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Archives: Donnerstag, 30. April 2020

 

Das ist eine besondere Qualität des neuen Albums von „Die Wilde Jagd“. Gemessene Gesänge und stakkato-ähnliche Stimmführung verleihen dem Gesang eine einzigartige rhythmische Qualität und unterstreichen die Tatsache, dass die Äußerungen des Menschen bei aller expressiven Bedeutung nur eine weitere Facette des Gesangs einer natürlichen Welt sind, in gewisser Weise ununterscheidbar von den Klängen von Zikaden, Eidechsen, Schlangen und Vögeln. 

(Hans Rollmann)

 

Heute traf ich Die Quelle. Eloquent, geschichtenreich, politisch hellwach, exzellente Menschenkenntnis. Analytisch und scharfsinnig. Der Name muss  Verschlusssache bleiben. Ich durfte auch keine Tonaufnahmen machen. X erzählte von den Veränderungen auf Sylt seit dem Shutdown. Menschliches und Allzumenschliches. Und vor allem, wie die Natur durchatmet. Die Quelle war etwas zögerlich, als es um ihre „Kraftorte“ der Insel ging. Faustregel: da, wo man mit dem Auto nicht gut hinkommt. Ich fragte auch nach „Jazznerds“ und Jukeboxen. Die Quelle kennt einen „Jazznerd“ auf der Insel, keine einzige Jukebox. Scheinbar war das weite Feld der Töne erschöpft, da kam X fast beiläufig auf ein geheimes Archiv vom Aussterben bedrohter Syltklänge zu sprechen. Ich sagte: „Lassen Sie mich das Archiv sichten, lassen Sie mich einiges davon in meiner Nachtsendung zu Gehör bringen – dann habe ich meinen Job erledigt.“ Ich sagte: „Please.“ Die Quelle sagte: „No way.“ Vom Aussterben bedrohte Tierarten, Geräusche des Inselalltags, die mit der Zeit verschwinden werden. Und anderes. Rares. Die Quelle hatte einen Namen für das Archiv: „The Dying Sounds of Sylt“. Und ich möge, wenn ich davon erzähle, es ins Bereich des Fiktiven rücken. Aber gerne doch. Und dann fuhr ich unter regenschwerem Himmel nach Klappholttal, stromerte durch die ausgestorbene Siedlung, die sonst aus allen Mauerritzen platzt, nahm mir den Strandkorb 802, und ein Bad im Meer. Kalt. Ich dachte, eine Stunde später, ich schlafe auf meinem Bett im „Rosenhaus“ ein, da hellte der Himmel auf. Ich fuhr zur Sansibar, und sass als einziger Gast in der ersten Reihe, mit Strandkorb, strahlender Sonne, wilden Dünen, sowie Wiener Schnitzel und einem erstklassigen Weissburgunder namens „Teufelskopf“ (die Flasche für lausige sieben Euro). Ich sass zwei Stunden da. Ich hörte keine Stimmen, nur das laute Meer. Die Vögel. 

 

 

 

Everybody who´s been buying equipment for the last twenty years, you got a pretty good bag or box of cables, chargers and whatnotgoing, right? Like I went through – because every piece of equipment you buy comes with that one wire where you´re like „What the fuck does this one even do? Does this even go to this machine? I don´t know, it´s all wrapped and it´s got a twisty on it. Better save it. Maybe I´ll know what it does later. I might need it.“ Right? I went through that entire box. It took me like an hour and a half. Did not think about the end of the world during that time. And, honestly, I did not throw one of those things away …

(MM, End Times Fun)

 

Die Kunst besteht darin, Dinge aufs Tablett zu bringen, die jedermann auf der Zunge liegen, aber selten klar benannt werden. Solche Momente liefert auch der kalifornische Komödiant und Schauspieler Marc Maron zuhauf, vielen bekannt als Hauptdarsteller der Netflix Serie Glow, in der es um female wrestling geht. Als er einmal in einer früheren Show über die Dave Matthews Band sinniert, wird klar, dass auch unsereins sich ein Leben lang fragte, wer eigentlich diese mysteriöse Musikgruppe sei, die einen niemals wirklich interessierte. Im musilschen Sinne eine Band ohne Eigenschaften, ein Ausbund an Langeweile, so stellte ich sie mir stets vor. Nun, in End Times Fun, wie gewohnt zynisch, zornig, witzig und empathisch lamentierend vorgetragen, erneut so ein Wiedererkennungs-Effekt: Tonnen von angesammelten Kabeln, Steckern, Adaptern und Zeugs, dessen man sich mühsam, meist vergeblich, zu entledigen sucht. Und wenn schon Peter Sloterdijk jüngst die grassierende Unfähigkeit vieler Zeitgenossen erwähnte, sich vom Konsummüll alter Tage zu trennen, muss man sich doch fragen: „Wenn nicht jetzt (im Corona-Lockdown) – wann dann?!“

 


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