Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Dienstag, 19. Juni 2012

 

 
 
 
The fifth LP from this Mancunian downbeat electronica outfit sees the addition of a third member – keyboard player Duncan Meadows – and a further refinement of the band’s ethereal, understated sound. Melodic, overlapping drones phase in and out over glossy, gentle chords and pulsing bass; tracks like Alone Together, with its barely-there tremulous guitars hanging over whispering synths, evoke the restrained, cinematic beauty of Labradford or Pan American.

If Marconi Union don’t always attain the intensity or otherworldly allure of those forebears, that reflects a certain evenness of tone: Different Colours is an irresistibly warm and seamless journey through post-rock and electronica’s dreamy hinterlands, but it would be interesting to juxtapose its bright textures with more melancholy shadows. Yet the sound always errs on the right side of restraint: there are no grandiose, emotive chord progressions or crescendos here, and as a consequence, the LP successfully maintains a kind of humming, quiet intensity. (Sam Wiseman, The Skinny)

Zwei Frauen musizieren an seltsamen Orten. Sie eröffnen eine Stunde mit Musik, die sich fernab vertrauter Koordinaten bewegt. Der Preis dafür: der Underground.

Hier Details zu Parallel 41:
CD+DVD Baskaru karu:21
Release date: July 2012
www.baskaru.com

New York and Naples on the same wavelength

The 41st parallel runs an imaginary course from New York to Naples, Italy, where reside JULIA KENT and BARBARA DE DOMINICIS, respectively. Therefore, you could say they are both on the same geographical wavelength. However, they also share the same musical wavelength, as they are both quite fond of delicate ambiances, loops, and spontaneity.

Cellist Julia Kent weaves dense sonic fabrics using real-time looping techniques she truly masters. Poet/singer/electronic artist Barbara De Dominicis likes to integrate live-treated field recordings to her inspired vocal improvisations.

To these two ingredients – Kent and De Dominicis – we must add a third one: the locations. The tracks on this debut album were improvised and recorded in 2009-2010, mainly in Italy, in unusual locations with promising acoustics: a fortress, an abandoned tunnel, a wool factory, a farmhouse. The artists inhabited these places for a while, and in turn these places inhabit the music, through microphone and hydrophone recordings of their surrounding area. Each piece has its own unique character.

To the main CD (8 tracks + 1 bonus track, total duration: 44 minutes), the Baskaru label is adding a DVD featuring DAVIDE LONARDI’s documentary film Faraway Close (35 minutes). The filmmaker followed the duo on their journey. His film includes bits from interviews and performances, panoramic views, and archive documents.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Roman- und Musikrezensionen? Ganz einfach, in der Besprechung einer CD kann einem nichts verraten werden, was die sich daran anschließende, mögliche Freude trübt. Aber von der Handlung eines Romanes kann einem zu viel enthüllt werden, es sei denn, es gibt kaum Handlung, oder der Buchautor verweist auf die Bedeutungslosigkeit der Story im Verhältnis zum Stil und Sound des Buches. Letzteres können allerdings nicht viele Schreiber, manche täuschen mit postmodern verlinkten Alibis über ihre Geschichtenarmut hinweg, wogegen ein Miguel De Cervantes es sich leisten konnte, die Überschriften der Kapitel seines Don Quichote mit pointierten Inhaltsangaben zu versehen.

Daraus ergeben sich Konsequenzen: so überfliege ich bloss bei Romanrezensionen, etwa auf der Webseite der KrimiCouch-Leute, die langen und leidenschaftlichen Besprechungen – und filtere aus dem Erhaschen fragmentarischer Sätze, ob das jeweilige Buch für mich in Frage kommt. Bei Musikrezensionen (besonders bei Platten, auf die ich heiß bin, und die noch nicht erschienen sind), verschlinge ich jedes Wort, und höre nur auf, wenn ich merke, dass der Autor Unsinn erzählt, und etwa der letzten, volldoofen Coldplay-CD vier Sterne vergibt.

Hier nun möchte ich Ihre Neugier lenken auf zwei Produktionen von Sängerinnen, die im August erscheinen werden. Die eine CD stammt von Cat Power (mit bürgerlichem Namen Chan Marshall). Viele haben gewiss Ihr letztes Studioalbum von 2006 in guter Erinnerung, THE GREATEST. Das Album wird SUN heißen, und es ist eine Überraschung, dass sie alle Stücke komplett selbst eingespielt hat. Ein wahres Soloalbum also.

Anders verhält es sich bei der neuen Arbeit von Greta Aagre und Erik Honore. In diesem Songreigen, mit dem Titel YEAR OF THE BULLET, bewegt sich die Stimme der Norwegerin durch Landschaften, die von Jan Bang, Arve Henriksen und anderen gestaltet werden. Zu letzterem Album schrieb mir Erik Honore u.a.:

I’ve been working on an album with Greta for a while, but it took some helpful input from David Sylvian for us to finish it. He liked the material, but more importantly: he is very good at pinpointing both strengths and weaknesses in a constructive way and suggesting improvements.

So now it’s finished, and it will be released by Jazzland in August.

My question is: Would you have the time to listen to it? Since it is „self produced“ I’ve had good experiences of getting outside perspectives on it, and though it is now finished it’s still time for minor changes if needed.

This depends entirely on whether you can relate to the music or not, of course. So please be totally honest about that – I’ve no problem with criticism, or that it’s just not your cup of tea, or if it feels „too close“ to comment on.

Nun, ich konnte allerdings in Beziehung treten zu diesem Album, und deshalb vertraue ich auf Ihr Langzeitgedächtnis: YEAR OF THE BULLET wird für etliche Hörer eine Entdeckung sein im Spätsommer. Ich verspreche nicht zuviel. Und das eine Lied, das ich von Cat Powers neuem Werk hören konnte, macht auch neugierig: durchbricht da jemand die Komfortzone der eigenen Melancholie?

Die weltweit erste Besprechung der CD von Greta Aagre und Erik Honore wird es evtl. bei den Manafonistas geben. Und hier der Text eines der neuen Lieder von Cat Power, Ruin, den man sich auch im Netz anhören kann. Mehr als jedem fremdgeschriebenen Wort sollte man den eigenen Ohren trauen.

I’ve seen gypsies who made it all the way
And kept going, kept rolling with nowhere to go
Nowhere to go.

As far as I’ve seen from the bush
The wilderness, to every known city
I’ve been to Saudi Arabia, dug up Calcutta
So where to? Mozambique, Istanbul, Rio, Rome
Argentina, Chile, Mexico, Taiwan, Great Britain
Belfast, to the desert, Spain,
Some little bitty island in the middle of the Pacific
All the way back home, into my town
Into my town
Bitching, complaining from some ṗeople who ain’t got shit to eat
Bitching, moment, so many people you know they got

What are we doing?
We’re sitting on a ruin
What are we doing?
We’re sitting on a ruin

 
1

Gestern war mein Schwebetag. Seit ich die Klanghorizonte im Deutschlandfunk mache, alle 14 Tage nachts um 1.05 Uhr, gibt es diese Körpererfahrung. Ich gehe und liege wie auf Wolken. Mein Biorhyhtmus sorgt nämlich dafür, mich gnadenlos zwischen 7.30 und 8.30 Uhr aus den Träumen zu reißen, und das bei einer Einschlafzeit, die ungefähr bei 3.50 Uhr liegen dürfte, im Schnitt. Auf der gut einstündigen Autobahnfahrt zwischen Sendestudio und Schlafzimmer gilt es nur selten massiv aufkommende Müdigkeit zu bekämpfen, schließlich sind alle Sinne wohlauf und geschärft, spiele ich doch nur Musik, die mir selbst die beste Seelennahrung ist, slow soul food sozusagen. Und nun lag ich zur Mittagszeit also auf einer Wolke. Eine Valium-Zone ohne Valium. Ein verlockendes Angebot der Körperchemie, alle 14 Tage frei verfügbar. Die Musik, die ich auflegte zum freischwebenden Dösen, war Enos Music For Films. Wieso werde ich diese Musik nie leid, wieso stellt sich nie die Spur einer Sättigung ein?

2

In dem Sommer (oder war es schon Herbst), in dem diese Langspielplatte erschien, lebte ich in einer leergeräumten Wohnung, in der die Schatten einer alten Liebe noch an der Wand tanzten. Allmonatlich kaufte ich die „Sounds“, die beste Musikzeitschrift, die es je gab in der alten Bundesrepublik. Ich stöberte durch die jüngste Ausgabe, als mein Blick auf eine kleine Werbung der Firma Polydor fiel: „Der Mann im Hintergrund“, war da zu lesen, so flüstert es mir meine Erinnerung ein, ein monochromes graues Cover war abgebildet, und das Erscheinen von Music for Films wurde mit kalkuliertem Understatement verkündet. Sofort bestellte ich die Platte bei einem meiner zwei Dealer, in Unterlüss. Der andere Postversand war Jazz by Post in der Gleichmannstrasse 10 in Pasing, von dort kamen mir über Jahre u. a. viele ECM-Neuheiten ins Haus, die Schatztruhe der 70er Jahre war weit geöffnet. Unterlüss war für die Rockmusik und ihre Ränder zuständig. Zwei, drei Tage später hielt ich Music for Films in Händen. Und hörte sie zum ersten Mal.

3

Ich habe diese Platte mit ihren flüchtigen und mich auf jede Flucht mitnehmenden Skizzen, ihren vollkommenen Unfertigkeiten, ihren Sehnsuchts- und Angst- und Traumstoffen seither unendlich oft gehört, bewusst, unbewusst, im Hintergrund, im Seitengrund, Im Vordergrund. Beim Wandern (mit Knopf im Ohr), beim Schreiben, beim Einschlafen, Wachwerden, in der Fremde. Und als Alternative für „die Zigarette danach“. Beim ersten Hören wusste ich, dass diese Musik lebensbegleitend sein würde. Sie wurde rasch auch eine Medizin, sie half mir, mit den nackten Schatten an der leeren Wand zu tanzen, statt sie zu verscheuchen. Und als damals ein Riese mich aus dem Bett und meiner Wohnung im 7. Stock schleudern wollte, ich meinen Geist vergeblich mit Kakao zu beruhigen suchte, der Alptraum aber wiederkehrte, und ich mir einen heißen Grog machte mit dem guten alten Pott, mit dem Auto auf einen großen leeren Acker in der Nähe von Würzburg fuhr, dort den Sonnenaufgang erlebte und  meine einzige tief anrührende Begegnung mit einer Kantate von Bach aus dem schräpigen Autoradio hatte, und hernach in die Alpdruckwohnung heimkehrte, legte ich Music for Films auf, und erlebte, wie sich die vollkommen irrationalen Glücksgefühle, die sich schon auf dem kühlen Morgenacker eingestellt hatten, weiter ausbreiteten, und ich mich gar freute auf die nächste Begegnung mit dem Riesen.

Folgende Szene spielte sich ab im Video: der Produzent Daniel Lanois erklärt dem Schlagzeuger Brian Blade seine Idee, einen alten Willie Green Track neu zu vertonen für sein Album Here is What It Is. Blade hört sich das an, setzt den Kopfhörer auf, lacht, fühlt sich rein in den Groove, versucht ihn zu antizipieren (the mimicking kind) … dann setzt die Gitarre ein, der Gesang, der Bass: Wunderbar! Man selbst nimmt die Gitarre zur Hand, setzt den Kopfhörer auf, lacht, fühlt sich rein, versucht das Ganze zu antizipieren (2:58). Wie aber heißt dieser Track von Willie Green?


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