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Archives: Samstag, 19. Juni 2021

 
 

Nik Bärtschs Buch ist nun erschienen, in klarer englischer Sprache, mit zahlreichen Fotos, Illustrationen und side-kicks. Der flapsige Untertitel „A useless guide for everything“ sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Werk bei all seinem Seitwärtstreiben, Stories und Reflexionen ein spannendes Handbuch ist, über Listening / Music / Movement / Mind. Ich mag solch mäandernden Erzählwerke, in denen man hemmungslos rumstöbern kann, aber auch linear, von vorne bis hinten, in einen mindestens „modul-artigen“ Sog gerät. Eine tiefere Sympathie für die Musik von Nik Bärtsch erhöht die Lesefreude und macht das Lesen zu einem „thrill of thoughts“. Eine Stunde darüber in den Klanghorizonten, im Oktober, ist in Planung.

 

2021 19 Juni

On Robert Ashley´s „Private Parts“, Part 1

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Im Laufe der Jahre gab es zwei Coverbilder: auf dem einen strahlendes Gelb, die Buchstaben in schwarz. Auf dem anderen Motiv geht es etwas psychedelischer zu: einige Planeten – darunter die Erde – schweben im schwarzen Weltall. Im Vordergrund wächst festes, dunkelgrünes Gras. Die Stimmung, die beim Betrachten entsteht, ist sphärisch, aber mit Bodenhaftung.

Das passt. Robert Ashleys spoken word-Album „Private Parts“ erschien 1978, ich habe es erst Anfang 2019 entdeckt, zur Zeit der Wiederveröffentlichung. Die Arbeit hat mich sofort in ihren Bann gezogen, vor allem die Stimme Robert Ashleys und der unglaubliche Sog der Texte der beiden zwanzigminütigen Tracks. Was passiert hier?

Ein Mann hat ein Zimmer in einem Motel betreten, er packt seine Taschen aus, sitzt auf dem Bett, beide Füße auf dem Boden. Das ist das zentrale Bild des ersten Teils „The Park“. Dieser völlig unspektakuläre Moment ist Ausgangspunkt eines faszinierenden Veränderungsprozesses, der das ein oder andere andeutet, letztlich jedoch nicht fassbar wird, – auch nicht nach vielfachem Hören oder Lesen des Textes. Immer wieder wird eine erwartete Logik durchbrochen. Bevor der Text greifbar wird, bricht er ab, gleitet ins Abstrakte oder setzt neu an: ein neues Bild, ein neues Thema, ein neuer Eindruck, eine weitere Überlegung, kleine Sprachspielereien.

Einmal heißt es „This is a record“ und später wird das Gegenteil behauptet: „This is not a record.“ Bilder, an die wir uns erinnern: ein altes Telefon mit Hörer, bläuliches Licht im Zimmer, ein Teller mit Pflaumen zum Frühstück, draußen eine Statue (ein Mann mit Pferd) sowie zwei Männer auf einer Bank. Ausgiebig reflektiert wird das Thema Übergang und Sterben.

Der Text wirkt spontan und assoziativ, ist jedoch fein komponiert und erzeugt bei jedem Hören einen anderen Subtext. Ich habe das Album mindestens 30 Mal gehört – die Konzentration auf den Text, die Stimme, Trommeln und Piano hat mir geholfen, meine Joggingstrecke zu verlängern – und ich habe jedes Mal etwas Neues entdeckt.

Robert Ashley zelebriert in „Private Parts“ die Faszination der Leere. Beim Hören wird man gelegentlich in eigene Gedanken abschweifen, man kann aber mühelos wieder einsteigen. Dieses Album ist ein Traum, in den man sich immer wieder fallen lassen will, um die Schwere des eigenen Ichs loszulassen und Teil des Ganzen zu sein.

Warum, um Himmels willen, sollte man sich zweimal zwanzig Minuten lang diesen relativ monotonen Gedankenstrom anhören, und warum fasziniert das einige Menschen so sehr? Zur Hälfte liegt das an der Musik des kürzlich verstorbenen Blue Gene Tyranny (Piano, PolyMoog, Clavinet). Ein gewisser Kris spielt Tabla. Wie infiltriert diese Hintergrundmusik unsere Wahrnehmung?

Ich denke, es liegt daran, das die Musik auf der hauchdünnen Grenze existiert zwischen Unbeteiligtsein und emotionaler Unterstützung. Die Gedanken setzen sich aus Trivialem und Existienziellem zusammen, aber immer, wenn ein Satz, eine Bemerkung uns aufhorchen lassen (das ist bei jedem anders), scheint die Musik diese Momente fast unmerklich zu dramatisieren. So kann aus scheinbarer Gleichförmigkeit ein seltsam spannendes  Hörerelebnis werden.

Die Abmischung ist interessant. Man kann hören, was die Stimme sagt, aber die Worte werden mit einer Verletzlichkeit vorgetragen, die dazu führt, dass  man sich den Lautsprechern  nähern möchte. Der Text hat  beruhigende physiologische Nebeneffekte, die sich ähnlich anfühlen wie bei geführten Meditationen – wir tauchen in den Gedankenfluss eines anderen ein, lassen einen andern in unsern Kopf hinein: der Hörer wird zu einem Detektiv, der Spreu vom Weizen trennt, Spuren sichtet – hellwach, erschrocken, tief entspannt, persönlich berührt.

Eigentlich ist die Komposition The Park verwandt mit dem  Song „The Windmills Of Your Mind“ – da geht es auch um das endlose Herumtreibem und Kreisen von Hoffnungen, Gedanken, Sehnsüchten, Erinnerungen im Kopf – und  die Versionen sind am besten, die nicht auf Gefühlswallung setzen,  und eher in seltsam gelassener Melancholie dahintreiben.

 

Round like a circle in a spiral, like a wheel within a wheel / Never ending or beginning on an ever spinning reel / Like a snowball down a mountain, or a carnival balloon / Like a carousel that’s turning running rings around the moon (…)

 

Als  letztes noch dies: PRIVATE PARTS spielt mit Erwartungen: es hat etwas vom Thriller, es ist kein Thriller. Es hat etwas von einem Drehbuch, es ist kein Drehbuch, es hat etwas von Essay, es ist kein Essay. Es hat etwas von einem Hörspiel, es ist kein Hörspiel. Es hat etwas von Schallplatte, es ist keine Schallplatte. Es handelt von Leere, und es handelt von Überfluss.

 

Michael: John, schön, dass du dir in den schottischen Highlands Zeit nimmst für dieses kleine Zoom-Gespräch über das Album von Robert Ashley. Wir haben uns vor einiger Zeit schon über meine Nacht in einem Haus gegenüber von den Orkney-Inseln unterhalten, und wie ich da eine alte Schallplatte von Louis Armstrong ganz anders wahrnahm als in meiner vertrauten Umgebung. Nie war mir Armstrongs Musik so nah. Ausser vielleicht, als ich zwei Monate in Julio Cortazars Roman „Rayuela“ lebte.

 

John: Manchmal gewinnt dieselbe Musik an Zauber, wenn man sie an einem seltsamen Ort hört. Vielleicht landest du an einem anderen Ort, wenn die Musik  in einem leeren Raum gespielt wird. Wie sich das Leben ringsum entfaltet, beeinflusst das Hörerlebnis.

 

Michael: Private Parts ist ein Album, das wie eine andere Realität direkt neben unserer zu existieren scheint.

 

John: Innerhalb der ersten paar Sekunden hat Ashley dich in seine Welt des Audio-Klettverschlusses gesaugt. Worte, Phrasen, Klänge und Ideen saugen dich in einen bizarren hyperdimensionalen Trip. kasshummm, kasshumm…

 

Michael: Hahaha. Wenn ich das so sagen würde im Radio, müsste ich wahrscheinlich hinterher an der Pforte eine Haarprobe abgeben…

 

John: Aber es ist doch ein Trip, Michael. Ein Film ohne Verfolgungsjagden oder Explosionen. Es ist ein Film, in dem die Kamera auf der Türklinke oder der bei der flatternden Wäscheleine vor der Tür verweilt. Eine eingerahmte Seltsamkeit von seltsam normaler Alltäglichkeit.

 

Michael: Und die Musik liefert zu all dem einen fantastischen Soundtrack. Ich habe vor meiner Radionacht am 19. Juni Martina Weber gebeten, einen kleinen Text zu dem Album zu schreiben – es wird die komplette Seite 1 der neuen Vinylausgabe gespielt – und sie spricht von einer faszinierenden Leere der Komposition Da dachte ich mir: ja, wie kann etwas so leer sein, und gleichzeitig so überfliessend? Ich kenne diesen „overload“ aus meiner Arbeit in Hypnosetherapien: du „fütterst“ das Bewusste deines Klienten mit unendlich vielen Details, und einer ruhigen Stimme – dann ist eine Trance unausweichlich, und das Unbewusste pickt sich nur noch die Dinge raus, die es braucht, um Wege aus einer Einengung zu finden. Die Widerstände lösen sich auf, im Englischen, pardon, Schottischen, spricht man von einem „hyper-receptive mood“.  Musik ist hier bei Ashley Teil des Zaubers.

 

John:  Trotz der minimalen Instrumentierung wandeln sich die Keyboards von Tyranny von beinahe  sentimentalen Klavierglissandi zu bizarren Synthesizern und mittelalterlichem Cembalo-Sound: und das zeigt Wirkung, auf die Art, wie wir das Stück hören. Worte und Phrasen können sanft vergrößert werden. Einfühlsames Spiel, Zufall oder strenge Komposition – wer weiss? Die Tabla verleiht dem Werk einen traumhaften psychedelischen Hauch…

 

Michael: Ja, Worte, Wortbilder werde sanft vergössert. Ich habe eine Idee zu dem Zaubertrick von Blue Gene Tyranny.* Aber das erzähle ich in der Nacht. Nach Martinas Text und  nach der Musik. Übrigens, das ist eine love it or hate it-Erfahrung. Entweder man findet The Park totlangweilig …

 

 

John: …  oder es hört einfach nicht auf, mysteriös zu sein. Private Parts ist ganz einfach ein besonderes klangliches Ereignis, eine Feier der Tiefe menschlicher Erfahrung. Ein organischer Spiegel. Ein Beweis für das unermesslich vielschichtige mentale Engagement, mit dem wir jeden Moment erleben und gestalten.

 

Michael:  Ich würde gerne einen Essay von einem Neurowissenschaftler wie David Eagleman über das Album lesen. Denn die beiden Stücke spielen mit unseren Myriaden von Optionen in jedem einzelnen Moment – deshalb kann dem zufälligsten Gedanken auf einmal besonderes Gewicht zufallen, wie ein Schlüssel zu etwas Unbekanntem. 

 

John: Weisst du, Michael, woran ich denke, wenn ich das Cover sehe, nachdem ich nun zahllose Male in dem Album versunken war. Ich denke an die Sonne, als wäre die Musik auch eine Feier des grundlegenden Grundes für das Leben überhaupt – die Sonne.

 

Michael: We‘re all mysterious travelers, John. Ich werde nachher mal „Nubian Sundance“ von Weather Report auflegen. Ach, zum Schluss, typische Journalistenfrage: welches neue Album hat dich in den letzten Wochen besonders begeistert?

 

John: ich nenne zwei. Also, erstmal „Showtunes“ von Lambchop. Vielen Dank für deine englischen Texte zum Album. Es ist vollkommen einzigartig, und das sage ich, obwohl ich wie du ein alter Lambchop-Fan bin. Irgendwann wird es ein Klassiker sein. Und dann Arooj Aftab, ihr Album Vulture Prince.  Dem Werk liegt (Gelächter) ein Parfum bei, ich spasse nicht.  Während sie an dem Album schrieb, starb ihr Bruder, und sie hat in ihrer Trauer fast alle Trommeln aus der Musik entfernt. Ergreifend. Ihr gelingt Erstaunliches, wenn sie alte pakistanische Sphären in einen neuen Kontext einbaut. Was bei vielen zur Verwässerung führt, wird so noch bezwingender!

 

Michael: Danke für das Gespräch. Und danke für deine Unterstützung, dass meine Kurzgeschichte „Breaking and entering on the day David Bowie died“ in einer schottischen Zeitschrift abgedruckt wird!

 

* According to Kyle Gann in the Village Voice, Tyranny had „Cecil Taylor’s keyboard energy, [and] Morton Feldman’s ear. The most original aspect of [his] works is the way they create continuity: they’re tonal, yet rigorously asymmetrical. They satisfy the ear without letting it take anything for granted. They evolve…with the labyrinthine irreversibility of deep psychic forces.“ (Wikipedia)

2021 19 Juni

The Mix #2

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Angeregt von Martinas und Olafs launigem Dialog, sind diese beiden Mixe mein kleiner Beitrag zur Verwirbelung von Klang und Welt. Die Urgeschichte dazu, und zur Idee der Ambient Music, erzählt Brian Eno zum ca. 320. Mal (classic good repertoire story with Welsh harp music)  im Gespräch mit Rick Rubin – hier in den letzten Tagen gepostet. Auch in diesem Mix wird die schönste Musik, die ich je im Leben gehört habe, etwas wahrnehmbarer. So ein Superlativ scheint übertrieben, und es sollte übertrieben klingen. Tatsächlich ist das Album, das dort zu all dem Gerausch der Welt ertönte, so reich – und bei jedem Hören berührt mich die Musik ganz tief, lapidar gesagt. Tiefer geht kaum noch.

Einmal lud mich  Brian in eine seiner alten Londoner Wohnungen ein, und zeigte mir (in den Neunzigern) den Raum, in dem Roxy Music einst wie die Verrückten geprobt und geübt haben, für ihr erstes Album. Für manche Roxy Fans wäre das der Heilige Gral gewesen, und es ist halt witzig, dass ich die ersten zwei Roxy Music Alben nie so prickelnd fand, und das dritte viel besser, ohne Eno, haha. Im ganzen Haus war die Heizung hochgedreht – eine Geburt stand bevor. In seinem Arbeitsraum zeigte er mir, wie er an dem Material arbeitete. Es war wohl weitestgehend mit dem DX 7 entstanden, ein Instrument, das Brian Eno, der sich gerne als Nicht-Musiker bezeichnet, virtuos beherrschte. Typisch, dass er es später verkaufte, um nicht in Muster zu verfallen. Aber das alles hat mich erst so richtig umgehauen, als ich später, und  am liebsten immer im Dunkeln, The Shutov Assembly auflegte.

Und die Idee, die mir kam bei Mix #1: dieses Album darf natürlich nicht fehlen in meiner letzten Ausgabe der Klanghorizonte, und es wird einfach eine ausgeflippte Jukebox sein, eine tollkühne playlist, auf der, reine Träumerei und praktisch eingetütet, ein Track wie Brians Alhondiga gefolgt  wird von einer Version von The windmills of your mind (Barbara Streisand oder Terry Hall), von einem Evergreen von Roy Budd, dem Intro von Twin Peaks, einer alten Moondog-Nummer, meinem Hammerklavierlieblingsstück von Herrn Schiff von Beethoven,  a field recording of  an old locomotive on a Welsh morning, Ascension Day von Talk Talk, dem Gitarrenfeuer von  Steve Tibbetts aus seinem wildesten Album, Count Ossies after midnight drumming, Sunny Afternoon, Pauline Oliveros in der Zisterne, Vitamin C, einem Solo von Nik Bärtsch usw usw – sämtliche Sequenzen dürfen allein der Logik der Träume und dem Sog kleiner Geschichten gehorchen…


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