Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Dass bestimmte Rotwein-Traditionen zum Niedergang der gegenwärtigen Philosophie Frankreichs beitragen, bemerkte Brian Eno jüngst bei einer interessanten Weinverkostung. Wie weit er da auch den Existenzialismus einbezog, ist nicht bekannt, changiert doch diese radikale Denkweise mit Protaganisten wie Sartre und Camus zwischen paradoxem Humanismus und einem Lebensstil, bei dem alte Charlie-Parker-Platten und teure Pariser Cafes Ton- und Geschmacksspuren lieferten. Ein interessantes Buch zum Thema stammt von Sarah Bakewell: At The Existenzialist Cafe – Freedom, Being and Apricot Cocktails (unser Philosophiebuch des kommenden Monats). Sollten Sie in Kürze Patti Smith treffen, machen Sie ihr dies zum Geschenk – sie wird es verschlingen!

 
 
 

 
 

„This book takes us back to a time when philosophers and philosophy itself were sexy, glamorous, outrageous; when jazz was cool,  and sensuality and erudition were entwined… Bakewell shows how fascinating were some of the existentialists’ ideas and how fascinating, often frightful, were their lives. Vivid, humorous anecdotes are interwoven with a lucid and unpatronising exposition of their complex philosophy …Tender, incisive and fair.“

(Jane O’Grady Daily Telegraph)

 

Dass der Existenzialismus auch eine Wurzel hatte im Horror der Geschichte der ersten zwei Weltkriege, stellt nun tatsächlich eine Verbindung her zu dem Album The Ship von Brian Eno, und es gibt nur wenige Komponisten, denen ich zutraue, den Untergang der Titanic und die Schlachtfelder von WW1 in ein modernes Lamento zu verwandeln, ohne altbekannte Trauer- und Pathos-Gesten.

Um es kurz zu machen: „The Ship“ wird einmal zu den den grossen Werken des Engländers gezählt werden, in einem Atemzug mit „On Land“, „Another Green World“, oder „Music For Airports“. Unsere „Platte des Monats“, und bei einigen Manafonisten bestimmt auch eine „Platte des Jahres“. Das Album erscheint in diversen Formaten am kommenden Freitag. 

Ein sicherer Kandidat für den kommenden „Thrill Mana Factory Prize“ ist Lou Berneys The Long And Faraway Gone, der von einem anderen Winkel und Genre her unsere flüchtige Existenz mit ihren unberechenbaren Verlustmeldungen beleuchtet. Ich würde diesem Buch im Mai den „Edgar Award“ zusprechen, aber das Buch wird auch so seine Wege gehen – genauso wie The Passenger von Lisa Lutz.

Die amerikanische Autorin folgt einer so gebrochenen wie mit Überlebensinstinkt ausgestatteten Protangonistin quer durch die USA – ständig wechselt diese Figur Namen und Identität, wird sich selbst zunehmend zur Fremden – und doch von der lange rätselhaft bleibenden Vergangenheit eingeholt. Stellen Sie sich vor, Albert Camus‘ „Der Fremde“ würde ins 21. Jahrhundert transportiert, und begegnet dort einer Illusion von Freiheit, und absolutem Schrecken.

Bleibt noch die Frage, welche „reissue of the month“ in diesem Reigen chronischer Flüchtigkeiten und Verluste bestehen kann, und da muss man nicht lange überlegen: im Jahre 1976 trat ein Mann in einem Jazzclub auf, der eine Musikrichtung miterschaffen hat, in der sich alles um die schemenhafte, fragile Natur der Liebe dreht: in der Musik von Joao Gilberto wird die Zeit nicht angehalten, sie verfliegt im Hauch von Stimme und Gitarre. Umso deutlicher wird das noch, wenn sich an seiner Seite das Saxofon von Stan Getz so sanft wie vehement diesem Verschwinden entgegenstemmt (s. Foto!).

Genau diese CD wird im Deutschlandfunk gespielt, in den nächsten Klanghorizonten am 18. Juni, um viertel vor sechs, im „brasilianischen Ausklang“, zusammen mit der ersten Langspielplatte von Joao Gilberto. In den wilden Zeiten, 1968, sahen Joao, Caetano und Co. hinüber nach Paris, und vielleicht bekamen sie auch mit, wie Sartre zu den Studenten sprach.

Getz/Gilberto ’76 ist kein Aufguss ihres Welterfolgalbums, es ist das bewegende Dokument eines brasilianischen Ausnahmekünslers, der sich selten aus den Zonen des Schattens heraus bewegt hat, und unentwegt an seiner „Discreet Music“ gearbeitet hat. Die Existenzialisten haben ihn in Paris auch gerne gehört.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 24. April 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Unser „Thriller des Monats April“:

    Lou Berney – The Long And Faraway Gone.
     
    Die Schuldgefühle von Überlebenden: ein uraltes Thema. Der amerikanische Schriftsteller erzählt von zwei Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem Trauma des Übriggebliebenseins umgehen: Verdrängung, und obsessive Wahrheitssuche.

    Der eine stolpert zunehmend über die Rückkehr des Verdrängten, die andere, fällt, ein Element jeder Obsession, auf Phantasiegespinste herein, zieht ihre „fixen Ideen“ allem Loslassen vor. Die Geschichte ist, wie man meinem Interview mit Lou Berney auf diesem Blog entnehmen kann, u.a. inspiriert von zwei Verbrechen in Oklahoma City, in den Achtziger Jahren.

    Lou Berneys Werk ist wohl einer der zwanzig besten Thriller/Krimnalromane, die ich je gelesen habe. Fortlaufend unterläuft Berney stereotype Handlungsmuster, naheliegende Erwartungen des Lesers, und all die Klischees konventioneller Thrillerliteratur.

    Der Roman ist so flüssig erzählt, dass einem nur im nachhinein aufgeht, wie kunstvoll er komponiert ist. Es ist auch nicht alltäglich, dass ein Roman gleich vier (!) Showdowns der besonderen Art bereithält, und an auf den letzten fünfzig Seiten von einer Atemlosigkeit in die nächste gerät. Das Problem ist, er ist auch vor diesem Finale kaum aus der Hand zu legen.

    Es gibt nicht viele Autoren (Elmore Leonard ist ein Meister darin gewesen), die es verstehen, mal trockenen, mal rabenschwarzen Humor und Caravaggio-Noir so zu verbinden, dass es nicht hanebüchen und manieriert wirkt. Lou Berney gelingt das geradezu schwebend.

    Es gibt Szenen des Grauens, die, von der Atmosphäre her, an Cornell Woolrich erinnern, und einen trockenen Humor (gekoppelt mit Dialogschärfe), welche an Raylon Givens denken lassen, an die sechs Staffeln der unglaublich guten TV-Serie „Justified“.

    Das ist keine Mainstream-Kost, Zeitgenossen, die Kriminalromane per se für zweitrangig halten, sollte man nicht zu ernst nehmen, das machen die schon selber.

  2. Lajla Nizinski:

    Das sind interessante Buchvorschläge. Das Buch von der Bakewell würde ich gern ungelesen auf das Grab von Susan Sonntag legen. Auch Joni Mitchell sollte es bekommen.

    Wie Lou Berney den kriminellen, großen Meister Caravaggio einarbeitet, darauf bin ich gespannt. Noch lese ich gern „Frohburg“ von G. Vesper. Danach kommen certainly die beiden hier empfohlenen.

  3. Michael Engelbrecht:

    „Throughout the second half of the 20th century, existentialism offered people reasons to reject convention and change their lives, Bakewell tells us. (David Bowie, by the way, once remarked: “My work is more existential than nihilist. I’ve always felt comfortable with writers like Camus.”) So much so that idea of individual freedom of choice hardly seems radical to us anymore, and we might think we no longer have much to learn from the existentialists.

    But Bakewell believes their ideas are still highly relevant. “In some ways, we have far more freedom than ever before. But we’re also quite confused about it. One of the big debates of our time is how we can reconcile the need for freedom in society with the need for security. Another is the question of the freedom of speech and the right to offend. To what extent should we defend freedom of opinion? We are still debating the philosophical concept of freedom, just as the existentialists did.”

    Existentialist ideas, says Bakewell, are also pertinent in the context of our hyper-connected, technological world. “One of the key existentialist concepts is the question of what it is to be an authentic human being. And that is fascinating today, when so many of us project different identities online and via social media.”

    In the post-war atomic age, Heidegger was, Bakewell believes, the first major philosopher to see our relationship with technology as fundamental. She says: “He saw it as a question about what it is to be a human being, rather than just a practical issue. Which I think is very relevant to us now that technology is inextricable from the way we conduct our lives, the way we feel about things, the way we have relationships with others, the way in which we experience the world.”

    – From: The Bookseller Magazine, January 2016


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