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Archives: Samstag, 26. Juni 2021

2021 26 Juni

Lennie Hibbert: „More Creation“ (1971)

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Der alte Jazzfreund hat sich aus dem Teekontor zurückgezogen, und so erlebte ich die herzliche, sehr kluge, neue Managerin in Aktion, belauschte ihr Gespräch mit gerade eingetroffenen Gästen, und als mein Darjeeling in üblich exquisiter Zubereitung auf dem Beistelltisch gelandet war, warf ich den Sonos Move an (nicht ohne mit einer Charmeoffensive für einen kurzen Klangzauber aus Jamaika zu werben), und es erklang, nahezu absurd, Lennie Hibberts Instrumentalstück aus einer lang vergangenen Welt im stilvollen Ambiente des Keitumer Teekontors: es konnte sich nur um Minuten handeln, bis die Rastafari aus den umliegenden Bergen eintreffen würden. Es wurde auch Zeit.

 

2021 26 Juni

Halbzeitstand

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1. Floating Points, Pharoah Sanders, London Symphony Orchestra Promises / 2. Sons of Kemet Black to the Future / 3. Nik Bärtsch Entendre / 4. Fleet Foxes Shore / 5. The Notwist Vertigo Days / 6. Masha Qrella Woanders

 

Bis jetzt sind nur alte Freunde und Bekannte dabei, einzig von Floating Points habe ich mir bis jetzt noch kein Album gekauft, aber dafür spielt auf Promises ja Pharoah Sanders mit. Die ersten drei Alben auf der Liste gefallen mir so gut, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass die nicht auch am Ende des Jahres ganz vorne stehen (wenn auch vielleicht nicht in der Reihenfolge, mal sehen), doch die nächsten potentiellen Lieblingsplatten klopfen schon an: das Timo Lassy Trio zum Beispiel, Little Simz oder auch Low. Ausserdem sind die Alben von Portico Quartet, Nova Materia und Jeb Loy Nichols noch auf dem Weg zu mir. Shai Maestro, Kari Ikonen und Jakob Bro können auch alle noch unter den ersten 16 auftauchen. Und Nick Cave habe ich noch gar nicht richtig gehört. Da sind also in der zweiten Halbzeit noch einige Veränderungen möglich.

Die Laute, die Vögel von sich geben, orten. Schwalben erkenne ich, sie ziehen hier am frühen Abend um die Häuser. Ihre Bewegungen sind blitzschnell, ihr Kalorienverbrauch muss enorm sein, die Tiere wirken von fern – und ich sehe sie nur von fern – geradezu mager. Sie scheinen immer in Gruppen unterwegs zu sein. Norbert Hummelt hat in seinen Gedichten, die oft draußen angesiedelt sind, immer wieder Schwalben erwähnt. Ich saß auf dem Balkon, wollte eigentlich lesen und begann, den Schwalben zuzuhören und sie zu betrachten, wie sie über den Häusern kreisten oder eher wirbelten. Ich erinnerte mich an einen Satz aus einem Gedicht von Friederike Mayröcker, der mir so gefallen hatte, dass ich ihn neulich in mein Notizbuch abgeschrieben habe. Und dann haben die Schwalben ihr schönes Schauspiel am Himmel aufgeführt. Ich betrachtete die Flugstrecke des Schwalbenschwarms genauer, überlegte, ob es einem System folgte. Es hatte etwas von einem Tanztheater. Normalerweise sind Schwalben, wenn du sie erblickst, schon wieder um die Ecke eines Hauses verschwunden. Diesmal aber bewegten sie sich in einer Gruppe von ungefähr 20 Tieren innerhalb eines Terrains und in einer Höhe von vielleicht 50 Metern über den Dächern. Ich heftete meinen Blick an eine einzelne Schwalbe, so wie ich gern bei einer Choreographie eine einzelne Person betrachte. Ich fragte mich, wer beim Schauspiel der Schwalben die Route bestimmt, ob es Hierarchien gibt. Ich dachte an die V-Formationen der Kraniche, deren Route in den Süden über das Haus führt, in dem ich wohne. Ich überlegte, wie lang ich den Schwalben zusehen würde, und dachte an das Buch, das Lajla neulich auf dem Blog vorgestellt hatte. Nichts tun. Abwarten. Da sein. Was so ein Gedicht bewirken kann. Es hat tatsächlich eine Wirkung. Der Schwalbenschwarm löste sich schließlich auf. Ich holte mein Notizbuch und suchte meinen Eintrag mit dem Zitat von Mayröcker. Es lautet (Fleurs, S. 78): „dann haben die Krähen ihr schönes Schauspiel am Himmel aufgeführt.“

Es schien alles ganz normal, als ich gestern das alte Ritual beging, meine Runde über und unter dem roten Kliff zu drehen. Normal gerate ich in einen leicht meditativen flow, der Kopf wie leer gefegt: eine kleine Atemkonzentration, die  Gedanken hierhin und dorthin lenkt, schwebend, flüsternd, leisetretend. Aber dann dachte ich doch etwas länger an Peter Laughner, an den sich die wenigsten von euch erinnern werden. Er war ein Musiker aus Cleveland und gelegentlicher Musikrezensent, der im Juni 1977 im Alter von 24 Jahren an akuter Bauchspeicheldrüsenentzündung starb. Ungefähr ein Jahr zuvor, im März 1976, schrieb er eine vernichtende Rezension von Lou Reeds „Coney Island Baby“ für das „Creem Magazine“, im Stil von Lester Bangs (der selbst weitgehend ein  Lou-Reed-Verächter war).

Ich selber besass die Platte einmal, meine Erinnerung ist undeutlich, aber ich glaube, ich mochte einige Songs und Atmosphären des Albums (und gab es da nicht auch ein wunderschönes Liebeslied?) – ich hätte ihm wahrscheinlich drei oder dreieinhalb Sterne gegeben. Ich holte meinen museumsreifen Sony Walkman raus, und liess diesen einen Song aus dem neuen Album „Dark In Here“ der Mountain Goats. Übersetzt liest er sich ungefähr so:  

„Man stelle sich eine Zeit und einen Ort vor / Empfindungsfähige Objekte, die im Raum treiben / Versuchen, die notwendigen Berechnungen zu machen / Versuchen, den geheimen Pfad zu finden / Stumm gewordene Meere in der Spiralhülle / Als du fielst. / Fackeln brannten, um den Weg zu erleuchten / Der ganze Treibstoff verbrannt in nur einem Tag / Wird es einen anderen Weg geben? / Das wirst du nicht sagen können / Du, der du den alten Zauberspruch mitnahmst / Als du fielst / Zu hart zu lange verletzt und zu jung gestorben / Silberdollar glitzert auf deiner Zunge / Möge dein Durchgang gesichert sein / Mögen alle deine üblen Leiden dort geheilt werden / Systeme schließen sich an mehreren Fronten / Du wirst immer einmal hier gewesen sein / Die letzte Wildkatzenquelle des Westens / Als du fielst.“  

Diese Verse darf man auch erstmal auf sich wirken lassen. Das Lied wird von den Mountain Goats mit luftiger Würde  vorgetragen wird. Wie gesagt, um der Magie des Albums nahezukommen, sind die Texte unerlässlich. Ich lese hier und da Besprechungen, die sich schlicht an der Coolness einiger Melodien erfreuen, und dabei einfach ausblenden, welch verstörenden  Schrecken sie von Fall zu Fall  in Wort und Bild verbreiten. Nun weiss ich nicht, ob John Darnielle „Coney Island Baby“ liebte – auf jeden Fall ist es spannend, wie er in diesem Song an Peter Laughner erinnert, an seinen Verriss der alten Lou Reed-Platte.

Es schien also alles ganz normal, als ich gestern das alte Ritual beging, meine Runde über und unter dem roten Kliff zu drehen. Mein Gedanken wanderten hierhin und dorthin, und manchmal in dieselbe Richtung wie die Füsse. Aber dann stockte ich. Die Max-Frisch-Steintafel war verschwunden. Kein einziges Mal ging ich im letzten Jahr achtlos an ihr vorbei, stets hielt ich an, und inhalierte die Naturbeschreibung des Schweizers geradezu – eine Yogaübung verlangsamten Lesens. Jetzt aber war die Steintafel fort, die hier seit Jahrzehnten ihre Arbeit verrichtete, die darin bestand, einfach da zu sein. Ich fragte zwei Ureinwohner der Insel, aber keinem war etwas aufgefallen, keiner hatte etwas über einen Kulturraub gelesen. Ich fragte mich, ob ich träume. Ich fragte mich, ob ich zu sehr im Song der Mountain Goats aufgegangen sei, oder in meiner Erinnerung an ein fast vergessenes Album von Lou Reed, als ich Max Frischs Nachtgedanken passierte. Ein kleines Inselrätsel.

2021 26 Juni

David Bowie: „Ashes to Ashes“ (1982)

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Leider habe ich viel zu viel vergessen von diesem Traum, und wenn ich es nicht sofort aufschreibe, werden sich noch die letzten flüchtigen Erinnerungen auflösen. Ich landete an einem Ort, an dem sich die Wege der Schulbusse von Volksschule und Gymnasium kreuzten, ein Knotenpunkt zwischen Kindheit und Jugend – und da, auf dem Bürgersteig zu nächtlicher Stunde, traf sich eine kleine Gruppe, um ihr Geheimwissen über David Bowie wachzuhalten, und dabei kleine Andenken zu verkaufen wie Blumenvasen und Kerzenständer.

Andenken ist vielleicht das falsche Wort, denn diese Gruppe war der Meinung, Bowie würde noch leben. Ich gab da gerne den Aufklärer, kam aber nicht sonderlich gut an damit. Und staunte schon etwas, dass diese Leute keine durchgeknallten Spinner zu sein schienen – einer sah geradezu wissenschaftlich und seriös aus (ein Diplom-Psychologe wie ich), und war sogar bereit, sich meine eher ernüchternden Mitteilungen anzuhören. Das änderte zwar nicht seine Sicht der Dinge, aber immerhin führten wir alle zusammen intensive David Bowie-Gespräche.

An dieser Stelle sei verraten, dass ich in diesem Traum meine gesammelten realen Erfahrungen mit Bowie und seiner Musik zur Verfügung hatte, ohne dass es mir auch nur einen Moment lang dämmerte, dass dies ein Traum sei. Sie hörten alle interessiert zu, als ich ihnen erzählte, dass ich ihn nur einmal live erlebt hätte, hier im Ruhrgebiet, auf seiner ersten Tour nach Erscheinen des Albums „Low“. Mein neuer Psychologen-Kumpel konnte sich für jene Konzerte Ende dér Siebziger Jahre (und das zugehörige Live-Album) nicht sonderlich erwärmen (er sagte, er hätte ihn damals in Köln gesehen), aber wir waren uns wenigstenes darüber einig, wie toll Bowie „The Moon Of Alabama“ von Kurt Weill vorgetragen hatte. Wie gesagt, intensive Bowie-Gespräche.

So ging das eine ganze Weile, und ich wurde von den andern zwar als komischer Vogel begrachtet, aber doch mehr und mehr in ihren Kreis aufgenommen. Ohne von meinen Standpunkten abzuweichen. Es war ein sehr langer Traum, und viele launigen Kleinigkeiten sind mir entfallen. Die Stimmung in der Gruppe war zwar leicht melancholisch, weil bislang alle Spuren, den lebendigen Bowie zu finden, ins Leere führten. Aber die Geschichten wechselten in der Gruppe hin und her, es war eigentlich wie eine schöne Party in jungen Jahren, nur dass keine Musik ertönte.

Was hatte diesen Traum getriggert? Eine Sache ganz sicherlich – ich hatte am Tage zuvor ein kleines Gespräch über Lieblingsplattem mit Danny Elfman gelesen. Er wurde darin gefragt: What, if push comes to shove, is your all-time favourite album? Und er antwortete: If push came to shove I’d have to choose David Bowie’s Scary Monsters (And Super Creeps). Nun, ich kenne Danny Elfman gar nicht, doch liess diese kühne Aussage meine Erinnerung springlebendig werden. Die LP blieb im Dezember 1982 in einem früheren Leben zurück, und ich hatte sie ungefähr so oft gehört, wie ich von Susanne Hengstbach flachgelegt wurde (ich liebte Susanne, und ich liebte Scary Monsters). Robert Fripp wirbelte grandios in den Liedern herum – vielleicht muss  manchmal ein grosses Album auf der Strecke bleiben wie eine grosse Liebe.

Dieser Traum war ziemlich hippiesk und groovy – es hing durchweg ein beonderes Flair in der Luft, von Detektivarbeit, Mysterien und toller Musik. Ich bin sicher, die besten Sachen (die Engel in den Details) sind mir entfallen. Aber ein Traum, der so gut unterhält, so eine fabelhafte Stimmung verströmt, dass seine Deutung darüber in den Hintergrund gerät, ist es allemal wert, auch in Fragmenten erzählt zu werden. Träumen Sie gut!


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