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Archives: Samstag, 5. Juni 2021

2021 5 Juni

Aus der Erinnerung

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Niemals habe ich solche Menge an Gedichtbänden gelesen wie in meinen Studentenjahren. Es waren mindestens so viele wie die stolze Zahl der Thriller und Spionageromane von Eric Ambler und Partricia Highsmith, deren schwarzgelbe Buchrücken wohl einen knappen Meter auf meinem Bücherbord einnahmen. Meist lagen diese schmalen Werke, die ich vorzugsweise morgens im Café oder abends vor dem Einschlafen las,  vor dem Plattenspieler auf dem Boden, hautnah an  den Songalben von Eno oder frischen ECM-Lieferungen aus der Gleichmannstrasse  10. Da, wo sich heute BluRays und Dvds tummeln.  In  den Jahren von 1975 bis 1982 habe ich alles von Jürgen Becker gelesen, was ich in die Hände bekam, auch seine ganz frühen Bücher, und er wurde zu meinem Lieblingsdichter. Seltsam schüchtern war ich, als – Vorsicht, Repertoirestory! – er mir einmal im Fahrstuhl des Deutschlandfunks begegnete, in dem er lange als Redakteur arbeitete. Eher von draufgängerischer Art, war mir diese Anwandlung fast fremd, aber ich konnte sie mir hinterher gut erklären: meine Zeit mit seinen Gedichten stammte aus einer fast entrückten Vergangenheit, und was sollte ich  ihm in aller Enge eine kleine Anekdote der Begeisterung auftischen?! In jenen Jahren meiner Lyriklust verbrachte ich auch etliche Abende mit Friederike Mayröcker, die nun in hohem Alter den Planeten gewechselt hat. Am liebsten schrieb sie morgens, so lange die Träume nachwirkten, wie Meike Fessmann heute in ihrem feinen Nachruf in der SZ anmerkt, und ich bin damals so gerne in den Sog ihrer Gedichte geraten. Sie war mit Ernst Jandl verbandelt, und es brach ihr das Herz, als er so früh starb. An einen stärkeren Text über Abwesenheit als „Und ich schüttelte einen Liebling“ kann ich mich nicht erinnern. Das Lesen von Gedichtbänden ist eine Art  zu meditieren – die Tänze und Wirbel ihrer Sprache, ihres Sounds, haben mich oft an andere Orte transportiert. Und irgendwann, als die Erforschung der Träume mich mehr und mehr fesselte, wurde mir klar, wie nah die Deutung von Gedichten und die Deutung von Träumen beieinander liegen. Ich kann Menschen leicht beibringen, sich an ihre Träume zu erinnern. Gelingt mir das in einer Einzeltherapie, im übertragenen Sinn, ist die Lösung der seelischen Blockaden auf einem guten Weg. Beim Schreiben von Gedichten, und in der Therapie, geht es darum, jede Menge Gerümpel aus dem Weg zu räumen.

2021 5 Juni

„Caring“

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„Paying attention to how the music works on the body. And paying attention to how time is inhabited. Where is the Joy, where are the moments of sadness? it’s about really caring about feelings, you know, and often as musicians, we we find ourselves caring about other things like accuracy, for example, you know, which is not a feeling. It’s not a feeling, and it doesn’t elicit a feeling in anybody else. That’s just this kind of like demon who lives inside of us, who tells us we’re not good enough, you know.“  

 

(Vijay Iyer, speaking about the making of their latest album „Uneasy“ that, with a kind of „power trio at work“, no doubt, cares about emotions)

2021 5 Juni

„Birdhouse In Your Soul“

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Ich erinnere mich an frühe Radiojahre, in denen viele Schallplatten und Cds ungefragt in meinem Postkasten landeten, und 70 % davon waren kompletter Mist. Aber es gab eben auch Entdeckungen, wie die Musik von They Might Be Giants, ein Bandname, der wohl auch ein selbstironischer Kommentar zu ihrer Stellung in der „independant music scene“ war. Ich mochte ihre Schrägheit, ihren Humor, ich war kein so grosser Freund ihres Sounds. Aber als heute Herr Pitchfork, namentlich Quinn Sowieso, seine Liebeserklärung an diese Band veröffentlichte – der Aufhänger war ihr Album „Flood“ aus den frühen  Neunzigern – kramte ich das Teil aus dem Archiv hervor. Und, da staune ich gerne – obwohl ich immer noch kein Freund dieses hallig-dichten Klangbildes mit viel „Casio“ bin, verlieren sich diese Bedenken mit der Zeit, und das ganze Album behält eine seltsame Strahlkraft. Eine Art fast vergessene, heimliche Liebe. Bin mir ziemlich sicher, dass Wayne Coyne von den Flaming Lips ein grosser Fan des Duos ist. Ich zitiere Quinn. (m.e.)

 

Nirgendwo ist die Vorstellungskraft tiefgründiger als bei dem skurrilen Hit des Albums, „Birdhouse in Your Soul“, der aus der Sicht eines Nachtlichts geschrieben wurde. Über einer gleichmäßigen Snare und einem schrillen Arrangement, das stark von den Lovin‘ Spoonful inspiriert ist, schüttet dieser leuchtende Erzähler einen Bewusstseinsstrom aus, der sich unter anderem auf seinen Stammbaum bezieht. „Obwohl ich das sehr respektiere, würde ich gefeuert werden, wenn das mein Job wäre“, sagt er zu seinem Leuchtturm-Vorfahren – „nachdem er Jason und unzählige schreiende Argonauten getötet hat“. Obwohl die schwungvolle Melodie nach außen hin fröhlich wirkt, hat „Birdhouse“ etwas subtil Bedrohliches an sich, vom bissigen Trompetensolo bis zur schwankenden Bridge: „Ich bin dein einziger Freund/Ich bin nicht dein einziger Freund/Aber ich bin ein kleiner leuchtender Freund/Aber eigentlich bin ich nicht dein Freund/Aber ich bin es.“ Es ist brillant, es ist atemlos, und Junge, es ist bizarr.


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