das ist die Katalognummer von Art Landes ‘Red Lanta’. ECM 1038. Kennst du das Album?“ Fans des Labels haben es sich zur Aufgabe gemacht, andere Fans auf im Katalog versteckte Juwelen aufmerksam zu machen. 1986 gab ich Leo Kottke eine Kopie von Ralph Towners „Solo Concert“. Und 1987 überreichte ich Manfred Eicher eine Kopie von Leo Kottkes Album „Guitar Music“.

Das Label und die Leute, die dort arbeiten, haben meine Ästethik auf vielerlei Weise geformt: hohe Produktionswerte, detailreiche Aufnahmen und ein von Intelligenz und Würde geprägtes Marketing-Bewusstsein. Natürlich kann man nicht über die Ästhetik des Labels reden, ohne über Manfred Eicher zu sprechen. Ich werde mich aber darauf beschränken zu sagen, dass jeder, der in irgendeiner Form mit dem Label gearbeitet hat, diese drei Gedanken nur allzu gut kennt: 1. Manfred wird dieses Ding sehr gut gefallen. 2. Manfred wird dieses Ding nicht gefallen. 3. Warum kümmert es mich, ob dieses Ding Manfred gefällt oder nicht?

So ist mein musikalisches Bewusstsein im Laufe der Jahre langsam von den Künstlern des Labels, seinem Gründer und seinen Mitarbeitern verzerrt worden.

 

 geschrieben von Steve Tibbetts

 

Wann wird die Avantgarde zur Folklore? Die beiden Teilnehmer dieses Albums waren sicherlich mehrmals an vorderster Front der Klangerzeugung tätig.

 

Conrad Schnitzler war Schüler des radikalen Künstlers Joseph Beuys und als Mitglied von Tangerine Dream und Kluster führend im utopischen Denken und in der radikalen Klangerzeugung der 1970er Jahre in Westdeutschland.

 

Frank Bretschneider war in den 1980er Jahren mutig als Underground-Musiker in Ostdeutschland tätig, in Partnerschaft mit Olaf Bender – und, wieder mit Bender und später mit Carsten Nicolai, im vereinigten Deutschland in den 1990er Jahren und danach verantwortlich für einige der konzeptionell strengsten Electronica mit den Labels Rastermusic und raster-noton.

 

Die Musik, die sie hier zusammen machen, hat jedoch etwas an sich, das den Anschein erweckt, als ginge es weniger darum, an Grenzen zu gehen oder unerforschten musikalischen Raum zu finden, als vielmehr darum, sich an etwas zu erfreuen, das sie beide sehr gut kennen.

 

Was nicht heißt, dass es einfach oder offensichtlich ist: Es handelt sich hier um völlig abstrakte Synthesizer- und Computermusik, ohne jeglichen konventionellen Rhythmus, Harmonie oder Wiederholung. Man könnte kein Genre daran festmachen. Es ist auch nicht Old-School – die Komplexität der Swoops, Drums, Boinks und Fizzes hier ähneln der furchterregend hochtechnologischen Band Autechre  mindestens genauso sehr wie jeder älteren elektronischen Musik.

 

Irgendwie mutet die Musik traditionell an, als Teil einer Linie –  mit dem BBC Radiophonic Workshop, mit Pierre Henry und Pierre Schaeffer und David Tudor, mit Kluster und Holger Czukay. Schnitzler und Bretschneider experimentieren hier wahrhaftig, lassen komplexe Klänge in sich zusammenfalten oder sich in ebenso komplexe Räume auflösen und improvisieren eindeutig, während sie die Ergebnisse hören.

 

Aber diese Improvisation, dieses Experimentieren geschieht auf vertraute Art und Weise, und die Klänge, so ostentativ schräg und abstrahiert sie von unserer alltäglichen akustischen Realität sind, haben dadurch eine wunderbare, beruhigende Vertrautheit.

 

Könnte es sein, dass sich diese digitale klangliche Abstraktion in unserem zunehmend digitalen und immer abstrakteren Leben tatsächlich normalisiert?

2020 5 Aug

The Gone Away

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Man kann diesen Märchen auch als Polarreisender begegnen. In einem alten Buchladen in Hampstead. In einer Landesbibliothek im Hessenland. In der Rumpelkammer der Erinnerung. Der Zauber alter Märchen bleibt ungebrochen. Kehrt man nicht gern zum Fabelhaften zurück? Obsttrockene Rationalisten und altkluge Bibelkreisleiter gibt es schon genug. Und so ist dieses Album eben ganz besonders von der britischen Märchenfolklore beflügelt, von jenen wiederkehrenden Dingen, die sich fortwährend am Rande der Auflösung befinden. Wie die Stories alter Alben von Pentangle und Fairport Convention. Ein verschmähter und vernachlässigter Winkel der Folklore, betörend und verrückt gleichermaßen. All das gefiltert durch das Prisma alter TV-Soundtracks, die spielerischen Obsessionen einer Kindheit des vordigitalen Zeitalters.

(Ghost Box HQ, M.E.)

 


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