Manafonistas

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Archives: Sonntag, 24. April 2016

Dass bestimmte Rotwein-Traditionen zum Niedergang der gegenwärtigen Philosophie Frankreichs beitragen, bemerkte Brian Eno jüngst bei einer interessanten Weinverkostung. Wie weit er da auch den Existenzialismus einbezog, ist nicht bekannt, changiert doch diese radikale Denkweise mit Protaganisten wie Sartre und Camus zwischen paradoxem Humanismus und einem Lebensstil, bei dem alte Charlie-Parker-Platten und teure Pariser Cafes Ton- und Geschmacksspuren lieferten. Ein interessantes Buch zum Thema stammt von Sarah Bakewell: At The Existenzialist Cafe – Freedom, Being and Apricot Cocktails (unser Philosophiebuch des kommenden Monats). Sollten Sie in Kürze Patti Smith treffen, machen Sie ihr dies zum Geschenk – sie wird es verschlingen!

 
 
 

 
 

„This book takes us back to a time when philosophers and philosophy itself were sexy, glamorous, outrageous; when jazz was cool,  and sensuality and erudition were entwined… Bakewell shows how fascinating were some of the existentialists’ ideas and how fascinating, often frightful, were their lives. Vivid, humorous anecdotes are interwoven with a lucid and unpatronising exposition of their complex philosophy …Tender, incisive and fair.“

(Jane O’Grady Daily Telegraph)

 

Dass der Existenzialismus auch eine Wurzel hatte im Horror der Geschichte der ersten zwei Weltkriege, stellt nun tatsächlich eine Verbindung her zu dem Album The Ship von Brian Eno, und es gibt nur wenige Komponisten, denen ich zutraue, den Untergang der Titanic und die Schlachtfelder von WW1 in ein modernes Lamento zu verwandeln, ohne altbekannte Trauer- und Pathos-Gesten.

Um es kurz zu machen: „The Ship“ wird einmal zu den den grossen Werken des Engländers gezählt werden, in einem Atemzug mit „On Land“, „Another Green World“, oder „Music For Airports“. Unsere „Platte des Monats“, und bei einigen Manafonisten bestimmt auch eine „Platte des Jahres“. Das Album erscheint in diversen Formaten am kommenden Freitag. 

Ein sicherer Kandidat für den kommenden „Thrill Mana Factory Prize“ ist Lou Berneys The Long And Faraway Gone, der von einem anderen Winkel und Genre her unsere flüchtige Existenz mit ihren unberechenbaren Verlustmeldungen beleuchtet. Ich würde diesem Buch im Mai den „Edgar Award“ zusprechen, aber das Buch wird auch so seine Wege gehen – genauso wie The Passenger von Lisa Lutz.

Die amerikanische Autorin folgt einer so gebrochenen wie mit Überlebensinstinkt ausgestatteten Protangonistin quer durch die USA – ständig wechselt diese Figur Namen und Identität, wird sich selbst zunehmend zur Fremden – und doch von der lange rätselhaft bleibenden Vergangenheit eingeholt. Stellen Sie sich vor, Albert Camus‘ „Der Fremde“ würde ins 21. Jahrhundert transportiert, und begegnet dort einer Illusion von Freiheit, und absolutem Schrecken.

Bleibt noch die Frage, welche „reissue of the month“ in diesem Reigen chronischer Flüchtigkeiten und Verluste bestehen kann, und da muss man nicht lange überlegen: im Jahre 1976 trat ein Mann in einem Jazzclub auf, der eine Musikrichtung miterschaffen hat, in der sich alles um die schemenhafte, fragile Natur der Liebe dreht: in der Musik von Joao Gilberto wird die Zeit nicht angehalten, sie verfliegt im Hauch von Stimme und Gitarre. Umso deutlicher wird das noch, wenn sich an seiner Seite das Saxofon von Stan Getz so sanft wie vehement diesem Verschwinden entgegenstemmt (s. Foto!).

Genau diese CD wird im Deutschlandfunk gespielt, in den nächsten Klanghorizonten am 18. Juni, um viertel vor sechs, im „brasilianischen Ausklang“, zusammen mit der ersten Langspielplatte von Joao Gilberto. In den wilden Zeiten, 1968, sahen Joao, Caetano und Co. hinüber nach Paris, und vielleicht bekamen sie auch mit, wie Sartre zu den Studenten sprach.

Getz/Gilberto ’76 ist kein Aufguss ihres Welterfolgalbums, es ist das bewegende Dokument eines brasilianischen Ausnahmekünslers, der sich selten aus den Zonen des Schattens heraus bewegt hat, und unentwegt an seiner „Discreet Music“ gearbeitet hat. Die Existenzialisten haben ihn in Paris auch gerne gehört.

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Across The Red Sea is the work – intentionally or otherwise – of a mystic. It’s only Bim Sherman’s 3rd or 4th LP (it depends how you count these things, and tbh I can’t be bothered with chronology anyway – it’s just as arbitrary a way of ordering things as by weight, dimensions or colour. Fuck chronology. Everyone should organise their record collections by spine colour from red to orange to yellow to green to blue to indigo to violet, then the black and white ones should be used to transmit a message, like this:

 

01101001 00100000 01101100 01101111 01110110 01100101 00100000 01110010 01100101 01100111 01100111 01100001 01100101

 

of course some spines may be multicoloured, in which case the exercise is void, taxonomy is void, the idea of genre itself a crock.)

If you live on an island, you’re aware of things that mainlanders maybe aren’t quite so aware of. Seagulls are bastards. The lunar pull is stronger when water surrounds you. And the actuating spirit works its way in from the sea: the font of all life, the place where the first strand of mitochondrial DNA – ever – came into being. Can you hear the mermaids singing?

Across The Red Sea – well, let’s not get into music critic mode here. It’s just a beautiful record, one that has fascinated me for a long, long time. The production is lush – detailed, engineered with space in all the right places like a fine Swiss cheese. The mood of the album seems to go between contemplative and quietly devotional. Some of the songs deal with heavy themes but the trick here is to survey a broken fucked up landscape/cityscape but not do an impotent protest singer routine.

Creatively, Across The Red Sea is a triumph. All killer, no filler. Irie.

Ich habe mit Gregor nie über Reggae gesprochen, und mit Schrecken stelle ich fest, dass in seinem Jukeboxlager wohl keine einzige Reggae-Single auftaucht. Oder habe ich den Song mit den „Israelites“ übersehen? Egal, vielleicht  bin ich ja der einzige Manafonist, der eine spezielle Beziehung zu dieser jamaikanischen Musikform hat – aber es wäre schön, wenn neben Ian (dem ich ja offensichtlich „Bass Culture“ weggeschnappt habe), noch  der eine oder andere eine heissgeliebte Platte aus Kingston, Jamaica, mit einer kleinen Geschichte zum Besten geben könnte.

Die „Geschichte“ kann auch erfunden sein (Psychorealismus – s.u. – ist nicht gefordert), oder eine kleine Besprechung. Nur, bei 20 Highlights, gilt es, eine Spielregel zu beachten – ein Künstler darf nur einmal auftauchen, und Bob ist nunmehr auch schon „vergeben“. Gerne würde ich Thomas Weber vom Kammerflimmer Kollektief bitten, mir seine liebste Reggaeplatte via Mail zu liefern, mit einer kleinen Story aus seinem Bewusstseinsstrom – er ist tatsächlich der einzige Reggae-Obsessive, den ich kenne.

Oder einer unserer Leser bietet in den Kommentaren hier eine Story an zu seinem Favoriten, ein Reggae-Opus, das er oder  sie  noch heute liebend gerne hören, nichts, was bloss Erinnerungsseligkeit versprüht und an das Patchouli einer verflossenen Liebe erinnert  – und ich   maile dann zurück. Ach, eine weitere Platte ist bereits vergeben, sie wird – in diesem gnadenlosen Countdown unangefochtener Meilensteine – die Nr. 3 sein: The Congos, und „Heart of The Congos“. (M.E.) 

 

Auf geht’s:

 

Die „Mutter aller Begegnungen“ führt, wie so oft, in die Adoleszenz, und in diesem Fall, nach J a m a i k a … : In Harry J´s Kingston Studio an einem heissen Nachmittag Ende September 1972 hereinzuspazieren, an dem Abend, als The Wailers “Slave Driver” aufnahmen, bedeutete gleichsam, ein neues musikalisches Universum zu betreten. Ich war noch grün hinter den Ohren, und hatte über meine erste Freundin, die 15 Jahre älter war als ich sowie Hard Core-Verfechterin von Patchouli und Haschisch, ein Flugticket bekommen, das mich nach einem langen Trip voller aufregender erster Eindrücke, in einem zerbeulten Taxi in 10, Roosevelt Avenue, Kingston, Jamaica, ablieferte.

Meine Jeans waren voller Staub, die Wasservorräte gingen zur Neige, Jane war natürlich schon vor Ort, und stellte mich dem englischen Journalisten Richard Williams vor, eine Legende schon damals (wie ich später erfuhr). Ich ahnte ja nicht, dass ich hier einem Stück Musikgeschichte beiwohnen sollte, der Produktion der Urfassung jenes Albums, das Bob Marley & The Wailers in Windeseile zu einem der ersten “Third World-Helden” der Rockhistorie machte. “Catch a Fire” wurde bald in einem Atemzug genannt mit Stevie Wonders “Talking Book” oder Marvin Gayes “What´s Going On”.

Bis dahin hatten sich die meisten meiner bewusstseinsverändernden Erfahrungen auf einem ramponierten Plattenspieler von Dual abgespielt, und meine kurzen England-Trips, auf denen ich Atomic Rooster, Fleetwood Mac und Steamhammer (letztere im Londoner Marquee Club, verraucht, laut, unfassbar) erlebte, hielten sich in Grenzen. Aber ich zehrte natürlich davon, und Jane hielt mich mit meinen 17 Lenzen für einen Teenager mit Potential.

Ganz legal war weder unsere Beziehung noch der Drogenvorrat, den sie später in einem Spezialfach durch sämtliche Flughafenkontrollen schmuggelte. Dank Bunny Livingston (der spielte Congas und Bongos bei den Wailers) wurde ich mit einer ganzen Sammlung der jamaikanischen Ganja-Kultur vertraut gemacht, und ich erlebte Songs wie “Stir It Up” durch einen fein gesponnenen Nebelschleier, an dessen Ränder die seltsamsten Farbeffekte aufblitzten. Wieso ich damals noch nicht den Entschluss fasste, Musikjournalist zu werden, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Wenn man so will, habe ich die ersten Interviews meines Lebens mit Peter Tosh und Aston Barrett gemacht, aber natürlich lief kein Bandgerät mit, und ich habe auch nicht viele Fragen gestellt, sondern bloß endlos bedeutsame Ausrufe von mir gegeben wie “fantastic!!” oder “so groovy!!”. Ich war ziemlich stoned. Später zweifelten meine Studentenkumpels in Würzburg massiv am Wahrheitsgehalt dieser Geschichte (“wann kommt Jane denn Tarzan besuchen” war einer der Sprüche, die mir um die Ohren flogen).

Egal. Ich habe ja manchmal selber meine Zweifel, wenn ich die Musik auflege: Island Records brachte “Catch A Fire” 2002 in einer Deluxe-Edition raus, mit der lang vergriffenen Urfassung und der in den frühen 70ern in England erschienenen Ausgabe für den internationalen Markt. Ich habe mich nie an diesem Album sattgehört. Wenn Bob Marley wie in einem Mantra “400 Years, 400 Years …“ singt, verschwinde ich mitunter in der kleinen heruntergekommenen Küche in Harry J´s Kingston Studio, in dem Jane ein paar Spiegeleier brät und die Gänsehaut einfach nicht verschwinden will.

2016 24 Apr.

From The Boston Globe (remixed)

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„Dear Michael, I’m telling you nothing new under the sun. Or do I? Simply stated, THE SHIP is the experimental-listening event of the year: an album that demands you clear your schedule, turn off your phone, and devote your attention to the sounds coming out of your speakers. In the nearly five decades since he infiltrated the music scene with Roxy Music, Eno has continually pushed the envelope: twisting glam into bizarre new shapes on his classic ’70s LPs, bringing high-concept minimalism to new audiences with his Ambient series, producing some of the most beloved rock records of all time with David Bowie, Laurie Anderson and Talking Heads. “The Ship” continues that arc, melding avant-electronic mastery with cosmic meditations and combining sonic and literary narratives to create a unique, entrancing emotional universe. By the time the album reaches its coda – a gorgeous and unexpected cover of the Velvet Underground’s “I’m Set Free” – Eno has proved his legacy is neither static nor overstated. Rather “The Ship” proves that one of music’s most creative forces is only now reaching the zenith of his artistry.“

 

„Dear Sean Maloney, how’s the weather in Boston. You’re right in nearly every way. To make it even  more right, I changed two or three words. And I wouldn’t say that he’s „only now reaching the zenith“. To stay with the old saying, he’s painted his masterpiece more than once. Best, Michael!

 


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