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2022 20 März

The Andy Warhol Diaries

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Wenn wir dann schon im Traumland des Streamings sind: Hier ist Netflix‘ neuester Streich, sechs Folgen zwischen 55 und 85 Minuten.

Nach Valerie Solanas‘ Attentat auf ihn begann Andy Warhol damit, per Telefon ein Tagebuch zu diktieren. Das gibt es inzwischen leicht redigiert als Buch (von Pat Hackett), und es bildet die Grundlage für diese Miniserie. Weil dessen Inhalt zu umfangreich selbst für sechs Teile ist, hat Regisseur Andrew Rossi sich für einige Schwerpunkte entschieden: Andys Jahre in Pittsburgh, seinem Geburtsort, den er natürlich verlassen musste, um als Künstler etwas werden zu können, und seine ersten Schritte in New York; es geht um New York der 1980er Jahre, insbesondere die Szene ums „Studio 54“, Andys Rolle als Portraitist der Promis; das „15-Minutes“-Konzept, AIDS und seinen unerwarteten Tod. Weitaus wichtiger aber sind die Blicke unter die bunte Oberfläche. Andy Warhol war ganz sicher einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, und doch ist es gar nicht einfach, zu beschreiben, was er eigentlich gemacht hat. Zu seinen größten Werken gehört mit Sicherheit seine erfolgreiche Selbstvermarktung, sein Auftreten in der Öffentlichkeit, in deren Wahrnehmung das (bewusst konstruierte) Image den wirklichen Menschen ersetzte.

Diesen wirklichen Menschen gab es aber, und er spiegelt sich in seinen Liebes- und anderen persönlichen Beziehungen. Die sind das eigentliche Schwerpunktthema; verbunden mit den Namen Jed Johnson, Jon Gould, Jean Michel Basquiat und noch einigen anderen. Dass Andy schwul war, wurde zu Beginn seiner Karriere verdrängt, es gelangte nicht in die Öffentlichkeit — was interessant ist, denn in seinem Werk springt einem seine Homosexualität ja förmlich ins Gesicht, und zwar von Anfang an, und sie blieb immer sichtbar. Das Ganze wird anhand von Fotos, vielen Filmschnipseln und — soweit möglich — mit Zeitzeugeninterviews dokumentiert, wobei es sich auszahlt, dass Andy fast nichts, was er tat, ungefilmt oder unfotografiert ließ. Wo es gar kein Material gab, da greifen die Folgen zu kurzen Reenactments; etwa in jenem Vorkommnis, als während einer Autogrammstunde eine Besucherin Andys Perücke von seinem Kopf riss. Andys Tod, verursacht durch die Nachbehandlung seiner Gallenblasenoperation, nimmt fast die halbe letzte Folge ein und wird reichlich tränenreich serviert. (Die Schmerzen, unter denen er zeitweilig gelitten haben muss und die man ihm auch hier im Film ansieht, kann ich verdammt gut nachvollziehen; anders als er allerdings habe ich die OP dankenswerterweise überlebt.)

Die Serie hat Längen; mehr als einmal habe ich gedacht, sechsmal 45 Minuten hätten es auch getan. Sehenswert sind die Andy Warhol Diaries dennoch, auch wenn ich mir nicht klar darüber bin, ob ich Warhol nun wirklich besser kenne als vorher. Denn natürlich war die Veröffentlichung der Diaries von Anfang an geplant, und entsprechend dürften sie abgefasst worden sein: Wir erfahren also wieder nur das, was Andy uns wissen lassen wollte, und das könnte trotz seiner scheinbaren Ausführlichkeit durchaus wieder nur die nächste Schicht eines Tarnanstriches sein. In der Serie verblüfft der Kniff, den von Bill Irwin gesprochenen Originaltext aus dem Buch mit Hilfe eines Künstlichen-Intelligenz-Verfahrens so zu bearbeiten, dass er fast wie Andys wirkliche Stimme klingt — allerdings wirklich nur fast, es bleibt stets ein ein etwas blecherner Hauch von Künstlichkeit. Ein Soundtrack-Album gibt es bislang nicht. Sollte es einmal eines geben, werden darauf einige Schätzchen der 1980er Jahre zu hören sein. Und dass der sechste Teil mit Bowies „Loving The Alien“ endet, ist passend.

 

 

Andys Grab befindet sich in einem Vorort von Pittsburgh, unter ständiger Aufsicht einer Webcam — Andy hätte vermutlich seinen Spaß daran. Irgendwann in diesem Sommer, das habe ich mir vorgenommen, werde ich es besuchen.

 

Diese herbeigesehnten, immer seltener werdenden Einstiegsmomente: „Hey, was passiert denn jetzt?“ In der ersten Filmeinstellung schon liegt ein vielversprechendes Ganzes verborgen. Man bleibt am Ball, eine Spannung zieht hinein, denn ohne geht es nicht. Selbst die kritische Welt gibt in ihrer Review zu: angesichts der Bilderpracht ist noch der größte Fernseher zu klein. Dem pflichte ich bei, jetzt mittendrin, weit weg von jeglicher Kriegsberichterstattung, hinein in die erotische Erzählung einer Dreierkiste. Verblüffend auch der Soundtrack: Bandoneonklänge, feinste electronic-sounds, Popsongs, italiano – Hochgenuss in den headphones. Angelehnt an Jules und Jim, multiperspektivisch wie The Affair, Zeitebenen-switching. Die Serie Funeral for a Dog macht Lust auf die Romanvorlage, die einst unter dem Titel Bestattung eine Hundes bei Kiepenheuer & Witsch erschien: erinnert sie doch leicht an Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, einer der wenigen Romane, die ich mehrmals las. Im Kino unter der Kuppel des Anzeigerhochhauses zu Hannover sah ich die Verfilmung einst gemeinsam mit S, und die temperamentvolle Freundin aus Andalusien war sogleich unsterblich verliebt in Thomas, dargestellt von Daniel Day-Lewis. Der tschechische Arzt liebte zwei Frauen, inmitten der Unruhen des Prager Frühlings (seltsame Parallele zum heutigen Kriegsgeschehen in der Ukraine). Ich selbst konnte mich nicht entscheiden, fand beide gleichsam attraktiv: Juliette Binoche und Lena Olin. Was mir aber auffiel, als ich das Buch dann nochmals las: wieviel von der philosophisch tiefen Reflexion, die jene Dichotomie des Lebens zwischen Schwere und Leichtigkeit betrachtete, in der Verfilmung doch verloren ging. In Funeral for a Dog ist die Hauptdarstellerin eine Finnin, durchaus auch mein Urtyp, nicht unwichtig beim Schauen. Da ist man gerne wieder jung, im ewigen Traumland des Streaming.

 

2022 20 März

Franck Vigroux: Atotal

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Seit 20 Jahren schon produziert Franck Vigroux Alben, viele davon als facettenreicher Gitarrist in unterschiedlichen Zusammenarbeiten u.a. mit improvisierenden Musikern wie Elliott Sharp, Joey Baron oder mit Reinhold Friedl. Ein wichtiger Meilenstein in seiner Diskografie war 2015 das Duoalbum Peau Froide, Léger Soleil mit Mika Vainio, denn es verschaffte Vigroux ein großes neues Publikum, eben im Bereich der (experimentellen) elektronischen Musik bis hin zum Noise mit Industrial-Einschlag. Franck Vigroux’ Musik lässt sich auch seither nur mit Gewalt(!) in eine Schublade pressen, schafft eben vielmehr Verbindungen zwischen der Grenzbereiche einplanenden, auch mal ins Abstrakte reichenden Klangforschung in der Tradition des (leider zu früh verstorbenen) Meisters Mika Vainio einerseits und kraftvoll eingängigen Darkwave-Techno-Stücken andererseits, zwischen atmosphärischen Soundcollagen von schwebendem Drone/ Dark Ambient hier und zeitgenössischen Sound-Art-Stücken dort.

Nicht alle seine Alben erfahren die gleiche Aufmerksamkeit oder sind in gleichem Maße erhältlich, auch weil sie bei vielen unterschiedlichen Plattenfirmen erschienen. Ballades Sur Lac Gelé erschien 2020 schließlich bei einem der international renommiertesten Labels, dem Chemnitzer Raster-Media, wo Vigroux’ Musik so perfekt hinpasste, dass man sich fragte, warum es so lange gedauert hatte, bis er diese Aufmerksamkeit erfuhr. Ballades war von allen nach 2015 erschienenen – allesamt rückhaltlos zu empfehlenden – Alben (sowie einigen kaum weniger famosen Vinyl-EPs) Vigroux’ vielleicht bestes Album bislang, für mich im Rückblick eines der beiden besten Alben jenes Jahres (neben dem „Jubiläums-Comeback“ der Einstürzenden Neubauten).

Atotal knüpft dort nun direkt an, wenngleich weniger mit vorwiegend „Voll auf die 12“-Power-Tracks, sondern mit größerer Dynamik zwischen dräuenden Ambient-Stücken und brachialen

In den letzten Jahren arbeitet Vigroux für seine Performances eng mit Antoine Schmitt zusammen, welcher extrem kraftvolle abstrakte „Visuals“ beisteuert, kongenial die Energien einiger Stücke aus den elektronischen Gerätschaften ins Publikum übertragend. Als die beiden im Rahmen eines „Raster 25th Anniversary“-Wochenendes mit verschiedenen elektronischen Konzerten Ende 2021 für eine Performance nach Berlin kamen, drängte ich mich auf, dabei fotografieren zu dürfen, und dabei sind (u.v.a.) die Foto auf dieser Seite entstanden. Dort präsentierte Franck bereits einige der Stücke dieses Albums (sowie einige weitere, die demnächst auf einem Raster-Album erscheinen sollen, das zwar fertig ist, aber noch nicht vorliegt). Er erläutert:

Atotal war zunächst eine audiovisuelle Live-Performance, die dann zum Album wurde. Das Konzept befasst sich mit Totalitarismus, weshalb ich es für passend hielt, mich mit solchen dystopischen Bildern zu beschäftigen … [Für den Titel]haben wir nach einem Neologismus gesucht.

Dieses Album knüpft an meine vorhergehenden Alben an; ich habe einfach versucht, die Qualität meiner Produktion zu verbessern, und aus verschiedenen Gründen ist es auch viel melodischer geworden – was auf dem nächsten Album noch mehr der Fall sein wird…

Das Cover – es ist von Mostafa Khaled aus Cairo – des Albums finde ich besonders faszinierend. Es erinnert, aufgrund des wilden Rehs an das (lustige) Covermotiv von Peau Froide, Léger Soleil, aber es trifft auch die Energie der elf Stücke der Platte ganz hervorragend. Bis jetzt ist Atotal mein #1-Album des laufenden Jahres. Ich hoffe, dass das erwähnte Raster-Album auch noch in diesem Jahr erscheint. 

 


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