Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Dienstag, 4. Oktober 2022.

Archives: Dienstag, 4. Oktober 2022

2022 4 Okt.

Coal Miner’s Daughter

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 3 Comments

Amerikas Country-Queen Loretta Lynn ist gestorben. Immerhin freundliche 90 ist sie geworden. Was mir in Erinnerung ruft, dass ich vor jetzt zwölf Jahren in einem längst dahingeschiedenen Drehbuchautorenforum ein paar Zeilen über den Film Coal Miner’s Daughter geschrieben habe, die ich aus besagtem Anlass hier einmal wieder ans Tageslicht hole — der Film ist nämlich wirklich sehenswert.
 

 
Diesen Film habe ich mir gestern nacht angesehen, weil er entfernt mit dem Sujet zu tun hat, an dem ich gerade arbeite. Ich war erstaunt (obwohl ich es im Prinzip wusste), dass der Film schon 30 Jahre alt ist [42 demnach heute]. Das Buch ist von Tom Rickman, Regisseur ist Michael Apted.

Der Film ist ein Biopic, beruhend auf den Erinnerungen der Countrysängerin Loretta Lynn (gespielt von der wunderbaren Sissy Spacek) und diversen Interviews. Zwei Dinge, die mir besonders aufgefallen sind:

Die (US-) DVD enthält ein 15-minütiges Gespräch mit der wirklichen Loretta Lynn (von 2003), und es ist ein Erlebnis, zu sehen, wie sich Sissy Spacek Lorettas Gestik, Mimik, Sprechweise und Kentucky-Dialekt angeeignet hat. Das können wirklich nur die Großen. Das kann man so auch gar nicht ins Drehbuch schreiben. (In der Synchronfassung geht es natürlich eh verloren.) Und zweitens: Selbst für die beste erwachsene Schauspielerin ist es sehr schwierig, ein 14-jähriges Mädchen darzustellen. Es kommt immer rüber, dass sie eine erwachsene Frau ist.

Dramaturgisch fällt ein gewisses Ungleichgewicht auf zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des Films. Zunächst geht es darum, wo Loretta herkommt, wie sie mit 13 heiratet, vier Kinder bekommt, und sich dazwischen nach und nach ihr Gesangstalent so herauskristallisiert, dass irgendwann ihr Mann auf die Idee kommt, dass man daraus eine Karriere machen könnte. Er ist dann auch derjenige, der den Start aufs Gleis setzt, von der selbstbezahlten Plattenaufnahme übers Abgrasen der Country-Radiostationen bis zu ersten Erfolgen. Dieser Teil ist reichlich lang geraten, gemessen an der dann abgehoben habenden Karriere im zweiten Teil des Films, die schließlich zu Lorettas Zusammenbruch und (am Ende) Neustart führt. So richtig wird nicht klar, wie diese Karriere läuft, welcher Preis mit ihr verbunden ist und warum sie trotz des kommerziellen Erfolges schiefläuft.

Gut geglückt dagegen ist, zu zeigen, wie Doo (Lorettas Mann, von Tommy Lee Jones gespielt), nachdem er ihre Karriere erfolgreich auf den Weg gebracht hat, zu ihrem immer überflüssigeren Anhängsel wird und damit natürlich nicht klarkommt. Sehenswert auch Beverly D’Angelo, die die Countrysängerin Patsy Cline (Lorettas dickste Freundin) spielt. Beide Darstellerinnen singen übrigens selbst, es wird nicht einfach zu den Originalsongs geplaybackt. Gut so, die beiden sind auch prima Sängerinnen.

Ich habe den Film erstmals irgendwann Mitte der 80er auf RTL oder weißichwo gesehen, und schon damals ist mir aufgefallen, was sich mir gestern noch einmal bestätigt hat: Dass Country eine sehr authentische und lebendige Musik ist, wenn man sie in die Umgebung und Atmosphäre stellt, aus der sie kommt und in die sie gehört. Nicht zu verwechseln mit dem Countrykommerz, der heute die Charts füllt.

„Like a long fade serenade / We drink the rain like lemonade / Falling all around our shoulders …“ Wirklich, Freunde? Braucht man eine Gebrauchsanweisung, um dem neuen, endlos magischen wie herrlich irritierenden Album von Lambchop, „The Bible“ (my no. 2 of 2022) zu begegnen? Vielleicht reichen einige Hinweise: am besten hört man das Teil, am Stück, abends auf Kopfhörern – auf jeden Fall  widme man sich dieser „Stunde der Unruhe“ in grosser Ruhe. In dem Lied, aus dem ich gerade zitierte, Verse, die durchaus auch von Jacques Brel stammen könnten, heisst es an anderer Stelle, und da endet die Parallele zum Chansonnier: „Fred MacMurray was a motherfucker.“ Die Vinylfassung bietet alle Lyrics zusätzlich in original lateinischer Version (jetzt weiss ich endlich wieder, wozu mein grosses Latinum gut war – danke, Kurt, ich liebe deinen Humor). Es gibt Verblüffungen, Einrisse, Einstürze, Disco, Gospel, und Dylan in der Mausefalle. Twists und Turns allüberall. Ein paar Posts früher findet sich eine kleine „Bibelstunde“ mit Sam Goldner von Pitchfork. Wer interessiert ist, möge dorthin scrollen.

 

Ansonsten halte ich mich hier kurz, denn die Texte überschlagen sich derzeit auf dem Blog, als gäbe es dauerhaft „breaking news“. Spannende neue Einträge von Uschi (über den Teifel im Frankenland) Lajla, (über den Ironman auf den Kanaren), Martina (über drei kleine Bücher von Annie Ernaux), Ingo (über Fennesz), Steve Tibbetts (über Klaviersound und eine Begegnung mit dem Magus von ZZ Top) – and the return of „Henning, the Bolte“ (über Erlebnisse im Pierre Boulez Haus)!

 

 

Letzten Sonntagabend durften wir erleben, wie man das Thema Besessenheit und Exorzismus besser NICHT abhandelt. Den Fall Anneliese Michel aus Klingenberg am Main habe ich bereits erwähnt.

Eine erfreulich unaufgeregte Verfilmung dieses tragischen Falles, der auf alle Schockeffekte verzichtet, stammt von Hans Christian Schmid (D, 2006) mit einer furios aufspielenden Sandra Hüller. Der Exorzismus selbst wird nicht gezeigt, der Film versucht sensibel aber deutlich auszuloten, wie es zu dieser schweren Erkrankung einer jungen Frau kam und endet an dem Punkt, an dem dies alles gezeigt ist.

Ein junges Mädchen aus streng katholischem Elternhaus ist fanatisch religiös, leider auch mit Grand-mal-Epilepsie geschlagen und braucht Medikamente, die unter Umständen Psychosen auslösen können. Das freie Studentenleben bringt sie bereits in moralische Konflikte.

Der Film zeichnet das Bild einer schweren Ablösungskrise von einer bindenden Mutter, die Michaelas (der Filmname) Erkrankung nutzt, um das Kind zuhause zu behalten und dem, was man früher als ecclesiogene Neurose bezeichnete – schwere Aggressionshemmung, Autoritätshörigkeit, Schuld – und Versündigungsgefühle und am Ende ein messianisch anmutender Wahn, in dem Michaela / Anneliese mit ihrer Krankheit für andere büssen und sie erlösen will, sich schwere Verletzungen zufügt und schliesslich verhungert. Ein Arzt wurde nicht hinzugezogen.

Exorzismus wird immer noch häufig nach dem Rituale Romanum durchgeführt, muss vom Bischöflichen Ordinariat genehmigt werden. Der „Besessene“ muss vorher ärztlich und psychologisch untersucht werden. Kriterien für eine „echte“ Besessenheit ist u. a. das Reden in fremden Sprachen, die der Betroffene vorher nicht gelernt hat, Entwickeln ungewöhnlicher Körperkräfte, Angst vor geweihten Gegenständen etc. Der Exorzismus muss ärztlich überwacht werden.

 

 

 

 

Die Eltern von Anneliese sowie der exorzierende Priester wurden später zu je einem halben Jahr Haftstrafe auf Bewährung wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt.

Die Tonbandprotokolle sind im Netz veröffentlicht. Erstaunlich ist, dass auch im dissoziierten Zustand Anneliese den vertrauten Dialekt beibehielt: „Die Sau soll’s Bet’n aufhör’n!“ brüllte der Dämon den Priester an – oder wer immer damit noch gemeint war, der Film erweckt dazu Phantasien.

Der Analytiker Matthias Hirsch recherchierte zur Familiengeschichte; es erhob sich der Verdacht, dass die Mutter von Anneliese ein – dem vermeintlichen Vater untergeschobenes – Kind eines katholischen Priesters war; also die Frucht einer Todsünde. Nachdem dergleichen transgenerational an spätere Generationen weitergegeben wird, wie u. a. die Holocaustforschung beweist, musste Anneliese hier eine schwere Familienschuld sühnen. Das Menschenopfer ist ein essentieller Topos in der christlichen Religion, vielleicht sogar deren Ursprung, wie Freud in seiner Abhandlung über die Urhorde nachzuweisen versucht.

Somit gibt es zumindest einen zutreffenden Satz in der Bibel: Die Sünden der Väter rächen sich bis ins dritte und vierte Glied – oder so. Sünden natürlich in Gänsefüsschen.

In Originalaufnahmen der Familie Michel habe ich übrigens selten ein wütenderes und verbitterteres Gesicht gesehen als das von Annelieses Grossmutter, die geradezu hasserfüllt über das Verhalten des Mädchens spricht.

Früher war es in bayrischen Bauernfamilien üblich, dass der älteste Sohn den Hof übernahm, der zweite Sohn sollte dann „geistlich“ werden. Auch eine Form von Menschenopfer, von der Kastration mal gar nicht zu reden.

Und da wundert einen so Verschiedenes überhaupt nicht mehr.

 

 

Was fragt man einen sechsfachen Ironman-Sieger, wenn man weiß, was Triathlon ist? Ich fragte Thomas Hellriegel, ob er der Aussage von Mark Spitz zustimmen würde, dass ein Schnurrbart die Geschwindigkeit beim Schwimmen begünstigt. Thomas lachte und erzählte, dass sich damals die russischen Schwimmer alle einen Schnauzbart wachsen ließen. Ich sehe ihn hier häufig auf seinem normalen Mountainbike trainieren. Damals, als er der erste deutsche Gewinner der Ironman World war, nannte man ihn “Hell on Wheels”. Von seinen zahlreichen Preisgeldern kaufte er sich hier auf El Hierro ein Haus. Ein sympathischer Nachbar.

 

 

 

 

Hier fanden jetzt die weltweit beachteten 18km langen Durchquerungen des Atlantiks statt. Der Sieger schleppte sich nach drei Stunden im Meer mit seiner Pflichtblase zur Tribüne. Der zweitbeste Schwimmer wurde direkt mit einer Bahre empfangen. Ein insgesamt abenteuerliches Unterfangen bei starkem Gegenwind und Mengen von auch gefährlichen Fischarten.

IMG_8179

Wie man sich auf abenteuerliche Weise durch Geräuschwellen kämpft, bewies Torsten de Winkel mit seinen beiden Musikern an Gitarren und am best of Schlagzeug. Er spielte anlässlich des von Einheimischen organisierten Oktoberfestes. Abgesehen von der missglückten deutschen Küche (Apfelmus lag da neben Sauerkraut – goi, muss net imma a Hendl her) war die Stimmung dank der ausgelassenen Spielfreude von Torsten bombig. Bombig auch wegen der Hundertschaften von Harley Davidson Bikern, die sich jedes Jahr auf einer anderen kanarischen Insel treffen. Ich höre sie zum Glück die nächsten 7 Jahre nicht mehr. Aber ich werde noch lange die wunderschöne Melodie von “And I Love her” der Beatles,  variiert von Torsten,  im Ohr haben.

Beide Videos wurden von Torsten de Winkel / BimbacheOpenArt freundlich genehmigt …

video 2

 

 

 

 


Dass man Cds auch als Ohrenschmuck verwenden könne, darüber klärte mich der Gitarrero aus Minneapolis, am Beispiel seiner Kids, vor Jahren auf. Anlässlich der Veröffentlichung von „The Hellbound Train.“ Ich schrieb Steve Tibbetts vor ein paar Tagen eine Mail, auch darüber, wie zauberhaft ich Daniel Lanois‘ Pianoalbum fände, und wieviele interessante Zugänge der gebürtige Kanadier zum  Sound des Klaviers fände, dabei aber jeder Art von Klangrealismus über Bord werfe. Das knüpfte an frühere Unterhaltungen an, im denen mir Steve berichtete, wie hart er stets daran werkelte, die Mikrofone so zu positionieren, dass die bestmögliche Piano-Aufzeichnung möglich sei. Hier seine Antwort, die nach kurzer Zeit eine erstaunliche Wendung nimmt.

 

 

 

 

Piano: Yes, I called up 3-4 „name“ producers I knew to ask about microphone placement for a beautiful piano I had just purchased in 2004. Nothing they suggested worked very well. I called Willie Murphy, a local music legend who had produced Bonnie Raitt’s first album.  Willie said in his gravely voice, „Tibbs, pull off the bottom plate of the piano, just over the pedals. Then find the best spot for the high end, in mono, with your first microphone. Do the same for the bottom end with your second microphone. Then pan the mics in stereo. Then ask Gordy Johnson to come over and tune the piano. Have your session ready to go when he arrives, with your tracks and the mixing board all set up, headphone levels, everything. If you’re mostly working in one or two keys, ask him to flatten the major or minor thirds by 5 cents.  When he’s done, go to work. Right away. Start recording immediately. Gordy sometimes likes to sit down and chat after tuning a piano, so you have to tell him you need to get right to work. The piano will sound perfect for about 3 hours.“  Willie was right.

Some years before that Willie called me at my studio and said (same rough voice), „Tibbs, what’s a ‚ZZ Top‘?  Any relation to ‚ZZ Hill?'“ I said, „Well Willie, ZZ Top happens to be one of the biggest bands in the world right now (this was in the mid-1990s). He said, „I got a call, and the ZZ guitarist is in town and wants to meet me and I don’t want to go alone, can you come with me to the concert?“ (Ummm … yes.) He said, „Ok, I’ll be at your studio in 10 minutes.“

He picked me up, we drove to the St. Paul Civic Center, knocked on the stage door and it opened.  The giant bearded security guard put his hand up and looked me up and down.  Willie said, „He’s ok, he’s with me.“ We stood by the stage and watched the show.  Afterwards we were escorted to Billy’s dressing room. Billy walked right over to Willie and said, „I always wanted to meet you, man.“

Billy’s wardrobe road case had a recently discovered picture of Robert Johnson taped to the inner part of the door. I pointed to it and said, „Robert Johnson’s fingers look webbed „Those were about the last words I was able to get into the conversation all night. Billy and Willie started their two-hour dialogue right there and then.

The three of us walked across the park from the St. Paul Civic Center and spent the night drinking at the St. Paul Hotel bar. I sat between Billy Gibbons and Willie. I didn’t say a word and tried to stay unmoving and invisible. I didn’t want to break the spell. I slowly, very slowly, drank a single gin and tonic for 2 hours while they talked about blues, Wittgenstein, Tarkovsky, Bukowski, Hendrix, Charlie Patton, Nabokov, and botany.

The bar closed about 2AM. The bar staff was standing at the bar in a perfect line, left to right, arms folded, half-smiles on their faces, elegant white shirts and black vests. They wanted to go home, but nobody wanted to be the one to ask the great Billy Gibbons to leave their establishment.

Finally the maître d’hotel came over and and said gently, „We would like to invite you to take your conversation into the lobby.“ Billy leaned back, stretched, and said, „I gotta go anyway.“ Billy and Willy continued talking all the way to the front door of the St. Paul Hotel, having a spirited discussion about Vittorio De Sic, as I recall. At the door, Billy shook Willie’s hand for a full minute and said, „It was great to finally meet you, man.“ Willie extracted his hand and we turned to go. Then Billy remembered me, looked kindly in my direction and said, „And it was good to meet you too.“

I was satisfied.

 

P.S. So far, so funny. Anyone who wants to enter the world of ZZ Top now, can not go wrong by starting with „Tres Hombres“ and „Eliminator“.

Steve Tibbetts „The Hellbound Train“ ist 2022 erschienen, eine fantastische Compilation seiner ECM-Jahre. Es war das letzte Jahr meiner 32 Jahre Klanghorizonte im Deutschlandfunk, da erzählte mir Steve Tibbetts diese Story über Manfred Eichers Begegnung mit japanischen Tonspezialisten während Keith Jarretts legendärer „Sun Bear Concerts“ …

 

 

 

„Der Platz“, „Eine Frau“, „Die Scham“. Drei schmale Bücher, die mich unerwartet berühren. Ich habe sie gelesen, um das Anliegen von T, einer Seminarteilnehmerin, besser zu verstehen. Autobiographische Bezüge literarischer Texte werden meist verwischt, um sich und andere zu schützen. Man schreibt auf das Cover „Roman“, verfremdet Handlung und Figuren, wählt einen Titel, der eine Ebene der Irritation einfügt („Lügen über meine Mutter“, „153 Formen des Nichtseins“). T geht es um das, was geschehen ist, und sie erzählt mir von Annie Ernaux, deren Bücher in der Schnittstelle von Familie und Gesellschaft, Mythos und Geschichte angesiedelt sind und die in Frankreich viel gelesen und sehr geschätzt wird. Ich las erst das Buch über den Vater („La Place“, 1984), dann das über die Mutter („La Femme“, 1987) und schließlich das Buch, in dem Annie Ernaux Schicht für Schicht die Hintergründe eines Dramas beschreibt, das sich an einem Sonntag Nachmittag im Juni 1952 ereignet hat, als die Autorin zwölf Jahre alt war: Der Vater versucht, die Mutter zu töten („La honte“, 1997). Was ist das für eine Familie? Mutter und Vater stammen aus einfachen Verhältnissen, sie leben in einem kleinen Ort zwischen Rouen und Le Havre, betreiben ein Ladengeschäft und eine Kneipe. Unterlegenheit ist das Grundgefühl. Die Tochter geht auf eine katholische Privatschule und wird Lehrerin. „Ich verspreche mir nichts von der Psychoanalyse oder der Familienpsychologie“, schreibt Annie Ernaux in „Die Scham“ und in „Eine Frau“: “Mein Vorhaben ist literarischer Art, denn es geht darum, nach einer Wahrheit (…) zu suchen. (…) Gleichzeitig will ich sozusagen unterhalb dessen bleiben, was gemeinhin als Literatur gilt.“ Ernauxs Sprache ist präzise, beschreibend und bildlich. Die wenigen Sätze, in denen Ernaux etwas wertet, Zusammenhänge herstellt oder ein Resümmee zieht, wirken umso stärker. Beim Lesen schärft sich das Gespür dafür, Teil von etwas zu sein, das wir uns nicht ausgesucht haben, dem wir aber entkommen können, indem wir uns schreibend damit auseinandersetzen.

 

2022 4 Okt.

Pierre Boulez Saal

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments

Berlin Zentrum, Französische Strasse 33: wer würde vermuten, dass der alte viereckige Klotzbau (das ehemalige Magazin der Staatsoper Unter den Linden) eine aussergewöhnliche, einmalige ovale Konzertstätte birgt, die nach dem Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez (1925-2016) benannt ist. 2017 mit einem Konzert unter Leitung von Daniel Barenboim eingeweiht, eröffnet sie mit ihrem freischwebenden arenaartigem Raum ungeahnte Möglichkeiten raumerfüllenden Spielens und damit eng verbundenen Zuhörens in flexiblen Größenordnungen.

 

„One day, after we gave it to him, he sat in front of the model and just stared into it for hours“, Frank Gehry recalls Pierre Boulez’s reaction to his first impression of the hall that was to bear his name. Boulez’s enthusiasm was fuel led by the seemingly endless possibilities offered by this flexible space. Thanks to its unique architectural shape, the seating and stage areas can be set up in many different configurations. The idea of a „Salle modulable“,” or modular hall, distinguishes the Pierre Boulez Saal from other venues and gives it a special place within Berlin’s musical landscape.

 

Dieser aussergewöhnliche Konzertraum entstand im Zusammenspiel von Barenboim mit dem Architekten Frank Gehry und dem Akustiker Yasuhisa Toyota (verantwortlich auch für die Akustikeinrichtung der Hamburger Elbphilharmonie). Das klotzige historische Gebäude beherbergt nun in seinem umgemodelten Inneren diesen einmaligen Konzertraum und die Daniel-Barenboim-Edward-Saïd Akademie mit zugehörigem allseits bekannten West-Eastern Divan Orchester. In Materie, Gestalt und Geist ist die Stätte darauf ausgerichtet mannigfache musikalische Welten zu umfassen und zu erfassen: vertikal unterschiedliche historische Stadien der Musikentwicklung wie horizontal polykulturelle Felder in genreübergreifenden Aktivitäten. Seit 2016/2017 wird dieser Raum inspiriert durch die künstlerisch-menschlichen Ideale von Boulez in 150 Veranstaltungen pro Jahr mit ent-sprechendem Leben und Inhalt gefüllt. Dies materialisiert sich auch auf dem Gebiet von zeitgenössischer Improvisation und Jazz, das seit 2017 von Piotr Turkiewicz kuratiert wird.

 

Die letzten beiden Konzerte in dieser Reihe im Juni dieses Jahres, “Hand To Earth” und “Bungul” waren eine besonders gelungene Fügung einer aussergewöhnlichen musikalischen Welt mit dem ovalen Raum und seinen beiden scheinbar schwebenden Ellipsen. Die musikalische Spielfläche ist gänzlich umrandet von den sechs aufsteigenden Sitzreihen und damit nach allen Seiten offen (statt frontal wie in vielen Konzerthäusern). Im Falle dieses Konzerts waren auch die fünf bzw. sieben Musiker des Australian Art Orchestra mehr oder weniger elliptisch in der Spielfläche  verteilt:

 

 

Mit der vogelgleich in der Ellipsenbahn sich bewegenden koreanischen Vokalistin Sunny Kim und der magischen Präsenz des Aboriginal Vokalisten Daniel Wilfred konnte man sich schnell in einem erfüllten und atmenden rituellen Raum fühlen und diesen, geführt durch die erzählenden Gesangslinien und umhüllt durch die sphärischen Klänge wie knispernden Geräusche, durch- kreuzen. Kurzum, es war der Raum, der klang, und alle Beteiligten in der Vibration miteinander verband und bewegte. Das reiche Zusammenspiel der sieben Musiker folgte keinem üblichen Kalkül. Es erwuchs in den gegenseitigen Erweiterungen aus einer sich auftuenden Erdenkraft und verstärkte sich sanft und stetig im allseitigen durchdringenden und erfüllenden Miteinander. 

 

 

Im Monat zuvor beflügelte der Gitarrist Jakob Bro zusammen mit Cellistin Anja Lechner, Perkussionistin Marilyn Mazur und dem Trompeter Nils Petter Molvær die Möglichkeiten dieses musikalischen Raumes, um sich darüber in ein offenes Duo mit der japanischen Perkussionsmeisterin Midori Takada zu begeben. Solche Traumbegegnungen sind ein Kennzeichen dieser Reihe, die in hochkarätige Begegnungen solch bis dato nicht existierende Konfigurationen einbringt (alles im Audio Livestream gegen Gebühr (nach)zu hören). Die September-Begegnungen um den US-Amerikanischen Trompeter und Santurspieler Amir ElSaffar mussten krankheitsbedingt verschoben werden und jetzt schauen wir voraus auf Ende Oktober, wenn der höchst umtriebige Tausendsassa Alexander Hawkins (aus Oxford) seine Partner in Crime empfängt: zuerst im Duo die Vokalistin Sofia Jernberg, um dann in die Begegnung mit Flötistin Nicole Mitchell, der Cellistin Tomeka Reid, Schlagzeuger Gerry Hemingway und Turntablist/Elektroniker Matthew White einzusteigen. Das Ganze ist gleichzeitig als Auftakt Teil des Jazzfestes Berlin 2022. Das Duo Musho mit Jernberg leitet mit seiner Verarbeitung und Verwandlung äthiopischer, armenischer und schwedischer Folk Music auf einen Schwerpunkt der diesjährigen Festivalausgabe hin (Digital Guide Jazzfest Berlin 2022: Folktraditionen und Kulturtransfer in Jazz und Improvisierter Musik – ein dynamischer Prozess fortwährender Wechselwirkungen).

 

2023 wird die beschriebene Fährte im Pierre Boulez Saal vielversprechend weiter verfolgt: im Februar einmal mit einer Konfiguration um den Cellisten Vincent Courtois und dann mit einer höchstspannenden Begegnung der in Europa höchst selten zu sehenden Kotospielerin Mishiyo Yagi mit drei für Manafonistas bekannten Punktisten in Person von Jan Bang, Eivind Aarset und Dai Fujikura. 

 

 

Die Musiker, die in der Reihe auftauchen, haben sich in anderen Konfigurationen oft bereits auf dem Breslauer Jazztopad Festival, das von Piotr Turkiewicz geleitet wird, manifestiert – und zwar eindrucksvoll kann ich dazu aus jahrelanger eigener Anschauung unumwunden bemerken. Zu sehr haften der Duo-Auftritt von Alexander Hawkins mit Esperanza Spaulding und vor allem die Konzerte mit Mishiyo Yagi noch in meiner Erinnerung. Im Programm des Pierre Boulez Saal verbindet sich das Erprobte des einstmals Risikoreichen mit dem erneut blühend Expandierenden.

 

©FoBo_  Sunny Kim, Daniel Wilfred; live drawing (Wroclaw 11/2017) 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz