Manafonistas

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Archives: Freitag, 8. März 2019

2019 8 März

„I also want to die in New Orleans“

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Like Dylan when he went electric, and Waits when he went Beefheartian, Mark Kozelek (aka Sun Kil Moon) divided his fans when he moved from jangly elegiac rock of standard proportions to expansive, digressive prose enquiries into the crumbling state of a nation, and the crumbling state of the man just trying to negotiate it all. But my advice to dissenters is to surrender rather than resist. No, Kozelek hasn’t „lost it“. If anything he’s found it, and found it in abundance.

So on to specifics. In this instance his partners in crime are Donny McCaslin (sax) and Jim White (drums). McCaslin deserves a medal for his restraint. After all, this is the man who bought as much to Bowie’s Blackstar as Mick Ronson and Robert Fripp brought to the great man’s 1970s output. Yet much of the times, here, he simply spends shadowing Kozelek’s guitar riffs, his sensuous breathy timbre adding little more than texture and atmosphere.

 

 

Lyrically Kozelek continues to reflect on the things that make life worthwhile – meals, music, books, films, conversations with friends and strangers. But then they’ll be a queasy slide into everything that threatens all this – the current administration, school shootings, the suffering of innocent animals, death. Perhaps there’s more light and humour than before: opening track “Coyote” includes a hilariously telling conversation with his partner centred on a possible gas leak. And “Couch Potato” is even quite chirpy in a melancholy Joni Mitchell kind of way. But Kozelek’s genius lies in how he indirectly conveys how temporary everything precious is, how contingent on outside forces.

Essentially what we have here is music as conceptual art. Or if you prefer, a new form generated from two quite distinct older forms: the quiet pleasures of the short story – wit, character, dialogue, digressions and expositions – given a partly improvised musical framing. No wonder the man has been so prolific in recent years – he’s out there on his own and the possibilities are limitless. How exciting that must be.

written by Howard Male

 

 

 

 

According to Danny Eccleston (Mojo, April 2019), „THE SECRETS OF THE BEEHIVE (1987) remains Sylvian‘s masterpiece, a symbiosis of masterly songwriting and the musicality of his recent excursions. Sakamoto‘s arrangements build a consistent arboreal mood, with piano and strings, and Danny Thompson‘s bass and Phil Palmer‘s acoustic guitar mixing late 60‘s folk rock and torch song.“

 

 

 

 

Die hier sichtbare Ahnenreihe präsentiert alte Meister der Unterhaltungsmusik, die vor Jahrhunderten schon mit heiteren und nachdenklichen Stoffen das Gemüt in Schwingung versetzten. Alte Gassenhauer gibt es hier, auf dieser Schallplatte, zuhauf, von niemand anderem inszeniert als einem weiteren Maestro der U-Musik des 20. Jahrhunderts. James Last wusste  natürlich, wie sehr die alten Schinken einst in höfische Rituale eingebunden waren, und stets viel ernster als nötig dargeboten wurden. Alles wollte ergriffen und erlöst sein, und ein seltsamer Verehrungszirkus  wurde diesen alten Entertainern zuteil. Selbst die religiösen Wallungen hatten etwas Zirkusreifes. Nun, die Altvorderen nahmen das gerne in Kauf, und fabrizierten manch kommerzielle Nummer für grosse und kleine Orchester. James Last hat diese Verklärung in den Sechziger und Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufs rechte Mass gestutzt, und die Oldies aus heiligen Hallen herausgelockt. Endlich konnte man sie lustvoll goutieren, zu den angesagten Longdrinks jener Jahre, zu Apfelkuchen und Käsefondue, zum Grill im Garten, zum Bier in der Bar. Die Bundesrepublik erlebte den Boom der Hollywoodschaukel. Und einen nie zuvor vernommenen, neuen Glanz seidiger Streichinstrumente. Erst jetzt erkennt man, wie subversiv die Musik von James Last war. Ein einziges, frohgemutes Sockelstossen.

2019 8 März

„Mein Leben im Dimensionsloch“

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Ich habe unter den Schriftstellern stets besonders die Phantasten – neben den Schöpfern grosser Kriminalliteratur, ob es Julio Cortazar ist / war,  H.C. Artmann (ich warte noch auf den Roman, der sein ungeheuerliches Leben erzählt), oder Stanislaw Lem. Der grandiose Heinrich Steinfest ist ein Zwischengänger zwischen Thrill und Parallelwirklichkeit, wie in alter Zeit ein E.T.A. Hoffmann, oder Jean Paul, dessen „Siebenkäs“ mich einst verzauberte. Und vor Jahr und Tag versank ich an der deutschen Nordsee in einer Prachtausgabe dieses Buches, aus dem ich zwei Seiten abfotografierte, 700 Seiten lang, und alles Cinemascope. Wie sagte doch Deus X. Machina: „Das Leben ist zu kostbar, um es dem Schicksal zu überlassen.“

 

2019 8 März

Als der Pilzforscher auf den Baum kletterte (1)

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Es gibt seit 2016 in den USA die ersten zertifizierten Therapeuten, die mit psychedelischen Drogen arbeiten dürfen. Aber noch ist nicht  klar, wie sich die Liberalisiierung der Psychedelik-Forschung alltagspraktisch auswirken wird. Natürlich gibt immer noch zahllose gute Therapeuten bzw. Psychonauten, die im Untergrund arbeiten, und einen unschätzbaren Beitrag zu Michael Pollans Buch geleistet haben. Das ist eben nicht das Aufflammen alter Hippie-Träumereien, die in den letzten zehn, zwanzig Jahren neue Horizonte geöffnet haben, sondern solide wissenschaftliche Forschung.

Wenn man das Buch liest, ist man bald im Bilde, dass der Konsum von LSD zwar nicht annähernd die Gefährlichkeit besitzt wie Heroin oder, bingo, Alkohol (in bestimmten Aspekten jedenfalls, Freunde von „in vino veritas“ mögen kurz einhalten ), aber in den Händen übermütiger Teenager, schwieriger Typen und narzisstischer Persönlichkeiten schon leicht aus dem Ruder laufen kann (Tendenzen zu psychotischen Erkrankungen sind ohnehin erste Kontraindikation). Der Rahmen muss stimmen, der Stoff sowieso, und ein wahrer Experte, ein erfahrener Psychonaut, dem alle Selbstherrlichkeit fremd ist, sollte in der Regel mit von der Partie sein. Begleitend, unterstützend, nacharbeitend.

Auf jeden Fall wird jeder, der das Buch liest, den Kopf schütteln, wie erfolgreich damals, als Timothy Leary es masslos übertrieb mit seinem Sendungsbewusstsein, diese Droge dämonisiert wurde. Auch Ayelet Waldmans fundiertes Werk über das „micro-dosing“ von LSD leistet hier Anschauungsunterricht.

 

 

 

 

 

Michael Pollan breitet Gegen Ende seines Buches die Ähnlichkeiten aus, zwischen der Empfindungswelt des Kindes und der eines LSD-Reisenden. Der magische Realismus der „Young Philosophers“ (so der Titel eines Buches über die besondere Welt ganz junger Erdbewohner) ist mehr als eine provokante These, und ich betrat wohl gerade die Schwellen zur Vernunftwelt, mit all ihren traurigen Restriktionen, als „Sgt. Pepper“ Seelennahrung wurde. Kurz nach Erscheinen hörte ich die Platte rauf und runter, vormittags, drei Wochen lang, in der ersten Hälfte der grossen Ferien im Sommer. War ich elf, war ich zwölf? Ich futterte dazu eimerweise „Honig Pops“ – „oh, honey, oh, sugar sugar!“ Und das Album, bei dem mich, klappte ich es auf, die „Fab Four“ mit hellwachen, strahlenden Augen anblickten, befeuerte all meine noch existenten magischen Empfindungsströme, mit immenser Lebensfreude und Entgrenzung (obwohl ich in jenen Sommerwochen wohl tatsächlich mal nicht in eine nahe oder ferne Schöne verliebt war).

Ich war komplett umrauscht, und bis heute hat Sgt. Pepper nicht aufgehört, mich aus eingefahrenen „patterns“ zu katapultieren, und es ist ein direkter Kanal in meine „Kind-Welt“. Aber eben nicht im Sinne realitätsflüchtender Regression. Die Geschichte vom Pilzforscher auf dem Baum sei ein anderes Mal erzählt, das hier ist ja auch  erst der erste Teil einer kleinen Serie. Das Buchcover, das bereits Ihre Aufmerksamkeit gewonnen hat, ist ein wunderbarer Trip jenseits der Schwärmerei, auch wegen seiner historischen Genauigkeit und Detailtreue, und ich empfehle es sehr. Nach Pollan. Und natürlich nur den Zeitgenossen, für welche die Musik, die sich zwischen Hamburger Nächten und einem Hochhaus in London ereignete, lebensbegleitend war und ist.

The deeper you go, the higher you fly.

Dieser Satz ist mit Vorsicht zu geniessen, aber weit über Zeitgeistdokumente hinaus behält er sein Quantum Wahrheit. 

2019 8 März

Life of Josh

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„I have a feeling Steve Tibbetts’ Life Of will henceforth be viewed as a towering achievement, the one that put him in the pantheon for good. It may not happen this week, next year, or even this century. But it will sit comfortably in my house right next to the late Mark Hollis’ work with Talk Talk’s Spirit of Eden, Laurie Spiegel’s The Expanding Universe, La Monte Young’s The Well-Tuned Piano, Terry Riley’s A Rainbow in Curved Air, Radiohead’s OK Computer, and Miles Davis’ In A Silent Way, alongside any number of defining works that established the artist as a stealth maverick, a creative genius, a singular voice.“

 

You may think this is a review. It is not. it is a story, part of a story. It‘s the part that looks like a review. For Uli Koch and me, „Life Of“ has been the album of 2018. Fair to say, it will soundtrack the life of some people. For example, it had a profound effect on Josh. Personally, I don’t believe in „the pantheon“, but on a certain level, he is absolutely right. His essay comes with a required caveat that listening to healing music should not serve as a substitute for regular checkups with medical professionals. You may want to read this in a quiet moment. (m.e.)

 

Josh Rosenthal is owner of Tompkins Square label, based in San Francisco, and author of ‘The Record Store of The Mind’. His label has received eight Grammy nominations, most recently for Sonny Clark Trio: The 1960 Time Sessions.


long version

 

 

Oft wird gesagt, man könne Äpfel und Birnen nicht miteinander vergleichen. Das stimmt nicht. Ich kann es. In meinem Freundeskreis gibt es eine Person, die keine Äpfel isst wegen einer Allergie. Birnen lässt sie sich schmecken. Ich weiß von lieben Menschen, die einen anaphylaktischen Schock erleiden würden wenn sie in Messiaen beißen, die an der Bar drei Caipirinhas trinken müssen bevor sie einen Sakamoto schlürfen. Ich werde jetzt Ryuichi, Mike und Daniil vergleichen. Alle drei spielen Klavier. Äpfel und Birnen sind Obst.

 
 
Ryuichi Sakamoto
 

BTTB habe ich angehört, denn Gregors Rezensionen sind mir oft ein Anlass, dem Besprochenen nachzuhören. Ryuichi Sakamoto wäre eine verschwommene Erscheinung am Rande meines Klanghorizontes, würde nicht hie und da unter den Manafonistas über ihn gesprochen. Damals, kurz nach dem Erscheinen habe ich das Album X∞Multiplies des YELLOW MAGIC ORCHESTRA gekauft.

 

 

 

 

Ich fand die Musik zwar interessant, aber doch nicht hinreißend genug, um mich dauerhaft zu fesseln. Seit wenigen Jahren erst ist mein Interesse an Ryuichi Sakamoto erwacht, ausgelöst von der Musik zu The Revenant. Im Praeinternetikum ist es schier unmöglich gewesen, die vielen Facetten seiner Persönlichkeit zu entdecken. Jetzt schätze und bewundere ich seine Vielseitigkeit. Für ein piano wunderkind halte ich ihn nicht, genauso wenig das Album BTTB für ein Meisterwerk.

Haruki Murakami schrieb die Liner Notes, u.a. notiert er:

“Personal and intimate music – somebody (an anonymous somebody) sitting alone in front of the school piano early in the morning, weaving a melody, exploring harmonies.“

 

Sakamoto ein Musiklehrer? Ja, das auch. Es hat wohl bei NHK, dem japanischen TV, eine Reihe zur Musikgeschichte gegeben mit dem Teacher Sakamoto.

 
Commmons Schola: Live on Television Vol.1 Ryuichi Sakamoto Selections
 

In diesem Trailer spielt Ryuichi Sakamoto u.a. Maurice Ravels Menuet sur le nom de Haydn, eine kurze Sequenz aus J.S. Bachs Goldberg-Variationen und ein Duo mit dem japanischen Jazz-Pianisten Yosuke Yamashita.

 

BTTB

Die Assoziationen verschiedener Rezensenten – Satie, Debussy, Cage, Bach – verraten es schon: es ist eine rückwärts schauende Musik, zurück bis tief ins 19. Jahrhundert reichend, in wenigen Piècen fast an die damals verrufene Salonmusik erinnernd. Es gibt aber ein paar pfiffige Stücke. Murakamis Liner Notes evozieren zwar die Vorstellung eines entspannt improvisierenden *Somebody*. So ist es nicht. Das Album enthält überwiegend (vermutlich exakt notierte) Kompositionen. No. 6 choral no. 2 beginnt und endet als strenger Kanon zweier Akkordlinien und auch der Mittelteil ist ein vorwiegend kanonisch geführtes Bicinium. Das kann man nicht so leicht ad hoc aus dem Ärmel schütteln. No. 3 intermezzo klingt wie ein verschollenes und wiederentdecktes Intermezzo von Johannes Brahms. Es dauerte nicht lange und ich hörte das Album wie ein amüsantes musikalisches Rätsel. No. 2 sonatine erinnert an Prokofievs schalkhafte Symphonie classique. No. 7 do bacteria sleep? Maybe, Several Species of Small Furry Maultrommels Gathered Together in a Cave? Bei meinen Streifzügen durch Sakamotos Welten habe ich ganz andere Objekte angetroffen – faszinierende! Dieses zum Beispiel:

 

Alva Noto & Ryuichi Sakamoto with Ensemble Modern: Utp_

 
 
Mike Westbrook
 

Ob jemand Mike Westbrook kennt? Vielleicht ist er der erste Arrangeur gewesen, der ein komplettes Album der Beatles für Big Band einrichtete. Als die Platte 1989 erschien, habe ich sofort zugegriffen. Schließlich handelt es sich um das von mir am meisten bewunderte Album der Beatles. Die Scheibe der Mike-Westbrook-Band trägt den Namen Off Abbey Road. Mike Westbrook ist aus meinem Sichtfeld verschwunden, nachdem ich mich satt gehört hatte. Vor kurzem ist er mir wieder begegnet mit seiner Version eines der schönsten Songs der Beatles, mit John Lennons Because.

 

 

 

 

Mike Westbrook spielt ebenfalls gerne Klavier. Er schaut nie rückwärts, auch wenn er seine Lieblinge – etwa Duke Ellington – interpretiert. Er gehört zu einer Garde von Jazzpianisten, die ohne brillantes Laufwerk brillieren mit unverwechselbarem Ton und Gestus. Er ist spröde. Wer Paul Bley mag, könnte an ihm Gefallen finden.

 
 
Daniil Trifonov

obwohl es im leben groesseres gibt als klaviermusik
gibt es im leben momente
da gibt es nichts groesseres als klaviermusik

 

Einen solchen Moment habe ich am 21. Februar erfahren. Dieses Ereignis hat mich mit einer emotionalen Wucht getroffen, wie wenige andere. Ich war – im „übertragenen“ Sinn – live dabei, als Trifonov einen unglaublichen Klavierabend in der Berliner Philharmonie spielte, der über die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker zeitgleich vermittelt wurde. Schön, dass ich den Auftritt zusammen mit einem guten Freund erlebt habe. Da es sich nicht beschreiben lässt, breche ich jetzt ab. Das letzte Wort hat Uli.

 

Der fröhliche Diskurs entsteht ja, weil es eben nicht darum geht die Erfahrungen anderer zu bewerten, sondern neugierig Trittbrett zu fahren und etwas zu entdecken.

 

to short version


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