Manafonistas

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Archives: Donnerstag, 10. März 2022

 

Es trägt zur Faszination von Jan Reetzes Buch bei, dass es so nonchalant wie genau erzählt und „Der Sound der Jahre“ so viele private Erinnerungen an die alte BRD triggert, egal, wo wir waren, als in Düsseldorf, München, Berlin, Köln, Hamburg, Forst und anderswo Musikgeschichte geschrieben wurde. Die jüngeren Leser reisen einfach zurück in eine alte Zukunft, die immer noch Blüten treibt. Nach einem Tag in Düsseldorf sank ich nachmittags tief in meine Couch, und hatte mit Roger Enos „The Turning Year“ eine perfekte Begleitung in Vinyl aus dem Regal gezogen, witzigerweise hatte sich neben diese bezaubernd leisen, spannenden Klänge die Schallplatte „Sowiesoso“ von Cluster gesellt – eine andere perfekte kleine Nachtmusik. „The Turning Year“ erscheint am 22. April, „Sowiesoso“ kommt aus dem Sommer 1976. Wie es wohl klänge, würde Roger Eno die Musik von „Sowiesoso“ interpretieren, und Herr Roedelius, vielleicht mit Stefan Schneider, die Kompositionen von  „The Turning Year“ verwandeln. Imaginary albums.

 

 

 

Seit ich einen Kaffeevollautomaten und einen elektrischen Milchschäumer besitze, ist Kaffee die primäre Droge in meinem Leben. Und bei der „Bochumer Kaffeezentrale“ komme ich stets auf meine Kosten. Toller Service, und oftmals ein Blick über den reinen Kaffeehorizont hinaus. Hier meine jüngste Entdeckung: ‚Nessun Dorma‘, auf deutsch ’niemand schläft‘. Ein „Koffein-Hammer“ ist das allemal nicht, denn bei einer Mischung mit 95 % Arabica ist der Koffeinanteil eher gering. Woher also der Name? „Nessun Dorma“ ist einer der Ohrwürmer aus der Opernschmiede von Puccini, und Liebhaber dieses Genres geraten anscheinend in einen Zustand der Verzückung, wenn sie dieser Arie in den Fassungen von Pavarotti oder Paul Potts lauschen. Der Caffè Nessun Dorma berührt mich jedenfalls deutlich mehr als solche „Zirkusnummern der Ergriffenheit“, die auf mich fast immer so wirken, als hätte die jeweilige Sangesstimme einen Regenschirm verschluckt.

 

„Die handwerkliche Röstung in kleinen Chargen über Buchenholzfeuer lässt Nessun Dorma zu einer ausgewogenen Komposition werden, elegant nuanciert, sanft und mit aussergewöhnlich raffinierten Details im langen Abgang. Freuen Sie sich auf ein Symphonie von frischen Zitrusfrüchten, Jasmin, feiner Vanille und geschmolzener Schokolade – auch für Kaffee Kenner ein echtes Erlebnis!“ 

 

Den Jasmin habe ich tatsächlich herausgeschmeckt, wie immer diese Duftnote auch in die Bohnen gerät. Vielleicht wird mir eine grosse Tasse dieses Kaffees auch den Zugang zu Puccinis Arie öffnen: ich stelle mir frühlingshafte Temperaturen vor, eine alte Hollywoodschaukel, erfüllten Müssiggang, Michael Pollans tolles kleines Buch „Kaffee. Mohn, Kaktus“ in Reichweite, und Pavarotti aus der Box. Eine in jeder Hinsicht anti-calvinistische Bohne. 

2022 10 März

„Goodbye, Mr. Blue“

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Fühlen wir uns hier nicht gleich in die Welt von Fred Neils „Everybody‘s Talking“ versetzt, in die Balladen von Harry Nilsson, in die Country-Anmut von Glen Campbell? Es wird spannend sein, zu erfahren, ob Father John Misty auf seinem neuen, Mitte April erscheinendem Album, die brilliante Tiefe, etwa seines Meisterwerkes „Pure Comedy“, zugunsten von perfektem Pastiche und Nostalgie im Breitwandformat hinter sich lässt. Ob der „Father“ also vielschichtige lyrics und subversiv schleichende Klangspuren von Gavin Bryars hintanstellt, und schlichtweg die „Seele baumeln“ lässt, in vertrauter, nie verstörender Melancholie. Ich fühle mich jetzt schon, beim Hören von „Goodbye, Mr. Blue“ versucht, meine alte Fred Neil-Platte aus dem Plattenschrank zu holen, die ich 2015 in NYC fand, in einem Plattenladen, in dem eine dicke Frau an der Kasse sass, und einen Burger vertilgte. (m.e.)

 

„Fred Neils selbstbetiteltes zweites Album war ein entpamntes und fließendes Juwel, das auch Jahrzehnte später noch nicht aus der Zeit gefallen ist. Die wunderschön traurigen, introspektiven Songs über die müde, moderne, urbane Enttäuschung, die Neil 1967 zu diesen Sessions mitbrachte, gehören zu den besten, die er je geschrieben hat, und die perfekt ausbalancierte elektrische Instrumentierung passt perfekt zu ihnen. Neils ruhiger, müder Bassgesang zieht die Dinge hier in einem ausgesprochen gemächlichen Tempo voran, und die Songs selbst scheinen organisch ins Leben zu driften, während er sie singt, bis es sich anfühlt, als würde man beim Hören dieses Albums schweben. „The Dolphins“, „Evrybody’s Talking“ – und all die anderen wunderbaren Songs. Neil hatte jedoch absolut kein Interesse am geschäftlichen Aspekt des Musikmachens, und wo die meisten Musiker das Rampenlicht suchen, mied er es, was bedeutete, dass das Album kommerziell nicht erfolgreich war, obwohl es unzählige andere Künstler beeinflusste. Ein eindringliches und beruhigendes Meisterwerk.“ (s.l., remixed by m.e.) 

„Recorded in early 2021, the album was inspired by the windy island landscapes while walking the same nature paths over and over again, working in the elder care and occasionally visiting the city.“ „Har ondt i halsen og går til biblioteket for at låne en bog“ („Habe Halsschmerzen und gehe in die Bibliothek, um ein Buch auszuleihen“). Das ist mal ein Titel für ein Stück Hausmusik. Lassen wir mal offen, ob Philip Sherbourne oder ich die Platte zuerst in den Fingern hatten. Aber unsere Reaktion war sehr ähnlich, wir waren angetan, sehr angetan, berührt. Diese Musik ist, mhmm, diskret und spannend. Einige Komponisten in Göteborg haben anscheinend eine neue Leidenschaft entdeckt, ihrem Land eine etwas andere Spielart zeitgenössischer handgemachter Musik zu servieren. Auch Elektronisches wird da en passant von Hand serviert, und so weit ist Brian Eno nicht entfernt, wenn dieser launige Plattenladen im Südwesten der Hafenstadt, der auch Label und Vertrieb ist, „Discreet Music“ heisst. „Diese Mischung aus Folk, Field-Recordings und Geräuschen erinnert an verklebte Tonbandköpfe, verwitterte Gitarren und durchnässte Casio-Keyboards in Kellerstudios, die mit mottenzerfressenen Teppichen ausgelegt sind – und vielleicht auch an das eine oder andere heidnische Lagerfeuer, da die Musik oft unheimlich wirkt.“ Soweit Mr. Sherbourne. Auf sehr wohltuende Weise unheimlich, möchte ich hinzufügen. Sie hätte auch schon in den 70er Jahren auftauchen können, auf Brian Enos zehn LPs umfassender Sammlung von „Obscure Records“ (incl., bingo, „Discreet Music“), und am besten den einzigen Langweiler der ansonsten ziemlich betörenden Kollektion verdrängt, Michael Nymans Beitrag. Sooo gut ist das Album mit dem Zungenbrechertitel für Mitteleuropäer. Skaergardslyd. Am einfachsten über HHV zu besorgen, oder in Göteborg anrufen. Übrigens ist, aus der Reihe der „Obskuren Aufnahmen“, Harold Budds „The Pavillon Of Dreams“ gerade wieder neu aufgelegt, mit dem betörenden Titelstück, auf dem Marion Brown sein Altsaxofon wie eine Flöte klingen lässt (s.a. Blogeintrag vom 1. Mai 2015).


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