Manafonistas

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Archives: Mittwoch, 27. März 2019

2019 27 März

One Picture Story

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A very small one.

 

„Elements which can be eliminated have been eliminated” is how Abbas Kiarostami once described his late turn toward minimalism. While he was known for the intricate, metatextual playfulness of his work, he also spent much of his career trying to achieve a certain purity of expression, one that he at first found more readily in his photographs and his poetry. “I want my films to become closer to my photography and more distant from storytelling,” he said in a 2000 interview, and the ensuing decade and a half would prove pivotal in that effort.“ So beginnt ein kleiner Text über das letzte Werk des iranischen Regisseurs, und soviel zur kleinen Vorrede. Es ist wieder mal an der Zeit, Brian ein kleines Päckchen zu schicken. Das Spiel spiele ich gelegentlich, seit 1989, und es begann wohl mit David Darlings „Cello“ (von einigen Manafonisten gerade mit Sternen hochdekoriert), nein, es begann mit Eleni Karandrous „Music For Films“, das Manfred E. titeltechnisch als kleine Referenz an Brians „Music for Films“ wählte, obwohl die Musik der Griechin durchweg real existierenden Filmen zugedacht war. Durchschlagende Resonanz fanden in den Folgejahren, in seinen Gehörgängen, Heiner Goebbels‘ „Landscape with Argonauts“ und das Album der Books mit dem grünen Cover, „Lost and Safe“, letzteres hat er eine Zeitlang nahezu obsessiv gehört. Das letzte Päckchen ist schon  einige Jahre her – in meinem Interview mit Brian und Karl Hyde stellte sich heraus, dass „Colossal Youth“ von den Young Marble Giants völlig an ihm vorüber gegangen war (die Platte erschien in seinen New Yorker Jahren, da sind Cardiff und der Plattenladen von Rough Trade in Notting Hill weit weg) – ein Klassiker, dem einst ein gewisser D.D. Diederichsen eine besondere Nachbarschaft attestierte, und zwar die von Eno und Schubert, bei letzterem meine ich Franz. Nebenbei, in den nächsten Klanghorizonten wird tatsächlich einmal Franz zu hören sein, Brian auch, aus einer Kirche übrigens, „Union Chapel“ in Islington, berühmt für ihre besondere Akustik. Wie gesagt, ein selten betriebenes Spiel, aber jetzt ist es wieder mal an der Zeit, dachte ich, als ich „Chalk Hill Blue“ von Will Burns und Hannah Peel hörte, „poetry & music“, eine fantastische CD (s. a. „Albums of April“), gewiss ein Top Ten-Album meiner Jahresbestenliste – Brian besass ja stets ein Faible für „spoken word-music“ (das hört man bereits auf seinem ersten Songalbum, wenn „Dead Finks Don‘t Talk“ erklingt), hatte dann ja auch mal mit Rick Holland einen Lyriker zum Duopartner gemacht. Und als ich vor Wochen tief in Trance versank, als ich den letzten Film von Abbas Kiarostami erlebte, „24 Frames“, einen Film ohne Handlung, ein „ambient movie“, hintergründig, abgründig, und ein Ende, bei dem nur tote Augen trocken bleiben, war der Gedanke naheliegend, Brian möge sich einmal diesen Trip gönnen, auf einer grossen Leinwand – und mit gutem Surroundssystem, was für ihn kein Problem darstellen dürfte. Zudem ist diese Edition von Criterion (s. Blogroll) mit spannenden Extras ausgestattet. Selten genug, dass eins meiner Päckchen nach London mit drei Neuerscheinungen aufwartet, aber diesmal ist es so gekommen.  Das dritte Teil stammt wieder mal aus dem Hause ECM, und ich habe einen Narren gefressen an dem in der zweiten Aprilhälfte erscheinenden Werk der aus Armenien stammenden und in Los Angeles lebenden Sängerin und Pianistin Areni Agbabian – an ihrer Seite der Schlagwerker Nikolaus Stocker (man kennt ihn von Nik Bärtsch, hier agiert er fernab aller Module), und der Produzent Manfred Eicher, der eine sehr kurze, gute dreissig  Sekunden währende Komposition namens „Whiteness“ beisteuert (wie das wohl zustande gekommen ist?) – vielleicht hat er im Studio in Zürich eine Melodie gesummt, und Areni hat sie sofort gespielt. Ich muss noch herausfinden, was mich an „Bloom“ so besonders fesselt (und ich rede hier von Arenis „Bloom“, nicht von Brians „Bloom“), rasch auf den Punkt bringen kann ich es nicht, die üblichen Floskeln machen wenig Sinnlichkeit. Jedenfalls freut sie sich darauf,  meine Fragen, die auch noch gefunden werden wollen, auf ihrem Smartphone zu beantworten. So, das Päckchen ist geschnürt. Gleich geht es, mit einer Briefmarke von einem Observatorium der Sterne, auf die Reise ins alte England, das seit Jahr und Tag dabei ist, von Debakel zu Debakel zu stolpern. Die Konferenz der Idioten tagt fast täglich. Ich sehe Theresa noch vor mir, wie sie in Brüssel zu einem ABBA-Song auftritt, und es wirkt so verklemmt, als wäre sie auf dem Weg zum Chiropraktiker, und hätte noch nie von Elvis‘ Hüftschwung gehört. Well, let‘s put „Eton Alive“ on the record player, Sleaford Mods‘ healing music of a different, a very different kind.

 
 
 

 
 
 

„So Much Longing in So Little Space“. That‘s not the title of the painting, it’s the title of the book from Norway’s epic self-analyst Karl Ove Knausgård who actually paints a refreshingly ego-free portrait of Edvard Munch, my favourite painter, along with Claude Monet. Look at this text, a marketplace of music, pictures, frames, and you‘re just about to finish it – anyway you find something to cherish, to be blown away by, and, maybe, you’ll read it one more time, slower, a bit slower, whatever you like, of course, but be sure about one thing, and this is guaranteed: elements that can be eliminated have not been eliminated.

 

The smoke of the campfires, into which you are throwing everything superfluous, make your eyes smart.

2019 27 März

Black Electric Cat touches the Hyperuranion

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Das klassische Piano-Bass-Schlagzeug Trio bietet eine ungeheure Bandbreite musikalischen Ausdrucks. Allein die Reduktion auf das Essentielle kann zu ungeheuer spannenden Ergebnissen führen und lässt sehr viel Raum für den individuellen Ausdruck jedes einzelnen Musikers. So finden sich hier sowohl äußerst innovative Gruppen aber auch jede Menge Stammhalter gepflegter Langeweile. Bei der Innovation stehen die frei improvisierenden Trios ganz vorne und auf der anderen Seite finden sich die ewig redundanten Interpreten des/der Standarts, die gut geeignet sind eine Absackerbar hintergründig zu beschallen und sich beim ausschließlichen Hinhören aber auch gut zur Schlafinduktion eignen.

Platon’s Hyperuranion ist das Reich der Urideen, die allen Phänomenen und Erfahrungen in idealer Form zugrunde liegen. Es ist ein Bereich im Überirdischen, wo sich alle Ideen gesammelt finden, die sich dann in Schönheit und Wahrheit in der phänomenalen Welt manifestieren. Es ist die ewige Quelle der Inspiration für die Seelen, die dann versuchen nach ihrer Inkarnation hier auf der Welt ein Abbild der Erfahrungen und Ideen des Hyperuranions nachzubilden. Sokrates stellte dieses Reich sogar über die Götter, deren Göttlichkeit sich aus dem unmittelbaren Wissen dieser idealen Urformen ergeben sollte.

In der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Alle? Nein, denn die Nacht schluckt die schwarzen, die unsichtbar werden und sich lautlos bewegen: auf den Dächern, in finsteren Winkeln, in lichtlosen Konzertkellern und dann plötzlich zuschlagen, um dann wieder so schnell mit der Dunkelheit verschmelzen, wie sie in Erscheinung getreten sind. Hier beginnt diesesmal alles mit einem heftigen Schlag: ein synthetischer Technopulse, der Katapultwirkung hat und mit einem bizarren „I’ve got Blisters on my feet“ durchwoben wird. Aber halt: was ist das eigentlich? Techno? Math Rock? Jazz? Wave? Zu diesem Zeitpunkt ist kein Urteil möglich, denn Chat Noir startet auf ihrem neuen Album Hyperuranion eher als Black Panther (wenn der Begriff nicht schon so besetzt wäre…) als als Katze. Vor mehr als einem Jahrzehnt von Michele Cavallari und Luca Fogagnolo als Jazztrio gegründet, bewegte sich die Band alsbald weg vom konventionellen Repertoire und begann, auch unter Hinzunehme von Gastmusikern, sich in experimentelle Gefilde zu bewegen. So half auf ihrem letzten Album Nine Thoughts For One Word bereits J Peter Schwalm den experimentellen Boden zu bereiten, der sich aber auf Hyperuranion viel intensiver neue Wege sucht. Dieses mal sind der schweizer Schlagzeuger Moritz Baumgartner und Daniel Calvi an der Gitarre mit von der Partie. Und auf vier Stücken Nils Petter Molvaer, der sich grossartig und unglaublich dezent in das Konzept dieses faszinierenden Klangreichs einfügt, aber nicht ohne die sphärische und jazzige Seite tiefer in das Gewebe dieser Musik einzufügen. Ein Großteil dieses Albums entstand im technoiden Gegenstück des Hyperuranions: in der Cloud. Hier wurden Ideen und Klangfarben gesammelt, um sie dann als Improvisationsgrundlage im Studio einzusetzen und den Ideen so eine subtile, wie kraftvolle Vitalität im Reich manifestierter musikalischer Formen zu geben. Längst hat Chat Noir hier das Piano gegen Synthesizer ausgetauscht und mit Samples und Entfremdungsmöglichkeiten gespielt.

Humanity klingt nach dem wavig-funkigen Opener ganz ruhig und fast ambienthaft sanft, von Molvaers Trompete getragen. Immediate Ecstasy zieht dann schon wieder an und lässt offen, ob die Schönheit der Klänge oder der Drang des Rhythmus den grossen Ideenreich entlehnt ist und geht dann fast nahtlos in das treibende Overcome, das überraschende und skurrile Wendungen bereit hält über. Quasar schwebt dann wieder im unendlichen Raum, Glimpse schaut verschwurbelt in bislang unbekannte Welten, denen beiden Molvaer warmen Atem einhaucht. Aus diesem Schweben bricht dann bei Ten Elephants eine Elefantenhorde hervor, brachial und bebend und wird von Matador Insects gefolgt, das ein unentwirrbares Labyrinth exotischer Klänge und Wendungen entfaltet, an dem ich mich nicht satt hören kann, um dann wieder in den primordialen Raum zu entschwinden, aus dem sich dieses musikalische Vexierstück manifestiert hat. Kraut-Jazz für die Götter, der mit einer unglaublichen Fülle an Ideen und Klängen spielt, tanzt, stampft, röhrt und sich ganz unsenitimental träumend wieder im Reich der ewigen Ideen verliert.

Chat Noir haben sich zum musikalischen Pendant von Schrödinger’s Katze entwickelt, bei der man nicht weiß, ob sie tot ist oder lebt, solange man die Kiste nicht geöffnet hat: Solange sie im Hyperuranion verweilen bleibt völlig offen in welcher Ecke des idealen Ideenreiches sie gerade Verstecken spielen bis das letzte Stück zu Ende ist. Ich bin dann mal weg …

 
 
 

 


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