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Archives: Jan Reetze

© Foto Schiko


Stefan Schneider ist ja, glaube ich, Altdüsseldorfer, und kennt die Stadt und ihre Musikgeschichte bestens, auch als Teil von Kreidler und To Rococo Rot. Als ich in der März-Ausgabe von Uncut eine  Besprechung seiner neuen, Ende Februar erscheinenden „Mapstation“-LP/CD las, spürte ich
Vorfreude. Kreidler und To Rococo Rot betrieben stets eine ruhige, im besten Sinne eigensinnige Variante post-(kraut)rockiger Soundforschung, kein wildes trance-jamming. Sollte  Jan (Reetze) seinem tollen Buch „Times & Sounds – Germany‘s Journey from Jazz and Pop to Krautrock and Beyond“ je einen Nachfolger angedeihen lassen, über die Nachfahren der Pioniere des Klangkrauts made in Germany – Stefan Schneider könnte ein grösseres Kapitel gewidmet werden! Mit Roedelius hat er ja schon vor Jahren zwei Alben aufgenommen, und 2015 erschien bei Bureau B „Shadow Documents“, seine Zusammenarbeit mit dem Perkussionisten Sven Kacirek, eine faszinierende Bearbeitung und Verwandlung vornehmlich kenianischer Grooves. Übrigens ein Album mit überragendem Klang. Dass da auf einem Stück ein Musiker mitwirkte, der noch den Achtziger Jahren an der Seite Fela Kutis auf der Bühne stand, war eine Randnotiz wert.

Viele seiner Alben fanden in meiner Nachtsendung ihren Platz, und seinem Mapstation-Projekt „My Frequencies, When We“ wird es am 20. Februar nicht anders ergehen, wenn die Klanghorizonte ausnahmsweise erst um 2.05 Uhr beginnen, und dann, wie gewohnt, bis 6.oo Uhr gehen (Mapstation und Mats Eilertsen werden die erste „Nachtwache“ eröffnen und beschliessen, zwei Lockdown-Soloalben). Jon Dale merkt an: „These patient miniatures are often suggestive, working carefully (but not without risk and improvisation) to explore a series of juxtapositions. A song like “Flute Channels” is compelling in its understated, inquisitive energy; “The City In”, featuring a rare appearance of Schneider’s vocals, is a gorgeous sepia-toned pop sketch.“ Da ich selber öfter in Düsseldorf bin, wäre es mal an der Zeit, Stefan Schneider zu treffen, vielleicht, wenn das Schlimmste überstanden ist, und wir draussen auf den Sitzplätzen des „Curry House“ entspannt zu den schiefen Häusern hochschauen können. Hier mein über Bureau b abgewickeltes Interview, von Home Office zu Home Office.

 

Michael: Was ist das Gemeinsame all deiner Mapstation-Alben, und was unterscheidet das neue Werk von den anderen? Woher rührt die Bezeichnung „Mapstation“, und, bei dieser Gelegenheit: was ist das kleine Geheimnis des Albumtitels?

 

Stefan: Der Name Mapstation kam einerseits von dem Synthesizer, mit dem ich 1999 begonnen habe, elektronisch zu arbeiten: Novation BassStation. Dieses Instrument hat eine wunderbare und vielfältige Arpeggiator-Funktion, die ich gleich für die Rhythmik meiner Musik genutzt habe. Ich wollte immer ohne definierte Rhythmik arbeiten. Die Musik sollte nicht durch einen bestimmten Beat zu Techno, Folk, Reggae oder Samba werden. Ich wollte keiner Musikrichtung angehören, zu der ich nichts zu sagen hätte. Dann gab es in London einen tollen Laden für Landkarten, in den ich oft gegangen bin und in dem mir ewig die unterschiedlichsten Landkarten angesehen habe. Das war dann meine Mapstation.

Ich arbeite immer noch daran, eine rhythmische Musik, fast ohne Drum-Beats, zu machen, so dass man erstmal nicht weiss, auf welchem Flecken der Landkarte man sich befindet. Wenn ich in der Vergangenheit mit Perkussionisten zusammengearbeitet habe, wie mit Nicholas Addo-Nettey, Sven Kacirek oder Martin Brandlmayr, war immer die Idee, dass diese tollen Musiker nicht rein rhythmisch arbeiten, sondern auch Melodien auf den Perkussionsinstrumenten  spielen oder Geräusche machen, die erstmal nicht zuzuordnen sind. Wie sagte der Fotograf William Eggleston “I am at war with the obvious.

Und der Titel “My Frequencies, When we”… das kam zunächst durch die Bemerkung einer Freundin in Athen, die (im Strassencafe) nach ihrer Tüte mit Schallplatten suchte und dabei fragte: “Where are my Frequencies?”. “My frequencies”! in dieser Suchbewegung gerufen, passte zu meinen Vorstellungen vom Titel eines Albums, auf dem es keine Gäste gibt, und welches musikalisch eher in Frequenzen angelegt ist als in Songstrukturen. Den Zusatz: “When we” entspricht der Einsicht, dass es erst ein Album wird, wenn es an die Öffentlichkeit kommt, und neben vielen anderen Alben gehört wird.

Du bist ja ein Freund von freiwilligen Begrenzungen, worin siehst du ihren speziellen Reiz?  Hier beschränkst du dich, wie ich gelesen habe, auf ein „analoges Tape Loop-Gerät, Roland 808 Drum Machine, Novation Peak-Synthesizer, und einmal Gitarre.“ Erhält soviel Historie  automatisch einen Retro-Aspekt der fantasievolleren Art, nach dem Motto: mal hören, welche Entdeckungen in die Jahre gekommene Electronica noch mit sich bringen?!

 

Retro soll es auf keinen Fall klingen. Das habe ich für meine Produktionen, egal mit wem, nie verfolgt. Die gerne beschworene “Wärme” von analogen Instrumenten hat mich auch nie interessiert – ich habe die auch  nie wirklich gehört. Alte Geräte haben oft technische Beschränkungen und nur wenige Funktionen. Man kann sofort damit arbeiten und muss keine Manuals lesen. Dieser scheinbare Mangel an Möglichkeiten ermutigt mich, auf Feinheiten zu hören, Ausdauer zu entwickeln, mich schnell zu entscheiden und erfinderisch zu werden: z.B. Melodien auf einem Sinusgenerator zu spielen, mehrere Geräte ohne Synchronisation gleichzeitig laufen zu lassen etc.

Es gibt für mich nichts Langweiligers als z.B. Ableton Live, das für jedes mögliche Problem eine vorbedachte Lösung bietet, und das Pathos der völligen Kontrolle über künstlerische Arbeit transportiert. Für mich ist es eher motivierend und befreiend, wenn ich nicht weiss, was als nächstes passiert. Im Leben wie beim Musikmachen.

Eine 808 für mich ein universales Gerät, das keiner bestimmten Epoche angehört und daher nicht Retro ist. So wie ein Klavier nicht Retro ist. Die Novation Peak ist ein recht neuer digitaler Synthesizer. Das Tapeloop Gerät ist toll, da es die vorhergehende Spur nicht komplett löscht, so dass zwei Generationen von Aufnahmen unvorhersehbar übereinander liegen.

 
 

<span style="color: #808080;">© Foto Schiko</span>

© Foto Schiko


Bei einigen Stücken des Albums erlebe ich, wie ich direkt hineingezogen werde, beimanderen verharre ich mehr  in der Aussenperspektive, lasse die Klänge wie Objekte einer Austellung auf mich wirken in ihrer seltsamen Fremdheit. Da suche ich nach dem Schlüssel, reinzukommen. Spannend.

 

Klingt gut in deiner Beschreibung.

 

The City In“ scheint mir ein Thema, ein Motiv alter Kraut-Traditionen aufzunehmen von Neu!, Kraftwerk, Cluster oder Harmonia. Die Bewegung.  Die rhythmsiche wie spannende Monotonie bestimmer Bewegungen. Hier, in diesem Stück, wirken die anklingenden Bewegungen zurückgenommen, schattenhafte Spiegelungen der alten, fast frohgemuten Motorik. Wehmut schwingt da mit. Als wäre etwas abhanden gekommen,  entzaubert worden…

 

Die einzige Parallele für mich zur Musik der Siebziger, die du hier nennst, ist womöglich der Gedanke, nichts Professionelles machen zu wollen, sich Zeit lassen zu können. Kein grelles Statement, kein Manager, keine Hipness. Das Selbstbewusstsein und die Kraft kommen aus der Einfachheit der Mittel,  und der Akzeptanz von dem, was man da gemacht hat – obwohl es auch anders hätte werden können. Ich wollte beispielsweise auf dem Album etwas mit meiner Stimme machen und dabei weder als Sänger auftreten noch die Stimme lediglich als Instrument verwenden. Ich wollte mit sehr wenigen Worten Bilder entwerfen, die öffentliche Orte beschreiben könnten. Wie das Foto auf dem Cover, das mit dem i-pad in einer Strassenbahn aufgenommen ist.

 

Ich höre aus den Klängen dieses Albums eine Art Sachlichkeit heraus, die auf spannende Weise deine Famtasie in Gang zu setzen scheint. Es ist bei aller Vielfalt doch eine gewisse Ruhe im Spiel, trotz mancher Fremdartigkeit nichts Exzessives. Eine Art Reflektiertheit, die jeden Anflug von  Nostalgie verhindert …

 

An der Kunstakademie in Düsseldorf gab es zu Anfang meines Studiums einen Professor, der mich beschimpfte, weil ich mich nicht wie ein “richtig verrückter Künstler” verhielt. Da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, wenn ich weder den Erwartungen noch den Klischees entspreche. Erstmal an den offensichtlichen Möglichkeiten vorbei arbeiten, und eine eigene Welt bauen. Ein Freund sprach mal über “Kontrollierte Crazyness”, die er meinte, bei einem Aufenthalt in Japan kennen gelernt zu haben.

 

Sind das eigentlich  bearbeitete Flötenklänge auf dem Track „Flute Channels“, vielleicht von den Klappen einer Querflöte? Woher dieser Titel?

 

Die Sounds, die du meinst, kommen aus einem Synthesizer. Zwei unterschiedliche Spuren; eine auf dem linken, die andere auf dem rechten Kanal/Channel. Sie haben mich an ein Stück vom Art Ensemble of Chicago erinnert, in dem richtige Flöten verwendet werden, die wiederum für mich wie Autohupen klingen. Diese mehrfachen Übersetzungen, Überlagerungen und Ebenen machen für mich in ihrer Rätselhaftigkeit die Faszination von Musik aus. Die verwirrende Klangwelt der Strasse hat mich bei dem neuen Album interessiert. Die Porträts von mir im Innencover sind ja auch nachts auf der Strasse aufgenommen.

 

 

 

Auch wenn Professer Honkurth mir eine private Vorlesung gäbe, um mich in die Grenzen des Unerhörten einzuweihen, würde ich, vor die Wahl gestellt, freundlich absagen, und die Freikarte und den besten Platz in der Carnegie Hall ausschlagen, und, anstatt das weltberühmteste Streichquartett der Welt bei der Aufführung von Beethovens letzten Quartetten zu erleben, viel lieber meinen Freund Edward Stoop in Brooklyn besuchen, dessen Dashiell Hammett-Biografie in den letzten Zügen liegt. Darin zitiert er einmal aus meiner Story „Als ich das erste Mal den Dünnen Mann sah“, und koppelt in seinen Ausführungen geschickt die Fernsehgeschichten der Baby Boomer-Generation mit „Screwball Comedy“ und „Film Noir“.

Auch würde ich an einem solchen Tag, wenn Edward gerade einen historischen Tatort besichtigt, jeden Umweg um die renommierte Konzerthalle antreten, und allemal den Auftritt von Edward Larry Gordon alias Laraaji mit seinem Trio in Pittsburgh vorziehen (die Schallplatte gibt es in blau marmoriertem Vinyl) – anschliessend eine urige amerikanische Bar aufsuchen, und mit Jan über Gott und die Welt plaudern! Ja, das wäre ein abendfüllendes Programm, das Klassik-Gen habe ich nicht – umso aufgeregter bin ich, wenn mir aus dieser versunkenen Welt alle Jahre wieder dann doch Töne nahegehen, „in their own peculiar ways“. 

Meine erste ernstzunehmende Begegnung mit Johann hatte ich als Teenager mit dreizehn Jahren ungefähr, als ich eine Schallplattenkiste aus heimischem Bestand öffnete, und aus einer hübsch knisternden Hülle der Deutschen Grammofon-Gesellschaft Die Brandenburgischen Konzerte rausholte, und mir der splitternd klare Sound von Spinett oder Cembalo, das ganze Gewebe ringsum, durchaus gefielen. Doch in der Nacht zuvor hatte ich auf der „Europawelle Saar“ zum ersten Mal „Mr. Pleasant“ von den Kinks gehört, und vor die Wahl gestellt, genau, Sie ahnen es! Jahre später bescherte mit eine Nacht mit gehörigem Alptraum die nächste Begegnung mit dem alten Johannes, dessen Outfit mit Perücke ich stets als karnevalesk empfand, trotz seines schlichten Gesichtsausdrucks.

Des Liebeskummers glorioses Finale ereignete sich während eines zuckrigen Postkartensonnenaufganges auf einem rauhreifbedeckten Feld hinter Würzburg, mit offener Autotür, einem hergottsfrüh geschlürften Grog, als Sedativ nach dem Horror, und einer schräpig tönenden Kantate von Sebastian, incl. aller Verzerrungen, die die gute alte Mittelwelle bereithalten konnte. Ich war frei, für die schönen Töchter anderer Mütter, bald sollte ich Julia Braun vögeln, oder, um sexuell korrekter zu sein, sie vögelte mich, und der Postbote brachte hernach persönlich Brian Enos Music For Films in den siebten Stock, diese asketisch überfliessende Musik!

 

 

 

 

Ob dann nun in späteren Jahren Keith Jarrett mal Bach spielte oder Gregor und Rosato, im Gespräch der Connoisseure, ihre Kirchenorgelstories zum Besten gaben, ich nahm es zur Kenntnis, es gibt auch nette Aliens. Ganz anders wird mir, wenn, anders als diese herzensguten Zeitgenossen, gewisse Affen der Hochkultur von Ast zu Ast schwingen, und ihre akademischen Trockenergüsse wie tote Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken. Und dann also doch ein drittes Kapitel der Begegnungen mit dem Altvorderen, als ich, dank meines Kumpels Jayson Greene, sehr neugierig wurde auf Kim Kashkashians neueste Bach-Aufnahme.

Wie bemerkte doch Jayson: „The mood of her interpretation is searching, earthbound, human – she doesn’t treat solo Bach like divine math out of reach of mortal understanding. Her tone is sumptuous, moaning, throaty, with a catch of ache snagged in the instrument’s midrange. Her phrasing in the Préludes always seems to be worrying away at a nagging question – you can feel urgency in the way she presses up against her own tempo slightly in the Prelude to the D Minor suite. Her Bach is furrowed-brow Bach, crisis-of-faith Bach, toiling Bach.“ Ich lauschte und lauschte und lauschte, und beschloss diesmal, bloss still zu sein, und zu schweigen, zum Cappuccino, zu all den Klängen im Kopf.


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