Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Michael: John, schön, dass du dir in den schottischen Highlands Zeit nimmst für dieses kleine Zoom-Gespräch über das Album von Robert Ashley. Wir haben uns vor einiger Zeit schon über meine Nacht in einem Haus gegenüber von den Orkney-Inseln unterhalten, und wie ich da eine alte Schallplatte von Louis Armstrong ganz anders wahrnahm als in meiner vertrauten Umgebung. Nie war mir Armstrongs Musik so nah. Ausser vielleicht, als ich zwei Monate in Julio Cortazars Roman „Rayuela“ lebte.

 

John: Manchmal gewinnt dieselbe Musik an Zauber, wenn man sie an einem seltsamen Ort hört. Vielleicht landest du an einem anderen Ort, wenn die Musik  in einem leeren Raum gespielt wird. Wie sich das Leben ringsum entfaltet, beeinflusst das Hörerlebnis.

 

Michael: Private Parts ist ein Album, das wie eine andere Realität direkt neben unserer zu existieren scheint.

 

John: Innerhalb der ersten paar Sekunden hat Ashley dich in seine Welt des Audio-Klettverschlusses gesaugt. Worte, Phrasen, Klänge und Ideen saugen dich in einen bizarren hyperdimensionalen Trip. kasshummm, kasshumm…

 

Michael: Hahaha. Wenn ich das so sagen würde im Radio, müsste ich wahrscheinlich hinterher an der Pforte eine Haarprobe abgeben…

 

John: Aber es ist doch ein Trip, Michael. Ein Film ohne Verfolgungsjagden oder Explosionen. Es ist ein Film, in dem die Kamera auf der Türklinke oder der bei der flatternden Wäscheleine vor der Tür verweilt. Eine eingerahmte Seltsamkeit von seltsam normaler Alltäglichkeit.

 

Michael: Und die Musik liefert zu all dem einen fantastischen Soundtrack. Ich habe vor meiner Radionacht am 19. Juni Martina Weber gebeten, einen kleinen Text zu dem Album zu schreiben – es wird die komplette Seite 1 der neuen Vinylausgabe gespielt – und sie spricht von einer faszinierenden Leere der Komposition Da dachte ich mir: ja, wie kann etwas so leer sein, und gleichzeitig so überfliessend? Ich kenne diesen „overload“ aus meiner Arbeit in Hypnosetherapien: du „fütterst“ das Bewusste deines Klienten mit unendlich vielen Details, und einer ruhigen Stimme – dann ist eine Trance unausweichlich, und das Unbewusste pickt sich nur noch die Dinge raus, die es braucht, um Wege aus einer Einengung zu finden. Die Widerstände lösen sich auf, im Englischen, pardon, Schottischen, spricht man von einem „hyper-receptive mood“.  Musik ist hier bei Ashley Teil des Zaubers.

 

John:  Trotz der minimalen Instrumentierung wandeln sich die Keyboards von Tyranny von beinahe  sentimentalen Klavierglissandi zu bizarren Synthesizern und mittelalterlichem Cembalo-Sound: und das zeigt Wirkung, auf die Art, wie wir das Stück hören. Worte und Phrasen können sanft vergrößert werden. Einfühlsames Spiel, Zufall oder strenge Komposition – wer weiss? Die Tabla verleiht dem Werk einen traumhaften psychedelischen Hauch…

 

Michael: Ja, Worte, Wortbilder werde sanft vergössert. Ich habe eine Idee zu dem Zaubertrick von Blue Gene Tyranny.* Aber das erzähle ich in der Nacht. Nach Martinas Text und  nach der Musik. Übrigens, das ist eine love it or hate it-Erfahrung. Entweder man findet The Park totlangweilig …

 

 

John: …  oder es hört einfach nicht auf, mysteriös zu sein. Private Parts ist ganz einfach ein besonderes klangliches Ereignis, eine Feier der Tiefe menschlicher Erfahrung. Ein organischer Spiegel. Ein Beweis für das unermesslich vielschichtige mentale Engagement, mit dem wir jeden Moment erleben und gestalten.

 

Michael:  Ich würde gerne einen Essay von einem Neurowissenschaftler wie David Eagleman über das Album lesen. Denn die beiden Stücke spielen mit unseren Myriaden von Optionen in jedem einzelnen Moment – deshalb kann dem zufälligsten Gedanken auf einmal besonderes Gewicht zufallen, wie ein Schlüssel zu etwas Unbekanntem. 

 

John: Weisst du, Michael, woran ich denke, wenn ich das Cover sehe, nachdem ich nun zahllose Male in dem Album versunken war. Ich denke an die Sonne, als wäre die Musik auch eine Feier des grundlegenden Grundes für das Leben überhaupt – die Sonne.

 

Michael: We‘re all mysterious travelers, John. Ich werde nachher mal „Nubian Sundance“ von Weather Report auflegen. Ach, zum Schluss, typische Journalistenfrage: welches neue Album hat dich in den letzten Wochen besonders begeistert?

 

John: ich nenne zwei. Also, erstmal „Showtunes“ von Lambchop. Vielen Dank für deine englischen Texte zum Album. Es ist vollkommen einzigartig, und das sage ich, obwohl ich wie du ein alter Lambchop-Fan bin. Irgendwann wird es ein Klassiker sein. Und dann Arooj Aftab, ihr Album Vulture Prince.  Dem Werk liegt (Gelächter) ein Parfum bei, ich spasse nicht.  Während sie an dem Album schrieb, starb ihr Bruder, und sie hat in ihrer Trauer fast alle Trommeln aus der Musik entfernt. Ergreifend. Ihr gelingt Erstaunliches, wenn sie alte pakistanische Sphären in einen neuen Kontext einbaut. Was bei vielen zur Verwässerung führt, wird so noch bezwingender!

 

Michael: Danke für das Gespräch. Und danke für deine Unterstützung, dass meine Kurzgeschichte „Breaking and entering on the day David Bowie died“ in einer schottischen Zeitschrift abgedruckt wird!

 

* According to Kyle Gann in the Village Voice, Tyranny had „Cecil Taylor’s keyboard energy, [and] Morton Feldman’s ear. The most original aspect of [his] works is the way they create continuity: they’re tonal, yet rigorously asymmetrical. They satisfy the ear without letting it take anything for granted. They evolve…with the labyrinthine irreversibility of deep psychic forces.“ (Wikipedia)

This entry was posted on Samstag, 19. Juni 2021 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

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