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2022 4 Okt

Annie Ernaux: Ethnologin – nicht nur – ihrer selbst

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | 11 Comments

 

„Der Platz“, „Eine Frau“, „Die Scham“. Drei schmale Bücher, die mich unerwartet berühren. Ich habe sie gelesen, um das Anliegen von T, einer Seminarteilnehmerin, besser zu verstehen. Autobiographische Bezüge literarischer Texte werden meist verwischt, um sich und andere zu schützen. Man schreibt auf das Cover „Roman“, verfremdet Handlung und Figuren, wählt einen Titel, der eine Ebene der Irritation einfügt („Lügen über meine Mutter“, „153 Formen des Nichtseins“). T geht es um das, was geschehen ist, und sie erzählt mir von Annie Ernaux, deren Bücher in der Schnittstelle von Familie und Gesellschaft, Mythos und Geschichte angesiedelt sind und die in Frankreich viel gelesen und sehr geschätzt wird. Ich las erst das Buch über den Vater („La Place“, 1984), dann das über die Mutter („La Femme“, 1987) und schließlich das Buch, in dem Annie Ernaux Schicht für Schicht die Hintergründe eines Dramas beschreibt, das sich an einem Sonntag Nachmittag im Juni 1952 ereignet hat, als die Autorin zwölf Jahre alt war: Der Vater versucht, die Mutter zu töten („La honte“, 1997). Was ist das für eine Familie? Mutter und Vater stammen aus einfachen Verhältnissen, sie leben in einem kleinen Ort zwischen Rouen und Le Havre, betreiben ein Ladengeschäft und eine Kneipe. Unterlegenheit ist das Grundgefühl. Die Tochter geht auf eine katholische Privatschule und wird Lehrerin. „Ich verspreche mir nichts von der Psychoanalyse oder der Familienpsychologie“, schreibt Annie Ernaux in „Die Scham“ und in „Eine Frau“: “Mein Vorhaben ist literarischer Art, denn es geht darum, nach einer Wahrheit (…) zu suchen. (…) Gleichzeitig will ich sozusagen unterhalb dessen bleiben, was gemeinhin als Literatur gilt.“ Ernauxs Sprache ist präzise, beschreibend und bildlich. Die wenigen Sätze, in denen Ernaux etwas wertet, Zusammenhänge herstellt oder ein Resümmee zieht, wirken umso stärker. Beim Lesen schärft sich das Gespür dafür, Teil von etwas zu sein, das wir uns nicht ausgesucht haben, dem wir aber entkommen können, indem wir uns schreibend damit auseinandersetzen.

 

This entry was posted on Dienstag, 4. Oktober 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

11 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Zuweilen kann Psychotherapie sehr hilfreich sein, zum Beispiel Traumatherapie, wenn man so was erlebt wie hier: brutale Gewalt zwischen Elternteilen.

    Was ich von dir über diese Bücher erfahre, scheint auf die Art von Geschichten zu verweisen, die ich eher nocht lesen möchte. Weil sie evtl. eine subdepressive und fatalistische Atmospäre verströmen a la:

    „Beim Lesen schärft sich das Gespür dafür, Teil von etwas zu sein, was wir uns nicht ausgesucht haben und dem wir nicht entkommen können.“ Ähem, die Art von Subtext brauche ich nicht…

    Dabei geht es in dieser Wahrnehmung überhaupt nicht um die künstlerische Qualität. Ich würde auch niemals eine ganze Cd mit Gesängen von Dietrich Fischer Diskau ertragen, und ich werde wohl nie erleben, dass Jo einmal Music for Airports „flowiflowi“ hört…

  2. Martina Weber:

    War mir klar, dass es nicht your cup of thrills ist ;) Schreiben ist für Annie Ernaux die Therapie, die sie weiterbringt. Deshalb habe ich meinen Schlusssatz auch geändert. Ich habe beim Lesen immer wieder über vieles nachgedacht, was außerhalb der aktiven Erinnerungsregionen des Gehirns abgelegt war.

  3. Michael Engelbrecht:

    Ja, so ist das, von Fall zu Fall ein anderes Erleben, Wahrnehmen.

    Es geht ja nicht darum, ob etwas grosse Kunst ist oder nicht, sondern was sich bei einem öffnet.

    Ob es den eigenen Parallel-Blues ein wenig aushaltbarer macht, oder Fesseln sprengt, ist dann wieder ein anderes Kapitel. Symptomatische Linderung vs. Verwandlung. Situative Stabilisierung einer sensiblen Zone vs. Öffnen einer anderen Empfindungsart (Versöhnung, Abschluss etc.) . So oder so zwei Arten erfüllter Zeit, mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen.

  4. Martina Weber:

    Annie Ernaux hat ihre Fesseln durch ihr Schreiben gesprengt.

  5. Olaf Westfeld:

    Ich habe ein Buch von Annie Ernaux gern gelesen, „Erinnerung eines Mädchens“, ist vielleicht zwei, drei Jahre her. Sehr starke Erzählung, fast schon wahrnehmungsverändernd, sehr krass auch.
    Ich lese diese autofiktionalen Bücher ganz gerne. Bei den ersten beiden Knausgard Bänden hatte ich das unheimliche Gefühl, meine eigenen Tagebücher zu lesen. Danach wurde mir das ganze Projekt etwas zu lang. Gerade lese ich Yoga von Emmanuel Carrère, das fährt auch reichlich autobiographische Bezüge auf. Ich finde das ganz lesenswert, auch wenn nicht so ein richtiger Sog entsteht.

  6. Martina Weber:

    Gerade wurde bekannt gegeben, dass Annie Ernaux den Literaturnobelpreis erhält.

    „Erinnerungen eines Mädchens“ – schaue ich mal rein. Habe mir auch das Yogabuch von Carrère in der UB bestellt. Ich habe früher gern Biographien gelesen, inzwischen aber nicht mehr so. Wenn deine Tagebücher wie die von Knausgard sind, solltest du sie vielleicht veröffentlichen und Preise dafür bekommen ;)

  7. Michael Engelbrecht:

    Schöne Diskussion.
    Vorstellung von Nobelpreisträgerinnen hat ja hier Tradition😂

  8. Olaf Westfeld:

    Erinnerung eines Mädchens gibt es auch als Hörspiel: https://www.swr.de/swr2/hoerspiel/annie-ernaux-erinnerung-eines-maedchens-100.html
    Ich habe das gerade durch Zufall entdeckt, ich dachte es sei verfilmt worden, dabei handelt es sich aber um ein anderes Buch: „Das Ereignis“.
    Seltsamer Zufall, dass ich heute morgen das Buch in die Hand nahm, weil ich mich nicht an den Titel erinnerte, und mittags dann von dem Nobelpreis las.
    Dadurch, dass Knausgard nur wenig älter als ich ist, besteht ein ähnlicher Erfahrungshorizont. Der Effekt, den er beim Schreiben erzielt, dass viele (es geht glaube ich nicht nur mir so) sich da ertappt fühlen… das meinte ich.
    Hab heute in der Bahn noch einmal durch das Yogabuch geblättert und bin darin noch einmal auf ein schönes Zitat von Glenn Gould gestoßen: „Das Ziel der Kunst ist nicht, kurzfristig einen Adrenalinschub auszulösen, sondern geduldig ein Leben lang auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens hinzuwirken.“ Zwar finde ich Adrenalinschübe auch super, aber gestaunt wird ja viel zu wenig.

  9. Martina Weber:

    Ich habe ca. ein Drittel der „Erinnerung eines Mädchens“ gelesen. Wahrnehmungsverändernd ist es wahrscheinlich allenfalls für Männer oder für Mädchen, die noch gar nichts Intimes mit Jungen zu tun hatten. Die Erfahrung, die Annie Ernaux schildert, gehört in der einen oder anderen Form, krasser oder weniger krass, schätzungsweise zum Erlebsnisrepertoire der meisten Frauen. Deshalb ist das Buch für mich bisher nicht so aufregend. Gespannt bin ich darauf, wie sie das Mädchen dekonstruiert, das sie gewesen ist. Ich kann mir die Richtung, in die es geht, denken.

    Wenn ich das Buch gelesen habe, klicke ich mich in das Hörspiel ein. Schön, dass du es gefunden und den Link geteilt hast!

    Ich wohne ziemlich nah an der Unibibliothek, die gut bestückt ist, und genieße es, ganz unverbindlich ausleihen zu können. Das „Yogabuch“ habe ich auch schon abgeholt. Meine eigenen Bücher sind voller Anstreichungen von Passagen, die ich gut finde.

    Von Knausgard habe ich vor ein paar Jahren ein paar Texte aus seinem Essayband „Das Amerika der Seele“ gelesen. Ich fand seine Fähigkeit, ein kleines Erlebnis in einen langen Text zu verwandeln, bemerkenswert. So ist das eben mit den Tagebüchern.

  10. Olaf Westfeld:

    Ja genau – so erinnere ich es – ich habe diese Erfahrungen in dem Buch von Ernaux nach-erleben können (und wurde nicht nur darüber informiert), deswegen war es für mich aufregend.

  11. Martina Weber:

    Sehr stark ist der letzte Absatz von Annie Ernauxs „Erinnerungen eines Mädchens“. Er beginnt so: „Schon verblasst die Erinnerung an das, was ich geschrieben habe. Ich weiß nicht, was dieser Text ist. Selbst das, was ich mit dem Schreiben des Buches bezweckte, hat sich aufgelöst.“

    T sagte in ihrem Referat über Annie Ernaux, als ich Ernaux Satz „Ich halte nichts von der Psychoanalyse“ zitierte, in Frankreich hätte die Psychoanalyse eine andere Bedeutung als in Deutschland.

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