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Archives: Samstag, 22. Oktober 2022

2022 22 Okt.

Sublime Sehnsucht

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„Die Kamera ist ein Medium, das etwas zum Vorschein bringt, was sich dem bloßen Auge entzieht, nämlich das Optisch-Unbewusste.“

Byung-Chul Han, Im Schwarm – Ansichten des Digitalen

 

Es gab eine Zeit, da habe ich kaum fotografiert, tat mich immer schwer damit. Es war ja auch umständlich, weil man den Film damals in der vor-digitalen Epoche noch für teures Geld zum Entwickeln bringen musste, falls man nicht zu den Glücklichen gehörte, die hier do-it-yourself-know-how besassen. Auf einem Sommercamp der Sufis wunderte ich mich einst wenig, dass dort bei einem Großteil der internationalen Pilgerschaft das stille Einverständnis herrschte: Fotos sind I-Pfui! Vielleicht hat das mit einer Erfahrung der Allgegenwart des Göttlichen zu tun und einem Flow, der nicht unterbrochen werden möchte. Noch heute ist mir dieser auf Ekstase ausgerichtete, lebensbejahende Lebensstil der islamischen Mystik zutiefst sympathisch, wenn er auch niemals ganz mein Ding war. Worum es mir aber eigentlich geht: zunehmend scheint unsereins einer regelrechten Fotografie-Manie verfallen zu sein, durch die Gegend wandernd stets darauf erpicht, Motive einzufangen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein mildes, harmloses Abend-Zubrot in Rentneralter-Nähe, das den Verfall der Sinne, die zunehmende Erschöpfbarkeit und den damit einhergehenden Verlust der Gegenwart durch Photo-Shopping kompensieren will. Die betörenden Klänge einer Ney-Flöte allerdings treffen zuweilen weiterhin vital ins Mark, erinnern dabei an eine sublime Sehnsucht. Zuletzt geschehen beim Schauen der wunderbaren Mini-Serie Teheran.

 

2022 22 Okt.

Sorrows Away

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In dem Jahr, als Julie Tippetts’ lang verschollenes Meisterwerk „Sunset Glow“ erschien (siehe „From The Archives“), 1975, schrieb der amerikanische Komponist Gordon Bok einen Song, „The Bay Of Fundy“, über die wilden Gezeiten  und tiefen Nebel einer geschichts- und geschichtenträchtigen Bucht. In der ausführlichen Besprechung von „Sorrows Away“ beschreibt der kundige Rezensent von „folk radio“, wie die Musiker „nach dem Refrain in einen Ambient-Breakdown stranden, bei dem die Bläsermelodie von einem minimalistischen Synthesizer, schimmernden Streichern und einem eingängigen Schlagzeug-Fill unterstützt wird“. Das Wort „Ambient-Breakdown“ hatte ich auch noch nicht gelesen. There is no replacement for listening.

 

Sie sind wieder da, die Liedergutsammlerinnen aus Northumberland. Die Geschwister Unthank wuchsen in einem Teil Schottlands auf, der stark mit der alten Folklore verbunden ist; die Zwei studierten lokale Liederbücher, historisches Liedgut – von klein auf etwa die Songs von  Graeme Miles, meist vorgetragen von der Wilson Family. Da schlug die  Zeit langsamer, aber nicht weniger gnadenlos. Eine urwüchsige Natur war des öfteren Schauplatz für Liebesgeschichten, die, wenns schlecht lief, auch in Mordgeschichten umkippen konnten.


Ganz zu Anfang nannten sie sich  „Rachel Unthank and the Winterset“, und mit „The Bairns“ nahmen sie gleich mal einen instant classic auf. Ob sie Traditionelles interpretieren, oder bei Robert Wyatt oder Emily Dickinson  fündig werden: immer bewegen sie sich durch eine eigene Sphäre: Folk in allerlei Gewändern, betörende Harmoniegesänge sowieso, auch Post-Rock und der Neoromantiker Vaughn Williams haben mal Spuren hinterlassen. „Sorrows Away“ zeichnet Vogelflüge und weite Küstenzonen nach, altes Grauen, grosse Freuden, zerschlissene und gelebte Träume. Und der Multiinstrumentalist und Arrangeur Adrian McNally verfeinert einmal mehr seine Kunst, zwischen dem Minimalen und Orchestralen zu changieren, ohne auch nur ein einziges Mal dick aufzutragen oder bewährte Muster griffig zu recyceln. Zeitgenössische Musik, die auch ohne Meerschaumpfeifen und Wollpullover im anstehenden Dunkelwinter verlässliche Begleitung sein könnte. Und hier noch ein Wort, das ich sehr oft gelesen habe in Musikkritiken, und das manchmal sogar stimmt: atemraubend! Find out for yourself.

 

2022 22 Okt.

It’s hot: GoGo Penguin

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Nein, hier handelt es sich nicht um eine Aufforderung an eine Laufvogelart klimawandelbedingt die Antarktis zu verlassen, sondern um ein Trio aus Manchester um den Pianisten Chris Illingworth, den Bassisten Nick Blacka und neuerdings den Schlagzeuger Jon Scott, die gestern im ZOOM in Frankfurt ein phantastisches Konzert gegeben haben.

 
 
 

       

 
 
 

GoGo Penguin spielen eine Mischung aus Jazz, Minimal Music, die zwischen klassischen Strukturen und elektronischen Verfremdungen, zwischen Komposition und feinst austarierten Improvisationen die Liebe der Musiker zur Rockmusik nicht verleugnet, sondern deren Intensität im gemeinsamen Spiel bis an die äußerste Grenze hin auslotet. Höchst vitale Patterns werden von Bass und Schlagzeug fast tanzbar vorangetrieben, ein hypnotischer Groove über dem ein verhallter und elektronisch verzerrter Flügel schwebt. Kleine Muster, repetitive Spielweise erzeugen einen Sog, der elektrisierend und zugleich nach innen ziehend wirkt. Eine kleine Idee gibt am ehesten das Stück Protest und der Filmmmitschnitt ihres Tiny Desk-Konzertes, die die Intensität und magische Wucht dieses Auftrittes nur vage andeuten können. Eine unkonventionelle Band von der wir hoffentlich noch viel hören werden. It’s really hot.

 
 
 

 


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